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Der Kettenträger

James Fenimore Cooper: Der Kettenträger - Kapitel 27
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typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Kettenträger
publisherVerlag von S. G. Liesching
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Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Ja, Hastings, das sind die, welchen mit Fug
     Der Liebe Zoll Dein Vaterland bewilligt,
Die treu, beharrlich, stets abwägen klug,
     Was fordern darf der Ruhm, die Freiheit billigt.

Akenside.

 

Eine Pause folgte auf diesen kleinen Eingang, während welcher die Versammlung die Ankunft von Dus Malbone und der halbwilden Vormünderin oder Wächterin erwartete, die schon so große Stücke auf sie hielt, daß sie sie nicht einen Augenblick aus dem Gesicht ließ. Während dieser ganzen Zeit brütete Tausendacres für sich über seinen Planen; während der alte Andries vermutlich über den eigenthümlichen Umstand seine Betrachtungen anstellte, daß »die Wunder so wunderbar seyn sollten!« Endlich entstand eine geräuschvolle Bewegung in der Nähe der Thüre; die unter ihr versammelte Gruppe öffnete sich, und Dus schritt in die Mitte des Zimmers, ihre Farbe etwas erhöht durch die Aufregung, aber mit festem Schritte, und ihr ganzes Wesen Muth und Zuversicht verkündend. Anfangs that das helllodernde Feuer ihr in den Augen wehe, und sie hielt sich die Hand vor das Gesicht. Dann wie sie sich umsah, begegnete ich ihrem Auge, und ward für alle meine Angst und Bangigkeit durch einen jener Blicke belohnt, in welche die Zärtlichkeit so viel Bedeutung und Beredtsamkeit zu legen weiß. Nur einen Augenblick ward ich so beglückt; ihre Augen schweiften von mir weiter, bis sie den ihren Blick zärtlich erwiedernden Augen des Kettenträgers begegneten. Der alte Mann war aufgestanden, und er empfing jetzt seine Nichte in seinen Armen, wie ein Vater ein geliebtes Kind umfangen würde.

Dies Ueberwallen des Gefühls dauerte nur eine kleine Weile. Es war unvorhergesehen, Sache der unwiderstehlichen innern Bewegung. und beinahe im selben Augenblick wieder unterdrückt. Aber es verschaffte mir das Glück, Zeuge zu seyn von einem der herrlichsten Schauspiele, die einem menschlichen Auge werden können: wie Jugend, Schönheit und weibliche Zartheit und Zärtlichkeit ihre Gefühle ausströmte an der Brust des Alters – des Mannes von rauhern und gröbern Eigenschaften, abgehärtet und gebräunt von den Strapazen eines in den Wäldern hingebrachten Lebens. Für mich war der Kontrast der hellen, goldenen Haare von Dus, und der wenigen dünnen gebleichten Locken ihres Oheims, – der flaumigen, pfirsichweichen Wange des Mädchens mit dem rothen, runzelvollen und sonnverbrannten Gesichte des Kettenträgers wahrhaft entzückend. Es verkündigte, wie tief diese Gefühle in unserer Natur liegen müßten, welche in ein so inniges Verhältniß zu setzen vermochten zwei Menschen, die in allen Dingen so ungleichen Wesens schienen, und die anscheinend notwendigen Anforderungen von Geschmack, Neigung und Gewohnheit aufhoben und sich darüber wegsetzten.

Dus ließ sich nur einen Augenblick so von ihren Gefühlen hinreißen. Allerdings einigermaßen gewöhnt an das rauhe Leben des Waldes mit all seinen Erscheinungen, war dies doch das erste Mal, daß sie in eine solche Versammlung sich versetzt sah, und ich bemerkte, wie sie sich mit weiblicher Zurückhaltung in sich selbst zurückzog, als sie sich jetzt umschaute, und sah, in welch roher und ungewohnter Umgebung sie stand. Dennoch hatte ich sie nie so ausnehmend reizend und liebenswürdig gesehen, wie diesen Abend, denn sie stellte Pris Bayard und Kate, trotz aller der Vortheile, welche diesen ihre Kleidung und ein von allen Strapatzen und den Einflüssen der Witterung verschontes Leben gab, weit in den Schatten. Vielleicht hatte die Lebensweise von Ursula Malbone ihrer Schönheit gerade erst die Vollkommenheit und Fülle verliehen, die am häufigsten dem jungen amerikanischen Mädchen fehlt, das in der überzärtlichen und weichlichen Art und Weise unserer gewöhnlichen elterlichen Aengstlichkeit erzogen worden. Frische Luft und Anstrengung waren ihr hinlänglich vertraut gewesen, und diese hatten ihrer Blüthe und ihrer Person zu der Fülle und Entwickelung verholfen, welche man öfter bei den untergeordneteren, als bei den höherstehenden Klassen des Landes findet.

Was Tausendacres betrifft, – obgleich er jede Bewegung von Ursula Malbone mit eifersüchtigem Interesse beobachtete, sagte er doch kein Wort, den Strom ihrer Empfindungen zu unterbrechen. Sobald jedoch Dus den Armen ihres Oheims sich entwunden hatte, zog sie sich zurück, und setzte sich auf den rohen Stuhl, den ich ihr dicht neben Kettenträger hingestellt hatte. Ich ward für diese kleine Aufmerksamkeit durch ein süßes Lächeln vom Gegenstande derselben belohnt; aber zugleich erinnerte mich ein griesgrämischer Blick des alten Squatters an die Nothwendigkeit, auf meiner Hut zu seyn, um nicht zu viel von dem Interesse zu verrathen, das ich an dem geliebten Wesen vor mir nahm. Wie es bei Versammlungen von rohen und ungeschickten Menschen zu gehen pflegt, folgte eine lange peinliche Pause, nachdem Dus so in unsere Mitte getreten war. Nach einiger Zeit jedoch nahm Aaron die Sache wieder auf, um die es sich handelte.

»Wir sind zusammengekommen, um alle zwischen uns obwaltenden Schwierigkeiten ins Reine zu bringen, wie ich schon gesagt,« begann Tausendacres in so ruhig bedächtlicher Weise, als wäre er mit Erfüllung der tadellosesten Lebensaufgabe beschäftigt, – denn der äußere Schein und die Formen der Tugend und des Lasters haben oft eine erstaunliche Aehnlichkeit mit einander. »Wenn man sich so versammelt hat zu einem solchen Zweck, und im rechten Geiste, so müßte irgendwo ein großer Fehler verborgen liegen, wenn man sich nicht über das Recht einigte und verständigte. Was Recht ist zwischen Mann und Mann – das ist mein Glaube, Kettenträger!«

»Was Recht ist zwischen Mann und Mann ist ein guter Glaube, Tausendacres; und es ist auch eine gute Religion;« antwortete der Kettenträger kalt.

»Das ist es? – das ist es! und ich sehe jetzt, daß Ihr in einer vernünftigen Stimmung seyd, Kettenträger, und daß Aussicht ist, mit Euch Handels einig werden. Ich verachte einen Mann, der so fest steckt in seinen Begriffen und Meinungen, daß man ihn nicht um einen Zoll breit nachzugeben vermögen kann bei einer Unterhandlung – stimmt Ihr dem nicht auch bei, Kapitän Andries?«

»Das kommt darauf an, was es für Ansichten und Begriffe sind. Manche Begriffe thun Niemand gut, und je eher man derselben los wird, desto besser: während manche Begriffe so vortrefflich sind, daß ein Mann Wohl daran thut, eher sein Leben zu lassen, als sie aufzugeben.«

Diese Antwort verblüffte den Tausendacres, welcher keine Idee davon hatte, wie ein Mensch je für seine Meinung sterben könne; und der vermuthlich gerade in diesem Augenblick dringend wünschte, den Andern so weit gleichgültig zu sehen gegen Grundsätze, daß er geneigt wäre, des Vortheils willen einige Opfer zu bringen. Es war ganz augenscheinlich, daß dieser Mann im Sinne hatte, bei dieser Gelegenheit eine List in Anwendung zu bringen, deren sich oft die Individuen und manchmal auch die Staaten bedienen, wenn sie aus einem sehr kleinen Recht einen großen Vortheil ziehen möchten, die List nämlich, viel Mehr zu verlangen, als man zu erhalten erwartet, und sich ein großes Verdienst daraus zu machen, wenn man in Punkten nachgibt, wo man überhaupt nie Ansprüche und Forderungen zu machen hatte. Aber diese Absicht des Squatters wird von selbst im Verlaufe der Erzählung deutlich genug hervortreten.

»Ich sehe nicht, was es nützen soll, vom Leben lassen zu schwatzen,« versetzte Tausendacres auf des Kettenträgers Bemerkung, »sintemal dies ja gar kein Handel ist um Leben und Tod. Das Höchste, was man aus dem Squatterwesen machen kann, wenn man auch dem Gesetz ganz seinen Lauf und Willen läßt, ist ein Vergehen und Schädigung, und das sind keine Sachen, die einem Mann Angst einjagen könnten, welcher sein ganzes Leben lang sich mit Mühen und Anfechtungen herumgeschlagen. Wir sind eben solche Geschöpfe, wozu uns die Umstände machen. Es gibt Männer, das bestreite ich nicht, die Einer halb von Sinnen ängstigen kann mit einem Papier oder Pergament, während eine ganze Schafheerde, Fell und Wolle miteinander, den, der an dergleichen gewohnt ist, nicht einzuschüchtern vermögen. Ich halte mich an den Grundsatz, zu thun was Recht ist, mag das Gesetz darüber sagen was es will; und das ist der Grundsatz, nach welchem ich auch unsre jetzige Verdrießlichkeit ins Reine bringen möchte.«

»Nennt Eure Bedingungen – nennt Eure Bedingungen!« rief der Kettenträger etwas ungeduldig; »Geschwätz ist Geschwätz, auf der ganzen Welt, und Handeln ist Handeln. Wenn Ihr Etwas vorzuschlagen habt, so sind wir hier, willig und bereit es zu hören.«

»Das ist wacker, und ganz meine Art zu denken und zu fühlen, und ich will darnach handeln, als wenn es das Evangelium St. Pauli selbst wäre, und ich eigens verpflichtet wäre, ihm zu folgen. Folgendes ist nun der Fall und ein Jeder kann ihn verstehen. Es gibt zweierlei Rechte auf Alles Land auf Erden und in der ganzen Welt. Eines von diesen Rechten ist was ich das Recht des Königs nenne, oder dasjenige, welches von Schreibereien und Gesetzen und dergleichen Erfindungen abhängt; und das andere beruht auf dem Besitz. Es leuchtet der Vernunft ein, daß die Thatsache besser und mehr Werth ist, als alle Schreiberei darüber seyn kann; aber ich bin bereit, beides für jetzt, und um leichter einig zu werden, gleich zu stellen. Ich bin ganz dafür, die Sachen gütlich beizulegen und kein böses Blut zu machen; und das sage ich, Kettenträger und Ihr Jungen, das ist der rechte Geist, um Eintracht und Freundschaft zu erhalten!«

Diese Erklärung ward mit einem Gemurmel allgemeinen Beifalls aufgenommen von dem gesammten Theile der Anwesenden, von welchem man voraussetzen durfte, daß er dasselbe Interesse mit dem Squatter habe, während die Gegenpartei, obwohl große Aufmerksamkeit an den Tag legend, still blieb, den alten Andries miteingeschlossen.

»Ja das sind meine Grundsätze,« begann Tausendacres wieder, indem er einen herzhaften Schluck Cider nahm, ein Getränke, von welchem er einen tüchtigen Vorrath herbeigeschafft hatte, und sobald er seinen Zug gethan, bot er den Krug höflich dem Kettenträger hin – »Ja, das sind meine Grundsätze, und gute Grundsätze sind es für den, der Frieden und Eintracht liebt, wie Jeder zugeben muß. In der uns vorliegenden Sache nun vertritt General Littlepage und sein Genosse die Schreiberei, und ich und die Meinigen vertreten den faktischen Besitz. Ich entscheide nicht, welches von beiden das Bessere ist, denn ich will nicht hart urtheilen über irgend eines Menschen Recht, zumal nicht, wenn ein versöhnlicher Geist waltet und thätig ist; aber ich vertrete den faktischen Besitz und der General das Geschreibe. Nun aber sind Mißhelligkeiten und Schwierigkeiten zwischen uns entstanden, und es ist hohe Zeit, ihnen ein Ende zu machen. Ich betrachte Euch, Kettenträger, als den Freund der andern Eigenthümer des Bodens, und ich bin jetzt bereit, Vorschläge zu machen oder solche anzuhören, wie es sich trifft.«

»Ich habe keine Vorschläge zu machen und auch keine Vollmacht solche anzutragen. Ich bin hier Nichts als ein Meßkettenträger, mit einem Contrakt, das Patent in kleine Loose zu vermessen, und dann ist meine Obliegenheit zu Ende. Aber hier ist General Littlepage's einziger Sohn, und er ist, so viel ich weiß, ermächtigt, Alles auf diesem Gute zu thun, was nöthig ist, als der Sachwalter –«

»Er ist ein Sachwalter und ist auch keiner!« unterbrach ihn Tausendacres, etwas heftig für einen Mann, in welchem der versöhnliche Geist walten sollte. »Im einen Augenblick behauptet er ein Sachwalter zu seyn, und im andern läugnet er es. Ich kann diese Ungewißheit nicht mehr lang ertragen.«

»Pah, pah, Tausendacres,« erwiederte der Kettenträger kalt, »Ihr laßt Euch von Eurem eignen Schatten ängstigen; und das, laßt es mich Euch sagen, kommt daher, daß Ihr selbst nicht in Frieden und Eintracht, wie Ihr es nennt, mit dem Gesetz lebt. Ein Mann hat ein Gewissen, mag er ein Pelzhändler, oder ein Kuhhirte, oder selbst ein Squatter seyn, und er hat es, weil Gott es ihm gegeben hat, und nicht weil er es sich selbst angeschafft und für seine Zwecke nöthig hätte. Dies Gewissen ist es, was meinen jungen Freund Mortaunt hier Euch als einen Sachwalter erscheinen läßt, obgleich er so wenig ein Rechtsgelehrter und Advokat ist, als Ihr selbst.«

»Warum hat er sich dann aber selbst einen Sachwalter genannt, und warum nennt Ihr ihn so? Ein Sachwalter ist ein Sachwalter in meinen Augen, und es kann zwischen ihnen wenig Unterschied seyn. Klapperschlangen würde es besser ergehen auf einer Lichtung Tausendacres', als dem schmucksten Sachwalter im Lande.«

»Wohl, wohl, behaltet Ihr eben Eure Gesinnungen, denn ich glaube, der Satan hat sie in Euch gelegt und kein Reden würde sie Euch austreiben. Aber dieser junge Gentleman, alter Squatter, ist kein Sachwalter von der Art, wie Ihr meint, sondern er ist ein Soldat gewesen, wie ich selbst auch, und in demselben Regiment mit mir, dem Regimente seines Vaters, und ein tapferer junger Mann ist er und war er, ein Mann, der muthig gefochten hat für die Freiheit –«

»Wenn er ein Freund der Freiheit ist, so sollte er auch ein Freund seyn von freien Leuten; sollte Freiheit geben und Freiheit nehmen. Nun nenne ich das Freiheit, daß man jeden Mann so viel Land haben läßt, als er bedarf, und nicht mehr, und das übrige für diejenigen vorbehält, die in derselben Lage sind. Wenn er und sein Vater wahre Freunde der Freiheit sind, so mögen sie es beweisen als Männer dadurch, daß sie alle Ansprüche auf mehr Land, als sie brauchen, aufgeben. Das nenne ich Freiheit! Laßt jeden Mann so viel Land haben, als er nöthig hat; das ist meine Religion und das ist auch Freiheit.« Ich fürchte beinahe, die tiefsinnigen politischen Philosophen, welche binnen der letzten Jahre unter uns aufgestanden sind, einige hochgestellte Männer miteingeschlossen, welche in der That behaupten, der Amerikaner sey so unaussprechlich frei, daß es dem Geist der Institutionen des Landes zuwider laufe, ihm zu gestatten, Grundherr oder Pächter zu seyn, wie sehr er auch selbst dazu Lust habe, (und Niemand behauptet, daß Gesetze oder faktische Verhältnisse ihn nöthigen, gegen seinen eigenen Willen Eines oder das Andere zu seyn,) werden sich etwas gekränkt fühlen, wenn sie entdecken, daß sie nicht das Verdienst haben, als die Ersten ihre treffliche Theorie aufgestellt zu haben, indem Aaron Tausendacres ihnen wenigstens sechzig Jahre zuvorgekommen ist. Ueber das Prinzip, das dieser Lieblingslehre zu Grunde liegt, kann man sich sehr leicht ins Klare setzen, denn die Gottheit selbst hat dem Menschen schon zu Moses Zeiten das zehnte Gebot eingeschärft, mit dem offenbaren Zweck, jenes Prinzip zurückzuweisen. Ein Versuch zu beweisen, daß die Institutionen dieses Landes sich mit dem Verhältniß von Grundherr und Pächter nicht vertragen, ist ein Versuch zu beweisen, daß sie nicht geeignet sind, maßgebend zu seyn bei den verschiednen zufälligen Gestaltungen der menschlichen Dinge, ist ein Aufgeben der Vertheidigung derselben, da diese nur auf einer breiten, mannhaften Grundlage der allgemeinen Gerechtigkeit geführt werden kann. Als politisches Prinzip ist es ebenso wahr, daß das Verhältniß vom Schuldner und Gläubiger den Institutionen widerspricht und aufgehoben werden sollte. D. H.

»Warum seyd Ihr so gemäßigt, Tausendacres? warum seyd Ihr so unbegreiflich gemäßigt? Warum sagt Ihr nicht, jeder Mann habe ein Recht auf Alles, was er bedarf so daß ihm dann auf einmal in allen Stücken geholfen wäre? Es ist nicht der Weisheit gemäß, Etwas nur halb zu thun, und es ist immer besser, alles Land zu vermessen, das Ihr bedurft, so lange der Compaß gerichtet ist und die Meßketten an der Arbeit sind. Die Freiheit besteht ebenso darin, daß man das Recht hat, mit einem Jeden seine Dollars zu theilen, als sich mit ihm in sein Land zu theilen.«

»Ich gehe nicht so weit, Kettenträger,« versetzte Tausendacres mit einer Mäßigung, welche den Gegner seiner Grundsätze hätte erröthen machen sollen. »Geld ist, was ein Mann selbstverdient und er hat ein Recht darauf, und so sage ich: laßt es ihn behalten; aber Land ist nothwendig, und jeder Mann hat ein Recht auf so viel, als er dessen bedarf – ich würde aber Keinem unter keinen Umständen einen Acre mehr geben, als gerade was er bedarf.«

»Aber um Geld kauft man Land; und wenn Ihr die Dollars theilt, theilt Ihr die Mittel, so viel Land zu kaufen als ein Mann nöthig hat; sodann gibt es auch viel mehr Land als Geld hier bei uns, und wenn Ihr einem Manne Land gebt, gebt Ihr ihm nur etwas so Gemeines und Wohlfeiles, daß er ein armer Teufel seyn muß, wenn er nicht alles Land, das er bedarf, ohne viele Mühe und ohne alles Squatten sich verschaffen kann, wenn Ihr ihm auch nur ein Bischen Geld geben wollt. Nein, nein, Tausendacres, Ihr seyd ganz auf unrechtem Wege; Ihr solltet damit anfangen, die Dollars zu theilen, und das wird auch keine Störung in der Gesellschaft machen, weil die Dollars in den Taschen sind und jeden Tag kommen und gehen; während das Land fest stehen bleibt, und manche Leute ihre eignen Berge und Felsen und Bäume lieb haben – zumal wenn sie lange Zeit bei der Familie gewesen sind.«

Eine finstre Zorneswolke sammelte sich auf Tausendacres' Stirne, theils weil er sich geschlagen fühlte durch den aufrichtigen, gesunden und geraden Menschenverstand des Kettenträgers, theils aus einem Grunde, den er selbst in der Antwort andeutete, welche er ganz rasch auf die Bemerkungen meines Freundes gab.

»Kein Mensch darf Etwas sagen gegen das Squatterwesen, der gut Freund mit mir bleiben will,« brach Tausendacres los mit einem Zucken der Muskeln um den Mund, welches deutlich verrieth, wie ernst es ihm war. »Ich halte fest an der Freiheit und an den Rechten des Menschen, und das ist kein Grund, daß ich mich davon sollte abwendig machen lassen. Meine Begriffe sind die Begriffe auch von andern Menschen, das weiß ich, wenn man sie gleich Squatters-Begriffe nennen mag. Congreßmänner haben sie aufgestellt und werden sie wieder aufstellen und behaupten, wenn sie starke Unterstützung erwarten in einigen Theilen des Landes zur Zeit der Wahl. Ich glaube gewiß, der Tag wird kommen, wo selbst Gouverneure sich finden, die sie behaupten. Gouverneure sind am Ende doch eben auch Menschen, und müssen Lehren bekennen, welche den Bedürfnissen der Menschen genügen, oder sie würden nicht lang Gouverneure bleiben. Aber das Alles ist Nichts als Geschwätz, und ich möchte nun endlich einmal zur Sache selbst kommen, Kettenträger. Da ist hier diese Lichtung und da ist das Holz. Nun bin ich bereit, auf folgende Bedingungen mich zu vergleichen. Ich behalte das geschnittene Holz, führe es weg, sobald das Wasser hoch genug steigt, und verstehe mich dazu, dies Privilegium damit zu bezahlen, daß ich keinen Baum weiter fälle; aber das Recht muß ich haben, die Blöcke zu zersägen, welche schon gehauen und herbeigeschleppt sind; und dann was das Land und die Lichtung betrifft, wenn die Schrifteigenthümer sie begehren, so können sie sie haben, wenn sie mir die Meliorationen bezahlen, und über den Preis sollen Männer aus der Nachbarschaft als Schiedsrichter entscheiden, da in der Stadt aufgewachsene Leute Nichts verstehen können von der Mühe und Arbeit des Fällens, und Scheitermachens, und Brennens und der Bestellung neuen Ländereien.«

»Mortaunt, dieser Vorschlag geht Euch an. Ich habe mit der Lichtung Nichts zu thun, als sie zu vermessen, und diese Obliegenheit will ich auch erfüllen, sobald ich so weit in meinem Geschäft komme, es entstehe daraus was da wolle, Gutes oder Schlimmes.« Tausendacres spricht hier wie ein wahrer Prophet. D. H.

»Diese Lichtung vermessen!« fuhr Tobit auf mit seiner Rabenstimme und in einem nicht wenig drohenden Tone. »Nein, nein, Kettenträger – es ist kein Mann in den Wäldern, der es wagen dürfte, je mit seiner Meßkette diese Lichtung zu betreten.«

»Der Mann, sage ich Euch, ist Andries Coejemans, gemeinhin Kettenträger genannt,« versetzte mein alter Freund ruhig. »Keine Lichtung und kein Squatter hat ihn noch je abgehalten, oder wird ihn, hoffe ich, je abhalten, seine Pflicht zu erfüllen. Aber Prahlen ist eine schlechte Eigenschaft, und die Zeit wird zeigen, ob ich die Wahrheit gesprochen habe.«

Tausendacres stieß ein lautes »Hm!« aus und machte ein sehr finsteres Gesicht, sagte aber Nichts, bis sein Blut nach einiger Zeit wieder ruhiger geworden war. Dann fuhr er in seiner Rede also fort – offenbar bemüht, so lang als möglich auf gutem Fuß mit Kettenträger zu bleiben.

»Im Ganzen,« sagte er, »glaube ich fast, Tobit, es wird das Beste seyn, wenn Ihr diese Angelegenheit ganz mir überlaßt. Die Jahre kühlen das Blut ab und geben der Vernunft Zeit, sich zu sammeln. Die Jahre sind so nothwendig zur Einsicht und zum Urtheil, als ein Wipfel für einen Fruchtbaum. Ich glaube fast, Kettenträger und ich, beide ältliche und bedächtliche Männer, werden am besten mit einander zurecht kommen. Ich glaube gewiß, Kettenträger, daß, wenn man Euch Trotz böte, diese Lichtung zu vermessen, Ihr dann gerade, wie jeder muthige Kerl, nicht nachgeben, sondern mit Eurer Meßkette fortmachen würdet, möchte Euch in den Weg treten, Wer da wollte. Aber das liegt weder hier noch dort. Es ist Euch unverwehrt, von dem Patent in dieser Richtung auszumessen, so viel Ihr immer wollt, und es wird uns das nur um so mehr fördern, wenn wir an den Handel kommen. Vernunft ist Vernunft, und ich bin von versöhnlichem Geiste beseelt.«

»Um so besser, Tausendacres; ja, um so besser,« antwortete der alte Andries, etwas besänftigt durch die versöhnliche Stimmung, mit welcher der Squatter sich jetzt äußerte. »Wenn eine Arbeit vollführt werden muß, so muß sie verrichtet werden; und da ich gemiethet bin, das ganze Gut zu vermessen und abzutheilen, so muß auch das ganze Gut vermessen und abgetheilt werden. Nun, was habt Ihr weiter zu sagen?«

»Ich habe noch keine Antwort auf meinen ersten Antrag. Ich will das Holz behalten, mit dem Versprechen, keinen Baum weiter zu fällen, und die Schätzung der Meliorationen soll Schiedsmännern übertragen werden.«

»Ich bin der Mann, dem es zukommt, auf diese Vorschläge zu antworten,« sagte ich jetzt, da es mir passend schien, jetzt aufzutreten, damit nicht Andries und Tausendacres über geringfügige und unwesentliche Punkte an einander geriethen, und so jede Hoffnung, Frieden zu halten bis Malbone ankäme, gefährdeten. »Dabei jedoch halte ich es für meine Pflicht, Euch sofort zu erklären, daß ich keine Vollmacht habe, die mich berechtigte, auf Eure Bedingungen einzugehen. Oberst Follock und mein Vater haben Beide einen strengen Rechtssinn, und nach meiner Ansicht wird Keiner von Beiden große Neigung verspüren, auf Bedingungen einzugehen, welche wenigstens den Schein haben, irgend eines ihrer Rechte als Grundeigenthümer bloszustellen und preiszugeben. Ich habe Beide in dieser Beziehung äußern hören: ›einen Zoll weichen sey so viel, als eine Elle nachgeben‹, und ich gestehe, daß ich nach Allem, was ich in neurer Zeit von Ansiedlern und Ansiedlungen gesehen, so ziemlich derselben Ansicht bin. Meine Vollmachtgeber mögen wohl Etwas nachgeben, aber nie werden sie über eine Sache unterhandeln, wo alles Recht ausschließlich auf ihrer Seite ist.«

»Soll ich das so verstehen, junger Mann, daß Ihr nicht zur Ausgleichung und Verständigung geneigt seyd, und meinen Anerbietungen nicht Euer Ohr leihen wollt in dem Geist, in welchem ich sie gemacht habe?« fragte Tausendacres etwas trocken.

»Ihr habt mich so zu verstehen, daß meine Meinung genau das ist, was ich ausspreche, Sir. Erstlich habe ich keine Vollmacht, Eure Anträge anzunehmen, und werde mir auch keine anmaßen, mögen die Folgen für mich selbst seyn, welche sie wollen. In der That sind auch alle Versprechungen, die unter einem Zwang In duresse – Diesen Ausdruck mißversteht der Squatter, daher seine Antwort. gegeben werden, ungültig und nichtig.«

»Ei wie!« rief der Squatter. »Dies ist das Patent Mooseridge, – Bezirk Washington, früher Charlotte County – und dies ist der Platz, wo wir unterzeichnen und siegeln werden, wenn etwas Schriftliches zwischen uns ausgefertigt wird.«

»Unter Versprechungen unter einem Zwang ( in duresse) verstehe ich solche, welche gegeben werden, während die Partei, die sie von sich gibt, in Haft sich befindet, oder überhaupt in einer Lage, worin es ihr nicht ganz frei steht, sie zu geben oder nicht; und solche Versprechungen sind ungültig und nichtig, wenn auch alle mögliche Schriften und Urkunden zwischen den Betheiligten ausgesetzt und ausgetauscht worden sind.«

»Dann ist das eine seltsame Lehre und spricht nicht sehr zu Gunsten Eures gerühmten Gesetzes! das eine Mal verlangt es Geschreibe, und nur Schreibereien und Briefe sollen gelten; und das andere Mal sollen alle Schreibereien auf der Welt Nichts gelten! Und doch führen manche Leute Klage und urtheilen gar hart, wenn ein Mann nicht ganz nach dem Gesetz leben will!«

»Ich glaube fast, Tausendacres, Ihr überseht die Zwecke des Gesetzes über seinen nackten Ordnungen und Regeln. Das Gesetz ist dazu da, dem Recht Geltung zu verschaffen, und wenn es nackten Regeln folgte, ohne Rücksicht auf Grundsätze, könnte es leicht das Werkzeug werden, um das Unheil zu bewirken, dem es entgegenarbeiten soll.«

Ich hätte mir die Mühe ersparen können, diese schöne Rede auszusprechen, welche die Folge hatte, daß der Squatter mich mit Staunen anstarrte, die jungen Männer lächelten und ein Gekicher unter den Frauen entstand. Ich bemerkte jedoch, daß Lowiny's ängstliches Gesicht eher Bewunderung verrieth, als dasjenige Gefühl, welches bei ihren Genossinnen vorherrschte.

»Es führt zu Nichts, mit diesem jungen Gesellen zu schwatzen, Kettenträger,« sagte Tausendacres, auch mit einer gewissen Ungeduld in seinem Wesen; »er hat sein Leben im offenen Lande hingebracht, und hat die Art und das Wesen und die Begriffe und Redensarten des offenen Landes; und das sind Dinge, wovon ich Nichts verstehe. Ihr seyd vorzugsweise Wald; er ist offenes Land; und ich bin Lichtung. Es ist ein Unterschied zwischen Allen; aber Wald und Lichtung stehen sich doch am nächsten, und so will ich mein Wort an Euch richten. Seyd Ihr also wirklich geneigt zu einem friedlichen Abkommen oder nicht, alter Andries?«

»Zu Allem, was billig und recht und vernünftig ist, Tausendacres, aber zu Nichts, was dies nicht ist.«

»Das ist gerade meine Denkweise! Wenn nur das Gesetz so viel für einen Mann thäte, so würden die Sachwalter bald Hungers sterben. Wohl, wir wollen jetzt versuchen, so bald als möglich über die Bedingungen einig zu werden. Ihr seyd ein unverheiratheter Mann, das weiß ich, Kettenträger; aber ich habe immer gedacht, das sey nicht die Folge davon, daß Ihr dem Ehestand abhold wäret, sondern nur, weil Ihr nicht das rechte Mädel gefunden; oder vielleicht auch wegen des Vermessungsprincips, das einen Mann immer von einer Gegend zur andern umherziehen macht; obwohl nicht viel mehr, als das Squatterleben auch, wenn man die Sache genau untersuchte.«

Ich begriff wohl den Zweck dieses plötzlichen Ueberganges von Renten und Besitz und von dem versöhnlichen Geist auf den Ehestand, aber Kettenträger nicht. In seinem Gesicht sprach sich nur seine Ueberraschung aus; während ich, wenn sich meine Empfindungen in meinen Zügen ausprägten, das wahre Bild der Unruhe und Unbehaglichkeit gewesen seyn muß. Die geliebte, arglose Dus saß da in ihrer jungfräulichen Schönheit, ohne Zweifel ängstlich und in banger Spannung in ihrem Innern, aber gar Nichts ahnend von dem furchtbaren Schlage, der gegen sie geführt werden sollte. Da Andries' Miene sein Verlangen ausdrückte, Mehr zu hören, statt daß er auf die seltsame Aeußerung, die er so eben vernommen, eine Antwort gegeben hätte, fuhr Tausendacres fort:

»Es ist ganz natürlich, daß man an den Ehestand denkt, wenn man so viel junge Leute vor sich sieht, nicht wahr, Kettenträger?« fuhr der Squatter fort, über seine eigenen Einfälle lachend. »Ich habe da eine Menge Jungen und Mädels um mich herum, und ich bin ebenso geneigt und bereitwillig, Gatten und Weiber für meine Verwandten und Nächsten ausfindig zu machen, und so Alles zu akkommodiren, wie ich alle andern Schwierigkeiten gerne mit versöhnlichem Geist ins Gleiche bringe. Alles für den Frieden und für gute Nachbarschaft, das ist meine Religion!«

Der alte Andries fuhr sich mit der Hand über die Augen, wie man wohl zu thun pflegt, wenn man eine geistige Anstrengung durch eine äußere Nachhülfe fördern möchte. Er war offenbar in Verlegenheit zu errathen, was der Squatter wohl meine, doch that er bald eine Frage, welche zu einer Art Erklärung führte.

»Ich verstehe Euch nicht, Tausendacres; – nein, ich verstehe Euch nicht. Ist es etwa Euer Wunsch, mir Eines Eurer stattlichen und wohlaussehenden Mädchen hier zum Weibe zu geben?«

Der Squatter lachte herzlich über diesen Einfall, und die jungen Männer stimmten in seine Heiterkeit ein; während das beständige Gekicher, das unter den anwesenden Weibern fortdauerte, seit von Heirath und Ehestand die Rede geworden war, bedeutend zunahm. Ein unbetheiligter Zuschauer hätte glauben müssen, es bestehe zwischen uns das beste Vernehmen.

»Von ganzem Herzen gern, Kettenträger, wenn Ihr Eine von den Mädeln bereden könnt, Euch zu nehmen!« rief Tausendacres, anscheinend vollkommen beistimmend und vergnügt; »wenn ich einen solchen Tochtermann habe, weiß ich nicht, ob ich nicht am Ende noch selbst zur Meßkette greife und meine Lichtungen vermesse, so gut, wie die großen Landbesitzer, die einen Stolz darein setzen, zu wissen, wo ihre Linien sind. Da ist Lowiny, sie hat noch keinen Liebhaber und würde nicht übel für Euch passen, wenn sie sich nur dazu entschließen möchte.«

»Lowiny denkt an Nichts dergleichen, und wird vermuthlich nie zu so Etwas sich entschließen,« erwiederte das Mädchen rasch und in gereiztem Tone.

»Nun, am Ende glaube ich auch, Kettenträger,« begann Tausendacres wieder, »wir werden Euch nicht mehr zum Bräutigam machen. Siebzig Jahre ist etwas spät, um ein erstes Weib zu nehmen, obwohl ich schon erlebt habe, daß Wittwer noch einmal heiratheten, wenn sie schon nahe an Neunzig waren. Wenn ein Mann in jungen Jahren ein Weib genommen hat, so hat er eine Art von Recht auf noch eines im Alter.«

»Ja, ja, oder auch auf hundert!« fiel Prudence mit Heftigkeit ein. »Man gebe ihnen nur die Möglichkeit, so suchen sie noch Weiber so lange sie nur noch so viel Athem austreiben können, um sich Weibern anzutragen. Mädchen, Ihr könnt Euch nur darauf gefaßt machen – kein Mann wird lange trauern um Eine von Euch, sobald Ihr einmal todt und begraben seyd.«

Ich muß glauben, daß dieser kleine Ausfall etwas Alltägliches war, da weder die »Jungen« noch die »Mädels« sonderlich darauf zu achten schienen. Solche eheliche Winke und Anspielungen kommen in der Welt häufig vor, und Prudence war nicht die Erste, die sich dergleichen erlaubte; sie hat darin Millionen Schwestern.

»Ich will gestehen, ich dachte nicht sowohl daran, Euch ein Weib zu verschaffen, Kettenträger, als ich daran dachte, einem meiner Söhne zu einem Weibe zu verhelfen,« fuhr Tausendacres fort. »Da ist Zephaniah, ein so rüstiger und hart arbeitender, aufrichtiger und gerader, ehrlicher und folgsamer junger Mann, als nur irgend Einer in dieser Gegend zu finden seyn mag. Er steht im passenden Alter und denkt nachgerade daran, ein Weib zu nehmen. Ich rathe ihm in alle Wege zu, zu heirathen, denn der Ehestand ist der gesegnetste Stand im Leben, in den ein Mensch treten kann. Ihr würdet das vielleicht nicht glauben, wenn Ihr die alte Prudence hier anseht, wie sie jetzt ist und aussieht; aber ich rede aus Erfahrung, wenn ich den Ehestand empfehle; und ich möchte um Alles in der Welt nicht sagen, was nicht wirklich meine Meinung ist in dieser Sache. Ein Bischen Heirath könnte allen unsern Mißhelligkeiten ein Ende machen, Kettenträger!«

»Ihr werdet doch wahrlich nicht verlangen, daß ich Euren Sohn Zephaniah heirathen solle, denke ich, Tausendacres!« antwortete Andries unschuldig.

Diesmal war das Gelächter weder so laut noch so allgemein wie zuvor, da gespannte Erwartung die Anwesenden ernster machte.

»Nein, nein, das will ich Euch gewiß nicht zumuthen, alter Andries; aber Lowiny könnt Ihr wohl haben, wenn Ihr anders das Mädchen dazu selbst bereden könnt. Aber, weil ich von Zephaniah redete, ich kann den jungen Mann mit Wahrheit empfehlen, was ich nie thäte, wenn er es nicht verdiente, obschon er mein Sohn ist. Niemand kann behaupten, daß ich es im Brauche habe, je meine Sachen herauszustreichen, nicht einmal meine Dielen und Bretter. Das Schnittholz Tausendacres' ist so wohl bekannt auf allen Märkten drunten, so sagt man mir, als das Mehl des berühmtesten Müllers. Ebenso ist es mit den Jungen; bessere Bursche findet man nirgends; und ich kann den Zephaniah mit der gleichen Zuversicht empfehlen, wie ich irgend eine Partie Bretter empfehlen konnte, die ich flußabwärts geflößt habe.«

»Und was habe ich mit alle dem zu schaffen?« fragte der Kettenträger ernst.

»Nun, die Sache liegt vor Augen, Kettenträger, wenn Ihr nur einen Blick darauf richten wollt. Es ist eine Zwistigkeit zwischen uns, und zwar eine ziemlich ernste Zwistigkeit. In mir waltet der Geist der Versöhnlichkeit, wie ich zuvor gesagt, und wie ich gerne wiederhole. Nun habe ich meinen Sohn Zeph hier, wie ich schon gesagt, und er sieht sich nach einem Weibe um; und Ihr habt eine Nichte hier – Dus Malbone, glaube ich, ist ihr Name – und sie würden gerade für einander passen. Es scheint, sie sind schon einigermaßen mit einander bekannt und haben einige Zeit zusammen verlebt, und das wird die Sache glatt und eben machen. Was ich nun vorschlage, ist eben dies, und nicht Mehr, kein Bischen Mehr. Ich erbiete mich, nach einer Magistratsperson zu schicken, und zwar will ich das auf meine eigne Kosten thun; es soll Euch keinen Heller kosten; und sobald der Mann kommt, wollen wir die beiden jungen Leute auf der Stelle zusammengeben lassen, und das wird, wie Ihr einsehen müßt, ewigen Frieden für immer zwischen Euch und mir stiften. Nun, wenn einmal zwischen uns Friede geschlossen ist, so wird nur Wenig mehr ins Gleiche zu bringen seyn mit den Schrift- und Brief-Besitzern des Landes, sintemal Ihr mit ihnen Allen auf so gutem Fuße steht, daß man Euch wohl ansehen darf, als gehörtet Ihr zu derselben Familie. Wenn General Littlepage einen Werth auf Etwas der Art legt, so will ich die Zusage geben, daß Keiner von meiner Familie in allen künftigen Zeiten je auf Ländereien sich als Squatter niederlassen soll, die er etwa in Anspruch nimmt, mögen sie ihm nun wirklich gehören oder nicht.«

Ich sah ganz deutlich, daß Kettenträger Anfangs den Sinn von des Squatters Vorschlag nicht völlig verstand. Auch Dus verstand ihn nicht ganz, obgleich sie auf so Etwas einigermaßen vorbereitet war, da sie von Zephaniahs anmaßenden und kecken Wünschen in dieser Beziehung wußte. Aber als Tausendacres ganz unverblümt davon sprach, nach einer Magistratsperson zu schicken und die jungen Leute auf der Stelle zusammen geben zu lassen, da war es nicht leicht, seine Meinung zu mißverstehen, und in der Brust des alten Andries trat bald an die Stelle des Staunens der gekränkte Stolz, und zwar dies in einem Grade und in einer Art, wie ich es bei ihm nie zuvor gesehen hatte. Vielleicht darf ich, um gegen meinen vortrefflichen Freund gerecht zu seyn, hinzusetzen, daß seine hochsinnigen Grundsätze und sein scharfes Rechtsgefühl durch den seltsamen Vorschlag nicht minder tief verletzt waren, als seine persönlichen Gefühle. Es dauerte einige Zeit, bis er sprechen konnte oder wollte; und dann that er es mit einem strengen und würdevollen Wesen, wie ich gar nicht geahnt hätte, daß er es annehmen könnte. Der Gedanke, daß Ursula Malbone einem solchen Menschen wie Zephaniah und einer solchen Familie wie der des Squatters geopfert werden solle, empörte und erschütterte sein ganzes Gemüth und schien ihn für einen Augenblick zu überwältigen. Andererseits war Nichts natürlicher, als daß die Familie Tausendacres in ihrem Plane keine solche Verletzung der Schicklichkeit erblicken konnte. Der große Haufe in unserm Lande führt beinahe ohne Ausnahme den Maßstab des Unterschiedes in Stand und Vornehmheit bloß auf das Geld zurück; und sie sahen, oder glaubten zu sehen, daß in dieser Beziehung Dus nicht viel besser daran war, als sie selbst. Alle die Punkte, welche auf Geschmack, feinerer Erziehung und Bildung, Lebensgewohnheiten und Grundsätzen beruhten, waren ihnen wildfremd; und sie nahmen, wie leicht zu begreifen, Eigenschaften die sie weder sehen noch fassen konnten, gar nicht in Rechnung. Es kann daher nicht so sehr überraschen, daß sie sich einbilden konnten, der junge Squatter dürfte einen ganz passenden Ehemann für ein Mädchen geben, von der man wußte, daß sie im Wald die Meßkette getragen hatte.

»Ich glaube, ich fange an, Euch zu verstehen, Tausendacres,« sagte der Kettenträger, von seinem Stuhl aufstehend und zu seiner Nichte hinüberschreitend, wie vom Instinkt getrieben, sie zu beschützen, »obgleich es nichts so Leichtes ist, einen solchen Antrag zu verstehen. Euer Wunsch ist, daß Ursula Malpone das Weib Zephaniah Tausendacres' werde, und darauf wünscht Ihr dann einen Frieden mit General Littlepage und Oberst Follock zu schließen und eine Indemnität zu erhalten für all das Unrecht und die Räubereien, die Ihr an ihnen begangen habt –«

»Hört, alter Kettenträger: Ihr thätet gut daran, Euch in Eurer Sprache zu mäßigen –«

»Hört erst, was diese meine Sprache ist, ehe Ihr mich unterbrecht, Tausendacres. Ein kluger Mann hört zu, ehe er antwortet. Obgleich ich selbst nie verheirathet gewesen bin, weiß ich doch, was sich in dieser Hinsicht schickt und ziemt, und daher will ich Euch danken für Euren Wunsch, mit den Coejemans und Malpone's Euch zu verbinden. Diese Pflicht erfüllt, will ich Euch erklären, daß meine Nichte Euren Jungen nicht will –«

»Ihr habt das Mädel nicht für sich selbst sprechen lassen,« schrie Tausendacres, so laut er konnte, denn er begann jetzt von einer Wuth bewegt zu werden, welche sich auf diese Art einigermaßen Luft zu machen suchte. »Ihr habt dem Mädel nicht Gelegenheit gegeben, für sich selbst zu sprechen, alter Andries. Zeph ist ein Bursche, dessen Gleichen sie nicht finden wird, wenn sie auch weit ginge. Ich kann Euch das versichern, obwohl ich vielleicht, als Vater des Jungen, es nicht sagen sollte, – aber um zum Frieden zu gelangen, bin ich bereit, Viel zu übersehen.«

»Zephaniah ist ein treffsicher Sohn,« fiel Prudence ein, im Stolz und Selbstgefühl einer Mutter, denn die Natur behauptete ihr Recht und ihren Triumph in ihrer Brust so gut als in der der gebildetsten Frau des Landes. »Unter allen meinen Söhnen ist Zephaniah der beste; und ich halte ihn für geeignet, Jede zu heirathen, die nicht im offnen Lande draußen leben, und auch von denen manche.«

»Rühmt Eure Güter und preist Euren Jungen, wie es Euch beliebt,« antwortete Kettenträger mit einer äußern Ruhe, die, wie ich wohl ahnte, einen verzweifelten Entschluß ankündigte. »Rühmt Eure Güter und preist Euren Jungen; ich will nicht versuchen, Euer Recht zu bestreiten, dies zu thun, so viel Ihr Lust habt; aber dies Mädchen ward mir von einer einzigen Schwester auf ihrem Sterbebett hinterlassen, und möge Gott meiner vergessen, wenn ich die Pflicht vergesse, die ich gegen sie habe. Sie soll nie einen Sohn Tausendacres' heirathen – sie soll nie einen Squatter heirathen – soll nie einen Mann heirathen, der nicht nach seinem Stande, seinen Gesinnungen, Gewohnheiten und Ansichten geeignet ist, der Gatte einer Lady zu seyn.«

Ein Schrei des Gelächters und Hohnes, womit sich die wilde Erbitterung des gekränkten Stolzes mischte, erhob sich unter dem rohen Haufen, aber die Donnerstimme Tausendacres' machte sich selbst in diesem höllischen Lärm vernehmlich.

»Nehmt Euch in Acht, Kettenträger, nehmt Euch in Acht uns so zu beschimpfen! die menschliche Natur kann und will nicht Alles ertragen!«

»Ich will nichts von Euch und den Eurigen, Tausendacres,« versetzte ruhig der alte Mann, seinen Arm um den Leib von Dus schlingend, die sich an ihn schmiegte und hing, mit einer feuerroth flammenden Wange, aber einem Auge, das nicht gewohnt war, sich einschüchtern zu lassen, und die in diesem furchtbaren Augenblick ganz entschlossen und im Stande zu seyn schien, ihres Oheims Thun und Entschluß zu unterstützen. »Ihr seyd für mich Nichts, und ich will Euch hier verlassen in Euern Missethaten und verruchten Gedanken. Tretet bei Seite, befehle ich Euch. Wagt nicht den Bruder aufzuhalten, der im Begriff ist, die Tochter seiner Schwester vor der Gefahr zu sichern, das Weib eines Squatters zu werden. Tretet zurück, denn ich will nicht länger unter Euch bleiben. In ein paar Stunden, elender Aaron, werdet Ihr die Thorheit von all diesem einsehen, und wünschen, Ihr hättet als ein ehrlicher Mann gelebt!«

Mittlerweile wurde der Lärm der schreienden Stimmen so laut und betäubend, daß man unmöglich mehr hören konnte, was gesprochen wurde. Tausendacres brüllte förmlich wie ein wüthender Stier und er war bald heiser von den Drohungen und Verwünschungen, die er ausstieß. Tobit sagte Weniger, war aber vermuthlich gefährlicher. Alle die jungen Männer schienen heftig aufgeregt, und entschlossen, die Thüre zu schließen und dem Kettenträger das Weggehen zu verwehren; dieser aber, den Arm um Dus geschlungen, schritt langsam vor, dem Haufen winkend, bei Seite zu treten, und ihnen gebietend, ihm Platz zu machen, und zwar mit einer Festigkeit und Würde, daß ich schon glaubte, er werde seinen Zweck erreichen. Inmitten dieser Scene der Verwirrung aber blitzte plötzlich eine Büchse; im selben Augenblick erfolgte der Knall, und der alte Andries Coejemans fiel.

 

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