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Der Kettenträger

James Fenimore Cooper: Der Kettenträger - Kapitel 26
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typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Kettenträger
publisherVerlag von S. G. Liesching
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Vierundzwanzigstes Kapitel.

Jung ist und schön, den meine Lieb' erlesen;
Schönheit und Jugend wohl auch Andre ziert;
Doch etwas Göttliches in seinem Wesen
Bezeichnet ihn, der dieses Herz gerührt.

Ebenstone.

 

Eine rohere und gewaltsamere Störung einer Scene, bei welcher die sanfteren Eigenschaften des Gemüths ihre Rolle spielen sollen, kam wohl nie vor. Ich, der ich alles bisher Vorgefallene wußte, erkannte sogleich, daß wir sehr ernste Aussichten vor uns hatten; Dus aber empfand anfänglich nur die Verschämtheit und Verlegenheit des Weibes, das sein heiligstes Geheimnis profanen Augen verrathen sieht. Eben die Leidenschaft, welche einen Monat später, nach dem Austausch der Ehegelöbnisse, ihr Stolz gewesen wäre, vor aller Welt zu gestehen und zu bethätigen, bei irgend einem Ereigniß von Wichtigkeit für mich, das eintreten mochte, empfand sie jetzt eine ängstliche Scheue zu offenbaren; und ich glaube, diese mädchenhafte Schaam machte ihr, als wir so festgenommen wurden, mehr Kummer als irgend eine andere Empfindung und Erwägung. Was die Squatters betraf, so hatte sie vermuthlich keine sehr deutliche Vorstellung von deren eigentlichem Charakter; und es war einer ihrer lebhaftesten Wünsche, wieder zu ihrem Oheim zu kommen. Aber Tausendacres gab uns Beiden bald deutlich zu verstehen, wie sehr es ihm jetzt Ernst war.

»So, mein junger Major, Ihr laßt Euch in demselben Nest fangen, wirklich! Ihr habt die Wahl, friedlich zurück zu marschiren, wohin Ihr gehört, oder Euch binden und wie ein Rehbock, der eine Strecke weit im Walde draußen geschossen worden, fortschleppen zu lassen. Ihr kennt den Tausendacres und sein Geschlecht nicht, wenn Ihr wirklich glaubtet, ihm so entschlüpfen zu können, an einem Platz, wo Ihr zwanzig Meilen Wald um Euch habt.«

Ich gab meinen Wunsch zu erkennen, nicht gebunden zu werden, und erklärte mich ganz bereit, die Squatters zu ihren Wohnungen zurück zu begleiten; denn Nichts auf der Welt hätte mich in Versuchung führen können, Dus unter den gegenwärtigen Umständen zu verlassen. Wenn auch die Squatters mir erklärt hätten, daß ich freien Paß habe, ich würde doch, selbst im Besitze meiner Freiheit, meinem Magnet gefolgt seyn, so unfehlbar als die Nadel nach dem Nordpol hinstrebt.

Es wurde Wenig mehr gesprochen, bis wir die Wälder verlassen und die offenen Felder der Lichtung erreicht hatten. Man gestattete mir, meiner Gesellschafterin aus dem Weg durch das Gebüsch und beim Klettern über ein paar Zäune behülflich zu seyn, und die Squatters, insgesammt bewaffnet, bildeten einen Kreis um uns in einer Entfernung, die mir möglich machte, Dus einige aufmunternde Worte zuzuflüstern. Sie besaß, für eine Frau, eine große natürliche Unerschrockenheit, und ich glaube den Vorwurf der Eitelkeit nicht zu verdienen, wenn ich hinzusetze, daß wir Beide uns in Folge der so eben stattgefundenen Erklärungen so glücklich fühlten, daß diese neue Widerwärtigkeit uns, so lange wir nicht getrennt wurden, nicht niederzuschlagen vermochte.

»Seyd nicht muthlos, liebste Dus,« flüsterte ich, als wir uns dem Vorrathshause näherten; »am Ende wagen doch diese Elenden nicht, sich groß gegen das Gesetz aufzulehnen.«

»Ich hege sehr wenig Besorgnisse, wenn Ihr und Oheim Kettenträger mir so nahe seyd, Mordaunt,« gab sie mir mit Lächeln zur Antwort. »Es kann nicht lange anstehen, bis wir von Frank hören, der, wie man Euch gesagt haben muß, nach Ravensnest gegangen ist, um Vollmachten und Beistand zu holen. Er verließ unsre Hütten zur selben Zeit, wo wir hieher aufbrachen und muß jetzt schon lang auf dem Rückwege begriffen seyn.«

Ich drückte dem lieben Mädchen die Hand; zur Erwiederung empfand auch ich einen leisen Druck ihrer Hand, und ich machte mich nun gefaßt, von ihr getrennt zu werden, da ich es als eine ausgemachte Sache ansah, Prudence und ihre Töchter würden die Bewachung und Hegung der Gefangenen übernehmen. Ich hatte, seit wir die Wälder verlassen hatten, immer geschwankt, ihr einen Wink zu geben, welche Prüfung ihrer vermuthlich warte: aber da kein Versuch, sie zu einer Heirath zu zwingen, gemacht werden könnte, ehe der Friedensrichter ankam, dachte ich, es hieße dies nur, ihr unnöthigerweise Angst und Kummer bereiten. Die Prüfung, falls es wirklich dazu kommen sollte, werde immer noch bald genug kommen; und ich hegte keine Besorgnis, ein Wesen von Dus' Geist und Charakter, die so eben erst mit solcher Offenheit gestanden hatte, daß ihr ganzes Herz mein sey, durch Einschüchterung zu einem Zugeständnis gebracht werden könnte, welches dem Zephaniah irgend Ansprüche auf sie gäbe. Die Wahrheit zu gestehen, eine Bergeslast war von meiner Brust gewälzt worden, und ich fühlte mich in Folge dieses Umstandes zu glücklich, als daß gerade jetzt irgend etwas Anderes mich hätte unglücklich machen können. Ich glaube, Dus ward auch durch ähnliche Gefühle einigermaßen aufrecht erhalten und gestärkt.

Dus und ich trennten uns an der Thüre des ersten Hauses, und sie wurde der Aufsicht und Obhut von Tobit's Weib übergeben, einer Frau, welche für ihren brutalen und selbstsüchtigen Mann ganz gut paßte. Keine Gewalt jedoch wurde gegen die Gefangene angewendet, die man frei gehen ließ; obwohl ich bemerkte, daß ein Paar von den Weibern sich in unmittelbarer Nähe ihrer Person hielten, ohne Zweifel als ihre Wächterinnen.

Da wir uns den Behausungen der Squatters auf einem neuen Pfade genähert hatten, wußte der Kettenträger Nichts von der Gefangennehmung seiner Nichte, bis ihm die Kunde davon durch mich mitgetheilt wurde. Er wußte nicht einmal von meiner Wiedereinfangung, bis er mich wieder in das Gefängniß treten sah, obgleich er wahrscheinlich voraussah, daß dies mein Schicksal seyn würde. Was Susquesus betrifft, so legte er selten Erstaunen oder irgend eine Gemüthsbewegung an den Tag, was sich auch immer ereignen mochte.

»Nun, Mortaunt, mein Junge, ich wußte, daß Ihr verschwunden wäret, mir nichts dir nichts, und kein Mensch wußte wie; aber ich dachte gleich, es würde Euch schwer werden, Euch diesen schuftigen Squatters durch die Flucht zu entziehen,« rief Andries, mir herzlich die Hand schüttelnd, als ich in den Kerker hineintrat. »Da sind wir wieder alle drei, und es ist ein Glück, daß wir so gute Freunde sind, da unser Quartier keines von den geräumigsten und besten ist. Der Indianer sah mich allein, und so nahm er sein gegebenes Wort zurück und ist ein im engen Gewahrsam gehaltner Gefangener, wie wir Andern auch, aber in gewissem Sinne ein freier Mann. Ihr könnt jetzt die Streitaxt herausgraben gegen diese Squatters, sobald es Euch gefällt; ist es nicht so, Sureflint?«

»Gewiß – Waffenstillstand aus – Sureflint Gefangener wie Jeder. Von Tausendacres zurückgenommen mein Wort wieder – Indianer jetzt freier Mann.«

Ich verstand des Onondago Sinn ganz gut, obgleich seine Freiheit von etwas zweifelhafter und zweideutiger Art war. Er wollte einfach sagen, nachdem er sich den Squatters wieder gestellt und überliefert, sey er von den Bedingungen seines gegebenen Ehrenworts entbunden und es stehe ihm frei, einen Fluchtversuch zu machen, oder diejenigen, in deren Hände er gefallen war, zu bekriegen, in welcher Weise es ihm gefiel. Zum Glück war Jaap entkommen, denn ich konnte keine Spur davon entdecken, daß Tausendacres oder seine Söhne auch nur Etwas von seiner Anwesenheit erfahren hatten. Es war schon Etwas werth, einen so erfahrenen Waldmann und so treuen Freund in Freiheit und in der Nähe zu wissen; und die Nachrichten und Aufschlüsse, die er ertheilen konnte, falls er Frank Malbone, mit dem Constable und dem Gefolge begegnete, konnten für uns äußerst wichtig und nützlich seyn. Alle diese Punkte erörterten Kettenträger und ich ausführlich; und der Indianer saß dabei, ein aufmerksamer aber schweigender Zuhörer. Es war unsre beiderseitige Ansicht, Malbone könne mit der Hülfe jetzt nicht mehr weit entfernt seyn. Was die Folge eines Angriffs auf die Squatters seyn würde, ließ sich nicht leicht vorhersagen, da die Letztern wohl sich zur Wehre setzen konnten; und so klein ihre Streitmacht war, so konnte sie doch bei einem Kampfe dieser Art sehr furchtbar werden. Die Weiber einer solchen Familie waren nicht viel weniger kampftüchtig als die Männer, wenn sie sich hinter Blöcke postirten; und in hundert Dingen konnten ihre Lebensweise, ihre Erfahrung und Kühnheit sich sehr fühlbar geltend machen, falls die Sachen aufs Aeußerste getrieben wurden.

»Gott weiß, – Gott allein weiß, was das Ende von dem Allem seyn wird,« versetzte der Kettenträger auf eine meiner Bemerkungen, indem er kaltblütig in Zwischenräumen Züge aus seiner Pfeife that, um das Feuer zu erhalten, da er sie eben erst angezündet hatte. »Nichts ist ungewisser als der Krieg, wie Susquesus hier sehr gut weiß aus langer Erfahrung, und wie Ihr selbst auch wissen müßt, mein Junge, da Ihr ja auch Feldzüge, und zwar heiße Feldzüge, mitgemacht habt. Sollte Frank Malpone einen Angriff auf diese Absiedlung machen, was von ihm, als einem alten Soldaten, mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit zu erwarten ist, so müssen wir Allem aufbieten, um uns ihm auf einer seiner Flanken anzuschließen, damit wir sein Vorrücken oder seinen Rückzug decken, je nachdem er gerade eine Bewegung machen wird.«

»Ich hoffe es wird eine Bewegung vorwärts seyn, da Frank mir nicht der Mann scheint, der so leicht zum Rückzug zu bringen wäre. Aber dürfen wir auch gewiß annehmen, daß Squire Newcome den Verhaftbefehl bewilligen wird, den er von ihm verlangt, da er mit diesen Squatters in so engem Verkehr steht?«

»Ich habe das Alles auch schon bedacht, Mortaunt, und es ist wohl zu überlegen. Ich glaube, er wird wenigstens an Tausendacres einen Boten schicken und ihn wissen lassen, was kommen wird, und die Sache so lange verzögern und hinausschieben als möglich. Das Gesetz ist ein fauler Diener, wenn es ihm einfällt, langsam zu seyn; und mancher Spitzbube hat ihm den Vorrang abgelaufen, wenn es galt, den Rücken zu sichern oder eine Strafe zu vermeiden. Aber dennoch, Mortaunt, der Mann, der das Recht auf seiner Seite hat, kämpft immer mit großem Vortheil und hat alle Aussicht, am Ende den Preis davon zu tragen. Es ist ein großer Vortheil immer Recht zuhaben; eine Wahrheit, die ich von meinen Knabenjahren an erkannt und gefühlt habe, der mir aber immer klarer und klarer geworden ist seit dem Frieden und seit ich zurückgekommen bin und mit Dus lebe. Dies Mädchen hat mich gar Viel gelehrt in allen Dingen! und es würde Euch im Herzen wohl thun, wenn Ihr sie sehen könntet allein mit einem alten unwissenden Mann in den Wäldern; an einem Sonntag, wenn sie sich bemüht, ihm seine Bibel zu erklären, und wie er Gott lieben und fürchten müsse.«

»Thut das Dus für Euch, mein alter Freund? – Uebernimmt wirklich dies bewunderungswürdige Geschöpf diese heilige Obliegenheit der Pflicht und der Liebe? So sehr ich sie früher schon hochgeachtet und bewundert habe wegen ihrer Ergebenheit und Zärtlichkeit gegen Euch, Kettenträger, bewundere und verehre ich sie doch noch viel mehr wegen dieses Beweises ihres aufrichtigen und tiefgehenden Interesses an Eurer Wohlfahrt.«

»Ich will Euch Etwas sagen, Junge – Dus ist besser als zwanzig Dominies, um einen verstockten alten Kerl, dessen Gewissen zäh und hart geworden durch ein siebenzigjähriges Leben in der Welt, aus seiner Sündhaftigkeit zurückzurufen auf die Wege der Gottseligkeit und des Friedens. Ihr seyd jung, Mortaunt, und der Knorpel der Sünde hat sich bei Euch noch nicht zum Knochen verhärtet, und Ihr wißt schwerlich, wie mächtig der Halt ist, den Gewohnheit und die Welt über einen alten Mann gewinnen; aber ich hoffe, Ihr lebt lange genug, um das Alles zu sehen und zu empfinden.« Ich lächelte nicht einmal, denn der kindliche Ernst und die aufrichtige Einfalt, womit der alte Andries diesen Wunsch vorbrachte, verhüllte das Lächerliche desselben hinter einem Schleier von Wahrheit und tiefem Gefühl, zu ehrwürdig, um irgend eine unehrerbietige Regung aufkommen zu lassen. »Und das ist der schlimmste Wunsch, den ich Euch wünschen kann, mein lieber Junge. Ihr wißt, wie es mit mir gegangen ist, Mortaunt; eines Kettenträgers Beruf ist keiner von den besten, um Einem Religion beizubringen, die überhaupt in den Wäldern eben nicht zu floriren scheint, – warum? kann ich freilich nicht begreifen, denn Dus hat mir zu wiederholten Malen gezeigt, daß Gott sey in den Bäumen und auf den Bergen, und in den Thälern, und seine Stimme lasse sich vernehmen in den Bächen und Strömen so gut, wo nicht besser, als er in den Lichtungen und in den Städten zu sehen und zu hören sey. Aber mein Leben war kein religiöses vor dem Krieg, und der Krieg ist kein Gewerbe, das Einen so an den Tod denken lehrte, wie man sollte, obgleich man ihn so zu sagen Tag und Nacht vor Augen hat.«

»Und Dus, die treffliche, offene, warme, aufrichtige, weibliche und bezaubernde Dus verbindet diese bewundernswerten Eigenschaften mit ihren andern Verdiensten, wahrhaftig! Ich wußte, daß sie tief fühle in Sachen der Religion, Kettenträger, aber ich wußte nicht, daß sie eine so tiefe, innige Theilnahme am Heile derer, die sie liebt, empfinde, in Bezug auf diese höchste und wichtigste Angelegenheit des Menschen.«

»Wohl dürft Ihr das Mädchen mit all diesen schönen Namen nennen, denn sie verdient sie alle und noch mehr. Nein – nein – Dus lernt man nicht in einem Tage kennen. Es kann Einer in demselben Hause mit ihr wohnen, und ihr lächelndes Angesicht sehen und ihren fröhlichen Gesang hören Monate lang, und doch nicht erfahren, wie viel Gottseligkeit und Sanftmuth, und Tugend, und Liebe, und Frömmigkeit im Grunde ihrer Seele ist. Ihr werdet dereinst gut denken lernen von Dus, Mortaunt Littlepage!«

»Ich! – Wie sagt Ihr, ich werde einst gut denken lernen von Ursula Malbone, dem Mädchen, das ich beinahe anbete! – Gut denken von ihr, die ich jetzt schon seit drei Monaten mit einer Inbrunst liebe, die ich nicht für möglich gehalten hätte! – Gut denken von ihr, die alle meine wachen Gedanken und zum großen Theil auch im Schlaf meine Seele beschäftigt und erfüllt – von der ich träume – der ich verpfändet und verlobt bin – die meine Betheurungen mit Huld angehört und mir freundlich versprochen hat, wenn alle bei der Sache Betheiligten zustimmen ehestens mein Weib zu werden!«

Der alte Andries hörte diesen meinen energischen Ausruf mit Erstaunen; und selbst der Indianer wandte den Kopf und sah mich mit vergnügter Aufmerksamkeit an. Nachdem ich einmal in einer Aufwallung, der ich nicht zu widerstehen vermocht hatte, so weit gegangen war, fühlte ich die Notwendigkeit, mich noch deutlicher und ausführlicher auszusprechen, und ihm Alles mitzutheilen, was ich über die Sache zu sagen hatte.

»Ja,« fuhr ich fort, und faßte den alten Andries mit Wärme bei der Hand, – »Ja, Kettenträger, ich werde Euern oft ausgesprochenen Wunsch erfüllen. Wiederholt habt Ihr mir Eure liebliche Nichte zur Gattin empfohlen und ich komme jetzt, Euch beim Wort zu nehmen, und zu sagen, daß Nichts mich so glücklich machen wird, als wenn ich Euch Oheim nennen darf.«

Zu meiner Ueberraschung legte der Kettenträger bei dieser Ankündigung keine Freude an den Tag. Ich bemerkte, daß er seit meiner Ankunft auf dem Nest Nichts mehr gegen mich erwähnt hatte von seinem alten Lieblingsprojekt, daß ich seine Nichte heirathen sollte; und jetzt, wo ich nicht nur bereit, sondern so sehr verlangend war, seinen Wunsch zu erfüllen, konnte ich deutlich sehen, daß er vor meinen Anträgen zurückscheute und wünschte, daß ich sie nicht gemacht hätte. Ganz verblüfft wartete ich, bis er sprechen würde, mit unbeschreiblicher Unruhe und getäuschter Hoffnung.

»Mortaunt! Mortaunt!« so machte sich endlich das Herz des alten Mannes Luft – »ich wünschte zu Gott, Ihr hättet das nie gesagt! Ich liebe Euch, Junge, beinahe so sehr, als Dus selbst; aber es schmerzt mich – es schmerzt mich, Euch davon reden zu hören, das Mädchen zu heirathen.«

»Ich bin ebenso bekümmert als erstaunt, Kettenträger, von Euch eine solche Aeußerung zu vernehmen! Wie oft habt Ihr selbst gegen mich den Wunsch ausgesprochen, daß Ich Eure Nichte kennen lernen, sie lieben und heirathen möchte! Jetzt, nachdem ich sie gesehen, – nachdem ich sie kennen gelernt habe, da ich sie von Grund meines Herzens liebe und sie zur Gattin zu nehmen wünsche, nehmt Ihr meinen Antrag so auf, als wäre er Euer und der Eurigen unwürdig.«

»Nicht so, Junge, nicht so. Nichts würde mich so glücklich machen, als Euch mit Dus vermählt zu sehen, vorausgesetzt, es könnte geschehen, ohne daß Jemand dabei gekränkt würde und sich zu beklagen hätte; aber das kann nicht seyn. Ich habe so geschwatzt, wie Ihr sagt, und ein recht thörichter, eingebildeter, selbstsüchtiger alter Mann war ich, als ich so schwatzte. Ich war damals bei der Armee und wir waren Beide Kapitäne; und ich war der ältere Kapitän, und konnte Euch Befehle geben und habe Euch Befehle gegeben; und ich trug eine Epaulette, wie jeder andere Kapitän, und hatte meines Großvaters Schwert an der Seite, und meinte, wir seyen Ebenbürtige, und es sey eine Ehre, meine Nichte zu heirathen; aber das Alles hat sich geändert, Junge, als ich wieder in die Wälder kam und meine Meßkette wieder aufnahm, und wie sonst zu leben und zu arbeiten und meine Armuth zu fühlen begann, und mich so sah, wie ich bin. Nein – nein – Mortaunt Littlepage, der Eigenthümer von Ravensnest, und der Erbe von Mooseridge und von Satanstoe, und von Lilaksbush, und von all den schönen Häusern und Magazinen und Landgütern in York und auf und ab im Lande, ist keine passende Partie für Dus Malbone!«

»Das ist eine so außerordentliche Behauptung in Eurem Munde, Kettenträger, und so in völligem Widerspruch mit Allem, was ich Euch früher über die Sache habe äußern hören, daß Ihr mir erlauben müßt, zu fragen, wie Ihr zu dieser Ansicht gekommen seyd?«

»Ich kam dazu durch Dus Malbone selbst – ja, ich habe sie aus ihrem eigenen Munde, in der ihr eigenen hübschen und zierlichen Art und Weise ausgesprochen.«

»So ist denn je die Möglichkeit, daß ich Eurer Nichte einen Heirathsantrag machen könnte, zwischen Euch zur Sprache gekommen?«

»Ja wohl – ja wohl – und das mehr als einmal. Setzt Euch auf diesen Holzblock und hört an, was ich Euch zu sagen habe, und ich will Euch die ganze Geschichte erzählen. Susquesus, Ihr braucht Euch nicht so weit wegzusetzen in jene Ecke, Ihr, der Ihr ja doch auch ein Gentleman seyd, wenn gleich nur ein indianischer Gentleman; denn ich habe vor einem solchen Freunde, wie Ihr seyd, keine Geheimnisse. So kommt denn wieder hieher, Indianer, und nehmt Euren alten Platz ein, dicht neben mir, wie Ihr so oft an meiner Seite gewesen, wenn der Feind uns keck in der Fronte angriff.« Sureflint that ruhig, wie er geheißen war, während der Kettenträger sich zu mir wandte und in seiner Rede fortfuhr: »Ihr sollt sehen, Mortaunt, Junge, was die Umstände und die Wahrheit der Sache sind. Wie ich zuerst vom Feld zurückkam und ich voll war vom Stolz und der Autorität und den Gesinnungen eines Soldaten, begann ich mit Dus von Euch zu schwatzen, wie ich gewohnt gewesen war, mit Euch von Dus zu schwatzen. Und ich erzählte ihr, was für ein hübscher, kühner, stattlicher, großmüthiger, rechtschaffener junger Bursch Ihr seyet« – der Leser wird mir zu Gute halten, daß ich wiederhole, was Kettenträger in seiner parteilichen Vorliebe für mich so zuversichtlich aussprach – »und ich erzähle ihr von Euren im Kriege geleisteten Diensten, und von Eurem Witz, und wie Ihr uns Alle lachen gemacht, selbst wenn wir zur Schlacht marschirten, und welch einen Vater Ihr habet und welch einen Großvater, und Alles was ein guter und warmer Freund von seinem Freunde sagen kann und soll, wenn es wahr ist, und wenn er es einem hübschen jungen Mädchen erzählt, deren Herz heil ist, und von der er wünscht, daß sie eine Liebe fasse für eben diesen Freund. Nun, das Alles erzählte ich Dus, nicht nur einmal, Mortaunt, oder zweimal, sondern wohl zwanzigmal, das dürft Ihr mir glauben.«

»Dies macht mich nur um so neugieriger, zu hören, was Dus antworten konnte oder antwortete.«

»Ihre Antwort, Junge, ist es gerade, was die gegenwärtige Schwierigkeit zwischen uns verursacht. Lange Zeit sagte Dus wenig oder nichts. Manchmal machte sie ein herbes und spöttisches Gesicht, und lachte – und Ihr wißt, Junge, das Mädel kann das beides so gut als die meisten jungen Frauenzimmer. Manchmal fing sie ein Lied zu singen an, etwa von treulosen jungen Männern und von Jungfrauen, denen das Herz gebrochen. Manchmal sah sie traurig und bekümmert aus, und ich sah ihr Thränen ins Auge treten; und dann wurde ich selbst so sanft und weichherzig wie ein Mädel, wenn ich sah, daß sie, die so gerne und leicht lachte, Thränen vergoß.«

»Aber wie endete denn das Alles? Was kann denn vorgefallen seyn, was eine so große Veränderung in Euren Gesinnungen und Wünschen bewirkt hat?«

»Ha, Mortaunt, nicht sowohl meine Wünsche haben sich geändert, als meine Ansichten. Wenn man die Dinge gerade so haben könnte, wie man sie wünscht, Junge, so solltet Dus und Ihr Mann und Frau seyn, so weit es von mir abhängt, ehe acht Tage herum sind. Aber wir sind nicht unsere eigenen Herren, und nicht Herren über das Schicksal unserer Neffen und Nichten, so wenig als wir Herren unseres eigenen Schicksals sind. Aber ich will Euch jetzt erzählen, wie es zuging. Eines Tages, als ich dem Mädchen in der gewohnten Weise vorschwatzte, hörte sie Alles, was ich ihr zu sagen hatte, ernsthafter an als gewöhnlich, und dann antwortete sie mir ungefähr folgendermaßen: ›Ich danke Euch von Grund meines Herzens, Oheim Kettenträger,‹ sagte sie, ›nicht nur für Alles, was Ihr an mir gethan habt, als an der verwaisten Tochter Eurer Schwester, sondern auch für die Wünsche, die Ihr für mich hegt. Ich merke, daß die Idee, ich solle Euern jungen Freund, Mr. Mortaunt Littlepage, heirathen, tiefe Wurzeln in Eurem Gemüthe geschlagen hat, und es ist Zeit, ernstlich von der Sache zu reden. Als Ihr mit diesem jungen Gentleman als Kamerade lebtet, Oheim Kettenträger, da waret Ihr der Kapitän Coejemans, von den Linientruppen des Staates New-York, ein älterer Offizier als er, und es war ein ganz natürlicher Gedanke, Eure Nichte würde sich zur Gattin für ihn eignen. Aber es ist unsere Pflicht, ins Auge zu fassen, was wir jetzt sind, und vermuthlich bleiben werden. Major Littlepage hat Vater und Mutter, habe ich Euch sagen hören, Oheim Kettenträger, und auch Schwestern. Nun ist das Heirathen ein sehr ernsthaftes Ding. Eine Heirath soll fürs ganze Leben dauern, und Niemand sollte eine solche Verbindung eingehen, ohne alle Punkte und Verhältnisse recht zu erwägen. Es ist kaum möglich, daß Leute in der glücklichen Lage und dem Wohlstand dieser Littlepage's wünschen sollten, einen einzigen Sohn, den Erben ihres Namens und ihrer Güter, ein Mädchen aus den Wäldern zur Gattin nehmen zu sehen, – ein Mädchen, das nicht blos die Nichte eines Kettenträgers, sondern selbst auch Kettenträgerin gewesen ist, und das Nichts in ihre Familie mitbringen kann, was sie für dies Opfer entschädigte.«

»Und Ihr konntet es übers Herz bringen, Andries, ruhig zu bleiben und Ursula das Alles sagen zu lassen?«

»Ha, Junge, was konnte ich denn machen? Ihr hättet auch nicht anders gekonnt, Mortaunt, wenn Ihr gehört hättet, wie hübsch sie alle ihre Perioden zu drehen wußte – so habe ich es Euch nennen hören – und wie ihr jede Sylbe, die sie sprach, von Herzen kam. Dann war auch schon das Gesicht des Mädchens allein hinreichend, mich zu überzeugen, daß sie Recht hatte: sie sah so ernst und so traurig und so schön aus, Mortaunt! Nein, nein, wenn Einem eine Idee in den Kopf kommt mittelst solcher Worte und Mienen, mein Junge, so ist es keine so leichte Sache, derselben wieder los zu werden.«

»Ihr wollt doch nicht ernstlich sagen, Kettenträger, daß Ihr gemeint seyd, mir Dus zu versagen?«

»Dus wird das selbst thun, Junge, denn sie ist immer noch des Kettenträgers Nichte, und Ihr seyd noch immer General Little-Page's Sohn und Erbe. Versucht es einmal, und seht zu, was sie Euch sagen wird.«

»Aber ich habe es schon bei ihr versucht, wie Ihr es nennt: ich habe ihr meine Liebe erklärt, habe ihr meine Hand angeboten, und –«

»Und was?«

»Ha, sie antwortete mir nicht so, wie Ihr sagt, daß sie Euch geantwortet habe.«

»Hat das Mädel gesagt, sie wolle Euch nehmen, Mortaunt? Hat sie: Ja! gesagt?«

»Bedingterweise hat sie es gesagt. Wenn meine Großmutter freudig ihre Zustimmung gibt, und ebenso meine Eltern, und meine Schwester Kettletas und ihr Gatte, und meine lachende, lustige Kate, dann will Dus mich erhören.«

»Das ist seltsam! Ha, jetzt sehe ich, wie es ist; das Mädchen hat Euch selbst gesehen, und ist viel um Euch gewesen und hat mit Euch geschwatzt und gesungen und gelacht; und ich glaube, am Ende macht das einen Unterschied in ihrer Ansicht von Euch. Ich bin ein Junggesell, Mortaunt, und habe kein Weib und kein Liedchen, aber es ist leicht genug einzusehen, wie das Alles einen sehr großen Unterschied machen muß. Ich bin jedoch froh, daß der Unterschied doch nicht so groß ist, daß das Mädchen alle Eure Verwandten vergäße; denn wenn Jedermann seine Einwilligung gibt und wohl zufrieden ist, nun dann ist es nicht wahrscheinlich, daß der Umstand, daß ich ein Kettenträger bin, und Dus so arm und fast verlassen ist, später Euch nachgetragen werde und Euch bittere Gedanken und Empfindungen verursache.«

»Andries Coejemans, ich schwöre Euch, ich wollte gleich diesen Augenblick lieber Euer Neffe als der Schwiegersohn Washingtons selbst werden, wenn er eine Tochter hätte.«

»Das heißt, Ihr möchtet lieber Dus haben, als irgend ein anderes Mädchen Eurer Bekanntschaft. Das ist ganz natürlich, und mag bewirken, daß ich Euch eine Zeit lang Seiner Excellenz gleich gelte; aber wenn Ihr kälter überlegt und fühlt, mein lieber Junge, dann ist zu besorgen, daß Ihr doch einigen Unterschied entdeckt zwischen dem Generalkapitän und Oberbefehlshaber sämmtlicher amerikanischer Streitkräfte und einem armen Kettenträger, der in seinen besten Tagen nicht weiter als zu einem Kapitän in der Linie von New-York es gebracht hat. Ich weiß, Ihr liebt mich, Mortaunt; aber es ist zu besorgen, daß es auf die Länge doch nicht gerade die Art Liebe ist, wie zwischen Oheim und Neffen. Ich bin nur ein armer Holländer, wenn ich Alles sagen soll, ohne viel Erziehung und Bildung, und ohne Geld, und von wenig Manieren; während Ihr auf dem Collegium gewesen und ein Collegiumsgelernter seyd, und ein so stattlicher und tapferer Knabe, als nur Einer zu finden ist in den Staaten, wie wir jetzt die alten Colonieen nennen. Wäret Ihr ein Yankee, Mortaunt, ich wollte Euch zwanzig Mal heirathen und wieder geschieden sehen, ehe ich Euch das gestände; aber es kann Einer seiner Unwissenheit und schlechten Erziehung und seiner Schwächen sich wohl bewußt seyn, und es deßwegen doch nicht gern haben, daß man es ihm ins Gesicht sagt und daß ihn jeder Abcschütz, der aus Neu-England kommt, deshalb auslacht. Nein, nein, ich bin ein armer Holländer, das weiß ich: und das kann Einer einem Freunde wohl sagen, wenn er auch lieber stürbe, ehe er einem Feinde etwas von solcher Armuth gestände.«

»Ich würde gern dies Gespräch fortsetzen, Andries, und es zu einem glücklichen Ende bringen,« versetzte ich; »aber da kommen die Squatters Alle miteinander, und ich glaube, es ist irgend eine Maßregel oder ein Vorschlag im Werke. So wollen wir denn unsere Angelegenheiten aufschieben; und Ihr müßt nicht vergessen, daß ich keiner Eurer Ansichten und Entscheidungen beitrete. Dus muß die Meinige werden, wenn wir sie anders gegen die Fäuste dieser Elenden zu schützen im Stande sind! Ich habe auch darüber etwas mit Euch zu sprechen: aber jetzt ist dazu nicht der Augenblick.«

Der Kettenträger ergriff meine Hand, die er freundschaftlich drückte, und damit endete unser Gespräch. Wegen der Absichten Tausendacres' in Betreff Dus' war ich noch nicht aller Unruhe und Besorgnisse entledigt, obgleich der Sturm wonnevoller Gefühle, welcher durch meine Seele gezogen war, dieselben für jetzt in den Hintergrund drängte. Ich hegte durchaus keine Besorgniß, Ursula Malbone könnte sich je durch gewöhnliche Mittel bestimmen lassen, die Gattin Zephaniah's zu werden: aber ich zitterte bei dem Gedanken, was die Wirkung von Drohungen gegen mich und ihren Oheim seyn könnte. Auch war ich nicht ganz ruhig darüber, ob es nicht zur Ausführung dieser Drohungen kommen könnte. Es geschieht oft bei Verbrechen, ebenso wie bei Begehung gewöhnlicher Sünden, daß die Menschen von den Umständen fortgerissen werden, die sie zu Thaten drängen, vor welchen sie mit Entsetzen zurückgebebt wären, wenn sich ihnen die Begehung derselben geradezu, ohne Dazwischenkunft von Mittelursachen, dargestellt hätte. Aber offenbar nahte die Krisis heran, und ich erwartete ihre Entwicklung mit aller Kaltblütigkeit, die ich aufzubieten vermochte. Was den Kettenträger betrifft, so hegte er, der nichts wußte von der Besprechung in der Mühle, von welcher ich Zeuge gewesen war, keine Besorgnisse, daß von der Seite her, von welcher ich es am meisten fürchtete, Unheil kommen würde.

Der Tag war inzwischen weit vorgerückt, die Sonne war untergegangen und die Nacht stand nahe bevor, als Tobit und seine Brüder an die Thüre unseres Gefängnisses kamen und den Kettenträger und mich aufforderten, herauszukommen; Susquesus aber ließen sie zurück. Wir gehorchten bereitwilligst; denn ich empfand es doch schon als eine Art von Freiheit, außerhalb dieses Blockhauses zu seyn, mit ungefesselten Gliedmaßen, wenn auch über uns Beide scharfe Wache gehalten wurde. Zu meinen beiden Seiten schritt ein bewaffneter Mann, und der Kettenträger erhielt dieselbe Ehrengarde. Um dies Alles bekümmerte sich der alte Andries wenig. Er wußte und ich wußte, daß die Zeit nicht mehr fern seyn konnte, wo wir erwarten durften, von Frank Malbone zu hören; und jede Minute, welche verstrich, erhöhte unsere Zuversicht in dieser Beziehung.

Wir hatten etwa die Hälfte des Weges zwischen dem Vorrathshaus und der Wohnung Tausendacres', nach welcher wir unsre Schritte lenkten, zurückgelegt, als Andries plötzlich stehen blieb und sich die Erlaubniß erbat, mir ein Wort heimlich sagen zu dürfen. Tobit war in Verlegenheit, wie er dies Verlangen nehmen sollte; aber da offenbar der Wunsch obwaltete, ein leidliches Vernehmen mit dem Kettenträger zu erhalten, verstand er sich nach einer kleinen Pause dazu, mit seinen Brüdern einen weiten Ring um uns zu bilden, in dessen Mitte ich und mein alter Freund allein blieben.

»Ich will Euch sagen, was ich in dieser Sache für nöthig halte,« begann Andries, in halb flüsterndem Tone. »Es kann nicht mehr lang anstehen, bis Malbone zurück seyn wird mit den Constables und der bewaffneten Macht und weiter; wenn wir nun diesen Schurken sagen, wir wünschten unsern Feinden am lichten Tage gegenüber zu stehen, und hätten keinen Magen für Nachtwerk, vielleicht würden sie uns dann in das Gefängniß zurückführen, und so gewänne Frank mehr Zeit, hier anzukommen.«

»Es wird viel besser seyn, Kettenträger, wenn wir unsre Zusammenkunft mit diesen Squatters recht verlängern, damit Ihr und ich auf freiem Fuße, wenigstens nicht in dem Vorrathshause eingesperrt sind, wenn Malbone erscheint. In der Verwirrung können wir sogar vielleicht entkommen und uns unsern Freunden anschließen, was tausendmal besser seyn wird, als wenn sie uns in vier Wänden eingeschlossen treffen.«

Andries nickte mit dem Kopf, zum Zeichen seiner Zustimmung und von nun an schien er beflissen, die Sache hinauszuziehen, um Zeit zu gewinnen, statt sie zu einem baldigen Ende zu bringen. Sobald unser Gespräch zu Ende war, stellten sich die jungen Männer wieder neben uns und wir bewegten uns sämmtlich weiter.

Da die Finsterniß hereinbrach, hatte Tausendacres beschlossen, diesmal seinen Gerichtshof im Hause drinnen zu halten, wobei er Sorge trug, daß die Thüre gehörig bewacht wurde. In der innern Einteilung des Raumes eines amerikanischen ländlichen Hauses (cottage) ist wenig Abwechslung. Etwa zwei Drittel des Raums nimmt das Hauptgemach ein, welches den Feuerplatz Heutzutage hat der Kochheerd den ebenen Feuerplatz beinahe verdrängt. enthält, und sowohl als Küche als zum Wohnzimmer dient, während das übrige Gebäude in drei verschiedene Theile zerfällt; der eine derselben ist gewöhnlich ein kleines Schlafzimmer, der zweite ist die Milch- und Speisekammer, und der dritte enthält die Treppen oder Leitern, mittelst welcher man auf den obern Stock hinauf oder in den Keller hinabsteigt. Dies war die Einrichtung der Wohnung Tausendacres' und dies ist die Einrichtung von tausend ähnlichen Wohnungen im Lande. Der Landmann, dem es gut geht, ist jedoch selten lange mit einem so beschränkten ärmlichen Raume zur Wohnung zufrieden, und das kunstgerecht gezimmerte Haus, zwei Stockwerke hoch und mit fünf Fenstern in der Fronte, tritt bei ihm gewöhnlich bald an die Stelle der mehr hüttenartigen Behausung. Es ist in der That selten, daß ein amerikanisches Privatgebäude mehr als fünf Fenster in der Fronte hat; die wenigen Ausnahmen von der Regel, die man findet, sind Wohnungen von besonders vornehmen Familien; und die jene Zahl überschreitenden Fenster befinden sich gewöhnlich an den Flügeln. Einige unsrer alten, soliden, massiven steinernen Landhäuser haben hin und wieder acht bis neun solcher Oeffnungen, doch sind diese selten. Ich kann jedoch hier nicht von Landhäusern und Fenstern plaudern, da ich so wichtige und ernste Dinge zu erzählen habe.

Im Wald und besonders in den jüngern Theilen von New-York sind die Abende, selbst in den warmen Monaten, häufig kühl. In jener denkwürdigen Nacht war, wie ich mich wohl erinnere, die Luft so scharf, daß sie sogar einen Frost drohte, und Prudence hatte auf dem geräumigen Heerde ihres kunstlosen Kamins ein Feuer angezündet. Bei dem lustigen Lodern dieses Feuers, welches von Zeit zu Zeit neu angefacht wurde, durch dürres Holzwerk, dessen sich die amerikanischen Grenzer statt des Reisigs bedienen, fielen die Scenen vor, von welchen ich jetzt berichten will.

Wir fanden alle männlichen und einige weibliche Mitglieder der Familie in dem großen Gemach des schon genannten Hauses versammelt, als Kettenträger und ich eintraten. Tobits Weib jedoch, nebst noch ein Paar von der Schwesterschaft, war abwesend, ohne Zweifel um Dus zu bewachen. Lowiny stand, wie ich bemerkte, ganz nahe beim Feuer, und das Gesicht des Mädchens schien mir traurig und nachdenklich. Man wird mich hoffentlich nicht beschuldigen, ein eitler Geck zu seyn, wenn ich beifüge, daß mir der Gedanke durch den Sinn fuhr: die äußere Erscheinung und das Benehmen eines jungen Mannes, so hoch über denen stehend, mit welchen sie zu verkehren gewohnt war, habe einen leichten Eindruck gemacht, ich will nicht sagen auf das Herz, wohl aber auf die Einbildungskraft dieses Mädchens, und Gefühle in ihr geweckt, welche sich in ihrer bisherigen Handlungsweise bethätigt hatten, während der Schatten, der jetzt ihre Stirne überzog, wenigstens eben so sehr auf Rechnung der Scene zwischen Dus und mir, bei dem Felsen, wovon sie Zeugin gewesen, als des Umstandes zu schreiben war, daß sie mich wieder als Gefangenen sah. Die Freundschaft dieses Mädchens konnte auch jetzt noch von Wichtigkeit für mich seyn, und noch mehr für Ursula, und ich will gern bekennen, daß die Besorgniß, sie zu verlieren, mir nichts weniger als angenehm war. Ich konnte jedoch nur die Entwicklung der Zeit abwarten, um hierüber, so wie über andere höchst interessante Punkte, zu einer Gewißheit zu gelangen.

Tausendacres war so artig, uns Stühle geben zu lassen, und wir nahmen demgemäß Platz. Wie ich mich in diesem ernsten und aufmerksamen Kreis umsah, konnte ich keine Spuren von Feindseligkeit entdecken; im Gegentheil, alle Gesichter schienen friedlicher, als wie wir uns das letzte Mal trennten. Ich betrachtete dies als eine Vorbedeutung, daß mir und meinem Freunde Vorschläge gemacht werden würden, welche auf Frieden abzielten. Hierin täuschte ich mich nicht; die ersten Worte, welche gesprochen wurden, trugen diesen Charakter an sich.

»Es ist Zeit, Kettenträger,« begann Tausendacres selbst, »daß dieser Handel zwischen uns zu einer Art von Ende gebracht werde. Er hält die Jungen von ihrer Holzarbeit ab und bringt meine ganze Familie in Unruhe. Ich kann von mir selbst sagen, daß ich ein Mann bin, der Vernunft annimmt, und bin so bereit, einen Zwist auszugleichen und beizulegen auf billige Bedingungen als irgend ein Mann, den Ihr im ganzen Lande finden könntet. Viele Händel und Zwistigkeiten habe ich in meinem Leben ausgeglichen und ins Reine gebracht, und ich bin auch jetzt nicht zu alt dazu, dergleichen zu schlichten. Manchmal habe ich die Sache ausgefochten, wenn ich auf einen hartnäckigen Kameraden stieß; manchmal habe ich es Schiedsrichtern überlassen, und manchmal habe ich die Sache selbst ins Reine gebracht. Kein Mann kann sagen, er habe mich je abgeneigt gefunden, der Vernunft mein Ohr zu leihen, oder er habe mich eine gerechte Sache aufgeben sehen, so lang nur noch ein Stückchen von einer Möglichkeit war, sie zu verteidigen. Ich will gestehen, daß ich, von der Zahl und Menge überwältigt und von Eurem verfluchten Gesetz überwitzt, ein oder zwei Mal in meinem Leben, noch jung und unerfahren, den Kürzern zog, und so gleichsam gezwungen ward, mich aus dem Staube zu machen. Aber Uebung macht den Meister. Ich habe in siebzig und mehr Jahren so viel gesehen und erlebt, daß ich gelernt habe, die Zeit und die Gelegenheit beim Stirnhaar zu fassen, und in Geschäften und Handeln keine Verzögerung leiden mag. Ich betrachte Euch, Kettenträger, als einen Mann ungefähr wie ich selbst, vernünftig, erfahrungsreich und bereit, sich zu verständigen. Ich sehe daher keine große Schwierigkeit darin, diese Sache auf der Stelle ins Reine zu bringen, so daß es zwischen uns keine Erbitterung und keine hitzigen Worte mehr gibt. Das sind meine Gedanken, und ich würde gern auch die Eurigen vernehmen.«

»Da Ihr, Tausendacres, in so höflichem und artigem Tone mit mir sprecht, so bin ich gern bereit, Euch anzuhören und Euch in demselben Sinne zu antworten,« erwiederte der alte Andries, und sein Gesicht verlor viel von dem entschlossenen und zornigen Ausdruck, mit welchem er noch seinen Sitz in dem Kreise eingenommen hatte. »Nichts ziemt einem Manne besser als Mäßigung, und ganz besonders einem alten Manne. Ich glaube jedoch nicht, daß eine so große Aehnlichkeit besteht zwischen Euch und mir, Tausendacres, in irgend einem Punkte, außer darin, daß wir Beide alt sind. Wir sind Beide ziemlich vorgerückt in Jahren, und haben einen Zeitpunkt des Lebens erreicht, wo es einem Manne wohl ansieht, die großen Wahrheiten zu prüfen und darüber nachzudenken, die sich in seiner Bibel finden. Die Bibel ist ein Buch, Aaron, das nicht genug gelesen wird in den Wäldern; obgleich der allmächtige Gott ganz dieselben Rechte auf die Verehrung und Anbetung seiner Geschöpfe in den Wäldern, wie auf die Verehrung und Anbetung seiner Geschöpfe in den Ansiedlangen hat. Ich sage Euch das nicht, Tausendacres, um mit meinem Wissen und meiner Gelehrsamkeit zu prahlen: denn Alles, was ich selbst über den Gegenstand weiß, habe ich von Dus, meiner Nichte, welche so gut und so willig und so geschickt ist, dergleichen Materien zu erklären, als irgend ein Dominie, mit dem ich je gesprochen. Ich wünschte, Ihr hörtet sie selbst auch; Ihr und Prudence; und dann würdet Ihr, glaube ich, zugeben, daß ihre Reden sehr erbaulich und förderlich sind. Jetzt, da Ihr in der rechten Stimmung zu seyn scheint, ist es eine gute Zeit dazu, daß Euch diese Wohlthat zu Theil werde; denn man sagt mir, meine Nichte sey hier und in der Nähe.«

»So ist es; und es freut mich, daß Ihr ihres Namen so bald ins Gespräch gebracht habt; denn es war meine eigene Absicht, ihn zu erwähnen. Ich sehe, wir haben die gleiche Ansicht von dem jungen Mädchen, Kettenträger, und ich hoffe und glaube, sie soll das Mittel werden, alle Parteien zu versöhnen und uns zu guten Freunden zu machen. Ich habe nach dem Mädchen geschickt, und sie wird bald hieher kommen mit Tobits Weib, die schon wundervoll große Stücke auf sie hält!«

»Wohl, weil Ihr von wundervollen Dingen sprecht, Wunder werden nie aufhören zu geschehen, glaube ich!« rief der Kettenträger aus, denn er glaubte in der That, die Familie des Squatters sey plötzlich von einer religiösen Regung und Erweckung angewandelt worden, und es bereite sich Etwas wie eine Bekehrung vor. »Ja, ja, es ist so; wir finden Wunder, wenn wir es am wenigsten erwarten; und das eben macht die Wunder so wunderbar!«

 

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