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Der Kettenträger

James Fenimore Cooper: Der Kettenträger - Kapitel 25
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authorJames Fenimore Cooper
titleDer Kettenträger
publisherVerlag von S. G. Liesching
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Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Allein, im Schatten dicht, verlebten sie
Den Tag, den ländlichen, in einklangvollem
Verkehr, das Herz ausströmend im Gespräch,
Mit Blick und Seufzern Unsagbares kündend.

Thomson.

 

Das war ein fast athemloser Augenblick. Die Spannung, womit ich auf einen Laut horchte, der verkündigen könnte, daß ich entdeckt sey, war in der That peinlich. Ich bildete mir fast ein, einen Schrei zu hören, aber es erfolgte keiner. Dann gab ich mich förmlich verloren, weil ich glaubte, es eilten Schritte gegen die Mühle und ich würde alsbald wieder ergriffen werden. Aber es war bloße Einbildung; das Rauschen des Wassers drunten war der einzige Laut, der in der Wirklichkeit die Stille des Ortes unterbrach. Ich hatte Zeit zu athmen und mich umzuschauen.

Wie man sich denken kann, war die Mühle sehr roh gebaut und zusammengesetzt. Ich habe von einem obern Stockwerk gesprochen, aber es war da Nichts, was eigentlich diesen Namen verdiente. Einige ausgeschossene Dielen waren da und dort auf den Balken herumgelegt worden und bildeten Bruchstücke von kunstlosen Fliesen; und meine erste Sorge war, einige dieser Dielen nahe zusammen zu rücken, indem ich zwei oder drei aufeinander legte, um mir eine Stätte zu bereiten, wo ich, wenn ich mich niederlegte, von Niemand, der zufällig in die Mühle käme, gesehen werden könnte. Es lag da eine Anzahl Kirschbaumholzdielen in geringer Entfernung von der Stelle, wo das Dach sich an das flache Gebäude anschloß, und unter diesen wählte ich mir meinen Versteck. Es war keine auffallende Veränderung nöthig, um mir diesen zuzurichten, sonst hätte der Versuch seine großen Gefahren gehabt bei Menschen, welche so sehr gewohnt waren, jeden Umstand dieser Art genau zu beachten. Die Art, wie das Holz gelegen war, als ich die Mühle erreichte, war so wenig verschieden von dessen Gruppirung, nachdem ich mit meinem Versteck im Reinen war, daß es kaum einem Auge bemerklich seyn konnte.

Sobald ich nun mit meinem Schlupfwinkel so weit fertig war, schaute ich mich um, ob sich wohl Gelegenheit darböte, Beobachtungen nach außen anzustellen. Das Gebäude war nicht mit Schindeln gedeckt, aber der Regen wurde abgehalten durch Schwartenbretter, die kreuzweise gelegt waren, wie man es oft bei der rohen, ländlichen Bauart auf den Grenzgebieten Amerika's findet. Mittelst meines Messers hatte ich bald ein kleines Loch zwischen zwei solchen Schwartenbrettern gemacht an einem für meinen Zweck günstigen Punkte; und obgleich das Loch nicht größer war als mein Auge, genügte es doch ganz für meinen Zweck. Mit lebhafter Begierde stellte ich nun meine Beobachtungen an.

Die Nachsuchung wurde noch immer eifrig fortgesetzt. Diese erfahrenen Grenzmänner wußten wohl, daß ich unmöglich in der kurzen Zeit zwischen meinem Verschwinden und der Entdeckung dieses Umstandes hatte über den offnen Platz kommen und die Wälder erreichen können, und waren demgemäß fest überzeugt, daß ich irgendwo in der Nähe des Gebäudes versteckt seyn müsse. Jedes Haus wurde durchsucht, aber Niemand dachte daran, die Mühle zu betreten, weil Alle voraussetzten, ich müsse mich nothwendig nach der entgegengesetzten Richtung gewendet haben. Die Zäune und Hecken wurden durchsucht, und Alles was nur irgend einem Versteck gleich sah auf der entsprechenden Seite des Hauses mit Emsigkeit und Aufmerksamkeit durchstöbert. Es schien, gerade als ich den ersten Blick durch das Loch that, daß meine Verfolger ganz rathlos waren. Die Nachsuchung war vollendet und natürlich ohne Erfolg. Kein Ort, wo ich denkbarer Weise versteckt seyn konnte, blieb mehr zu durchsuchen übrig. Man mußte die Sache aufgeben und über weitere Maßregeln, meiner habhaft zu werden, sich verständigen.

Die Familie der Squatter war zu sehr an ihre Lage und die damit verbundenen Wechselfälle und Gefahren gewohnt, als daß sie nicht ganz vertraut gewesen wären mit allen von den Umständen gebotenen Maßregeln und Vorkehrungen. Sie stellten die jüngern Kinder als Späher aus auf den Punkten, welche für meinen Rückzug die günstigsten waren, falls ich in der Lage war, einen Versuch zu machen, nach jener Seite der Lichtung hin zu entfliehen; und dann versammelte der Vater seine ältern Söhne um sich, und der ganze Haufe, sieben an der Zahl, schritt langsam der Mühle zu. Die Aufregung der ersten Verfolgung hatte sich merklich gelegt, und die erfahrenen Waldmänner waren in ernster Berathung über die zunächst zu ergreifenden Maßregeln. Zu dieser Verfassung trat die ganze Gesellschaft in die Mühle, und sie setzten sich oder standen in einem Kreis herum gerade unter mir, und nur etwa sechs Fuß von mir entfernt. Natürlich hörte ich Alles, was gesprochen wurde, obgleich ich ihren Blicken vollständig entzogen war.

»Hier werden wir sicher seyn vor den langen Ohren des kleinen Volkes,« sagte der Vater, indem er sich mit seiner riesigen Gestalt auf den Klotz niederließ, welcher zunächst zersägt werden sollte, »das ist etwas ganz Unerklärliches. Tobit, und ich hatte gar keine Idee davon, daß die in der Stadt aufgewachsenen Leute so hurtig und flink mit ihren Beinen seyn könnten. Ich meine manchmal, er kann kein Littlepage seyn, sondern er ist Einer von unsern Gebirgsleuten, aufgestutzt und von Manieren wie die Stadtleute, um Einen hinters Licht zu führen. Es scheint eine Unmöglichkeit, daß der Mann aus unserer Mitte entkommen konnte, ohne daß wir ihn sahen oder hörten!«

»Wir könnten ebenso gut das geschnittene Holz und die Meliorationen sogleich aufgeben,« brummte Tobit, »als ihn entspringen lassen. Sollte er Ravensnest erreichen, so wäre das Erste, was er thäte, daß er gegen uns schwöre und Verhaftbefehle gegen uns Alle auswirkte, und Newcome ist nicht der Mann, Squattern in Bedrängniß beizustehen. Er würde sowenig wagen, seinen Grundherrn zu verläugnen, als ein Bethaus.«

Dieser Ausdruck Tobit's ist bemerkenswerth. Nach der Anschauungsweise einer gewissen Klasse von Religionsbekennern unter uns nahm das Bethaus, (oder Versammlungshaus), wie der junge Squatter seine Kirche nannte, den höchsten Rang unter allen Potentaten und Mächten ein; ja es steht zu besorgen, oft selbst einen höhern als das heilige, mit Ehrfurcht anzubetende Wesen, zu dessen Verehrung das Bethaus bestimmt ist.

»Ich denke denn doch nicht so schlimm von dem Squire,« versetzte Tausendacres. »Er wird keinen Verhaftbefehl gegen uns ausstellen, ohne uns auch durch einen Boten davon zu benachrichtigen, und zwar zeitig genug, daß wir uns noch Alle davon machen können.«

»Und wer soll die Bretter im Bach aus dem Wege schaffen, ehe das Wasser steigt? Und wer soll die Blöcke und Stämme alle verstecken oder wegführen? Es steckt mehr als eine Tonne Gewicht von meinem Blut und meinen Knochen in den Klötzen, in Gestalt von harter, saurer Arbeit, und ich will kämpfen wie eine Bärin um ihre Jungen, ehe ich mich unbezahlt davon weg drängen lasse.«

Es ist in der That befremdend, daß Einer, der solch einen verzweifelten Werth in die Güter setzte, die er als sein Eigenthum ansah, so gar wenig Achtung für das Eigenthum Anderer haben sollte. In dieser Hinsicht jedoch war Tobit's Denkweise eben nur im Einklang mit dem allgemeinen Gesetz unserer schwachen Natur, vermöge dessen sich die Bilder vor unserem moralischen Auge umkehren, genau in dem Verhältniß, wie sich unsere Beziehungen zu ihnen verändern.

»Es müßte mir hart geben, ehe ich das Holz oder die Lichtung aufgäbe.« versetzte Tausendacres mit Nachdruck. »Wir haben gegen König George für die Freiheit gefochten, und warum sollten wir nicht für unser Eigenthum fechten? Was nützt uns überhaupt die Freiheit, wenn sie nicht Einem hilft, ungefährdet aus einem Handel dieser Art loszukommen? Ich verachte eine solche Freiheit, Ihr Jungen, und begehre ihrer nicht.«

Sämmtliche junge Männer murmelten ihre Beistimmung zu einer solchen Gesinnung, und es war leicht genug zu begreifen, daß die hohen Begriffe von persönlichen Rechten, welche Tausendacres hegte, ein entsprechendes Echo fanden in der Brust eines Jeden seiner heroischen Söhne. Ich glaube fast, dieselbe Sympathie hätte zwischen ihnen bestanden, wären sie eine Bande Taschendiebe gewesen, zur Berathung versammelt in einem Zimmer des Schwarzen Rosses, St. Katharinengasse, in Wapping, zu London.

»Aber was können wir mit dem jungen Laffen thun, Vater, falls wir ihn wieder fangen?« fragte Zephaniah; eine Frage, die, wie Jeder einsieht, mich nicht wenig interessiren mußte. »Man kann ihn nicht lange hier eingesperrt halten, ohne daß ein Lärm entsteht und man ihn aufsucht, und das würde uns früher oder später zum Verderben gereichen. Wir mögen ein klares Recht auf die Arbeit und das Werk unserer Hände haben; aber im Ganzen glaube ich fast, das Land ist gegen die Squatters.«

»Wer fragt nach dem Lande?« erwiederte Tausendacres finster. »Wenn es ihm um den jungen Littlepage zu thun ist, so mag es kommen und ihn suchen, wie wir auch gethan haben. Wenn dieser junge Bursche wieder in meine Hände fällt, so kommt er nicht mehr lebend davon, wenn er mir nicht eine gute und genügende Urkunde ausstellt über die Verleihung von zweihundert Acres, die Mühle mit eingeschlossen, und eine Quittung, in seines Vaters Namen, über alle rückständigen Ansprüche. Hinsichtlich dieser zwei Punkte bin ich fest entschlossen, und mein Entschluß bleibt unabänderlich.«

Eine lange Pause folgte auf diese kecke Erklärung, und ich begann zu fürchten, meine halbunterdrückten Athemzüge möchten in der nun eingetretenen tiefen Stille gehört werden. Aber Zephaniah begann zu sprechen, zur rechten Zeit, um mich dieser Besorgniß zu entledigen, und in einer Weise, die mich überzeugte, daß die Gesellschaft unten, welche insgesammt meinen Blicken entzogen war, dem, was ihr Haupt gesagt, nachgesonnen, und keineswegs gehorcht hatte, um verrätherische Laute von mir zu erlauschen.

»Ich habe behaupten gehört,« bemerkte Zephaniah, »daß Urkunden in solcher Weise ausgestellt, vor dem Gesetz keine Gültigkeit haben. Squire Newcome sprach von solchen Sachen gerade das letzte Mal wie ich auf dem Neste war.«

»Ich möchte nur, daß Einer ausfindig machte, was denn vor dem Gesetz Gültigkeit haben soll!« brummte Tausendacres. »Sie machen ihre Gesetze, und machen großes Aufheben davon, daß man sie beobachten müsse; und dann, wenn ein Mann vor den Gerichtshof kommt, und hat Alles gethan und erfüllt nach ihren eigenen Regeln, fahren fünf oder sechs Attorneys auf und bellen: das ist gegen das Gesetz! Wenn eine Urkunde so und so ausgefertigt worden, und der Namen an der und der Stelle darunter geschrieben, und überdies ›Hand und Siegel und Datum‹ wie sie es nennen, haben soll, und wenn dies das Gesetz ist, so möchte ich doch wissen, warum ein so ausgefertigtes Instrument nicht gültig seyn sollte vor ihren verwünschten Gesetzen? Gesetz ist Gesetz in der ganzen Welt, denke ich; und obgleich es ein verfluchtes Ding ist, – wenn einmal die Menschen übereinkommen, es haben zu wollen, so sollten sie auch bei ihren eigenen Regeln bleiben. Ich habe viel darüber nachgedacht, Briefe und Handschrift von diesem jungen Littlepage herauszupressen; und gerade jetzt, wo ich entschlossen bin, es zu thun, falls ich ihn wieder in meine Hände bekomme, kommt Ihr und sagt mir, eine solche Schrift gelte Nichts. Zeph, Zeph, – Du gehst mir zu oft hinaus auf die Ansiedlungen, und läßt Dir das Gemüth verkehren durch ihre Sünden und ihr Geschwätz.«

»Ich hoffe nicht, Vater, obgleich ich gestehe, daß ich gern hingehe. Ich bin in ein Alter getreten, wo ein Mann wohl daran denkt, zu heirathen, und da hier kein Mädel ist, es wäre denn eine meiner Schwestern, ist es natürlich genug, daß ich mich auf der nächsten Ansiedlung umsehe. Ich will bekennen, das ist mein Zweck gewesen, warum ich nach dem Neste gegangen bin.«

»Und Ihr habt das Mädel gefunden, auf das Ihr etwas haltet? Heraus mit der ganzen Wahrheit wie ein Mann! Ihr wißt, ich bin immer gegen das Lügen gewesen, und habe mich immer bemüht. Euch Alle zur Wahrheit anzuhalten. Wie ist es, Zephaniah? habt Ihr ein Mädel nach Eurem Sinn und Geschmack gefunden, und wer ist sie? Unsere Familie ist eine solche, in die Jedermann Aufnahme findet, wenn er darum bittet, das wißt Ihr.«

»Herr im Himmel, Vater? Dus Malbone würde so wenig sich einfallen lassen, mich zu bitten, sie zu nehmen, als sie daran denken würde, Euch zu heirathen! Ich habe dreimal meinen Antrag gemacht; und sie hat mir so gerade heraus, als eine Frau sprechen kann, erklärt, daß sie sich nicht dazu entschließen könne, und daß ich nicht mehr an sie denken solle.«

»Wer ist das Mädel in dieser Gegend des Landes, das den Kopf so viel höher trägt, als einer von Tausendacres' Söhnen?« fragte der alte Squatter, mit solchem wirklichem oder erheucheltem Staunen, wie etwa ein Bourbon empfinden und an den Tag legen möchte, wenn man eine Allianz mit ihm wegen des Blutes ab lehnte. »Ich möchte das junge Frauenzimmer wohl auch sehen und ein Wort mit ihr sprechen. Wie habt Ihr sie genannt, Zeph?«

»Dus Malbone, Vater; das junge Frauenzimmer, das bei Kettenträger lebt. Sie ist seine Nichte, glaube ich, oder etwas der Art.«

»Ha! Kettenträgers Nichte, sagt Ihr? Seine angenommene Tochter? Ist hier nicht ein Mißverständniß?«

»Dus Malbone nennt den alten Andries ›Oheim Kettenträger‹; und ich vermuthe deshalb, daß sie seine Nichte ist.«

»Und Ihr habt dem Mädchen drei Mal Heirathsanträge gemacht, habt Ihr gesagt, Zephaniah?«

»Drei Mal, Vater; und jedes Mal war die Antwort, die sie gab: ›Nein!‹«

»Vielleicht beim vierten Mal ändert sie ihren Sinn. Ich wäre begierig, zu wissen, ob wir uns dieses Mädchens nicht bemächtigen und sie auf die Ansiedlung bringen könnten. Lebt sie beim Kettenträger in seiner Hütte, hier außen im Wald?«

»Ja, Vater.«

»Und hält sie etwas auf ihren Oheim? oder gehört sie zu der leichtfertigen Art, die mehr an sich und schöne Kleider denken, als an ihr Fleisch und Blut? Könnt Ihr mir das sagen, Zeph?«

»Nach meinem Urtheil, Vater, liebt Dus Malbone den Kettenträger nicht weniger, als wenn er ihr leiblicher Vater wäre.«

»Ja, manche Mädels haben nicht halb so viel Liebe und Ehrfurcht für ihre leiblichen Väter, als sie haben sollten. Was hindert Euch, Zephaniah, nach des Kettenträgers Hütte zu gehen, und dem Mädchen zu sagen, daß ihr Oheim in Bedrängniß sey, und daß Ihr nicht wisset, was ihm begegnen könne, und daß sie gut daran thäte, herüber zu kommen und nach ihm zu sehen! Wenn wir sie hier haben, und sie begreift die Natur des Falles, und Ihr zieht Eure Sabbathskleider an, und wir lassen den Squire Newcome kommen, so dürftet Ihr Euch vielleicht verheirathet sehen eher als Ihr es denkt, mein Sohn, und könnt Euch dann Euern Plan fürs Leben machen. Und dann wird wenig Gefahr mehr seyn, das Kettenträger gegen uns aussage, oder daß sein vertrauter Freund hier, der Major Littlepage, uns in unserem Wesen mit dem Holz störte, ehe das Wasser steigt.«

Ein Gemurmel des Beifalls folgte auf diesen merkwürdigen Vorschlag, und ich meinte, ein freudiges Gekicher des jungen Mannes zu hören, wie wenn er den Vorschlag nach seinem Geschmack fände und ihn für wohl ausführbar hielte.

»Vater,« sagte Zephaniah, »ich wünschte, Ihr riefet Lowiny hieher und sprächet ein wenig mit ihr über Dus Malbone. Dort ist sie, mit Tobit's Weib und mit der Mutter, und sieht sich unter den Krautköpfen um, als ob an einem solchen Platz ein Mann versteckt seyn könnte.«

Tausendacres rief seine Tochter in herrischem Tone herbei und bald hörte ich die Schritte des Mädchens, wie sie, etwas zögernd wie mich dünkte, in die Mühle kam. Da es in der Lage, worin Lowiny sich befand, eine sehr nahe liegende Vermuthung war, ihre Mithülfe zu meiner Flucht sey der Grund dieser Berufung, so konnte ich mich der Theilnahme an der Angst des armen Mädchens, womit sie dieselbe vernehmen mußte, nicht erwehren.

»Kommt her, Lowiny,« begann Tausendacres in der strengen Art, worin er mit seinen Kindern zu sprechen gewohnt war; »kommt näher, Mädchen. Wißt Ihr Etwas von einer gewissen Dus Malbone, des Kettenträgers Nichte?«

»Der Herr sey uns barmherzig! Vater, wie habt Ihr mich erschreckt! Ich glaubte, Ihr habet den Gentleman gefunden, und meinet, ich hätte die Hand mit im Spiele gehabt!«

So sonderbar es scheinen mag, diese Manifestation eines bösen Gewissens erregte bei keinem der Anwesenden Verdacht. Als das Mädchen sich selbst verrieth, erwartete ich natürlich, es werde nun ein Verhör folgen, bei welchem man von ihr alle nähern Umstände herauspressen werde. Aber das war ganz und gar nicht der Fall; weder der Vater noch einer von den Söhnen verstand die unvorsichtigen Aeußerungen des Mädchens, sondern sie schrieben sie auf Rechnung der eben herrschenden Aufregung und des Umstandes, daß ihr Gemüth ganz natürlich sich mit der Veranlassung derselben beschäftigt habe. Wahrscheinlich kam gerade auch die so ganz zufällige Art meines Entkommens, welche zur Folge hatte, daß keine verdächtigenden Umstände sich an das knüpften, was wirklich vorgefallen war, Lowiny bei dieser Gelegenheit zu Statten, da es unmöglich war, daß irgend welche Umstände dieser Art auf eine sie verdächtigende Weise gedeutet wurden.

»Wer spricht jetzt von dem jungen Littlepage, oder denkt auch nur an ihn?« versetzte Tausendacres etwas zornig. »Ich frage, ob Ihr Etwas wisset von Kettenträgers Nichte, – einer gewissen Dus Malbone, oder Malcome?«

»Ich weiß Etwas von ihr, Vater,« antwortete Lowiny, bereit genug, eines – das geringere – von ihren Geheimnissen zu verrathen, um das größere zu verhehlen, welches in jeder Beziehung bei weitem das wichtigere war, »obgleich ich sie nie mit Augen gesehen bis heute. Zeph hat mir oft von dem Mädchen gesprochen, das einen ganzen Monat lang mit ihrem Oheim die Meßketten trug; und er hat Lust, sie zu heirathen, wenn er sie bekommen kann.«

»Sie mit Augen gesehen bis heute! Wo habt Ihr sie denn heute mit Augen gesehen, Mädel?«

»Sie kam mit ihrem Oheim bis an den Saum der Lichtung und –«

»Nun, und was dann weiter? Warum fahrt Ihr nicht fort, Lowiny?«

Ich hätte Tausendacres sagen können, warum seine Tochter stockte; aber das Mädchen half sich durch ihre eigene Geistesgegenwart aus der Klemme, und durch einen Scharfsinn, dem vielleicht einige Uebung in Sünden dieser Art zu statten kam.

»Ha, ich ging diesen Vormittag Beeren zu sammeln, und droben bei dem Beerenplatz, gerade am Saum der Wälder, sah ich ein junges Frauenzimmer, und das war eben das Mädchen Malbone. So schwatzen wir denn miteinander und sie erzählte mir Alles. Sie wartet, bis ihr Oheim zurückkommt.«

»So, so; das ist in der That eine Neuigkeit, Ihr Jungen! Wißt Ihr, wo das Mädel jetzt ist, Lowiny?«

»Im Augenblick gerade nicht, denn sie hat mir gesagt, sie wolle tiefer in den Wald hinein gehen, um nicht gesehen zu werden; aber eine Stunde vor Sonnenuntergang will sie an den Fuß des großen Kastanienbaums kommen, gerade gegenüber von dem Beerenplatz; und ich habe ihr versprochen, sie dort zu treffen und sie entweder hieher zu führen, daß sie in einem unserer Häuser schlafe, oder ihr etwas zum Essen zu bringen und Betten zum Schlafen.«

Dies sagte sie mir Freimuth und mit dem Gefühl und der Theilnahme, welche Frauen so häufig für einander zeigen. Es war unverkennbar, daß die Zuhörer Lowiny's jedes Wort glaubten, das sie gesagt hatte: und der alte Mann namentlich beschloß augenblicklich zu handeln. Ich hörte ihn von seinem Sitz aufstehen, und seine Stimme tönte wie die eines sich Entfernenden, als er sagte: »Tobit – Ihr Jungen – kommt mit mir, und wir wollen noch einmal den jungen Burschen in dem Holzwerk und den Häusern suchen. Vielleicht hat er sich dorthin geschlichen, während unsere Blicke nach der entgegengesetzten Seite gerichtet waren, Lowiny, Ihr braucht nicht mit uns zu gehen, denn das bange und fahrige Wesen von Euch Mädels thut nicht gut bei einer solchen Durchsuchung.«

Ich wartete, bis der letzte schwere Schritt nicht mehr hörbar war und wagte mich dann, auf den Händen kriechend, so weit vor, bis ich an eine Spalte gelangte, die ich absichtlich gelassen hatte, um dadurch gelegentlich einen Blick hinabwerfen zu können. Auf den Block, welchen ihr Vater so eben verlassen, hatte sich Lowiny gesetzt. Ihr Auge spähte an dem obern Theil der Mühle herum, als wenn sie mich suchte. Endlich sagte sie mit gedämpfter Stimme:

»Seyd Ihr noch hier? Vater und die Jungen können uns jetzt nicht hören, wenn Ihr leise sprecht.«

»Ich bin hier, gute Lowiny, Dank Eurer freundschaftlichen Güte, und habe Alles gehört, was gesprochen wurde. Ihr habt Ursula Malbone gesehen und ihr mein Briefchen gegeben?«

»So wahr als Ihr hier seyd, habe ich das gethan; und sie hat es so oft gelesen, ich glaube, sie muß es auswendig wissen.«

»Aber was hat sie gesagt? Trug sie Euch keine Botschaft auf an ihren Oheim – keine Antwort auf das, was ich ihr geschrieben?«

»Oh, sie hatte gar viel zu sagen – Mädchen plaudern gern, wißt Ihr, wenn sie zusammen kommen, und Dus und ich plauderten wohl eine halbe Stunde oder länger mit einander. Sie hatte mir eine Menge zu sagen, aber es geht nicht an, daß ich jetzt hinsitze und es Euch erzähle, denn es könnte doch Jemand aufmerksam werden, wenn ich so lang in der Mühle bliebe.«

»Ihr könnt mir doch sagen, ob sie eine Botschaft geschickt hat oder eine Antwort auf meinen Brief?«

»Sie sprach keine Sylbe von dem, was Ihr an sie geschrieben. Ich will dafür stehen, sie weiß wohl reinen Mund zu halten, wenn sie eine Zeile von einem jungen Manne bekommt. Haltet Ihr sie für so verzweifelt schön, als Zeph behauptet, daß sie sey?«

Dies deutete auf nichts Gutes, aber es war eine Frage, welche die Klugheit gebot zu beantworten und zwar mit einiger Vorsicht. Wenn ich die Dienste Lowiny's verlor, so war meine Hauptstütze dahin.

»Sie ist lieblich genug anzusehen, aber ich habe in jüngster Zeit ganz ebenso schöne junge Frauenzimmer gesehen. Aber schön oder nicht, sie ist eine Angehörige Eures Geschlechts, und darf in ihrer Noth und Bedrängniß nicht verlassen werden.«

»Ja, wahrhaftig,« versetzte Lowiny mit einem Ausdruck ihres Gesichts, der mir sogleich verrieth, daß die besseren Gefühle ihres Geschlechts alle wieder in ihr wach geworden waren, »und ich will sie auch nicht verlassen, selbst wenn mich der Vater aus der Ansiedlung jagte. Ich bin dieses ganzen Squatterlebens satt und meine, die Leute sollten so viel als möglich an Einer Stelle wohnen bleiben. Was ist das Beste, was sich thun läßt in Bezug auf Dus Malbone – vielleicht würde sie den Zeph doch nicht ungerne heirathen?«

»Habt Ihr, während Ihr bei ihr waret, etwas gesehen oder gehört, was Euch dies glauben macht? Ich bin sehr verlangend, zu hören was sie gesprochen.«

»Ha! sie hat eine Menge Zeugs gesprochen, am meisten von dem alten Kettenträger. Euren Namen hat sie nicht ein einziges Mal genannt.«

»Hat sie Zephaniah's Namen genannt? Ich zweifle nicht, daß die Sorge um ihren Oheim sie am meisten anfocht. Was sind ihre Absichten, und wird sie in der Nähe jenes Baumes bleiben, bis Ihr kommt?«

»Sie verweilt unter einem Felsen, nicht weit von dem Baum entfernt, und dort wird sie bleiben, bis ich wieder komme, sie bei dem Kastanienbaum aufzusuchen. Wir besprachen uns unter dem Felsen, und es ist ganz leicht, sie dort zu finden.«

»Wie sehen die Sachen in unserer Nähe aus? Könnte ich wohl herabsteigen, in das Bett des Flusses hinabkriechen, und zu Dus Malbone hinübergehen, um sie zu warnen vor der ihr drohenden Gefahr?«

Lowiny antwortete mir beinahe eine Minute lang nicht und ich begann zu fürchten, ich habe wieder eine unkluge Frage an sie gestellt: das Mädchen schien ernst und nachdenklich, aber als sie ihr Angesicht emporhob, so daß ich es sehen konnte, sprachen sich darin deutlich alle edleren Gefühle weiblicher Sympathie aus.

»Es wäre hart, Dus zu nöthigen, Zeph zu nehmen, wenn sie ihn nicht gern möchte, nicht wahr?« sagte sie mit Nachdruck. »Ich glaube fast, es wäre besser, sie wissen zu lassen, was ihr droht, so daß sie dann selbst wählen kann.«

»Sie hat mir gesagt,« versetzte ich, vollkommen der Wahrheit getreu, »sie sey einem Andern zugesagt, und es wäre mehr als grausam, es wäre verrucht, sie zu nöthigen, einen Mann zu heirathen, während sie einen Andern liebt.«

»Das soll auch nicht geschehen!« rief das Mädchen mit einer Heftigkeit; die mir gefährlich schien. Aber sie gab mir keine Gelegenheit zu Vorstellungen, da sie sofort, in der lebhaften Erregung aller ihrer Gemüthskräfte, sich ernstlich daran machte, mir Art und Mittel anzugeben, wie ich thun könnte, was mein sehnlichster Wunsch war.

»Seht Ihr dort den untern Pfosten der Mühle?« fuhr sie hastig fort. »Dieser Pfosten geht herab auf den Felsen, über welchen das Wasser herabfällt. Ihr könnt bis an die Ecke kommen ohne alle Gefahr, gesehen zu werden, da das Dach Euch versteckt, und wenn Ihr dort seyd, müßt Ihr warten, bis ich Euch sage, daß Ihr Euch dem Pfosten nähert. Es wird ein Leichtes seyn, an diesem Pfosten auf den Felsen hinabzugleiten, und es ist sehr unwahrscheinlich, daß man Euch sieht, da der Pfosten Euch verstecken wird. Seyd Ihr auf dem Felsen, so findet Ihr einen Pfad, der Euch am Fluß hinführt, bis Ihr an einen Steg kommt. Wenn Ihr diesen überschreitet und den Pfad links einschlagt, so kommt Ihr nahe am Saum der Lichtung oben am Hügel wieder heraus, und dann habt Ihr nur eine Strecke an der Grenze des Waldes hinzugehen, bis Ihr den Kastanienbaum erreicht. Der Fels ist rechts vor dem Kastanienbaum, nur etwa fünfzig Ruthen davon entfernt.«

Begierig lauschte ich diesen Anweisungen und befand mich an dem Pfosten, beinahe so bald das Mädchen ausgeredet hatte. Um dahin zu gelangen, durfte ich nur über die Bretter hinschreiten, welche oben auf der Decke der Mühle herum lagen, und das Dach entzog alle meine Bewegungen vollständig jedem Beobachter von außen. Ich traf meine Vorkehrungen und wartete nur ein Zeichen oder eine Weisung von Lowiny ab, um einen weitern Schritt zu thun.

»Noch nicht,« sagte das Mädchen, zu Boden schauend und sich anstellend, als ob sie mit Etwas zu ihren Füßen beschäftigt wäre. »Vater und Tobit gehen auf dieser Seite und ihr Auge ist auf die Mühle gerichtet. Jetzt – haltet Euch fertig – sie haben die Köpfe gewendet, und es sieht aus, als ob sie selbst auch sich wegwenden wollten. Jetzt haben sie sich weggewendet: wartet noch einen Augenblick – jetzt ist ein günstiger Zeitpunkt – geht nicht ganz von hier fort, ohne daß ich Euch noch einmal sehe.«

Ich hörte diese letzten Worte, aber als ich schon den Pfosten hinabglitt. Gerade als ich so weit herabgerutscht war, daß mein Kopf in gleicher Linie mit den auf dem Boden der Mühle umher zerstreuten Gegenständen sich befand, hielt ich an, um einen Blick auf das zu werfen, was ringsumher vorging. Tausendacres und Tobit waren etwa hundert Schritte entfernt: sie schritten von der übrigen Gruppe junger Männer getrennt, allem Anschein nach in angelegentlicher Berathung miteinander. Es war augenscheinlich, daß Niemand etwas Verdächtiges bemerkt hatte, und so glitt ich auf den Felsen herab. Im nächsten Augenblick befand ich mich auf dem Pfad, der zu dem Steg führte, einem Baume, der gerade über den Fluß herüber gefällt war. Bis ich über diesen Baum hinüber, und eine kleine Strecke der Ansteigung auf der andern Seite des Flusses auf dem Pfade linker Hand zurückgelegt war, blieb ich ganz dem Blicke eines Jeden ausgesetzt, der in der Lage war, in das Flußthal herabschauen zu können. Beinahe in jedem andern Augenblick gerade zu dieser Jahreszeit wäre meine Entdeckung beinahe unvermeidlich gewesen, da immer Männer und Knaben im Wasser an der Arbeit waren; aber die Ereignisse dieses Morgens riefen sie anders wohin, und ich legte die gefährliche Strecke, zweihundert Schritte oder mehr betragend, unangefochten zurück. Sobald ich hinter einen schützenden Versteck gelangte, ermäßigte ich meine Eile; und da ich jetzt wieder in gleicher Höhe mit den Gebäuden mich befand, oder vielleicht auch noch etwas höher, benützte ich die Oeffnungen in dem niedern Fichtengebüsche, das den Pfad besäumte, um mir den Stand der Dinge bei den Squatters zu besehen.

Da schlenderte die Gruppe der schwerfälligen, derben jungen Männer, und Tausendacres und Tobit gingen von ihnen getrennt, wie ich sie zuvor schon gesehen. Prudence stand unter der Thüre einer entfernten Hütte, umgeben wie gewöhnlich von einem Schwarme der jungen Brut, und selbst in lebhaftem Gespräch mit den Weibern von einigen ihrer verheiratheten Söhne. Lowiny hatte die Mühle verlassen, und schlenderte auf der andern Seite des Thälchens hin, so nahe dem Rand der Felsen, daß sie im Stande gewesen war, mich zu beobachten, so lang ich über den freien Platz geschritten war. Da ich sah, daß sie ganz allein war, wagte ich, mich nun gerade so laut zu räuspern, daß sie es vernehmen konnte. Eine hastige, ängstliche Geberde überzeugte mich, daß sie es gehört hatte; und nachdem das Mädchen mich noch durch eine Geberde bedeutet hatte, weiter zu gehen, wandte sie sich weg und hüpfte der Gruppe von Frauen zu, welche ihre Mutter umgaben.

Was mich betrifft, so dachte ich jetzt nur an Dus. Was kümmerte es mich, wenn sie auch einen Andern liebte? Ein Mädchen von ihrer Bildung, ihrer Denkweise, ihrer Sitten, ihrer Geburt und ihrem Charakter durfte nicht einem Menschen wie Zephaniah geopfert werden, was auch immer sich ereignen mochte; und wenn mir nur ihren Versteck noch zu rechter Zeit zu erreichen gelang, so konnte sie noch gerettet werden. Diese Gedanken liehen mir förmlich Flügel auf meiner Flucht, und ich wurde bald des Kastanienbaumes ansichtig. Drei Minuten später berührte ich den Stamm des Baumes selbst mit der Hand. Da ich wenigstens eine Viertelstunde Zeit gebraucht hatte zu dem Umweg auf dieser Seite der Lichtung, konnten wesentliche Veränderungen im Stande der Dinge bei den Squatters eingetreten seyn, und ich beschloß an den Saum der Gebüsche auf Lowiny's Beerenplatz vorzugehen, welche den Punkt ganz verdeckten, und mir hierüber Gewißheit zu verschaffen, ehe ich Dus unter ihrem Felsen aufsuchte.

Das Ergebniß meiner Spähe zeigte mir, daß Tausendacres und Tobit über gewisse Maßregeln mußten einen Entschluß gefaßt haben. Keiner von den Männern war zu sehen, sondern nur ein junger Bursch, welcher bei dem Vorrathshause Wache hielt und einige von den kleinern Knaben. Ich schaute mit sorgsamster Aufmerksamkeit nach allen Punkten, die man übersah, aber kein Mann wurde sichtbar. Selbst Susquesus, der den ganzen Tag seit seiner Befreiung herumgelungert, war verschwunden. Auch Prudence und ihre Töchter waren in großer Hast und Bewegung, eilten von einer Hütte zur andern, und legten jene Unruhe an den Tag, welche beim weiblichen Geschlecht gewöhnlich die Aufregung verräth. Ich blieb nun einen Augenblick stehen, um mir die wichtigsten Umstände zu merken, und kehrte dann um, den Felsen zu suchen. Während ich mich aus den Büschen zurückzog, hörte ich den dürren gefallnen Ast eines Baumes unter einem schweren Fußtritt krachen, und als ich mich vorsichtig umschaute, sah ich Jaaf oder Jaap, wie wir ihn gewöhnlich nannten, auf mich zukommen mit einer Büchse auf jeder Schulter.

»Des Himmels Segen über Euch, mein treuer Jaap!« rief ich, einen Arm ausstreckend, um das eine Gewehr in Empfang zu nehmen. »Ihr kommt im allerglücklichsten Augenblick und könnt mich gerade zu Miß Malbone führen.«

»Ja, Sah, und sehr erfreut, das zu thun. Miß Dus dort droben ein Bißchen im Wald, und sehr bald sie sehen können. Sie mich herunterschicken, zu spähen, und ich beide Büchsen mit mir nehmen. Masser Kettenträgers seine und meine eigene, weil Miß Dus nicht gut umzugehen wissen mit Schießpulver. Aber woher denn Ihr kommen, Masser Mordaunt? – und warum Ihr so fortgelaufen zur Nachtzeit?«

»Laßt das nur jetzt, Jaap – zu seiner Zeit sollt Ihr das Alles erfahren. Jetzt müssen wir nur für Miß Ursula Sorge tragen. Ist sie in Unruhe? hat sie Besorgniß wegen ihres Oheims gezeigt?«

»Sie weinen die halbe Zeit, Sah – dann wieder sie aufschauen keck und entschlossen, gerade wie alte Masser, Sah, wenn er kommandiren das Regiment: Fällt's Bajonett! und aussehen, als wenn sie wollte geraden Weges nach Tausendacres' Hütten gehen. Gott segne mich, Sah, Masser Mordaunt – nicht nur Eine Frage, wohl hundert Fragen hat sie heute schon an mich gethan wegen Euch!«

»Wegen meiner, Jaap!« – Aber ich that dem Drange meines heftigen neugierigen Verlangens noch zu rechter Zeit Einhalt, so daß ich mich nicht des Fehlers schuldig machte, aus meinem eignen Diener herauszupressen, was Andere von mir gesagt hatten; – eine Niederträchtigkeit, die ich mir selbst nie hätte verzeihen können. Aber ich steigerte noch meine Eile, und unter der Führung Jaap's befand ich mich bald an der Seite von Dus. Sobald mir jedoch der Neger den Gegenstand meines Suchens gezeigt, hatte er so viel Bescheidenheit und Vorsicht, an den Saum der Lichtung zurückzukehren, wobei er beide Büchsen mit sich nahm; denn ich gab ihm diejenige, welche ich ergriffen hatte, in meiner Hast vorwärts zu kommen, zurück, sobald ich Dus erblickt hatte.

Nie kann ich den Blick vergessen, womit dies offene, edelherzige Mädchen mich empfing! Er ließ mich beinahe hoffen, mein Ohr habe mich getäuscht, und ich sey am Ende doch der Gegenstand ihres innigsten Interesses! Einige Thränen, halb unterdrückt, aber nur mit Mühe unterdrückt, begleiteten diesen Blick; und mir wurde das Glück, eine Zeit lang die kleine Hand in der meinigen zu halten und an mein Herz zu drücken, die sie mir mit Unbefangenheit, ja mit Wärme hinbot.

»Laßt uns unverzüglich diesen Ort verlassen, theuerste Ursula,« rief ich, sobald ich sprechen konnte. »Es ist nicht gerathen, in der Nähe dieser Familie von Elenden zu bleiben, die von Raub und Gewaltthaten leben.«

»Und Oheim Kettenträger in ihren Händen lassen!« erwiederte Dus in vorwurfsvollem Tone: »Ihr könnt mir doch gewiß nicht dazu rathen!«

»Wenn Eure eigene Sicherheit es verlangt, ja – tausendmal ja! Wir müssen fliehen und dürfen keinen Augenblick Zeit verlieren. Es ist der Plan dieser Elenden, sich Eurer zu bemächtigen, und Eure Angst dazu zu benutzen, sich des Beistands Eures Oheims zu versichern, ihnen herauszuhelfen aus den schlimmen Folgen der Entdeckung ihrer Räubereien. Es ist nicht sicher für Euch, ich wiederhole es, nur noch eine Minute hier zu verweilen.«

Das Lächeln, mir welchem Dus mich jetzt anschaute, war sehr süß, obgleich ich es mir nicht zu erklären wußte; denn es hatte ebenso viel Schmerzliches und Beklommenes als Herzgewinnendes.

»Mordaunt Littlepage, habt Ihr die Worte vergessen, die ich Euch sagte, als wir uns das letzte Mal trennten?« fragte sie ernst, »Vergessen! Ich werde sie nie vergessen! Sie trieben mich beinahe zur Verzweiflung, und waren die Ursache, daß all dieses Unheil über uns kam.«

»Ich sagte Euch, daß mein Wort schon verpfändet sey – daß ich Euern edeln, offenen, großmüthigen, männlichen Antrag nicht annehmen könne, weil ein Anderer meine Zusage habe.«

»Das habt Ihr, das habt Ihr mir gesagt. – Warum mein Elend so erneuern –«

»Aus einer besonderen Absicht will ich mich jetzt deutlicher aussprechen – der Mann, dem ich mein Wort verpfändet habe, ist in jenen Hütten und ich kann ihn nicht verlassen.«

»Kann ich meinen Sinnen trauen? Könnt Ihr – habt Ihr – ist es möglich, daß ein Wesen, wie Ursula Malbone, den Zephaniah Tausendacres lieben kann – einen Squatter und den Sohn eines Squatters?«

Der Blick, mit welchem Dus mich ansah, verrieth sogleich, daß ihr Staunen nicht minder groß war als das meinige. Ich hätte mir im Augenblick, wo die Worte gesprochen waren, meine hastige und unbesonnene Zunge abbeißen können; und ich bin überzeugt, das Aufsteigen des verräterischen Blutes in mein Gesicht muß meiner Gesellschafterin gezeigt haben, wie tief ich mich schämte. Dies Gefühl stieg beinahe bis zur Verzweiflung, als ich den Ausdruck von tiefer, demüthigender Kränkung bemerkte, welcher über das holde und gewöhnlich so vergnügte Antlitz von Dus kam, und daß sie nur mit großer Mühe ihre Thränen unterdrückte. Eine Minute lang sprach Keines; dann aber brach meine Gesellschafterin das Stillschweigen, indem sie fest, ich möchte fast sagen feierlich sagte:

»Das zeigt in der That, wie tief ich heruntergekommen bin! Aber ich verzeihe Euch, Mordaunt; denn so tief auch mein Glück heruntergekommen ist, Ihr habt edel und offen gegen mich Euch benommen und ausgesprochen, und ich spreche Euch frei von jedem Gefühle, das nicht unter den obwaltenden Umständen natürlich wäre. Vielleicht,« und ein leuchtendes Erröthen übergoß Dus' Antlitz bei diesen Worten, – »vielleicht darf ich den großen Irrthum, in welchen Ihr verfallen seyd, einer Leidenschaft zuschreiben, welche gar häufig die Begleiterin starker Liebe ist, und insofern ihn schätzen, statt ihn mit Verachtung zu verwerfen. Aber, unter uns, was auch daraus entstehe, es darf keine solche Mißverständnisse mehr geben. Der Mann, dem mein Wort verpfändet, dem meine Zeit und meine Dienste gewidmet sind, so lange Eines von uns Beiden lebt, ist Oheim Kettenträger, und kein Anderer. Wäret Ihr nicht so von mir fortgerannt, Mordaunt, so hätte ich Euch dies wohl noch an demselben Abend entdeckt, an welchem Ihr so viel edle Offenheit gegen mich an den Tag legtet.«

»Dus! – Ursula! – geliebte Miß Malbone! also habe ich keinen mir vorgezogenen Nebenbuhler?«

»Kein Mann hat mir je von Liebe gesprochen, als dieser ungeschlachte, rohe junge Squatter und Ihr!«

»Also ist Euer Herz noch unberührt? Ihr seyd noch freie Herrin Eurer Gefühle?«

Der Blick, welchen mir Dus jetzt zuwarf, war etwas herb und trotzig; aber bald veränderte sich der Ausdruck ihres Gesichts, und ich entdeckte wieder das tiefe Gefühl und die edle Sympathie ihres kostbaren Geschlechts darin.

»Wenn ich Euch mit Ja! antwortete, so würden viele Frauen der Meinung seyn, daß ich nur von dem Rechte eines Mädchens Gebrauch mache, welches so ohne Umstände behandelt worden; – aber –«

»Aber was, reizende, innigst geliebte Ursula? Aber was?«

»Ich ziehe die Wahrheit der Koketterie vor, und will nicht versuchen zu läugnen, was nicht in der Ordnung und fast nothwendig zu finden, beinahe ein Verrath gegen die Natur wäre. Wie könnte ein Mädchen, erzogen und gebildet wie ich, durch kein Band und keine Vorliebe an einen Andern gebunden, in diesem Walde mit einem Manne eingeschlossen seyn, der sie mit so viel Güte und Hingebung und männlicher Zärtlichkeit behandelt hat, und gleichgültig bleiben gegen seine Verdienste? Lebten wir in der Welt, Mordaunt, ich glaube, ich würde Euch allen Andern vorziehen; hier in dieser Einsamkeit des Waldes weiß ich, daß ich es thue.«

Der Leser soll nicht eingeweiht werden in den heiligen Erguß des Vertrauens, der nun folgte; wenigstens nicht weiter, als daß er das Hauptergebnis erfährt. Eine Viertelstunde verfloß so rasch und in der That so wonnevoll, daß ich mir kaum die Hälfte dessen, was gesprochen wurde, wieder zu erzählen getraue. Dus nahm keinen Anstand mehr, ihre Neigung für mich zu bekennen; und obgleich sie auf ihre Armuth hinwies, als auf ein Wohl zu erwägendes Hinderniß meiner Wünsche, so that sie dies doch nur leise, wie dies die meisten Amerikaner und Amerikanerinnen thun würden. In diesem Punkte wenigstens dürfen wir uns mit Recht unseres Vorzugs vor allen andern Ländern der alten Welt rühmen. Während es kaum möglich ist, daß ein Mann oder eine Frau nicht einsähe, welche eine ernste hemmende Schranke für das Glück des ehelichen Lebens durch die Verschiedenheit der Ansichten und Gewohnheiten der Stände und Kasten der Gesellschaft gezogen wird, erblickt doch selten irgend Jemand, in seiner passenden Sphäre, im Mangel an Vermögen und Geld ein unübersteigliches Hinderniß für eine Verbindung – zumal wenn Eines von Beiden im Besitze der Mittel ist, dem Dienste der Haushaltsgötter zu genügen. Die Aelteren mögen oft Bedenklichkeiten in dieser Hinsicht hegen, und haben sie wirklich, aber die jungen Leute selten. Dus und ich erfreuten uns in vollen Zügen dieser glücklichen Unbefangenheit, während ich meine Arme um ihren Leib geschlungen und sie ihr Haupt an meine Brust gelehnt hatte, als ich aus einem Glück, das mich nach Elysium zu verzücken schien, aufgeschreckt wurde durch den heisern, an Rabengekrächze erinnernden Ruf:

»Da ist sie! Da ist sie, Vater! Da sind sie Beide

Wie ich vorsprang, den Herandringenden entgegen, sah ich Tobit und Zephaniah unmittelbar vor mir, und in geringer Entfernung hinter ihnen stand Lowiny. Der Erstgenannte machte ein ingrimmiges Gesicht, der Zweite schien eifersüchtig und zornig, die Dritte beschämt und gekränkt. Nach einer Minute waren wir von Tausendacres und der sämmtlichen männlichen Squatterbrut umringt.

 

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