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Der Kettenträger

James Fenimore Cooper: Der Kettenträger - Kapitel 24
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typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Kettenträger
publisherVerlag von S. G. Liesching
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Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Als Adam grub und Eva spann.
Wo war denn da der Edelmann?

Altes Sprichwort.

 

Tausendacres hatte die Formen des Gesetzes nicht ganz vernachlässigt, so sehr er sich gegen den Geist desselben auflehnte. Wir fanden eine Art Gerichtshof vor der Thüre seiner Wohnung versammelt, er selbst in der Mitte, während in dem Hauptzimmer sich Niemand befand, als Prudence und ein paar Töchter. Unter diesen befand sich zu meinem Erstaunen Lowiny; denn ich hatte das Mädchen nicht aus den Wäldern zurückkehren sehen, obgleich ich mein Auge noch nicht lang weggewendet hatte von der Richtung, in welcher ich Dus' ansichtig zu werden gehofft hatte.

Tobit führte uns Gefangene in das Haus und stellte uns in die Nähe der Thüre, seinem Vater gegenüber; eine Vorkehrung, welche die Notwendigkeit großer Wachsamkeit beseitigte, da wir unsere Flucht nur so hätten bewerkstelligen können, daß wir durch die draußen Versammelten hindurch gerannt wären – was ganz und gar unthunlich war. Aber Kettenträger schien gar keinen Gedanken an Flucht zu hegen. Er trat in den Kreis athletischer junger Männer mit vollkommener Gleichgültigkeit; und ich erinnere mich, daß mir auffiel, sein Wesen gleiche ganz dem, welches ich oft an ihm bemerkt hatte, wenn unser Regiment am Vorabend wichtiger, entscheidender Tage stand. In solchen Augenblicken konnte der alte Andries großartig erscheinen, und erschien es wirklich oft, – Würde, Autorität und Kaltblütigkeit waren da mit dem ächtesten, gediegensten Muthe gepaart.

Im Zimmer angekommen, setzten Kettenträger und ich uns in der Nähe der Thüre, während Tausendacres einen Stuhl auf dem Rasenplatz draußen hatte, umgeben von seinen Söhnen, welche sämmtlich standen. Da diese Vorbereitungen unter ernstem Stillschweigen stattfanden, ermangelten sie nicht, einigen Eindruck auf das Gemüth zu machen und hatten einige Ähnlichkeit mit der gewöhnlichen imponirenden Physiognomie der Justiz. Mir fiel die ängstlich gespannte Neugier auf, welche sich in den Gesichtern der Frauen insbesondere verrieth; denn die Entscheidung, welche Tausendacres jetzt bald aussprechen sollte, mußte für sie natürlich das Ansehen eines Salomonischen Urteilsspruchs haben. Gewohnt, wie sie waren, ganz nach Maßgabe ihres eigenen Interesses zu argumentiren, zweifle ich nicht, daß in der Hauptsache alle Angehörigen dieser halbbarbarischen Bande bei ihrem gesetzlosen Treiben sich einbildeten, mit einer Art von geheimem natürlichem Rechte ausgerüstet uns betraut zu seyn: nicht ahnend und erkennend, daß, sobald sie ihre Ansprüche auf diesen Maßstab zurückführten, sie sie ebendamit denen aller übrigen Menschen gleich stellten. Die Natur gibt einem Individuum Nichts ausschließlich, als seine Individualität und was zu seiner Person und seinen persönlichen Eigenschaften gehört; alles darüber hinaus Liegende ist er, nach dem Recht der Natur, genöthigt mit den Uebrigen seines Geschlechts zu theilen. Ein auf ursprünglichem Besitz beruhender Titel bildet keine Ausnahme von dieser Regel: denn nur menschliches Uebereinkommen verleiht ihm Kraft und Ansehen, und ohne sie würde er gar keinen Titel begründen. Aber auf solche Mysterien ließ sich nie Eines von der Familie Tausendacres ein; obgleich die kleine, leise Stimme des Gewissens, die dämmernden Ahnungen des Rechts gelegentlich noch sich verriethen und kund gaben in dem verworrenen Gemisch gesellschaftlicher Maximen, zu welchem ihre Selbstsucht ihre Zuflucht genommen hatte.

Wir leben in einem Zeitalter des sogenannten Fortschritts, und bilden uns ein, der Mensch rücke beständig vor aus der großen Bahn seiner Bestimmung, einem Ziele entgegen, das wir uns gerne als Vollkommenheit denken. Ich werde mir sicherlich nicht anmaßen, zu entscheiden, was die Absicht der Gottheit in Betreff der künftigen Bestimmung unserer Gattung auf der Erde sey oder nicht sey; aber Jahre und Erfahrung haben mich belehrt, – oder ich mußte umsonst gelebt haben, – wie Wenig an unseren gerühmten Fortschritten wahrhaft Neues ist; und wenn wir wirklich Grundsätze besitzen, welche das Gepräge der Unverletzlichkeit an sich tragen, so sind es diejenigen, welche die ehrwürdigsten dadurch geworden sind, daß sie die schwersten Proben der Zeit bestanden haben.

Ich weiß nicht, ob die lange Pause des Schweigens, welche nach unserer Ankunft eintrat, das Resultat einer berechnenden Absicht war, den Eindruck dieser seltsamen Scene zu erhöhen, oder ob Tausendacres wirklich Zeit brauchte, um seine Gedanken zu sammeln und seine Plane zu reifen. Eines fiel mir auf; trotz des gewaltsamen Auftrittes, der vor so kurzer Zeit erst zwischen dem Kettenträger und ihm stattgefunden hatte, zeigte sich keine Spur von rachsüchtiger Erbitterung in dem harten und runzelvollen Gesicht dieses alten Waldbewohners; denn er war zu sehr gewohnt an solche plötzliche Ausbrüche des Zorns, als daß er sie lange in seinem Gedächtniß haften ließ. In Allem, was an diesem (für mich) so merkwürdigen Tage gesprochen wurde und vorging, konnte ich bei dem Squatter durchaus keine Aeußerung eines Gefühls bemerken, welches eine Folge gewesen wäre von dem harten und persönlichen Zusammenstoß, den er kaum eben erst mit meinem Freunde gehabt hatte. Sie hatten sich gerauft und er war unterlegen; und damit hatte die Sache ein Ende.

Das Schweigen, welches eintrat, nachdem wir uns gesetzt hatten, muß einige Minuten gedauert haben. Was mich betrifft, so sah ich, daß ich bei dieser Scene nur eine untergeordnete Rolle spielte; der alte Andries hatte mich ganz ausgestochen, nicht nur durch sein Thun und Handeln, sondern auch in der Schätzung der Squatters. An ihn waren sie schon gewohnt, ja gewohnt überdies, ihn als eine Art von feindlicher Macht anzusehen, da sein Beruf schon im Gegensatz und Widerspruch stand mit dem Haupt- und Grundprinzip ihres täglichen Lebens. Derjenige, welcher das Land vermaß, und derjenige, der es unvermessen wegnahm, waren in ihren sittlichen Begriffen ebenso wie in der Natur und Wirklichkeit geradezu Antagonisten, und man konnte sich leicht denken, daß sie einander nicht mit den freundlichsten Augen ansahen. So kam es, daß der Kettenträger wirklich für diese Squatters der Gegenstand lebhafteren Interesses wurde, als der Sohn eines der Grundherrn und der förmliche Sachwalter und Agent von Beiden. Was den alten Mann selbst betrifft, so bemerkte ich, daß er ein gar holländisches Gesicht machte, was eine hartnäckige Entschlossenheit, an Halsstarrigkeit grenzend, andeutete; ein unerschütterliches Beharren bei dem, was er für Recht hielt, und einen lebhaften Widerwillen gegen die ihn jetzt umgebenden Männer, theils in Folge von andern Gründen, theils und hauptsächlich weil sie von Osten her stammten, von einem Geschlecht, das er mit Mißtrauen ansah und doch achtete; das er nicht leiden mochte, und doch heimlich ehren mußte wegen mancher Eigenschaften, welche er als nützlich und gut anerkannte.

Für die nächste Generation wird die Stimmung und Gesinnung, welche früher so auffallend war in dem gegenseitigen Verhältniß der unter uns lebenden Abkömmlinge von holländischem Blut und der Leute von englischer Abkunft, welche von den östlichen Staaten herkamen, fast nur noch eine geschichtliche Merkwürdigkeit und Erinnerung seyn. Ich bemerke, daß mein Vater in der Handschrift, die er mir hinterlassen, ebenso wie ich mehrfach diesen Gegenstand berührt hat. Es ist mein Wunsch, daß man mich in diesem Punkte recht verstehe. Ich habe es nur erwähnt als eine unbestreitbare Thatsache; aber wie ich hoffe, ohne alle ungebührliche Eingenommenheit von meiner Meinung. Es ist möglich, daß wir Beide, Mr. Cornelius Littlepage und sein Sohn, ohne es uns selbst bewußt zu seyn, influirt worden sind von den alten Vorurtheilen der Colonieen, obgleich ich mich gewissenhaft bestrebt, mich derselben zu entschlagen. Jedenfalls, wenn Einer von uns etwas zu streng hierin erscheinen sollte, wird sich der Leser, hoffe ich, erinnern, wie viel während der letzten anderthalb Jahrhunderte hierüber der Welt vorgeschwatzt worden ist von den Yankee's, und wie wenig von den Holländern, und wird einem Manne, der stolz ist auf das wenige holländische Blut, das in seinen Adern fließt, das Recht einräumen, die Sache wenigstens auch von der Seite darzustellen, wie sie nach seiner Anschauungsweise und seinem Standpunkt sich darbot. Aber es ist Zeit, zu unserer Scene in der Hütte zurückzukehren.

»Kettenträger,« begann Tausendacres, nachdem die erwähnte Pause einige Minuten gedauert hatte, und er sprach mit einer Würde, die ihren Grund nur in der Stärke und Spannung seiner Gefühle haben konnte, »Kettenträger, Ihr seyd mein und der Meinigen Feind gewesen seit dem Tage, als wir uns zuerst sahen. Ihr seyd ein Feind vermöge Eures grausamen Berufes; und doch habt Ihr die Keckheit, mir förmlich und absichtlich in die Hände zu laufen!«

»Ich bin ein Feind aller Schelme, Tausendacres, und ich frage nicht darnach, wer das weiß,« antwortete der alte Andries finster; »das ist mein Beruf, so gut als Kettentragen; und ich wünsche, daß man dies fern und nah wisse. Was das betrifft, daß ich Euer Feind seyn soll durch meinen Beruf, so kann ich dasselbe von Euch sagen; da von keiner Vermessung, von keinem Kettentragen die Rede seyn könnte, wenn alle Leute sich selbst ihr Land nähmen und zueigneten, wie Ihr Euer ganzes Leben hindurch gethan habt, ohne zu den Eigenthümern auch nur zu sagen; »mit Eurer Erlaubniß.«

»Die Sachen sind jetzt zwischen uns zum Punkt der Entscheidung gekommen,« versetzte der Squatter; »aber angesehen, daß Ihr in meinen Händen seyd, bin ich willig und bereit, die Sache gütlich mit Euch zu erörtern, in der Hoffnung, daß wir doch vielleicht als Freunde scheiden, und daß dies der letzte unserer Zwiste seyn möge. Ihr und ich wir werden ältliche Männer, Kettenträger; und es ist wohlgethan, daß diejenigen, die sich ihrem Ende nähern, manchmal auch daran denken. Ich komme aus keiner holländischen Colonie, sondern aus einem Lande, wo die Menschen Gott fürchten und auch an ein künftiges Leben denken.«

»Das liegt weder hier noch dort, Tausendacres,« rief Kettenträger ungeduldig. »Nicht anders freilich, als daß es um die Religion etwas Gutes, und Achtbares, und Ehrwürdiges und Anbetungswürdiges ist; aber sie hat ihren Platz nicht in einem Squatterlande, und am allerwenigsten im Munde eines Squatters. Könnt Ihr mir Eines sagen, Tausendacres, nämlich das: warum Ihr Yankee's so viel betet, und alle drei Worte Gott anruft, Euch zu segnen, und die Augen aufschlagt und verdreht, und an den Sonntagen Euch so heilig anstellt, und dann am Montag hergeht und als Squatter auf dem Eigenthum eines Holländers Euch setzt? Ich bin ein alter Mann, habe lange gelebt und viel gesehen, und hoffe, ich verstehe etwas von dem, was ich gesehen und von den Menschen, unter denen ich gelebt habe, aber das begreife ich nicht! Yankee-Religion und holländische Religion können nicht aus derselben Bibel herkommen.«

»Ich glaube auch nicht, ich glaube auch nicht, Kettenträger; und ich hoffe es überdies nicht. Ich wünsche nicht, gerechtfertigt zu werden auf Eure Weise, wünsche mir keine Religion wie die Eurige. Was vorher versehen ist, das wird sich erfüllen, komme auch was da wolle, das ist mein fester Glaube. Aber lassen wir die Religion ganz aus dem Spiel in diesem Handel zwischen uns–«

»Ja, daran werdet Ihr wohl thun,« brummte der Kettenträger: »denn die Religion hat in Wahrheit blutwenig damit zu thun.«

»Ich sage,« versetzte Tausendacres mit lauter Stimme, wie entschlossen, sich Gehör zu verschaffen, »die Religion für den Sabbath und andere passende Gelegenheiten vorbehaltend, bin ich bereit, diese Sache mit Euch auf dem Boden der Vernunft zu erörtern, und Euch nicht nur meine Meinung zu sagen, sondern auch die Eurige anzuhören, wie es recht und billig ist zwischen Mann und Mann.«

»Ich gestehe, den lebhaften Wunsch zu hegen, anzuhören, was Tausendacres zur Vertheidigung seiner Handlungsweise zu sagen hat, Kettenträger,« – fand ich jetzt für gut zu äußern; – »und ich hoffe, Ihr werdet mir diesen Gefallen thun und ein geduldiger Zuhörer seyn. Ich bin ganz damit zufrieden, daß Ihr antwortet, denn ich kenne keinen Menschen, dem ich eine gerechte Sache zu führen lieber anvertraute als Euch. Beginnt, Tausendacres; mein alter Freund wird meinen Wunsch erfüllen.« Andries fügte sich meinen so bestimmt ausgesprochenen Wünschen, aber nicht ohne verschiedentliche Zeichen von Unruhe, die sich in seinem ehrlichen Gesicht aussprachen, und manches halb erstickte Gemurmel von: »Yankee-Schlauheit und Heiligthuerei, in einen Wolfspelz gehüllt,« womit Kettenträger eigentlich das Schafskleid meinte, aber in eine Vermengung der Bilder verfiel, welche keineswegs selten ist bei den Leuten seiner Art und Kaste. Nach einer Pause begann der Squatter:

»Bei der Erörterung dieser Sache, junger Mann, gedenke ich mit dem Anfang der Dinge anzufangen,« sagte er; »denn ich gebe zu, wenn Ihr Besitztiteln und königlichen Verleihungen u«d Bewilligungen und dergleichen Dingen einen Werth beilegt, daß dann meine Rechte hier nicht viel bedeuten. Aber wenn man auf den allerersten Anfang zurückgeht, ist der Fall ganz anders. Ihr werdet, denke ich, zugeben, daß der Herr Himmel und Erde geschaffen, und daß er den Menschen geschaffen hat, um Herr über die letztere zu seyn?«

»Und was soll das hier?« versetzte der Kettenträger lebhaft. »Was soll das hier, alter Tausendacres? So hat der Herr auch jenen Adler geschaffen, der dort so hoch über Eurem Haupte fliegt, aber das ist kein Zeichen, daß Ihr ihn tödten sollt, oder er Euch.«

»Nehmt Vernunft an, Kettenträger, und laßt mich meinen Spruch sagen; nachher bin ich bereit, Euch anzuhören. Ich fange an mit dem Anfang, wo der Mensch zuerst in den Besitz der Erde gesetzt wurde, um zu pflanzen und zu graben, und Sägeblöcke zu hauen und Schnittholz zu machen, ganz wie es seinen Bedürfnissen und Neigungen gemäß war. Nun war Adam der Vater von allen Menschen, und ihm und seinen Nachkommen ward der Besitz der Erde gegeben, von Dem, dessen Name und Wort mehr gilt, als Namen und Wort aller Könige, Gouverneure und Versammlungen in der ganzen bekannten Welt. Adam lebte seine Zeit und hinterließ Alles seinen Nachkommen, und so ist es fortgegangen vom Vater auf den Sohn, bis auf unsere Zeit und unsere Generation herab, nach dem Gesetze Gottes, obwohl nicht nach den Gesetzen der Menschen.«

»Wohl, Alles zugegeben, was Ihr da sagt, Squatter, wie soll das Alles Euer Recht hier zu einem bessern machen, als das irgend eines Andern?« fragte Andries in verachtendem Tone.

»Nun, die Vernunft sagt uns, wo eines Menschen Rechte anfangen, wie Ihr sehen werdet, Kettenträger. Die Erde ist also, wie ich Euch gesagt, dem Menschen gegeben, daß er sie für seine Bedürfnisse gebrauche. Wenn Ihr und ich geboren werden, ist ein Theil der Welt schon benutzt, ein anderer aber nicht. Wir bedürfen Land, wenn wir alt genug sind, um unsere Arme zur Arbeit gebrauchen zu können, und ich lasse mich hier in den Wäldern nieder, das heißt, wo Niemand vor mir sich niedergelassen hat. Nun begründet das, nach meinen Begriffen, den allerbesten Besitztitel, den vom Herrn selbst ausgehenden Rechtstitel.« Damit der Leser nicht glaube, Mr. Mordaunt Littlepage theile hier nur, unnötigerweise, die einfältigen Behauptungen eines selbstsüchtigen, unwissenden und gemeinen Räubers mit, darf hier wohl ausdrücklich bemerkt werden, daß Lehren ähnlichen Schlages, was sowohl die Moral als die Logik anlangt, beständig gepredigt werden in New-Yorker Journalen, welche dem Antirentismus huldigen und daß schon Leute nach diesen Grundsätzen gehandelt – sogar bis zum Blutvergießen es getrieben haben. Wir beabsichtigen, wenn wir zu unserem dritten Manuscripte gelangt seyn werden, welches sich auf Bewegungen und Vorgänge der nächsten Gegenwart bezieht, unseren Lesern einige dieser sonderbaren Lehren ausführlich vorzulegen; und wir hegen kaum einen Zweifel daran, daß diejenigen, welche sie ursprünglich verbreitet haben, ihre eigenen Theorien kaum mehr bewundern werden, wenn sie sie in einem Werk vorgeführt finden, das an den altmodischen Begriffen von Ehrlichkeit und Recht festhält. D. H.

»Nun gut, Ihr habt also Euren Rechtstitel vom Herrn,« versetzte der Kettenträger, »und Ihr habt Euer Land. Ich setze voraus, daß Ihr nicht die ganze Erde für Euch nehmen werdet, welche noch nicht bevölkert ist, und ich möchte wohl wissen, wie Ihr Eure Linien zwischen Euch und Eurem nächsten Nachbar ziehen würdet. Zugegeben, daß Ihr hier in den Wäldern seyd, wie viel Land würdet Ihr zu Eurem gottseligen Gebrauch nehmen, und wie viel würdet Ihr für den Nächstkommenden übrig lassen?«

»Jeder Mann würde nehmen, so viel für seine Bedürfnisse nöthig ist, Kettenträger, und behalten, so viel er einmal besitzt.«

»Aber was ist sein Bedürfniß, und was ist Besitz? Seht Euch einmal um, Tausendacres, und sagt mir, wie viel von diesem Platz hier Ihr gemeint seyd, für Euch in Anspruch zu nehmen in Kraft des Besitztitels, den Ihr vom Herrn ableitet?«

»Wie viel? So viel ich nöthig habe – genug, um mich und die Meinigen zu nähren, – und genug, um Schnittholz zu machen und die Jungen in Thätigkeit zu halten. Es würde einigermaßen von den Umständen abhängen; ich würde zur einen Zeit mehr bedürfen als zu einer andern, je nachdem die Jungen heranwüchsen und die Zahl der Familienglieder sich vermehrte.«

»Genug, um Nutzholz zu machen, auf wie lang? und um die Jungen in Thätigkeit zu erhalten, wie lang? Einen Tag, eine Woche, oder ein Leben lang, oder auf die Zeit vieler Lebensdauern hinaus? Das müßt Ihr mir sagen, Tausendacres, ehe ich Euch auf Euren Titel Etwas halte.«

»Seyd nicht unvernünftig, – seyd nicht unbillig in Euren Fragen, Kettenträger; dann will ich Euch alle beantworten, und in einer Weise, die Euch und jeden urtheilsfähigen Menschen befriedigen soll. Wie lang ich das Nutzholz bedarf? So lang ich es zu verwenden und zu verwerthen vermag. Wie lang ich die Jungen in Thätigkeit erhalten wolle? So lang, bis sie des Platzes überdrüssig sind und sich nach Veränderung sehnen. Wenn Einer seiner Niederlassung satt ist, so vertausche er sie mit einer andern, und verkaufe, wie natürlich, seine Meliorationen an den besten Kunden, den er auftreiben kann.«

»Oh, Ihr wollt Eure Meliorationen verkaufen, das wollt Ihr? Was! Den vom Herrn herrührenden Besitztitel verkaufen, alter Tausendacres? Das Geschenk des Himmels hingeben für schnödes, elendes Gold und Silber?«

»Ihr versteht Aaron nicht,« fiel Prudence ein, welche sah, daß der Kettenträger in der Argumentation die Oberhand zu gewinnen im Begriffe stand, und immer bereit war, jedem Mitglied ihres Stammes zu Hülfe zu kommen, wie es nun gerade nöthig war, mit Worten, mit Zähnen und Nägeln, oder mit der Büchse. »Ihr versteht den Aaron ganz und gar nicht, Kettenträger. Seine Idee ist, der Herr habe die Erde geschaffen für seine Creaturen; Jeder, der Land bedürfe, habe das Recht, so viel zu nehmen als er bedürfe, und es zu benützen, so lang es ihm beliebe; und wenn er es genug benützt hat, seine Meliorationen loszuschlagen um den Preis, über den er sich mit Andern vereinigt.«

»Dabei bleibe ich!« fiel der Squatter ein, mit einem lauten Hm, wie ein Mann, der sich durch einen ihm gewordenen Beistand erleichtert fühlt, »das ist meine Idee, und darauf bin ich entschlossen zu leben und zu sterben.«

»Gelebt habt Ihr darauf, das weiß ich recht gut, Tausendacres; und nunmehr Ihr alt seyd, ist es auch ganz wahrscheinlich, daß Ihr darauf sterben werdet. Was das Verstehen betrifft, so versteht Ihr Euch selbst nicht. Ich will Euch erstlich nur fragen, wie viel Land habt Ihr Euch hier genommen? Ihr habt Euch hier so förmlich und vollständig als Squatters niedergelassen, daß Ihr Euch eine Mühle gebaut habt. Nun sagt mir, wie viel Land habt Ihr für Euch genommen, damit, wenn ich komme, um neben Euch als Squatter mich zu setzen, unsre Grenzzäune nicht mit einander in Collision kommen. Ich thue eine einfache Frage an Euch, und ich hoffe eine einfache und gerade Antwort zu erhalten. Zeigt mir die Grenzen Eures Territoriums; wie viel von der Erde Ihr für Euch in Anspruch nehmt, und wie viel Ihr nicht in Anspruch nehmt.«

»Ich habe Euch die Frage schon so ziemlich beantwortet, Kettenträger. Mein Glaube und meine Ueberzeugung ist, daß ein Mann das Recht hat, Alles zu nehmen, was er bedarf, und Alles zu bedürfen, was er genommen hat und besitzt.«

»Dann stehe Gott den Männern bei, die zwischen Euch und Euern Nachbarn die Ketten tragen müssen, Tausendacres; was ein Mann heute bedarf, kann ganz verschieden seyn von dem, was er morgen bedarf, und morgen wieder von übermorgen, und so fort bis ans Ende der Zeit! Nach Eurer Lehre würde Nichts fest bestehen, und Alles wäre wechselnd wie im Würfelspiel.«

»Ich werde, glaube ich, noch nicht recht verstanden, nach Allem, was schon gesagt worden ist,« versetzte der Squatter. »Zwei Männer beginnen zur gleichen Zeit ihre Laufbahn in der Welt, und Beide bedürfen Güter zur Bewirthschaftung. Gut; da ist nun die Wildniß, oder vielleicht ist es nicht mehr ganze Wildniß, war es aber doch einst. Der Eine zieht es vor, Meliorationen zu kaufen und thut es; der Andere macht sich mitten in die Wälder hinein, wo ihn kein menschliches Auge mehr sieht, und läßt sich da nieder. Beide Männer sind in ihrem Recht und können aus ihrem Besitze bestehen und ihn behaupten, sage ich, bis ans Ende der Zeit, das heißt, unter der Voraussetzung, daß das Recht stärker ist, als die Gewalt.«

»Wohl, wohl,« versetzte der Kettenträger etwas trocken; »und gesetzt, Einer von Euern Männern mag keine Meliorationen kaufen, sondern folgt dem Andern und läßt sich auch in der Wildniß nieder?«

»Laßt es ihn thun, sage ich; es ist sein Recht und das Gesetz des Herrn.«

»Aber gesetzt, Eure beiden jungen Männer wünschen dasselbe Stück wilden Landes.«

»Wer zuerst gekommen, mahlt zuerst, das ist meine Maxime. Wer am raschesten zugegriffen, soll das Land haben. Der Besitz entscheidet Alles, wenn es gilt, die Titel auf die Ländereien zu bereinigen.«

»Nun denn, Tausendacres, Euch zu Gefallen wollen wir den Einen dem Anderen den Vorsprung abgewinnen und zuerst Besitz nehmen lassen; wie viel soll er occupiren?«

»So viel er bedarf, habe ich Euch schon gesagt.«

»Ja, aber wenn sein langsamerer Kamerade auch kommt und auch seine Bedürfnisse hat, und seine Niederlassung neben seinem frühern Nachbar zu gründen wünscht, wo soll dann die Grenze zwischen ihnen zu finden seyn?«

»Laßt sie darüber sich verständigen! Es müßten furchtbar schlechte Nachbarn seyn, wenn sie über eine solche Kleinigkeit sich nicht vereinigen könnten,« sagte Tobit, welcher der Erörterung müde zu werden begann.

»Tobit hat Recht,« sagte der Vater, »laßt sie über ihre Linie sich verständigen und sie mit dem Auge ziehen. Fluch über alle Ketten und Compasse, sage ich! Sie sind eine Erfindung des Teufels, um böses Blut unter Nachbarn zu machen und immer Streit und Händel zu wecken, während unsere Bibel uns gebietet, mit allen Menschen Frieden zu halten.«

»Ja, ja, ich verstehe das Alles,« erwiederte der Kettenträger etwas wegwerfend. »Eine Yankee-Bibel ist ein sehr bequemes Buch. Es findet sich darin Beweis und Bestätigung für alle Arten von Lehre und Anbetung und Gebet und Predigen und so fort. Es ist was ich eine Sofortbibel nenne, Mortaunt, die man ebenso gut rückwärts wie vorwärts lesen kann; alle Kapitel werden in Eines zusammengerührt, wenn es nöthig ist, oder auch alle Verse zu Kapiteln gemacht. Manchmal ist St. Lukas St. Paulus, und St. Johannes ist St. Matthäus. Ich habe Eure Dominies die Schrift auslegen hören, und keine Zwei legen sie gleich aus. Neuerung – das ist die Religion von Neu-England, und Neuerung, in Gestalt der Ländereien anderer Leute ist der Glauben seiner liebenswürdigen Söhne! Ob ja, ich habe wohl schon eine Yankee-Bibel gesehen! Aber das schlichtet den Handel zwischen unseren zwei Squatters noch nicht, von welchen Jeder eine gewisse Strecke Bergland braucht zu seinem Nutzholz; nun, welcher soll es haben?«

»Derjenige, der zuerst hingekommen, habe ich Euch schon gesagt, alter Kettenträger, und einmal gesagt, ist so gut wie tausendmal. Wenn der zuerst Gekommene diesen Berg angeschaut, und bei sich selbst gesagt hat: ›dieser Berg ist mein;‹ so ist er sein.«

»Nun, das heißt schnell sich ein Eigenthum erwerben! Habt Ihr, Tausendacres, auf diese Weise Euer Land auf dem Gute Mooseridge in Besitz genommen?«

»Gewiß – ich wünsche mir keinen bessern Titel. Ich kam zuerst hieher und nahm das Land, und ich werde fortwährend mir Land nehmen, so wie ich es brauche. Es ist unnöthig, um die Sache herum zu schwatzen; ich spreche gern meines Herzens Meinung aus, wenn gleich des Grundherrn Sohn dabei ist und es hört.«

»Oh, Ihr sprecht laut genug und deutlich genug, und es sollte mich nicht wundern, wenn Ihr selbst über kurz oder lang für Euer Land-Nehmen festgenommen würdet. Aber es ist da eine Schwierigkeit, die ich Euch namhaft machen will, Tausendacres, daß Ihr sie in Erwägung zieht. Ihr nehmt Besitz von Waldland, wie Ihr sagt, indem Ihr es anseht –«

»Selbst das Ansehen ist nicht nöthig,« versetzte der Squatter, begierig den Umfang seiner Rechte möglichst zu erweitern. »Es ist genug, daß Einer das Land braucht und wünscht, und daß er kommt oder schickt, um es sich zuzueignen. Der Besitz ist Alles, und ich nenne das Besitz, wenn man ein Stück Land begehrt, und in ziemlicher Nähe davon eine Art von Arbeitsstätte oder Fabrik anlegt. Das gibt ein Recht, Holz zu fällen und zu lichten, und wenn eine Lichtung begonnen ist, so ist es eine Melioration; und Jedermann gibt zu, daß Meliorationen sowohl gekauft als verkauft werden können.«

»Gut, jetzt verstehen wir einander. Aber hier liegt die kleine Schwierigkeit, auf die ich Euch aufmerksam machen wollte. Ein gewisser General Littlepage und ein gewisser Oberst Follock fanden Geschmack an diesem Stück Land lang vor dem alten französischen Krieg, und neben dem, daß sie daran Gefallen fanden und Boten schickten, um es in Augenschein zu nehmen, kauften sie auch fürs Erste von den Indianern das Recht darauf; dann kauften sie es von dem Könige, dem damals alles Land in der Colonie gehörte, das keine andere Eigenthümer hatte. Dann schickten sie Landvermesser, um die Linien zu ziehen, und diese Vermesser kamen an diesem Fluß vorbei, wie ich aus ihren Feldbüchern ersehen habe; dann wurden weitere Vermesser geschickt, um es in große Loose zu vertheilen, und jetzt wieder andere, um es in kleine Loose zu vermessen; und sie haben viele Jahre Bodenzins daraus bezahlt, und andere Dinge gethan, welche beweisen, daß sie dies Stück Land nicht minder begehren als Ihr. Sie haben es über ein Vierteljahrhundert gehabt und diese ganze Zeit über das Eigenthumsrecht geübt; und während dieses ganzen Vierteljahrhunderts haben sie es ganz ernstlich behaupten wollen, und das wollen sie noch, wenn man die Wahrheit sagen darf.«

Eine lange Pause folgte auf diese Auseinandersetzung, während welcher die verschiedenen Glieder der Familie einander ansahen, als ob Eins beim Andern Beistand suchte. Der Gedanke, daß die Frage eine andere Seite habe, als von welcher sie sie lange Zeit so beharrlich und zuversichtlich betrachtet hatten, war ihnen neu, und sie waren etwas verblüfft über diesen außerordentlichen Umstand. Es ist dies einer der bedeutendsten Uebelstände, worunter der Einwohner eines kleinen, abgeschlossenen Bezirks leidet, in Allem was seine persönlichen Neigungen, Geschmack und Begriffe anlangt, und nicht selten auch in Betreff seiner Grundsätze. Dies ist es, was eigentlich den Provinzialbewohner macht, mit seinen engen Ansichten, seinen starren Begriffen, seiner Einbildung und seinen raschen, unbedachten Neigungen und Abneigungen. Wenn man sich umsieht und sich überzeugt, wie so gar Wenige durch Erfahrung und Kenntniß der Welt überhaupt befähigt sind, ihre Ansichten auszusprechen, so muß man wohl erstaunen, wenn man findet, wie Viele es dennoch ohne Bedenken thun. Ich zweifle nicht, die Familie Tausendacres war nicht minder überzeugt von der Wahrheit ihrer Landmoral, als Paley es nur je von seiner Moralphilosophie, oder Newton von seinen mathematischen Demonstrationen seyn konnte.

»Ich wundere mich nicht, daß man Euch Tausendacres nennt, Aaron Timpermann,« fuhr der Kettenträger, seinen Vortheil verfolgend, fort; »denn mit einem solchen Rechtstitel auf Euer Besitzthum könnte man Euch ebenso gut gleich Zehntausendacres nennen, und noch mehr! Nein, ich wundere mich vielmehr, daß, während Ihr mit dem bloßen Anschauen Eurer Augen Besitzurkunden ausfertigtet, Ihr Euch so gemäßigt gezeigt habt, denn es wäre ebenso leicht, ein ganzes Patentgut auf diese Art von Rechtstitel zu besitzen, als ein einzelnes Gut.«

Aber Tausendacres hatte sich entschlossen, den Gegenstand nicht weiter zu verfolgen, und während leicht zu sehen war, daß feurige Leidenschaften in ihm brannten, schien er jetzt darauf bedacht, eine Besprechung, von welcher er ohne Zweifel ganz andere Resultate erwartet hatte, zu einem plötzlichen Schlusse zu bringen. Nur mit Mühe unterdrückte er den in seinem Innern tobenden Vulkan, aber es gelang ihm soweit, daß er Tobit Befehl ertheilte, seinen Gefangenen wieder einzusperren.

»Führt ihn fort, Jungen, führt ihn in das Vorrathshaus zurück,« sagte der alte Squatter aufstehend und etwas auf die Seite tretend, um Andries durch zu lassen, als scheute er sich, demselben zu nahe zu kommen; »er war geboren zum Knecht der Reichen und als ihr Knecht wird er sterben. Ketten sind gut genug für ihn; und ich wünsche ihm nichts Schlimmeres, als daß er den Rest seiner Tage Ketten tragen müsse!«

»Oh, Ihr seyd ein ächter Sohn der Freiheit!« rief der Kettenträger, indem er ruhig nach seinem Gefängniß zurückkehrte: »ein ächter Sohn der Freiheit, nach Eurer eigenen Einbildung! Ihr wollt Alles und Jedes nach Eurem Sinn und Wunsch, und Alles und Jedes in Eurer Tasche haben! Das Gesetz des Herrn ist ein Gesetz für Tausendacres, aber kein Gesetz, auf das sich Cornelius Littlepage oder Dirck Follock berufen dürften!«

Obgleich nun mein alter Freund nach seinem Gefängniß eskortirt wurde, machte man doch keine Anstalt, mich wegzubringen. Im Gegentheil, Prudence begab sich zu ihrem Gatten draußen, gefolgt von ihrer jungen Brut, und einen Augenblick wähnte ich mich gänzlich vergessen und allein gelassen. Eine Bewegung jedoch in einer Ecke des Gemachs zog meine Aufmerksamkeit dahin, und ich sah Lowiny auf den Zehen dastehen, mit einem Finger am Munde, das Zeichen des Schweigens, während sie mit der andern Hand durch lebhafte Geberden mir zu verstehen gab, ich solle in einen kleinen Gang treten, welcher mittelst einer Leiter mit dem obern Stockwerk der Hütte in Verbindung stand. Meine Moccasins waren mir jetzt von großem Nutzen. Ohne lange die Folgen zu erwägen, ja ohne mich umzuschauen, that ich, wie sie mich anwies, und zog die Thure hinter mir zu. In dem Gang, in welchem ich mich jetzt mit dem Mädchen allein befand, war ein kleines Fenster, und mein erster Gedanke war, mich durch dasselbe hindurchzudrängen, denn es hatte weder Scheiben noch Gläser, aber Lowiny ergriff mich bei den Armen.

»Der Herr erbarme sich unser!« flüsterte das Mädchen – »man würde Euch sehen und festnehmen oder erschießen! So lieb Euch Euer Leben ist, geht nicht da hinaus jetzt. Hier ist eine Höhle, die als Keller dient, und dort ist die Fallthüre – hier geht hinab, und wartet, bis Ihr von mir Weiteres hört.«

Es war keine Zeit zur Ueberlegung, und der Anblick von Kettenträgers Geleite, wie sie mit ihm dem Vorrathshause zuschritten, überzeugte mich, daß das Mädchen Recht hatte. Sie hielt die Fallthüre und ich stieg in die Höhle hinab, die als Keller diente. Ich hörte, wie Lowiny eine Kiste über die Fallthüre schob, und dann glaubte ich das Krachen der Sprossen der Leiter zu hören, wie sie in das obere Stockwerk hinaufstieg, wo ihre gewöhnliche Schlafstätte sich befand.

Alles dies ging buchstäblich binnen einer Minute vor sich. Noch eine Minute mochte verstrichen seyn, als ich den schweren Schritt Tausendacres' auf dem Boden über mir hörte, und das Geschrei vieler Stimmen, welche alle zugleich sprachen. Es war unverkennbar, daß man mich vermißte und die Nachforschung nach mir schon begonnen hatte. Eine halbe Minute lang verstand ich Nichts; dann hörte ich Prudence's gellende Stimme nach Lowiny rufen.

»Lowiny – Ihr, Lowiny!« schrie sie – »wohin ist das Mädel gekommen?«

»Ich bin hier, Mutter,« – antwortete meine Freundin von ihrem obern Stock, »Ihr gebotet mir hinauf zu gehen und Eure neue Bibel zu suchen.«

Ich vermuthe, daß dem wirklich so war; denn Prudence hatte wirklich das Mädchen mit diesem Auftrag weggeschickt, und dies mußte jeden Verdacht beschwichtigen, daß ihre Tochter irgend Etwas mit meinem Verschwinden zu schaffen habe, falls ein solcher rege geworden war. Ich hörte jetzt rasche Schritte hin und her über meinem Kopf und es waren darunter die von mehreren Männern; und in dem Gewirre von Stimmen hörte ich auch die Lowiny's, welche die Leiter herabgestiegen seyn mußte und mit suchen half.

»Man darf ihn um keinen Preis entkommen lassen.« sagte Tausendacres laut, »oder wir sind Alle ruinirt. Alles was wir haben, fällt in ihre Hände, und Mühle, Stämme und Alles ist rein verloren. Wir werden nicht einmal Zeit haben, das Geschirr und das Hausgeräthe fortzuschaffen.«

»Er ist die Treppen hinauf.« – schrie Einer – »er muß in den Keller hinunter seyn.« sagte ein Anderer. Schritte stiegen die Leiter hinauf, und ich hörte die Kiste von der Fallthüre wegziehen, und ein hereindringender Lichtstrom zeigte mir, daß die Thüre aufgehoben seyn mußte. Der Platz, wo ich mich befand, war eine Höhle zwanzig Schuh im Gevierte haltend, roh mit Steinen ausgemauert und beinahe leer: nur ein paar Fleischfäßchen waren da, und einige alte Fässer. Im Winter wurden vermutlich Vegetabilien darin aufbewahrt. Es war kein eigentlicher Schlupfwinkel darin, und ein Versuch, mich zu verstecken, würde nur zur Entdeckung geführt haben. Ich zog mich in eine Ecke in einem Theil des Kellers zurück, der ganz finster war, hielt mich aber für verloren, als ich ein paar Beine die Leiter herabsteigen sah. Beinahe in demselben Augenblick kamen zwei Männer und drei Weiber in das Gewölbe: und eine vierte Frauengestalt, die, wie ich später erfuhr, Lowiny selbst war, stand dergestalt über der Fallthüre, daß die Dunkelheit drunten verdoppelt wurde. Der erste Mann, der hinab kam, begann die Fässer herumzurollen und in den Ecken herumzuschauen; und mir kam der glückliche Gedanke, dasselbe zu thun. Indem ich mich ebenso geschäftig erwies, wie die Uebrigen, entging ich in der Finsterniß wirklich der Entdeckung, und bald rannte Tobit wieder nach der Leiter und schrie: »das Fenster – das Fenster – hier ist er nicht – das Fenster!« In einer halben Minute war der Keller wieder leer; oder vielmehr, Niemand blieb darin, als ich.

Anfangs hatte ich Mühe, an mein gutes Glück zu glauben; aber die Thüre fiel zu, und die tiefe Stille in dem Gewölbe überzeugte mich, daß ich wenigstens dieser Gefahr entgangen war. Diese Rettung war so seltsam und unerwartet, daß ich kaum an deren Wirklichkeit glauben konnte, obgleich sie in jeder Hinsicht und Beziehung wirklich war. Das Lächerliche spricht oft die Einbildungskraft auf eine närrische Weise an; und so ging es mir in diesem Falle. Ich setzte mich auf ein Faß und lachte herzlich, als ich die feste Gewißheit erlangt hatte, daß Alles gut stehe, wobei ich mir die Seiten halten mußte, daß mich nicht der Ton meiner Stimme verrathe. Lowiny schien gleichsam von mir angesteckt, denn ich hörte ihr lautes, mädchenhaftes Gekicher, als ihre Brüder in fruchtlosem und hastigem Suchen in dem obern Theile des Gebäudes große und kleine Fässer und Bettstellen herumruckten und rollten. Diese Heiterkeit blieb jedoch nicht ungerügt; Prudence versetzte ihrer Tochter einen Streich an den Kopf, der, in gewissem Sinne, sogar mein Ohr erreichte; wahrscheinlich aber trug dies auch zur Beseitigung des Verdachtes bei, als ob das Mädchen meine Mitverschworene sey, da dies leichtsinnige Lachen eine so natürliche Aeußerung des Charakters des Mädchens zu seyn schien. Zwei oder drei Minuten, nachdem die Fallthüre zum zweiten Mal sich geschlossen, hörten die Laute von Tritten und Stimmen über mir auf, und die Hütte schien von allen ihren Bewohnern verlassen.

Meine Lage war jetzt nichts weniger als behaglich. Eingesperrt in einen dunkeln Keller, ohne Mittel zu entkommen, außer mittelst der Fallthüre, bei welchem Versuche ich beinahe die Gewißheit vor mir sah, in die Hände meiner Feinde zu fallen, begann ich jetzt zu bereuen, daß ich so bereitwillig auf Lowiny's Vorschlag eingegangen war. Wenn ich zum zweiten Mal gefangen wurde, so knüpfte sich daran eine gewisse Lächerlichkeit, welche nicht angenehm und für mein persönliches Ansehen nicht vortheilhaft war; und ich will gestehen, ich begann auch einige Besorgniß zu hegen wegen meiner Sicherheit und meines Lebens, falls ich zum zweiten Mal der Willkür solcher wilden und trotzigen Geister, wie Tausendacres' und seines ältesten Sohnes, anheim fiele. In diesem Keller begraben, war ich unmittelbar unter den Füßen derjenigen eingesperrt, deren Absicht war, sich meiner Person zu versichern, in einer Art, welche das Entkommen unmöglich, und die Entdeckung fast unvermeidlich machte.

Dies waren meine Betrachtungen, als wieder Licht in den Keller hereinströmte. Die Fallthüre ward angehoben, und sofort hörte ich in flüsterndem Tone meinen Namen rufen. An die Leiter vortretend, sah ich Lowiny, welche die Fallthüre hielt und mir winkte, hinaufzusteigen. Ich folgte blindlings ihren Weisungen und befand mich bald an ihrer Seite. Das Mädchen war nahe an Convulsionen in Folge der Angst vor Entdeckung einerseits, und des Dranges zu lachen andererseits; denn mein Auftauchen aus dem Keller vergegenwärtigte ihrer Einbildungskraft wieder all die spaßhaften Umstände der vor Kurzem vorgenommenen Nachsuchung.

»War es nicht spaßhaft, daß Keiner von ihnen Euch kannte?« flüsterte sie; aber dann gebot sie mir mit einer hastigen Geberde Stillschweigen. »Sprecht nicht, denn sie suchen Euch noch immer ganz in der Nähe, und Einige könnten mir sogar hieher folgen. Ich wollte Euch aus dem Keller herausschaffen, da die kleinen Jungen bald hier zu schaffen haben werden, um Schweinsfleisch zum Nachtessen zu holen; und sie haben Augen wie Nadeln. Meint Ihr nicht, Ihr könntet in die Mühle kriechen? Sie steht jetzt still, und wird nicht wieder in Bewegung gesetzt werden, bis diese Unruhe vorüber ist.«

»Man würde mich sehen, mein gutes Mädchen, wenn von Euren Leuten ganz hier herum in der Nähe mich suchen.«

»Ich weiß das doch nicht. Kommt an die Thüre, so werdet Ihr sehen, es gibt einen Weg hinüber. Alle schauen rechts von diesem Hause hinaus; und wenn Ihr bis zu jenen Klötzen hinüber kriecht, seyd Ihr so ziemlich sicher. Wenn Ihr die Mühle wohlbehalten erreicht habt, so klimmt Ihr in das obere Stockwerk hinauf.«

Einen Augenblick überschlug ich die Möglichkeit des Gelingens. Etwa hundert Fuß vom Hause entfernt begann ein großes Spalier von Sägeklötzen, welche neben einander lagen; und da das Holz zwei bis vier Fuß im Durchmesser hatte, war es ganz wohl möglich, zwischen demselben bis zu der Mühle fortzukriechen, bis zu welcher hin sogar einige von den Klötzen gewälzt waren. Die Hauptschwierigkeit war, über einen gänzlich offenen und freien Platz bis zu den Klötzen zu gelangen. Das Haus bot einen Schutz gegen die Meisten von der Familie, welche mit größter Geschäftigkeit Alles, was von ferne einem Versteck gleich sah, auf der entgegengesetzten Seite durchsuchten, da Niemand auch nur einen Augenblick daran dachte, daß ich in der Nähe der Mühle seyn könnte, sofern diese gerade gegenüber dem Punkte stand, wo im Augenblick meines plötzlichen Verschwindens der Schwarm der Squatters versammelt gewesen war. Aber die Knaben und Mädchen schwärmten in allen Richtungen überall umher; und es war ungewiß, wie lang sie an einem Orte blieben, oder wie lang ihre Blicke von meinem Pfade würden abgewendet seyn.

Es war nothwendig, Etwas zu thun, und ich entschloß mich, einen Versuch zu wagen. Ich warf mich auf den Boden und kroch, eher langsam als schnell, über den gefahrvollen Platz und erreichte sicher die Holzblöcke. Da kein Schrei aufging, wußte ich, daß ich nicht gesehen worden war. Jetzt war es vergleichungsweise leicht, die Mühle zu erreichen. Aber noch ein gefährliches Experiment war das, daß ich beim Hinaufklimmen auf den oberen Stock meine Person aussetzen mußte. Ich konnte dies nicht thun, ohne Gefahr zu laufen, gesehen zu werden, und ich empfand die Notwendigkeit, mit großer Vorsicht zu Werke zu gehen. Zuerst hob ich meinen Kopf so hoch empor, daß ich den Stand der Dinge draußen übersehen konnte. Zum Glück stand noch das Haus zwischen mir und den meisten meiner Feinde, obgleich die kleine Brut beständig sich zeigte und wieder verschwand. Ich schaute mich um nach einer Stelle zum Emporklimmen, und überblickte noch einmal die ganze Scene. Unter der Thüre der Hütte stand Lowiny, die Hände gefaltet, und ihr ganzes Wesen drückte die theilnehmendste Sorge aus. Sie sah meinen Kopf, das wußte ich, und ich machte Geberden der Ermunterung, welche sie aufmerksam machten. Im nächsten Augenblick stand mein Fuß auf einem Tragband und mit dem Leib hob ich mich zu den Balken oben empor. Ich glaube, ich blieb nicht zehn Sekunden ungedeckt und spähenden Blicken bloßgestellt und kein Geschrei erfolgte. Jetzt hatte ich das Gefühl, daß ich wirklich einige Aussicht hatte, am Ende noch meine Flucht auszuführen; und nicht wenig froh machte mich dieser Gedanke.

 

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