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Der Kettenträger

James Fenimore Cooper: Der Kettenträger - Kapitel 22
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typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Kettenträger
publisherVerlag von S. G. Liesching
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secondcorrectorHerbert Niephaus
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Zwanzigstes Kapitel.

Wohl sah ich seine Schritte wanken,
Die Farben wechseln, wie bei Kranken,
Murmelnd mit seltsamer Geberde;
Zu spät sah ich in Blut getaucht
Die Hand, die Klinge, die noch raucht, –
Er sank und packt' im Todeskampf die Erde.

Warton.

 

In dieser Weise ging der lange und langweilige Tag hin. Ich konnte mir Bewegung machen, und that es, indem ich in meinem Gefängniß auf und ab schritt; der Indianer aber rührte sich von dem Augenblick seines Eintretens an kaum vom Platze. Der Squatter selbst näherte sich dem Vorrathshause nicht mehr, obgleich ich ihn im Verlaufe des Tages noch zwei- oder dreimal in geheimer Besprechung mit seinen älteren Söhnen sah, wahrscheinlich über meine Person sich mit ihnen berathend. In solchen Augenblicken war ihr Wesen sehr ernst und es gab Augenblicke, wo es mir sogar drohend schien.

Man hatte für unsere Bequemlichkeit gesorgt, indem man eine ziemliche Anzahl Strohbündel in unser Gefängniß geworfen hatte, und ich und mein Mitgefangener hatten Jeder ein ganz erträgliches Bett. Ein Soldat konnte ohnehin keine Scheue davor haben, auf Stroh zu schlafen, und Susquesus verlangte nicht mehr, als Raum, um sich auszustrecken, und wäre es auch auf einem Felsen gewesen. Ein Indianer liebt die Ruhe und Bequemlichkeit, und macht sie sich zu Nutze, wo sie sich ihm darbietet; aber es ist in der That erstaunlich, wie weit seine Kraft zu dulden und zu entbehren geht, wenn er in den Fall kommt, sie bewähren zu müssen.

Im Anfang der Nacht schlief ich gesund und tief, und der Indianer auch, glaube ich. Ich muß gestehen, daß ein unbehagliches Mißtrauen in meiner Seele rege war, welches mich einigermaßen am Einschlafen hinderte, obgleich die Ermüdung bald die Besorgnisse überwältigte, welche ein solches Gefühl erwecken mochte. Ich wußte nicht, ob nicht Tausendacres und seine Söhne sich könnten einfallen lassen, unter dem Schutze der Nacht den Indianer und mich aus dem Wege zu räumen, – als wirksamstes Mittel sich gegen die Folgen ihrer früheren Plünderungen zu schützen, und sich den Besitz des Raubes zu sichern, den sie für künftig noch im Auge hatten. Wir waren gänzlich in ihrer Gewalt, und der Squatter wußte und glaubte nicht anders, als daß das Geheimnis unseres Besuchs auf der Lichtung mit uns sterben würde, da nur sein eigenes Fleisch und Blut darein eingeweiht war. Trotzdem, daß diese Gedanken mir durch den Sinn flogen und mir einige Unruhe verursachten, waren sie doch nicht lebhaft und entwickelt genug, um mich am Schlafen zu hindern, nachdem ich erst einmal recht eingeschlummert war; und ich schlief, ohne ein einziges Mal aufzuwachen, fort bis drei Uhr, – eine Stunde vor Tagesanbruch.

Ich weiß nicht gewiß, ob eine äußere Ursache mich aufweckte. Aber ich erinnere mich recht gut, daß ich einige Zeit in träumerischen Gedanken, bald schlafend halb wachend, auf meinem Stroh da lag, bis ich wähnte, die musikalische Stimme von Dus zu hören, die mir meinen Namen ins Ohr flüsterte. Diese Illusion dauerte einige Zeit; und als allmälig meine Geisteskräfte völlig erwachten, überzeugte ich mich nach und nach, daß wirklich Jemand mich mit meinem Namen rief, nur ein paar Fuß von meinem Ohr entfernt. Ich konnte mich nicht täuschen: es war dem wirklich so, und die Stimme war eine weibliche. Ich sprang auf und fragte:

»Wer ist da? Ums Himmelswillen, kann das wirklich Miß Malbone – Dus seyn?«

»Mein Name ist Lowiny,« antwortete der Besuch, »und ich bin Tausendacres' Tochter. Aber sprecht nicht so laut, denn es hält einer von den Knaben Wache am anderen Ende des Vorrathshauses, und Ihr werdet ihn aufmerksam machen, wenn Ihr nicht vorsichtig seyd.«

»Lowiny, seyd Ihr es, mein gutes Mädchen? Nicht zufrieden, den Tag über für uns zu sorgen, denkt Ihr auch noch während der Nacht an uns!«

Es schien mir, das Mädchen sey etwas befangen, denn sie mußte sich wohl bewußt seyn, daß sie gegen die herkömmliche Sitte und die ihrem Geschlecht gebührende Zurückhaltung sich verfehlte. Es ist etwas Seltenes, daß eine Mutter, zumal eine amerikanische Mutter, so tief sinkt, daß sie in ihren Gesinnungen und ihrem Charakter ganz ihr Geschlecht verläugnete, und noch seltener, daß sie vergäße, ihrer Tochter Vieles einzuprägen, was der Anstand und die Schicklichkeit vom Weibe fordert. Die alte Prudence war, ungeachtet des Lebens, das sie geführt, und der vielen Veranlassungen zur Verdorbenheit und zu Sünden, die sie in ihrer Nähe und Umgebung gehabt hatte, doch ihrem angeborenen Instinkte treu geblieben, und hatte ihren Mädchen Vieles von den kleinen Erfordernissen und Regeln der Schicklichkeit beigebracht, welche ein so großer Reiz beim weiblichen Geschlecht sind.

Lowiny war durchaus nicht unangenehm von Person, und sie hatte den Vorzug, in ihrer Erscheinung jugendlich zu seyn, wie sie denn auch in der That war. Neben diesen Vorzügen ihres Geschlechts hatte sie von Anfang an eine Theilnahme an meinem Schicksal an den Tag gelegt, die mir nicht entgangen war; und ohne Zweifel war sie jetzt hieher gekommen in der Absicht, uns einen guten und nützlichen Dienst zu leisten. Meine Bemerkung jedoch setzte sie in Verlegenheit, und es vergingen einige Augenblicke, bis sie dies Gefühl ganz bemeisterte. Sobald dies der Fall war, versetzte sie:

»Ich trage kein Bedenken, Euch und dem Indianer etwas Wasser zu bringen,« und sie legte besonderen Nachdruck auf die von mir unterstrichenen Worte, »und ich würde keinen Anstand nehmen, wenn wir statt dessen Bier oder Saft-Cider hätten. Aber all unser Getränke ist ausgegangen; und der Vater sagt, er wolle keinen Cider mehr machen lassen, weil wir allen unsern Saft zum Zucker brauchen. Ich hoffe, Ihr habt ein reichliches Abendessen gehabt, Mr. Littlepage; für den Fall aber, daß dem nicht so wäre, habe ich für Euch und die Rothhaut eine Kanne Milch und eine Schüssel Hastypudding gebracht, – er kann essen, wenn Ihr fertig seyd, wißt Ihr.«

Ich dankte meiner wohlwollenden Freundin und nahm ihre Gabe durch eine Oeffnung, die sie mir bezeichnete, in Empfang. Dies Essen erwies sich uns wirklich als sehr nützlich, da spätere Umstände machten, daß unser regelmäßiges Frühstück einige Zeit lang ganz vergessen ward. Ich war verlangend, von diesem Mädchen zu erfahren, was unter ihren Verwandten gesprochen oder beabsichtigt werde hinsichtlich meines weiteren Schicksals: aber ich empfand eine beinahe unüberwindliche Abneigung, eine Art von Familiengeheimniß auszuspähen, dadurch, daß ich direkte Fragen in dieser Beziehung an sie richtete. Zum Glück machte die mittheilsame und freundschaftliche Gemüthsart Lowiny's dies alsbald überflüssig; denn nachdem sie ihren Hauptzweck erreicht hatte, verweilte sie noch, mit dem sichtlichen Wunsch zu plaudern.

»Ich wünschte, der Vater bliebe nicht länger mehr ein Squatter,« sagte das Mädchen mit einem Ernst, welcher zeigte, daß sie wirklich ihre Herzensmeinung aussprach. »Es ist entsetzlich, immer im Kampfe zu seyn gegen das Gesetz!«

»Es wäre weit besser, er wendete sich an einen Grundherren, und nähme ein Gut in Pacht, oder kaufte eines. Es gibt in dieser Gegend so viel Land, daß kein Mensch ist, der nicht seine hundert Acres auf gesetzliche Weise sich verschaffen könnte, falls er nur nüchtern und fleißig ist.«

»Vater trinkt nie außer am vierten Juli; und die Jungen sind auch so ziemlich nüchtern, so wie eben heutzutage die jungen Männer sind. Ich glaube, Mr. Littlepage, die Mutter hat dem Vater nicht nur ein Mal, sondern tausendmal gesagt, sie wünsche, daß er das Squatterleben aufgebe und einen Pachtbrief nehme für dies oder jenes Stück Land. Aber der Vater sagt: Nein, er sey nicht gemacht für Briefe und Schreibereien, und Briefe und Schreibereien nicht für ihn. Er ist jetzt verzweifelt darum angefochten, was er mit Euch anfangen soll, da er Euch in Händen hat.«

»Hat Mr. Newcome keine Meinung über die Sache ausgesprochen, wie er hier bei Euch war?«

»Squire Newcome! Vater ließ ihn nicht mit einer Sylbe merken, daß er Euch je gesehen. Er versteht es besser, als daß er sich in die Hände von Mr. Newcome geben sollte, denn er würde sein Holz dann um so wohlfeiler weggeben müssen. Was ist Eure Meinung, Mr. Littlepage, über unser Recht an die Bretter, nachdem wir mit eigenen Händen die Stämme gefällt und hergeschleppt und gesägt haben. Macht das nicht einigen Unterschied?«

»Was ist Eure Meinung von Eurem Recht auf einen Rock, den ein anderes Mädchen sich aus dem Caliko gemacht, den sie aus Eurer Schublade genommen, während Ihr den Rücken gewendet hattet, und den sie fortgetragen und mit eigenen Händen zugeschnitten und genäht und gesäumt hat?«

»Sie würde nie irgend ein Recht auf meinen Caliko haben, möchte sich sie ihn zuschneiden, wie sie wollte. Aber Schnittholz wird aus Bäumen gemacht.«

»Und Bäume haben ihre Eigenthümer, wie Stücke Caliko. Herschleppen und Umhauen und Sägen an sich kann keinem Menschen ein Recht geben auf die Stämme eines Andern.«

»Ich fürchtete, es sey so –« erwiederte Lowiny so laut seufzend, daß man es hörte. »Es steht Etwas in der alten Bibel, die ich Euch geliehen, was ich so ziemlich in diesem Sinne verstehe; obgleich Tobit und die meisten andern Jungen behaupten, es bedeute etwas ganz Anderes. Sie sagen, es stehe von Holz gar Nichts in der Bibel.«

»Und was sagt Euch Eure Mutter hierüber?«

»Ha, Mutter spricht gar Nichts davon. Sie wünscht, daß der Vater pachte oder kaufe: aber Ihr wißt, wie es mit den Frauen ist, Mr. Littlepage; wenn Diejenigen handeln, die ihnen lieb und nahe sind, so ist es für sie eine Art Gesetz, zu glauben, daß sie recht handeln. Die Mutter sagt nie Etwas zu uns über die Gesetzmäßigkeit von des Vaters Thun und Treiben, wenn schon sie oft wünscht, er stünde unter dem Schutz eines geschriebenen Pachtbriefes. Die Mutter wünscht, der Vater solle es versuchen, von Euch einen Brief zu erlangen, da Ihr jetzt hier und in seinen Händen seyd. Würdet Ihr uns nicht einen Brief ausstellen, Mr. Littlepage, wenn wir versprächen, Euch eine Rente zu geben?«

»Wenn ich es auch thun wollte, so würde es Nichts nützen, wenn ich nicht frei und bei meinen Freunden wäre. Urkunden und Verleihungen von Männern ausgestellt, welche, wie Ihr sagt, in den Händen von Leuten sind, die sie gewaltsam festhalten, gelten Nichts.«

»Das thut mir leid –« versetzte Lowiny wieder mit einem Seufzer – »nicht als ob ich Euch zu irgend Etwas gezwungen sehen möchte, sondern ich dachte nur, wenn Ihr Euch dazu verstündet, dem Vater einen Brief auszustellen über diese Lichtung, es jetzt dazu eine so gute Gelegenheit sey, daß es Schade wäre, sie zu versäumen. Aber wenn es nicht seyn kann, so kann es nicht seyn, und hilft Nichts, darüber zu klagen. Der Vater meint, er könne Euch hier festhalten, bis das Wasser steigt im Herbst und die Jungen alles Holz nach Albany hinunter geschafft haben; darnach will er nicht mehr so darauf erpicht seyn, Euch noch länger zurückzuhalten, und vielleicht wird er Euch dann gehen lassen.«

»Mich gefangen halten, bis das Wasser steigt! Ha, das wird vor drei Monaten nicht der Fall seyn!«

»Nun, Mr. Littlepage, drei Monate scheinen mir keine so verzweifelt lange Zeit, wenn man unter Freunden ist. Wir würden Euch so gut behandeln, als wir es nur vermöchten und wüßten, darauf könnt Ihr Euch verlassen – ich will dafür stehen, es soll Euch an Nichts fehlen, was wir Euch zu geben vermögen.«

»Ich glaube das gerne, mein vortreffliches Mädchen, aber es würde mir äußerst leid thun, Eurer Familie mit einem so langen Besuche lästig zu fallen. Was die Dielen betrifft, so steht es nicht in meiner Macht, die Rechte der Eigentümer dieser Ländereien auf diese Güter aufzugeben; meine Vollmacht geht nur dahin, Loostheile an wirkliche Ansiedler zu verkaufen.«

»Es thut mir leid, das zu hören,« versetzte Lowiny in sanftem Tone, welcher ihren Worten ganz das Gepräge der vollsten Aufrichtigkeit verlieh; »denn der Vater und die Jungen thun in Wahrheit ganz entsetzlich mit Allem, was ihren Gewinn von der gethanen Arbeit betrifft. Sie sagen, ihr Fleisch und Blut stecke in diesen Dielen und Brettern, und eher wollen sie Fleisch und Blut, als diese Dielen fahren lassen. Es macht mir das Blut erstarren, wenn ich höre, wie sie davon schwatzen! Ich bin gar nicht schüchtern und blöde; und letzten Winter, als ich den Bären schoß, welcher die Schinken im Vorrathshause holen wollte, sagte Mutter, ich habe so wacker gehandelt, als sie selbst im Stande gewesen wäre, und sie hat ihrer Zeit vier Bären und nahe an zwanzig Wölfe getödtet. Ja, Mutter sagte, ich hätte mich ganz als ihre ächte Tochter benommen, und sie halte seither doppelt so viel auf mich als früher.«

»Ihr seyd ein muthiges Mädchen, Lowiny, und ein vortreffliches obendrein, daran zweifle ich gar nicht. Was auch aus mir werde, ich werde, so lange ich lebe, Eure Güte nicht vergessen. Es wird jedoch eine sehr ernste Sache für Eure Angehörigen werden, wenn sie versuchen wollen, mich drei bis vier Monate hier zurückzuhalten, wenn dann diese Lichtung aufgefunden wird von den Meinigen, welche mich gewiß suchen werden. Ich brauche Euch nicht zu sagen, was die Folgen seyn würden.«

»Was können – was werden der Vater und die Jungen thun? Ich kann es nicht ertragen, daran zu denken – Oh! sie werden doch nicht das Herz haben, zu versuchen. Euch aus dem Wege zu räumen?«

»Ich will das nicht hoffen, um ihretwillen, um der Ehre des amerikanischen Namens willen. Wir sind keine Nation, die an solchen Unthaten Geschmack fände, und ich würde in der That mit großem Bedauern mich überzeugen, daß wir einen so großen Schritt zu den Verbrechen älterer Länder gemacht hätten. Aber am Ende ist doch die Gefahr nicht groß, daß es zu so Etwas komme, meine gute Lowiny.«

»Ich hoffe das auch,« antwortete das Mädchen mit leiser, bebender Stimme, »obgleich Tobit manchmal gar ein wilder Gesell ist. Er macht den Vater schlimmer, als er für sich allein wäre, das weiß ich. Aber ich muß jetzt gehen. Es ist beinahe Tag, und ich höre sie schon sich regen in Tobits Hause. Es würde mich theuer zu stehen kommen, wenn Einer von ihnen wüßte, daß ich mein Bett verlassen habe, um mit Euch zu plaudern.«

Nachdem sie dies gesagt, verschwand das Mädchen. Ehe ich eine Oeffnung entdecken konnte, um ihre Bewegungen zu verfolgen, war sie mir schon aus den Augen. Susquesus erhob sich einige Minuten darauf, aber er machte nie eine Anspielung auf den geheimen Besuch des Mädchens. In dieser Beziehung zeigte er das skrupulöseste Zartgefühl, indem er nie durch eine Andeutung, einen Blick oder ein Lächeln mir zu verstehen gab, daß er im Mindesten um ihr Kommen gewußt, ihre Reden gehört habe.

Der Tag kam wie gewöhnlich, aber er traf diese Squatters nicht mehr in ihren Betten. Sie erschienen mit dem Morgengrauen, und die Meisten von ihnen waren schon an der Arbeit, als das volle Licht der Sonne sich auf den Wald ergoß. Die meisten Männer gingen zum Fluß hinab und machten sich, wie wir vermuteten, denn sehen konnten wir sie nicht, im Wasser mit ihren Augäpfeln, den Dielen, zu thun. Der alte Tausendacres zog vor, in der Nähe seiner Wohnung zu bleiben, und behielt zwei oder drei ziemlich herangewachsene junge Burschen bei sich; wahrscheinlich weil er bei sich erwogen hatte, von welch unendlicher Wichtigkeit es für seine ganze Familie sey, sich der Gefangenen recht zu versichern. Ich glaubte aus dem ernsten, nachdenklichen Wesen des Squatters, wie er um seine Mühle zwischen seinen Schweinen herumschlenderte, und durch seine Kartoffelfelder wandelte, zu errathen, daß sein Gemüth über das von ihm einzuschlagende Verfahren sehr schwankend und er in großer Unruhe war. Wie lange diese peinliche Unentschlossenheit gedauert haben würde, und zu was sie am Ende hätte führen können, ist schwer zu sagen, hätte nicht ein Begebniß von ganz unerwarteter Art, welches in viel höherem Maß augenblicklichen Entschluß und That erheischte, ihr ein Ende gemacht. Ich will diesen Vorfall etwas genauer erzählen.

Der Tag war schon ziemlich vorgerückt und Alle waren beschäftigt, Tausendacres und das Mädchen, welches die Wache am Vorrathshause hatte, ausgenommen. Selbst Susquesus hatte einen Haufen Birkenreiser aufgerafft und mit einem melancholischen Gesicht, in welchem sich, wie mich dünken wollte, das künftige Leben eines halbcivilisirten rothen Mannes abspiegelte, versuchte er einen Besen zu verfertigen mit Hülfe eines zerbrochenen Messers, das er in dem Gebäude gefunden; während ich auf ein Blatt meiner Brieftasche die Mühle und ein Stück des Berglandes, das ihren Hintergrund bildete, skizzirte. Tausendacres näherte sich jetzt zum ersten Mal unserem Gefängniß und sprach mit mir. Sein Gesicht war finster, doch konnte ich bemerken, daß er sehr unruhig war. Wie ich nachher erfuhr, hatte ihm Tobit sehr dringend die Notwendigkeit vorgestellt, mich und den Indianer umzubringen, als das wahrscheinlich einzige Mittel, das geschnittene Holz zu retten.

»Junger Mann,« sagte Tausendacres, »Ihr habt Euch bei mir und den Meinigen eingeschlichen wie ein Dieb in der Nacht, und auf das Schicksal eines Solchen müßt Ihr Euch auch gefaßt halten. Wie ums Himmels willen konntet Ihr erwarten, daß Leute geneigt seyn sollten, das, was sie mit saurem Schweiß erworben, ohne Kampf und Vertheidigung aufzugeben? Ihr reizt und prüft mich mehr, als ich ertragen kann!«

Ich fühlte die furchtbare Bedeutung dieser Worte; aber meine Natur empörte sich bei dem Gedanken, mich einschüchtern zu lassen zu irgend einer unterwürfigen Nachgiebigkeit, zum Zugeständniß von Bedingungen, welche meines Charakters und meines früheren Berufs als Soldat unwürdig wären. Ich stand auf dem Punkt, ihm ganz in diesem Sinn eine Antwort zu geben, als ich, wie ich durch die Spalten meines Gefängnisses schaute, um meinen alten Tyrannen ins Auge zu fassen, den Kettenträger gerade auf das Vorrathshaus zuschreiten sah, nur noch etwa hundert Schritte weit von uns entfernt. Die Art und Weise, wie ich nach dieser Erscheinung hinstarrte, erregte die Aufmerksamkeit des Squatters, welcher sich umwandte und so den unerwarteten Besuch sah, der sich näherte. In der nächsten Minute stand Andries neben ihm.

»So, Tausendacres, ich finde Euch hier!« rief der Kettenträger. »Es sind gar viele Jahre, seit Ihr und ich uns nicht mehr gesehen, und es thut mir leid, daß wir uns jetzt bei einem solchen Handel wieder treffen müssen.«

»Dies Zusammentreffen habt Ihr selbst gesucht, Kettenträger. Ich habe Euch weder eingeladen, noch Eure Gesellschaft gewünscht.«

»Ich glaube Euch das von Herzen gern. Nein, nein; Ihr habt keinen Wunsch nach Ketten und nach Kettenträgern, nach Landvermessern und Compassen, nicht nach Loosen und auch nicht nach Eigenthümern – wenn diese nicht Squatters sind. Ihr und ich brauchen nicht erst mit einander Bekanntschaft zu machen. Tausendacres, nachdem wir einander schon fünfzig Jahre lang kennen.«

»Ja, wir kennen einander seit fünfzig Jahren; und da diese vielen Jahre uns nicht dahin gebracht haben, daß wir über irgend etwas Eines Sinnes wären, hätten wir besser gethan, fern von einander zu bleiben, als jetzt wieder zusammen zu kommen.«

»Ich bin gekommen wegen meines Knaben, Squatter – wegen meines edeln Jungen, den Ihr ungesetzlicher Weise festgenommen und zum Gefangenen gemacht habt, allen Gesetzen und aller Gerechtigkeit zum Hohne. Gebt mir Mortaunt Littlepage heraus, so sollt Ihr meiner Gesellschaft bald los seyn.«

»Und wie wißt Ihr, daß ich je ›Euren Mortaunt Littlepage‹ mit Augen gesehen habe? Was hab' ich mit Eurem Jungen zu schaffen, daß Ihr ihn bei mir sucht? Geht Eurer Wege, geht Eurer Wege, alter Kettenträger, und laßt mich und die Meinigen ungeschoren; die Welt ist weit genug für uns Beide, sage ich Euch; und warum wollt Ihr an Eurem eigenen Verderben arbeiten, indem Ihr anrennt gegen ein Geschlecht, wie das, welches von Aaron und Prudence Timberman abstammt?«

»Ich frage nicht nach Euch und Eurem Geschlecht,« antwortete der alte Andries finster. »Ihr habt Euch erfrecht, meinen Freund festzunehmen gegen Gesetz und Recht, und ich komme, seine Freilassung von Euch zu verlangen, oder ich will Euch vor den Folgen gewarnt haben.«

»Treibt mich nicht zu weit, Kettenträger, treibt mich nicht zu weit. Es gibt verzweifelte Leute auf dieser Lichtung, Leute, die sich ihren wohlerworbenen Verdienst nicht wollen abjagen lassen von Solchen, die Ketten tragen oder Compasse richten. Geht Eures Weges, sage ich Euch, und laßt uns die Ernte einthun, welche aus dem von uns gesäten und bestellten Samen aufgeht.«

»Ihr sollt sie ganz ernten, Ihr sollt sie ganz ernten, Ihr und die Eurigen. Ihr habt den Wind gesät und Ihr sollt den Sturm ernten, wie meine Nichte, Dus Malpone, mir neurer Zeit oft gelesen hat. Ihr werdet Euren ganzen Herbst ernten, Lolch und taube Aehren und Alles, ja das werdet Ihr! und zwar bälder, als Ihr es erwartet!«

»Ich wünschte, ich hätte nie das Angesicht dieses Mannes gesehen! Geht fort, sage ich Euch, Kettenträger, und laßt mir meine sauer verdiente Ernte.«

»Ernte! Nennt Ihr das Ernte, wenn man die Ländereien eines Andern abholzt und plündert, seine Bäume in Klötze schneidet, seine Klötze in Dielen zersägt und seine Dielen an Spekulanten verkauft, und wenn Ihr dem rechtmäßigen Eigenthümer vor Allem von Eurem Gewinn keine Rechnung ablegt? Nennt Ihr solches Diebsgewerbe rechtmäßigen Verdienst?«

»Dir den Dieb zurück in Dein Gesicht, alter Messer! Soll nicht der Schweiß der Stirne, lange Tage der harten, mühevollen Arbeit, müde Knochen und ein hungriger Magen einem Mann Anspruch geben auf die Frucht seiner Arbeit?«

»Das ist immer Euer Fehler gewesen, Tausendacres; das ist gerade der Punkt, an welchem Ihr gescheitert seyd. Mann. Ihr beginnt mit Eurer Moral, als dem Ausgangspunkt, der für Euch und Eure plünderungssüchtige Rotte der bequemste ist, statt zurückzugehen auf die Gesetze Eures Herrn und Meisters. Lest, was der allmächtige Gott des Himmels und der Erde zu Moses gesagt hat, und Ihr werdet finden, daß Ihr Euch in Eurer Bibel nicht so wie es sich gehört umgesehen habt. Ihr mögt Holz fällen und hauen, Ihr mögt schleppen und sägen von heute an bis an das Ende der Zeit, und Ihr werdet dem Recht doch nie näher kommen, als Ihr ihm in diesem Augenblick seyd. Der Mann, der beim Beginn seiner Reise mit dem Gesicht in der falschen Richtung ausschreitet, alter Tausendacres, wird nie das Ziel erreichen, wenn er auch darauf zuwandert, daß ihm der Schweiß vom Leibe strömt wie Wasserbäche. Ihr fangt mit Unrecht an, alter Mann, und Ihr müßt mit Unrecht aufhören.«

Ich sah die Wolke auf der Stirne des Squatters sich zusammenziehen, und sah den nahe bevorstehenden Ausbruch des Gewitters voraus. Zwei hitzige Charaktere waren zusammengetroffen, und getheilt, wie sie es in Ansichten und in der Handlungsweise waren durch die gewaltige Kluft, welche Grundsätze von der Verfolgung des Vortheils, Recht vom Unrecht, Ehrlichkeit von der Unehrlichkeit, und eine großherzige Selbstaufopferung, die Alles daran setzte, die Rechtschaffenheit und Reinheit eines edeln Geistes zu behaupten, von einer Selbstsucht schied, welche alles Rechtsgefühl verwirrte und verdunkelte, war es nicht wohl möglich, daß sie ohne Kampf sich trennten. Unvermögend, auf die Gründe des Kettenträgers zu antworten, nahm der Squatter seine Zuflucht zu dem Argument der Gewalt. Er ergriff meinen alten Freund bei der Kehle und machte eine gewaltige Anstrengung, ihn zu Boden zu werfen. Ich muß diesem Manne der Gewaltthat und der schlimmen Wege die Gerechtigkeit widerfahren lassen und gestehen, daß ich nicht glaube, daß er in diesem Augenblick den Beistand von Andern wünschte; aber sobald der Kampf begann, ertönte die Muschel und es war leicht vorauszusehen, daß nur wenige Minuten verstreichen würden, bis die Söhne Tausendacres' ihm zur Hülfe herbeieilen würden. Ich hätte Alles auf der Welt darum gegeben, wenn ich im Stande gewesen wäre, die Wände meines Gefängnisses zu zerbrechen, um meinem treuen, gediegenen alten Freund beistehen zu können. Was Susquesus betrifft, so muß er ein lebhaftes Interesse an diesen Vorgängen empfunden haben, aber er blieb so unbeweglich und anscheinend so ungerührt, wie ein Fels.

Andries Coejemans, so alt er war, – und man wird sich erinnern, daß er seine vollen siebzig Jahre auf dem Rücken hatte, – war nicht der Mann, der sich ungestraft an der Kehle packen ließ. Er erwiederte den Angriff von Tausendacres mit einem ähnlichen, und ein Kampf folgte, der zum Erstaunen heftig und hartnäckig war, wenn man erwägt, daß die beiden Kämpfer die gewöhnliche Lebensfrist des Menschen schon vollständig erfüllt hatten. Der Squatter hatte einen leichten Vortheil gewonnen durch das Plötzliche und die Lebhaftigkeit seines ersten Angriffs, aber der Kettenträger war ein Mann von furchtbarer Leibesstärke. In den Jahren seiner Kraft hatte er wenige seines Gleichen gehabt: und Tausendacres hatte bald Grund einzusehen, daß er mit einem ihm Ueberlegenen angebunden. Nur einen Augenblick wich der Kettenträger ein Wenig; dann sammelte er sich – machte eine verzweifelte Anstrengung und schleuderte seinen Gegner zu Boden mit einer Heftigkeit, die ihn für kurze Zeit der Besinnung beraubte; der alte Andries aber blieb aufrecht stehen wie eine der benachbarten Fichten, roth im Gesicht mit gerunzelter Stirne und so finstrerer Miene, als ich mich ihn kaum je, selbst in der Schlacht, gesehen zu haben erinnerte.

Statt seinen Vortheil zu verfolgen, rührte sich der Kettenträger nicht vom Platze, nachdem er seinen Feind und Angreifer abgeschüttelt hatte. Er blieb ruhig stehen, hoch ragend, stolz und finster. Er hatte Grund zu glauben, Niemand sey Zeuge seiner Heldenthat gewesen, aber ich bemerkte, daß der alte Mann das Siegesgefühl eines alten Soldaten empfand. Jetzt erst gab ich ihm durch Sprechen zu erkennen, wie ganz nahe ich ihm war.

»Flieht, so lieb Euch Euer Leben ist. Kettenträger,« rief ich ihm durch die Spalten zu. »Die Muschel wird Euch das ganze Gezücht des Squatters binnen zwei oder drei Minuten über den Hals bringen; die jungen Männer sind ganz in der Nähe in dem Fluß unten an der Mühle, mit den Holzblöcken beschäftigt, und haben nur in die Uferabhänge hinaufzuklimmen.«

»Gott sey gepriesen! Mortaunt, mein lieber Junge, Ihr seyd also unversehrt! Ich will die Thüre Eures Gefängnisses öffnen, und wir wollen mit einander uns zurückziehen.«

Meine Gegenvorstellungen waren umsonst. Andries kam herum an die Thüre des Vorrathshauses und machte einen kräftigen Versuch, sie zu öffnen. Das war aber nicht leicht; denn sie öffnete sich nach außen, war mit einem eisernen Riegel versehen und mit einem starken Schlosse verwahrt. Der Kettenträger wollte nicht auf meine Gegenvorstellungen hören, sondern er sah sich nach einem Werkzeug um, mittelst dessen er das Schloß aufbrechen oder die Krampe herausziehen könnte. Da die Mühle nicht weit entfernt war, eilte er in dieser Richtung fort, um zu suchen, was er bedurfte, und ließ mich zurück in Verzweiflung über seine allzubeharrliche Freundschaft. Aber alle Vorstellungen waren nutzlos, und ich sah mich genöthigt, schweigend den weiteren Erfolg abzuwarten.

Der Kettenträger war noch ein sehr rüstiger, beweglicher Mann. Die Natur, frühe Gewöhnung und Abhärtung, eine sehr einfache Lebensweise und eine treffliche Constitution hatten dies bewirkt. Kaum ein Augenblick war verstrichen, so sah ich ihn in der Mühle, nach einem Brecheisen suchend. Dieses fand er bald, und er war wieder auf dem Wege nach dem Vorrathshause, um diesen gewaltigen Hebel zur Anwendung zu bringen, als Tobit sich zeigte, gefolgt von allen seinen Brüdern, den Abhang heraufstürmend, wie eine Meute von Hunden in hitzigster Verfolgung des Wildes. Ich schrie wieder meinem Freunde laut zu, er solle fliehen, aber er eilte unbeirrt meinem Gefängniß zu, nur den einzigen Zweck meiner Befreiung im Auge behaltend. Während dieser ganzen Zeit war Tausendacres bewußtlos dagelegen, denn er war mit dem Kopf gegen eine Ecke des Gebäudes gefallen. Der Kettenträger war so ganz nur von seinem Vorhaben erfüllt, daß er, obwohl er den Schwarm junger Männer, nicht weniger als sechs an der Zahl, herangewachsene junge Bursche dabei, welche rasch auf ihn zukamen, gesehen haben mußte, doch ihnen nicht die mindeste Aufmerksamkeit schenkte. Er war gerade beschäftigt mit dem Versuch, die Stange zwischen die Haspe und den Pfosten hineinzuzwängen, als seine Arme von hinten gepackt wurden und er zum Gefangenen gemacht ward.

Sobald der Kettenträger sich von der Fruchtlosigkeit des Widerstandes überzeugte, gab er ihn sofort auf. Wie ich nachher von ihm erfuhr, hatte er sich vorgenommen, mit mir ein Gefangener zu werden, falls es ihm nicht gelänge, mich in Freiheit zu setzen. Tobit war der Erste, der Hand an den Kettenträger legte; und so rasch ging Alles, – zufällig hatte gerade dieser Mann den Schlüssel – daß beinahe in einem Nu die Thüre aufgeriegelt, geöffnet und der alte Andries in den Käfig gesperrt war. Die Schnelligkeit dieses Vernehmens ward ohne Zweifel noch unterstützt und gefördert durch die Ergebung, welche gerade in diesem Augenblick im Gemüthe des Kettenträgers eingetreten war.

Sobald dieser neue Gefangene in sichern Gewahrsam gebracht war, hoben die Söhne Tausendacres' ihren noch immer regungslosen Vater auf und trugen ihn nach seiner nur wenige Schritte entfernten Behausung. Alt und Jung von beiden Geschlechtern und von jedem Alter versammelten sich in diesem Gebäude; und während einer ganzen Stunde schien es, als ob wir ganz vergessen wären. Die Schildwache; ein Sohn Tobits, verließ ihren Posten; und selbst Lowiny, welche den ganzen Morgen um das Vorratshaus herum sich zu schaffen gemacht, so daß wir sie immer im Gesicht gehabt hatten, schien ihr Interesse für uns verloren zu haben. Ich war jedoch zu sehr mit meinem alten Freunde beschäftigt und hatte zu viele Fragen zu thun und zu beantworten, als daß ich mich sonderlich über diesen Gesinnungswechsel hätte bekümmern sollen, welcher überdies bei den obwaltenden Umständen natürlich genug war.

»Ich freue mich, daß Ihr nicht in den Händen dieses Schwarms von Wölfen seyd, mein guter Freund!« rief ich aus, nachdem die ersten Begrüßungen zwischen dem alten Andries und mir vorüber waren, und drückte ihm zu wiederholten Malen die Hand. »Sie sind jeder Gewaltthat ganz wohl fähig; und ich fürchtete, der Anblick ihres bewußtlos da liegenden Vaters möchte sie zu irgend einer unmittelbaren Rachehandlung veranlassen. Jetzt haben sie doch einige Zeit zum Ueberlegen, und zum Glück bin ich Zeuge gewesen von Allem, was vorgefallen ist.«

»Seyd ohne Furcht wegen des alten Tausendacres!« sagte der Kettenträger in zuversichtlichem Tone. »Er ist zähe und nur ein wenig betäubt, und das ist die Folge davon, daß er sich für einen bessern Mann gehalten hat, als er ist. Eine halbe Stunde wird ihn wieder zu sich bringen, und dann wird er wieder so gut seyn, als er immer war. Aber, Mortaunt, mein Junge, wie seyd Ihr hieher gekommen, und warum seyd Ihr bei Nacht in den Wäldern herumgestreift, mit Trackleß hier, der doch eine verständige Rothhaut ist, und Euch ein besseres Beispiel hätte geben sollen?«

»Ich war heiß und fiebrisch und konnte nicht schlafen; und so machte ich einen Ausflug in den Wald und verirrte mich. Zum Glück hatte Susquesus ein Auge auf mich und blieb die ganze Zeit in meiner Nähe. Ich war genöthigt, ein Schläfchen zu machen im Wipfel eines gefallenen Baumes; und als ich am Morgen erwachte, führte mich der Onondago hieher, um Etwas zu essen zu suchen, denn ich war hungrig, wie ein ausgehungerter Wolf.«

»So wußte also Susquesus, daß Squatters auf diesem Besitzthum sich niedergelassen hatten?« fragte Andries etwas überrascht, und wie mich dünkte, etwas finster.

»Gar nicht. Er hörte in der Stille der Nacht die Säge der Mühle, und wir folgten der Richtung dieses Lautes und erreichten ganz unerwarteter Weise diese Ansiedlung. Sobald Tausendacres erfuhr, wer ich sey, sperrte er mich hier ein; und was Susquesus betrifft, so hat Jaap Euch ohne Zweifel die Geschichte erzählt, die er Euch mitzutheilen beauftragt war.«

»Alles ganz wahr, Junge, Alles ganz wahr; obgleich ich bis jetzt noch kaum halb verstehe, warum Ihr uns in der Art verlassen habt, wie Ihr gethan habt, und zwar dies, nachdem Ihr eine lange Unterredung mit Dus gehabt. Das Mädchen hat ein ganz schweres Herz, Mortaunt, wie leicht zu sehen; aber ich kann nicht eine Sylbe aus ihr herausbringen, die irgend einer vernünftigen Erklärung gleich sähe. Ich muß wohl Euch bitten, mir die Geschichte zu erzählen, Junge. Ich suchte die Wahrheit aus Dus herauszukriegen, auf dem halben Wege hier herüber; aber ein Mädel ist so verschlossen wie –«

»Dus!« unterbrach ich ihn. »Auf dem halben Wege hieher? Ihr wollt doch, Ihr könnt doch damit nicht sagen wollen, Dus sey mit Euch gekommen?«

»Still, still! Nehmt Euch in Acht! Ihr sprecht zu laut. Ich muß wünschen, diese Schurken von Squatters nicht wissen zu lassen, daß das Mädchen sich so ausgesetzt hat, aber hier ist sie; oder was ungefähr dasselbe ist, sie ist in den Wäldern dort drüben, als Zuschauerin, und ich fürchte, sie wird sehr in Angst und Sorgen seyn, zu sehen, daß auch ich ein Gefangner bin.«

»Kettenträger, wie konntet Ihr Eure Nichte solchen Gefahren aussetzen – sie so in die Nähe der Krallen gesetzloser Schurken bringen?«

»Nein, Mortaunt, nein – es ist gar nicht zu befürchten, daß sie mißhandelt werde oder Etwas der Art. Man kann dergleichen Dinge in Büchern lesen, aber das Weib wird in Amerika respektirt und nicht mißhandelt. Nicht Einer von Tausendacres' Schelmen würde das Ohr des Mädchens mit einem ungeziemenden Worte verletzen, wenn er auch im Fall wäre, es zu können, was nicht der Fall ist, sintemal Niemand weiß, daß das Mädchen bei mir ist, als Ihr. Mitgehen wollte sie, und so half es Nichts, wenn ich Nein sagte. Dus ist ein gutes Geschöpf, Mortaunt, und ein pflichtmäßiges Mädchen; aber es ist ebenso leicht einen Fluß aufwärtsströmen zu machen, als sie zurückzuhalten, wenn sie liebt.«

»Ist das ihr Charakter?« dachte ich. »Dann ist allerdings wenig Aussicht, daß sie je die Meinige werde, da ihre Neigung ihrem Treugelübde gefolgt seyn muß.« Dennoch war mein Interesse an dem edelherzigen Mädchen gerade ebenso stark, wie wenn ich ihr Jawort gehabt hätte, und sie in wenigen Wochen hätte die Meinige werden sollen. Der Gedanke, daß sie in diesem Augenblick im Walde die Rückkehr ihres Oheims erwarte, war für mich Todesqual; aber ich besaß genug Selbstbeherrschung, den Kettenträger auszufragen, bis ich folgende Umstände aus ihm herausgebracht hatte.

Jaap hatte die Botschaft des Susquesus aufs getreulichste an diejenigen bestellt, an welche ihm der Indianer den Auftrag gegeben hatte. Sobald Andries diese Neuigkeiten vernahm, und die Art und Weise meiner Gefangenschaft, versammelte er einen Rath, bestehend aus ihm selbst, Dus, und Frank Malbone. Dies geschah am vorhergegangenen Nachmittag; und in derselben Nacht noch begab sich Malbone nach Ravensnest, in der Absicht, Verhaftbefehle gegen Tausendacres und seine ganze Bande auszuwirken, so wie auch Leute zum Beistand aufzubieten, um sie Alle einzuziehen, indem er gedachte, die ganze Gesellschaft in das Gefängniß zu Sandy-Hill bringen zu lassen. Da der Verhaftbefehl nur von Mr. Newcome ausgestellt werden konnte, sah ich leicht ein, daß der Bote eine lange Zeit würde hingehalten werden, da der Friedensrichter einen großen Theil des heutigen Tages brauchen mußte, um seine Heimath zu erreichen. Diesen Umstand jedoch hielt ich für angemessen meinem Freunde für den Augenblick zu verhehlen.

Heute Morgen frühe hatten der Kettenträger, Dus und Jaap die Hütten verlassen, und den nächsten Weg nach der Lichtung Tausendacres' eingeschlagen, so wie sie nach der Beschreibung des Indianers deren Richtung und Lage annehmen mußten. Mit Hülfe eines Compasses und unterstützt von ihrer langen, vertrauten Bekanntschaft mit den Wäldern, wurde es dieser Gesellschaft nicht schwer, die Stelle zu erreichen, wo der Onondago und der Neger sich begegnet waren; dann aber ging freilich der übrige Weg für die kecken Reisenden durch eine terra incognita. Nach einigem Suchen jedoch entdeckten sie in der Ferne die Helle der Lichtung, als sie sich dem Saume der Wälder näherten, ungefähr wie man eine Insel im Meere entdeckt. Ein günstiger Platz, der einen guten, schirmenden Versteck darbot, wurde gewählt, von wo aus der Kettenträger beinahe eine Stunde lang Recognoscirungen anstellte, ehe er ihn verließ. Nach einiger Zeit entschied er sich über die Art, wie er zu Werke gehen wollte und wirklich zu Werke ging: er ließ seine Nichte zurück, um seine Bewegungen zu beobachten, mit der Weisung, sich zu ihrem Bruder zu begeben, falls er selbst von dem Squatter zurückgehalten würde. Ich fühlte mich etwas erleichtert, als ich die Anwesenheit Jaaps erfuhr, denn ich kannte die Treue des Burschen hinlänglich, um zu wissen, daß er Dus nie verlassen würde: aber mein Gefängniß wurde mir doppelt so eng und peinlich, nachdem ich diesen Bericht des Kettenträgers vernommen hatte, als es mir zuvor gewesen war.

 

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