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Der Kettenträger

James Fenimore Cooper: Der Kettenträger - Kapitel 21
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typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Kettenträger
publisherVerlag von S. G. Liesching
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Neunzehntes Kapitel.

Ein kernhaftes Holz,
Kräft'ge Männer voll Stolz
Trägt unser Boden, stark und gesund;
Unsre Herzen und Eichen
Sollen ihres Gleichen
Haben nicht auf der Erde Rund.

Young.

 

Tausendacres und der Friedensrichter lenkten ihre Schritte gerade nach dem Vorrathshause zu, und da der Block der Schildwache einen bequemen Sitz bot, wurde diese von ihrer Funktion entlassen, und die beiden Ehrenmänner nahmen an der stelle des Knaben Platz, mit dem Rücken gegen mein Gefängniß. Ob dies in Folge eines schlauangelegten Planes des Squatters so geschah, oder nicht, habe ich nie erfahren; aber mochte die Ursache seyn welche da wollte, die Folge davon war, daß ich Ohrenzeuge beinahe des ganzen sich jetzt zwischen ihnen entspinnenden Gespräches wurde. Es wird dem Leser das Verständniß der nachher zu berichtenden Vorfälle sehr erleichtern, wenn ich das Gespräch mittheile, welches mein bisheriger Agent mit einem Manne pflog, der offenbar sein Vertrauter war in gewissen Sachen, wo nicht in allen, die mein Interesse in dieser Gegend berührten. Was das Lauschen betrifft, so trage ich kein Bedenken, mich dazu zu bekennen, da die Umstände mich gewiß berechtigten, mir selbst noch viel größere Freiheiten zu nehmen, gegenüber von den herkömmlichen geselligen Regeln und Verpflichtungen des gewöhnlichen Lebens, falls ich es passend gefunden hätte. Ich hatte es mit Schelmen zu thun, die mich in ihrer Gewalt hatten, und ich hatte keine Verpflichtung, sonderlich skrupulös zu seyn, mindestens nicht in Betreff der blos konventionellen Schicklichkeit.

»Wie ich Euch gesagt habe, Tausendacres,« so fuhr Newcome in seinem Gespräch fort, und zwar mit der Vertraulichkeit eines Mannes, der seinen Gesellschafter genau kennt, »der junge Mann ist in dieser Gegend und in diesem Augenblick ganz in Eurer Nähe.« – Ich war viel näher, als der Squire selbst in diesem Augenblick ahnte. – »Ja, er ist in die Wälder seines Besitzthums hinausgezogen mit dem Kettenträger und seiner Bande; und nach Allem was ich weiß, mißt er Pachtgüter ab, nur eine oder zwei Meilen weit von hier.«

»Wie viele Männer sind es?« fragte der Squatter mit Interesse. »Wenn nicht mehr als die gewöhnliche Zahl, so wird es ein unglücklicher Tag für sie werden, falls sie auf meine Lichtung hereinstolpern!«

»Das werden sie vielleicht, vielleicht auch nicht; man kann das nie wissen. Landvermessen ist ein Geschäft, das Einen hierhin oder dorthin führen kann. Man weiß nie, wohin Einen eine Linie in den Wäldern führen mag. Das ist der Grund, warum ich die Creaturen von meinem Zimmerholzboden entfernt gehalten habe; denn um mit Euch so zu sprechen, Tausendacres, wie ein Nachbar mit dem andern ohne Gefahr sprechen kann, es sind verzweifelt große Fichten auf den noch nicht verpachteten Bergen nördlich und östlich von meinem Loos. Manchmal ist es bequem, wißt Ihr, Linien im Umkreis einer Meile zu haben, manchmal nicht.«

»Fluch über alle Linien in einem freien Lande, sag' ich, Squire,« erwiederte Tausendacres, welcher, als er diesen charakteristischen Segenswunsch aussprach, aussah, als ob er richtiger Zehntausendacres genannt würde; »sie sind eine Erfindung des Teufels. Ich habe volle sieben Jahre im Staate Varmount gelebt, wie er jetzt genannt wird, den alten Hampshire Grants, wißt Ihr, als nächster Nachbar von zwei Familien, die eine nördlich die andere südlich von mir, und wir haben die ganze Zeit über so frei und ungehindert als uns beliebte Holz gefällt, und kein böses Wörtchen kam zwischen uns vor und kein zorniges und scheeles Gesicht.«

»Ich vermuthe fast, Freund Aaron, Ihr saßet dort Alle mit dem gleichen Besitztitel?« bemerkte der Friedensrichter mit einem schlauen Blick auf seinen Genossen. »Wenn das der Fall war, so wäre es gegen alle Vernunft gewesen, unter einander Händel anzufangen.«

»Nun, ich will gestehen, daß unsre Titel so ziemlich sich gleich waren; – Besitznahme und freie Aexte. Damals hatten wir es mit New-Yorker Grundherrn zu thun. Was ist Eure aufrichtige Meinung über das Gesetz in diesem Punkte, Squire Newcome? Ich weiß, Ihr seyd ein Mann von guter Erziehung, – ein Collegiumsgelehrter, behaupten manche: obwohl ich glaube, diese Gelehrsamkeit ist nicht besser als jede andere, wenn man sie nur hat, – aber was ist Eure Meinung vom Besitz? – Gilt er in einundzwanzig Jahren ohne Brief und Siegel oder nicht? Einige sagen: ja, Andere: nein!«

»Nein. Das Gesetz ist fest bestimmt: es muß ein Schatten von Titel vorhanden seyn, oder der Besitz gilt gar nichts; so wenig als das Zusammengeschabte eines Mehlfasses.«

»Ich habe auch schon das Gegentheil behaupten hören, und es sind gute Gründe, daß der wirkliche Besitz gegen alles Andre gelten und Recht behalten sollte. Unter Besitz jedoch verstehe ich nicht, daß man ein paar Satteltaschen an einen Baum hängt, wie dies manchmal geschieht, sondern daß man tüchtig und ehrlich ins Land hinein sich macht, und Bäume umhaut, und Mühlen und Häuser und Scheunen baut, und schneidet und walkt und sägt rechts und links. Das thue ich selbst jederzeit, und das nenne ich ein solches Besitzergreifen, wie es zu Rechte bestehen sollte vor dem Gesetz – ja, und auch nach dem Evangelium: denn ich gehöre nicht zu den Leuten, die die Religion ins Gesicht schlagen möchten.«

»Darin habt Ihr ganz Recht, behaltet das Evangelium auf Eurer Seite, was Ihr auch immer thut, Nachbar Tausendacres. Unsre puritanischen Väter haben nicht den Ocean durchkreuzt, und den Schrecknissen der Wildniß getrotzt und ihren Fuß auf den Felsen von Plymouth gesetzt und überhaupt Uebermenschliches ertragen und durchgemacht für Nichts und wieder Nichts!«

»Nun, nach meinen Begriffen sind die Schrecknisse der Wildniß, wie Ihr es nennt, eben nichts so Arges; aber was die Fahrt über den Ocean betrifft, das muß, kann ich mir leicht vorstellen, Etwas seyn, das die Geduld und Ausdauer eines Menschen auf die Probe setzt. Ich konnte mich nie mit dem Wasser befreunden. Man sagt mir, es wachse nicht ein einziger Baum auf der ganzen Strecke zwischen Amerika und England. Schwimmenden Sägeblöcken begegne man zuweilen, habe ich sagen hören, aber keinem aufrecht stehenden lebendigen Baume von Massachussets-Bay bis zur Stadt London.«

»Es ist da Alles Wasser, und natürlich sind da die Bäume rar, Tausendacres; aber kommen wir jetzt der Sache selbst etwas näher. Wie ich Euch gesagt, der junge Wolf ist da, und er wird so laut brummen und heulen, als der alte Bär selbst, wenn er von all den Brettern und Dielen hört, die Ihr den Fluß hinab habt schwimmen lassen, – um nichts zu sagen von den Haufen Holz hier herum, die Ihr noch nicht einmal ins Wasser gelassen habt.«

»Laßt ihn brummen oder heulen,« versetzte der alte Squatter, mit einem schlauen, boshaften Blick auf mein Gefängniß; »wie bei so vielen andern Creaturen, die mir vorgekommen sind, wird sichs bei ihm zeigen, daß sein Bellen schlimmer ist als sein Beißen.«

»Ich weiß das nicht, Nachbar Tausendacres, ich weiß das gar nicht. Major Littlepage ist ein Gentleman von Muth und Entschlossenheit, wie man daraus sieht, daß er die Agentschaft auf seinem Gut mir abgenommen hat, der ich sie so lange gehabt, und sie einem jungen Laffen gegeben, der keinen andern Anspruch hat, als daß er ein leidlicher Landvermesser ist, aber der sich erst seit zwölf Monaten in der Ansiedlung aufhält.«

»Einem Landvermesser gegeben? Ist es einer von des Kettenträgers Meßteufeln?«

»Ganz recht! es ist eben der junge Gesell, welchen der Kettenträger seit einem Jahre oder so bei sich hat, der die Linien zieht und das Land vermißt auf diesem Gute.«

»Der alte Kerl, der Kettenträger, thäte jetzt gut, sich vorzusehen! Er hat mich jetzt dreimal gekreuzt im Verlaufe seines Lebens, und er wird nachgerade verzweifelt alt; ich fürchte, er wird nicht mehr lang leben!«

Ich konnte jetzt bemerken, daß der Squire Newcome anfing sich unbehaglich zu fühlen. Obgleich er ein Genosse und College des Squatters war im Stehlen von Holz, was man in einem neuen Lande nur allzu geneigt ist, als eine verzeihliche Spitzbüberei zu betrachten, vertrug es sich doch mit der Art und dem Grade seiner Schurkerei ganz und gar nicht, das Leben eines Menschen zu bedrohen. Er begünstigte das Stehlen von Holz, indem er die geschnittene Waare zu hinlänglich niedern Preisen kaufte, so lange die Gefahr entdeckt zu werden gewisse Grenzen nicht überschritt; aber er liebte es nicht, mit einem Handel zu schaffen zu haben, bei welchem man, im Falle der Noth, nicht mit ziemlicher Sicherheit allen unangenehmen Folgen und Strafen sich entziehen konnte. Die Menschen werden sehr leicht das, wozu – nicht ihre Gesetze – sondern die Verwaltung und Handhabung ihrer Gesetze sie macht. In Ländern, wo die Handhabung der Gesetze, die Rechtspflege rasch, sicher und gehörig streng ist, sind Verbrechen hauptsächlich die Folgen der Versuchung und der Noth; aber es ist auch ein solcher Zustand der Gesellschaft denkbar, wo die Gerechtigkeit in Verachtung kommen kann durch ihre Ohnmacht, und die Menschen sich Vergehungen erlauben, nur um ihr zu trotzen. So haben wir lang gelitten unter dem großen Nachtheil, daß wir unter Gesetzen lebten, die großentheils für ganz andere Verhältnisse entworfen und berechnet waren. Nach dem gemeinen Recht war es in England nur ein Vergehen, einen Baum umzuhauen, denn Bäume wurden selten oder nie gestohlen, und das Gesetz wollte für das einfache Vergehen des Abhauens oder Abschneidens eines Zweigs in einem Walde nicht die Strafe eines Verbrechens festsetzen. Aber bei uns sind, unter ganz neuen Verhältnissen, auch ganz neue Arten von Vergehen entstanden, und wir haben wahrscheinlich die ungeheure Ausdehnung des Holzstehlens, welches jetzt seit langer Zeit unter uns im Schwange geht, ebenso sehr von der unpassenden Gelindigkeit der Gesetze abzuleiten, als von dem Umstande, daß gerade diese Art von Eigenthum so sehr blosgestellt ist. Mancher würde ein Vergehen der schwersten Art sich erlauben, der vor der Begehung eines Verbrechens der geringsten Art zurückbeben würde. So war es der Fall bei Newcome. Er hatte eine gewisse Art von gesetzlicher Rechtlichkeit an sich, die ihn bis auf einen gewissen Grad den guten Schein retten ließ. Es ist wahr, er begünstigte das ungesetzliche Fällen von Zimmerholz dadurch, daß er das gesägte Holz kaufte, aber zugleich hütete er sich wohl, keinen solchen unmittelbaren Antheil an dem im eigentlichen Sinne widerrechtlichen Theile des Gewerbes zu nehmen, daß er sich den Strafen des Gesetzes ausgesetzt hätte. Wäre das Stehlen von Zimmerholz als Felonie behandelt worden, so wäre er oft ein Mitschuldiger von der That gewesen; aber bei bloßen Vergehen weiß das Gesetz von einer solchen Mitschuld Nichts. Und der Ankauf von gesägtem Holz war, wenn es mit gehöriger Vorsicht geschah, Dank den herrlichen Ausflüchten, welche die vervollkommnete Vernunft der neuern Zeit an die Hand gibt, eine Sache, die mit keiner persönlichen Gefahr, vom kriminellen Gesichtspunkt aus betrachtet, verknüpft war, und ließ so viele Auskunftsmittel zu, daß die Frage des Eigenthums als eine sehr zweifelhafte erschien, nachdem die Dielen ganz in seinen Besitz übergegangen waren. Der Zweck seines gegenwärtigen Besuchs auf der Lichtung von Tausendacres war, wie der Leser vermutlich schon errathen hat, von meiner vorausgesetzten Nähe Nutzen zu ziehen, und durch Einschüchterung den Squatter zu einem Verkaufe unter solchen Bedingungen zu vermögen, welche dem Käufer einen ungewöhnlich großen Gewinn lassen sollten. Zum Unglück für das Gelingen dieses nobeln Anschlages befand ich mich in so viel größerer Nähe, als selbst Squire Newcome voraussetzte, daß sein Plan bedroht wurde, gerade durch das Uebermaß dessen, wodurch er das gewünschte Resultat herbeizuführen gedachte. Nicht träumen ließ sich der ehrliche Friedensrichter, daß ich während des ganzen Gesprächs nur zwanzig Fuß weit von ihm entfernt war, und Alles hörte, was gesprochen wurde.

»Kettenträger ist etwa siebzig Jahre alt,« versetzte Newcome, nachdem er einen Augenblick über die Bedeutung der letzten Bemerkung seines Gesellschafters nachgesonnen hatte. »Ja, etwa siebzig sollte ich denken nach dem was ich gehört habe, und was ich selbst von dem Manne weiß. Es ist ein ansehnliches Alter, aber die Leute leben oft noch viele Jahre darüber hinaus. Ihr müßt selbst auch um die Jahre herum seyn, Tausendacres.«

»Dreiundsiebzig, keinen Tag und keine Stunde weniger, Squire; eher noch Tage und Stunden drüber. Wenn man nach dem alten Styl rechnet, bin ich, glaube ich, noch um einen Monat oder so älter. Aber ich bin nicht der Kettenträger. Niemand kann von mir sagen, daß ich je meinen Nachbarn lästig gefallen wäre. Kein Mensch kann behaupten, daß ich je zu einer Zeit einmal seine Linien gestört hätte. Kein Mensch kann den Tag namhaft machen, wo ich je vor Gericht aufgetreten wäre, um zu zeugen über solche Lumpereien, wie die Länge oder Breite von Loostheilen, um Zwist zwischen Nachbarn anzustiften. Nein, Squire Newcome, ich darf mich meines Rufs und Leumunds rühmen, der die Begleichung aushält mit dem jedes andern Bewohners der Wälder, der mir je vorgekommen. Und was ich von mir behaupte, das darf ich auch sagen von meinen Söhnen und Töchtern, – von Tobit bis herab auf Samson, von Nab bis auf Jeruthy. Wir sind, was ich ein vernünftiges und versöhnliches Geschlecht nenne, gehen unsern eignen Angelegenheiten nach, und haben Achtung vor den Angelegenheiten anderer Leute. Jetzt bin ich in meinem vierundsiebzigsten Jahre, Vater von zwölf lebenden Kindern, und ich habe in meinem Leben manche Niederlassung gemacht, aber nie hat man mir nachsagen können, daß ich mein Lager aufgeschlagen auf dem Grund und Boden, den ein Anderer im Besitz hatte; – und ich dehne meine Ideen von Besitz weiter aus als die meisten Leute, denn ich nenne das Besitz, wenn Einer offen und vor Zeugen erklärt hat, daß er die Absicht hat, sich auf einem bestimmten Platze niederzulassen vor der nächsten Pflüge- oder Regenzeit, wie es sich trifft. Nein, ich respektire den Besitz, welcher in einem freien Lande der einzige gesetzlich gültige Rechtstitel auf Eigenthum seyn soll. Wenn ein Mann eine Lichtung wünscht, oder eine zu machen wünscht, so ist meine Lehre die: er soll sich umsehen und sein Zelt aufschlagen nach guter und reiflicher Erwägung und Berechnung, und wenn er des Platzes überdrüssig ist, und sich nach Veränderung sehnt, so soll er seine Meliorationen verkaufen, wenn er einen Käufer findet, und wenn nicht, so soll er Alles mitnehmen und sie dem überlassen, der zunächst kommen mag.«

Es ist wahrscheinlich, daß Jason Newcome, Esquire, – Friedensrichter in Amerika halten an diesem Titel mit ungemeiner Zähigkeit fest, obgleich sie darauf so wenig Recht haben als irgend ein anderer Mensch, – nun, also daß Jason Newcome, Esquire, seine Begriffe von den Rechten der Squatters und von dem geheiligten Charakter des Besitzers nicht ganz so weit ausdehnte, wie sein Freund Tausendacres. Newcome war ein ausnehmend selbstsüchtiger, aber dabei ein ausnehmend schlauer Mann. Ich weiß nicht, ob die Bezeichnung gescheut, im weitesten Sinne des Worts, ganz passend auf ihn angewendet würde; denn in dem Sinne, den ich im Auge habe, schließt der Begriff auch Verstand und Einsicht genug in sich, um das Rechte zu thun; aber er hatte allerdings gegründete Ansprüche darauf in der beschränkteren Bedeutung, in welcher man von gescheuten Spitzbuben spricht. Mit Einem Wort, Mr. Newcome verstand sich selbst und seine Verhältnisse zu dem Gemeinwesen, in welchem er lebte, zu gut, als daß er sich in sehr ernste Angelegenheiten hätte verwickeln sollen durch offenes Abschütteln seiner Pflichten, obwohl er in einem Zustand unaufhörlicher kleiner Abweichungen von denselben lebte, die ihn jeden Augenblick in ernste Schwierigkeiten verwickeln konnten. Dennoch war leicht zu merken, daß er keinen Geschmack fand an den Anspielungen von Tausendacres auf das Lebensende meines vortrefflichen alten Freundes Kettenträger; aber ich muß sagen, daß sie auch mir keine sonderliche Unruhe machten; denn während ich wohl wußte, welcher verzweifelten Handlungen die Squatters zuweilen fähig waren, vermuthete ich doch, des alten Burschen Bellen sey am Ende ärger als sein Beißen, wie er dies so eben in Beziehung auf mich geäußert hatte.

Es würde schwerlich der Mühe lohnen, wenn ich versuchen wollte, Alles wiederzugeben, was zwischen den beiden Freunden hin uns her gesprochen wurde; obgleich das Gespräch ein ganz unterhaltendes Musterstückchen schlauer Bearbeitung von der einen Seite war, um den Squatter durch Einschüchterung dahin zu bringen, daß er sein Holz losschlage, und auf der andern Seite von trotziger Sicherheit. Diese Sicherheit gründete sich auf den Umstand, daß Tausendacres in diesem Augenblick mich als Gefangenen in seinem Vorrathshause eingesperrt hatte.

Ein Handel unter solchen Verhältnissen konnte voraussichtlich nicht leicht zu einem glücklichen Abschluß gedeihen. Nach vielem Erörtern und Markten wurde, ohne daß Etwas entschieden gewesen wäre, die Besprechung abgebrochen, indem der Friedensrichter sagte: »Nun, Tausendacres, ich hoffe, Ihr habt keinen Grund, es zu bereuen, aber ich fürchte fast, Ihr werdet es bereuen.«

»Wenn es so ist, so ist der Schaden und Verlust mein und meiner Jungen,« antwortete der Squatter. »Ich weiß, ich kann alle die Bretter in das Flüßchen, ja wohl auch in den Strom bringen, ehe der junge Littlepage mir irgend ein Leid thun kann; obwohl Ein Umstand ist, der mich noch auf andere Gedanken bringen könnte –«

Hier machte der Squatter eine Pause; und Newcome, welcher aufgestanden war, drehte sich rasch und lebhaft gegen ihn, um Vortheil zu ziehen von der Ungewißheit, worin er die Seele des Andern noch befangen sah.

»Ich dachte, Ihr würdet Euch eines Bessern besinnen,« sagte er; »denn es ist außer Zweifel, falls Major Littlepage von Eurer Niederlassung hier erführe, so würde Euch mit Stumpf und Stiel entwurzeln, wie die Stürme einen fallenden Baum.«

»Nein, Squire, ich bin fest entschlossen,« versetzte Tausendacres kühn. »Ich will verkaufen, und das gerne, aber nicht auf die von Euch genannten Bedingungen hin. Zwei Pfund acht Schilling für tausend Fuß Dielenmaß, und Alles ineinander gerechnet, gute Waare und Ausschuß, ohne Magazingebühren – so könnt Ihr das Holz haben!«

»Zu viel, Tausendacres, bei weitem zu viel, wenn Ihr das Risiko bedenkt, dem ich mich aussetze. Ich weiß nicht gewiß, ob mir das Holz bliebe, selbst nachdem ich es in den Strom gebracht, denn ein replevy ist ein furchtbares Ding in der Justiz, das kann ich Euch sagen. Ein Pfund sechszehn Schilling und der dritte Theil der Magazingebühren, – das ist der letzte Heller, den ich bieten kann.«

Zu jener Zeit wurden alle Berechnungen in Amerika nach Pfunden, Schillingen und Pencen gemacht.

»Dann ist es mit dem Handel aus. – Ich vermuthe, Squire, Ihr habt noch immer so wenig Lust, auf meiner Niederlassung gesehen zu werden, wie früher?«

»Gewiß – gewiß!« antwortete Newcome hastig. »Es hat damit auch wohl keine Gefahr, hoffe ich. Ihr habt doch sicherlich keine Fremden bei Euch?«

»Dafür möchte ich nicht bürgen. Ich sehe dort einige der Jungen aus den Wäldern kommen, und es scheint mir ein vierter Mann bei ihnen zu seyn. Ja wahrhaftig, so ist es wirklich, und kein Andrer ist es als Susquesus der Onondago. Der Bursche macht wenig Worte und ist verschlossen, wie die meisten Rothhäute, aber Ihr müßt selbst am besten wissen, ob Ihr Euch gerne vor ihm sehen laßt oder nicht. Ich höre, er sey ein vertrauter Freund des Kettenträgers.«

Es war sehr leicht zu sehen, daß der Magistrat sich im Augenblick für das Nichtsehenwerden entschied. Mit nicht geringer, kaum anständiger Eilfertigkeit drückte er sich um einen Haufen Holzscheiter herum, und ich sah Nichts mehr von ihm, bis ich seiner Person wieder ganz in der Ferne, am Saume des Waldes, ansichtig wurde, auf dem Punkte, wo er zwei Stunden zuvor auf die Lichtung herausgekommen war, und wo er jetzt sein Pferd aus den Händen des jüngsten von Tausendacres Söhnen in Empfang nahm, welcher zu seiner Bequemlichkeit ihm das Thier dahin führte. Sobald Mr. Newcome wieder im Besitz seines Thieres war, stieg er auf und ritt fort in die Tiefen des Waldes hinein. So geschickt bewerkstelligte er seinen Rückzug, daß kein gewöhnlicher Beobachter ihn möglicherweise hätte bemerken können, wäre er nicht zuvor schon auf seine Bewegungen aufmerksam gemacht worden.

Was beim Abschied zwischen Tausendacres und seinem Besuche vorging, habe ich nie erfahren, aber sie müssen einige Minuten mit einander ganz allein gewesen seyn. Als der Erstere wieder erschien, kam er hinter den Holzklötzen hervor, all seine Aufmerksamkeit dem Anschein nach auf die sich nähernde Gruppe gerichtet, welche aus seinen Söhnen und Susquesus bestand. Diese entschlossenen und erfahrenen Männer hatten wirklich den Onondago eingeholt und gefangen, und brachten ihn jetzt in ihrer Mitte als Gefangenen, entwaffnet, ein, um die Befehle ihres Vaters zu empfangen. Trotz Allem, was ich von diesem Manne und von seinem Charakter wußte, mußte ich mir doch gestehen, es lag etwas Imponirendes in der Art, wie er die Ankunft seiner Söhne und ihres Gefangenen erwartete. Gewohnt eine beinahe unbeschränkte Herrschaft in seiner Familie auszuüben, hatte der alte Mann sich etwas von der Würde der Herrschergewalt angeeignet; und was seine Nachkommenschaft betrifft, Alte und Junge, Männer und Weiber, Prudence nicht ausgenommen, so hatten sie im Punkte der Freiheit sehr wenig dabei gewonnen, daß sie die Fesseln des ordentlichen, anerkannten Gesetzes und Rechtes abgeschüttelt hatten, um unter dem Scepter ihres Patriarchen zu leben. In dieser Hinsicht durften sie mit den Massen verglichen werden, die in blindem Streben nach Freiheit ungeduldig die gesetzlichen und heilsamen Schranken der Gesellschaft niederreißen, um sich der willkührlichen, selbstsüchtigen und immer ungerechten Diktatur von Demagogen zu unterwerfen. Der etwaige Unterschied zwischen diesen zwei Arten von Regiment war ganz auf der Seite der Herrschaft des Squatters, welcher doch die Gefühle der Natur für sein eigen Fleisch und Blut hatte, und demzufolge oft nachsichtig sich zeigte.

Es ist so schwer, im äußern Benehmen eines Indianers seinen Seelenzustand zu lesen, daß ich nicht erwartete, aus den Mienen des Onondago, wie er näher kam, seine Empfindungen abnehmen und errathen zu können. In seinem Aeußern erschien dieser Mann so ruhig und unbewegt, als wäre er eben zu einem freundschaftlichen Besuch angekommen. Diejenigen, die ihn gefangen, hatten ihn gebunden, aus Furcht er möchte ihnen in den Dickichten, welche sie passiren mußten, entwischen; aber die Seile schienen ihm weder wehe zu thun noch ihm Kummer zu machen. Der alte Tausendacres zeigte ihm ein finstres Gesicht, aber er besaß zu viel Erfahrung hinsichtlich des indianischen Charakters – er kannte zu gut die indianische Gemüthsart, die nie verzeiht, und die Zähigkeit ihres Gedächtnisses, das weder empfangene Gunst noch erduldete Unbild vergißt, als daß er hätte unnöthig und muthwillig die bittern Gefühle steigern sollen, welche natürlich zwischen ihm und seinem Gefangenen sich erzeugt haben mußten.

»Trackleß.« sagte er mit Achtung und mit Bedacht. »Ihr seyd ein alter Krieger und müßt wissen, daß in unruhiges Zeiten ein Jeder sich vorsehen muß. Ich bin froh, daß die Jungen nicht in den Fall kamen, Euch ein Leid thun zu müssen; aber es wäre nimmermehr angegangen, Euch die Nachricht von dem, was diesen Morgen hier vorgegangen ist, an Kettenträger und seine Rotte überbringen zu lassen. Wie lang ich Euch hier werde festhalten müssen, das vermag ich selbst jetzt noch nicht zu sagen; aber Eure Behandlung soll gut, die Begegnung warm seyn, so lang Ihr Euch ruhig verhaltet. Ich weiß, was das Wort einer Rothhaut ist; und vielleicht, wenn ich mir es ein Wenig überlegt habe, lasse ich Euch frei in der Lichtung herumgehen, falls Ihr mir Euer Wort geben wollt, nicht davon zu laufen. Ich will es mir bedenken und es Euch morgen wissen lassen; aber für heute muß ich Euch im Vorrathshaus einsperren mit dem jungen Gesellen, mit welchem Ihr hieher gekommen seyd.«

Tausendacres befragte sodann seine Söhne über die Art und Weise, wie sie sich ihres Gefangenen bemächtigt hätten, was ich hier nicht zu erzählen brauche, da ich Gelegenheit finden werde, die Erzählung hieran aus dem Munde des Indianers selbst zu geben. Sobald er hierüber genügende Auskunft hatte, wurde die Thüre meines Gefängnisses geöffnet und der Onondago trat herein, seiner Bande entledigt, ohne die leiseste Spur von Verdruß oder Widerwillen in seinen Mienen zu verrathen. Alles geschah in der »allerverschlossensten« Weise; sobald der neue Gefangene eingeliefert war, wurde die Thüre wieder wohl verwahrt und ich blieb mit Sureflint allein; eines der jüngeren Mädchen wurde jetzt als Schildwache in der Nähe des Gebäudes zurückgelassen. Ich wartete einen Augenblick, um mich zu vergewissern, ob wir allein wären, und dann eröffnete ich das Gespräch mit meinem Freunde.

»Es thut mir das gar sehr leid, Sureflint,« begann ich, »denn ich hatte gehofft, Eure Bekanntschaft mit den Wäldern und Eure Uebung im Auffinden von schwer zu entdeckenden Pfaden werde Euch in Stand setzen, Euren Verfolgern zu entkommen und die Kunde meiner Gefangenschaft unsern Freunden zu überbringen. Das ist nun eine leidige Vereitlung meiner Hoffnung, nachdem ich gewiß geglaubt hatte, Ihr würdet Kettenträger zu wissen thun, wo ich sey.«

»Warum Ihr jetzt denken anders, he? Vermuthlich weil Indianer Gefangner, nicht sich selbst können helfen?«

»Ihr wollt doch damit nicht sagen, daß Ihr mit Eurem eigenen Willen hier seyd?«

»Gewiß. – Dachte nicht nöthig zu kommen; bin nicht gekommen. Ihr glauben, Tausendacres' Jungen gefangen den Susquesus, in den Wäldern, und er es nicht so gewollt? Gewiß, Winter gekommen und Sommer gekommen. Gewiß, graue Haare gekommen ein Wenig. Gewiß, Trackleß alt geworden, nach und nach; aber der Moccasin zurücklassen noch keine Spur.«

»Da ich nicht verstehe, warum Ihr zuerst Euch davon machtet und dann wünschtet, wieder zurückzukommen, muß ich Euch bitten. Euch mir zu erklären. Laßt mich Alles hören, was vorgegangen ist, Sureflint – wie es gegangen ist, und warum es so gegangen ist. Erzählt es auf Eure Weise, aber erzählt es vollständig.«

»Gewiß. – Warum nicht erzählen? Es nichts schaden; Alles gut – Einiges vortrefflich! Nie gehabt haben besseres Glück.«

»Ihr macht meine Neugier rege, Sureflint; erzählt die ganze Geschichte auf einmal; beginnt nur dem Augenblicke, wo Ihr entwischt seyd, und führt sie fort bis zu dem Augenblick Eurer Ankunft hier.«

Auf dies sah mich Susquesus mit einem bedeutungsvollen Blick an, zog seine Pfeife aus dem Gurt, füllte sie und zündete sie an und begann mit einer Ruhe und Fassung zu rauchen, die sich nicht leicht stören ließ. Sobald jedoch der Indianer sich versichert hatte, daß seine Pfeife in gehörigem Stande sey, fing er ruhig seine Erzählung an.

»Jetzt zuhören mir, Ihr es vernehmen,« sagte er. »Fortgelaufen, weil nicht gut hier bleiben und Gefangner seyn, das warum

»Aber Ihr seyd jetzt ja doch ein Gefangener, so gut wie ich; und nach Eurer Angabe ein Gefangener aus eigenem, freiem Entschluß.«

»Gewiß – nie Gefangner gewesen seyn, nie es seyn werden, wenn es nicht wollen. Vielleicht geschossen, da nicht helfen und ändern können; aber in Wäldern Indianer nie Gefangner, wenn nicht faul oder betrunken. Rum gar Viele machen zu Gefangnen.«

»Ich kann das Alles wohl glauben – aber erzählt mir die Geschichte. Warum ranntet Ihr zuerst fort?«

»Ihr meinen, Kettenträger nicht wollen wissen, wo Ihr seyn, he? Ihr meinen, Tausendacres Euch je lassen gehen, so lange Holz im Fluß? Wenn Holz fort, dann gehen; vorher nicht. Bleiben ganzen Sommer! Ihr Lust haben, ganzen Sommer im Vorrathshause zu bleiben, he?«

»Gewiß nicht! – Nun also, Ihr habt mich verlassen, um unsern Freunden zu wissen zu thun, wo ich sey, damit sie auf Mittel bedacht wären, mich zu befreien. Das Alles verstehe ich; was dann weiter?«

»Dann fortgerannt in Wald. Leicht genug, entwischen, wenn Tausendacres nicht das Auge auf Einen richten. Nun, gegangen bei zwei Meilen; keine Fährte gelassen – Vogel in Luft so viel Spuren lassen. Wem begegnet, Ihr meinen, he?«

»Ich bin verlangend, es von Euch zu hören.«

»Begegnet Jaap – ja – begegnet dem Neger. Gesucht seinen jungen Gebieter – Jedermann in Unruhe, und nicht wissen, wo junger Häuptling seyn. Die Einen suchen da – die Andern suchen dort – Alle suchen irgendwo – Jaap suchen gerade hier.«

»Und Ihr habt Jaap die ganze Geschichte erzählt und ihn damit zu den Hütten zurückgeschickt?«

»Gewiß – ganz so. Gut gerathen haben dies Mal. Dann denken, was weiter thun. Gern zurückgekommen und jungem Freund Bleichgesicht geholfen; so gedacht, auch einmal Gefangner werden. Es nicht so schlimm empfinden, als geglaubt. Squatter kein so harter Herr für Gefangnen.«

»Aber wie kam nun Alles so, und wie habt Ihr die jungen Männer irre geführt?«

»Nicht schwer das Alles zu machen. Nur zu wissen brauchen wie. Nachdem Jaap seinen Auftrag erhalten und sich fortgemacht, machen Spuren deutlich genug, daß Squaw sie finden können. Aufsuchen eine Quelle – niedersitzen und Büchse weglegen, so nicht nöthig zu schießen und mich fangen lassen von Squatters Jungen, durch Ueberraschung, sie es nennen so; ja, Bleichgesichter überrascht rothen Mann dies Mal. Dafür stehen, sie damit prahlen jetzt, gut!«

Also dies war die einfache Erklärung des Ganzen! Susquesus hatte sich fortgeschlichen, um meine Freunde von meiner Lage zu unterrichten; er war Jaap oder Jaaf begegnet, welcher seinen verlorenen Herrn suchte; er hatte dem Neger alle Umstände mitgetheilt und sich dann absichtlich und schlau wieder fangen lassen, wobei er jeden Kampf sorgfältig vermied, und war nun zurückgebracht und mit mir eingesperrt worden. Es bedurfte keiner Erläuterungen, um die hiedurch gewonnenen Vortheile anzudeuten. Durch die dem Neger gemachte Mittheilung, welcher seit Jahren mit der kurzen, gebrochenen Redeweise des Indianers genau bekannt war, mußte der Kettenträger Alles erfahren; dadurch, daß Sureflint sich wieder greifen ließ, wurden die Squatters auf die Meinung geführt, unsere Gefangenschaft und ihre Niederlassung seyen ein Geheimniß für Jedermann; und indem er wieder zurückkam, hatte ich für einen Fall der Noth die Gesellschaft, den Rath und den Beistand eines durchaus und vielfach erprobten Freundes meines Vaters und des Kettenträgers.

Diese kurze Angabe der Beweggründe und Absichten des Onondago zeigt dessen bewundernswerthen Scharfblick; er hatte alle wesentlichen Punkte und Umstände seiner Lage im Auge behalten und hatte es in Nichts versehen.

Ich war ebenso hoch erfreut über die List und Gewandtheit Sureflints, als gerührt von seiner Treue. Im Verlauf unseres Gesprächs gab er mir zu verstehen, daß mein Verschwinden und mein Ausbleiben während einer ganzen Nacht in den Hütten große Bestürzung verursacht habe, und daß zu der Zeit, wo er so glücklicher Weise Jaap begegnet, Alle ausgezogen seyen, um mich und ihn zu suchen.

»Mädel auch aus,« setzte der Onondago hinzu. »Denken, guten Grund haben dazu.«

Dies machte mich ein wenig stutzen, denn ich hegte eine unbestimmte Vermuthung, Susquesus müsse ein ungesehener Zeuge meiner Besprechung mit Ursula Malbone gewesen seyn; und wie er den Gemüthszustand gesehen, in welchem ich aus der Hütte fortrannte, habe ihn dies bewogen, mir zu folgen, wie ich schon erzählt habe. Der Leser darf nicht glauben, daß meine jüngsten Abenteuer Dus aus meiner Seele verdrängt hätten. So wenig war dies der Fall, daß ich vielmehr unaufhörlich an sie dachte; und die Kunde, daß sie solchen Antheil an mir nehme, daß sie, um mich zu suchen, in den Wäldern herumstreife, war natürlich nicht geeignet, die Innigkeit meiner ihr gewidmeten Gedanken und Gefühle zu schwächen. Doch konnte auch schon gemeine Menschenliebe ein Wesen von ihrer Energie und Entschlossenheit zu so Etwas vermögen; und hatte ich es nicht aus ihrem eigenen Munde vernommen, daß sie einem Andern verpfändet sey?

Nachdem ich von dem Indianer seine ganze Geschichte vernommen, fragte ich ihn um Rath wegen unserer weitern Handlungsweise. Er war der Meinung, das Beste für uns sey, die Schritte und Bewegungen unserer Freunde abzuwarten, von welchen wir auf die eine oder die andere Weise im Verlaufe der nächsten Nacht oder am folgenden Tage hören mußten. Welches Verfahren der Kettenträger einzuschlagen für passend finden werde, das konnte Keiner von uns errathen; aber Beide hegten wir die feste Ueberzeugung, daß er nicht ruhen und rasten würde, so lange er zwei so nahe Freunde wie uns in Gefangenschaft wisse. Meine Hauptbesorgniß war, er möchte sofort zu gewaltsamen Maßregeln schreiten; denn der alte Andries hatte einen feurigen, wenn gleich in hohem Grade richtigen Geist; und er war von seiner Jugend an durchs ganze Leben ans Pulver gewohnt. Wenn er dagegen zu gesetzlichen Maßregeln sich entschloß und von Mr. Newcome Verhaftbefehle verlangte, um die Squatters festzunehmen, als Leute, die sich gesetzwidriger Gewaltthaten gegen Personen schuldig gemacht, ein Verfahren, welches zu empfehlen Frank Malbone, wie ich vermuthete, ganz der Mann wäre, – welche Tücken, Verzögerungen und geheime Machinationen waren dann nicht zu erwarten von dem mit den Squatters unter der Decke spielenden Friedensrichter? In diesem Falle konnten sie Zeit haben, mich an einen andern Versteck zu schaffen, und im Wald mußte es Hunderte von Plätzen der Art geben, welche meinen dermaligen Gebietern zugänglich waren, während ihr Freund schwerlich würde ermangelt haben, sie zu rechter Zeit davon in Kenntniß zu setzen, daß ein solcher Schritt nöthig sey. Leute, die im Einklang mit den Regeln des Rechts handeln, den Ansprüchen des Gesetzes genügen und überhaupt rechtschaffen sind, möchten wohl so lässig seyn, daß sie von einer solchen drohenden Gefahr keine Nachricht gäben; denn solche Menschen sind nur zu geneigt, auf die Redlichkeit ihres eigenen Charakters sich zu verlassen und ihr Vertrauen auf das Walten der Vorsehung zu setzen; aber Schurken, in der Gewißheit, daß sie auf solche Hülfe nicht zählen dürfen, verlassen sich hauptsächlich auf sich selbst und machen den bekannten Grundsatz Friedrichs des Großen zu dem ihrigen, welcher es als sicherste Regel aufstellte: »die Vorsehung sey gewöhnlich auf der Seite der starken Bataillons.« Ich war deshalb fest überzeugt, daß Squire Newcome seinen Freunden auf der Lichtung Alles würde zu wissen thun, was gegen sie vorbereitet würde, sobald er es nur selbst erführe.

Die Squatters waren, was die Behandlung im Allgemeinen betrifft, gegen uns Gefangene nicht hart. Allerdings hatte ich alles Recht, mich über das Unrecht zu beklagen, das sie gegen mich sich zu Schulden kommen ließen; aber davon abgesehen behandelten sie uns diesen Tag ganz rücksichtsvoll und liberal. Unsere Kost war ganz die ihrige. Frisches Wasser wurde uns von Lowiny fünf Mal gebracht, und so aufmerksam war das Mädchen, meinen etwaigen Bedürfnissen und Wünschen entgegen oder zuvorzukommen, daß sie mir alle und jede Bücher herbeibrachte, die sich in sämmtlichen Bibliotheken der Familie fanden. Es waren aber ihrer nur drei: ein Fragment von einer Bibel, des Pilgers Wallfahrt und ein vier Jahre alter Kalender.

 

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