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Der Kettenträger

James Fenimore Cooper: Der Kettenträger - Kapitel 20
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authorJames Fenimore Cooper
titleDer Kettenträger
publisherVerlag von S. G. Liesching
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[Acht]zehntes Kapitel.

Die Frevler haben, blind vor Wuth,
     Mißhandelnd ihn umrungen;
Weg sind die Blumen, doch ihm blieb
     Der Honig auf der Zungen.

Cowper.

 

Da stand ich nun allein und unbewaffnet, inmitten von sechs athletischen Männern, denn Lowiny war weggeschickt worden, um ihre Brüder zu versammeln, – ein Auftrag, in dessen Erfüllung sie von Prudence unterstützt wurde, welche auf ihrer Muschel ein eigenthümliches Signal blies, – und so unfähig zu allem Widerstand, als ein Kind in den Händen seines Vaters. Da ein erfolgloser Kampf entwürdigend und nutzlos zugleich gewesen wäre, beschloß ich sofort mich wenigstens für den Augenblick in das Unvermeidliche zu ergeben, so lange Ergebung nichts Schimpfliches in sich schlöße, und besser wäre als Widerstand. Es schien jedoch nicht die Absicht der Leute zu seyn, gewaltsam Hand an mich zu legen, und da stand ich ein paar Minuten, nachdem ich das Verschwinden Sureflints bemerkt, umgeben von der ganzen Brut des Squatters. Jungen und Alten, Männern und Weibern, wovon die Einen mich mit herausforderndem Trotz anschauten, Andere verstört aussahen, und Alle große Hast und Unruhe verriethen. Was mich betrifft, so will ich gerne gestehen, daß meine Empfindungen nichts weniger als angenehmer Art waren, denn ich wußte, daß ich mich in den Händen der Philister befand, tief in den Wäldern, volle zwanzig Meilen von allen Ansiedlungen entfernt, und meine nächsten Freunde die Gesellschaft des Kettenträgers, der wenigstens auch zwei Stunden entfernt, und dem mein Aufenthaltsort, so wie meine bedrängte Lage gänzlich unbekannt war. Ein Strahl der Hoffnung jedoch dämmerte mir auf in der hülfreichen Thätigkeit, welche ich dem Onondago zutrauen durfte.

Keinen Augenblick kam mir der Gedanke in den Sinn, daß dieser alte, viel erprobte Freund meines Vaters und des Kettenträgers treulos seyn könnte. Dazu war sein guter Leumund zu fest begründet, und es drängte sich mir bald die Vermuthung auf, er werde, in der Voraussicht, daß er selbst würde festgenommen und zurückgehalten werden, falls er bliebe, sich davon gemacht haben in der Absicht, meinen Freunden Nachricht zu geben von meiner mißlichen Lage, und Hülfe zu meiner Befreiung herbeizuführen. Ein ähnlicher Gedanke kam vermuthlich auch Tausendacres in demselben Augenblick, denn, indem er seine Augen herumschweifen ließ, fragte er plötzlich:

»Was ist aus der Rothhaut geworden? Das Gezücht hat sich davon geschlichen, so wahr ich ein ehrlicher Mann bin! Nathaniel, Moses und Daniel, ergreift Eure Büchsen und spürt ihm nach. Bringt den Burschen wo möglich mit unversehrtem Schädel ein; aber wenn das nicht möglich ist, so wird man einen Indianer mehr oder weniger in den Wäldern nicht spüren.«

Ich hatte bald Gelegenheit zu bemerken, daß das patriarchalische Regiment Tausendacres' einen ziemlich entschiedenen und raschen Charakter hatte. Wenige Worte bewirkten Viel, wie sich jetzt deutlich zeigte; denn kaum zwei Minuten nachdem Aaron seine Befehle ertheilt hatte, verließen die Namensbrüder der alten Propheten und Gesetzgeber, Nathaniel, Moses und Daniel die Lichtung in verschiedenen Richtungen, Jeder eine furchtbare, lange, amerikanische Jagdbüchse an der Hand. Diese Waffe, so verschieden in der Stärke ihrer Wirkung von dem kurzen militärischen Gewehr, welches in der neuesten Kriegsführung aufgekommen ist, war gewiß hier in gefährlichen Händen, denn Jeder dieser jungen Männer war von Kindheit an mit der Büchse vertraut, denn Pulver und gebrannte Wasser, nebst etwas Blei, waren so ziemlich alle die Artikel, wofür sie Geld ausgaben zu ihrem Vergnügen und ihrer Kurzweil. Ich zitterte für Susquesus, obgleich ich einsah, daß er sich auf die Verfolgung gefaßt halten mußte, und so erfahren darin war, nachsetzenden Feinden sich zu entziehen, daß er davon den Namen Trackleß (der Spurlose) erhalten hatte. Dennoch stand das Spiel zu seinen Ungunsten, und die Erfahrung hat gezeigt, daß der Weiße gewöhnlich es dem Indianer sogar in den ihm eigenthümlichen Fertigkeiten zuvorthut, wenn er Gelegenheit gehabt, sie sich durch Uebung anzueignen. Ich konnte jedoch nicht mehr thun, als ein stilles Gebet für das Entkommen meines Freundes zum Himmel schicken.

»Bringt den jungen Laffen hier herein,« fuhr der alte Tausendacres finster fort, sobald er sah, daß seine drei Söhne sich auf den Weg gemacht hatten; denn es blieben noch immer Hände genug da, um diesen oder jeden andern Befehl, den ihm belieben mochte zu erlassen, stracks zu vollziehen. »Bringt ihn herein in dies Gemach und laßt uns Gericht über ihn halten, da er ein so großer Liebhaber des Gesetzes ist. Wenn er das Gesetz liebt, so soll ihm das Gesetz werden. Ein Sachwalter ist er? Ich möchte wohl gerne wissen, was ein Sachwalter bei mir und den Meinigen hier außen in den Wäldern zu thun hat?«

Während dieser Rede schritt der Squatter und Vater von Squatters voran nach seiner eignen Hütte, wo er sich mit einer Miene stattlicher Autorität setzte und die Weiber und die jüngern männlichen Mitglieder seiner Familie in einem Kreise hinter seinem Stuhl sich aufstellen ließ. Da ich einsah, es wäre Thorheit gewesen, mich zu widersetzen, folgte ich auf einen Wink von Zephaniah, und die drei jungen Männer nahmen den Platz an der Thüre, als eine Art von Wache, ein. So bildeten wir eine Art von Gerichtshof, wobei der alte Squatter die Rolle des untersuchenden Magistrats spielte, und ich als der Angeklagte figurirte.

»Ein Sachwalter seyd Ihr?« brummte Tausendacres, dessen Zorn gegen mich mehr noch meinem vermeintlichen als meinem wirklichen Charakter zu gelten schien. »Jungen! Stillschweigen im Gerichthofe; wir wollen diesem Burschen so viel Recht und Gesetz angedeihen lassen, daß er kaum noch unter der Last soll wanken können, wenn er so auf Recht und Gesetz versessen und erpicht ist. Alles soll nach der Regel und Ordnung geschehen. Tobit,« fuhr er fort, zu seinem ältesten Sohne sich wendend, einer kolossalen Gestalt von mehr als sechs Schuh Größe; »Ihr seyd mit dem Gesetz in nähere Berührung gekommen, als sonst Einer von uns, und könnt uns Alles angeben. Was fingen sie zuerst mit Euch an, als sie Euch vor hatten in der Colonie Hampshire, damals, als Ihr und der andere junge Mann aus den Ansiedlungen von Varmount hinüberginget, um nach Schaafen zu sehen? Einen Trieb von diesen Thieren bekämet Ihr auch miteinander, aber man lauerte Euch auf und beraubte Euch dessen, was Ihr mit saurer Mühe erworben, ehe Ihr wieder in die Berge gelangtet. Sie verfuhren mit Euch nach dem Gesetz, hieß es; nun, was war das Erste, das geschah?«

»Ich ward vor den Squire geführt,« antwortete Tobit Tausendacres, wie man ihn oft nannte; »welcher den Fall anhörte, mich fragte, was ich zu meiner Vertheidigung zu sagen hätte, und mich dann kommitirte, wie man es nannte; und so kam ich denn ins Gefängniß, bis die Sache abgeurtheilt wurde, und was sodann erfolgte, wißt Ihr, glaube ich, so gut als ich.«

Ich nahm als ausgemachte Sache an, daß, was sodann erfolgte, eine nichts weniger als angenehme Erinnerung seyn müsse, – der Grund, warum Tobit keine Lust haben mochte, es ausdrücklich zu beschreiben, – sintemalen Schaafdiebe damals gar häufig »Vierzig weniger eins« am Stauppfahl empfingen, eine Strafart, welche ganz vortrefflich gerade diesem Vergehen entsprach. Wir bekommen nachgerade eine Sekte von vorgeblichen Philanthropen unter uns, die in ihrem großen Eifer, Spitzbuben zu metamorphosiren und zu bessern, sich beeilen, die Strafe für Vergehen und Frevel dem ehrlichen und schuldlosen Theile des Gemeinwesens aufzubürden, zu Gunsten und zum Vortheil ihrer Zöglinge. Einigen dieser Leute ist es schon gelungen, alle unsere Stauppfähle umhauen zu lassen, womit die wohlfeilste und beste Strafe für eine gewisse Art von Vergehen und Verbrechen, die man je ersonnen und angewendet hat, verschwunden ist. Eine Generation später werden unsere Kinder schon die Folgen dieser falschen Philanthropie zu empfinden haben. In jener Zeit mögen diejenigen, welche Geflügelhäuser, Ferkelgehege, Obstbäume und Treibhäuser und andere dergleichen Besitzthümer haben, welche zu kleinen Raubanfällen verlocken, ein wachsames Auge darauf haben, denn ich müßte mich sehr irren, wenn nicht die Unsicherheit dieser ihrer beweglichen Güter den unwiderleglichsten Commentar zu diesem gewaltigen Mißgriff liefern würde. Ein Stauppfahl, mit Umsicht benützt, wird mehr dazu beitragen, die Sitten in einer Gegend zu verbessern, als hundert Gefängnisse mit ihren Einsperrungen auf zwanzig oder dreißig Tage. Mr. Mordaunt Littlepage schreibt hier mit prophetischem Scharfblick. Kleine Räubereien dieser Art sind jetzt etwas so Gewöhnliches geworden, daß Wenige daran denken, deßhalb dem Gesetz Genugtuung zu suchen. Statt die wahre und zweckmäßige Bestrafung zu verhängen, welche bei unsern Vätern üblich war, ist das Gesetz jetzt in den geringfügigen ebenso wie in den wichtigeren Fällen mit Förmlichkeiten, Weiterungen und Fristen umhegt und geschmückt; und es kostet oft Jahre Zeit, um einen solchen kleinen Räuber vor das Gericht zu bringen, wenn er Geld genug hat, einen scharfsinnigen Advokaten zu bezahlen. D. H. Ich bin sehr geneigt, für die Besserung der Verbrecher zu sorgen und mitzuwirken, so weit es nur irgend thunlich ist, wenn ich mich anders selbst kenne; aber der Hauptzweck aller Strafen der Gesellschaft, d. h. ihre eigene Sicherheit, sollte nie dieser doch erst in zweiter Linie stehenden Rücksicht aufgeopfert werden. Man stelle zuerst den Ruf, die Person, das Eigenthum so sehr als möglich sicher, und dann mache man so viele Experimente in der Philanthropie, als man Lust hat.

Ich sehe mit Bedauern, wie weit sich die Neigung zum Sparen im Allgemeinen in der Handhabung der amerikanischen Justiz ausdehnt. Unter einer Regierung, wie die unsers Landes, ist es mehr als nutzlos, es ist wahrhaft kindisch und abgeschmackt, die Einbildungskraft mittelst einer Schaustellung seiner Macht in Prunk und Repräsentation vergnügen und kitzeln zu wollen. Dergleichen Dinge haben ohne Zweifel ihren Nutzen, und man muß sie nicht unbedacht verdammen, ehe man Gelegenheit gehabt hat, sich in der Nähe von ihren Wirkungen zu überzeugen; aber mögen sie nützlich seyn oder das Gegentheil, hier können sie nie gelingen und Glück machen. Dagegen hätten es unsere Gemeinwesen in ihrer Gewalt, der Welt ein viel rühmlicheres Beispiel menschlicher Voraussicht und wohlwollender Sorgfalt aufzustellen durch eine rasche, pünktliche und wohlerwogene Handhabung der Justiz – die Fälle vor den Civil-, wie vor den Criminal-Höfen darunter begriffen. Mit welchem Stolz könnte nicht der Amerikaner, wenn man ihn verspottete wegen der Einfachheit seiner Executivgewalt und wegen der Geringfügigkeit des Nationalaufwands für Sachen der bloßen Repräsentation, dieser Vorwürfe sich erwehren, könnte er nur sagen: »Es ist wahr, wir verschwenden nichts für bloßen Prunk und Schaustellung; aber beseht einmal unsere Gerichtshöfe und die Rechtspflege des Landes, was am Ende doch das Hauptziel und Absehen jeder guten Regierung seyn muß. Seht erstlich, mit welcher Freigebigkeit wir jeden Aufwand machen, um über die höchsten Talente verfügen zu können; seht, mit welcher großmüthigen Sorgfalt wir Richter im Ueberfluß aufstellen, damit sie sich nicht überarbeiten dürfen, und damit verderbliche Hinhaltung der Parteien vermieden werde; dann wendet Euch zu den Criminalgerichtshöfen und betrachtet Euch die vollkommne Gerechtigkeit der Gesetze; sodann die Sorgfalt, womit bei der Wahl der Geschworenen verfahren wird; die durchgängige Unparteilichkeit beim ganzen Verfahren; und endlich, wenn das Recht es erheischt, die rasche, nie irrende und beinahe schreckliche Majestät der Strafvollziehung!« Doch wir müssen zu Anderem zurückkehren, was der Wahrheit um ein Gutes näher steht!

»Ja, ja,« versetzte Tausendacres, »es führt zu nichts Gutem, die Gefühle wieder aufzuregen dadurch, daß man davon schwatzt,« – (von Tobits Leiden nämlich an dem Stauppfahl,) »ein Wink ist hier so gut als eine Beschreibung. Ihr wurdet vor einen Magistrat gebracht, nicht wahr? – und er schickte Euch in's Gefängniß, – aber er fragte Euch zuerst, was Ihr zu Eurer Entschuldigung zu sagen hättet? Das war nur der Billigkeit gemäß, und ich gedenke das Alles hier auch so vorzunehmen nach dem Gesetz. Kommt, junger Sachwalter, was habt Ihr zu Euren Gunsten zu sagen?«

Es fiel mir ein, daß ich, allein wie ich war, und in der Hand von Leuten, halb verwandt mit Räubern, wohl daran thun würde, mich von jeder unverdienten Anschuldigung wenigstens zu reinigen.

»Vor Allem,« antwortete ich, »will ich einen Irrthum aufklären, in welchen Ihr verfallen seyd, Tausendacres; denn, mögen wir als Freunde oder als Feinde leben, es ist immer gut, wenn man sich über das Tatsächliche versteht. Ich bin kein Sachwalter in dem Sinne, wie Ihr Euch einbildet – ich bin kein Rechtsgelehrter, kein Advokat.«

Ich bemerkte wohl, daß die ganze Familie der Squatters, Prudence mit eingeschlossen, durch diese Erklärung um ein Gutes milder gestimmt wurde. Was Lowiny betrifft, so sprach ihr hübsches, rothes Gesicht wirklich Triumph und Entzücken aus! Ich meinte fast einen halb unterdrückten Ausruf des Mädchens zu hören: »Ich wußte wohl, daß er kein Advokat sey!« Bei Tobit verschwand die grollende Miene, voll neunschwänziger Katzen, ganz, wenigstens für einige Zeit. Kurz, diese Erläuterung bewirkte eine offenbare Umstimmung zu bessern Gesinnungen.

»Also doch kein Advokat!« rief Tausendacres. »Habt Ihr denn nicht gesagt, Ihr seyet ein Sachwalter?«

»Das ist wahr. Ich habe Euch gesagt, ich sey der Sohn von General Littlepage, und ich sey sein und Oberst Follocks, des andern gemeinsamen Mitbesitzers dieses Gutes, Sachwalter; aber damit wollte ich sagen, ich habe von ihnen als Sachwalter Vollmacht, Ländereien zu verleihen, und gewisse andere Geschäfte in ihrem Namen zu besorgen.«

Dies machte mich beinahe wieder ebensoviel Grund und Boden verlieren, als ich zuvor gewonnen hatte; aber da es die buchstäbliche Wahrheit war, stand mein Entschluß fest, sie weder zu verhehlen, noch Ausflüchte zu suchen.

»Gutes Land!« murmelte Lowiny. »Warum konnte der Mann nicht das Alles bei sich behalten?«

Ein vorwurfsvoller Blick von Prudence wies das Mädchen zurecht; und sie verhielt sich jetzt einige Zeit ganz still.

»Ein bevollmächtigter Sachwalter, sagt Ihr!« versetzte der Squatter. »Nun, das ist nicht viel besser, als ein förmlicher Rechtsanwalt. Es heißt das wohl, die Macht eines Sachwalters haben, vermuthe ich, und ohne ihre verfluchte Macht würde ich mich wenig um irgend Einen von der ganzen Brut kümmern. Sodann seyd Ihr der Sohn des Generals Littlepage, was fast so viel ist, als wäret Ihr der Mann selbst. Ich müßte gefaßt seyn, wenn Tobit, mein ältester Junge, in die Hände von gewissen Leuten fiele, die ich mit Namen nennen könnte, daß es ihm hart gehen würde, ganz so, wie wenn ich selbst es wäre. Ich weiß, daß manche Leute einen Unterschied machen zwischen Eltern und Kindern, aber Manche auch nicht. Was habt Ihr davon gesagt, daß der General nicht der eigentliche rechte Eigentümer dieser Ländereien sey? Warum nennt er sich denn deren Eigenthümer, wenn er am Ende auch nur eine Art Pächter ist?« Das Mißverständniß des Squatters beruht auf der Verwechslung der Begriffe: tenants in common, gemeinschaftliche Eigenthümer, und: common tenant, gewöhnlicher Pächter; im Deutschen lassen sich die Ausdrücke nicht ebenso wiedergeben, daher Einiges ausgelassen werden muß.

Ich suchte die falschen Vorstellungen und Begriffsverwirrungen Tausendacres', welcher seine Frage, als ich sie nicht augenblicklich beantwortete, mit steigender Heftigkeit wiederholte, zu berichtigen, indem ich ihm den gesetzlichen Sprachgebrauch erklärte, worauf er versetzte:

»Es sollte mich nicht wundern, Tobit, wenn er am Ende doch noch ein Sachwalter in unserem Sinne ist!«

»Er sieht einem Solchen verzweifelt gleich, Vater,« versetzte der Erstgeborene, der ganz als der gesetzmäßige Erbe von seines Erzeugers gesetzwidrigen Eigenschaften und seiner Squatternatur erschien. »Wenn er nicht ein förmlicher Advokat ist, so sieht er doch einem Solchen mehr gleich, als irgend Einer, der mir in meinem ganzen Leben außerhalb des Gerichtshofes vorgekommen ist.«

»Er soll den Mann finden, der ihm gewachsen ist! Das Gesetz und ich wir haben uns mit einander gebalgt seit dem ersten Tage wo ich nach Varmount oder in die verdammten Hampshire Grants gekommen bin. Wenn das Gesetz mich in seine Klauen bekommt, so ist es kein Wunder, wenn es Meister über mich wird; aber wenn ich das Gesetz oder einen seiner Diener in die meinigen bekomme, müßte die Schuld an mir liegen, wenn nicht das Gesetz übel wegkäme. Nun, wir haben jetzt des jungen Mannes Geschichte gehört, Tobit. Ich habe ihn gefragt, was er zu seinen Gunsten zu sagen habe, und er hat uns seine Geschichte gegeben – uns erzählt, daß er seines Vaters Sohn, und daß der General eine Art von großem Pächter ist, statt ein Grundherr zu seyn, und nicht viel mehr, als unser Einer auch; und es ist hohe Zeit, daß ich ihn in Gewahrsam liefere. Es wurde etwas Schriftliches bei Euch ausgestellt, wie ich glaube, Tobit?«

»Gewiß, der Magistrat gab dem Amtsverweser des Sheriffs ein Permittimus, und in kraft dessen setzten sie mich ins Gefängniß.«

»Ja, ja, – ich kenne alle ihre Formalitäten und Zierereien! Ich habe auch in meinen Tagen vor manchem Magistrat Geschäfte gehabt, und habe manchen Kerl niederprocessirt, der meinte, mich hinunter zu kriegen, ehe wir anfingen. Denjenigen niederprozessiren, der einen Prozeß anhängig macht, ist der beste Weg vom Gesetz loszukommen, aber es kostet oft verzweifelt langes Kopfzerbrechen! Ehe ich diesen jungen Mann in Gewahrsam bringen lasse, will ich auch etwas Schriftliches aufsetzen und vorweisen. Prudence, schließe doch den Pult auf –«

»Ich wünschte einen Irrthum zu berichtigen, ehe Ihr weiter geht,« unterbrach ich ihn. »Zum zweitenmal erkläre ich Euch, ich bin kein Rechtsgelehrter oder Rechtsanwalt in irgend einem Sinne des Wortes. Ich bin ein Soldat – habe eine Compagnie kommandirt in General Littlepage's Regiment, und bei der Armee gedient, als ich noch ein Knabe an Jahren war. Ich sah Burgoyne und Cornwallis sich ergeben und ihre Truppen die Waffen strecken.«

»Guter Himmel! Wer hätte das gedacht!« rief die mitleidige Lowiny. »Und so jung noch, daß man meint, es habe ihn kaum je ein rauher Wind angeweht!«

Diese Erklärung, die mich in einer neuen Eigenschaft und einem ganz andern Charakter zeigte, blieb nicht ohne auffallende Wirkung. Fechten, – das war nach dem Geschmack der ganzen Familie, war Etwas, das sie vielleicht besser zu würdigen vermochten, als irgend ein andres Thun und Beginnen. Schon im Gesicht und im ganzen Wesen Tausendacres' lag etwas Kriegerisches, und ich täuschte mich nicht, wenn ich vermuthete, er werde einige Sympathie für einen Soldaten empfinden. Er sah mich scharf an, und mochte er nun in meiner Miene Zeichen von der Wahrheit meiner Versicherung entdecken, oder nicht, – genug, ich sah, daß er auf einmal viel milder gestimmt wurde.

»Ihr im Felde gewesen gegen Burgoyne,« rief der alte Kerl aus. »Kann ich glauben, was Ihr da sagt? Ha, ich war selbst auch gegen Burgoyne im Felde mit Tobit, und Moses, und Nathanael und Jedidiah – kurz mit allen männlichen Geschöpfen der Familie, die groß genug waren, um zu laden und zu feuern. Ich zähle jene Tage zu meinen allerbesten, obgleich sie spät kamen, und nachdem das Alter mich schon etwas mitgenommen hatte. Wie könnt Ihr beweisen, daß Ihr gegen Burgoyne und Cornwallis im Felde gewesen seyd?«

Ich wußte, daß oft eine sonderbare Mischung von sogenannten patriotischen Gesinnungen sich mit der ausgemachtesten Schurkerei in gewöhnlichen Dingen zusammenfand, und sah, daß ich eine Saite berührt hatte, welche die Sympathie selbst dieser rohen und im höchsten Grade selbstischen Wesen ansprechen dürfte. Der Patriotismus solcher Menschen ist freilich nichts Anderes, als erweiterter Egoismus, sofern sie gewisse Dinge rühmen, weil sie ihnen angehören, oder in gewissem Sinne, sie diesen Dingen. Sie nehmen Partei für sich selbst, aber nie für Grundsätze. Derjenige Patriotismus allein ist rein, welcher das Vaterland aus der Bahn der Wahrheit, der Ehre und Gerechtigkeit erhalten möchte, und kein Mensch ist berechtigt, in seinem Eifer für seine eigene Nation das Gesetz der Gerechtigkeit zu vergessen, so wenig als in seinem Eifer für sein eigenes Interesse.

»Allerdings kann ich hier, wo ich jetzt stehe, nicht beweisen, daß ich gegen Burgoyne im Felde gestanden.« antwortete ich: »aber gebt mir nur Gelegenheit, so werde ich es Euch zu Eurer völligen Befriedigung darthun.«

»Welches Regiment stand auf der rechten Flanke, das von Hazen oder von Brookes, beim Sturm auf die Deutschen? Beantwortet mir das, dann will ich Euch bald wissen lassen, ob ich Euch glaube oder nicht.«

»Ich kann Euch die Frage nach diesem Umstand nicht beantworten, denn ich befand mich bei meinem Bataillon, und der Pulverdampf gestattete nicht, so etwas zu sehen. Ich weiß nicht, daß das eine oder das andere der von Euch genannten Corps an jenem Tage gerade diesen bestimmten Punkt des Schlachtfeldes inne hatte, obgleich ich glaube, daß beide tüchtig ins Feuer kamen.«

»Er war nicht dort.« brummte oder heulte Tobit in höchst grimmiger Stimmung, beinahe die Zähne zeigend, wie ein Hund, so sehr beseelte ihn der Haß gegen mich.

»Er war dort!« schrie Lowiny mir großer Bestimmtheit; »ich weiß, er war dort!«

Ein Klaps von der Hand Prudence's erinnerte das Mädchen an den Werth des Schweigens: die Männer aber waren zu lebhaft interessiert, als daß sie eine so charakteristische aber unbedeutende Störung beachtet hätten.

»Ich sehe wie es ist.« sagte Tausendacres: »ich muß den Burschen doch einsperren lassen. In Betracht jedoch, daß es doch möglich, daß er gegen Burgoyne im Felde gewesen, will ich ihn gefangen setzen lassen ohne etwas Schriftliches, und er soll nicht gebunden werden. Tobit, führt Euren Gefangenen fort und schließt ihn im Vorrathshaus ein. Wenn Eure Brüder zurückkommen von der Jagd auf den Indianer, wollen wir unter uns einen Beschluß fassen, was mit ihm geschehen soll.«

Tausendacres ertheilte seine Befehle mit einer Würde, und sie wurden buchstäblich befolgt. Ich leistete keinen Widerstand, da dieser nur zu einem Handgemenge geführt haben würde, wobei ich, um nichts zu sagen von persönlichen Mißhandlungen, nur die Schmach der Niederlage vor mir gesehen hätte. Tobit vergriff sich jedoch durchaus nicht an meiner Person, sondern begnügte sich mir ein Zeichen zu geben ihm zu folgen, was ich that; und hinter mir kamen dann wieder dicht an einander gedrängt seine Brüder. Ich will gestehen, daß, wie wir meinem Gefängniß zuschritten, der Gedanke an Flucht mir durch den Kopf flog; und ich hätte vielleicht den Versuch gewagt, hätte ich nicht die vollkommene Gewißheit gehabt, daß, da ich so Viele auf den Fersen gehabt hätte, ich nothwendig eingeholt werden mußte, wo dann vermuthlich eine strenge Strafe mein Loos gewesen wäre. Alles erwogen hielt ich für das Beste, mich für einige Zeit zu unterwerfen und die Zukunft der Vorsehung anheimzustellen. Zu Vorstellungen oder Bitten meine Zuflucht zu nehmen, wehrte mir der Stolz. Ich war noch nicht so aufs Aeußerste gebracht, daß ich einen Squatter hätte um Gunst und Gnade bitten sollen.

Das Gefängniß, in welches ich von Tausendacres geschickt wurde, war ein Vorrathshaus aus Holzblöcken, stark genug angelegt, um Raubangriffen zu widerstehen, mochten sie kommen woher sie wollten; und sie waren wohl wenigstens ebenso sehr von Mitgliedern der Ansiedlung als von Fremden zu besorgen. Vermöge seiner eigentlichen Bestimmung war das Gebäude nicht übel dazu passend, als Gefängniß benützt zu werden. Die Holzblöcke boten natürlich hinreichende Sicherheit gegen die Versuche eines Gefangenen, der durchaus keine Werkzeuge und Gerätschaften irgend einer Art hatte, um seine Flucht zu bewerkstelligen; denn das Dach bestand aus demselben Material wie die Seitenwände. Fenster waren keine da, denn Licht und Luft drangen zur Genüge ein durch die Spalten der rohen Scheiter und Klötze, welche offene Zwischenräume hatten, und die einzige künstliche Oeffnung war die Thüre. Diese bestand aus sehr starken Planken und war wohl verwahrt und gesichert durch schwere Angeln und starke Schlösser und Riegel. Das Gebäude war auch ziemlich groß – zwanzig Fuß wenigstens in der Länge – denn die eine Seite desselben, obwohl dermalen ganz leer, war zum Aufbewahrungsort für die Frucht, die wir Amerikaner vorzugsweise Korn nennen, bestimmt und benützt worden. In dies Gebäude trat ich ein, nachdem man mir das große Messer, das die meisten Waldmänner mit sich führen, aus der Tasche genommen und meine Person durchsucht hatte, ob ich nicht andere ähnliche Werkzeuge bei mir hätte, die mir bei einem Fluchtversuche behülflich seyn könnten.

Zu jener Zeit hatte Amerika kein Papiergeld, von der Hudsonsbai bis zum Cap Horn. Gold und Silber waren die Landesmünze und meine Taschen enthielten einen ziemlichen Vorrath von beiden, in Gestalt von Josephsstücken und halben Josephsstücken, von Dollars, halben und Vierteldollars. Aber nicht Ein Stück Geld irgend einer Art wurde angerührt, denn diese Squatters waren keine Räuber in der gewöhnlichen Bedeutung des Wortes, sondern nur irre geleitete, bethörte Bürger, welche das Eigenthum Anderer zu ihrem Nutzen sich aneigneten und verwendeten, in Gemäßheit von gewissen großen Prinzipien der Moral, wie sie sich bei ihnen gebildet hatten in Folge ihrer eigenthümlichen Verhältnisse zu den übrigen Menschen, ihrer nächsten Bedürfnisse und ihrer Bequemlichkeit. Ich zweifle keinen Augenblick daran, daß jedes Glied der Familie Tausendacres den Gedanken, mit gewöhnlichen Dieben in Einer Linie zu stehen, sich einen gemeinen Diebstahl zu erlauben, mit Entrüstung von sich gewiesen hätte; denn sie machten solche Unterscheidungen und Abgrenzungen, wie die Drake's, die Morgan's, die Woode's, Roger's und Andere von dieser Schule sie zogen zwischen sich und den alltäglichen gemeinen Seeräubern des siebzehnten Jahrhunderts, obwohl mit weit weniger Grund. Aber Räuber waren diese Squatters nicht, außer in Einer Weise, und diese steigerten sie beinahe bis zur Würde respektabler Feindseligkeiten, durch den großen Maßstab, in welchem sie das Gewerbe betrieben.

Sobald ich eingeschlossen war, fing ich an, mir mein Gefängniß und die mich umgebenden Gegenstände zu besehen. Beides hatte keine Schwierigkeit, denn die Oeffnungen zwischen den Holzblöcken gestatteten nach allen Seiten hin einen ziemlich freien Ausblick. Das Vorrathshaus war, vermuthlich damit man dessen Inhalt recht im Auge hätte, mitten in der Ansiedlung aufgeführt worden, und die Mühlen, Hütten, Scheunen, Schuppen und andere Häuser bildeten rings um es herum eine Art Weiler. Dieser Umstand, welcher das Entkommen doppelt schwierig machen mußte, war doch sehr günstig für den Zweck des Rekognoscirens. Ich will jetzt die Ergebnisse meiner Beobachtungen beschreiben. Natürlich waren meine Erscheinung, die Erklärung, die ich über meinen Namen und Charakter gab, und meine darauf erfolgte Verhaftung Umstände, welche in der Familie des Squatters lebhafte Sensation machen mußten. Alle Frauen hatten sich um Prudence vor der Thüre ihrer Hütte versammelt, und die jüngeren Mädchen fühlten sich von diesem Punkte angezogen, da, wie man weiß, die einzelnen Theile eines Stoffes dem Gesetz der Verwandtschaft folgen. Die männlichen Mitglieder, mit Ausnahme eines Knaben von acht oder zehn Jahren, waren nahe bei der Mühle versammelt, wo Tausendacres, so schien es, eine Berathung pflog mit Tobit und den übrigen Brüdern; unter welchen, glaube ich, nicht Einer Anspruch darauf hatte, ein Engel genannt zu werden. Alle schienen den verschiedenen Sprechern aufmerksam zuzuhören, und die Weiber wandten oft ihr Auge ängstlich und mit langgedehnten Blicken auf ihre männlichen Beschützer. Wirklich schauten mehrere derselben in dieser Richtung hin, sogar während sie der Weisheit Prudence's selbst ihr Ohr liehen.

Der einzige bei der Versammlung fehlende Knabe hatte sich in einer bequemen, ächt amerikanischen Lage auf einem Sägeblock nahe bei meinem Gefängniß hingestreckt, und zwar so, daß er, ohne seine Lage zu verändern, nach beiden Seiten hinaussehen konnte. Aus der Art, wie er die Augen auf das Vorrathshaus geheftet hielt, überzeugte ich mich bald, daß er die Rolle einer Schildwache spielte. So war mein Gefängnis sicher genug, da ohnehin schon keines Mannes Kraft, ohne Beistand und ohne Werkzeuge, durch die Blöcke und Scheiter hätte durchbrechen können.

Nachdem ich mir so den Stand der Dinge im Allgemeinen betrachtet, hatte ich Muße, über meine Lage und die muthmaßlichen Folgen meiner Festnahme nachzudenken. Um mein Leben hegte ich keine großen Besorgnisse, weniger als ich unter den obwaltenden Umständen dazu Grund gehabt hätte: aber es wollte mich nicht bedünken, als ob ich in dieser Hinsicht in ernster Gefahr schwebte. Der Charakter der Amerikaner im Allgemeinen ist nicht blutdürstig, und der der Neuengländer vielleicht noch weniger als der der übrigen Landeseinwohner. Dennoch war die Hartnäckigkeit der Männer in dieser Gegend des Landes, in Sachen, die Besitz und Vermögen betrafen, sprüchwörtlich, und ich gelangte zu der Vermuthung, daß ich wohl, wenn es immer möglich wäre, so lang würde festgehalten werden, bis alles geschnittene Holz auf den Markt gebracht und verkauft werden könnte, weil dies das einzige Mittel war, wie sie die Frucht ihrer bisherigen Arbeit ernten konnten. Die Möglichkeit hing davon ab, ob Sureflint entkommen oder eingeholt worden war. Falls der Indianer ergriffen wurde, so blieben Tausendacres und seine Familie so sicher und ungefährdet als je in ihrer Wildniß: falls er aber entkam, durfte ich erwarten, im Laufe des Tages von meinen Freunden zu hören. Es stand zu hoffen daß in Folge einer an Squire Newcome, welcher Friedensrichter war, ergangenen Aufforderung, meine Pächter Etwas zu meinen Gunsten versuchen würden, in welchem Falle dann nur die Folgen des Kampfes zu Besorgnissen Anlaß geben konnten. Die Squatters, im Zustand der Aufregung, und wenn sie einander, mit den Waffen in der Hand, unterstützten in Vertheidigung ihrer, wie sie sich einbilden, sauer errungenen Privilegien, waren zuweilen sehr gefährlich. Der Täuschungen der Menschen hinsichtlich solcher Gegenstände ist kein Ende, denn das eigene Interesse scheint ihr Rechtsgefühl gänzlich zu verblenden; und es sind mir oft Fälle vorgekommen, daß Leute, die ursprünglich Gesetzesübertreter und, die Sache moralisch angesehen, Räuber waren, sich wirklich fest und aufrichtig in den Kopf gesetzt haben, ihre spätere Arbeit (während doch jeder neue Streich der Art ein neues Unrecht war,) habe einem Besitz, in dessen Verteidigung sie zu sterben bereit waren, eine Art Sanktion verliehen. Es ist kaum nöthig zu sagen, daß solche Leute nur auf sich sehen, und die Rechte Anderer gänzlich nicht beachten; aber wundern muß man sich, wo denn die Früchte all des religiösen Unterrichts im Lande zu finden seyn sollen, wenn so laxe Ansichten und so empörende Handlungen fortwährend bei uns an der Tagesordnung sind. Die Sache ist die: das Land ist so im Ueberfluß da, und so ungeheure Strecken desselben sind von den Eigenthümern vernachlässigt und dem Anschein nach vergessen, daß die Bedürftigen leicht auf den Gedanken kommen, jene Gleichgültigkeit gebe ein Recht zu Einfällen auf solches anscheinend herrenlose Eigenthum; und sobald sie einmal ihre Arbeit darauf verwendet haben, bilden sie sich alsbald ein, sie gebe ihnen einen moralischen und gesetzlichen Anspruch auf den Boden; obgleich in den Augen des Gesetzes und der unbestochenen Vernunft jeder neue Schritt in der sogenannten Verbesserung einer »Melioration« nur ein weiter ausgedehntes Unrecht ist.

Ich sann über Dinge und Verhältnisse dieser Art nach, als ich, durch die Spalten meines Kerkers hinausschauend, um mich vom Stand der Dinge draußen zu unterrichten, überrascht ward durch die Erscheinung eines Reiters, welcher auf der östlichen Seite der Lichtung daher kam, dem Anschein nach seines Weges ganz sicher, obgleich ihm nicht einmal ein Fußpfad auf seiner Reise zu Statten kam. Da dieser Mann ein Paar solcher Satteltaschen, wie sie zu jener Zeit gewöhnlich waren, auf seinem Pferde hatte, hielt ich ihn zuerst für einen jener Praktikanten der Heilkunst, die man immerdar auf den neuen Ansiedlungen trifft, die ihren Weg durch Klötze, Stumpen, Moräste und Wälder zu finden wissen, ob als Bringer des Heils oder des Unheils, maße ich mir nicht an zu entscheiden. Gewöhnlich besorgen Familien wie die von Tausendacres ihr »Doktern« selbst; aber es konnte wohl ein Fall eintreten, welcher die Weisheit des ermächtigten Heilkünstlers erforderte; und ich hatte eben bei mir entschieden, daß hier ein solcher eingetreten seyn müsse, als ich, wie der Fremde näher kam, zu meinem Erstaunen entdeckte, daß es kein anderer Mensch war, als mein bisheriger Agent, Mr. Jason Newcome, das moralische und physische Faktotum von Ravensnest!

Da die Entfernung zwischen der Mühle, welche Squire Newcome von mir in Pacht hatte, und derjenigen, welche Tausendacre auf dem Grund und Boden von Mooseridge errichtet hatte, nicht weniger als fünfundzwanzig Meilen betragen konnte, war die Ankunft des Besuchs zu einer so frühen Stunde ein sicherer Beweis, daß er lange vor Tagesanbruch von Hause weggeritten sein mußte. Vermuthlich fand er es gerathen, bei dem Ziel und Zweck dieser seiner Reise die Wohnungen und Pachtgüter von Ravensnest bei Nacht oder am Morgen zu passiren, wo die Dunkelheit ihn den Augen von Beobachtern entzog. Wenn er dann seine Abreise ebenso vorsichtig und klug berechnend einrichtete, konnte er offenbar unter der Verhüllung und dem Schutze des andern Endes ebendesselben Mantels seine Heimath wieder erreichen. Mit Einem Wort, dieser Besuch war unverkennbar ein solcher, von dessen Zwecken und Begebnissen die Welt Nichts erfahren und ahnen sollte.

Die Gespräche zwischen den Gliedern der Familie Tausendacres hörten augenblicklich auf, als man des Squire Newcome ansichtig wurde: obwohl, wie dies die unbewegliche Ruhe zeigte, womit man sein Näherkommen beobachtete, die plötzliche Erscheinung dieses Besuches weder Ueberraschung noch Besorgniß verursachte. So sehr es für die Squatters wünschenswerth seyn mußte, ihre »Location« geheim zu halten, zumal da der Friede jetzt den Grundherrn Muße ließ, nach ihren Ländereien zu sehen, verrieth doch Keines irgend Unruhe, als sie die nächste Magistratsperson auf ihrer Lichtung ankommen sahen. Jeder konnte aus dem Benehmen von Männern, Weibern und Kindern sehen, daß Squire Newcome kein Fremder war, und seine Gegenwart keine Besorgniß erregte. Selbst die so frühe Stunde dieses Besuchs war höchst wahrscheinlich für sie nichts Ueberraschendes und Ungewohntes, und der schnelle Verstand der jungen Brut ließ sie den Grund hievon ebenso leicht errathen, als es bei den Alten der Fall war. Mit Einem Wort, der Gast wurde als Freund und nicht als ein Feind angesehen.

Newcome brauchte, nachdem man seiner ansichtig geworden, noch einige Zeit, bis er den Weiler erreichte, wenn man die Gruppe von Gebäuden so nennen darf; und endlich stieg er vor der Thüre eines Stalles ab, auf welchen einer der Knaben zutrottete, um ihm das Pferd abzunehmen. Nachdem das Thier untergebracht war, schritt der Squire nach dem Platz hin, wo Tausendacres und seine ältern Söhne noch standen, um ihn zu begrüßen, in der Nähe der Mühle. Die Art, wie Alle die Hände schüttelten, und die Herzlichkeit der Begrüßung überhaupt, an welcher Prudence und ihre Töchter bald Theil nahmen, zeugte, wie ich mir einbildete, von etwas Mehr als von Freundschaft, – sie sah ganz, wie die allervertrauteste Bekanntschaft aus.

Jason Newcome blieb acht oder zehn Minuten in der Familiengruppe stehen, und ich konnte mir so ziemlich die herkömmlichen Erkundigungen nach den Leuten, nach dem allgemeinen Befinden und nach dem Charakter der Zeiten vorstellen, die er einzog, – bis der Friedensrichter und der Squatter sich von der übrigen Gesellschaft trennten und bei Seite gingen, wie Männer, welche wichtige Angelegenheiten zu besprechen hatten, und zwar unter Umständen, bei welchen die Gegenwart von Zeugen ganz entbehrlich war.

 

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