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Der Kettenträger

James Fenimore Cooper: Der Kettenträger - Kapitel 19
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authorJames Fenimore Cooper
titleDer Kettenträger
publisherVerlag von S. G. Liesching
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Siebzehntes Kapitel

Ein Landmann, schlichten Schritt's genaht,
Vor des Monarchen Stuhl er trat,
      Sein Gruß einfach und roh;
Nicht Kopf noch Leib er neigt und bückt,
Den Arm nur auf den Tisch er drückt,
      Und dann beginnt er so.

Marmion.

 

Während der Squatter so beschäftigt war, seine Toilette zu machen, ehe er seinen Morgenimbiß einnahm, hatte ich einen Augenblick Muße, mich umzusehen. Wir waren zum Niveau der Mühle hinangestiegen, wo ein offener, halbgelichteter Platz war, von etwa sechszig Acres Ausdehnung, ganz roh und nachläßig angebaut. Strünke und Stumpen waren im Ueberflusse da, und die Umzäunungen bestanden aus Holzklötzen, so daß man sah, der Platz war noch vor nicht langer Zeit occupirt worden. In der That hatte, wie ich nachmals erfuhr, Tausendacres mit seiner Familie von hoffnungsvollen Söhnen und Töchtern, im Ganzen über zwanzig Seelen betragend, sich erst gerade vor vier Jahren hier als Squatter niedergelassen. Der Mühlplatz war vortrefflich, denn die Natur hatte dafür fast Alles gethan, was man nur wünschen konnte, obgleich die Mühle selbst so kunstlos und unsolid war, als ein solches Gebäude nur seyn konnte. Der Ackerbau nahm, wie man deutlich sah, die Zeit der Familie nur sehr wenig in Anspruch, welche nur so viel Land anbaute, um davon leben zu können, während alles Holz aufs emsigste benützt und verarbeitet wurde. Eine ungeheure Zahl stattlicher Fichten war gefällt worden, und man sah auf allen Seiten Dielen und Latten im Ueberfluß. Einige wenige der ersteren waren auf den Markt geschickt worden, um die augenblicklichen Bedürfnisse der Familie in allerlei Artikeln, die zum Lebensunterhalt gehörten, zu befriedigen; die Absicht war aber, das Anschwellen des kleinen Flusses nach den starken Regengüssen abzuwarten, um dann die große Masse der Waaren nach der großen Verkehrs-Pulsader, dem Hudson, zu schicken und dann den vollen Lohn für die Mühen des Sommers und Herbstes zu ernten.

Ich sah auch, daß diese Familie sich durch Heirathen noch weiter mußte ausgedehnt haben, denn sie nahm nicht weniger als fünf Hütten ein, welche alle aus Holzblöcken und Scheitern frisch errichtet waren, und ein Aussehen von Festigkeit und Behaglichkeit hatten, das man nicht hätte erwarten sollen bei Leuten, die einen so unzuverläßigen Rechtstitel auf den Besitz hatten. Dies Alles deutete, wie mir schien, auf das Vorhaben hin, den Platz noch nicht so bald zu verlassen. Wahrscheinlich waren einige der ältesten Söhne und Töchter verheirathet, und der Patriarch sah schon eine neue Generation von Squatters um sich her emporschießen. Wenige von den jungen Männern waren sichtbar, um die verschiedenen Hütten herum schlendernd, und von der Mühle drang jener eigenthümliche, schreiende, knarrende Ton herüber, welcher mitten im Walde die Aufmerksamkeit von Susquesus so entschieden erregt und ihn auf die Spur geleitet hatte.

»Tretet ein, Trackleß«, rief Tausendacres, mit einem herzlichen, offenen Wesen, welches zeigte, daß, was leicht gewonnen ward, auch ebenso willig mitgetheilt wurde, »tretet ein, mein Freund; ich weiß Euren Namen nicht, aber das hat nicht viel zu sagen, wo genug da ist für uns Alle, und ein herzlicher Willkomm in den Kauf. Da ist die alte Frau, willig und bereit Euch zu dienen, und mit einer so lächelnden Miene wie ein Mädel von fünfzehn Jahren.«

Der letzte Satz seiner Rede jedoch war nicht ganz richtig. Miß Tausendacres, wie der Squatter bisweilen großthuend seine Ehehälfte nannte, die Mutter seiner jungen Brut, empfing uns keineswegs mit Lächeln und Willkomm. Sie war eine alte Frau von scharfen Zügen, lebhaften grauen Augen; ihre Gedanken waren hauptsächlich mit der Sorge für ihre Kinder beschäftigt, und ihre Menschenliebe erstreckte sich nicht leicht über diesen Kreis hinaus. Sie war selbst Mutter von vierzehn Kindern gewesen, von welchen noch zwölf am Leben waren. Alle hatte sie geboren unter den Mühseligkeiten, den Entbehrungen und in der Einsamkeit erstohlener Wohnplätze in der Wildniß. Dies Weib hatte so Viel durchgemacht, daß die Gesundheit von einem Halbdutzend der gewöhnlichen Wesen ihres Geschlechts dadurch hätte gebrochen und ihr Muth und ihre Heiterkeit vernichtet werden müssen; aber sie hatte Alles überstanden, und lebte noch als dasselbe standhafte, hartarbeitende, selbstverleugnende, duldende Geschöpf, das sie von den Tagen ihrer Blüthe und Schönheit an gewesen war. Man hätte meinen können, diese Ausdrücke seyen Spott und Hohn, wenn man die alte Prudence so gelb, abgemagert, mit eingesunknen Wangen, hohlen, glanzlosen Äugen und zahnlosem Munde sah, wie ich sie jetzt erblickte; aber trotzdem fand man noch an dem Weibe die Spuren großer Schönheit; und ich erfuhr später, daß sie einst auf ihren heimischen Bergen zu den Schönsten unter den Schönen gezählt worden war. Während des ganzen Verkehrs, den ich später mit ihrer Familie hatte, war das Wesen und Benehmen dieser Frau ängstlich, mißtrauisch, stets besorgt, und hatte eine auffallende Aehnlichkeit mit dem von weiblichen Thieren, welche um die Sicherheit ihrer Jungen angefochten sind. Die Art, wie sie uns bei ihrer Mahlzeit willkommen hieß, war weder herzlich noch das Gegentheil; denn bei den Amerikanern ist es eine so gewöhnliche, sich von selbst verstehende Sache, ihre Mahlzeit mit Fremden zu theilen, daß man wenig davon spricht oder daran denkt.

Trotz der großen Anzahl der Glieder der Familie Tausendacres', war doch die Hütte, in welcher er wohnte, nicht sehr voll. Die jüngern Kinder der Ansiedlung, im Alter von vier bis zwölf Jahren, schienen unter die sämmtlichen Wohnungen vertheilt zu seyn, und bei den Schüsseln zuzulangen, wo gerade ein Platz für sie frei war, etwa wie die Ferkel, die sich an jeder Oeffnung eines Troges herdrängen. Das Geschäft des Essens begann gleichzeitig in der ganzen Ansiedlung, nachdem Prudence auf einer Muschelschaale das Signal dazu geblasen hatte. Ich war zu hungrig, um mit Schwatzen Zeit zu verlieren, und hieb aus Leibeskräften auf das grobe, kunstlose Essen ein, sobald es nur anging. Alle an unserm Tische folgten meinem Beispiele, denn nur die mehr verfeinerten und geistiggebildeten Menschen sind es, welche regelmäßig ihre Mahlzeiten mit Gesprächen würzen. Bei den Squatters hatte das Thierische zu sehr das Uebergewicht, als daß sie eine Ausnahme von der Regel gemacht hätten.

Endlich war der allgemeine Hunger gestillt, und ich bemerkte, daß die um mich herum Sitzenden mich mit etwas mehr Neugier zu besichtigen anfingen, als sie vorher an den Tag gelegt hatten. Im Schnitt meiner Kleidung lag vielleicht Nichts, was Argwohn erregen konnte, obwohl ich einige Besorgniß hegte wegen der Beschaffenheit des Stoffes. In jener Zeit waren die verschiedenen Klassen der Gesellschaft durch die Kleidung sehr auffallend von einander geschieden, und keiner machte den Versuch, die Tracht eines Gentleman anzunehmen, wenn er nicht gewisse Ansprüche hatte, für einen solchen zu gelten. In den Wäldern jedoch war es der Brauch, allen Schmuck und Putz abzulegen, und ich trug als Oberkleid das schon erwähnte Jagdhemd. Diejenigen Stücke, welche am leichtesten meine Stellung im Leben hätten verrathen können, waren zum Glück von dieser Hülle verdeckt und konnten der Beobachtung entgehen. Unsre Tischgesellschaft war auch klein, und bestand, außer den Eltern und den zwei Gästen, aus einem jungen Mann und einem Mädchen von etwa zweiundzwanzig und sechzehn Jahren, welche die Mutter als Zerhaniah und Lewiny anredete, – letzterer Name eine der so gewöhnlichen amerikanischen Entstellungen eines schönen Namens, aus einem Buche – Lavinia vermutlich. Diese beiden jungen Personen benahmen sich bei Tische mit vieler Bescheidenheit, denn der alte Tausendacres und seine Gattin hatten, trotz ihrer gesetzlosen Lebensweise, doch in Beziehung auf Dinge dieser Art noch viel von der alten puritanischen Zucht unter ihren Kindern beibehalten. In der That, ich war erstaunt über den eigentümlichen Contrast zwischen der ihnen zur andern Natur gewordenen Aufmerksamkeit, womit Alle auf der Niederlassung gewisse Regeln der Art beobachteten, und der Gewißheit, die sie doch Alle haben mußten, daß sie Tag für Tag Vergehen sich zu Schulden kommen ließen, die nicht nur den Gesetzen des Landes, sondern dem allgemeinen, angebornen Rechtsbewußtseyn zuwider liefen. In diesem Punkte sah man, was man so oft im Leben beobachten kann, wie die Reste von alten Angewöhnungen und Grundsätzen in der Gestalt der Gewohnheit sich noch erhalten, lange nachdem das Wesen und der Gehalt, woraus sie hervorgegangen, verschwunden ist.

»Habt Ihr die Leute wegen des Kettenträgers gefragt?« sagte Prudence plötzlich, sobald Messer und Gabeln weggelegt waren, und während wir noch am Tische saßen. »Ich fühle eine Besorgniß vor diesem Manne, wie nie vor einem andern.«

»Sey ohne Furcht wegen des Kettenträgers, Weib,« antwortete der Mann. »Er hat seine Arbeit für den Sommer vor sich, ohne in unsre Nähe zu kommen. Nach den letzten Nachrichten hat der junge Littlepage, den der alte Schelm von Vater in die Gegend geschickt hat, ihn auf seine eigne Ansiedlung hinübergenommen, wo er ihn, wie ich rechne, wohl behalten wird, bis das kalte Wetter eintritt. Laß mich nur einmal all des Holzes ledig werden, das wir geschnitten haben, und es verkaufen, so kümmre ich mich sehr wenig um den Kettenträger oder seinen Herrn.«

»Das sind kecke Reden, Aaron; aber erinnert Euch nur, wie oft wir gesquattet haben, und wie oft wir vertrieben worden sind. Ich denke, ich spreche vor Freunden, wenn ich das sage.«

»Hier darfst Du Niemand fürchten, Weib. – Trackleß ist ein alter Bekannter, und hat so wenig Geschmack an den Rechtstiteln des Gesetzes als Einer von uns; und sein Freund ist unser Freund.« Ich gestehe, daß mir bei dieser Bemerkung etwas unbehaglich zu Muthe ward; aber da der Squatter in seiner Rede fortfuhr, war für mich keine Gelegenheit, Etwas zu erwiedern, hätte ich auch dazu Lust gehabt. »Was das Weiterziehen betrifft,« fuhr der Mann fort, »so bin ich nie fortgezogen, außer zweimal, ohne Bezahlung zu erhalten für meine Meliorationen. – Nun nenne ich das einen guten Handel für einen Mann, der nicht weniger als siebzehn Mal gesquattet hat. Wenn das Allerschlimmste eintritt, so sind wir jung genug, um zum achtzehnten Mal zu ziehen und uns anzusiedeln. Wenn ich nur das geschnittene Holz an Mann bringe, so frage ich wenig nach allen Littlepages oder Greatpages; an der Mühle ist nicht Viel, ohne das Geschirr, und das hat, so wie es ist, die ganze Reise von Varmount mit uns gemacht und ist an's Ziehen gewöhnt. Es kann noch weiter wandern.«

»Ja, aber das geschnittene Holz, Aaron – das Wasser ist jetzt seicht, und Ihr könnt es nicht zu Markte bringen, bis die Flüsse wieder steigen, was vielleicht in den nächsten drei Monaten nicht geschieht. Denkt nur, wie viele Tage Arbeit Euch und uns Alle das Holz gekostet hat, und wie mächtig viel wir davon zu verlieren haben!«

»Ja, aber wir werden es nicht verlieren, Weib.« versetzte Tausendacres, die Lippen zusammenpressend und die Hände ballend, so daß man wohl sah, wie stark seine eignen Gefühle waren, wo es sich um sein, wenn auch noch so unehrlich erworbenes Eigenthum handelte. »Mein Schweiß und meine Arbeit stecken in den Dielen, und die sind immerhin so gut als Saft. Wofür ein Mann schwitzt, darauf hat er auch ein Recht.«

Dies war zwar eine etwas weit führende Moral, denn es kann auch Einer dabei schwitzen, wenn er seines Nächsten Hab' und Gut fortträgt: aber ein ziemlicher Theil des menschlichen Geschlechts ist sehr geneigt nach Grundsätzen zu argumentiren und in seinen Gefühlen sich davon bestimmen zu lassen, die nicht wahrer und vernünftiger sind als der erwähnte des alten Tausendacres.

»Wohl,« versetzte das Weib. »Wahrlich, ich möchte Euch und die Jungen nicht die Früchte Eurer Arbeit verlieren sehen; nein, wahrlich nicht. Ihr habt redlich gearbeitet und Euch abgemüht an den Klötzen, in einer Art, die ich nie von menschlichen Wesen übertroffen sah; und es wäre hart,« und hiebei faßte sie mich besonders scharf ins Auge; »jetzt, nachdem ihr die Bäume gefällt, sie zur Mühle geschleppt und zu Dielen zersägt habt, einen andern Mann auftreten zu sehen, der Alles als sein Eigenthum in Anspruch nähme. Das könnte nimmermehr Recht seyn, sondern es ist gegen alle Gerechtigkeit, sey es die von Varmount oder von York. Ich denke, es ist kein großes Unrecht, wenn ich nun auch frage, was wohl Euer Name seyn mag, junger Mann?«

»Ganz und gar kein Unrecht,« antwortete ich, mit einer Selbstbeherrschung, die, wie ich wohl sah, den Onondago hoch erfreute. »Mein Name ist Mordaunt.«

»Mordaunt!« wiederholte das Weib rasch: »wissen wir Nichts von diesem Namen? Ist das ein befreundeter Name für uns Leute von Varmount? Wie ist es, Aaron? Ihr müßt das wissen.«

»Nein, ich muß das nicht wissen, denn ich habe nie früher von einem solchen Namen gehört. So lang es nur nicht der Name Littlepage ist, kümmre ich mich Nichts darum.«

Ich fühlte mein Herz erleichtert bei dieser Antwort, denn ich will gestehen, daß der Gedanke, in die Gewalt dieser gesetzlosen Leute zu gerathen, mir nichts weniger als angenehm war. Von Tausendacres bis hinab zu dem Burschen von siebenzehn Jahren standen sie Alle sechs Fuß hoch da; und eine stämmigere, breitschultrigere, muskulösere Race sah man nicht leicht. Ihnen mit Gewalt sich zu widersetzen, davon konnte gar keine Rede seyn. Ich war ganz ohne Waffen; der Indianer war etwas besser gerüstet; aber nicht weniger als vier Büchsen lagen in dieser einen Hütte auf den Leisten; und ich zweifelte nicht daran, daß jedes männliche Mitglied der Familie seine eigene Waffe besaß. Die Büchse war das erste Erforderniß für Männer dieses Schlages, da sie eben so gute Dienste leistete, ihnen Nahrung zu verschaffen, als sie gegen ihre Feinde zu schützen.

In diesem Augenblick stieß Prudence einen langen Seufzer aus und stand vom Tische auf, um wieder an ihre häuslichen Arbeiten zu gehen. Lowiny folgte ihrem Beispiel in unterwürfigem Schweigen, und wir Männer schlenderten unter die Thüre der Hütte, wo ich eine neue Ansicht gewann von der Beschaffenheit dieser Meliorationen, welche Tausendacres so hoch anschlug, und von dem Umfang des Raubes, der an dem Besitzthum Oberst Follocks und meines Vaters verübt worden war. Dieser war keineswegs unbedeutend, und wurde später von sachverständigen Männern zu einem Werth von vollen tausend Dollars geschätzt. Natürlich waren diese tausend Dollars ganz verloren, sofern von Vergütung und Ersatz in baarem Gelde ganz und gar nicht die Rede seyn konnte bei Männern von dem Schlage, zu welchem Tausendacres und seine Söhne gehörten. Diese Art Leute sagen gar gerne: »Ich garantiere dies und das,« »ich mache mich verbindlich, dies und das zu thun:« aber die Garantie und die Verpflichtung sind gänzlich werth- und bedeutungslos. In der That sind diejenigen, welche am wenigsten einer wirklichen Verantwortlichkeit gewachsen und dazu geneigt sind, am freigebigsten mit solchen Versicherungen und Verpfändungen ihres Wortes.

»Das ist ein schöner Platz,« sagte Tausendacres, dessen eigentlicher Name Aaron Zimmermann war. »Das ist ein schöner Platz, Mr. Mordaunt; ein Platz, welchen zu verlassen Einem schwer fallen würde, auf das Geheiß eines Mannes, der ihn nie mit einem Auge gesehen hat. Seyd Ihr irgend bekannt mit dem Gesetz und Recht?«

»Ein klein wenig; nicht mehr, als wir Alle es werden, wenn wir so durchs Leben dahinwandern.«

»Ihr seyd auf dieser Reise noch nicht weit gekommen, junger Mann, wie Jeder aus Eurem Gesicht lesen kann. Aber Ihr habt wohl gute Gelegenheiten gehabt, wie Einer leicht errathen kann aus Eurer Sprache, die nicht ganz so ist wie die unserige hier in den Wäldern, woraus ich mir wohl abnehmen kann, daß Ihr mögt eine bessere Schule genossen haben als gewöhnlich ist. Das kann Einer merken, wenn auch seine eigene Gelehrsamkeit nicht hoch geht.«

Diese Voraussetzung Aaron's, daß meine Redweise, Aussprache, Accent und Vortrag Folge und Frucht der Schulbildung sey, war vielleicht natürlich genug, obwohl wenige Personen in diesen Beziehungen es zu einer gewissen Vollkommenheit bringen, wenn sie nicht schon in ihrer Kindheit durch ihre Umgebung und ihren Verkehr daran gewöhnt werden. Was die gewöhnlichen Schulen von New-York betrifft, so pflanzen sie vielmehr nur Irrthümer und Fehler in dieser Hinsicht fort, als daß sie sie berichtigten; und einer der wichtigsten Schritte zur Verbesserung und Hebung derselben würde seyn, wenn man dafür Sorge trüge, daß die Lehrer genaue und richtige Belehrung über Laut und Aussprache, wie über die Bedeutung der Wörter ertheilten. Unter dem gegenwärtigen System werden fehlerhafte Angewöhnungen durch überlegte Belehrung und durch Beispiel mehr bestärkt als berichtigt.

»Mein Schulunterricht,« antwortete ich, bescheiden genug, hoffe ich, »ist etwas besser gewesen, als der gewöhnliche, aber doch nicht so gut, wie Ihr seht, daß er mich zurückgehalten hätte, in die Wälder zu gehen.«

»Das kann ganz Sache der Neigung seyn. Manche Leute haben eine natürliche Liebhaberei für die Wildniß, und es heißt gegen den Strom schwimmen und ist beinahe vergeblich, wenn man Ansiedlungsleute aus ihnen zu machen sucht. Wißt Ihr vielleicht, was diesen Herbst geschnittenes Holz einzubringen verspricht?«

»Alles nimmt einen Aufschwung seit dem Frieden, und man kann mit Recht erwarten, daß auch geschnittenes Holz, ebenso wie andere Güter, einen schönen Preis bekommen wird.«

»Wohl, es ist auch einmal Zeit! Während des ganzen Krieges hat eine Diele nicht viel mehr gegolten, als ein Streifen Rinde, wenn es nicht etwa in der Nähe eines Heeres war. Wir Holzleute haben eine entsetzlich böse Zeit gehabt diese letzten acht Jahre her, und mehr als einmal habe ich mich versucht gefühlt, die Sache aufzugeben, hinzugehen, und mich in einer Lichtung anzusiedeln, wie ruhigere Leute; aber ich dachte, da auch die Welt einmal ein Ende haben wird, so muß doch wohl vorher noch der Krieg zu einem Ende kommen.«

»Diese Berechnung war ziemlich sicher; der Krieg muß freilich für Euch eine verdrießliche Zeit gewesen seyn; auch sehe ich nicht recht ein, wie Ihr durch die Jahre Euch durchschluget, die er währte.«

»Schlecht genug; obgleich auch Kriegszeiten ihre Glücksfälle haben so gut als Friedenszeiten. Einmal nahm der Feind eine Masse von Continentalvorräthen weg, wie Schweinefleisch, Mehl, Neu-Engländer Rum, und sie boten alle Gespanne, nah und fern, auf, ihre Beute fortzuführen, und mein Schlitten mit Pferden mußte auch mit Dienste thun. Nun, wir zogen wirklich mit, und ich bekam eine so schöne Ladung, als Ihr nur je auf einem Lastschlitten gesehen habt; was ich so nenne: ein rechtes Assortiment, und zwar eines das ganz nach meinem Geschmack war; denn ich lud es selbst mit meinen eigenen Händen auf. Es war in einer waldigen Gegend, wie Ihr Euch wohl denken könnt, sonst wäre ich nicht um den Weg gewesen; und da ich alle Nebenwege wohl kannte, ersah ich meine Gelegenheit und machte mich, ohne daß man es merkte, aus meiner Reihe heraus und fuhr so stracks meinem Heimwesen zu, als käme ich eben von einem Handel auf der nächsten Ansiedlung zurück. Das war die profitabelste Reise, die ich je gemacht, und was noch mehr ist, es war eine ganz kurze.«

Hier hielt der alte Tausendacres inne um zu lachen, und das that er so unbefangen und herzlich, als ob sein Gewissen nie eine Sorge gekannt hätte. Diese Geschichte war, wie ich mir einbilde, eine Lieblingserinnerung von ihm, denn ich hörte ihn während der kurzen Zeit unseres Verkehrs mit einander nicht weniger als dreimal auf die Heldenthat anspielen, von der sie handelte. Ich bemerkte, daß bei Erzählung dieser Anekdote das erste Lächeln im Gesichte Zephaniahs sichtbar wurde, seit ich ihn sah; obwohl ich nicht ermangelt hatte, zu bemerken, daß der junge Mann, ein wahres Ideal von zwar roher, ländlicher aber kraftvoller und wohlgestalter Mannhaftigkeit in seiner äußern Erscheinung, bei jeder Gelegenheit ein scharfes Auge auf mich hatte, in einer Weise, die mich einigermaßen beunruhigte.

»Das war ein für Euch glücklicher Frohndienst,« bemerkte ich, sobald Aaron zu lachen aufgehört hatte; »falls Ihr Euch nicht gemüßigt glaubtet, die Güter den Continental-Beamten zurückzugeben.«

»Kein Bißchen davon! Der Kongreß war arm genug, das gebe ich gern zu; aber er war doch reicher als ich war oder je seyn werde. Wenn einmal ein Besitzthum den Herrn gewechselt hat, so geht auch der Rechtstitel mit; und Manche sagen, auch diese Ländereien, die vom König herrühren, sollten jetzt an das Volk fallen, so wie eben die Leute derselben benöthigt seyen. Es liegt Vernunft und Recht in der Idee, glaube ich gewiß; und es sollte mich nicht wundern, wenn sie dereinst vor dem Gesetze Geltung erlangte.«

Ach, ach! Wieder die schwache sündhafte Menschennatur! Selten begeht Einer Unrecht, ohne daß er auch seinen Scharfsinn aufböte, um Entschuldigungen dafür zu finden. Wenn so sein Geist durch den Einfluß seiner Leidenschaften, und ganz besonders durch den der Habgier verkehrt worden ist, so bildet er sich unfehlbar ein, es bestünden neue Grundsätze zu Gunsten seiner Plane und Entwürfe, und legt einen Eifer an den Tag, sie zu entdecken, der, wenn er ihn für eine gute Sache aufböte, ihn zu einem Segen statt zu einem Fluche für seine Gattung machen würde. Aber die Spitzbüberei ist so rüstig und emsig, während die Tugend so gern träge und passiv ist, daß, bei dem ewigen zwischen ihnen bestehenden Kampf, das, was durch die Wahrheit und die inwohnende Kraft der letzteren gewonnen wird, gar oft mehr als neutralisirt wird durch die unermüdliche Thätigkeit der ersteren. Hierin, fürchte ich, dürfte sich auch die schwache Seite unsrer Institutionen finden. So lange das Gesetz die Autorität eines Individuums repräsentirt, mag persönlicher Stolz und Eifersucht ein Sporn zu beständiger Wachsamkeit seyn; aber wenn das Gesetz das Gemeinwesen repräsentirt, hat es eine getheilte Verantwortlichkeit im Gefolge, wo die Aufregung unerträglicher Mißbräuche erforderlich ist, bis es sich zu seiner kräftigen Selbstvertheidigung ermannt. Das Resultat ist nur wieder ein Beweis, daß bei der Handhabung und Führung der gewöhnlichen Angelegenheiten des Lebens die Menschen sich stärker erweisen als die Grundsätze.

»Habt ihr wohl schon Gelegenheit gehabt, einen Eurer Besitztitel vor einem Gerichtshof geltend zu machen gegen den eines Landbesitzers, der sein Recht von einer förmlichen Verleihung und Uebertragung ableitete?« fragte ich, nachdem ich einen Augenblick über die Wahrheit, die ich so eben ausgesprochen, nachgedacht hatte.

Tausendacres schüttelte den Kopf, sah zur Erde, und sann seinerteils eine kleine Weil nach, ehe er mir folgende Antwort gab:

»Gewiß,« sagte er, »wir wünschen Alle, das Recht, wo möglich, auf unserer Seite zu haben, und einige von unsern Leuten beredeten mich, so zu sagen, ich solle einmal förmlich gegen einen regelmäßigen Grundherrn auftreten. So ließ ich mich denn in einen Streit vor Gericht mit ihm ein; aber ich unterlag, Mr. Mordaunt, gerade wie wenn ich ein Hühnchen gewesen wäre, und er der Falke, der mich in seinen Krallen hielt. Ihr werdet mich nicht wieder dran kriegen, daß ich mich wieder den Krallen des Gesetzes anvertraute, obgleich das schon vor dem alten französischen Kriege geschah. Ich werde nie mehr dem Gesetze trauen. Es mag gut seyn für die Reichen, die sich nicht zu kümmern brauchen, ob sie gewinnen oder verlieren; aber das Gesetz ist ein verzweifelt böser Handel für denjenigen, der nicht Geld genug hat, um sich mit demselben zurecht zu finden.«

»Und wenn nun Mr. Littlepage entdeckte, daß Ihr hier seyd, und geneigt wäre, eine Uebereinkunft mit Euch zu treffen, welche Bedingungen wäret Ihr wohl geneigt Euch gefallen zu lassen?«

»Oh ich bin nie gegen das Handeln und Unterhandeln. Das ist der Geist des Lebens; und in Betracht, daß General Littlepage einiges Recht hat, wie ich das schon zugeben kann, würde ich ihm keine harte Bedingungen machen. Wenn er die Sache still und ruhig behandeln und keinen Lärm darüber anfangen wollte, sondern das Wesen Männern, und zwar Männern von der rechten Art überlassen wollte, so würde ich mich nicht unbereitwillig finden lassen; denn ich gehöre zu den Leuten, welche Prozesse hassen, und ich bin immer bereit zu thun was Recht ist; und so sollte er mich so bereit finden zur Ansiedlung als nur irgend einen auf seinen Ländereien.«

»Aber auf welche Bedingungen? Ihr habt mir noch Nichts von den Bedingungen gesagt.«

»Was die Bedingungen betrifft, da würde ich in keiner Weise hart seyn. Kein Mensch kann behaupten, daß der alte Tausendacres je harte Bedingungen stellte, wenn er sich in vortheilhafter Lage befand. Das liegt gar nicht in meiner Natur, welche ganz zu dem sich hinneigt, was vernünftig und billig ist. Nun seht Ihr, Mordaunt, wie die Sachen zwischen diesem Littlepage und mir stehen. Er hat einen papiernen Rechtstitel, sagt man mir, und ich habe thatsächlich Besitz genommen, worin immer eines Squatters Rechtsanspruch besteht; und das ist immer ein guter Rechtsanspruch, wo Fichtenholz im Ueberfluß, ein Mühlplatz und ein bequemer Markt sich findet.«

Hier hielt Tausendacres wieder inne um zu lachen, denn dies pflegte er auf so herzhafte Weise und in solchen Brusttönen zu thun, daß es ihm schwer ward, in Einem Athem zu lachen und zu sprechen. Aber sobald er mit dem Lachen fertig war, vergaß er doch nicht, in seiner Rede fortzufahren.

»Nein, kein Mensch, der sich auf die Wälder versteht, wird diese Vortheile widersprechen,« fuhr der Squatter fort; »ich bin jetzt im Besitze und Genuß von alle dem. Nun also, General Littlepage, wie sie ihn hier herum nennen, hat einen papiernen Besitztitel, und ich habe wirklich Besitz ergriffen. Er hat die Rechtshöfe auf seiner Seite, das will ich zugeben; aber hier sind meine Meliorationen – drei und sechzig so große Acres abgeholzt und zur Mühle geschleppt, als man in ganz Charlotte oder Washington, wie man mir sagt, daß der Distrikt jetzt genannt werde, finden mag.«

»Aber General Littlepage hält es vielleicht für keine Verbesserung. wenn er sein Land des Fichtenholzes beraubt findet. Ihr wißt so gut als ich, Tausendacres, daß man allgemein hier herum der Ansicht ist, daß Fichtenholz den Werth von Ländereien sehr erhöhe, da der Hudson es so leicht macht, dasselbe auf den Markt zu bringen.«

»Ei Du mein Herr! Jüngelchen, glaubt Ihr denn, ich habe das Alles nicht bedacht, als ich mein Lager hier aufschlug? Ihr könnt so alte Knochen nicht belehren, wo es am besten sey, den ersten Streich mit einer Axt zu thun. Nun habe ich jetzt in dem Flüßchen unterwegs nach dem Hudson, in den Bäumen unter der Mühle und im Mühlhof drüben hundertundzwanzigtausend Schuh so schönes Holz, als nur je zusammengebunden und geflößt wurde; und es sind noch Stämme genug gefällt und herbeigeschleppt, um mehr als noch einmal so viel fertig zu machen. Ich glaube fast, aus Eurem Reden, Ihr kennt diesen Littlepage; und da ich ein Freund von offenem geraden Verfahren bin und von Recht und Billigkeit zwischen Mann und Mann, will ich Euch geradezu sagen, was ich thun will, damit Ihr es ihm wieder sagen könnt, wenn Ihr ihn einmal wieder seht, und die Sache zwischen Euch zur Sprache kommt, wie es wohl manchmal geschieht, nur so gesprächsweise, wenn Einen auch eine Sache nicht gerade angeht; und so könnt Ihr diesem General sagen, der alte Tausendacres sey ein Mann, der Vernunft annehme und bereit, auf folgende Bedingungen einzugehen, aber er werde nicht einen Gran mehr nachgeben. Wenn mich der General all das Holz ungestört will auf den Markt bringen, und die Ernte einthun lassen, welche die Jungen mit eignen Händen ausgesät haben, und mich auch all das Mühlegeschirr mit nehmen, und die Thüren und Fenster der Häuser ausheben lassen, und alles Eisenwerk, was sich hier herum findet, so bin ich bereit zu versprechen, früh genug im nächsten Frühjahr wegzuziehen, so daß derjenige, den er wählen mag, zu rechter Zeit ausziehen kann, um das Fruchtfeld zu bestellen und die Gartenarbeiten zu verrichten. So, das sind meine Bedingungen, und ich gehe von keiner derselben auch nur das Mindeste ab, um Alles in der Welt nicht. Aber so viel will ich thun um des Friedens willen; denn ich liebe Frieden und Ruhe ganz verzweifelt, wie mein Weib zu sagen pflegt.«

Ich war eben im Begriff, auf diese charakteristische Mittheilung zu antworten – ganz charakteristisch in Bezug auf die Gefühle und Gesinnungen, einseitigen Rechtssinn, Grundsätze und Sprache, – als Zephaniah, der große Sohn des Squatters, plötzlich die Hand auf seines Vaters Arm legte und ihn bei Seite führte. Dieser junge Mann hatte während der ganzen Unterredung unter der Hüttenthüre meine Person mit auffallender Aufmerksamkeit gemustert und geprüft. Anfangs war ich geneigt, diese besondere Aufmerksamkeit auf Rechnung einer Neugier zu schreiben, die bei jungen Leuten ganz natürlich ist, wenn sie zuerst Einem begegnen, von welchem angenommen werden darf, daß er Gelegenheit gehabt, die neuesten Moden der Tracht und des geselligen Benehmens sich anzueignen. Landleute in Amerika geben immer eine solche Neugier kund; und es war eine nicht zu verwerfende Voraussetzung, der junge Squatter möge wohl auch von derselben beherrscht seyn. Aber wie sich bald zeigte, hatte ich mich in meinem Mann ganz verrechnet. Obgleich er und seine Schwester Lowiny kein Auge von meiner Person verwandt hatten, entdeckte ich doch bald, daß sie von ganz entgegengesetzten Gedanken und Empfindungen hiebei geleitet waren.

Die erste Ahnung von der Täuschung, welcher ich mich überlassen hatte, ging mir auf in Folge des Benehmens Tausendacres', sobald sein Sohn nur eine Minute beiseite mit ihm gesprochen hatte. Ich bemerkte, daß der alte Squatter sich plötzlich umwandte, und meine äußere Erscheinung mit finsterem, aber scharfem Auge zu prüfen begann. Darauf widmete er alle seine Aufmerksamkeit seinem Sohne, und dann wurde wieder ich scharf in Augenschein genommen. Natürlich konnte dieser Auftritt nicht von sehr langer Dauer seyn, und es wurde mir bald der Trost zu Theil, wieder Angesicht in Angesicht dem Manne mich gegenüber zu sehen, den ich jetzt als einen Feind glaubte ansehen zu müssen.

»Hört Ihr, junger Mann,« begann Tausendacres wieder, als er zurückgekehrt war, und sich gerade mir gegenüber gestellt hatte, »mein Junge Zeph dort hat einen Verdacht gefaßt, hinsichtlich Eurer Person, welcher ordentlich zwischen uns aufgeklärt seyn muß, ehe wir uns trennen. Ich bin ein Freund von geradem und offnem Handeln, wie ich Euch schon mehr als einmal gesagt habe, und verachte Alles unter der Decke Spielen von Grund meines Herzens. Zeph sagt mir, er habe so eine Art von Verdacht, daß Ihr der Sohn von eben jenem Littlepage, und zu uns hergeschickt seyd, um uns auszuspioniren und zu erfahren, wie die Sachen stünden, ehe Ihr Eure schlimmen Absichten ausführtet. Ist es so oder nicht?«

»Welchen Grund hat Zeph zu einem solchen Verdacht?« versetzte ich mit so viel Kaltblütigkeit, als ich aufzubieten vermochte. »Er ist mir gänzlich unbekannt, und ich glaube, dies ist das erste Mal, daß wir uns sehen.«

»Er gesteht das selbst zu: aber ein Menschenkind sieht manchmal auch Dinge, ohne sie unmittelbar vor Augen zu haben. Mein Sohn wandert häufig hin und her zwischen der Ansiedlung Ravensnest und der unsrigen, obwohl er, vermuthe ich, über seine eigene Heimath nicht viel herausläßt. – Er hat zwei Monate aneinander in jener Gegend gearbeitet, und ich finde ihn sehr brauchbar, dann und wann einen kleinen Handel uns Verkehr mit Squire Newcome zu treiben.«

»Also seyd Ihr bekannt mit Mr. Jason Newcome, oder mit Squire Newcome, wie Ihr ihn nennt?«

»Ich nenne ihn wie es recht ist, hoffe ich!.« versetzte der alte Mann scharf. »Er ist ein Squire und muß deßhalb auch Squire genannt werden. Auch dem Teufel das Seinige! das ist mein Grundsatz. Aber Zephaniah ist diesen Sommer eine ansehnliche Zeit auf Arbeit in Ravensnest fort gewesen. Ich behaupte gegen ihn, er habe ein Mädel im Auge, daß er sich so an die Leute vom Nest hänge, aber er will es nicht zugeben; dort ist er aber gewesen, und er sagt mir, der Sohn von diesem Littlepage sey in der Ansiedlung erwartet worden um die Zeit, wo er von dort weggegangen.«

»Und Ihr seyd mit dem Squire Newcome bekannt?« sagte ich, den Gegenstand weiter verfolgend, mehr so wie dessen einzelne Punkte mein Interesse auf sich zogen, als daß ich dem Faden der Gedanken des Squatters nachgegangen wäre; »so gut bekannt, daß Ihr mit ihm handelt?«

»Gewiß, gut bekannt, darf ich sagen. Der Squire nahm alles Holz von mir, das ich zu Anfang des Frühjahrs schnitt, und flößte und verkaufte es auf eigene Rechnung, und bezahlte uns mit Specereiwaaren, Weiberkleidern und Rum. Er hat ein gutes Geschäft damit gemacht, höre ich, und er feilscht jetzt um Alles, was im Flüßchen ist; aber ich glaube, ich will die Jungen selbst damit fortschicken. Aber wie gehört das Alles hieher? Habt Ihr mir nicht gesagt, junger Mann, Euer Name sey Mordaunt?«

»Ja wohl, und ich habe damit nicht mehr als die Wahrheit gesagt.«

»Und was mag denn Euer gegebener Name seyn? Am Ende, Alte,« und er wandte sich gegen die ängstlich besorgte Gattin und Mutter, welche näher gekommen war, um zu lauschen, da sie höchst wahrscheinlich mittlerweile von dem Verdacht ihres Sohnes gehört hatte, »am Ende kann sich doch der Junge täuschen, und der junge Mann mag so unschuldig seyn wie irgend Eines von unsrem Fleisch und Blut.«

»Mordaunt ist mein gegebener Name, wie Ihr Euch ausdrückt,« antwortete ich, jede Täuschung verschmähend, »und Littlepage –« hier hielt mir plötzlich der Indianer die Hand auf den Mund und hinderte mich so weiter zu reden.

Das wohlgemeinte Dazwischentreten des Onondago kam jedoch zu spät, denn die Squatters erriethen nunmehr leicht Alles, was ich noch hatte sagen wollen. Prudence entfernte sich, und ich hörte bald, wie sie alle ihre jüngern Kindern mit Namen rief, sie um sich zu versammeln, wie die Henne ihre Küchlein unter ihren Flügeln versammelt. Tausendacres nahm die Sache ganz anders. Sein Angesicht verfinsterte sich, und er flüsterte Lowiny ein Wort zu, welche sich entfernte, um einen Auftrag zu bestellen, aber, wie mir schien, mit widerstrebenden Schritten und mit Augen, welche nicht immer in der Richtung blickten, welche sie einschlug.

»Ich sehe wie es ist! – ich sehe wie es ist!« rief der Squatter, mit so viel unterdrückter Entrüstung in seiner Stimme und Miene, wie wenn seine Sache die Sache der mißhandelten Unschuld wäre; »wir haben einen Spion unter uns, und die Kriegszeit ist noch in zu frischem Andenken, als daß wir nicht wüßten, wie mit solchen Leuten verfahren. Junger Mann, was ist Euer Gewerbe hier, in meinen Meliorationen und unter meinem Dach?«

»Mein Gewerbe, Tausendacres, wie Ihr es nennt, ist: nach dem Besitzthum zu sehen, welches meiner Fürsorge und Obhut anvertraut ist. Ich bin der Sohn des Generals Littlepage, des Einen der zwei Eigenthümer dieses Gutes, und Sachwalter Attorney, Agent, Bevollmächtigter, meist aber Anwalt, Rechtsfreund. von Beiden.«

»Ha, ein Sachwalter seyd Ihr!« rief der Squatter, den eigentlichen Sachwalter verwechselnd mit dem juridischen Sachwalter – eine Menschengattung, gegen welche er natürlich in Folge seines Treibens eine tiefe Antipathie hegte. »Ich will Euch besachwaltern. Wenn Ihr oder Euer Vater General meint, Aaron Tausendacres sey ein Mann, der die Feinde in sein Territorium einbrechen lasse, und dabei die Hände in der Tasche behalte, so irrt Ihr Euch gewaltig. Schickt nach ihnen, Lowiny, schickt nach den Jungen, und laßt uns sehen, ob wir für diesen jungen Generals-Sachwalter Eigentlich: attorney general, d. h. Generalfiskal, ein Wortspiel. auch Quartier, nicht blos Kost finden können.«

Ich konnte mich jetzt über das Aussehen der Dinge nicht mehr täuschen. Die Feindseligkeiten hatten gewissermaßen angefangen und es lag mir ob, meine Kräfte aufzubieten, um Leib und Leben zu sichern. Ich wußte, daß der Indianer bewaffnet war, und entschlossen mich wo möglich zu vertheidigen, nahm ich mir vor, im Nothfall seiner Waffe mich zu bedienen. Ich streckte einen Arm aus und wandte mich nach der Stelle, wo Susquesus so eben noch gestanden, um seine Büchse zu fassen, entdeckte aber, daß er verschwunden war.

 

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