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Der Kettenträger

James Fenimore Cooper: Der Kettenträger - Kapitel 18
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authorJames Fenimore Cooper
titleDer Kettenträger
publisherVerlag von S. G. Liesching
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Sechszehntes Kapitel.

Ihr Gnaden, die Ihr Lenzesblumen pflückt,
Wahrt vor der Schlang' Euch, deren Stachel zückt!

Dryden's Eclogen.

 

Die erste halbe Stande, nachdem ich die Hütte von Ursula Malbone verlassen hatte, wußte ich im buchstäblichen Sinne nicht, wohin ich ging, noch was ich that. Ich kann mich auf Nichts besinnen, als daß ich ganz nahe an dem Onondago vorbei kam. welcher verlangend schien, mit mir zu sprechen, dem ich aber mehr halb instinktmäßig als in Folge einer bestimmten Absicht auswich. Zu der That brachte mich erst Erschöpfung wieder recht zur Besinnung. Ich war Meilen weit darauf zu gewandert, immer tiefer und tiefer in den Wald hinein, und zwar dies ohne ein Ziel, ohne auch nur zu wissen, in welcher Richtung hin ich ging. Bald kam die Nacht und warf ihre Schatten auf die Erde und ich setzte meine zwecklose Wanderung fort im Dunkel der Stunde vermählt mit dem Dunkel der Wälder. Ich hatte mich ermüdet durch rasches Gehen auf dem unebenen Waldboden, und endlich warf ich mich nieder auf den Stamm eines gefallenen Baumes, um etwas Ruhe zu genießen.

Anfänglich dachte ich Nichts, fühlte ich Nichts, als die leidige Thatsache, daß Dus sich mit ihrem Wort einem Andern verpfändet habe. Hätte ich mich in Priscilla Bayard verliebt, so hätte mich eine solche Erklärung nicht so sehr überrascht, denn sie lebte in der Welt, kam zusammen mit Männern von entsprechenden gesellschaftlichen Verhältnissen, Ansichten und Bildung, und man konnte bei ihr leicht voraussetzen, daß sie nicht außerhalb des Bereichs und Einflusses jener Aufmerksamkeiten und Gefühle geblieben seyn werde, welche in der Brust des Weibes zärtliche Empfindungen zu erwecken pflegen. Bei Dus war es ein ganz anderer Fall; sie war vom Wald weg in die Schule, und von der Schule weg wieder in den Wald gekommen. Zwar konnte ihr Bruder, als Soldat, einen Freund gehabt haben, welcher Ursula bewunderte, und dessen Bewunderung ihr jugendliches Herz gerührt hatte; aber das war nur eine entfernte Möglichkeit, und mir blieb doch eine Last von Zweifeln auf dem Herzen zurück, hinsichtlich des Charakters und der Stellung meines Nebenbuhlers.

»Jedenfalls muß er arm seyn,« sagte ich bei mir selbst, sobald ich kühler über den Gegenstand nachzudenken vermochte, »sonst würde er nimmermehr Dus in dieser Hütte, unter Kettenträgern und andern rohen, ungeschlachten Leuten der Grenze ihre Jugendjahre hinbringen lassen. Wenn ich ihre Liebe nicht gewinnen kann, so kann ich doch vielleicht zu ihrem Glück beitragen, indem ich mich zu diesem Zwecke der Mittel bediene, die eine gütige Vorsehung mir verliehen hat, und sie in Stand setze, sofort zu heirathen.« Eine kleine Weile bildete ich mir ein, mein eigenes Elend würde dadurch gemindert werden, wenn ich nur Dus verheirathet und glücklich sähe. Aber dies Gefühl hielt nicht lange an; obwohl ich hoffe, mein Wunsch, sie glücklich zu sehen, blieb, auch nachdem sich mir lebhaft das Bewußtseyn aufgedrungen hatte, es würde eine lange Zeit vergehen müssen, bis ich im Stande wäre, einen solchen Anblick mit Fassung zu ertragen. Dennoch hatte der erste ruhigere Augenblick, hatte die erste Milderung meines Schmerzes, die ich empfand, ihren Grund in dem Bewußtseyn, das mich erfüllte: die Vorsehung habe in meine Hand die Macht gegeben, die Verbindung zwischen Ursula und dem Mann ihrer Wahl zu bewirken. Dieser Gedanke gewährte mir eine kleine Weile wirkliche Freude, und ich sann im buchstäblichen Sinn einige Stunden über die Mittel nach, meinen Zweck zu erreichen. Ich dachte in der That noch immer darüber nach, als ich mich auf den gefallenen Baum hinwarf, wo Müdigkeit mich in einen unruhigen Schlaf fallen machte, der, mit abwechselndem Grade der Bewußtlosigkeit mehrere Stunden dauerte. Meine Ruhestätte hatte ich unter den Zweigen des Baumes gewählt, woran noch die Blätter hingen und sie war nicht ohne ihre Vortheile und Bequemlichkeit.

Als ich erwachte, war es Tag – so wie das Licht des Tages in den Wald eindringt, ehe die Sonne aufgegangen ist. Zuerst hatte ich ein Gefühl von Steifheit und von Schmerzen, – die Folge meines harten Lagers: aber als ich meine Lage änderte und mich aufrichtete, verloren sich diese Empfindungen bald und ich fühlte mich erquickt und ruhig. Zu meiner großen Ueberraschung jedoch bemerkte ich, daß eine kleine leichte Decke, dergleichen sich die Jäger im Sommer bedienen, über mich geworfen worden war, deren wohthuender Wärme ich vermuthlich Mehr verdankte als ich selbst wußte: dieser Umstand beunruhigte mich zuerst, da offenbar die Decke nicht ohne Menschenhände hieher gekommen seyn konnte; ein augenblickliches Nachdenken jedoch überzeugte mich, daß unter den obwaltenden Umständen das Ausbreiten derselben über mich das Werk eines Freundes gewesen seyn müsse. Ich stand jedoch auf, schritt an dem Baumstamm hin, bis wo er keine Aeste mehr hatte, und schaute mich um mit lebhaftem Verlangen, um zu erfahren, Wer der unbekannte Freund gewesen seyn möge.

Der Platz war ganz wie jeder andere in der Einsamkeit des Waldes. Da war die gewöhnliche Schaar von Stämmen stattlicher Bäume, der Blätterbaldachin, die dunkeln Schatten, die langen Durchblicke, der braune, ungleiche Erdboden, und die feuchte Kühle der grenzenlosen Wälder. Eine hübsche Quelle entsprang an einem Bergabhang ganz in meiner Nähe, und wie ich mich weiter umsah, in der Absicht mich dem Wasser zu nähern und dasselbe zu kosten, erklärte sich mir sofort das Geheimniß mit der Decke. Ich sah den Onondago, regungslos wie einer der Bäume um ihn herum auf seine Büchse gelehnt, wie es schien, einen zu seinen Füßen liegenden Gegenstand betrachtend. Nach einer Minute stand ich an seiner Seite, wo ich denn entdeckte, daß er vor einem menschlichen Gerippe stand! Das war ein seltsamer und befremdlicher Fund mitten im tiefsten Wald! Menschen spielten so wenig eine Rolle, wurden so selten gesehen in den Urwäldern von Amerika, daß man natürlich mehr betroffen war, wenn man ein solches handgreifliches Zeugniß menschlicher Gegenwart an einem solchen Orte fand, als es der Fall gewesen seyn würde, wenn man in bevölkerteren Distrikten darauf gestoßen wäre. Der Indianer starrte die Gebeine mit einem so tiefen Interesse an, daß er mein Herannahen entweder nicht hörte oder es gar nicht beachtete. Ich mußte ihn mit einem Finger anrühren, bis er auch nur aufschaute. Froh über einen Vorwand, einer Erklärung meines eigenen seltsamen Beginnens auszuweichen, ergriff ich mit Begierde die Gelegenheit, die sich in Folge eines so ungewöhnlichen Anblicks darbot, von andern Dingen zu sprechen.

»Das muß ein gewaltsamer Tod gewesen seyn, Sureflint,« sagte ich, »sonst wäre der Leichnam nicht unbegraben geblieben. Der Mann ist in einem Kampfe der rothen Krieger getödtet worden.«

»War begraben,« antwortete der Indianer, ohne die mindeste Ueberraschung über meine Berührung oder beim Laut meiner Stimme zu verrathen. »Dort, sehen Grab? Erde weggespült, und Beiner herausgekommen. Nichts sonst. Wissen, daß begraben, denn geholfen selbst.«

»Ihr wißt also Etwas von diesem Unglücklichen und von der Ursache seines Todes?«

»Gewiß. Alles von ihm wissen. Getödtet in alt französisch Krieg. Vater hier, und Oberst Follock; Jaap auch. Huronen sie Alle getödtet; nachher, wir geschlagen Huronen. Ja, das alte Geschichten jetzt.«

»Ich habe Etwas davon gehört! Dies also muß die Stelle gewesen seyn, wo ein gewisser Landvermesser Traverse vom Feind überfallen und mit seinen Kettenträgern und Axtmännern erschlagen wurde. Mein Vater und seine Freunde fanden die Leichname und begruben sie, so gut es ging.«

»Gewiß; ganz so; aber doch ärmliches Begraben, sonst nicht aus der Erde hervor kommen. Dies Gebeine von Landvermesser; sie wohl kennen ich: hat einmal ein Bein gebrochen. Da, Ihr sehen die Spur.«

»Sollen wir ein neues Grab graben, Susquesus, und diese Ueberreste noch einmal beerdigen?«

»Am besten, jetzt nicht. Kettenträger im Sinne haben das thun. Er bald hier seyn. Haben jetzt etwas Anderes zu bedenken. Euch gehören alles Land hier herum, so nicht nöthig zu eilen.«

»Ich vermuthe, daß es meinem Vater und Oberst Follock gehört. Diese Männer wurden auf dem Besitzthum erschlagen, während sie die großen Loostheile vermaßen. Ich meine gehört zu haben, daß sie ihre Arbeit in diesem Bezirke des Patents noch weit nicht vollendet hatten, welche dann auch aufgegeben wurde wegen der damaligen Unruhen.«

»Ganz so: und Wem nun gehören die Mühle hier?«

»Es ist keine Mühle in der Nähe, Susquesus: es kann keine Mühle da seyn; denn nicht ein Acre Land von dem Gute Mooseridge ist je verkauft oder verpachtet worden.«

»Mag so seyn – aber doch Mühle hier – gar nicht weit von hier. Ich kennen Mühle, wenn eine hören. Säge sprechen laut.«

»Ihr hört doch gewiß jetzt nicht die Säge einer Mühle, mein Freund? Ich kann Nichts hören, was dem Geräusche gliche.«

»Nicht hören jetzt, das wahr. Aber sie hören bei Nacht. Ohr gut, – bei Nacht – hören weit hin.«

»Darin habt Ihr ganz Recht, Susquesus. Und Ihr habt geglaubt, von diesem Platze aus den Lärm einer Säge gehört zu haben in der tiefen Stille der vergangenen Nacht?«

»Gewiß; gut kennen; deutlich genug hören. Nicht eine Meile weit entfernt. Hier hinaus zu: hier sie finden.«

Das war noch befremdender als das Finden des Gerippes. Ich hatte eine rohe übersichtliche Karte des Patents in der Tasche; und wie ich darauf nachsah, fand ich, daß wirklich ein Mühlbach darauf angegeben war, ganz nahe der Stelle, wo wir standen. Auch sprach das Aussehen der Wälder und die Formation des Terrains ganz dafür, daß in der Nähe eine Mühle angelegt seyn könne. Es fand sich hier eine Menge Fichtenholz und die Hügel begannen nachgerade fast zu Bergen anzuschwellen.

Langes Fasten und die Bewegung, die ich mir gemacht, hatten meinen Appetit sehr geschärft, und in Einer Beziehung wenigstens war es mir nicht leid, daß sich menschliche Wohnungen in der Nähe finden sollten. Wenn Leute in diesem Walde hausten, so waren es Squatters, aber ich hegte eben keine Besorgniß für meine persönliche Sicherheit bei der Begegnung mit solchen Menschen; zumal da für jetzt mein einziger Zweck war, Etwas zu essen zu suchen. Das Aufschlagen einer Mühle war freilich eine entschiedene Demonstration, und ein Wenig Nachdenken würde mir gesagt haben, daß ihre Inhaber wohl keine Freude haben würden über einen plötzlichen Besuch des Vertreters der Eigenthümer des Bodens. Andererseits waren die Hütten mehrere lange Meilen weit entfernt, und weder Sureflint noch ich hatten das Mindeste von Lebensmitteln bei uns. Wir waren auch Beide hungrig, obgleich der Onondago sich daraus Nichts machte, – eine stoische Gleichgültigkeit, in welcher ich, in Folge größerer Verweichlichung, es ihm nicht gleichthun konnte. Sodann hegte ich auch den lebhaften Wunsch, dies Räthsel mit der Mühle zu lösen, neben einem fieberischen Verlangen nach irgend einer neuen Aufregung, als Gegengewicht gegen das heftig und bitter an mir nagende Gefühl einer getäuschten, vereitelten Liebe.

Hätte ich nicht den Charakter meines Begleiters, und die Schärfe und Sicherheit der Sinne der Indianer so gut gekannt, so hätte ich wohl Bedenken tragen mögen, mich zu einem Gang zu entschließen, welcher als der Einfall eines Narren erscheinen konnte. Aber gewisse Umstände, damals noch von frischem Datum, waren vorhanden, welche einigermaßen des Onondago's Vermuthung unterstützten – wenn Vermuthung der rechte Name ist für seine ganz bestimmte Angabe und Versicherung. Ursprünglich sah und sprach New-York den Connektikut als einen Theil seiner östlichen Grenze an, aber große Schaaren von Ansiedlern waren über diesen Strom gezogen, hauptsächlich aus der anstoßenden Colonie New Hampshire kommend, und diese Leute waren schon einige Zeit vor der Revolution furchtbar geworden durch ihre Stellung und Zahl. Während dieses Kampfs hatten diese abgehärteten Bergbewohner im Ganzen einen den Colonien günstigen Geist kund gegeben, obgleich jede Spur von einer Absicht, ihre Ansprüche festzusetzen, von ihnen mit der Drohung beantwortet wurde, sich für neutral zu erklären. Mit Einem Wort, sie waren patriotisch genug, wenn man ihnen hinsichtlich ihres Besitzes freie Hand ließ zu thun was sie wollten, aber sie waren es nicht in dem Grade, daß sie sich der regelmäßigen Handhabung von Gesetz und Recht unterworfen hätten. Gegen das Ende des Krieges waren die Häupter dieser selbstgeschaffenen Colonie mehr als verdächtig, mit den englischen Behörden zu liebäugeln: nicht als ob sie die Regierung der Krone, oder irgend eine andre Autorität, ihrer eigenen vorgezogen hätten, sondern weil die Zeiten günstig waren, ihre Neutralität auf diese Weise auszuspielen, als ein Mittel, ihnen den Besitz von Ländereien zu sichern: denn ihre Rechtstitel daraus ließen, auf dem gewöhnlichem Wege, Raum für große Anfechtung und Bestreitung, um das Wenigste zu sagen. Die Schwierigkeit wurde auch durch den Frieden von 1785 keineswegs beseitigt: sondern die Grafschaften oder Bezirke, welche damals gleicherweise unter den Namen Vermont und Hampshire Grants bekannt waren, existirten gewissermaßen als ein Volk für sich, ohne noch die Gewalt der Conföderation anzuerkennen: auch traten sie noch unter der Constitution von 1789 nicht eher in die Union ein, als bis Alle um sie herum es gethan hatten und der letzte Funke von Opposition gegen das neue System erstickt war.

Es ist ein Princip in der Moral wie in der physischen Natur, daß Gleiches Gleiches hervorbringt. Das Recht bewährt und rächt sich immer selbst im Verlauf der Ereignisse, und die Sünden der Väter werden heimgesucht an den Kindern bis in die dritte und vierte Generation, in ihren traurigen Folgen. Es war unmöglich, daß das Beispiel solchen Unrechts in großem Maaßstab mit Glück auf- und durchgeführt wurde, ohne daß es bethörte Nachahmer reizte, dasselbe zu thun in einer Art und nach einem Maßstabe, wie sie den Lüsten individueller Habgier besser entsprachen. Wahrscheinlich kommen immer zwei Squatter oder sonstige gesetzlose und gesetzwidrige Eindringlinge in unsre unbesetzten Ländereien, die von Vermont herüberzogen, auf Einen, der aus den andern benachbarten Staaten kam, – je nach dem Verhältniß der ganzen Einwohnerzahl gerechnet. Ich wußte, daß der Bezirk Charlotte, wie Washington damals hieß, solchen Uebergriffen ganz besonders ausgesetzt war; und ich empfand keine große Ueberraschung bei der Aussicht, auf einige Früchte der Saat zu stoßen, welche den Grünen Bergen entlang so verschwenderisch ausgestreut worden war. Es mochte jedoch daraus entstehen, was da wollte, ich war entschlossen, über die Thatsachen sobald wie möglich ins Klare zu kommen, und hatte den doppelten Zweck, meinen Hunger und meine Neugier zu befriedigen. Der Indianer war ganz gleichmüthig und fügte sich meiner Entscheidung, als verstehe sich dies von selbst.

»Da Ihr glaubt, es sey dort, westlich von uns, eine Mühle, Sureflint,« bemerkte ich, nachdem ich die Sache bei mir überlegt hatte, »so will ich hinüber und sie suchen, wenn Ihr mir Gesellschaft leisten wollt. Ihr glaubt doch wohl, sie finden zu können, hoffe ich, da Ihr wißt, in welcher Richtung sie stehen muß?«

»Gewiß – sie finden leicht genug. Finden zuerst Bach – dann finden Mühle. Haben Auge – haben Ohr – nicht schwer zu finden. Säge gehört eine gute Weile.«

Damit beruhigte ich mich und winkte meinem Genossen, aufzubrechen. Susquesus war ein Mann der That, nicht der Worte; und binnen einer Minute schritt er mir voran einer Stelle im Walde zu, welche so aussah, als könne dort das Bett des Baches sich befinden, der in der Nähe fließen mußte, da er auf der Karte angegeben war.

Die Art von Instinkt, welche Trackleß besaß, ließ ihn diesen kleine Fluß bald finden. Er war voll Wasser und hatte eine gelinde Strömung: ein Umstand, den der Indianer sofort als ein Anzeichen deutete, daß die Mühle weiter aufwärts liegen müsse, da der Damm den Fall des Wassers müßte gehemmt haben, wenn wir über demselben gewesen wären. So wandte sich denn mein Begleiter flußaufwärts, und schritt mit derselben schweigenden Beharrlichkeit weiter, womit er auf dem Pfad, der zu seinem Wigwam führte, getrottet haben würde, wäre er in der Nähe desselben gewesen.

Wir waren noch nicht fünf Minuten am Ufer des Flüßchens hingewandert, als der Trackleß urplötzlich Halt machte, wie Einer, der auf ein unerwartetes Hindernis stößt. Ich war bald an seiner Seite, begierig, den Grund seines Stehenbleibens zu erfahren.

»Jetzt bald sehen Mühle.« versetzte Susquesus auf eine Frage von mir. »Holz genug – herabkommen Fluß, so schnell als es nur wünschen.«

Und wirklich kamen Dielen auf dem Flüßchen herunter geschwommen, viel reichlicher als Einem, der am Besitze des Gutes betheiligt war, erwünscht seyn konnte, falls er nicht die Gewißheit hatte, daß ihm sein Antheil an dem Erlös derselben nicht entgehe. Diese Dielen kamen nicht in Flößen und nicht zusammengekoppelt, sondern einzeln, oder zwei und drei auf einander, wie wenn weiter unten eine Vorrichtung getroffen wäre, um sie anzuhalten, ehe sie an Untiefen, Fälle und Strudel geriethen. Dies Alles sah ganz und gar nach einer regelmäßigen Fabrikation von Nutzholz aus, wobei die Absicht zu seyn schien, auf den Märkten der Städte am Hudson Verkäufe zu machen. Der kleine Fluß, an welchem wir uns befanden, ergoß sich in den genannten stattlichen Strom, und wenn sich einmal das Produkt unserer Berge auf dem letztern befand, so stand der Verführung desselben in die ganze bewohnbare Welt kein wesentliches physisches Hinderniß mehr im Wege.

»Das sieht in der That aus wie ein förmlich betriebenes Gewerbe, Sureflint,« sagte ich, sobald ich gewiß war, daß mein Auge mich nicht täuschte. »Wo man Dielen macht, da können Menschen nicht weit weg seyn. Ordentlich geschnittenes Holz wächst nicht in den Wäldern, wenn schon das rohe Material, woraus es gemacht wird.«

»Mühle das thun. Kannte Mühle, wir sie hören. Sprechen deutlich genug. Bleichgesicht bauen Mühle, aber der rothe Mann ein Ohr haben zu hören damit.«

Das war Alles ganz wahr, und es handelte sich jetzt nur noch darum, was daraus entstehen würde. Ich will gestehen, daß, als ich diese verrätherischen Dielen den kleinen, gekrümmten Fluß herunter schwimmen sah, ich ein Zucken in den Nerven fühlte, als empfände ich mit Gewißheit, daß auf diesen Anblick ein für mich sehr wichtiges Ereigniß folgen werde. Ich wußte, daß diese gesetzlosen Holzhändler einen schlimmen Namen im Lande hatten, und daß sie allgemein als eine Art Plünderer betrachtet wurden, welche kein Bedenken trugen, sich und ihr Gewerbe durch Gewaltthaten und Tücken zu vertheidigen, zu welchen sie sich durch die Umstände berechtigt wähnten. Es ist eine der bösen Früchte des Verbrechens, wo es in die Massen eindringt, daß die große Menge ihm einen bessern Schein und Anstrich zu geben, ja sogar ein angebliches Verdienst zuzuschreiben vermag, wodurch alle sittlichen Grundsätze erschüttert werden; denn in den Augen der Unwissenden wird so das Falsche wahr, und das Böse gewöhnlich dem Guten vorgezogen. Dies ist eine der Arten, wie die Gerechtigkeit sich selbst rächt, unter Leitung der göttlichen Vorsehung; die von ganzen Gemeinschaften begangenen unrechten Handlungen wirken auf sie selbst zurück in Gestalt einer Entsittlichung, welche bald ihre verdiente Strafe herbeiführt.

Es blieb jedoch nicht viel Zeit zu Betrachtungen und Vermuthungen; denn als wir wieder unseren Marsch antraten, wurden wir bei der nächsten Krümmung des Flusses einer Strecke desselben ansichtig, wo ein Halbdutzend Männer und junge Bursche im Wasser beschäftigt waren, je zwei oder drei Dielen auf einander zu legen und sie an solchen Stellen, welche ihr Hinabtreiben begünstigten, in die Strömung zu bringen. Bäume, mit Ketten zusammengehalten, hielten die verworrene Masse in einer Art von Becken unter niedrigen Felsen, an deren Rande die erwartete Mühle selbst stand. Hier also lag der augenscheinliche Beweis vor, daß Squatters ganz systematisch beschäftigt waren, die Wälder, über welches ich zu wachen hatte, ihrer werthvollsten Bäume zu berauben, indem sie allem Recht und Gesetz aufs keckste Hohn sprachen. Diese Umstände erheischten große Entschlossenheit, verbunden mit der äußersten Umsicht. Ich war so weit gegangen, daß schon der Stolz mir nicht erlaubt haben würde, zurückzutreten, hätte nicht auch das Gefühl der Pflicht gegenüber von meinem Vater und Oberst Follock mich in dem Entschlusse bestärkt, weiter zu gehen.

Der Leser hegt vielleicht den Wunsch, zu erfahren, in wie fern Dus während dieser ganzen Zeit meine Gedanken beschäftigte. Sie war mir nie ganz aus dem Sinne gekommen, obgleich die meiner Neigung gewordene Zurückweisung meine Gefühle in eine Aufregung versetzte, die mich mehr als gewöhnlich geneigt machte, mich auf ein keckes und gefährliches Abenteuer einzulassen. Wenn ich für Ursula Malbone Nichts war, so lag wenig daran, was sonst aus mir wurde. Dies Gefühl herrschte in mir vor, und ich bin seither immer der Meinung gewesen, daß Susquesus einigermaßen um meinen Gemüthszustand wußte, und den Grund der halben Verzweiflung verstand, mit welcher ich der Gefahr in den Rachen zu rennen bereit war. Wir waren bis jetzt noch ganz den Blicken der Leute entzogen; und der Indianer benützte diesen Umstand, um Rath zu pflegen, ehe wir uns in die Gewalt von Menschen begaben, welche es leicht ihrem Interesse mehr gemäß finden konnten, uns aus dem Wege zu räumen, als uns zu gestatten, je die Unserigen wieder zu sehen. Aber hiebei ließ sich Sureflint durchaus nicht von der Sorge um seine Person bestimmen, sondern lediglich von dem Wunsch, so zu handeln, wie es einem erfahrenen Krieger auf einem sehr schwierigen Kriegspfad geziemte.

»Denken, Ihr wissen,« sagte Susquesus; »sie nicht gute Männer seyn – Varmounter Squatter – Ihr glauben, Euch gehören das Land – sie auch glauben, ihnen gehören das Land. Führen Büchsen, und thun wie ihnen gefällt. Am besten, sie beobachten.«

»Ich glaube, ich verstehe Euch, Susquesus, und ich werde daher auf meiner Hut seyn. Habt Ihr schon Einen oder den Andern dieser Männer früher gesehen?«

»Glauben so, ja. Müssen begegnen allen Arten Menschen, beim Hin und Herwandern im Wald. Verzweifelter Squatter, der alte Mann dort drüben. Sich nennen Tausendacres – sagen, ihm immer gehören tausend Acres, wenn er habe Lust, sie zu suchen.«

»Der Gentleman muß mit Gütern reich gesegnet seyn! Tausend Acres machen ein recht hübsches Anwesen aus für einen unstet Herumstreifenden, zumal wenn er das Privilegium hat, es auf seinen Reisen mit sich zu nehmen. Ihr meint den Mann mit grauen Haaren, vermuthe ich, – den, der halb in Bockleder gekleidet ist?«

»Gewiß! – Das alte Tausendacres – ihm nie mangeln Land – es nehmen, wo er es finden. Geboren drüben bei groß Salzsee, er sagen, und gereist seyn der untergehenden Sonne zu seit Knabenjahren. Immer sich selbst helfen und nehmen, – ein Hampshire-Grants-Mann das. Aber Major, warum er nicht Recht haben, ebenso wie Ihr?«

»Weil unsre Gesetze ihm kein Recht einräumen, während sie dem Erbeigenthümer ein vollkommnes Recht einräumen. Es ist eine der Bedingungen der Gesellschaft, in welcher wir leben, daß die Menschen Einer des Andern Eigenthum anerkennen und achten, und dies ist nicht sein Eigenthum, sondern das meinige, – oder vielmehr es ist das Eigenthum meines Vaters und Oberst Follocks.«

»Dann das Beste, das nicht sagen. Nicht nöthig, was zu sagen. Nicht Euer Land, sagen nicht Euer Land. Wenn er Euch halten für Spion, vielleicht er schießen auf Euch, he? Bleichgesichter erschießen Spion; rothe Mann halten Spion brave Kerl.«

»Spionen können nur in Kriegszeiten erschossen werden; aber, sey es Krieg oder Frieden, Ihr glaubt doch nicht, diese Leute werden es aufs Aeußerste treiben? Sie werden doch Scheu haben vor dem Gesetz!«

»Gesetz! – Was ihnen das Gesetz? – Nie gesehen Gesetz – nicht nahe kommen dem Gesetz; – es nicht kennen.«

»Nun, ich werde mich der Gefahr aussetzen; denn der Hunger treibt mich eben jetzt nicht minder als die Neugier und das Interesse. Es ist jedoch nicht nöthig, Sureflint, daß Ihr Euch aussetzt; bleibt Ihr hier stehen, und wartet die Folgen ab. Wenn man mich zurückhält, könnt Ihr dem Kettenträger die Nachricht bringen, der dann weiß, wo er mich zu suchen hat. Bleibt Ihr hier und laßt mich allein weitergehen – Adieu!«

Aber Sureflint ließ sich nicht in solcher Weise abschütteln. Er sagte Nichts, aber im Augenblick, wo ich mich in Bewegung setzte, trat er ruhig an seinen gewohnten Platz vor mir, und schritt mir voran auf die Gruppe der Squatters zu. Vier dieser Männer waren in dem Fluß beschäftigt, außer zwei stämmigen Jungen und dem alten Anführer, der, wie ich nachmals erfuhr, ziemlich allgemein bekannt war unter dem Spitznamen Tausendacres. Der Letztere blieb auf dem trocknen Boden, ohne Zweifel weil er dachte, seine Jahre und seine langen Dienste in der Sache der Gesetzlosigkeit und der socialen Desorganisation berechtigten ihn zu diesem kleinen Vorzug. Im Reiche des Bösen gibt es ebenso wie in jedem Gemeinwesen Privilegien.

Das Erste, was die Squatters von diesem unerwarteten Besuch in Kenntniß setzte, war das Krachen eines dürren Steckens, auf welchen ich getreten hatte. Der Indianer selbst beachtete und deutete diesen wohlbekannten Laut nicht mit größerer Raschheit als der alte Squatter, der mit Blitzesschnelle den Kopf herumwandte, und auf einmal den Onondago nur eine Ruthe weit von der Stelle entfernt sah, wo er selbst stand. Ich folgte dem Indianer auf der Ferse. Anfänglich sprach sich weder Ueberraschung noch Unruhe in dem Gesicht Tausendacres aus. Er kannte den Trackleß, wie er Susquesus nannte, und obgleich dies der erste Besuch des Indianers gerade auf dieser »Lokation« war, hatten sie sich doch früher schon oft in ähnlicher Weise begegnet, und immer ebenso unvorbereitet und unangekündigt. Weit entfernt daher, daß irgend eine unangenehme Empfindung in der Miene des Squatters sich verrathen hätte, ward Susquesus vielmehr mit einem Lächeln begrüßt, in welchem ein gewisser schlauer, lauernder Ausdruck mit der Freundlichkeit des Willkomms gemischt war.

»So seyd also nur Ihr es, Trackleß,« rief Tausendacres, »ich dachte schon, es könnte ein Sheriff seyn. Solche Geschöpfe kommen manchmal in die Wälder hinaus, wißt Ihr; obwohl sie nicht immer wieder zurückkommen. Wie habt Ihr uns aufgefunden Onondago, an diesem schlauversteckten Ort?«

»Mühle hören, bei Nacht. Säge haben laute Zunge. Hungrig; deßwegen gekommen, was zu essen.«

»Wohl, in diesem Punkte habt Ihr weislich gehandelt, denn wir sind nie besser daran gewesen mit Viktualien. Tauben gibt es so reichlich als Land; und das Gesetz ist noch nicht so weit gegangen, daß es Einem verwehrte, Tauben zu fangen, wäre es auch auf den Stoppelfeldern eines Andern. Ich muß aber die Säge bei Nacht besser schmieren lassen; aber eigentlich glaube ich, war es doch wohl eher das Einschneiden der Zähne, was Ihr gehört habt, als die Reibung der Fläche?«

»Alles gehört haben – Säge haben laute Stimme, ich Euch das sagen.«

»Ja, ja, das hat seine Richtigkeit. Kommt, wir wollen diesen Pfad einschlagen zum Hause hinauf, und sehen, was Miß Tausendacres für Euch thun kann. Das Frühstück muß jetzt fertig seyn; und Ihr und Euer Freund hinter Euch dort seyd willkommen bei Allem, was wir haben, so wie es eben ist. Nun, während wir dahin gehen,« fuhr der Squatter fort, indem er auf dem erwähnten Pfad uns voranschritt, »nun, unterwegs könnt Ihr mir die Neuigkeiten erzählen, Trackleß. Das ist ein verzweifelt stiller Platz; und alle Neuigkeiten, die wir erhalten, kommen uns durch die Knaben zu, wenn sie den Fluß herauf zurückkommen vom Holzflößen in den Strom hinab. Eine verzweifelte Menge haben wir da in der Nähe fertig, und ich hoffe zu hören, daß die Sachen in Albany so gut sich machen, daß Dielen bald was eintragen. Es ist hohe Zeit, daß ehrliche Arbeit ihren Lohn ernte.«

»Nicht wissen – nie verkauft Dielen.« antwortete der Indianer – »auch nie gekauft. Mich nicht kümmern um Bretter. Pulver wohlfeil, jetzt, weil Kriegspfad geschlossen. Das gut, Ihr wohl auch so denken?«

»Nun, Trackleß, ich bekümmere mich mehr um Bretter, als um Pulver, das muß ich gestehen; obgleich Pulver auch nützlich ist. Ja, ja, Pulver ist ein ganz nützliches Ding in seiner Art. Wildpret und Bärenfleisch – beides ist eine gesunde, wohlfeile Nahrung: und ich habe auch schon Pantherkatzen gegessen. Pulver kann nützlich seyn in vielfacher Weise. Wer ist Euer Begleiter, Trackleß?«

»Alter junger Freund – kennen seinen Vater. Im Walde leben jetzt, wie wir, diesen Sommer. Schießen Wild wie Jäger.«

»Er ist willkommen – er ist herzlich willkommen! Alles ist willkommen in dieser Gegend, außer dem Grundherrn. Ihr kennt mich, Trackleß – Ihr seyd gut bekannt mit dem alten Tausendacres und wenige Worte sind am besten zwischen alten Freunden. Aber sagt mir, Onondago, habt Ihr Etwas gesehen von dem Kettenträger diesen Sommer in den Wäldern, und von seiner Bande gesetzloser Landvermesser? Die Knaben brachten die Nachricht mit, er sey diesen Sommer hier herum in der Nähe beschäftigt, und treibe wieder seine alten Schliche und Streiche.«

»Gewiß, ihn gesehen. Auch alter Freund seyn, Kettenträger. Gelebt mit ihm vor altem französischen Krieg – gerne mit ihm leben, wenn es möglich. Guter Mann, Kettenträger, Euch sagen das, Tausendacres. Was für Schliche und Streiche er treiben, he?«

Der Indianer sagte dies in etwas finsterem Tone, denn er liebte den alten Andries zu sehr, als daß er ohne eine gewisse Erbitterung mit Mißachtung von ihm reden hören konnte. Aber diese Männer waren zu sehr an eine aufrichtige, derbe Sprache in ihrem gewöhnlichen Verkehr gewohnt, als daß sie Kleinigkeiten ernstlich übel genommen hätten; und der freundliche Sonnenschein des Gesprächs erlitt keine bedenkliche Unterbrechung durch diese vorüberziehende Wolke.

»Was für Schliche und Streiche der Kettenträger treibe, Trackleß?« versetzte der Squatter; »Schliche und Streiche, daß man sich darüber zu Tod ärgern möchte, mit seinen verfluchten Meßketten! Gäbe es keine Ketten und Kettenträger, so könnte es auch keine Vermesser geben; und gäbe es keine Vermesser, so könnte es keine Grenzen geben bei den Gütern als die Büchse; und die ist der beste Gesetzgeber und Rechtsanwalt, wovon man je gewußt hat. Die Indianer brauchen keine Landvermesser, Trackleß?«

»Glauben, nein. Es schlimm seyn, Land vermessen, das ich will gestehen,« antwortete der gewissenhafte Susquesus, der seine eigenen Grundsätze nicht verläugnen wollte, während er doch den Mann verachtete und verdammte, der sie jetzt in Anwendung brachte und behauptete. »Nie etwas Gutes daran gesehen, Land zu vermessen.«

»Ja, ich wußte, daß Ihr von der ächten indianischen Race seyd!« rief Tausendacres triumphirend, »und das ist es, was uns Squatters und Euch Rothhäute zu so guten Freunden macht. Aber Kettenträger ist ganz in der Nähe beschäftigt, Trackleß?«

»Gewiß. Er ausmessen General Littlepage's Gut. Wer Euer Grundherr, he?«

»Ha, ich glaube, es ist eben dieser Littlepage, und einen verzweifelten Schelmen nennen ihn Alle einstimmig.«

Ich fuhr auf, als ich meinen geehrten und ehrenwerthen Vater in solcher Weise nennen hörte, und verspürte große Neigung, die Beleidigung zu ahnden, aber ein Blick vom Auge des Indianers ermahnte mich zur Vorsicht in dieser Sache. Ich war damals noch jung, und hatte erst noch zu lernen, daß man selten an Andern ein Unrecht begeht, ohne sie auch noch zu verleumden. Jetzt weiß ich, daß diese Praxis, falsche Gerüchte über Grundherrn in Umlauf zu setzen, namentlich in Betreff ihrer Rechtstitel, sehr allgemein ist, und ihren Grund hat in der feindlichen Stellung, welche Abenteurer immer auf ihren Besitzungen gegen sie einnehmen, in einem noch so wenig befestigten und so wanderlustigen Lande, wie das unsrige, unterstützt noch von der so gewöhnlichen und gemeinen Leidenschaft des Neides. Möge Einer selbst heutiges Tages durch New-York reisen und den Reden der mißvergnügten Wirthshausschreier und Renommisten sein Ohr leihen, er würde am Ende kaum noch glauben, daß es irgend einen wohlbegründeten Rechtstitel gebe auf ein Gut von irgend einigem Umfang in den Grenzen des Staates, noch auch, daß irgend ein Rechtstitel eines im Besitz befindlichen Inhabers auf ein Pachtgut unbegründet sey. Es gibt unter uns eine Klasse von Deklamatoren, die von einem gesellschaftlichen Zustand herkommen, wo im Vermögen und in den socialen Verhältnissen keine großen Unterschiede bestehen, und die nicht fähig sind, die ungeheuern Unterschiede zu sehen, noch weniger, sie richtig zu würdigen, welche durch Lebensgewohnheiten, Ansichten und Bildungsart begründet werden, sondern alle geistigen und moralischen Ungleichheiten auf Dollars und Cents zurückführen. Diese Männer streiten und hadern beständig mit allen über ihnen Stehenden, und Hadern ist bei ihnen Verleumden. Sie verbünden sich mit den Unzufriedenen, deren es immer gibt, zumal, wenn die Leute angehalten werden, ihre Schulden zu bezahlen, und ihr erstes Beginnen ist, den Rechtstitel der Grundherrn, wenn etwa einer in ihrer Nachbarschaft sich befindet, durch Lügen und Verleumdungen anzugreifen. Ausnahmen von der Regel scheinen nicht statuirt zu werden, denn diese Praxis wird gegen die ältesten, wie gegen die in jüngster Zeit bewilligten Besitzungen bei uns angewendet. Die Lüge variirt nur in den einzelnen Punkten und Umständen; aber sie richtet sich gleichmäßig gegen die Rechts- und Besitztitel der alten Familien Van Rensselaer, Livingston, Beekman, Van Cortlandt, de Lancey, Schuyler und Andere, wie gegen die hundert neuen Namen, welche seit der Revolution in den sogenannten westlichen Grafschaften aufgetaucht sind. Es ist die Lüge des Vaters der Lügen, der sie so oder so einrichtet und umgestaltet, je nach den Umständen und nach den Eigenschaften der davon zu Ueberzeugenden. »Einen verzweifelten Spitzbuben« nennen Alle einstimmig den Mann, welchem das Land gehört, das sie selbst gerne besäßen, ohne die widerwärtige Mühe, es zu kaufen und zu bezahlen.

Ich beherrschte mich jedoch so weit, daß ich nichts auf die Schmähung gegen meinen geradsinnigen, geliebten und edelmüthigen Vater erwiederte, sondern seine Vertheidigung der freundschaftlichen Gesinnung und der gediegenen Rechtlichkeit Sureflints überließ.

»Nicht so,« antwortete der Indianer finster. »Dicke Lüge das – gespaltene Zunge sagen das – kennen General – mit ihm gedient haben – ihn wohl kennen. Guter Krieger – ehrlicher Mann – das Lüge. Ihm das sagen in's Gesicht!«

»Wohl – wohl – ich weiß das nicht,« brummte Mr. Tausendacres, – wie diese Schurken mit ihren ›wohl, wohl!‹ und ›ich weiß das nicht,‹ bei der Hand sind, wenn man ihnen bei ihren verleumderischen Reden auf den Leib geht und ihnen Mann gegen Mann entgegentritt, wie jetzt der Indianer dem Squatter! – »Wohl, wohl, ich weiß das nicht, und wiederhole nur, was ich habe sagen hören. Aber hier sind wir bei der Hütte, und ich sehe an dem Rauch, daß die alte Prudence und ihre Mädels diesen Morgen schon fleißig gewesen sind, und wir bald eine Stärkung für den Magen bekommen werden.«

Hierauf blieb Mr. Tausendacres an einem bequemen Platze neben dem Flusse stehen und begann sich Gesicht und Hände zu waschen, – eine Operation, die er für heute zum erstenmal vornahm.

 

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