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Der Kettenträger

James Fenimore Cooper: Der Kettenträger - Kapitel 17
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typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Kettenträger
publisherVerlag von S. G. Liesching
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Fünfzehntes Kapitel.

Wie bist zur Feigheit, Liebe, so geneigt!
So wird dem Reichen, der umringt von Dieben;
Magst Du, wo weder Aug' noch Ohr Dir zeugt,
Mit falscher Mähr' das arme Herz betrüben?

Venus und Adonis.

 

Die Hütte oder die Hütten des Kettenträgers boten in ihrem Innern und in ihrer Umgebung weit mehr Bequemlichkeiten dar, als ich zu finden erwartete. Es waren ihrer drei; die eine war zur Küche und zum Aufenthalt für die männlichen Sklaven bestimmt, eine zweite zur Wohnung für Ursula und die Schwarze, und die dritte für die Männer. Das Eßgemach befand sich neben der Küche, und alle diese Gebäude, die jetzt ein volles Jahr standen, waren aus Holzblöcken errichtet und mit Rinde bedeckt. Sie waren, wie gewöhnlich, roh gearbeitet; aber die für Dus bestimmte zeichnete sich in ihrer innern und äußern Erscheinung und Einrichtung so vor den andern aus, daß man sogleich die Gegenwart und das Walten des Weibes erkannte. Es ist vielleicht nicht ohne Interesse für den Leser, wenn ich ihm in der Kürze den Aufenthaltsort beschreibe.

Ganz natürlich hatte man eine Quelle aufgesucht, als das bei der Wahl eines zeitweiligen Aufenthaltsortes zuerst in Betracht kommende Erforderniß. Diese Quelle brach an einem Bergabhang hervor, und das Land zog sich, vom Fuße desselben an gerechnet, über eine Meile weit in einer geneigten Ebene hin, welche dicht bedeckt war mit den stattlichsten Ulmen, Buchen, Ahornbäumen und Schwarzbirken, die ich je gesehen. Dieser Platz, so versicherte mich der Kettenträger bald, war der werthvollste unter allen Ländereien von Mooseridge. Er hatte ihn gewählt, weil er im Mittelpunkt des Gutes lag und ganz besonders frei war von Unterholz; auch befand sich kein stehendes Wasser in der Nähe. In anderen Beziehungen glich er jedem andern Punkt in diesem ungeheuren Walde, – er war dunkel, schattig und umgeben von der Pracht einer üppigen Vegetation.

Hier hatte der Kettenträger seine Hütte errichtet, ein niedriges, festes Gebäude von Fichtenstämmen, malerisch der äußern Erscheinung nach, und nach Gestalt der Sachen nicht ganz ohne gewisse Bequemlichkeiten. Die Gebäulichkeiten waren unregelmäßig hingestellt, doch alle nahe an der Quelle. Die Küche und das Eßzimmer waren dem Wasser am nächsten; in nicht großer Entfernung davon befand sich die Wohnung der Männer; und das kleinere Gebäude, welches Frank Malbone lachend den Harem nannte, stand etwas beiseite, auf einem unbedeutenden Bühl, aber kaum fünfzig Schritte von der Behausung Andries' entfernt. Für die Böden und Thüren dieser Hütten waren Dielen aus freier Hand zurecht gehauen worden, aber nur der Harem hatte Fenster mit Glasscheiben. Dieser hatte zwei solche Fenster und Frank hatte sogar Sorge getragen, seiner Schwester Häuschen mit rohen aber starken Fensterläden zu versehen.

An Vertheidigungsanstalten gegen einen Feind dachte man innerhalb der Grenzen von New-York zu jener Zeit nicht mehr. Blockhäuser und sonst befestigte Behausungen waren nöthig gewesen, so lange die Franzosen Canada besaßen: aber nachdem ihnen diese Colonie abgenommen worden, hatten Wenige mehr solche Vorsichtsmaßregeln für nöthig erachtet, bis der Revolutionskrieg wieder einen wilden Feind an die Ansiedlungen der Grenze führte, – der Grenze, in Bezug auf die Civilisation, wenn auch nicht auf das Territorium. Mit dem Ende dieses Krieges hatte auch dies letzte Bedürfniß, Vorkehrungen der Art zu treffen, aufgehört; und der Kettenträger hatte nicht daran gedacht, gegen etwaige Gewaltthaten Vorkehrungen zu treffen, als er seine Lagerstätte aufschlug.

Doch wäre jede der Hütten im Nothfall ein ziemlich fester Posten gewesen, sofern die Scheiter kugelfest und noch ganz wohlgefugt und unverwittert waren. An Pallisaden hatte man jetzt nicht mehr gedacht, auch waren keine irgend geschützten Communikationen zwischen den Hütten unter einander vorhanden. Mit Einem Wort, was diese Gebäude von Sicherheit gewährten, das war lediglich die Folge der Festigkeit und Tüchtigkeit des Materials und der damals so wie noch jetzt überall im Walde üblichen Bauart; da gegen wilde Thiere hiemit vollkommener Schutz gegeben war, und man andere Feinde nicht mehr zu fürchten hatte. Um die Hütten herum waren durchaus keine Einfriedigungen, noch irgend gelichtetes Land, mit Ausnahme einer Strecke von etwa einem halben Acre, aus welcher man die kleinen Fichten herausgehauen hatte, welche das Holz zum Bau geliefert hatten. Einige wenige Gewächse waren auf dem offensten Punkt angepflanzt worden; aber da ein Zaun nicht nöthig, war auch keiner gezogen worden. Die Hütten standen ganz im Schatten des Waldes, und die Fichten waren auf einer Anhöhe, hundert Schritte entfernt, gehauen worden. Dieser Fleck Land, so klein er war, ertrug doch genug von den gewöhnlicheren Vegetabilien, um einen frugalen Tisch damit zu versehen.

So war der Platz, der in dieser ganzen Gegend bekannt war unter dem Namen: des Kettenträgers Hütten. Der Name ist geblieben, und die Hütten stehen noch, denn manche Umstände haben ihnen eine besondere Bedeutung für meine persönliche Geschichte verliehen, und mich veranlaßt, ihre Erhaltung zu befehlen, wenigstens so lang ich lebe. Da der Ort im Frühling und Sommer schon eine ziemliche Zeit bewohnt worden war, so verriethen manche andere Anzeichen die Gegenwart von Menschen; aber im Ganzen trug die Behausung ganz den Charakter der abgeschlossensten Waldeinsamkeit. In der That war sie auch ganz in den Wäldern begraben, volle fünfzehn Meilen entfernt von der nächsten bekannten Wohnung, und insoweit auch abgeschnitten von dem Behagen, dem Beistand und dem äußern Verkehr des civilisirten Lebens. Aber diese isolirten Wohnsitze sind selbst bis auf die jetzige Stunde noch keineswegs so ganz ungewöhnlich im Staate; und es ist wahrscheinlich, daß sich deren noch manche dies ganze Jahrhundert hindurch finden werden. Es ist wahr, die westlichen, mittleren, südlichen, südwestlichen, nordwestlichen und nordöstlichen Grafschaften von New-York, welche sämmtlich zur Zeit, von welcher ich hier schreibe, ganz oder fast ganz wild waren, sind schon mit Ansiedlungen ganz bedeckt, oder füllen sich doch rasch: aber im mittleren nördlichen New-York ist eine hohe, gebirgige Gegend, welche, sollte ich meinen, so ziemlich eine Wildniß bleiben wird noch ein volles Jahrhundert oder länger. Ich habe vor ganz kurzer Zeit diesen wilden Distrikt durchreist und ihn recht malerisch und für den Waidmann günstig gefunden, da er Ueberfluß hat an Wildpret, an Fischen und wildem Geflügel: aber nicht ebenso entspricht er den gewöhnlicheren menschlichen Bedürfnissen in dem Grade, daß für die Zwecke des Landwirthes so bald Nachfrage darnach zu erwarten stünde. Wenn dieser Bezirk des Landes nicht gesetzlosen Squatters und Plünderern irgend einer Art in die Hände fällt, dergleichen man immer in einem Lande von solchem Umfange zu besorgen hat, so kann er ein sehr angenehmes Revier für den Waidmann und Jagdliebhaber werden, der in den andern Gegenden des Staates vermuthlich bald seine bisherigen Jagdgründe und Reviere verlieren dürfte.

Jaap hatte einige meiner Pferde von dem Rest als Saumthiere herüber gebracht, und nachdem diese wegen Mangels an Futter zurückgeschickt worden, blieb der Neger selbst in den Hütten als Gehülfe und Diener, und zugleich als Jäger. Ein Neger aus Westchester ist beinahe unfehlbar ein Schütze, zumal wenn er dem Besitzer eines Landhauses gehört; denn nicht das mindeste Mißtrauen, keine Eifersucht hält uns ab, unsern New-Yorker Sclaven Waffen in die Hände zu geben. Da aber Jaap gewissermaßen gedient hatte, war er berechtigt, so viel Pulver zu verpuffen als er Lust hatte. In Folge einer seiner Kriegsthaten war der alte Bursche in den Besitz einer vortrefflichen Vogelflinte gekommen, als Beute, so habe ich immer vermuthet, die er einem getödteten englischen Offizier abgenommen: und diese Waffe hatte er beständig mit sich geführt, als eine Trophäe seines Waffenglücks. Das Schießen in Westchester jedoch und das Schießen im Wald waren sehr verschiedene Zweige einer und derselben Kunst. Jaap gehörte zu der erstern Schule, wobei man sich der Spür- und Vorstehehunde bediente. Die Thiere wurden aufgejagt und »markirt« und der Vogel immer im Fluge geschossen. Meine Aufmerksamkeit wurde bald auf diesen Unterschied gelenkt, indem ich Ohrenzeuge war von einem Gespräch zwischen dem Neger und dem Indianer, welches wenige Minuten nach unserer Ankunft stattfand, und von welchem ich einen Theil jetzt erzählen will.

Jaap und Sureflint waren in der That sehr alte Bekannte und dicke Freunde. Sie waren Beide wesentlich betheiligt und thätig gewesen bei gewissen denkwürdigen Vorfällen eben auf diesem Gute Mooseridge, die längere Zeit vor meiner Geburt sich zugetragen hatten, und während des letzten Krieges hatten sie sich oft getroffen und mit einander als Kameraden gedient. Die bekannte Antipathie zwischen der schwarzen und der rothen Race bestand zwischen ihnen nicht, obwohl der Neger den Indianer einigermaßen mit jenem Selbstgenügen betrachtete, welches der Diener eines Hauses wohl hegen mochte gegenüber von dem wilden Durchstreifer der Wälder; während der Onondago nicht umhin konnte, meinen Burschen so anzusehen, wie Einer der Freiesten unter den Freien ganz natürlich sich versucht fühlen mußte, einen Mann anzusehen, welcher ganz zufrieden in der Knechtschaft lebte. Diese Gesinnungen und Empfindungen waren durch ihre Freundschaft mehr gemildert als ausgetilgt, und traten noch oft bei ihren täglichen Zwiegesprächen unter einander deutlich hervor.

Wir hatten einen Sack, mit jungen Tauben gefüllt, von dem Roost mitgebracht, und Jaap hatte dessen Inhalt neben der Küche auf den Boden ausgeleert, um mit den nothwendigen Operationen des Rupfens und Säuberns zu beginnen, ehe man die Vögel der Köchin übergab. Der Onondago aber nahm ganz kaltblütig seinen Sitz auf einem Klotz in der Nähe, ein Zuschauer bei der Arbeit seines Genossens, aber es unter seiner Würde achtend, selbst an solcher Weiberarbeit Theil zu nehmen, da er weder als Bote thätig noch auf dem Kriegspfade war. Die Nothwendigkeit allein konnte ihn zu irgend einer Gesindearbeit vermögen, und ich glaube, er würde sich nicht zum Helfen erboten haben, hätte er auch die schönen Hände von Dus selbst diese Tauben rupfen sehen. Er hätte es ganz passend und in der Ordnung gefunden, daß eine »Squaw« die Arbeit einer »Squaw« verrichtete, während ein Krieger in seinem würdevollen und standesgemäßen Müssiggang verharrte. Systematischer und einsichtsvoller Fleiß ist immer im Gefolge der Civilisation; und die durch diese erzeugten Bedürfnisse können nur durch die unablässige Sorgfalt und Anstrengung derer geliefert und befriedigt werden, welche durch dieselbe leben.

»Nun, alter Sus,« rief der Neger, den letzten der todten Vögel aus dem Sack schüttelnd, – »nun, Indianer; ich denken, Ihr halten das für Wild!«

»Wie Ihr ihn nennen, he?« fragte der Onondago, den Neger scharf ansehend.

»Ich ihn nicht ein Bischen Wild nennen, Rothhaut. Es nicht seyn Geziefer; aber es auch nicht seyn Wild. Wild ist Wild, ich vermuthen, Ihr das wissen, Sus?«

»Wild, Wild – gut. Das wahr seyn. – Wer es läugnen?«

»Ja, es leicht genug seyn, sagen Etwas, aber es nicht so gar leicht seyn zu verstehen. Kann ein Indianer jetzt in ganz Staat York mir sagen, warum Waldtaube nicht Wild?«

»Waldtaube Wild, und gutes Wild seyn. Süß schmecken – oft gerne mehr gehabt.«

»Nun ich glauben, Trackleß,« – Jaap liebte es, das ganze Wörterbuch der Namen des Onondago zu durchlaufen, – »nun ich glauben, Trackleß, daß Ihr halten zahme Tauben für eben so gut als wilde?«

»Nicht wissen – nie gegessen zahme – glaube ihn auch gut.«

»Nun wohl, Ihr glauben, was ganz falsch seyn. Zahme Tauben schlechtes Zeug; aber keine Taube seyn Wild. Nichts Wild seyn, Sureflint, was nicht ein Hund ausspüren oder stellen. Masser Mordaunt nicht haben einen Hund im Busch oder auf dem Toe, und er halten eine Menge an beiden Orten, der eine wilde Taube würde stehen.«

»Aber Hirsche stehen, he?«

»Nun, ich wissen das nicht. Vielleicht ja, vielleicht auch nicht. Es geben keine Hirsche in Westchester, zu probiren daran die Hunde, so Niemand es wissen können. Ihr Euch erinnern des Tages, Susquesus, wo wir fortgejagt Eure Rothhäute hier, vor langer, langer Zeit mit Masser Corny und Masser Ten Eyck, und alt Masser Herman Mordaunt und Miß Anneke und Miß Mary, und Eurem Freund Jumper? Ihr Euch daran erinnern, ha, Onondago?«

»Gewiß! – nicht vergessen – Indianer nie vergessen. Nicht vergessen Freund – nicht vergessen Feind.«

Hier schlug Jaap sein gellendes Negergelächter auf, bei welchem alles Fröhliche und Lustige seiner Natur einen so gewaltigen Ausbruch zu nehmen schien, als wenn er von einer Art geistigem Kitzel ergriffen würde; dann gab er den Grund dieser seiner Heiterkeit durch seine Antwort kund.

»Ganz gewiß – Ihr Euch erinnern des Burschen Muß, Trackleß? Er gekommen selbst in ein böses Muß weil haben zu viel Gedächtniß. Gut zu haben Gedächtniß, wenn man geheißen ist zu verrichten Arbeit; aber manchmal Gedächtniß was Schlimmes. Sehr schlimm, so viel Gedächtniß haben, daß nicht vergessen können Bischen Hiebe.«

»Nicht wahr!« versetzte der Onondago etwas finster, obwohl nur ein ganz klein wenig; denn während Jaap und er täglich stritten, bekamen sie doch nie Händel. – »Nicht wahr, das. Schläge schlimm für Rücken.«

»Nun, das eben so seyn, weil Ihr Rothhäute seyn – ein farbiger Mann sich nicht mehr darum kümmern als dieser junge Vogel. Daran gewohnt werden in kleiner Zeit, dann nicht mehr seyn der Rede werth.«

Sureflint antwortete nichts, aber er machte ein Gesicht, als ob er die Unwissenheit, die Unterwürfigkeit und den Zustand seines Freundes bemitleidete.

»Was Ihr denken von dieser Welt. Susquesus?« fragte plötzlich der Neger, einen Vogel, den er gerupft hatte, in einen Kübel werfend und einen andern aufnehmend. »Wie Ihr meinen, daß weiße Mann geworden? – wie Ihr meinen, daß rothe Mann geworden? – wie Ihr meinen, daß farbige Gentl'em geworden, he?«

»Große Geist sprechen, dann Alle geworden. Es füllen Indianer mit Blut – das ihn machen roth – füllen Neger mit Tinte, das ihn machen schwarz – Bleichgesicht bleich, weil er leben in der Sonne und Farbe heraustrocknen.«

Hier lachte Jaap so laut, daß alle drei Schwarze des Kettenträgers vor die Thüre traten und in seine Lustigkeit aus purer Sympathie mit einstimmten, obgleich sie von deren Veranlassung nichts wissen konnten. Diese Schwarzen! Sie mögen sehr elend seyn als Sklaven: aber gewiß ist, keine andere Klasse in Amerika lacht so oft, so leicht, oder nur halb so herzlich.

»Hören mich an, Indianer,« – begann Jaap von Neuem, nachdem er für den jetzigen Augenblick seine Lust zu lachen gehörig gebüßt hatte. – »Hören mich, Indianer – Ihr halten die Erde für rund, oder Erde platt?«

»Wie Ihr meinen das? – Erde auf und ab, – nicht rund,– nicht platt.«

»Das nicht seyn, was ich meine. Auf und ab wohl in einem Sinn, aber nicht auf und ab in anderm Sinn. Masser Mordaunt nun, und auch Masser Corny, Beide sagen, Erde seyn rund wie Apfel, und sie stehen zur Tagszeit aufrecht, und zur Nachtzeit umgekehrt. Nun, was Ihr dazu sagen, Indianer?«

Der Trackleß hörte ernst zu, gab aber weder Zustimmung, noch Unglauben zu erkennen. Ich wußte, er hatte Respekt vor meinem Vater und vor mir; aber es hieß ihm viel zumuthen, wenn er glauben sollte, die Erde sey rund; auch begriff er nicht, wie man sich sollte in der von Jaap behaupteten Weise umdrehen können.

»Setzen es seyn so,« bemerkte er nach einer Pause der Ueberlegung. – »Setzen es seyn so, dann Mensch stehen mit Kopf unten! Mensch stehen auf Fuß; Niemand stehen auf Kopf.«

»Die Welt sich drehen herum, Indianer; das Grund seyn, warum Ihr stehen ein Mal auf Kopf, ander Mal auf Fuß.«

»Wer erzählen diese Mähre, Jaap? Nie gehört das zuvor!«

»Masser Corny mir das gesagt, vor langer Zeit, als ich gewesen kleiner Bube. Fragt Masser Mordaunt einmal, er Euch sagen dieselbe Geschichte. Jedermann das sagen, außer Masser Dirck Follock; und der einmal sagen zu mir: ›Es wahr seyn, Jaap, das Buch so sagen – und Euer Masser Corny ihm glauben; aber ich muß sehen die Welt rund herum gehen, ehe ich es glauben! Das Oberst Follock gesagt, Trackleß; Ihr wißt, er sehr ehrlich.«

»Gut – ehrlich Mann, Oberst – tapfrer Krieger – treuer Freund – glauben Alles, was er sagen, wenn er wissen; aber er nicht wissen Alles. General mehr wissen, – Major jung, aber mehr wissen.«

Vielleicht sollte mich die Bescheidenheit bedenklich machen, das wieder zu berichten, was die Vorliebe eines so guten Freundes, wie Susquesus, ihn veranlaßte, zu meinen Gunsten zu sagen; aber ich wünsche, Alles, was bei dieser Gelegenheit gesprochen wurde, recht genau und in's Einzelnste hinaus zu erzählen. Jaap konnte gegen den Satz des Indianers nichts einwenden, denn er besaß zu viel Liebe und Anhänglichkeit an seine beiden Gebieter, als daß er nicht sofort hätte zugeben sollen, sie müßten mehr als Oberst Follock, – beiläufig bemerkt, eine nicht eben ausschweifende Annahme.

»Ja, er gut genug,« erwiederte der Schwarze, »aber er nicht wissen halb so viel als Masser Corny oder Masser Mordaunt. Er sagen, Welt seyn nicht rund; nun ich aber glauben, sie aussehen rund.«

»Was sagen Kettenträger?« fragte plötzlich der Indianer, wie wenn er bei sich beschlossen hätte, seine Ansicht durch die eines Mannes bestimmen zu lassen, den er so sehr liebte. »Kettenträger nie lügen!«

»Auch Masser Corny und Masser Mordaunt nie lügen!« rief Jaap etwas entrüstet. »Ihr meinen, Trackleß, daß einer von meinen Massers könne lügen?«

Das war eine Anschuldigung, welche Susquesus nie in den Sinn gekommen war zu erheben, obgleich seine innigere Bekanntschaft mit dem alten Andries und sein größeres Vertrauen auf ihn sehr natürlich ihn darauf gerührt hatte, diese Frage aufzuwerfen.

»Nicht sagen ich, daß Einer lügen,« versetzte der Onondago; »aber viele doppelte Zungen überall, und vielleicht hören so und glauben so. Kettenträger verstopfen sein Ohr; nie horchen auf falsche Zungen.«

»Nun gut, da der Kettenträger selbst kommen – Sus; so, nur um größrer Bestätigung willen, Ihr sollt hören, was sagen der alte Mann. Es sehr wahr, Kettenträger ehrlicher Mann, und ich selbst wünschen zu wissen seine Meinung, denn es nicht leicht zu begreifen, Trackleß, wie ein sterbliches Wesen kann stehen kopfunter!«

»Was meinen, sterbliches Wesen, he?«

»Ha, es bedeuten Sterblichkeit, Indianer – Ihr, Sterblichkeit – ich, Sterblichkeit – Masser Corny, Sterblichkeit – Masser Mordaunt, Sterblichkeit – Miß Anneke, Sterblichkeit – Jedermann Sterblichkeit; aber nicht alle Leute die gleiche Art Sterblichkeit! – Mich verstehen jetzt, Sus?«

Der Indianer schüttelte den Kopf und schien ganz verblüfft: aber da der Kettenträger in diesem Augenblick herbeikam, wurde dieser Punkt der Erörterung nicht weiter verfolgt. Nachdem einige Worte über die Tauben ausgetauscht worden waren, trug Jaap kein Bedenken, die seinem rothen Freunde gegebene Zusage zu lösen, indem er sofort mit der Hauptsache herausrückte, in Betreff deren sie des Kettenträgers Meinung zu hören wünschten.

»Ihr wissen, wie es seyn mit Indianern, Masser Kettenträger,« sagte Jaap; »sie immer seyn arme, übel erzogene Geschöpfe und wissen nichts, als was aufgeschnappt durch Zufall; da hier Sureflint seyn, – er nicht kann glauben diese Welt rund, und nicht, daß sie herumgehe rund; und so er begehrt von mir, Euch zu fragen, was Ihr zu sagen haben von dieser Sache.«

Der Kettenträger war kein Gelehrter. Was man auch von Leyden rühmen mag und von den vielen, sehr vielen gelehrten Holländern, die es in die Welt hinausgesandt hat – Wenige von ihnen haben Amerika erreicht. Unsere Brüder in den östlichen Colonieen, jetzt Staaten genannt, hatten sich, im Ganzen, schon längst bemerklich gemacht durch jenes »gefährliche Ding,« »ein wenig Gelehrsamkeit«; aber ich kann nicht sagen, daß die Holländer von New-York, auch im Ganzen betrachtet, diesen Gefahren sonderlich ausgesetzt gewesen wären. Die Wahrheit zu gestehen, es war gar nicht leicht, gründlicher unwissend zu seyn in allen Dingen, die mit der Wissenschaft zusammenhingen, als die Masse der ungebildeteren Holländer in New-York im Jahre unsers Herrn eintausend siebenhundert und vierundachtzig waren. Der Stand und die Stellung im Leben machte hierin wenig Unterschied, wenn nicht etwa Einer der alten Colonialaristokratie dieses Stammes angehörte, oder eine Ausnahme hin und wieder stattfand bei einer Familie, welche einen Diener des Evangeliums in ihrem Schooße aufgezogen hatte oder aufzuziehen beabsichtigte. So groß war die Macht des Vorurtheils bei diesen Leuten, daß sie den englischen Schulen mißtrauten und Wenige nur ihre Kinder in dieselben schickten, während ihre eignen Schulen in der Regel sehr niedrig standen. Diese Gesinnungen und Ansichten wichen zwar dem Einfluß der Zeit, aber nur sehr langsam; und es war eine ziemlich sichere Vermuthung, daß jeder Mann von holländischer Abkunft in der Colonie ganz ohne eigentliche Bildung sey; und nur hier und dort machte ein Individuum, das den höheren Kasten der Gesellschaft angehörte, oder durch die Umstände und die Art seiner Umgebungen und seines Verkehrs besonders begünstigt war, eine Ausnahme. Was jenes leichte, oberflächliche Wissen betraf, dessen unsere östlichen Nachbarn ein so reichliches Maß besaßen, so schienen die New-Yorker Holländer dasselbe mit ganz besonderem Widerwillen zu betrachten, und sie verschmähten, irgend etwas zu wissen, wenn es nicht von der allerbesten Sorte war. Doch fanden sich einige Wenige, welchen diese beste Sorte keineswegs fremd war. In diesen einzelnen Fällen hatte die unverdrossene Erforschung und Würdigung der Thatsachen, und die gründliche, gediegene Beurteilung aller Gründe einige Männer gebildet, welche nur eines geeigneten Schauplatzes bedurft hätten, um durch ihr Wissen die tiefe Hochachtung aller Gelehrten in allen Ländern der Erde sich zu erwerben. Was sie von Wissen sich erwarben, war durchgearbeitet und gründlich, obgleich sie selten damit Parade machten, nur um es zur Schau zu stellen.

Der alte Andries jedoch gehörte nicht zu der eben bezeichneten Klasse. Er fiel unter die Regel und nicht unter die Ausnahme, Ohne allen Zweifel hatte er alle die allgemeiner bekannten Wahrheiten der Wissenschaft im Gespräch erwähnen und berühren gehört, oder hatte davon auch wohl in Büchern etwas gelesen; aber sie wurden nicht zu einem eigentlichen Bestandtheil seiner Meinungen, denn er war mir den verschiedenen Gegenständen nicht so weit vertraut, daß er solche Wahrheiten dergestalt erkannt und empfunden hätte, daß sie mit seinem Geiste Eins geworden wären.

»Ihr wißt, man sagt. Beides sey wahr. Jaap,« antwortete der Kettenträger. »Jedermann wird Euch das sagen, und alle Leute, die ich gesehen, sind derselben Meinung.«

»Ihr glauben es wahr seyn, Kettenträger?« fragte der Onondago etwas rasch.

»Ich glaube es muß so seyn, Sureflint, da Alle es sagen. Die Bleichgesichter, wißt Ihr, lesen eine Menge Bücher, und werden viel klüger als die rothen Männer.«

»Wie, Ihr machen Menschen stehen auf Köpfen, he?«

Der Kettenträger schaute sich jetzt über die eine und dann über die andre Schulter um, und da er glaubte, es sey Niemand in der Nähe, als die zwei Männer vor ihm, war er vermuthlich etwas mittheilsamer, als sonst wohl der Fall gewesen seyn würde. Ihnen etwas näher rückend, wie Einer der über ein Geheimniß sich besprechen will, antwortete der ehrliche alte Mann also:

»Um offen gegen Euch zu seyn, Sureflint,« sagte er, »das ist eine Frage, die nicht leicht zu beantworten ist. Jedermann sagt, es sey so, und deßwegen glaube ich, es muß wohl so seyn; aber ich habe oft mich selbst gefragt: Wenn diese Welt wirklich bei Nacht oberst zu unterst sich dreht, wie kommt es, alter Kettenträger, daß Du nicht aus Deinem Bette rollst? Es gibt Dinge in der Natur, die unbegreiflich sind. Trackleß, ganz unbegreiflich.«

Der Indianer hörte ernst zu, und sein Verlangen, über die Sache ins Klare zu kommen, schien befriedigt dadurch, daß er vernahm, es gebe in der Natur unbegreifliche Dinge. Was den Kettenträger betrifft, so glaube ich, daß er dem Gespräch etwas plötzlich eine andre Wendung gab, eben wegen dieser unbegreiflichen Dinge in der Natur; denn gewiß ist, er ging rasch zu einem andern Thema über, in einer Art und Weise, daß er allen Ideen seiner Genossen eine veränderte Richtung gab, mochten sie auf den Fersen oder auf den Köpfen stehen.

»Ist es nicht wahr, Jaap, daß Ihr und der Onondago hier, Beide hier anwesend waret bei dem indianischen Gemetzel, das in dieser Gegend statt fand, vor der Revolution, im alten französischen Krieg? Ich meine die Zeit, wo ein gewisser Traverse, ein Landvermesser, und ein sehr guter Landvermesser war er, mit allen seinen Kettenträgern und Axtmännern getödtet wurde?«

»Wahr wie Evangelium, Masser Andries,« erwiederte der Neger, ernst ausschauend und den Kopf schüttelnd. »Ich war hier und Sus auch. Das das erste Mal gewesen, daß wir miteinander Pulver zu riechen bekommen. Die französischen Indianer Streifzug gemacht und Masser Traverse und all seine Leute abgeschnitten, und nicht halben Skalp auf einem einzigen Kopfe gelassen. Ja, Sah, ich mich erinnern dessen, als wenn es gewesen letzte Nacht.«

»Und was geschah mit den Leichnamen? Ihr habt doch gewiß die Leichname begraben.«

»Gewiß, – Pete, Masser Ten Eyck's Mann, wurde gelegt in eine Höhle, nahe bei Masser Corny's Hütte, welche dahinzu liegen muß, vier oder fünf Meilen von hier; und Masser Landvermesser und seine Leute sind begraben worden bei einer Quelle dort hin zu. Habe ich Recht, Indianer?«

Der Onondago schüttelte den Kopf, dann deutete er die wahre Richtung der erwähnten Orte an, woraus hervorging, daß Jaap gar nicht richtig orientirt war. Ich hatte von gewissen Abenteuern gehört, bei welchen mein Vater als junger Mann betheiligt gewesen, und wobei auch meine Mutter gewissermaßen eine Rolle gespielt hatte, aber ich wußte von diesen Ereignissen nicht genug, um das nun folgende Gespräch ganz zu verstehen. Es schien, daß der Kettenträger die Vorfälle nur vom Hörensagen kannte, und nicht selbst an Ort und Stelle zugegen gewesen war, wo sie sich ereigneten; aber er legte den lebhaften Wunsch an den Tag, die Gräber der Unglücklichen zu besuchen. Bis jetzt hatte er noch nicht einmal die Hütte von Mr. Traverse, dem getödteten Landvermesser, besucht, denn da die Arbeit, mit welcher er beschäftigt war, darin bestand, die großen, vor der Revolution schon abgemarkten Loostheile in kleinere Loose, zu sofortigem Verkauf, zu vermessen, hatte diese Detailarbeit ihn noch nicht weit weggeführt von dem Centralpunkt, wo er damit begonnen hatte. Der neue Kettenträger, der ihm als Gehülfe dienen sollte, wurde erst in ein paar Tagen bei uns erwartet; und nachdem er mit seinen beiden Gesellschaftern die Sache einige Minuten besprochen, kündigte er seinen Entschluß an, am folgenden Morgen die sämmtlichen Gräber aufzusuchen, mit der Absicht, passende Erinnerungsmale ihres Todes daselbst anzubringen.

Der Abend dieses Tages war ruhig und köstlich. Als die Sonne am Untergehen war, machte ich Dus einen Besuch und fand sie allein in dem Empfangszimmer, wie sie sich scherzhaft ausdrückte, ihres Harems. Zum Glück waren da keine Stummen, um mir den Eintritt zu verwehren, denn die Eine schwarze Wächterin, welche gewöhnlich da war, befand sich in der Küche bei ihrer Arbeit. Sie empfing mich ohne alle Verlegenheit, und einen Sitz an der Schwelle der Thüre einnehmend, fing ich an zu plaudern, während die Herrin des Hauses aus einem niedern Stuhl mit ihrer Nadel geschäftig arbeitete. Eine Zeitlang schwatzten wir von den Tauben und von unsrer kleinen Reise in die Wälder; dann aber nahm unser Gespräch unvermerkt eine andere Wendung, und kam auf unsre gegenwärtige Lage, auf die Vergangenheit und die Zukunft. Ich hatte des Vorhabens des Kettenträgers erwähnt, die Gräber aufzusuchen, und bei diesem Punkte will ich anfangen zu berichten, was von uns gesprochen wurde.

»Ich habe eigentlich mehr nur Anspielungen auf jene traurigen Vorfälle, als die förmliche Geschichte derselben erzählen gehört,« sagte ich. »Keines von meinen Eltern scheint gerne davon zu sprechen, obwohl ich den Grund hievon nicht weiß.«

»Die Geschichte ist in Ravensnest wohlbekannt,« versetzte Dus, »und sie wird dort oft erzählt; wenigstens so, wie wunderbare Geschichten auf ländlichen Ansiedlungen erzählt werden. Ich vermuthe, es ist ein Gran Wahrheit mit einem Pfund Irrthum vermischt.«

»Ich sehe keinen Grund, eine Sache dieser Art unrichtig darzustellen.«

»Der Grund ist kein andrer, als die allgemeine Sucht nach dem Wunderbaren, welche die meisten Menschen treibt, es in einer Geschichte einzuschmuggeln, wenn es nicht auf rechtmäßige Weise schon da ist. Die ächte Landklatscherei ist nie mit der Thatsache an sich zufrieden. Der Schwätzer oder die Schwätzerin will durchaus eine matte und stumpfe Einbildungskraft in Erfindungen sich üben lassen. Zn diesem Falle jedoch ist nach Allem, was ich erfahren, mehr Thatsächliches und weniger Erfundenes als gewöhnlich in Umlauf gekommen.«

Dann sprachen wir von den Umrissen der Geschichte, so wie Jedes sie gehört hatte, und fanden, daß in der Hauptsache unsre Nachrichten zusammenstimmten. Bei der Vergleichung jedoch machte ich die Entdeckung, daß ich am liebsten bei den grausenhaften Zügen der Ereignisse verweilte, während Dus leise und beinahe unvermerkt, aber unfehlbar, auf die Partieen von milderer Beschaffenheit, die mehr mit Gefühlen und Empfindungen es zu thun hatten, hinsteuerte.

»Eure Erzählung trifft so ziemlich mit der meinigen zusammen, und beide müssen in der Hauptsache wahr seyn, da Ihr die Eurige von den Hauptpersonen selbst habt,« sagte sie: »aber unsre Klatschmäuler berichten gewisse Umstände, die auf Liebe und Heirath sich beziehen, wovon Ihr geschwiegen habt.«

»So laßt mich die auch hören,« rief ich, »denn nie war ich in besserer Stimmung über Liebe und Heirath zu plaudern.« und ich legte auf letzteres Wort einen starken Nachdruck, »als in diesem Augenblick!«

Das Mädchen schrack zusammen, erröthete, zog die Lippen zusammen und blieb eine halbe Minute stumm. Ich bemerkte, daß ihre Hand zitterte, aber sie war zu sehr an außerordentliche Lage gewohnt, als daß sie leicht die Geistesgegenwart und Selbstbeherrschung verloren hätte. Es war auch schon ziemlich dämmerig, und das Dunkel, worin sie in der Hütte saß, die selbst auch im Schatten großer Bäume stand, unterstützte ohne Zweifel ihre Bemühungen, sich die Miene der unbewußten Arglosigkeit zu geben. Doch hatte ich mit Wärme gesprochen, und, wie ich bald fühlte, in einer Art, welche eine Erklärung erheischte, obwohl im Augenblick ganz ohne Plan und Absicht, und kaum mir selbst bewußt, was ich that. Ich beschloß nicht zurückzugehen, sondern vorwärts zu gehen, wobei ich ohnehin nur dem Drange eines Gefühls folgte, welches nachgerade zu mächtig wurde, als daß ich es noch lange zurückhalten konnte; aber dies war doch nicht gerade der Augenblick, wo ich zu sprechen entschlossen war, und ich wartete lieber die natürliche Entwicklung der Sache ab. Mittlerweile ging, nach dem von mir erwähnten kurzen Schweigen, das Gespräch fort.

»Was ich meinte,« begann Dus wieder, »war nur die bei Euren Pächtern umlaufende Erzählung, die Vermählung Eurer Eltern sey die Folge gewesen von der Art, wie Euer Vater Herman Mordaunts Wohnsitz, und darin auch seine Tochter, vertheidigte – obgleich Herman Mordaunt selbst einen englischen Lord als Schwiegersohn vorgezogen hätte, und – aber ich darf nicht Mehr sagen von dieser einfältigen Erzählung.«

»Laßt mich Alles hören, betrifft es gleich die Liebe meiner Eltern.«

»Ich glaube gewiß, es ist nicht wahr; denn wo wäre je ein unter dem großen Haufen umlaufendes Gerücht von individuellen Gefühlen und vom persönlichen Thun der Einzelnen wahr? Meine Tradition fügt hinzu: Miß Mordaunt sey anfänglich von den glänzenden Eigenschaften des jungen Lords bestochen gewesen, obgleich sie am Ende den General Littlepage weit vorzog, und ihre Ehe sey höchst glücklich geworden.«

»Somit hat Eure Tradition meiner Mutter nicht Gerechtigkeit widerfahren lassen, sondern ist in manchen Punkten irrig. Der angebliche junge Lord war nur der Sohn und Erbe eines Baronets, und von meiner guten Großmutter weiß ich, daß meiner Mutter Neigung zu meinem Vater anfing, als sie noch ein Kind war, und zwar in Folge davon, daß er eine Unbild, die sie damals von einem andern Knaben erlitt, mannhaft ahndete und rächte.«

»Das freut mich!« rief Dus mit so auffallendem Nachdruck, daß ich überrascht war über den Ernst, womit sie die Sache nahm. »Nachträgliche Neigungen bei Frauen scheinen mir immer etwas Mißliches. Noch eine Episode hat meine Tradition, welche von einer Lady erzählt, die ihren Verlobten in der Nacht, wo der Sturm auf das Nest erfolgte, verloren habe, und seither, seinem Andenken treu, unvermählt geblieben sey. Dieser Theil der Geschichte hat mich immer besonders angesprochen.«

»War ihr Name nicht Wallace?« fragte ich lebhaft.

»Ja wohl, – Mary Wallace – und ich habe den Namen immer in Ehren gehalten, seit ich diese Geschichte gehört. Zu meinen Augen, Mr. Littlepage, gibt es kein schöneres und ehrwürdigeres Bild als das einer Frau, die ihrer ersten Neigung treu bleibt unter allen Umständen, im Tode wie im Leben.«

»Und in meinen Augen auch nicht, geliebte Ursula!« rief ich – aber ich will mich nicht als einen Narren schildern, indem ich den Versuch mache zu berichten, was ich weiter sagte. Die Sache war die, daß Dus während der letzten paar Wochen dergestalt sich meines Herzens bemächtigt hatte, daß alle meine Versuche, es aus dem Netz zu befreien, worein es verwickelt war, vergeblich gewesen wären, wenn ich dies auch hätte thun wollen. Aber ich hatte die Sache überlegt, und ich sah keinen Grund, warum ich mich hätte der Herrschaft von Ursula Malbone über mein Herz erwehren sollen. Sie erschien mir als der Inbegriff von Allem, was ein Mann nur wünschen konnte und in ihrer Armuth erblickte ich kein Hinderniß unserer Verbindung. Ihre Familie und ihre Bildung standen meiner Familie und meiner Bildung gleich; uns diese sehr wichtigen Punkte und Rücksichten einmal zugegeben, besaß ich genug Vermögen für Beide. Unerläßlich war es, daß wir die Gewohnheiten, Meinungen, Vorurtheile, wenn man will, derselben Klasse im socialen Leben besaßen; aber außer diesem durften, nach meiner Art die Sache anzusehen, weltliche Rücksichten keinen Einfluß äußern.

Bei solchen Voraussetzungen nun, und getrieben und gelenkt von dem mächtigen Drang einer edeln und männlichen Leidenschaft strömte ich meine ganze Seele vor Dus aus. Ich sprach, glaube ich, eine volle Viertelstunde fort, ohne daß sie mich nur einmal unterbrochen hätte. Ich wünschte nicht, die Stimme meiner Gesellschafterin zu vernehmen, denn ich besaß die Demuth und Bescheidenheit, welche die unzertrennliche Begleiterin der ächten Liebe seyn soll, und fürchtete, die Antwort möchte meinen Wünschen nicht entsprechen. Ich bemerkte, trotz der wachsenden Dunkelheit, daß Dus lebhaft aufgeregt war, und ich will gestehen, daß dieser Umstand in mir eine freudige Hoffnung erweckt. Da ich hiedurch mich ermuthigt fühlte, war es wohl natürlich, daß meine Furcht zurücktrat gegen den Wunsch, meiner Sache gewisser zu werden; und so drang ich jetzt in sie, mir eine Antwort zu geben. Nach einer kleinen Pause erhielt ich ihre Antwort in folgenden Worten, die sie mit zitternder Stimme und mit einer seelenvollen Rührung sprach, wodurch sie ein zehnfaches Gewicht bekamen.

»Für diese unerwartete, und wie ich glaube aufrichtige Erklärung, Mr. Littlepage, danke ich Euch von Grund meines Herzens,« begann das köstliche Geschöpf. »Es liegt eine Offenheit, eine ehrenhafte Aufrichtigkeit und eine edle Großmuth in einer solchen Erklärung von Euch gegen mich, die ich nie vergessen werde. Aber ich bin nicht meine eigne Herrin – ich habe mich einem Andern mit meinem Wort verpfändet, – die Gefühle meines Herzens bekräftigen mein Wort, und ich kann einen Antrag nicht annehmen, der, so wahrhaft großmüthig und edel, die unumwundenste Antwort erheischt –«

Mehr hörte ich nicht, denn ich sprang vom Boden auf, und, beinahe auf den Knieen – ich konnte mich nicht aufrecht erhalten – stürzte ich zur Hütte hinaus und rannte in den Wald hinein.

 

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