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Der Kettenträger

James Fenimore Cooper: Der Kettenträger - Kapitel 12
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typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Kettenträger
publisherVerlag von S. G. Liesching
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secondcorrectorHerbert Niephaus
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Zehntes Kapitel

Trag's durch Unrecht, Sorge, Schmerz,
Feucht vom Thau der Jugend Dein Herz,
Um den Mund der Wahrheit Lächeln.

Longfellow.

 

Die Ceremonie des Vorstellens war noch nicht halb abgemacht, als laut und lärmend die Aufforderung zu den Hüftstangen des Versammlungshauses ertönte. Auf diesen Ruf begab sich die ganze Gesellschaft weg; denn das Aufschlagen eines Hauses ist auf dem Lande ein zu wichtiger Vorfall, als daß man es versäumen dürfte. Ich benützte die Gelegenheit, um einige Befehle zu geben, meine persönliche Bequemlichkeit betreffend, worauf ich mich selbst auch nach der Scene gegenwärtiger Arbeit und künftiger congregationistischer Erbauung begab.

Jedermann in Amerika, einige wenige eingefleischte Stadtsöhnchen ausgenommen, hat schon das Aufschlagen eines Hauses gesehen. Die meisten Leute haben es wohl hundertmal gesehen, und ich für meinen Theil glaube mit ziemlicher Sicherheit behaupten zu können, daß ich es bis diesen Tag tausendmal gesehen habe. In dem gegenwärtigen Falle fanden lebhafte Beglückwünschungen unter den Yeomen statt, weil das Gerüste »so gut zusammengekommen sey.« Auch mir gratulirte deßhalb der herzhafte alte Rhodeisländer, mein Collega Major, indem er mich versicherte: »Er könne nicht die Klinge seines Messers, und es sey doch gar kein großes Messer, in irgend eine Fuge hineinstecken. Und was noch mehr ist, Squire,« – da der stämmige Yeoman selbst Major war, obgleich nur bei der Miliz, wäre dieser Titel für seinen Grundherrn nicht vornehm genug gewesen, – »und was noch mehr ist, Squire, man sagt mir, kein einziges Stück sey probirt worden, bis wir selbst diesen Nachmittag die Bünde zusammengelegt! Nun hatte ich weiter unten im Lande nie so Etwas gesehen; aber hier oben arbeiten die Zimmerleute nach dem Winkelmaß, wie sie es nennen, und recht schnelle Arbeit machen sie damit!« Diese Rede deutete das Wesentliche eines der Mittel an, wodurch die »neuen Gegenden« mit den alten gleichen Schritt zu halten strebten, wie ich bei weitern Erkundigungen erfuhr.

Es dürfte nicht unpassend seyn, das Aussehen des Platzes zu beschreiben, wie ich bei dem neuen religiösen Versammlungshause anlangte. Der größte Theil des »Volkes« hatte seine Stellung bei dem ersten Bunde oder Fache eingenommen, fertig zum Aufheben, während zuverlässige Männer am Fuße des Postens oder Ständers standen mit Hebeeisen, schweren Aexten und andern passenden Werkzeugen, die zu haben waren, versehen, bereit, diese wesentlichen Stützen unverrückt zu erhalten; und von der sichern Festigkeit dieser Personen hingen die gesunden Glieder und das Leben derer ab, welche das Holzwerk aufrichteten. Da dies Bauwerk größer war als gewöhnlich, war auch die Gefahr gesteigert, sowie das dringende Bedürfniß, Leute zu haben, auf die man sich verlassen konnte, sich um so fühlbarer machte. Vor einem Posten insbesondere schienen aus einem mir nicht bekannten Grunde alle die zuverläßigen Männer Scheue zu tragen, und Jeder erklärte, er halte einen Andern für geeigneter, denselben einzunehmen, als sich selber. Der Werkführer oder »Boß,« – dies Wort hatte von Manhattan seinen Weg bis hinauf nach Ravensnest gefunden, – rief, es solle einer diesen schwierigen Posten einnehmen, da nichts mehr die Arbeit aufhalte, als der Mangel eines Mannes auf demselben; und Einer sah den Andern an, in Erwartung, wer vortreten werde, als plötzlich ein Geschrei sich erhob: »der Kettenträger! – der Kettenträger! – da kommt der Mann, den wir brauchen!«

Und wirklich kam der alte Andries Coejemans, frisch aussehend, aufrecht, kräftig und festen Schrittes, obgleich er schon sein siebenzigstes Lebensjahr hinter sich hatte. Mein alter Kriegskamerade hatte beinahe alle Zeichen seines militärischen Berufs abgelegt, obgleich die Märsche und Exercitien von acht Jahren nach einer Frist von nur 12 Monaten nicht ganz in der Haltung und dem Gang eines Mannes sich verläugnen konnten. Das Einzige, was den gewesenen Soldaten verrieth, außer der Haltung, war die Art und Weise, wie mein ehemaliger College Kapitän seinen Zopf geflochten und gebunden trug. Andries trug seine eigene Haare; das machte seine Lebensart in den Wäldern von frühen Jahren an nothwendig; aber er hatte es nun lange in einer Art militärischen Zuschnitts gebunden, und dieser Art blieb er auch jetzt noch treu. In andern Beziehungen hatte er sich ganz in einen Waldbewohner umgewandelt. Er trug ein Jagdhemd, wie ich; Ledergamaschen, Moccasins, und eine Mütze von Häuten ohne den Pelz. Aber diesen Anzug, weit entfernt den wohlthuenden Eindruck seines noch so frischen Alters zu schwächen, trug vielmehr dazu bei, ihn zu erhöhen. Andries Coejemans maß immer noch, mit siebzig Jahren, seine sechs Fuß, denn er war so aufrecht als mit zwanzig Jahren; und weit entfernt, daß sein Körper von den Unbilden des Alters gelitten hätte, schien er durch Alles, was er ausgestanden, nur noch mehr abgehärtet und gekräftigt. Sein Kopf war schneeweiß, während sein Gesicht die rothe, wettergebräunte Farbe der Gesundheit und des Lebens im Freien an sich trug. Das Gesicht war immer ein schönes gewesen, denn seinen kühnen und männlichen Zügen war ein ganz ungewöhnlicher Ausdruck von Aufrichtigkeit und Wohlwollen aufgeprägt.

Der Kettenträger konnte mich nicht sehen, bis er auf das Gerüste trat. Da aber konnte man nicht im Zweifel seyn über den Ausdruck seines Gesichts, welches Freude und freundschaftliche Theilnahme verrieth. Ueber das Zimmerholz schreitend mit dem Schritt eines Mannes, der längst gewohnt ist, unter Gefahren aller Art zu wandeln, ergriff er meine Hand und drückte sie mit einer Kraft, die den guten Zustand seiner Muskeln und Sehnen verrieth. Ich sah eine Thräne in seinem Auge blinken; denn wäre ich sein Sohn gewesen, er hätte mich, glaube ich, nicht inniger lieben können.

»Mordaunt, mein Junge, Ihr seyd herzlich willkommen!« sagte mein alter Kriegskamerade. »Ihr seyd diesen Leuten über den Hals gekommen, bilde ich mir ein, wie die Katze herbeischleicht, die Mäuse zu überraschen; aber ich hatte Kunde von Eurem Kommen, und ging einige Meilen die Straße hinab Euch entgegen. Wie oder wo Ihr an mir vorbeikämet, das weiß ich mir nicht zu erklären; denn ich habe nichts von Euch noch von Eurem Wagen gesehen.«

»Und doch sind wir Beide da, mein trefflicher alter Freund, und höchst glücklich fühle ich mich, Euch wieder zu sehen. Wenn Ihr mich in das Gasthaus begleiten wollt, können wir behaglicher uns besprechen.«

»Genug, genug für den Augenblick junger Kamerad. Die Arbeit steht ein wenig still, weil meine Hand fehlt; tretet von dem Gerüste weg, Junge, und laßt uns dies Gebälke aufrichten, dann stehe ich Euch zu Diensten, eine Woche oder ein Jahr lang.«

Freundliche Blicke tauschend und den warmen, herzlichen Händedruck wiederholend, schieden wir für jetzt; ich verließ das Gerüste, während der Kettenträger sich sofort an den Fuß des wichtigen Pfosten oder Ständers begab, an die Stelle, welche kein Anderer einnehmen wollte. Dann begann ohne weiteren Verzug die ernste, mühevolle Arbeit, einen Bund aufzurichten. Diese Arbeit ist selten ganz ohne Gefahr; und im vorliegenden Falle, wo die Kraft der Männer nicht ganz im Verhältniß stand mit der Wucht des Zimmerholzes, verdoppelte sich die Anforderung der Festigkeit und Zuverläßigkeit an jeden Einzelnen. Meine Aufmerksamkeit ward sofort angezogen von dem Geschäft, das ich beginnen sah, und einige Minuten lang dachte ich kaum an etwas Anderes. Die Frauen hatten sich, so nahe, als der Vorsicht gemäß war, an den Platz gezogen, wo ihre Gatten, Brüder und Liebhaber alle Muskeln und Nerven anstrengten; und eine tiefe, ängstliche Stille herrschte unter der ganzen Schaar, welche in buntem ländlichem Putze prangte, der sich freilich weder durch Geschmack noch Feinheit sonderlich auszeichnete. Doch hatte diese Gruppe von Frauen wenig Plumpes, Gemeines oder Unweibliches an sich, wenn sie auch nicht eben viel an sich hatten, was bei einer ähnlichen Versammlung heutigen Tages dem Auge als anziehend erscheinen und auffallen würde. Die Verbesserung in der Tracht und in der äußern Erscheinung der Frauen und Töchter der Landleute ist binnen der letzten fünf und zwanzig Jahre eine sehr merkliche gewesen. Reichlich die Hälfte der bei dieser Gelegenheit Versammelten trugen kurze Röcke (Juppen), eine Tracht die beinahe ganz verschwunden ist; und die Reitkissen, die man auf dem Rücken beinahe aller Pferde sah, welche an den nahen Zäunen angebunden waren, zeigten, in welcher Weise sie den Weg hieher gemacht hatten. Die Kalicos jener Zeit waren theuer und unzierlich; und es erforderte viel Geld, wenn eine Frau in einem Aufzug erscheinen wollte, der auch für das ungeübteste Auge anziehend gewesen wäre. Dennoch fanden sich viele hübsche Mädchen unter dieser Gruppe von ängstlichen Gesichtern, mit schwarzen und blauen Augen, – mit blonden, schwarzen und braunen Haaren, und von den verschiednen Bildungen und Farben, in welchen weibliche Schönheit bei jugendlichen Personen erscheint.

Ich schmeichle mir, so hübsch gewesen zu seyn als die meisten jungen Männer meines Alters und Standes, und glaube, daß ich bei gewöhnlichen Gelegenheiten mich schwerlich vor dieser Gruppe von Mädchen hätte zeigen können, ohne einige ihrer Blicke auf mich zu ziehen. Aber das war nicht der Fall, als ich von dem Gerüste wegtrat, welches jetzt Aller Augen auf sich zog. Dorthin und auf die es Umgebenden waren alle Augen, all die ängstlichen Gesichter gewandt, mich selbst mit eingeschlossen. Es war ein Augenblick voll des tiefsten Interesses für Alle: und am meisten für diejenigen, welche nur fühlen konnten und nicht handeln. Auf das gegebene Wort machten die Männer eine gleichzeitige Anstrengung, und sie hoben den obern Theil des Bundes oder Faches von dem Holz empor, worauf er lag. Es war leicht zu sehen, daß die Arbeiter, so kräftig und willig sie waren, doch gerade genug zu thun und zu heben hatten. Knaben jedoch standen bereit mit kurzen Latten, die sie aufrecht unter den Bund schoben, und so hatten die Männer Zeit, Athem zu schöpfen. Ich fühlte einige Beschämung, in einem solchen Augenblick Nichts zu thun zu haben; aber da ich fürchtete, eher zu hindern und zu schaden, als zu nützen, hielt ich mich entfernt und verharrte in der Rolle eines bloßen Zuschauers.

»Jetzt, ihr Männer,« sagte der ›Boß‹, der seine Stellung da genommen hatte, wo er das Ganze übersehen konnte, »wollen wir uns wieder zum Heben bereit machen. Alle auf einmal – das macht die Arbeit leicht! Seyd Ihr fertig? A – uff! A – u – f!«

Die starken Männer hoben tüchtig, und das mit so viel Raschheit und Einsicht, daß das massive Holz so hoch als ihre Köpfe emporgehoben wurde. In dieser Höhe blieb es nun, wieder wie zuvor durch kurze Pflöcke unterstützt und gehalten.

Jetzt kamen die Hüftstangen zur Anwendung. Dies ist immer der schwierigste Augenblick einer solchen Aufrichtung und die Männer trafen demgemäß ihre Vorkehrungen. Kurze Pfähle wurden zuerst unter den Balken gebracht, indem man die stumpfen Enden in die Fundamentgruben trieb, und Einige der stärksten Männer stellten sich auf Blöcke, um die Kraft ihrer Arme unmittelbar zu versuchen.

»Seyd Ihr fertig, ihr Männer?« schrie der Boß. »Das ist unser schwerster Bund und wir kommen mit frischen Kräften daran. Habt wohl Acht auf den Fuß eines jeden Ständers – Kettenträger, ich verlasse mich auf Euch – Euer Posten ist der Königsposten vom ganzen Gerüste; wenn der stürzt, stürzt Alles. Macht Euch fertig, ihr Männer! auf! auf! – jetzt Alle zusammen – auf! – Er hebt sich – auf! noch mehr Hebestangen! – an das Gerüst, Knaben – schafft Stützen herbei – auf, auf – hinein mit Euren Stützen – so, schöpft ein wenig Athem, Ihr Leute!«

Es war Zeit, Athem zu schöpfen, in der That; denn die Anstrengung war furchtbar hart gewesen. Der Bund hatte sich jedoch emporgehoben und bildete jetzt, wie zuvor von Stützen gehalten, einen Winkel von etwa fünfzehn Graden mit der Fläche des Gebäudes, so daß außer den Ständern Nichts mehr im Bereich der Hände war. Die Hebestangen mußten das Uebrige thun, und die Bewältigung der nächsten zehn Grade erforderte voraussichtlich den größten Kraftaufwand. Bis jetzt war Alles gut gegangen und das einzige Mißliche war die Gewißheit, die man erlangt hatte, daß die vorhandene Kraft kaum hinreichte, ein so schweres Gebälke hinaufzubringen. Indessen ließ sich dem nicht abhelfen, denn alle Anwesenden, die irgend von Nutzen seyn konnten, außer mir, hatten ihre angewiesene Stelle. Ein gut aussehender, halb genteeler junger Mann, dessen Tracht zu zwei Drittheilen nach dem Wald und zu einem Drittheil nach der Stadt aussah, war hinter der Schaar der Weiber hervor und auf das Gerüst getreten, und hatte seinen Posten an einer Hebestange eingenommen. Der uneingeweihte Leser muß wissen, daß diejenigen, welche ein Gebäude aufschlagen, nothwendigerweise gerade unter dem Zimmerholz stehen, das sie emporheben, und daß ein Sturz sie mit einer furchtbaren Gefahr, erschlagen zu werden, bedroht. Es stürzen manchmal Bunde auf die Arbeiter herab; und die Folge ist beinahe sicheres Verderben derjenigen, welche von dem Zimmerholze getroffen werden. Trotz der Gefahr und der Schwierigkeit im gegenwärtigen Falle behielt doch die gute Laune die Oberhand, und einige Scherze wurden losgelassen auf Kosten der Congregationisten und des Moderators.

»Gebt die Versicherung, Squire,« rief der herzhafte alte Rhode-Isländer, »gelegentlich auch von den anderen Kirchengesellschaften hineinzulassen, so werdet Ihr sehen, wie leicht die Balken hinaufgehen. Das Presbyterium hält verzweifelt an und zurück!«

»Ich hoffe,« versetzte der Mr. Moderator, »Niemand ist doch wohl der Meinung, es bestehe nicht religiöse Freiheit auf dieser Ansiedlung. Gewiß – gewiß – andere Kirchengesellschaften können sich jederzeit dieses Hauses bedienen, wenn es nicht von den rechten Eigenthümern benützt wird.«

Diese Worte »rechte Eigenthümer« waren nicht glücklich gewählt; je stärker das Recht, desto weniger hat die unterliegende Partei Lust, davon zu hören. Trotzdem zeigte sich keine Neigung, sich wegzuschleichen und der Arbeit zu entziehen; und zwei oder drei von den Dissenters nahmen auf der Stelle ihre Rache durch Ausfälle auf den Moderator. Fürchtend, es möchte des Geschwätzes zu viel werden, erneuerte der Boß seinen Ruf, und forderte Alle auf, der Arbeit ihre Aufmerksamkeit zuzuwenden.

»Laßt uns Alle miteinander angreifen, ihr Männer,« sagte er. »Wir sind jetzt an dem schwersten Punkt angelangt und müssen beharrlich seyn wie gut eingeübtes Vieh. Wenn jeder Mann auf dem Gerüste nur Eine Minute seine Schuldigkeit thut, so wird das Härteste vorüber seyn. Ihr seht diese aufgerichtete Stütze hier, mit dem Knaben Tim Trimmer daneben; hebt nun nur den Bund so hoch empor, daß Timmy das Ende der Stütze darunter einschieben kann, so wird Alles gut und sicher seyn. Seht nach dem unteren Ende der Stütze, Tim; ist sie fest und gut eingerammt?«

Tim bejahte es; aber zwei oder drei von den Männern gingen und untersuchten es genau, und nachdem sie einiges geändert, versicherten auch sie den Werkführer oder Boß, sie könne nicht weichen. Dann ward eine kurze Ansprache gehalten, in welcher Alle ermahnt wurden, ihr Möglichstes zu leisten, und Jeder insbesondere erinnert wurde an die Nothwendigkeit, bei dem ihm anvertrauten Posten auszuharren. Nach dieser Rede erhoben die Männer die Hebestangen und stellten sich an ihre Plätze. Das Schweigen der Erwartung trat ein.

Bis jetzt hatte kein Zeichen, kein Blick, kein Wort den Wunsch oder die Erwartung angedeutet, daß ich mich auch in die Reihen stellen sollte. Ich will gestehen, daß ich eine innere Regung spürte, es zu thun; denn wer kann seine Mitgeschöpfe alle Muskeln und Nerven anspannen und anstrengen sehen, ohne von menschlichem Mitgefühl ergriffen zu werden? Aber der Gedanke an militärischen Rang und an meine Privatstellung behauptete nicht nur sein Recht, sondern übte auch Einfluß auf meine Gefühlsweise. Ich trat dem Gerüste ein paar Schritte näher, setzte aber den Fuß nicht darauf.

»Fertig, ihr Männer,« rief der ›Boß‹, »zum letzten Mal Alle zusammen auf das Wort – jetzt ist die Zeit – Holz her – auf – auf!«

Die armen Bursche hoben, was sie konnten, und es war nur zu sichtlich, daß sie wankten unter dem ungeheuren Druck des massiven Bundes. Ich trat auf das Gerüste, gerade in der Mitte oder auf die gefährlichste Stelle, und stemmte mich mit all meiner Kraft an einer Hebestange an.

»Hurrah!« schrie der Boß, »da kommt der junge Grundherr! – auf, auf! thue Jeder sein Bestes! – auf! auf!«

Wir hoben, was wir konnten, und wir brachten den Bund einige Fuß höher hinauf, aber noch fehlten ein paar Zoll dazu, daß die neuen Stützen ihn packen konnten. Zwanzig Stimmen schrieen jetzt, Jeder solle auf seinem Posten sein Möglichstes thun, denn Jedermann fühlte die Wichtigkeit der Kraft auch nur eines Knaben. Der Boß eilte wie ein Mann herbei, uns zu helfen; und jetzt glaubte Tim, die Stütze würde stehen bleiben, auch ohne daß er sie halte, verließ sie und eilte au eine Hebestange. In Folge dieses Mißgriffs senkte sich die Stütze ein wenig auf die Seite, so daß sie nichts nützen konnte. Mein Gesicht stand so, daß ich diesen gefährlichen Umstand bemerkte; und ich spürte, daß die auf mir persönlich lastende Wucht mit jedem Augenblick bleiähnlicher wurde. Daraus merkte ich, daß unsere Kraft unter dem Druck des gewaltigen Bundes zu erliegen drohe. »Hebt, ihr Männer, so lieb euch euer Leben ist, hebt!« rief der Boß, wie Einer, der im Todeskampfe liegt.

Der Ton seiner Stimme klang mir wie der Ton der Verzweiflung. Hätte uns in diesem Augenblick ein einziger Knabe im Stiche gelassen, – und wir hatten ihrer zwanzig auf dem Gerüste, so hätte die ganze Masse Zimmerholz auf uns herabstürzen müssen. Man rede mir nicht von einem Angriff gegen eine Batterie! Was ist dies, verglichen mit der Lage, in welcher wir uns befanden, für menschliche Nerven? Das Nachlassen, das Erlahmen eines Muskels bei dieser angestrengt hebenden und sich anstemmenden Menschenmasse wäre unser Aller Verderben gewesen. Fürchterliche, grauenvolle zwanzig Sekunden folgten; und gerade wie ich die Hoffnung aufgegeben hatte, stürzte ein junges weibliches Wesen aus dem bangen, kreideweißen Haufen der Weiber hervor, welche mit Schrecken und Todesangst zusahen, die man sich leichter vorstellen als schildern kann, ergriff die Stütze und rückte sie zurecht gegen den Bund. Nur ein Zoll fehlte noch, bis sie hineinpaßte, aber wie diesen Zoll gewinnen? Jetzt erhob ich meine Stimme, und rief den ermattenden Männern zu, noch einmal zu heben. Sie gehorchten; und ich sah das muthige Mädchen mit den treuen zuverläßigen Augen und der festen Hand die Stütze genau da, wo es nöthig war, einsetzen. Alle auf dieser Seite des Bundes empfanden augenblicklich die Erleichterung, und Einer um den Andern zog sich vorsichtig, unter dem Rahmen hervor, zurück, bis nur diejenigen noch zurück waren, welche die andere Seite emporhielten. Wir eilten diesen zu Hülfe und hatten bald eine Anzahl Stützen eingestellt, worauf Alle sich zurückzogen, und athemlos und schweigend die Gefahr betrachteten, der sie entgangen waren. Ich für meine Person empfand tiefe Dankbarkeit gegen Gott für diese Rettung.

Dieser Vorfall machte einen tiefen Eindruck. Jedermann erkannte lebhaft die Gefahr, welcher man ausgesetzt gewesen, und welches Verderben die Ansiedlung hätte betreffen können. Ich hatte nur mit flüchtigem Blicke das seltene Geschöpf erschaut, dessen Entschlossenheit, Einsicht und Geistesgegenwart so viel für uns Alle gethan hatte; und sie schien mir das reizendste Wesen ihres Geschlechts, das meine Augen je gesehen. Ihre Gestalt insbesondere war die Vollkommenheit selbst, – gerade die rechte Mitte zwischen weiblicher Zartheit und derber Gesundheit, oder gerade so viel von letzterer, als ohne den leisesten Schatten von Plumpheit möglich war; und das Wenige, was ich von ihrem Gesicht sah, das beinahe versteckt war von einem Gewühl von Locken, die man wohl goldene nennen durfte, schien mir in wunderbarem Einklang mit dieser Gestalt zu stehen. Auch hatte die Handlung, die sie verrichtet hatte, durchaus nichts männliches oder unziemliches, was irgend dem weiblichen Charakter ihrer Erscheinung hätte Eintrag thun können. Es war eine entschlossene, nützliche, und in gewissem Sinne wohlthätige Handlung; aber ein Knabe hätte sie, was die physische Kraft anlangt, eben so gut verrichten können. Dieselbe erheischte vielmehr Kaltblütigkeit, Einsicht und Muth, als irgend männliche Leibesstärke.

Es ist möglich, daß bei der lebhaften Empfindung der Gefahr, in welcher wir Alle schwebten, meine Einbildungskraft den Eindruck der holden Erscheinung gesteigert und idealisirt haben mag, welche gleichsam wie ein von Oben gesandter Bote gekommen war uns zu retten. Aber auch noch wie ich da stand, keuchend in Folge der Anstrengung, dergleichen ich selbst ganz gewiß in meinem Leben nie sonst bestanden, erschöpft, beinahe athemlos, und fast unvermögend zu stehen, sah mein Geistesauge nichts als die bewegliche Gestalt, den leichten, elastischen Schritt, die goldnen Locken, die von der Aufregung geröthete Wange, den reizenden, in Entschlossenheit sich fest zusammenziehenden Mund, und das ganze Wesen, die Haltung und die That selbst geweiht und verklärt von der Hingebung, der Bereitwilligkeit und Lieblichkeit ihres Geschlechts. Als meine Pulse regelmäßiger schlugen und mein Herz zu pochen aufhörte, schaute ich mich um nach dieser wunderbaren Erscheinung, sah aber Niemand, der auch nur entfernt Anspruch darauf machen konnte, dafür zu gelten, mit ihr verwandt zu seyn. Die Weiber hatten sich zusammengedrängt, wie ein verschüchterter Trupp Hühner, und thaten Ausrufungen, indem sie die Hände empor hielten, und sich den Aeußerungen des Schreckens und der Bestürzung überließen, wie sie bei ihrem Geschlecht und in ihrer Klasse gewöhnlich sind. Die Vision befand sich gewiß nicht unter der Gruppe, sondern war so plötzlich verschwunden, als sie erschienen war.

In diesem Zeitpunkt trat der Kettenträger hervor und übernahm das Kommando. Ich bemerkte wohl, wie aufgeregt er war, – gerührt, wäre vielleicht der richtigere Ausdruck, – aber trotz dem war er fest und bestimmt in seinen Befehlen. Auch gehorchte man ihm mit einer Bereitwilligkeit, die mich hoch erfreute. Die Befehle des Boß hatten keinen solchen Eindruck gemacht, wie die jetzt von dem alten Andries ausgehenden; und ich fühlte in der That selbst eine Lust, ihnen Folge zu leisten, wie ich achtzehn Monate früher gethan haben würde, als er als ältester Kapitän unsers Regiments auf dessen rechtem Flügel stand.

Der Werkführer trat ohne Murren das Kommando an den Kettenträger ab. Selbst Squire Newcome fühlte offenbar, daß Andries ein Mann war, der in gewissem Sinne die Gemüther der Ansiedler besser zu lenken und zu beherrschen vermochte, als er selbst. Kurz, Jeder horchte auf ihn, Jeder schien zufrieden und vergnügt, und Jeder leistete seinen Befehlen Folge. Auch nahm mein alter Freund keineswegs seine Zuflucht zu den Mitteln der Schmeichelei, die in Amerika so gewöhnlich sind, wenn man Menschen auf dem Lande in Ordnung zu halten und zu lenken sucht. In den Städten, und wo man geordnete Körperschaften und Schaaren zu befehligen hat, hat man von der Autorität des Befehlenden so richtige Begriffe als nur irgendwo in der Welt; aber im Innern und besonders unter den Leuten, welche an die Art von Neu-England gewohnt sind, haben sehr wenige Männer so viel Ansehen, daß sie geradezu sagten: »John, thut dieß!« oder »John thut das;« sondern es heißt da: »Johnny, wolltet Ihr nicht dieß thun?« oder: »Johnny, meint Ihr nicht, es wäre gut Ihr thätet das?« Der Kettenträger hatte nichts von diesem lächerlichen, unverständigen Wesen an sich. Er nannte die Dinge mit ihrem rechten Namen; und wenn er einen Spaten brauchte, so verlangte er keine Haue. Die Folge hievon war, daß man ihm gehorchte; denn in tausend Fällen ist das Befehlstalent den Menschen ebenso unentbehrlich, als irgend eine andere Eigenschaft.

Alles war bald wieder bereit, und die Männer waren etwas anders aufgestellt, als sie zuvor gewesen. Diese Aenderungen hatte der Kettenträger getroffen, welcher die Mechanik praktisch vortrefflich verstand, besser vielleicht, als wenn er ein Mathematiker ersten Ranges gewesen wäre. Das Befehlswort, zu heben, ward gegeben, als wir Alle an den Hebestangen waren; und der Bund ging hinaus, wie von einer unwiderstehlichen Kraft getrieben. Das war die Wirkung von des alten Andries' Befehlstalent und Uebung, denn in Folge hievon hob nicht nur Jeder die Last mit all seiner Kraft empor, sondern auch Alle zu gleicher Zeit. Ein Fach in perpendikularer Lage wird leicht bewältigt; und dann ward verkündigt, daß die schwerste Arbeit vorüber sey. Die andern Bunde waren viel leichter; und nachdem einmal einer ausgerichtet war, diente er als eine Hülfe, die übrigen hinaufzubringen, die man Anfangs nicht gehabt hatte.

»Die Kongregationisten haben es durchgesetzt,« schrie der alte Rhode Isländer lachend, sobald der Bund mit seinen Stützen fest stand, »mit Hülfe des Kettenträgers und noch einer Person, die ich nicht nennen will! Nun, die Reihe wird auch einmal an uns kommen; denn Ravensnest ist ein Ort, wo die Leute sich nicht mit einer Religion begnügen werden. Ein Land ist übel daran, das nur Eine Religion hat; die Priester werden faul und die Bekenner lau!«

»Darauf dürft Ihr Euch verlassen,« erwiederte der Kettenträger, welcher sichtlich Anstalten machte, das Gerüste zu verlassen; »Ravensnest wird in kurzer Zeit so viele Religionen bekommen, als mißvergnügte Geister da sind; und sie werden noch manches Haus aufrichten und noch mehr Priester nöthig haben.«

»Gedenkt Ihr uns zu verlassen, Kettenträger? Es sind noch mehr Pfosten zu halten und noch mehr Fächer aufzurichten.«

»Das Schwerste ist vorüber, und Ihr habt für das, was noch zu thun übrig ist, ohne mich Kraft genug. Ich muß jetzt nach dem Grundherrn sehen. Geht an Eure Arbeit, Ihr Männer; und wenn Ihr könnt, seyd eingedenk, daß Ihr in diesem Hause ein Wesen anzubeten habt, welches weder Kongregationist noch Presbyterianer ist, noch irgend etwas von dem, was Gegenstand Eurer Streitigkeiten und Einbildungen ist. Squire Newcome wird Euch alles angeben, was das gelehrte Zeug betrifft, und der Zimmermann kann für den übrigen Tag ganz gut den Boß machen.«

Ich war überrascht über die Kaltblütigkeit, womit mein alter Freund Ansichten und Gesinnungen aussprach, welche in solcher Umgebung sich nicht viele Gunst versprechen durften, und über die Achtung, mit welcher man seine gar nicht sonderlich verbindlichen Worte aufnahm. Aber, wie ich mich nachher überzeugte, Andries erwarb sich allgemeine Achtung durch seine anerkannte Rechtschaffenheit; und seine Meinungen hatten ein Gewicht, weil er ein Mann war, der gewöhnlich sagte: » Kommt, Jungen!« und seine Befehle nicht mit den Worten anfing: » Geht, Jungen!« dieß war sein Charakter und Ruf beim Herrn gewesen, wo er in seinem kleinen Kreise als ein Mann bekannt war, bereit, sich immer selbst an die Spitze zu stellen. Sodann war Andries ein Mann von gediegener Wahrhaftigkeit; und ein solcher Mann, wenn er den moralischen Muth hat, seinen natürlichen Regungen und Gefühlen gemäß zu handeln, und dabei Vorsicht und Bescheidenheit genug, sich in den Grenzen der gemeinen Klugheit zu halten, gewinnt allmählig einen großen Einfluß über diejenigen, mit welchen er zu verkehren hat. Die Menschen achten immer und überall solche Eigenschaften, wie wenig sie auch selbst sie ausüben mögen.

»Kommt, Morty, mein Junge,« sagte der Kettenträger, sobald wir aus der Menge heraus waren. »Ich will Euer Führer seyn und Euch unter ein Dach geleiten, wo Ihr Herr und Meister seyd.«

»Ihr meint doch wohl nicht das Nest?«

»Das Nest, und nichts Anderes. Das alte Haus sieht, wie wir alten Soldaten, ein wenig rostig und mürb aus, und vom Dienst mitgenommen; aber es ist behaglich, und ich hab' es für Euch herrichten lassen, Junge. Eures Großvaters Einrichtung ist noch dort; und Frank Malbone, Dus und ich haben es zu unserem Hauptquartiere gemacht, seit wir hier in der Gegend sind. Ihr wißt, ich habe von Euch Vollmacht dazu.«

»Gewiß, und auch die, Euch alles dessen zu bedienen, was mein ist. Aber ich hatte geglaubt, Ihr habet Euch förmlich eine Hütte gebaut in den Wäldern von Mooseridge.«

»Das ist auch schon geschehen: manchmal sind wir hier und manchmal dort. Meine Neger sind in der Hütte; aber Frank und Dus und ich sind herüber gekommen, um Euch hier in der Gegend willkommen zu heißen.«

»Ich habe einen Fuhrmann hier und meinen eignen Schwarzen – laßt mich nach der Herberge gehen und Befehl geben, daß sie sich für uns in Bereitschaft setzen.«

»Mordaunt, Ihr und ich, wir sind gewohnt, uns unsrer Füße zu bedienen. Der Soldat marschirt hin und her, ohne einen Wagen, ihn zu führen, den läßt er bei der Bagage und der Bagagewache.«

»So kommt nur, alter Andries; ich bin Euer Kamerad, zu Fuß oder zu Pferd. Es kann nur ein Weg von drei oder vier Meilen seyn, und Jaap kann uns mit den Koffern nach Bequemlichkeit folgen.«

Ein Wort dem Neger gesagt, war Alles, was nöthig war, obwohl er und der Kettenträger sich beim Wiedersehen wie alte Freunde begrüßten. Jaap war während des ganzen Krieges beim Regiment gewesen, bald als Diener meines Vaters, bald die Muskete tragend, bald auch als Führer eines Gespanns, und gegen das Ende seiner militärischen Laufbahn als mein Diener und Begleiter. Daher betrachtete er sich als eine Art Soldat, und er hatte sich auch bei sehr vielen Gelegenheiten als einen sehr tüchtigen bewährt.

»Ein Wort, ehe wir aufbrechen, Kettenträger,« sagte ich, als der alte Andries und Jaap mit ihrer Begrüßung fertig waren; »ich begegnete dem Indianer, den Ihr Sureflint zu nennen pflegtet, in den Wäldern, und wünsche ihn mitzunehmen.«

»Er ist vorausgegangen, um Euern Besuch anzukündigen,« antwortete mein Freund. »Ich sah ihn schon vor einer halben Stunde in raschem Trabe die Straße dahin eilen. Er ist jetzt wohl schon in dem Nest.«

Es war Nichts mehr zu sagen oder zu thun übrig, und wir machten uns auf den Weg, während die Leute emsig beschäftigt zurückblieben, das übrige Gerüste aufzuschlagen. Ich hatte Gelegenheit, zu bemerken, daß meine Ankunft weit weniger Aufsehen auf der Ansiedlung erregte, als wohl der Fall gewesen seyn würde, wenn nicht das religiöse Versammlungshaus theilweise die Aufmerksamkeit von mir ab und auf sich gezogen hätte. Beide Begebenheiten waren in gleichem Maße etwas Neues und Fremdes. Obgleich in einem christlichen Lande geboren und in christlicher Lehre aufgewachsen, hatten doch sehr Wenige von denen, die auf dem Gute Ravensnest wohnten und unter fünfundzwanzig Jahren alt waren, je ein Gebäude gesehen, das zum Behufe christlicher Andacht und Gottesverehrung erbaut war. In der That waren im Jahr 1784 im Innern von New-York solche Gebäude etwas Seltenes. Albany hatte, glaube ich, nur zwei; die Hauptstadt mag ein Dutzend gehabt haben; und die meisten der größern Orte besaßen wenigstens eines; aber mit Ausnahme der alten Grafschaften und da und dort eines Fleckens am Mohawk, konnte sich der neue Staat nicht vieler solcher »stummen Finger, zum Himmel hinauf deutend,« rühmen, die in seinen Wäldern emporstiegen, ebenso viele Mahner an die künftige Welt und an das ernste, wichtige Ende des Lebens. Natürlich empfanden Alle, die nie eine Kirche gesehen hatten, das lebhafteste Verlangen, Gestalt und Verhältnisse der jetzt emporsteigenden beurtheilen zu können, und während der Kettenträger und ich an der Gruppe von Frauen vorbei kamen, hörte ich einige gutaussehende Mädchen ihre Ungeduld aussprechen, Etwas von dem zu erwartenden Kirchthurm zu sehen, während auf mich kaum ein Blick fiel.

»Nun, mein alter Freund, da sind wir wieder bei einander auf einer öffentlichen Straße marschirend,« bemerkte ich. »aber nicht in der Absicht; gegenüber von einem Feinde ein Lager zu beziehen.«

»Ich hoffe nicht.« erwiederte Andries trocken, »obgleich nicht Alles Gold ist was glänzt. Wir haben einen harten Kampf bestanden, Major Littlepage; ich hoffe, er werde zu einem guten Ende führen.«

Ich war etwas überrascht über diese Bemerkung, aber Andries war in seinen Erwartungen und Hoffnungen nie sanguinisch. Als ein ächter Holländer betrachtete er mit besonderem Mißtrauen die Einwanderungen aus den östlichen Staaten, die, wie ich ihn oft hatte sagen hören, keine glücklichen Ergebnisse haben könnten.

»Alles wird sich am Ende schicken, Kettenträger,« versetzte ich, »und wir werden die Früchte unserer Mühen und Gefahren ernten. Aber wie kommt Ihr auf dem Ridge fort, und Wer ist Euer Landvermesser?«

»Die Dinge gehen auf dem Ridge ihren ganz ordentlichen Gang, Mordaunt, denn dort – da ist keine Seele, Einem Unruhe und Unlust zu machen. Wir haben Euch eine Karte gefertigt von zehntausend Acres, in Loostheile von je hundert Acres zerfallend, die, das darf ich wohl sagen, so ehrlich und sorgsam vermessen sind, als nur irgend welche zehntausend Acres im Staate. Wir haben zunächst an diesem Gute angefangen, und Ihr könnt mit den Verleihungen auf Eures Vaters Grund und Boden den Anfang machen, sobald es Euch nur beliebt.«

»Und der Frank Malbone, von dem Ihr geschrieben, besorgte die Leitung der Vermessung?«

»Er hat meine Vermessungen verarbeitet und berechnet, Junge, und ganz genau und richtig sind sie, dafür will ich stehen. Dieser Frank Malbone ist der Bruder von Dus, – das heißt, ihr Halbbruder, denn mein Neffe ist er nicht. Dus, wißt Ihr, ist nur eine Halbnichte von mir, dem Blute nach; aber der Liebe nach ist sie meine ganze Tochter. Was Frank betrifft, so ist er ein guter Kerl; und obgleich dies sein erstes Geschäft ist als Vermesser, kann man sich doch auf ihn so zuversichtlich verlassen, als auf irgend einen andern Menschen auf der Welt.«

»Es hätte Nichts zu sagen, wenn auch einige Mißgriffe vorkämen, Andries; Land ist in dieser Gegend nicht so kostbar wie Diamanten; es ist genug da für uns Alle, und wir haben noch viel übrig. Etwas Anderes wäre es, wenn daran Mangel wäre; so aber, wie es ist, gebt nur immer dem Pächter oder dem Käufer ein reichliches Maß. Eine erste Vermessung kann nur wenig Verlust oder Gewinn zur Folge haben, während Vermessungen bei alten Gütern eine Menge Unlust im Gefolge haben.«

»Und Prozesse genug!« setzte der Kettenträger hinzu, mit dem Kopfe nickend. »Um Euch aufrichtig meine Meinung zu sagen, Mordaunt, ich wollte lieber ein Geschäft auf einer holländischen Ansiedlung übernehmen um's halbe Geld, als eine Linie ziehen zwischen zwei Yankees um die doppelte Bezahlung. Bei den Holländern zünden die Eigenthümer ihre Pfeifen an, und rauchen, während man an der Arbeit ist; aber die Yankees suchen die ganze Zeit da ein Stückchen abzuschneiden, und dort ein Bißchen zu gewinnen; so daß Einer all sein Gewissen zusammennehmen muß, um zwischen ihnen ehrlich und billig eine Linie zu ziehen.«

Da ich wußte, daß das Vorurtheil des Kettenträgers über diesen Punkt eine seiner schwachen Seiten war, gab ich dem Gespräch eine neue Wendung, indem ich es auf politische Begebenheiten lenkte, von welchen er, wie mir bekannt war, gerne sprach. Wir wanderten weiter, über verschiedene dahin einschlagende Gegenstände uns besprechend, beinahe eine Stunde lang, als ich mich ganz plötzlich meinem eigenen Hause nahe sah. In der Nähe gesehen hatte das Gebäude doch mehr Form und Festigkeit, als es von der Höhe aus gesehen zu haben geschienen; und ich fand die Obstgärten und Wiesen um dasselbe herum frei von Baumstumpen und Anderem, was dem Auge wehe thut, und in gutem, geordnetem Zustand. Doch hatte das Gebäude von Außen einigermaßen das Ansehen eines Gefängnisses, weil keine Fenster und Oeffnungen da waren, als die Thüre. Als wir letztere erreichten, welche mehr ein Thor als ein gewöhnlicher Hauseingang war, blieben wir einen Augenblick stehen, um uns umzusehen. Wie wir da standen, auf die Felder hinausschauend, glitt eine Gestalt durch die Oeffnung und Sureflint befand sich an meiner Seite. Kaum war er neben mir, als die Töne derselben schönen, metallreichen weiblichen Stimme, indianische Worte zu einer europäischen Melodie singend, sich vernehmen ließen, die ich aus dem Fichtendickicht hervor, in dem Nachwuchs des Waldes, gehört hatte. Von dem Augenblick an vergaß ich meine Felder und Obstgärten, vergaß den Kettenträger und Sureflint, und konnte an Nichts mehr denken, als an den außerordentlichen Umstand, daß ein eingebornes Mädchen eine solche Kenntniß unserer Musik besitze. Der Indianer selbst schien bezaubert und rührte sich nicht, bis der Gesang oder die Verse zu Ende waren. Der alte Andries lächelte, wartete, bis die letzte Strophe gesungen war, sprach mit Nachdruck den Namen »Dus« aus, und winkte mir, ihm in das Gebäude zu folgen.

 

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