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Der Kettenträger

James Fenimore Cooper: Der Kettenträger - Kapitel 11
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authorJames Fenimore Cooper
titleDer Kettenträger
publisherVerlag von S. G. Liesching
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Neuntes Kapitel.

Ihr, Männer, strebt' ich, Herz und Muth in Euch
Zur Wuth und zur Empörung zu entflammen,
So thät' ich Cassius und Brutus Unrecht,
Die Ihr als ehrenwerthe Männer kennt.
Ich will nicht ihnen Unrecht thun, will lieber
Den Todten Unrecht thun, mir selbst und Euch,
Als ehrenwerthen Männern, wie sie sind.

Shakespeare.

 

»Also das ist Ravensnest!« rief ich aus, nachdem ich einige Minuten schweigend die Scene betrachtet hatte, »das mir von meinem Großvater hinterlassene Besitzthum, wo einst Ereignisse vorfielen, von welchen noch in meiner Familie gesprochen wird als von den wichtigsten in ihrer Geschichte, – Ereignisse, bei welchen Ihr auch mit thätig waret, Susquesus.«

Der Indianer stieß einen leisen Ausruf aus, aber es ist nicht wahrscheinlich, daß er mich vollkommen verstand. Was war so merkwürdiges daran, daß ein indianischer Einfall stattgefunden, daß ein Haus belagert, Männer erschlagen und Skalpe erbeutet worden waren, daß er sich solcher Dinge ein Vierteljahrhundert lang erinnern sollte?

»Ich sehe das Nest selbst nicht, Sureflint,« fuhr ich fort; »das Haus, in welchem einst mein Großvater wohnte.«

Der Onondago sprach nicht, aber er deutete mit einem Finger in nordöstlicher Richtung, mit einer sehr deutlichen und nachdrücklichen Geberde, wie es bei seinem Volke gebräuchlich ist. Ich erkannte das Haus aus den mir mündlich gemachten Schilderungen, aber es fing an zu vermodern und war ziemlich im Verfall. Holzklötze grün aufgeschichtet und in solcher Art von Struktur verbunden, halten sich etwa dreißig bis vierzig Jahre, je nach der Natur der Bäume, von welchen sie kommen, und der Art und Weise, wie sie gedeckt und geschützt werden. In dieser Entfernung konnte ich nicht gut unterscheiden, in wie fern und in welchem Maaß die Zeit ihr Werk gethan hatte; aber ich bildete mir ein, von solchen Dingen genug zu verstehen, um mir sichere Rechnung machen zu dürfen, daß ich an dem Nest kein sehr behagliches Heimwesen finden würde. Eine Familie wohnte in dem alten Hause, und ich hatte schon hin und wieder Käse gesehen, welche auf dem sehr hübschen daran stoßenden Gute gemacht worden waren. Da war auch ein großer und dem Anschein nach in blühendem Zustande befindlicher Obstgarten, und die Felder sahen gut aus; das Haus selbst aber erschien in dieser Entfernung düster und dunkel, und war nur durch seine Gestalt und seine Kamine von jedem andern Gebäude aus Holzklötzen zu unterscheiden.

Ich war betroffen über den schweigenden, träumerischen, sabbatähnlichen Charakter der Felder nah und fern. Mit Ausnahme einiger wenigen halbnackten Kinder, welche um die Wohnungen herum sichtbar waren, denen wir am nächsten standen, konnte ich kein menschliches Wesen entdecken. Die Felder waren von Menschen gänzlich entblößt, aber man sah viel Hornvieh grasen.

»Meine Hintersaßen sind nicht ohne einen Grundstock, wie ich sehe, Sureflint,« bemerkte ich. »Hier ist Vieh genug auf den Waiden.«

»Ihr sehen alle jung,« antwortete der Onondago. »Das der Krieg machen. Die alten geschlachtet für Soldaten.«

»Beiläufig bemerkt, da diese Ansiedlung der Plünderung entgangen ist, sollte ich meinen, die Leute darauf hätten etwas sich erwerben sollen, indem sie Vorräthe an die Armee verkauften. Vorräthe und Lebensmittel aller Art waren sehr gesucht und wurden hoch bezahlt, wie ich mich erinnere, als wir mit Burgoyne zusammentrafen.«

»Gewiß, Eure Leute verkauft an beide Theile – guter Handel, damals. Nahrung geliefert Yankees. Den Amerikanern. Nahrung geliefert Yengeese. Den Engländern.

»Nun, ich zweifle nicht daran, daß es so sich verhielt; denn der Landwirth ist in der Regel nicht sehr bedenklich, wenn er einen guten Preis bekommen kann; und wenn er es wäre, so würde das Gewissen des Zwischenhändlers sich zwischen ihn und den Verrath stellen. Aber wo sind denn alle Männer der Gegend? Ich sehe weit und breit keinen einzigen Mann.«

»Nicht sehen? – dort,« versetzte der Indianer, in der Richtung des Weilers hindeutend. »Squire angezündet das Rathsfeuer heute, glauben so, und halten eine Rede.«

»Ja wahrhaftig, dort sind sie, um das Schulhaus versammelt. Aber wen meint Ihr mit dem Squire, der so gerne Reden halten soll?«

»Alte Schulmeister. Gekommen vom Salzsee – großer Freund von Großvater.«

»Ach, Mr. Newcome, mein Agent – ganz recht; ich hätte wissen sollen, daß er der König der Ansiedlung ist. Nun Sureflint, laßt uns weiter gehen; und wenn wir die Schenke erreichen, werden wir wohl erfahren können, um was es sich bei der großen Berathung handelte. Sagt nichts von meinen Absichten; denn es wird lustig seyn, eine Weile zuzusehen, ehe ich selbst spreche.«

Der Indianer stand auf und schritt mir voran, die Höhe hinunter, indem er einen Fußpfad einschlug, mit welchem er genau bekannt zu seyn schien. Nach wenigen Minuten befanden wir uns auf der Hauptstraße, in geringer Entfernung von dem Flecken. Ich hatte den größten Theil der Kleidungsstücke abgelegt, welche zu tragen bei den Gentlemen im Jahre 1784 üblich war, und ein Jagdhemd und Ledergamaschen angezogen, als die passendste Tracht für die Wälder; und in Folge hievon wäre es für einen, der nicht in die Sache eingeweiht war, schwer gewesen, zu errathen, daß der Mann, der zu Fuß, in solcher Tracht, seine Vogelflinte im Arm und von einem Indianer begleitet ankam, der Eigenthümer des Gutes sey. Ich hatte neuerlich Nichts nach Ravensnest wissen lassen, daß ich bald dort einzutreffen gedächte; und wie wir so dahin schritten, kam mir plötzlich der Einfall und die Lust, mir die Dinge erst eine Weile Inkognito zu besehen. Um dies auszuführen erachtete ich für nothwendig, dem Indianer noch ein paar Worte zu sagen.

»Susquesus,« sagte ich, als wir uns dem Schulhause näherten, das zwischen uns und dem Gasthause stand, »ich hoffe. Ihr habt mich verstanden – es ist nicht nöthig, irgend Jemanden zu sagen, wer ich bin. Wenn man Euch fragt, könnt Ihr antworten, ich sey Euer Freund. Das ist nur die Wahrheit, wie Ihr finden sollt, so lange Ihr lebt.«

»Gut – junger Häuptling hat Augen, – will damit sehen selbst. Gut – Susquesus wissen.«

Binnen einer Minute machten wir Halt unter dem Menschenhaufen vor der Thüre des Schulhauses. Der Indianer war so gut bekannt und so oft auf dem Nest, daß seine Erscheinung gar keine Aufmerksamkeit erregte. Wichtige Angelegenheiten schienen auf dem Tapet zu seyn, denn es war da viel Hin- und Herreden, viel geheime Besprechung, man sah viele gespannte Gesichter und viel Zusammenstecken der Köpfe. Während die Geister so in Aufregung und Unruhe waren, schienen Wenige geneigt, irgend besondere Kunde von mir zu nehmen; aber ich war nicht lange am äußern Saume der Versammlung gestanden, welche etwa sechzig bis siebzig Männer und daneben ungefähr eben so viele erwachsene junge Burschen in sich begreifen mochte, als ich die Frage aufwerfen hörte, wer ich sey und ob ich das Recht zur Abstimmung hätte. Meine Neugier war in hohem Grade rege geworden, und ich stand auf dem Punkte, um Erklärung zu fragen, als ein Mann unter der Thüre des Schulhauses erschien, welcher die ganze Sache in einer Rede erklärte. Dieser Mann hatte ein runzliges, von Sorgen abgezehrtes aber lebhaftes Gesicht, und war etwas besser gekleidet, als die Meisten der ihn Umstehenden, obgleich er nicht sonderlich elegant oder auch nur sauber in seiner Toilette war. Er war grau, von kleiner magerer Statur und mochte sich wohl stark den Sechszigen nähern. Er sprach in bedächtiger, sicherer Weise, wie wenn er schon lange an solche Geschäfte und Verhandlungen, wie die jetzigen, gewohnt wäre, aber mit sehr entschiednem Konnektikuter Accent. Ich sage Konnektikuter, zur Unterscheidung von dem von Neu-England überhaupt; denn während die östlichen Staaten viele Eigenthümlichkeiten in dieser Hinsicht gemein haben, kann ein feines und geübtes Ohr wohl einen Rhodeislander von Einem aus Massachusetts, und Einen aus Konnektikut von beiden unterscheiden. Als der Redner den Mund aufthat, um gekauten Taback auszuspucken, ehe er ihn öffnete um zu sprechen, hörte ich ein Gemurmel neben mir: »Bscht! da ist der Squire; jetzt werden wir etwas zu hören bekommen!« Also dies war Mr. Jason Newcome, mein Agent, und der vornehmste Bewohner der Ansiedlung.

»Mitbürger,« begann Mr. Newcome, »Ihr seyd heute versammelt in einer höchst wichtigen, und ich darf wohl sagen hochernsten Sache – in einer Angelegenheit geeignet alle unsre Geisteskräfte in Anspruch zu nehmen. Euch liegt jetzt ob, Euch zu entscheiden über die Benennung des Kirchengebäudes, das Ihr aufzuführen im Begriffe steht nach einer Kirchengesellschaft, und man kann in gewissem Sinne sagen, daß das Heil Eurer Seelen bei Eurer Entscheidung betheiligt ist. Eure Berathungen sind schon eröffnet mit Gebet, und Ihr steht jetzt im Begriffe zu einer Endabstimmung zu schreiten. Meinungsunterschiede bestehen unter Euch und haben unter Euch bestanden; aber Meinungsverschiedenheiten bestehen überall. Sie gehören zur Freiheit, deren Segnungen sich nicht genießen lassen ohne volle und freie Kundgebung verschiedner Meinungen. Die religiöse Freiheit fordert Verschiedenheit der Meinungen, möchte man sagen, und ohne sie gäbe es keine religiöse Freiheit. Ihr Alle kennt den gewichtigen Grund, der dazu drängt, bald zu einem Entschluß und Beschluß zu kommen. Der Eigentümer des Grundes und Bodens wird diesen Sommer sich bei uns einfinden, und seine ganze Familie hat einen verzweifelten Hang zu einer götzendienerischen Kirche, welche den Meisten von Euch mißfällig ist. Um daher alle möglichen Folgen seiner Einmischung zu verhüten, sollten wir uns sofort entscheiden, und das Haus nicht bloß aufrichten, sondern auch unter Dach bringen, ehe er ankommt. Aber wir sind unter uns selbst etwas getheilt gewesen, und das ist eine andre Sache. Bei den frühern Abstimmungen ergaben sich sechs und zwanzig Stimmen für die Kongregationskirche, fünf und zwanzig für die Presbyterialkirche, vierzehn Methodisten, neun Baptisten, drei Universalisten und ein Episkopale. Nun ist nichts klarer, als daß die Mehrheit entscheiden soll, und daß es die Pflicht der Minderheit ist, sich zu unterwerfen. Meine erste Entscheidung als Moderator war, daß die Kongregationisten eine Mehrheit von Einer Stimme haben; aber da Einige mit dieser Ansicht nicht zufrieden waren, bin ich bereit gewesen, Gründen der Vernunft mein Ohr zu leihen und die Ansicht gelten zu lassen, daß sechs und zwanzig nicht eine Majorität sey, sondern eine Pluralität, wie man es nennt. Da jedoch sechs und zwanzig oder fünf und zwanzig eine Majorität ist gegenüber von neun, von drei, und von Einer Stimme, man mag diese Zahlen jede für sich oder alle zusammen nehmen, ist Euer Ausschuß der Meinung, daß von Baptisten, Universalisten und Episkopalen sollte abgesehen, und die nächste, jetzt vorzunehmende Abstimmung auf die drei höchsten Zahlen sollte beschränkt werden, das heißt, auf die Kongregationisten, die Presbyterianer und die Methodisten. Jeder hat das Recht zu stimmen für wen er will, vorausgesetzt, daß er für eine dieser drei Ansichten stimme. Ich setze voraus, man habe mich richtig verstanden, und werde jetzt die Frage stellen, wenn nicht ein Gentleman Bemerkungen zu machen hat.«

»Mr. Moderator,« rief ein wohlbeleibter, herzhaft aussehender Yeoman aus dem Haufen; »ist es der Ordnung gemäß, jetzt zu sprechen?«

»Vollkommen, Sir – Ordnung, Gentlemen, Ordnung – Major Hosmer steht

Wir standen Alle, wenn auf den Beinen seyn anders stehen heißt; aber das Wort war parlamentarisch und schien wohl verstanden zu werden.

»Mr. Moderator, ich gehöre zur Gemeinde der Baptisten, und ich halte die Entscheidung nicht für gerecht, da sie uns Baptisten nöthigt, für eine Benennung zu stimmen, die uns nicht gefällt, oder gar nicht zu stimmen.«

»Aber Ihr werdet zugeben, daß die Mehrheit entscheiden und herrschen soll?« unterbrach ihn der Präsident.

»Gewiß, das gebe ich zu, denn das ist ein Bestandtheil auch meiner Religion,« erwiederte der alte Yeoman herzhaft und mit der Miene der vollkommensten Treuherzigkeit – »die Mehrheit muß entscheiden und herrschen; aber ich kann nicht einsehen, daß eine Mehrheit zu Gunsten der Kongregationisten vorhanden seyn soll, so wenig als zu Gunsten der Baptisten.«

»Wir wollen noch einmal darüber abstimmen lassen, Major, nur zu Eurer Zufriedenstellung,« versetzte Mr. Newcome, mit der Miene großer Aufrichtigkeit und Mäßigung. »Gentlemen, diejenigen von Euch, die dafür sind, daß die Baptisten bei der nächsten Abstimmung über die Benennung nicht mit aufgenommen werden, sollen so gut seyn, die Hände aufzuheben.«

Da alle Anwesenden, die nicht selbst Baptisten waren, mit Ja stimmten, wurden neun und sechszig Hände aufgehoben. Dann sammelte man ebenso die Nein, und die Baptisten bekamen wieder ihre neun Stimmen wie zuvor. Major Hosmer erklärte sich jetzt überzeugt, obgleich er ein Gesicht machte, als schiene ihm eigentlich doch das ganze Verfahren nicht ganz in der Ordnung. Da die Baptisten die Stärksten unter den drei ausgeschlossenen Sekten waren, machten die beiden andern aus der Noth eine Tugend und wendeten Nichts ein. Es war eine selbstverstandene Sache, daß sie in der Minderheit waren, und eine Minderheit hat, wie dieß in Amerika nur zu oft der Fall ist, sehr wenig Rechte.

»Es bleibt uns nur noch übrig, Gentlemen,« begann der Moderator wieder, der ein Muster von Unterwürfigkeit unter die allgemeine Stimme war; »zwischen den Kongregationisten, den Presbyterianern und Methodisten durch Abstimmung zu entscheiden. Ich werde zuerst die Congregationisten zur Abstimmung bringen; die für diese Sekte sind, die alte, bestehende Gemeinde von Connektikut, mögen so gut seyn, die Hände aufzuheben.«

Der Ton der Stimme, der schmeichelnde, bittende Ausdruck des Auges, und die Worte: die alte, bestehende Gemeinde von Connektikut offenbarten mir sofort das Geheimniß der Wünsche des Moderators. Zuerst wurden nur vierunddreißig Hände emporgehoben; aber nachdem der Moderator diese gezählt, schaute er sich unter der Versammlung um, bis er durch die Gewalt seiner Blicke wirklich noch drei weitere Hände sich erheben machte, worauf er ehrlich genug verkündigte, die Abstimmung ergebe siebenunddreißig Stimmen für die Congregationisten. So hatten höchst wahrscheinlich elf von den dreizehn, welche den zum Schweigen gebrachten Sekten angehörten, für den Moderator gestimmt. Sodann kamen die Presbyterianer und sie bekamen die Stimmen ihrer Leute und zwei von den Baptisten, zusammen im Ganzen siebenundzwanzig, als man die Hände für sie aufheben hieß. Die Methodisten bekamen nun ihre eignen vierzehn Stimmen.

»Da ganz offenbar scheint, Gentlemen,« sagte der Moderator, »daß die Methodisten keinen Zuwachs gewinnen, und sie nicht die Hälfte der Stimmenzahl der Congregationisten haben, und viel wenigere als die Presbyterianer, stelle ich es ihrer eignen, wohlbekannten christlichen Demuth anheim, ob sie nicht zurücktreten sollten?«

»Laßt offen darüber abstimmen, wie Ihr gegen uns gethan!« rief ein Baptist.

»Ist das Euer Wille, Gentlemen? Da ich sehe, daß dem so ist, will ich jetzt abstimmen lassen. Die dafür sind, daß die Methodisten zurücktreten, mögen die Hände emporheben.«

Vierundsechszig Hände wurden emporgehoben und vierzehn waren gegen das Zurücktreten.

»Es ist unmöglich, daß eine Religion sich wehre und aufkomme gegen eine solche Majorität,« sagte der Moderator mit großer anscheinender Aufrichtigkeit; »und obgleich ich es bedauere, denn ich wünschte aufrichtig, wir wären stark genug, um Versammlungshäuser für jede Sekte in der Welt zu bauen, müssen wir doch, da wir es nun nicht sind, die Dinge nehmen wie sie sind, und die Methodisten müssen zurücktreten. Gentlemen, die Frage beschränkt sich jetzt auf die Congregationisten und die Presbyterianer. Es besteht kein großer Unterschied zwischen ihnen, und es ist tausendmal Schade, daß überhaupt irgend einer besteht. Seyd Ihr gefaßt für die Frage, Gentlemen? Da keine Antwort erfolgt, werde ich zur Abstimmung schreiten.«

Und die Abstimmung erfolgte, und das Ergebniß war: neununddreißig gegen neununddreißig, also Stimmengleichheit. Ich bemerkte wohl, daß der Moderator über dies Ergebniß mißvergnügt war, und vermuthete, er werde noch eine entscheidende Stimme in Anspruch nehmen, außer derjenigen, welche er schon abgegeben hatte; aber da kannte ich meinen Mann nicht. Mr. Newcome vermied allen Schein persönlicher Anmaßung; Majoritäten waren sein Cardinalgesetz und Majoritäten allein wollte er die Entscheidung übertragen. Wenn er regieren wollte, so war es mittelst Majoritäten. Die Ausübung einer so zufällig übertragenen Macht wie die eines Vorsitzenden Beamten konnte Aerger, Ingrimm und Neid erregen; aber derjenige, der sich auf eine Majorität stützte, durfte gewiß seyn, das Gewicht der öffentlichen Sympathie auf seiner Seite zu haben. Nein – nein – Mr. Newcome hatte nie eine Meinung, die der der Mehrzahl zuwider lief.

Mit Leidwesen muß ich es sagen, daß sehr irrige Begriffe von der Macht der Majoritäten unter uns Wurzeln zu schlagen anfangen. Es ist etwas ganz Gewöhnliches, als ein politisches Axiom die Behauptung aufstellen zu hören: die Majorität müsse herrschen! Dieses Axiom mag unschuldig genug seyn, wenn die Anwendung in gehöriger Weise geschieht; das heißt einfach: in der Beaufsichtigung und Leitung derjenigen Interessen, bei welchen die Entscheidung Majoritäten zugewiesen ist, müssen Majoritäten herrschen; aber Gott verhüte, daß je Majoritäten in allen Dingen entscheiden und herrschen, in dieser Republik oder sonst irgendwo. Ein solcher Zustand würde bald unerträglich werden und die Regierung, welche ihn duldete, zur gehässigsten Tyrannei machen, die man in der Christenheit in der neueren Zeit gekannt hat. Die Regierung dieses Landes besteht in der Geltung und Herrschaft gewisser großen und unbestreitbaren Grundsätze, welche an sich selbst gerecht sind, in den verschiedenen Constitutionen an die Spitze gestellt werden, und unter deren Voraussetzung und Geltung gewisse geringere Fragen, wie dies nothwendig ist, von Zeit zu Zeit der Entscheidung lokaler Majoritäten überlassen werden; und aus dem häufigen Vorkommen dieser Berufungen an Majoritäten hat sich ein Irrthum entwickelt, der nachgerade eine gefährliche Verbreitung gewinnt. Gott verhüte, ich wiederhole es, daß eine rein persönliche Majorität sich die Macht anmaße, welche allein Grundsätzen gebührt!

Mr. Newcome vermied eine Entscheidung, die von ihm als dem Präsidenten auszugehen hätte scheinen müssen; aber dreimal ließ er abstimmen, und jedesmal ergab sich Stimmengleichheit. Jetzt bemerkte ich, daß es ihm ernstlich unbehaglich zu Muthe ward. Diese Festigkeit bewies, daß die Leute ihren Entschluß gefaßt hatten, und daß sie wohl dabei bleiben würden; da die eine Seite offenbar ebenso stark war wie die andere. Die Umstände erheischten eine außerordentliche Anwendung demokratischer Taktik; und da Mr. Newcome in solchen Dingen sehr erfahren war, konnte es ihm nicht schwer werden, mit den einfachen Leuten fertig zu werden, mit welchen er es zu thun hatte.

»Ihr seht, wie die Sache steht, meine Mitbürger. Das Publikum hat sich auf verschiedene Seiten gestellt und sich in zwei Parteien gebildet. Von diesem Augenblick an muß die Sache als eine Parteifrage behandelt und nach Parteigrundsätzen entschieden werden, wiewohl immer die Mehrheit entscheiden und herrschen muß. Oh, Ihr da, Nachbar Willis, wolltet Ihr so gut seyn und einen Schritt machen in mein Haus drüben, und Miß Newcome (so sagen die Neuengländer statt: Mrs. Newcome) bitten, Euch den letzten Band von den Staatsgesetzen zu geben? Vielleicht enthalten sie ein Wort über die Sache.«

Nachbar Willis that, wie er gebeten worden, und schritt aus der Versammlung fort. Wie ich nachher erfuhr, war er ein warmer Presbyterianer, und zum Unglück für seine Sekte stand er zufällig so unmittelbar vor dem Moderator, daß nothwendig dessen Auge auf ihn fallen mußte. Ich vermuthete, Squire Newcome werde jetzt eine Abstimmung über die Hauptfrage fordern. Aber ich kannte meinen Mann nicht. Das wäre ein zu handgreiflicher Kniff gewesen, und er hütete sich sorgfältig, einen solchen Mißgriff zu begehen. Er hatte Zeit genug vor sich, denn der Moderator wußte wohl, daß seine Frau nicht so bald ein Buch finden könne, das er einer Magistratsperson auf einer Ansiedlung zwanzig Meilen weit entfernt, geliehen hatte; so daß er kein Bedenken trug, eine kleine Privatbesprechung mit ein Paar seiner Freunde anzuknüpfen.

»Um keine Zeit zu verlieren, Mr. Moderator,« sagte Einer von Squire Newcome's Vertrauten, »will ich beantragen, daß es die Meinung dieser Versammlung sey, das Regiment der Kirchen mittelst eines Presbyteriums sey antirepublikanisch, unseren glorreichen Institutionen zuwiderlaufend, und im Widerstreit mit den besten Interessen der Menschheit. Ich stelle die Frage ohne Debatte dem Publikum anheim, da ich mich damit begnüge, die freien unbearbeiteten Gesinnungen meiner Mitbürger über den Gegenstand zu erfahren.«

Die Frage ward gehörig unterstützt und zur Abstimmung gebracht, und das Ergebnis war neununddreißig Stimmen für und achtunddreißig dagegen; oder eine Majorität von Einer Stimme für den Satz, daß das Presbyterialregiment antirepublikanisch sey. Das war ein großer Meisterstreich. Nachdem ausgemacht war, es sey den Institutionen zuwider, ein Presbyterium zu haben, war viel dafür gewonnen, eine andere Kirchengesellschaft zur tonangebenden auf der Ansiedlung zu erklären. Keine Religion kann sich gegen die politische Gesinnung in diesem Lande halten, da die Politik tagtäglich die Gemüther der Menschen beschäftigt und sich ihren Taschen fühlbar macht.

Es ist sonderbar genug, daß, während alle Sekten darin übereinstimmen, die christliche Religion komme von Gott und ihre Dogmen seyen zu betrachten und anzunehmen als die Gesetze der unendlichen, ewigen Weisheit, sich so unlogische oder so anmaßende Menschen finden, die sich einbilden, irgend einer, auch nur der geringste ihrer Sätze könne geschwächt werden oder an Stärke gewinnen durch Unvereinbarkeit oder durch Uebereinstimmung mit den Erfindungen und Vorkehrungen menschlicher Institutionen. Ebenso gut könnte man sofort zugeben, das Christenthum sey nicht göttlichen Ursprungs, oder den noch ausschweifenderen Satz aufstellen, die von Gott selbst gegründete Weltökonomie und Ordnung könne irgend wie durch die beschränkten und kurzsichtigen Einfälle und Plane der Menschen verbessert werden. Dennoch kann man sich nicht verhehlen, daß hier ebenso wie anderswo die Kirchen nach den Institutionen, und nicht die Institutionen nach den Kirchen gemodelt und ihnen anbequemt werden.

Nachdem dieser Erfolg errungen war, verfolgte der Vertraute des Moderators seinen Vortheil noch weiter.

»Mr. Moderator,« fuhr er fort, »da diese Frage nun ganz einen Parteicharakter angenommen hat, ist es offenbar gehörig, daß die Partei, welche die Mehrheit hat, in ihrem Verfahren nicht gehemmt werde durch die Schritte und Bewegungen der Minorität. Das Presbyterium ist von dieser Versammlung verworfen worden, und seine Freunde sind jetzt zu betrachten, wie eine bei einer Staatswahl geschlagene Partei. Sie können mit der Regierung Nichts zu schaffen haben. Ich beantrage daher, daß diejenigen, welche dem Presbyterium entgegen sind, unter sich eine Berathung halten, um einen Ausschuß zu ernennen, welcher der Majorität eine Benennung und Ordnung der Kirche vorschlage, die den Bewohnern von Ravensnest genehm seyn mag. Ich hoffe, dieser Antrag wird ohne Debatte zur Abstimmung gebracht werden. Der Gegenstand ist religiöser Art, und es ist unklug, Streit und Kampf zu erwecken über Etwas, das irgend wie mit der Religion zusammenhängt.«

Ach, ach! Wie viel Schaden ist der Sache des Christenthums zugefügt, wie sind die Gesetze Gottes und die Vorschriften der ächten Sittlichkeit verletzt worden durch Ausforderungen solcher Art, welche die Absicht haben, die Prüfung und Erörterung zu ersticken und den Schüchternen und Blöden die Entwürfe und Anschläge der Ränkesüchtigen und Betrüger aufzunöthigen! Die Rechtlichkeit ist immer einfach und offen; während der Teufel seine Zuflucht nimmt zu solchen Vorschlägen voll anscheinender Nachgiebigkeit und angeblicher Zugeständnisse, um seine boshaften Plane zu verheimlichen.

Aber der Vorschlag verfing; denn Volksversammlungen, die einmal einem maßgebenden Einfluß unterworfen find, lassen sich so leicht handhaben und lenken, als ein Schiff, das seinem Steuer gehorcht; und die Stärke der Strömung verleiht diesem wesentlichen Theile des Schiffes immer neue Kraft. Demgemäß ward der Antrag unterstützt und zur Abstimmung gebracht. Da keine Debatte stattgefunden, die man als irreligiös dargestellt hatte, war das Ergebniß genau dasselbe wie bei der vorigen Frage. Mit andern Worten, es war eine Majorität von Einer Stimme dafür: gerade die Hälfte der Versammlung, den weggeschickten Mann mit inbegriffen, des Mitsprechens in der Sache für verlustig zu erklären, und zwar dies nach dem Grundsatz: daß die Majorität herrschen müsse. Hieraus begaben sich die Mitglieder der Majorität in das Schulhaus, wo beliebt wurde, einen Ausschuß von sechsundzwanzig Männern niederzusetzen, um der Majorität einen Kirchenordnungsentwurf vorzuschlagen. Dieser Ausschuß, so achtbar seinem Charakter nach und so einflußreich durch seine Zahl, säumte nicht zu handeln. Wie es seinem moralischen Gewicht zustand, erstattete er einmüthig Bericht: die Kirchenordnung der Congregationisten sey die für die Bewohner von Ravensnest zuträglichste. Dieser Bericht wurde durch Zuruf angenommen und der Caukus Amerikanisches Wort für Versammlung. vertagte sich sine die.

Jetzt berief der Moderator wieder die gesammte Volksversammlung.

»Mr. Moderator.« sagte der Vertraute, »es ist Zeit, daß diese Gemeinde zu einem Beschluß komme über die Hauptgrundsätze. Sie ist lange genug in ihren religiösen Gefühlen beunruhigt worden, und weiterer Verzug könnte zu bleibenden, widrigen Spaltungen führen. Daher beantrage ich, daß es die Ansicht dieser Versammlung sey, daß die Bewohner von Ravensnest den heißen Wunsch hegen, das neue Versammlungshaus, welches sofort erbaut werden soll, gewidmet und bestimmt zu sehen für den Gottesdienst der kongregationistischen Kirche, und daß eine solche Kirche organisirt und ein kongregationistischer Pfarrer, wie es sich gebührt, berufen werden solle. Ich hoffe, diese Frage werde, wie alle übrigen, in vollkommner Harmonie und ohne Debatte durchgehen, wie es sich für den ernsten und heiligen Gegenstand geziemt, womit wir beschäftigt sind.«

Die Frage ward gestellt, und die alte Majorität von Einer Stimme ergab sich zu ihren Gunsten. Gerade als der Mr. Moderator im mildesten Tone dies Ergebniß verkündigte, erschien sein Bote in der Versammlung und keuchte heraus: »Squire, Miß Newcome sagt, sie könne das Buch nirgends finden, weshalb sie glauben müsse, Ihr habt es ausgeliehen.«

»Bei meiner Seele, ja so ist es!« rief der überraschte Moderator. »Es ist nicht auf der Ansiedlung, erkläre ich; aber es hat jetzt Nichts zu bedeuten, da sich eine Majorität in bester Form entschieden hat. Mitbürger, wir haben es mit dem wichtigsten Interesse zu thun, das es für einen Menschen gibt; mit seinem religiösen Zustand, Regiment und Wohlfahrt. Einstimmigkeit ist höchst wünschenswerth in einer solchen Frage; und da vorauszusetzen ist, daß Niemand sich dem Volkswillen widersetzen werde, will ich jetzt die Frage stellen, damit abgestimmt werde zu Gunsten der Erzielung der Einstimmigkeit. Diejenigen, welche für die Congregationisten sind, oder welche lebhaft diese Kirchengesellschaft und die Benennung nach ihr wünschen, mögen die Hände aufheben.«

Etwa drei Viertheile der Hände erhoben sich auf einmal. Das Geschrei: »Einstimmigkeit, – Einstimmigkeit!« folgte, bis eine Hand nach der andern in die Höhe ging, und ich deren dreiundsiebzig zählte. Die übrigen Abstimmenden blieben bei ihrer Weigerung; aber da von der andern Seite keine Frage gestellt wurde, konnte man sagen, die Abstimmung sey, wo nicht eine einstimmige, doch eine sehr entscheidende gewesen. Der Moderator und zwei oder drei seiner Freunde hielten kurze Reden, worin sie die Freisinnigkeit eines Theils der Bürger belobten und Allen Glück wünschten, worauf die Versammlung vertagt wurde.

Dies waren die Umstände, unter welchen die congregationistische Kirche auf der Ansiedlung Ravensnest auf rein republikanische Grundsätze begründet wurde; die Frage war einmüthig durchgesetzt worden zu Gunsten dieser Sekte, obgleich zweiundfünfzig Stimmen von achtundsiebzig offenbar genug dagegen waren! Aber die republikanischen Grundsätze waren gebührendermaßen beobachtet worden und die Sache war abgemacht; die Leute hatten feierlich entschieden, daß sie sehnlich eine Kirche wünschten, die sie in Wahrheit ganz und gar nicht wünschten.

Keine Beschwerden wurden erhoben – im Augenblick wenigstens nicht. Die Versammlung zerstreute sich, und wie Mr. Newcome durch sie hindurchschritt, mehr mit der Miene und Haltung eines Unterlegenen als eines Siegers, fiel ihm meine Person zuerst in's Auge. Er prüfte mich scharf, und ich bemerkte in seinem Wesen Etwas wie Zweifel und Mißtrauen. Gerade in diesem Augenblick jedoch, und ehe er Zeit hatte, eine Frage an mich zu richten, kam Jaap auf dem Wagen herangefahren, und der Neger war ein alter Bekannter, da er oft auf dem Nest gewesen war und den Squire seit länger als einem Vierteljahrhundert kannte. Dies erklärte auf einmal Alles, und einige Aehnlichkeit, die ich sowohl mit meinem Vater als mit meiner Mutter haben soll, trug wahrscheinlich dazu bei, die Wahrheit noch augenfälliger zu machen.

Mr. Newcome war betroffen – das sah man in seinem Gesicht – aber dennoch behielt er seine Selbstbeherrschung. Er trat zu mir, grüßte mich, und gab mir sogleich zu verstehen, daß er mich kenne.

»Das ist Major Littlepage, vermuthe ich,« sagte er. »Ich erkenne großentheils den General in Euch wieder, da ich Euern Vater als jungen Mann kannte; und auch Etwas von Herman Mordaunt, Eurer Mutter Vater, finde ich in Euch. Seit wann seyd Ihr angekommen, Major Littlepage?«

»Erst wenige Minuten,« antwortete ich ausweichend. »Ihr seht meinen Wagen und meinen Diener dort, und wir kommen frisch von Albany. Meine Ankunft fällt auf einen glücklichen Augenblick, da alle meine Pächter eben jetzt hier versammelt seyn müssen.«

»Nun, ja, Sir, ja; es sind so ziemlich Alle da. Wir haben heute eine kleine Versammlung gehabt, um über die Art und Verfassung unserer Religion, so zu sagen, zu entscheiden. Ich vermuthe, der Major kam erst hier an, als die Sache einen Kopf bekam.«

»Ihr habt ganz Recht, Mr. Newcome – die Sache bekam einen Kopf, wie Ihr sagt, ehe ich auf den Platz kam.«

Der Squire ward durch diese Antwort sehr beruhigt, denn ohne Zweifel schlug ihn sein Gewissen ein wenig wegen der Anspielung auf mich und die Kirchengemeinschaft, der ich angehörte, welche er sich erlaubt hatte. Was mich betrifft, so that es mir nicht leid, daß ich so bald einen Blick hinter den Vorhang hatte werfen können, was den Charakter meines Agenten betraf. Es war klar genug, daß er in gewissen Dingen sein eignes Spiel spielte, und es konnte leicht nöthig seyn, daß ich nachsah, ob diese seine Neigung sich nicht auch auf andere Gegenstände und Gebiete erstrecke. Zwar war ich entschlossen, ihn zu entfernen, und einen Andern an seine Stelle zu setzen, aber es waren erst lange und verwickelte Rechnungen in's Reine zu bringen.

»Ja, Sir, die Religion ist ein Interesse von der größten Wichtigkeit für die Wohlfahrt des Menschen, und sie ist nur zu lang unter uns vernachläßigt worden,« fuhr der Moderator fort. »Ihr seht dort das Gerippe zu einem religiösen Versammlungshaus, dem ersten, das in dieser Ansiedlung begonnen wurde, und es ist unsere Absicht, es diesen Nachmittag aufzuschlagen. Die Bunde sind ganz fertig. Die Hebestangen stehen bereit, und Alles wartet nur auf das Wort, um mit dem Aufrichten zu beginnen. Ihr werdet bemerken, Squire, es war der Klugheit gemäß, bis zu einem gewissen Punkte mit dem Baue vorzuschreiten, ehe wir einen Beschluß faßten über die Zuerkennung an eine Religionsgesellschaft. Bis zu diesem Punkt arbeitete natürlich Jeder so, als arbeitete er für seine Kirche: und wir haben das Wohlthätige dieser Politik erfahren und sich erproben sehen, da, wie Ihr Euch überzeugen könnt, die Dielen gehobelt, die Fenster gemacht und mit Glas versehen, das Holz zu den Kirchenstühlen bearbeitet, und Alles fertig ist, um zusammengesetzt zu werden. Sogar die Nägel und die Farben sind angeschafft und bezahlt. Mit Einem Wort, es ist Nichts mehr zu thun übrig, als zusammenzusetzen, die letzte Hand anzulegen und zu predigen.«

»Warum habt Ihr aber nicht das Gebäude aufgerichtet und die letzte Hand angelegt, wie Ihr es nennt, ehe Ihr zu der Abstimmung über Annahme eines Kirchenregiments schrittet, die Ihr, wie ich finde, so eben vorgenommen habt?«

»Das wäre etwas zu weit gegangen gewesen. Major, – ein klein Wenig zu weit. Wenn Ihr Einem eine zu starke Handhabe gebt, so läßt er sie manchmal gar nicht wieder fahren. Wir haben die Sache unter uns besprochen, und beschlossen, die Frage zu stellen, ehe wir weiter gingen. Alles ist glücklich abgelaufen, und wir haben einstimmig beschlossen, uns für die congregationistsche Kirche zu entscheiden. Einmüthigkeit ist ein großer Segen in der Religion!«

»Fürchtet Ihr nicht ein Nachlassen im Eifer in Folge dieses Verfahrens? Keine Weigerung, für Zimmerleute, Anstreicher und Priester mitzubezahlen?«

»Nicht viel – ein wenig vielleicht; aber es wird Nichts zu bedeuten haben, sollte ich meinen. Euer großmüthiges Beispiel, Major, hat seinen Einfluß geübt, und wird, wie ich nicht zweifle, viel wirken.«

»Mein Beispiel, Sir? Ich verstehe Euch nicht, Mr. Newcome, denn ich habe nie von der Kirche vernommen, bis ich Eure Worte in Betreff derselben, als Leiter dieser Versammlung, gehört habe.«

Squire Newcome stockte etwas, räusperte sich, nahm eine Extraportion Taback zum Kauen in den Mund, und dann fühlte er sich dem Versuche gewachsen, eine Antwort zu geben.

»Ich sage Euer Beispiel, Sir; obgleich die Ermächtigung zu dem, was ich gethan, von Eurem geehrten Vater, dem General Littlepage, herrührte, aus der Zeit vor der Revolution schon. Kriegszeiten, wißt Ihr, Major, sind keine Zeiten, Versammlungshäuser zu bauen; so beschlossen wir, die Sache aufzuschieben bis zum Frieden. Frieden haben wir jetzt und unser Ende naht rasch heran; und ich dachte, wenn das Werk überhaupt ausgeführt werden, und dieser Generation noch zu Gute kommen sollte, so müsse es jetzt geschehen. Ich hoffte, es werde in dem Hause noch vor Eurer Ankunft gepredigt werden, und wir würden Euch überraschen können mit dem erfreulichen Schauspiel einer Gott dienenden Gemeinde auf Eurem Gute. Hier ist Eures Vaters Brief, aus welchem ich vor einer halben Stunde den Leuten einen Abschnitt vorgelesen habe.«

»Ich hoffe, die Leute haben immer Gott angebetet und ihm gedient, wenn auch nicht in einem ausdrücklich hiefür erbauten Hause. Mit Eurer Erlaubniß will ich den Brief lesen.«

Diese Urkunde trug das Datum 1770, also vierzehn Jahre vor der Zeit, wo das Gebäude wirklich aufgeführt, und fünf Jahre ehe die Schlacht bei Lexington geliefert wurde. Ich war etwas überrascht hierüber, las aber weiter. Unter Anderem fand ich, daß mein Vater eine allgemeine Bewilligung eines Vorschusses von 500 Dollars an seine Pächter ausgesprochen hatte, behufs der Erbauung eines Gebäudes zum Gottesdienste, wobei er sich, als mein Vormund, eine Stimme bei der Wahl der kirchlichen Gemeinschaft vorbehielt, welcher die Kirche sollte überwiesen werden. Ich kann hier auch bemerken, daß ich, als ich die Pachtverträge untersuchte, fand, daß Credite im vollen Betrag jener Summe im Jahr 1770 gegeben worden waren, und daß das Geld, oder was für Geld galt, der Erlös von Arbeit, Bodenerzeugnissen, Vieh, Butter, Käse u. s. w. die ganze seitherige Zeit über in Mr. Newcome's Händen geblieben, ohne Zweifel zu seinem großen Vortheil. So war vermöge einer späten Benützung und Verwendung des großmüthigen Geschenks meines Vaters der Agent seiner Sache ziemlich gewiß, den ganzen Handel durchsetzen zu können, vorausgesetzt selbst, daß Einige von den Leuten bei der neuerlich erfolgten Entscheidung sich störrisch zeigen sollten.

»Und das hiezu angewiesene Geld ist an den Ort seiner Bestimmung gelangt?« fragte ich, als ich den Brief zurückgab.

»Jeder Heller ist so hinausgegangen, Major, oder wird bald hinausgehen. Wenn die erste Congregationistenkirche von Ravensnest steht, könnt Ihr das Haus mit dem genugthuenden Bewußtseyn ansehen, daß Euer Geld Vieles beigetragen hat zu dem guten Werke seiner Erbauung. Welch ein entzückendes Gefühl muß das erwecken! Es muß ein großer Segen für Landbesitzer seyn, wenn sie sich sagen können, wie viel von ihrem Gelde ihren Mitmenschen zu Gute kommt!«

»Bei mir sollte dies allerdings der Fall seyn, da ich von meinem Vater gehört und in der That selbst auch aus den mir abgelegten Rechnungen gesehen habe, daß nicht ein Dollar Rente je die Ansiedlung verlassen hat, um in die Tasche des Eigenthümers des Gutes überzugehen, – ja, daß die baaren Auslagen meines Großvaters, noch zu den ersten Kosten des Patentes hin, sehr beträchtlich waren.«

»Ich läugne das nicht, Major, ich läugne das nicht. Es ist ganz wahrscheinlich. Aber Ihr werdet erwägen, was der Geist des öffentlichen Fortschrittes erheischt; und Ihr Gentlemen Landbesitzer erwartet natürlich von künftigen Generationen Euren Lohn – ja, Sir, von künftigen Generationen. Dann wird die Zeit kommen, wo die vermietheten Ländereien nutzbar werden und Ihr werdet Euch der Früchte Eurer Großmuth erfreuen.«

Ich verbeugte mich, antwortete aber Nichts. Mittlerweile hatte der Wagen das Gasthaus erreicht, Jaap schaffte den Koffer und das andere Gepäcke heraus. Ein Gerücht hatte sich unter den Leuten verbreitet, ihr Pachtherr sey angekommen, und einige der älteren Pächter, diejenigen, welche Herman Mordaunt – wie sie Alle meinen Großvater nannten, – gekannt hatten, versammelten sich um mich, mit einer offenen, freimüthigen Herzlichkeit, in welcher sich Neigung und Wohlwollen mit Achtung mischte. Sie wünschten meine Hand zu fassen. Ich schüttelte die Hände mit Allen, welche kamen, und kann mit Wahrheit sagen, daß ich an jenem Tage keines Mannes Hand in der meinigen hielt, ohne das Gefühl, daß das Verhältniß zwischen Grundherr und Pächter ein solches sey, welches wohlwollende und vertrauensvolle Gesinnungen erwecken sollte. Das Besitzthum Ravensnest war mir durchaus nicht nothwendig zu einer behaglichen Existenz; und ich war in der That ganz geneigt, wo nicht von künftigen Generationen, doch von einer spätern Zeit die Vortheile zu erwarten, welche es mir bringen konnte. Ich bat die Leute zu mir herein, bestellte eine Schüssel Punsch, denn zu jener Zeit war ein Trunk die unerläßliche Begleitung jeder Bewillkommnung, und bestrebte mich, bei meinen neuen Freunden mich beliebt zu machen. Ein Schwarm Weiber, von welchen ich noch nicht gesprochen, wartete mir auch auf; und ich mußte die Ceremonie durchmachen, mir viele von den Frauen und Töchtern von Ravensnest vorstellen zu lassen. Im Ganzen war die Begegnung freundlich und mein Empfang warm.

 

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