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Der Kesselflicker

Alfons Petzold: Der Kesselflicker - Kapitel 1
Quellenangabe
authorAlfons Petzold
titleDer Kesselflicker
typenarrative
booktitleÖsterreichische Erzählungen des 20. Jahrhunderts
editorAlois Brandstetter
year1984
senderharald_aichmayr@netway.at
publisherResidenz Verlag, Salzburg und Wien
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Alfons Petzold

Der Kesselflicker

Seit Stunden regnete es in unendlicher Fülle, so, als hätte der Himmel alle Ströme der Erde aufgesogen und gäbe nun deren Gewässer großmütig den Menschen zurück. Wie ein graues, langsam flutendes Meer lag es über der Stadt.

Franticek Steppan, ein sechszehnjähriger Kesselflicker, hatte schon seinen mit vielen andersfärbigen Zeugflecken besetzten Rock ausgezogen und über die Stücke mit den Blech- und Drahtwaren gebreitet. Doch das Wasser sickerte auch durch den Rock und läuft an den kostbaren Pfannen, Sieben, Schöpfkellen und Mausefallen herunter und macht dem bösen Rost freie Bahn.

Unterstellen will sich der Junge nicht. Es ist schon spät um Nachmittag, und wegen des Regens hat er heute noch nichts verdient. So zieht er denn auch noch seine mit Schafpelz gefütterte Ärmelweste aus und deckt sie über den Rock. In kürzester Zeit ist er bis auf die Haut naß, was ihm weniger Kummer macht, als die Sorge und sein Hab und Gut auf dem Rücken.

Unentwegt läuft er durch die menschenleeren Gassen und ruft hie und da mit seiner schrillen Knabenstimme:

»Heferl, Reindl, Pfanneflicker ise do!«

Aber welche Hausfrau läßt bei solchem Wetter einen schmutzigen, durchnäßten Kesselflicker in ihre reine Küche. Wenn die zu Hause in der kleinen Slowakenortschaft des Trencziner Komitats wüßten, wie sich der schwächliche Franticek abplagen muß, um die paar Kreuzer für die Schlafstelle im Wiener »Krowoten«-Viertel und die Handvoll Zwiebel für das tägliche Mahl zu verdienen, sie würden gewiß nicht alle Wochen um Geld schreiben. Was nützt ihm die geweihte Kerze, die seine Mutter an seinem Geburtstage vor dem Gnadenbilde von Maria Elend brennen läßt, wenn er sich nie satt essen kann und bei solchem Wetter herumlaufen muß, wie ein Stolch, ja wie ein richtiger, arbeitscheuer Vagabund.

Zitternd vor feuchter Kälte denkt er wehmütig an seine warme Weste, die, hinter ihm über seine Blechschätze gebreitet, sich wie ein Schwamm aufbläht und immer schwerer wird. Vom toten Vater hat er sie bekommen. Der trug sie wohl an die zwanzig Jahre durch alle österreichischen Länder westlich der Maros, und als er zum Sterben kam, gab er sie mit einer Rolle Draht und einem Löteisen aus steirischen Stahl seinem lieben Franticek. Und der Sohn mußte ihm heilig versprechen, auch so ein tüchtiger und gern gesehener Kesselflicker zu werden., wie es der alte Stefanic Steppan dreißig Jahre lang gewesen ist.

Es will nicht aufhören zu regnen. Manchmal weiß er nicht mehr, von wo nur all das viele Wasser kommt. Es scheint nicht nur vom Himmel herunterzustürzen, sondern auch aus den Wänden der Häuser links und rechts hervorzubrechen, aus dem Pflaster herauszuquellen. Ja, sogar vor sich sieht der arme Franticek ein grimmiges Heer Wassertropfen auf sich einstürmen, so daß es ihm den Atem verlegt. Dann steht er auf einen Augenblich in dem bösen Unwetter ratlos da und Tränen jugendlicher Verzweiflung mischen sich mit den Regenperlen auf seinen mageren Bubenwangen. Jetzt ist sogar das kleinwinzige Stück Brot in seiner Hosentasche aufgeweicht, das er sich zum Nachtmahl aufheben wollte. Traurig schiebt er die klebrige Masse in den Mund und würgt sie beim Vorwärtskämpfen durch das Hundewetter mühsam hinunter.

Einigemal kommt er in die Versuchung, im Torbogen eines der Häuser Schutz zu suchen. Aber hier hat er erst vorgestern nach Arbeit umgefragt und er muß trachten, in eine von ihm schon längere Zeit nicht besuchte Gegend zu kommen.

Endlich erreicht er die erste Gasse, wo er beginnen will, seine Fertigkeit im Heilen kranker Töpfe, Kesserollen, Siebe und seine guten Mausefallen und Drahtkörbe anzupreisen. Er tritt in das nächste Haus, verpustet sich, schüttelt das Wasser wie ein Pudel von Hut und Rückenlast und beginnt mit wenig Hoffnung im Herzen von Tür zu Tür sein deutsch-slowakisches Sprüchel herzusagen.

»Heferl, Reindl, Pfanneflicker ise do, gnädige Panni, schöne Nudelsieb und Drahtkastel zum Mausfangen!« Er ist gerade im Begriff, den zweiten Stock zu ersteigen, als ihm ein wütender Anruf von der ersten Stufe wieder herunterreißt.

»Krowotischer Saubinkel, werst net glei außi geh'n aus mein Haus! Glaubst, i hab' dö Stieg'n für di g'weisigt? Schau nur, daß i dir net mit mein Rüattelbesen Füaß mach', So a Gemeinerei!«

Er wagt keine Widerrede, keine Bitte, er kennt die Wiener Hausbesorgerinnen zu gut. Demütig schlüft er wieder in den Regen hinaus.

Alle aber können doch nicht so bös sein, einem armen Slowakenjungen nicht vergönnen zu wollen, seinem Verdienst nachzugehen und dabei auch ein wenig ins Trockene zu kommen. Denn draußen gießt es noch immer wie mit Feuereimern herunter. So zwängt er sich mit seiner Weißblechlast gleich durch das enge Ziertor des nächsten Hauses. Doch schon beim Stiegenaufgang hört und sieht er in der halben Dämmerung das elektrische Licht in den Leuchtbirnen aufspringen, und in seiner nassen Armseligkeit gehorcht er schweigend dem strengen Befehl eines schwarzbekappten, blauchgeschürtzen Mannes: »Schau'n S', daß S' 'nauskommen. Hier ist das Hausieren verboten!«

Wie kalt und grausam doch menschliche Worte sein können. Gleich den eisigen Regentropfen fallen sie in seine Ohren und rinnen von da bis in sein Herz.

Nun läuft er ein paar Geschäftsläden ab und bietet Arbeit und Waren an. Nirgends bekommen seine Hände das Geringste zu tun. Niemand benötigt eine Mausefalle oder ein Sieb. Nur ungute, verdrießliche Worte flattern träge oder springen zornig den armen braunen Kerl an, wenn er sein schüchternes Angebot tut: »Herferl, Reindl, Pfanneflicker ise do! Bitt' schön, Panni kaafen S' schöne Nudelsieb!«

Auch in ein paar Häuser wagte er sich wieder hinein. In einem kommt er bis in den dritten Stock, ohne hinausgejagt zu werden, freilich auch ohne ein einzigesmal seinen Lötkolben gebrauchen zu können. Und in einem anderen Hause darf er sogar eine Viertelstunde lang auf der Kellerstufe sitzen, weil die Frau Hausbesorgerin nachsehen will, ob »der gnä Herr Hausherr nix zum Flick'n hat in seiner Kuchel«. Sie kommt mit leeren Händen zurück und vertröstet ihn auf die nächste Woche: »Zwa Reindln müass'n da sein mit Trümmer Löcher, aber i hab' heut' ka Zeit zum Suach'n, i muaß in d' Waschkuchel! Servas, Rastelbinder!«

Der Tag regnet sich eilig in einen trüben Abend. Die brennenden Lampen in den Wohnungen verkünden huschelige Wärme, trockene Sicherheit. Franticek vermeint die Wassersucht zu haben. Seit Stunden hat er kein trockenes Fleckchen mehr am Leibe. So muß es dem alten Pfarrer seines Dorfes zumute gewesen sein, von dem ihm die Mutter erzählte, daß ihm das Wasser aus Bauch und Füßen gelaufen sei, bis ihm der Tod erlöste.

Die Last auf Franticeks Rücken wird immer schwerer, sein Magen dagegen immer leichter. Im leeren Brotsack ist kein Krümchen mehr herauszukratzen. Manchmal hat er das dumme Gefühl, als käme der arme, leere Magen aus seinem Munde geflogen und bedanke sich schönstens dafür, in dem Bauche eines hungrigen Kesselflickers Gast zu sein. Er klemmt Zähne und Lippen fest zusammen, aber da bekommt er seltsamerweise keine Luft und ihn seinem Rücken fängt es erbärmlich zu stechen an.

Und was ist das?

Auf seinem eiskalten Körper sitzt plötzlich eine glühendheiße Kugel. Er greift erschreckt danach. Mein Gott, das ist ja sein Kopf! Unter der wasserdurchtränkten Hutkrempe brennt es ihn wie Feuer. Eine große, wilde Angst packt sein Bubenherz. Es gibt ja Geister, schrecklich böse Geister, und er ist so weit von Heimat und Mutter fort. Vor ihm zucken hinter dem grauen Regengewebe der Luft die grellen Lichter einer großen Geschäftsauslage mit breit vorsprigendem Gesims. Vier – fünf Minunten will er hier seine Hucke niederstellen, deren Last ihm Löcher in den Rücken drückt, in denen es schmerzhaft tockt, als wären es eiternde Wunden. Diese Schmerz geht durch seinen ganzen Körper, und wenn er atmet, ist es ihm, als zöge jemand einen glühenden Draht aus seiner Brust – ganz, ganz langsam.

Mit zittrigen Händen hält er sich an dem glitschigen Rand des Gesimses fest und entledigt sich seiner Hucke. Ach, ist das gut! Die Beine schwanken ihm aber unter dem Leibe. Er glaubt auf einem schaukelnden Brett zu stehen, von dem er auf einmal in ein großes Loch voll glühender Holzkohle rutschen wird. Jetzt berstet hinter ihm die mächtige Auslagescheibe, die Glassplitter zerreißen ihm seine kostbare Weste und bohren sich ihm ins Gehirn.- Gewaltsam rüttelt er sich auf. Einen heißen Dank der Gottesmutter von Maria Elend. Das Fenster hinter ihm ist noch ganz. Er hat sonderbarerweise mitten auf der Straße geträumt. –

Aber jetzt saust er wirklich das schiefe Brett hinab und in eine riesige Mausefalle hinein. Und an Stelle des Laternenpfahles steht ein langer, grüner Teufel und lacht ... Gellend schreit Fanticek auf: »Ich bein kein Maus – Jesus, Maria, Josef, ich will kein Mauskastel mehr verkaufen. – Bitt' schön, bitt' schön!«

Und dann ruft er noch ganz leise, flehend in die Nacht: »Maminku... Maminku...!«

Heimwärtseilende finden den kleinen Fanticek Steppan besinnungslos in einer Wasserpfütze liegen, das schwere Gestell mit den Waren und der schönen Weste über sich gestülpt. Er wird in das nächste Spital gebracht und in ein schneeweißes Bett gelegt.

Rasende Räder des Fiebers schüttern durch den armen Bubenleib. Er kämpft mit den bösen Geistern seines Dorfes um seine kostbaren Pfannen und Siebe, bittet den lieben Gott inständigst um Verzeihung wegen seiner Mausefallen, kniet vor einer Hausbesorgerin und fleht sie an, ihm doch die Weste zu lassen, er würde gewiß nie mehr in ihr Haus kommen.

Gegen den Morgen zu wird er ruhiger. Er wandert im Traum aus seinem lieben Dorf und steht auf einmal vor der Himmelstür. Schüchtern klopft er an. Na ja, der Herr Petrus soll ein rechter Brummbär sein. Aber da macht ihm ja die Mutter Gottes selber auf und lächelt ihm gütig an.

»Franticek«, sagt er zu sich, »die heiligste Frau soll nicht glauben, daß so ein Trencziner Bub ein Faulenzer ist, der nichts kann, als den anderen Leuten das Brot wegzustehlen. Gleich sagst dein Sprüchel her.«

Und hell tönt es durch den stillen Krankensaal: »Heferl, Reindl, Pfanneflicker ise do. Panni Mutter Gottes, schöne Nudelsieb, Mauskastel, Bitt' schön, kaafen S' was –!« Da lächelt die Mutter Gottes noch mehr, tritt etwas auf die Seite und sagt: »Komm nur herein, lieber Franticek! Wir haben schon lange auf dich gewartet, eine halbe Ewigkeit hast du Arbeit bei uns!«

Fröhlich schlüpft Franticek Steppan mit Draht, Blech und Vaters Weste duch die strahlende Tür.

Der Arzt läßt die magere, braune Bubenhand los. »Der arme Kerl hat es überstanden, Schwester! Stellen Sie die spanische Wand auf und schreiben Sie seinen Leuten!«








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