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Der Karneval und die Somnambule

Karl (Leberecht) Immermann: Der Karneval und die Somnambule - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Karneval und die Somnambule
authorKarl Leberecht Immermann
year1989
publisherVerlag der Nation
addressBerlin
isbn3-373-00326-1
titleDer Karneval und die Somnambule
pages3-116
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1830
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Karl Leberecht Immermann

Der Karneval und die Somnambule

Aus den Memoiren eines Unbedeutenden

Erzählung

(1830)

Der arme Schelm, aus dessen Papieren wir die folgenden Blätter mitteilen, gehörte zu den Leuten, aus denen andere nichts machen, weil sie selbst wenig aus sich machen. Er war der Meinung, daß in einer Zeit, welche Reiche entstehen und fallen sah, während ein Knabe kaum zum Manne wurde, das Schicksal eines einzelnen im Grunde nicht viel zu bedeuten habe. Es ist ihm zuweilen sehr übel gegangen; er fand aber immer bald den Ton der Gleichgültigkeit oder des Scherzes über sein Unglück; denn er mußte an die Schlachtfelder Europas denken und an die Völker, deren Gebeine auf ihnen bleichen.

Wir wollen dies weder loben noch tadeln, sondern die Leser nur bitten, sich durch den Ton seiner Reminiszenzen nicht täuschen zu lassen. Es folgt denselben so viel Herzeleid, als eine gefühlvolle deutsche Romanleserin wünschen kann, wenn der Held der Geschichte auch verschmäht hat, seine Schmerzen jammernd vorher zu verkündigen.

Ich bin von jeher ein großer Liebhaber alles Merkwürdigen gewesen, und wenn es mir nach meinen Wünschen im Leben gegangen wäre, so hätte ich die ägyptischen Pyramiden und den Niagarafall sehen müssen. Ich kam aber nicht bis zu diesen Wunderdingen, sondern blieb meistens auf die Wanderung um den runden Tisch meines Studierzimmers beschränkt. Als ich mich eben anschickte, wenigstens die Tour durch Frankreich und Italien zu machen, lernte ich meine nachherige Frau kennen, die mit ihrem Oheim gerade von Neapel über Rom, Mailand und Paris zurückkehrte. Ich wollte die Gelegenheit benutzen, mich aus ihrem Munde über so manches, was mir als einem gründlich Reisenden not tat, unterrichten zu lassen, und besuchte den Oheim und die Nichte täglich in den Abendstunden. Weiß der Himmel, wie es zuging – sie hatte noch nicht halb ihren Kursus vollendet, als ich mich schon ganz verliebt fühlte. Ich sagte ihr, was ich in mir entdeckt hatte. Sie lachte anfangs stark über mich – denn sie ist von sehr lustiger Gemütsart –; nachher lachte sie schwächer; späterhin lachte sie gar nicht, und endlich, als ich ihr sagte, ich würde sterben, wenn sie mich nicht erhörte, lachte sie wieder. Sie meinte, daß ich zwar wohl nicht sterben werde, wenn sie die Grausame bleibe, daß sie mir aber doch das Jawort geben wolle, weil das Heiraten in der Welt einmal hergebracht sei. So geriet ich, statt in fremde Länder, in den Ehestand. Das Reisegeld ging zur Einrichtung unserer Wirtschaft auf; alles, was ich von Frankreich und Italien weiß, habe ich aus Reisebeschreibungen und durch den mündlichen Unterricht meiner Frau.

Überhaupt hätte ich mehr in meinem Leben gesehen, wenn mir nicht zwei fatale Eigenschaften von den Kinderschuhen her anklebten. Ich bin, daß ich es nur gestehe, gar zu gründlich; mir machte ein Gegenstand keine Freude, wenn ich nicht, bevor ich mich ihm nähere, alles gelesen habe, was von andern über denselben geschrieben worden ist. Das möchte noch hingehn. Aber was schlimmer ist: jeder Stein unterwegs, jeder Strauch kann mich zerstreuen und vom Ziele ablenken. Ein geistreicher Franzose, mit dem ich mich über diese Sonderbarkeiten unterhielt, sagte lächelnd, daß ich darin nur meine Landsleute repräsentiere, die auch vor lauter Denken nie zu den Sachen gekommen seien und deren Verein auf dem Wege zu einer Nation sich bei allerhand italienischen und spanischen Steinen so lange verweilt habe, bis die rechte Zeit vorüber gewesen sei. Ich glaube aber, meine Nativität ist an dem Unheil schuld gewesen. Mein Vater, der Professor der alten Sprachen, beschäftigte sich gerade neun Monate vor meiner Geburt mit einer Abhandlung über sämtliche weniger bekannten Ausgaben des Horaz, und gerade in der Stunde, die mich der Welt bescherte, trat die Sonne in das Zeichen des Krebses. Was Wunder, daß die Theorie bei mir eine große Rolle gespielt und daß jenes Gestirn oft meinen Lebensgang regiert hat?

Dem sei nun, wie ihm wolle: mir ist zuweilen unter solchen Umständen etwas recht Ärgerliches begegnet. Meine Frau, die ich auf dem Wege nach Italien fand, lasse ich gelten; ich liebte sie herzlich, als ich sie nahm. Aber wie ging es mir mit dem berühmten Eßlair? Dieser große Künstler kam in unsre Stadt; Wallenstein war für den Abend angekündigt. Ich freute mich wie ein Kind, endlich einmal wieder aus würdigem Munde den goldenen Strom der Poesie rauschen hören zu dürfen. Dieser Abend, dachte ich, soll dir manches Dilettantenkonzert und viele gesellige Lustbarkeiten überstehen helfen. Unglücklicherweise fällt mir nachmittags vier Uhr ein, daß Tieck in seinen dramaturgischen Blättern über den Künstler gesprochen hat. Ich greife nach dem Platze des Buchs – es ist nicht da. Ich erinnere mich, es an Freund Emil verliehen zu haben. Der Bediente ward zu ihm gesandt und bringt nach drei Viertelstunden ein Billett: ich möge mich nur erinnern, daß ich das Verlangen schon vor drei Tagen zurückempfangen habe. Richtig – ich erinnere mich jetzt des Umstandes. Von neuem durchsuche ich das ganze ästhetische Fach und bemerke einige juristische Dissertationen, die sich höchst unberufenerweise in das Gebiet des Schönen geschlichen hatten. Diese waren zuvörderst an die ihnen gebührende Stelle zu bringen. Kein Tieck wird sichtbar. Doch finde ich Engels Mimik und kann mich nicht enthalten, einige Seiten über den Ausdruck des Pathetischen und der Leidenschaft darin nachzulesen. Bei der Leidenschaft fällt mir das Werk des Professor Maaß von den Leidenschaften ein; ich steige zu den Philosophen empor und hole mir das Buch, um eine Parallelstelle zu vergleichen. So bin ich vertieft in Engel und Maaß, als ich zufällig in die Tasche greife und ein Büchlein darin fühle. Ich ziehe den Fund heraus – was habe ich in der Hand? Tiecks dramaturgische Blätter. Ich hatte sie zu mir gesteckt, als ich meinen Freund vorgestern verließ.

Jetzt will ich lesen; mein Blick fällt auf die Uhr, zum größten Schreck sehe ich, daß es schon halb sieben Uhr abends ist. Ich greife zu Hut und Stock, eile auf die Straße, dem Theater zu, welches ziemlich weit von meiner Wohnung liegt. In der Nähe des Gebäudes strömt mir ein Zug Rückkehrender entgegen. Ich rudere hindurch zur Kasse; da zeigt der Kassierer auf den leeren Fleck vor ihm. Sämtliche Billetts sind vergeben; wenn ich vor einer halben Stunde gekommen wäre, meint der Mann, hätte er mir noch allenfalls einen Platz im zweiten Range verschaffen können. – Ich habe Eßlair nicht zu sehen bekommen; er reiste am folgenden Morgen wieder ab.

Zu einer andern Zeit schrieb mir ein hoher Gönner aus Frankfurt am Main, eröffnete mir die Aussicht zu einer glänzenden diplomatischen Karriere und gebot mir, am bestimmten Tage in der Bundesstadt zu sein, weil an demselben der Minister dort eintreffen werde, dem er mich empfehlen, mich vorstellen wolle. Ich hatte immer mit Leidenschaft mich in jenes Fach gewünscht; ich glaubte dazu geboren zu sein. Die Welt und ihre Verhältnisse als Stellvertreter der Fürsten kennenzulernen – das erschien mir in gewisser Hinsicht wie ein Abglanz des fürstlichen Daseins selbst. Freudig reiste ich ab, den Koffer voll politischer Werke; mein Weg führte über Ems. Dort wollte ich nur eine Nacht verweilen, lernte aber unglücklicherweise ein Frauenzimmer keimen, von dem in diesem Abschnitte leider noch öfter die Rede sein wird, und blieb drei Tage an der Lahn. Als ich in Frankfurt ankam, war alles zu spät: der Minister war abgereist; mein Gönner empfing mich mit Kälte. Er zeigte sich befremdet über die Nichtachtung seines Worts. Das verhängnisvolle Abenteuer unterwegs hatte mir den Pfad zur Größe verschüttet: ich bin nicht Diplomat geworden. Das geschah, ehe meine Frau mir Unterricht über Italien und Frankreich gab.

So ist es mir hundertmal gegangen. Ich kam fast nie zu dem, was ich erreichen wollte. Ein alter akademischer Bruder nannte mich deshalb den Virtuosen im Quängeln. Weiß ich doch nicht einmal, ob ich in diesem Abschnitte meiner sogenannten Denkwürdigkeiten erzählen werde, was ich zu erzählen mir vorgesetzt hatte! Ich wollte nämlich den Kölnischen Karneval schildern, oder vielmehr, ich wollte berichten, was mir bei Gelegenheit desselben begegnete; denn von dem Karneval selbst habe ich auch nichts gesehen. Und wirklich stände wohl nichts im Wege, jetzt zur Sache zu kommen.

Unser deutsches Fest unterscheidet sich von dem römischen und venetianischen bekanntlich darin, daß wir nicht wie die Leute im Süden das Entstehen des Scherzes einem blinden Ungefähr überlassen, sondern denselben gehörig vorbereiten und nach einem gewissen Systeme erziehen. Wenn es in jener berühmten Schilderung der italienischen Freude heißt, daß mit dem Glockenschlage vom Capitol herab die Erlaubnis gegeben werde, unter freiem Himmel töricht zu sein, so klingt das zwar recht hübsch. Und für Leute ohne Nachdenken mag diese Art und Weise sich passen. Wir aber haben die Idee des Festes ernsthafter oder, wie man jetzt zu sagen pflegt, tiefer und großartiger aufgefaßt.

Ein festordnendes Komitee wird lange vor den Faschingstagen ernannt; Generalversammlungen und Spezialausschüsse bestimmen, welche Scherze im allgemeinen und welche im besonderen gemacht werden sollen; eine eigene Karnevalszeitung erscheint in verschiedenen Nummern und hat einen verantwortlichen Redakteur – kurz, nichts unterbleibt, was der Sache eine gewisse Konsistenz und Konsequenz geben kann. Die alte tolle Stadt Köln, wie sie sich selbst in jener Periode nennt, schickt sich zu ihrer Unvernunft mit Überlegung an und verschmäht es, wie ein unbesonnener Backfisch von sechzehn Jahren blind hineinzuspringen.

Ich wollte im Jahr ... denn auch hinreisen. Ich sagte meiner Frau den Vorsatz, und diese versetzte: «Nun wohl, so reise nach Köln!» – «Mein Kind», erwiderte ich, «das ist leicht gesagt; aber dazu gehört eine ernste Vorbereitung.» – «Zu Possen?» fragte sie lachend. – «Allerdings!» antwortete ich.

Sogleich ließ ich mir die Beschreibung der früheren Jahre holen; denn es fehlt nicht an Schriften, welche das Vorgekommene aufbewahren, damit ja nichts verlorengeht. Ich erfuhr aus denselben, daß die Prinzessin Venetia unsern Helden besucht habe und daß der Held späterhin nach dem Monde verreist sei. Auch daß man Goethe eingeladen habe, daß der Dichter aber nicht gekommen sei. Ferner, daß die Sache ihresgleichen suche an Genialität und Überschwenglichkeit der Laune. Endlich: daß Bestevader der Pantalon, Hänneschen der Harlekin von Köln sei und daß die alte Stadttruppe, die Funkengarde, etwas weitläufige Röcke trage.

Mit diesen Vorkenntnissen machte ich mich an das Studium der Faschingszeitung, die in elf Nummern vor dem Feste herauskam. Ich ersah daraus, daß man alle Narren der Welt zu einem großen Narrentage zusammenberufen wolle. Viele Anspielungen blieben mir aber dunkel. Ich glaube, ein fortlaufender erklärender Kommentar zu den Scherzen jener Zeitung würde sehr zweckmäßig sein.

Noch am letzten Abend vor der Abreise saß ich im Lampenlichte meines Arbeitszimmers und las an der letzten Nummer. Meine Frau trat herein, sah mir über die Schulter und sprach: «Verdirb doch die Zeit nicht mit dem dummen Zeuge!» Ich wußte nicht, was sie wollte. «Das viele Reden und Plaudern von einem Schwanke ist mir ganz unausstehlich», sagte sie. «Ich weiß gar nicht, wie die Leute darauf kommen, sich ihrer Fröhlichkeit halber zu rühmen und das gar drucken zu lassen. Mir wird immer weinerlich zumute, wenn ich jemanden sagen höre: Morgen will ich recht ausgelassen lustig sein.» – «Ihr Frauen habt überhaupt keinen Sinn für dergleichen!» fiel ich ihr ins Wort. – «Das mag wohl sein», erwiderte sie. «Indessen...» Sie wollte etwas hinzusetzen, ein spöttisches Lächeln schwebte um ihre Lippen; sie stockte und sagte dann: «Wer Lust hat, Geckenstreiche zu treiben, nun, der treibe sie! Wer sie aber nicht aus dem Stegreife machen kann, der täte besser, wie ich meine, in den letzten Tagen vor dem Aschermittwoch auch gesetzt und vernünftig zu bleiben, wie er es vorher war und nachher ist. Du kannst nicht glauben, wie sonderbar einem euer pedantisches Vergnügen vorkommt, wenn man den Spektakel in Italien hat mitansehen müssen.»

«Wir sind nun aber in Deutschland», rief ich aus, «und wir leben im Zeitalter des Bewußtseins. Auch die Laune will sich selber anschauen, sich mit Klarheit genießen, sich... wie soll ich sagen? sich...»

«Nun...» fragte sie lächelnd.

«Sich... Liebes Kind, es ist schwer darüber zu reden. Aber glaube mir, es ist so, wie ich es meine, und alle unsre klugen Leute sind darüber einverstanden.»

Sie nahm das Blatt der Zeitung, über die wir stritten, in die Hand und rief auf einmal, aus demselben zu mir aufsehend: «Hm! Was steht denn hier? Lies doch!» – Ich las unter den vermischten Anzeigen folgende:

«Die interessantesten Erinnerungen vom Felsen Bäderley bei Ems erwarten einen Mann von Geist und Gefühl am Fastnachtsabend vor dem großen Ballsaale.»

Ich stand stumm und starr vor Schreck – Erstaunen – geheime Freude. Die Anzeige ging mich an; sie bezog sich auf mein Emser Abenteuer. Eine Unbekannte, deren Andenken der Ehestand keineswegs ganz vertilgt hatte, gab mir ein Zeichen – unbegreiflich! Wie hatte sie voraussetzen können, daß ich gerade dieses Blatt lesen würde? Eine Fülle trauriger und zärtlicher Bilder gaukelte vor meinem Geiste. Ich wünschte allein zu sein; in Gegenwart einer Gattin kann man sich gewissen Erinnerungen nicht mit Unbefangenheit hingeben. Meine Frau ging aber nicht, sondern schloß das Pult auf, kramte unter den darin liegenden Heften, zog ein vollgeschriebenes Buch hervor, legte es auf den Tisch und sagte, mit dem Finger auf eine Seite deutend: «Ich will dir Gesellschaft leisten; du wirst als höflicher Gemahl mich unterhalten.»

Es war mein Gedenkbuch, was vor mir lag; es war der verfänglichste Abschnitt, den sie aufgeschlagen hatte. Ich stotterte: «Wenn du glauben könntest, daß irgendeine Verabredung mit jener Unbekannten...»

«... Zu einem Rendezvous gemacht wäre? – Ich glaube es halb und halb. Woher weiß sie, daß du hinkommst? Ich habe so oft die fatale Geschichte in Ausrufungen und Bruchstücken von dir vernehmen müssen. Ich will sie einmal ganz und vollständig hören. Eine Frau muß euch Männern vieles hingehen lassen. Beichte vollständig! Es ist das einzige Mittel, den aufsteigenden Sturm zu beschwören. Ich will dir glauben, daß du von jener Anzeige nichts weißt, wenn du mir unbefangen erzählst, wie weit es zwischen euch gekommen ist.»

Ich war so verlegen, wie es ein Mann von Geist und Gefühl nur sein kann. Tausend Konjekturen durchkreuzten sich in meinem Kopfe. Ach, hätte ich weniger Geist und etwas mehr gesunden Menschenverstand gehabt, ich glaube, ich wäre nicht so vernagelt gewesen. Ich wußte mir durchaus nicht zu helfen. Sie saß schon mit ihrer Arbeit mir gegenüber. Ich bat sie, sich wenigstens so zu setzen, daß ich ihr nicht ins Gesicht zu sehen brauche. Als sie das getan hatte, begann ich mit halber Stimme aus meinem Tagebuche zu lesen.

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