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Der Kampf ums Gold

Reinhold Eichacker: Der Kampf ums Gold - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorReinhold Eichacker
titleDer Kampf ums Gold
publisherUniversal-Verlag
year1924
firstpub1922
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150910
projectid7cb94592
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Vor dem deutschen Reichstagspalast standen die Menschen Kopf an Kopf bis weit in die umliegenden Straßen. Zehntausende drängten sich auf dem Reichstagsplatze, Tausende auf den äußeren und inneren Treppen des mächtigen Bauwerkes. Vor den Eingangstüren starrten dichte Ketten der Ordnungspolizei, verstärkt durch ganze Kompanien der Reichswehr. Der riesige Sitzungssaal war bis zum letzten Platz gefüllt, obwohl nur Besitzer von Einlaßkarten Zutritt gefunden hatten. Ein dumpfes Brummen und Summen lag über dem weiten Parkett, stieg wie ein Bienenschwarm aus den Reihen der Bänke und Sessel, kroch über die Wände und rings um die Säulen, und lagerte wie eine Wolke hoch unter der Kuppel und über den breiten Tribünen.

Der Ministertisch war bis auf wenige Plätze besetzt. Der Reichskanzler fehlte noch. Ebenso der Kriegsminister, der Außenminister und der Finanzminister. Auf deren leere Sessel vereinigte sich das ganze Interesse des wartenden Saales. Die Luft war mit Spannung geladen. Der Name Werndt schwebte auf allen Lippen. Jedes Gespräch, jede Frage hatte ihn zum Anfang und Ende. In den einzelnen Parteien war noch ein hastiges Kommen und Gehen. Die bekannten Gestalten der politischen Führer waren von redenden Herren belagert. Am Journalistentisch tauschten die Vertreter der Reichspresse ihre ersten Notizen.

In einer Nische des rückwärtigen Saales bewegte sich ein graublauer Vorhang. Die Nische diente ursprünglich den Zwecken der Feuerwache, war aber seit Monaten unbenutzt, da sich die Aufstellung des Feuerpostens an dieser Stelle als unzweckmäßig erwiesen hatte. Der Vorhang wurde vorsichtig zurückgezogen und gab einen schmalen Streifen zum Saal frei. Der Kopf Dulavets drängte sich einen Augenblick vor, sank aber sofort wieder zurück in das Dunkel der Nische.

»Noch nicht,« flüsterte er nach hinten.

Der Russe Artschenko kam einen halben Schritt vor. Der kleine Einsprung bot kaum Platz für die beiden Männer. Die nach rückwärts eingelassene Türe war zugezogen.

Der Russe hielt die Taschenuhr in das hereinfallende Tageslicht.

»Zehn Uhr fünfundzwanzig Minuten,« stellte er fest. »Noch fünfunddreißig Minuten, dann – Die Leute da vorn und oben auf den Tribünen ahnen noch nicht, daß ihr Leben so kurz ist.«

Dulavet blinzelte nervös durch den Lichtspalt.

»Sind Sie sich vollkommen sicher, daß alles programmgemäß gehen wird? Ich habe die Konstruktion der Maschine ganz Ihnen überlassen –«

Der Russe lächelte zynisch.

»Keine Sorge, mein Lieber. Was Artschenko zusammensetzt – Um elf Uhr, genau auf die Sekunde. Wenn man meine Erfahrungen hat –«

Er unterbrach sich. Durch den Saal lief eine plötzliche Bewegung wie eine Westböe. Räuspern, schnell hingeworfene Worte, Husten, Fußscharren, Sesselklappen schuf jene eigentümliche Mischung von Geräuschen, die jeder großen Versammlung vorausgehen wie das Stimmen eines Orchesters. Die Tür hinter dem Ministertisch hatte sich geöffnet. Der ganze Saal hatte sich erhoben. In dem breiten Mittelgang des Podiums standen drei große Gestalten, der Reichskanzler, Freiherr v. Saldern und ein schlanker, sehniger Mann in zurückgelegtem, blondem Haar, mit scharfen, großen Adleraugen, die unverwirrt den Saal überblickten und jeden einzelnen seltsam durchdrangen.

»Werndt!« lief es von Mund zu Mund – »Doktor Werndt –«

Die Minister gingen zu ihren Plätzen und setzten sich. Erst allmählich folgte der Saal ihrem Beispiel. Die Erregung und Spannung ließ nicht ruhig sitzen.

Der Präsident schwang einmal kurz seine Glocke. In knapper Rede, die die Bedeutung der Zeit und des Tages hervorhob, eröffnete er die Sitzung und gab die Tagesordnung bekannt. Dann kam der von allen erwartete Satz, wie eine Erlösung – »Der Herr Finanzminister hat das Wort ...«

»Werndt!« ging es noch einmal über die Reihen, wie eine Erläuterung zu der Ankündigung des Präsidenten.

Walter Werndt hatte sich erhoben. In elastischem Schritt ging er auf die Rednertribüne. Er hatte nichts in der Hand, keine Mappe und kein Papier.

Der Vorhang der Feuernische klappte kurz auf und wieder zu.

»Er steht vor dem Pult!« frohlockte Dulavet. »Gerade über der Maschine. Der Kerl ist verloren.«

»So sicher, wie die Bonbonnière um punkt elf krepieren wird,« gab Artschenko zurück.

Werndt stand allen sichtbar. Er war allen aus den Zeitschriften bekannt, aber von Angesicht zu Angesicht sahen ihn die meisten erst heute. Die Köpfe drängten sich dicht nebeneinander, um keine Bewegung des seltsamen, unheimlichen Goldmannes da oben zu versäumen. Es dauerte fast eine Minute, bis das Klappern und Scharren verstummte.

Werndt wartete ruhig. Eine fast lautlose Stille antwortete seinen Augen. Da hob er merkbar die Stirne und umfaßte den Saal mit einem einzigen Blick, als wolle er Besitz ergreifen von der Seele der Tausende da vor ihm.

»Dieser Mensch ...! Diese Augen –!« wisperte es auf der Tribüne. Die Journalisten warfen sein Bild aufs Papier, so wie jeder es sah. Und jeder sah es verschieden.

Werndt hatte zu sprechen begonnen. Seine mächtige Stimme klang baritonal, wie eine Glocke bis in die hintersten Reihen.

»Deutsche Frauen und Männer!«

Niemand wunderte sich über die ungewohnte Anrede. Bei diesem Manne da oben erschien alles Besondere als selbstverständlich.

»Ich stehe vor Ihnen, um mich zu rechtfertigen. Sie alle hier im Saale und die Hunderttausende draußen auf den Straßen, die Millionen im weiten Reiche, die Milliarden Menschen in der ganzen Welt erwarten und fordern diese Rechenschaft von mir. Denn Sie alle sind Objekte, Betroffene, Leidtragende, Mitgerissene des Umsturzes, den ich einzelner Mensch auf dieser Erde hervorrief.

Ich brauche Ihnen heute nicht zu sagen, was ich tat. Sie wissen es alle. Ich erfand die Herstellung künstlichen Goldes, und ich kämpfte mit diesem Metalle gegen den Fluch des Goldes, der von Urbeginn der Menschheit bestand und Verderben und Unheil säte bis auf den heutigen Tag, wo er uns durch die Augen des Dämons Versailles noch unheimlich anstarrt. In der Stunde, da ich den ersten Schlag gegen den Dämon Gold führte, schien die Welt umzustürzen. Zwei furchtbare Vampyre von gleicher Kraft, das echte Gold und das künstliche Gold, fielen sich aufheulend an und zerfleischten sich in wochenlangem Ringen. Und ihr Blut floß in die Welt, alle Sinne verwirrend, die Augen vernebelnd, ihr Sprung und ihr Wanken wurde zur Panik der Börsen, ihr Kampfschrei wurde zum Notschrei der Menschheit, ihr Taumeln, ihr Sterben wurde zum Chaos auf Erden. Sie haben alle dem furchtbarsten Kampf der Welt beigewohnt und darunter gelitten. Dieser Kampf neigt sich jetzt seinem Ende zu. Das Gold liegt im Sterben –«

Wie eine mächtige Welle brandete die Erregung über die Köpfe, flutete gegen die Wände des Saales und ebbte zurück bis zum Fuße des Redners. Man hielt den Atem an, um den Mann dort zu hören. Werndt fuhr ruhig fort.

»Als ich an jenem denkwürdigen 29. Juli das Amt des Finanzministers übernahm, werden Sie sich wohl alle gewundert haben. Denn ich war Ingenieur, kein Finanzmann. Und doch haben Sie mir vor dem Palaste des Auswärtigen Amtes damals zugejauchzt und mir Ihr Vertrauen geschenkt. Diesen Augenblick danke ich Ihnen. Ich werde ihn niemals vergessen. Er gab mir Kraft in den Kämpfen und Anfeindungen der vergangenen Wochen. Heute habe ich Ihnen Rechenschaft abzulegen als Finanzminister und als Ingenieur. Denn unser Kampf war ein Kampf des Goldes und ein Kampf der Technik. Mit Stolz für mein Volk spreche ich es aus: Deutscher Erfindergeist führte diesen Kampf!«

In der Mitte des Hauses und auf den Tribünen löste sich lebhafter Beifall. Aus den Reihen der Linken kamen erste, höhnische Zurufe. Aber die Brandung legte sich schnell, man wollte hören, nur hören –

»Daß die Hochflut des Goldstroms nicht ohne umwälzende Wirkung auf alle Verhältnisse der Menschheit bleiben konnte, auf eine Menschheit, deren ganzes Gebäude von Macht und Reichtum auf dem trügerischen Boden des Goldes aufgebaut war, ist eine Selbstverständlichkeit. Und doch wurde sie zunächst übersehen, weil der Dämon sich noch einmal aufblähte und durch seinen furchtbaren Anblick die Köpfe verwirrte. Millionen von Menschen sahen ihr Vermögen, ihre Existenz, jeden Halt ihrer Pläne und Berechnungen wanken und stürzen. Die neuen Verhältnisse schienen schlimmer als jemals.

»Sind! Nicht scheinen!« brüllte Breitner herüber.

Walter Werndt streifte ihn nur mit einem flüchtigen Blick.

»Sie schienen schlimmer als jemals,« wiederholte er mit einer Betonung, die jeden neuen Zwischenruf ausschloß. »Die Macht des Goldes schien weit furchtbarer als vorher. Es war nur ein Trugbild. Sie alle haben um Ihr Vermögen, um die nächste Existenz gesorgt und gezittert. Man hat diese Angst geschürt und vergrößert. Ihnen allen sage ich heute die Botschaft: Kein Deutscher soll Schaden leiden an seinem Vermögen!«

Auf der Seite der Unabhängigen und Kommunisten schwoll lautes Gelächter. Breitner und Satt schrien wütende Sätze nach vorne, die in dem allgemeinen Lärm untergingen.

»Ruhe!« brüllte es rechts. Vereinzelte Stimmen der Mitte flackerten auf. Der Vorhang der Feuernische wehte flüchtig zur Seite.

»Zehn Uhr fünfundvierzig!« zischte Dulavet, vor Aufregung zitternd. »Noch fünfzehn Minuten.«

Artschenko stand dicht neben ihm, den Blick wie gebannt auf den Redner gerichtet.

Endlich konnte Werndt wieder sprechen.

»Kein Deutscher soll Schaden erleiden!« wiederholteer mit erhobener Stimme. »Aber jeder Deutsche soll Mitbürger, Mitteilhaber werden eines freien, blühenden Landes.« – Mit einer Bewegung seiner Hand schlug er erneut aufflackernde Zurufe nieder. »Ich komme zur Abrechnung über das, was ich tat.« – Es ging wie ein Aufstöhnen durch den Saal. Die Spannung verursachte fast körperlichen Schmerz. Jeder fühlte, daß jetzt Ungeheueres bevorstand. Die Aufklärung, die Gewißheit, die jeder verlangte, im Guten und Bösen. Werndts Stimme wurde fast nüchtern, und doch zitterte in ihrem Klang ein gewisser Unterton, der alle unwiderstehlich mit fortriß.

»Am achtundzwanzigsten Juli bezahlte die deutsche Regierung mit Gold ihre Kriegsschuld an Frankreich und England. Das Vermögen des deutschen Volkes wurde dadurch um fast hundert Milliarden in Gold vermehrt. Der Preis der Mark stieg zu schwindelnder Höhe. Die deutsche Regierung hatte auf meinen Rat hin schon Wochen vor diesem Tage Milliarden an Mark aufgekauft im weitesten Ausland. Als der Markkurs sich verhundertfachte, stieß die Regierung ihren ganzen Besitz ab. Aus jeder Milliarde ihres Vermögens wurden hundert Milliarden. Dieser Gewinn steht jetzt dem deutschen Volke zur Verfügung. Die Regierung erklärt sich bereit, sämtliche Schäden aus dem Preissturz der Warenlager, des Handels und der Industrie, die heute noch bestehen sollten und von den zu errichtenden Prüfungskommissionen anerkannt werden, auf diesen Reservefond zu übernehmen, die Preisunterschiede der früheren Papiermark und der heutigen Goldmark durch gesetzgeberische Maßnahmen, deren Entwurf heute dem Reichstage überreicht werden wird, auszugleichen und die Interessen jedes deutschen Mitbürgers wie ihre eigenen zu wahren. Jeder Deutsche, der wirklich Schaden erlitt ohne eigenes Verschulden, wird gesetzlichen Anspruch auf Entschädigung haben.«

Wieder brauste es auf. Aber es war wie ein unterirdisches Brodeln. Freude, Zweifel, Hoffnung, Verblüffung malten sich auf den Gesichtern da unten. Die Tribüne wogte wie ein Ährenfeld im Winde.

Der Unabhängige Satt drängte sich dicht an Breitner.

»Er verdirbt uns die Stimmung! – Er darf nicht mehr sprechen!« zischte er ratlos.

Breitners Augen funkelten feindlich.

»Satan, da oben –! Es nützt dir nichts mehr. Du bist doch verloren ...!«

Er sah auf die Saaluhr. Es waren noch sechs Minuten bis elf.

»Betrug!« brüllte er los. »Betrug! Volksverführung! Wir protestieren!«

Er winkte nach rückwärts. Mit lautem Gepolter erhob sich die ganze äußerste Linke und verließ, der Verabredung folgend, fluchtartig den Saal. Laute Entrüstungs- und Pfuirufe brausten ihnen nach.

Werndt hielt den Blick auf den Saal gerichtet und lächelte leise. Er fuhr fort, als sei nichts geschehen.

»Durch die Bezahlung der Schuld von Versailles ist jedes deutsche Vermögen im Werte vervielfacht. Ich will, daß Wohlstand herrsche im freien Deutschland. – Sie sahen, wie die Mark wieder fiel. Aber die deutsche Regierung hatte rechtzeitig Devisen gekauft, als ihr Kurs am niedrigsten stand. Als diese Auslandswerte stiegen, gewann Deutschland wieder und wieder Milliarden. Mit diesen Milliarden bezahlte die deutsche Regierung gestern ihre sämtlichen Schulden an solche Neutrale, die uns voll Vertrauen Kredite gegeben. Deutschland hat heute keine äußeren Schulden mehr!«

Wie unter einem spontanen Zwange sprang der ganze Saal auf. Heilrufe und Händeklatschen der zahllosen Menschen ließ die Wände erdröhnen, doch Werndt winkte ab. Er mußte seine Stimme erheben, um verständlich zu bleiben.

»Durch die Einziehung des Papiergeldes und den Umtausch in Goldgeld verringerte Deutschland seine innere Schuld. Diese Milliarden sind heute bereit zum Rückkauf der Kriegsanleihen. Die deutsche Mark aber machte sich frei von dem Werte des Goldes. Deutsches Geld ist von heute ab durch das kostbarste Metall gedeckt, durch reines Platin, das mir herzustellen gelang, und das Deutschlands Alleinbesitz sein wird, wenn das Gold nur noch Schönmetall ist, im Dienste der Künste. Platin besiegte das Gold. Die Freiheitsmünze, das Hundertmarkstück in Platin, mit dem Bilde von Versailles soll in Zukunft den Wohlstand des deutschen Volkes verbürgen. Und wer uns in Frieden und Freundschaft die Hand reicht, der soll teilhaben an diesem Wohlstand. Deutschland ist zu Freundschaftsverträgen bereit mit jedem, der sich ihm im Kampf für die Menschheit verbündet.«

Es war, als brächen Dämme und Schranken zusammen. In dem Saale war Hochflut, war Jauchzen und Weinen. Und doch lauschte man auf den Sprecher wie in einer Kirche, mit staunender Andacht, die Augen umnebelt von Schleiern der Rührung.

Werndt sprach schneller weiter. Seine Adleraugen waren hart geworden. Seine Worte kamen wie Keulenschläge.

»Man hat Deutschland diesen Weg nicht gegönnt. Äußere und innere Feinde haben die Massen verwirrt, das Volk aufgepeitscht, zum Morde gehetzt.« – Er warf einen Blick auf die leeren Sessel der Linken. »Sie, die ihre Plätze in dieser Stunde verließen in wildem Protest, tragen die Schuld. Sie klage ich an!«

»Breitner! Breitner!« grollte es auf.

»Er und andere, deren Namen das Volk kennenlernen soll zu ewigem Abscheu. Man hat mir in Reden und Briefen gedroht, – mir den Mord angedroht –«

Er mußte absetzen, das Gewirr der Stimmen verschlug seine Worte. Die Erregung der Menge schrie nach Entladung.

Dulavet stand totenbleich, die Uhr in der Hand, hinter dem graublauen Vorhang. Seine Zähne klapperten wie im Fieber. Der Russe hielt den Griff der rückwärtigen Türe in der Rechten.

»Eine Minute vor elf!« stöhnte der Franzose. Die Ziffern des Uhrblattes verschwommen vor seinen Augen, so zitterten seine Finger. »Fünfzig Sekunden – fünfundvierzig – vierzig –«

»Schnell – schnell!!« drängte Artschenko, Wie gehetzt taumelte Dulavet durch die schmale Türe ins hintere Zimmer, und horchte zum Saale. Jetzt mußte es kommen – fünfzehn Sekunden – zehn Sekunden – fünf Sekunden – vier – drei, zwei – jetzt – jetzt!« Er hielt den Atem an vor Erregung – der Zeiger rückte langsam, tödlich – auf elf Uhr – jetzt ... nichts – nichts –!

»Artschenko!« stammelte er fragend. Da packten ihn vier stahlharte Fäuste. Ehe er sich besonnen hatte, schnappten unlösbare Handschellen um seine Gelenke an Händen und Füßen. Wie durch einen roten Schleier sah er den Russen im Arm zweier feldgrauer Männer. Dann zerrte man ihn in den Gang und die Treppe hinunter ...

Im Saale war der Vorgang unbeachtet geblieben. Jeder war mit sich selber beschäftigt. Werndt stand mit erhobener Stirne.

»Mord sollte mein Werk vernichten. Feiger Meuchelmord sollte mich auslöschen und die ganze Regierung.«

Er beugte sich abwärts und schob eine Planke des Bodens beiseite. Ein kleines Paket hielt er über die Menge.

»Durch diese Höllenmaschine sollte um elf Uhr, in dieser Minute, die ganze deutsche Regierung und mit ihr viele Deutsche im Saale in die Luft gesprengt werden als Signal für den tödlichen Umsturz in Deutschland. Das Attentat ist mißlungen!«

Er konnte nicht weitersprechen. Es hielt keinen am Platze. Angstrufe auf den Tribünen, Wutschreie ertönten. Zahlreiche Zuschauer hasteten nach den Türen. Die Journalisten hatten ihre Papiere an sich gerafft, eine weibliche Abgeordnete sank stumm hintenüber.

Die Minister waren aufgestanden. Die Glocke des Präsidenten gellte und mahnte. Erst nach vielen Minuten legte sich der Lärm soweit, daß Werndt sich vernehmlich machen konnte. Man horchte nach ihm mit klopfenden Pulsen. Jeder fühlte, daß ihn der Tod gestreift hatte, in dieser Minute, ein Hauch aus dem Jenseits ...

»Das Attentat ist mißlungen. Die Höllenmaschine ist leer. Nur dem Mut und der Treue eines wackeren Mannes verdanken wir alle unsere Rettung. Hier ist dieser Mann!«

Er wandte sich rückwärts. In der Türe hinter den Ministertischen stand zwischen Reichswehrsoldaten der Russe Artschenko. Werndt nahm seine Hand und führte ihn auf die Rednertribüne. Viele erkannten die charakteristischen Züge des gefürchteten, russischen Führers und starrten den Totgeglaubten an wie ein Gespenst.

»Artschenko! Artschenko!« kam es staunend und fragend von zahllosen Lippen.

Werndt winkte um Ruhe.

»Artschenko, der Tote – und doch nicht Artschenko,« sagte er, zum ersten Male wieder lächelnd.

Der Russe griff langsam in sein blauschwarzes Haar und hob seine Perücke vom Kopf ab. Mit wenigen Griffen hatte er die charakteristischen Haarsträhnen gelöst und die Brille entfernt. Ein frisches, sonnverbranntes Gesicht mit blauen Augen und blondem Haar sah ernst in den Saal.

Einige drängten sich vor. Das Bild des deutschen Rekordfliegers war aus den Zeitschriften vielen bekannt.

»Nagel – Doktor Nagel! – Der Flieger!« rief man sich zu. Walter Werndt nickte.

»Unserem deutschen Flieger, Doktor Nagel, meinem treuen Mitarbeiter im Kampfe ums Gold verdanken wir allein das Mißlingen des Anschlags« – Er wandte sich ernst zu dem Jüngeren hin und gab ihm die Hand. »Herr Doktor Nagel, hier vor den versammelten Vertretern des Volkes danke ich Ihnen im Namen der deutschen Regierung.«

Lauter Jubel begleitete seine Worte. Man hob dem jungen Sportsmann die Hände entgegen. Von der Tribüne wehte man mit Taschentüchern und Hüten. Eifrige Journalisten drängten sich vor an das Pult. Trotz des Verbotes versuchten sie, zu einer photographischen Aufnahme der Szene zu kommen. Wer es erreichte, war ein gemachter Mann, das wußten sie alle. Für diese Aufnahme bezahlte man gern Millionen. Aber sie kamen zu spät. Bevor sie einen geeigneten Stand fanden, war Nagel bescheiden nach rückwärts verschwunden.

Die Präsidentenglocke bellte.

»Meine Damen und Herren. Trotz der Erregung der Stunde bitte ich, wieder Platz zu nehmen und den Herrn Redner zu Ende zu hören. Die deutsche Regierung hat durch seinen Mund Ihnen und aller Welt noch eine wichtige Mitteilung zu machen.«

Man kam seinem Wunsche bereitwillig nach. Werndt hatte seitwärts mit Doktor Brettscheid gesprochen. Jetzt trat er wieder aufs Rednerpult. Er sah nur in leuchtende Augen.

»Deutsche! Der Mordanschlag innerer Feinde ist mißlungen durch die Tat eines Deutschen. Die Schuldigen sehen ihrer Strafe entgegen. Im Angesicht des uns drohenden Todes hat die deutsche Regierung die Gefahr erkannt, die entstehen würde, wenn das Geheimnis des Goldes, des Platins und meiner elektrischen Ströme nur auf meiner Person ruhen bliebe und mit mir verginge. Und doch muß es Geheimnis des einzelnen bleiben, um dem deutschen Volke erhalten zu werden. Ich habe deshalb der deutschen Regierung alle Unterlagen meiner Erfindungen in einer eisernen Truhe übergeben, und die deutsche Regierung hat mein Geheimnis im Juliusturme zu Spandau geborgen für alle Zeiten.«

Er winkte, als neuer Lärm aufschwoll.

»Wie die inneren Anschläge auf Deutschlands Zukunft so brachen auch die Angriffe der äußeren Feinde zusammen. Sie haben durch die Zeitungen die Vorgänge der letzten Tage erfahren. Noch einmal machte Frankreich, von Haß verblendet, den Versuch, uns in Fesseln zu halten und uns ganz zu vernichten. Unsere elektrische Abwehr ließ diesen Plan scheitern. Die Treue weniger tausend deutscher Männer schützte unsere Grenzen. Unsere elektrischen Fäuste griffen weit hinein in das feindliche Land und zwangen den Gegner zum endlichen Frieden.

Die deutsche Regierung hat die zivilisierten Völker der ganzen Erde eingeladen, sich zu einer neuen, wahren Friedenskonferenz in Berlin am zwanzigsten September des Jahres zusammenzufinden. Deutschlands Macht soll den Frieden sichern für alle Zeiten und vergangenes Unrecht wiedergutmachen für künftige Geschlechter. Die deutsche Regierung wird dem neuen Völkerbunde jährlich die Mengen Platin zur Verfügung stellen, die erforderlich sind für die höchsten und wertvollsten Zwecke der Menschheit. Der Völkerrat soll diese Ziele alljährlich bezeichnen und jährlich die Menge Platin, das neue Kulturgeld, bestimmen. Wer fernerhin die Gesetze des Friedens mißachtet, den Aufstieg der Menschheit zu hemmen bestrebt ist, der soll ausgeschlossen sein aus der Gemeinschaft der Völker. Wer aber mitarbeiten will an den Zielen der Menschheit, der soll willkommen sein als ein Bruder vor Gott und den Menschen.

Die deutsche Regierung hat ihre Einladung durch Funkspruch gestern an alle Völker gesandt. Heute nacht um elf Uhr dreiundzwanzig hat Frankreich als letzte Großmacht der Erde um Frieden gebeten, ihre Regierung gestürzt und die Einladung zur Konferenz in Berlin angenommen. Der Kampf um das Gold ist beendet. – Es lebe der Friede!«

* * *

Wie ein schwarzer Block lag das Untersuchungsgefängnis im Schein der wenigen Straßenlaternen. Dichte Wolken verhüllten die Sterne. Die Nachtnebel ließen kaum meterweit sehen.

In der äußeren Seitenmauer bewegte sich das Dunkel. Es knirschte leise. Eine schmale Türe gab eine Sekunde lang den Blick frei in den spärlich beleuchteten Hof. Dann huschten zwei verhüllte Gestalten die Mauer entlang. Im gleichen Augenblick löste sich aus dem Schatten des gegenüberliegenden Hauses ein Mensch und lief auf die beiden zu.

»Dulavet?«

»Ja, Breitner, du?«

»Schnell – fort – um die Ecke!«

Die drei rannten wie gehetzt, jede Deckung benützend, und bogen in die nächste Straße. Die kantigen Umrisse eines Autos wuchsen aus der Nacht. Der Vorderste stolperte fast gegen den Kühler, so plötzlich stand der Wagen im Weg.

»Hier – hinein!« drängte Breitner und zog den Franzosen in den Wagen. Er stieß den anderen seitwärts. »Sie, schnell zum Chauffeur – los!«

Der Wagen setzte sich sofort in Bewegung und sauste mit abgeblendeten Lichtern hinein in die Nacht. Die Wagentüre klatschte dröhnend ins Schloß.

»Gott sei Dank!« keuchte es drinnen. »Das ging noch einmal glatt.«

Dulavet schlug die Kapuze zurück. Das Licht einer Laterne huschte schlagartig über sein Gesicht. Seine Hand suchte im Dunkel sein Gegenüber.

»Danke, Breitner, das vergesse ich dir nicht. Das war Hilfe in höchster Not.«

Er zog die Hand überrascht zurück. »Wer ist –?«

»Ich bin's, Gustave,« lachte es leise. »Lyl – Lou.«

»Und Breitner?«

»Sitzt hier,« kam es aus der anderen Ecke.

»Also hat alles geklappt. Ich hatte schon Angst, sie hätten dich damals auch noch erwischt. Seit vierzehn Tagen hörte ich ja nichts mehr von euch.«

Breitner beugte sich vor.

»War auch nahe daran. Nach der Sitzung hing es an einem Haar. Wie in einer Ahnung hatte ich zuerst das Haus verlassen. Eine Minute später wäre es wahrscheinlich zu spät gewesen. Aber es ließ mir keine Ruhe. Ich lief wieder zurück. Da sah ich, wie die Reichswehr die Treppen hinaufstieg. Ich lief in ein Haus gegenüber und beobachtete den Eingang durch das Türfenster. Da brachte man dich. Ich wußte genug. So bin ich im Leben noch nicht gerannt wie damals.«

»Wohnt ihr noch in der Valentinstraße?«

»Ich bin doch nicht verrückt. Die wird doch ständig bewacht. Auch der Keller. Der verdammte Artschenko –«

»Das weiß er wahrscheinlich noch gar nicht,« warf Lylia ein.

»Was ist mit dem Russen? Im Gefängnis sah ich ihn nicht.«

»Glaube ich dir gerne. Der Kerl und ein Russe! Ein Werndtspitzel war's. Der Flieger Nagel –!«

»Sacré diable! Also hatte ich doch damals recht!« fluchte der Elsässer. »Sacré!«

Das Auto bog wieder in belebtere Straßen. Der Fahrer drehte die Laternen voll auf. Breitner zeigte auf den Mann vor dem Fenster.

»Ist das der Wärter?«

Dulavet nickte.

»Der Mann ist zu gebrauchen. Er machte seine Sache sehr gut.«

»Kunststück!« gab Lylia zurück. »Ich versprach ihm eine halbe Million. Die Hälfte hat er auch schon erhalten.«

Dulavet sah überrascht auf.

»Ja, mein Lieber!« lachte sie. »Soviel bist du Frankreich noch wert.«

Längere Zeit herrschte Schweigen. Der Franzose drückte sich in die Ecke des Wagens. Er sah Bäume einer Landstraße am Fenster vorbeitanzen.

»Wohin fahren wir? Was habt ihr noch vor?«

»Eine kleine Überraschung und Quittung für Werndt,« höhnte Breitner. »Ich denke, du wirst mittun.«

»Wenn's diesem Schuft an den Hals geht, jederzeit!«

»Der Mann schert mich nicht. Jetzt geht es um mehr.«

Lylia beugte sich dicht an sein Ohr.

»Werndt hat seine Erfindungen niedergeschrieben. Die Papiere, das ganze Geheimnis ist im Juliusturm untergebracht. Wer die Rezepte besitzt, hat die Macht, ist ein Gott, oder Satan – das ist ja auch Wurscht. Morgen ist die Friedenskonferenz. Ihr Erfolg steht ganz auf diesen Erfindungen. Wenn es morgen bekannt wird, daß alles gestohlen ist und nachgemacht werden kann, fliegt die Konferenz auf, und der Kerl ist verloren.«

Der Franzose hatte ihren Arm gefaßt.

»Und wir fahren nach Spandau?«

Lylia nickte.

»Wir sind gleich schon da. Also du machst mit?«

Dulavet knirschte mit den Zähnen statt einer Antwort. Sinnloser Haß verschlug ihm die Stimme. Die Aussicht auf diese Tat machte ihn schwindlig. Werndts Geheimnisse, die Macht dieses Satans, das Rezept des Goldes, des Platins, der Elektrizität – und das alles dann ausnützen können im Dienste Frankreichs oder für sich selbst, schonungslos, unangreifbar ...! Diesen Goldmann zittern zu sehen um seine Erfindung – Blamiert, wehrlos vor der Konferenz aller Völker – – Deutschland zerschmettern können mit seinen eigenen Waffen ...!

»Sagt, was ich tun soll!« sagte er heiser.

Breitner drückte ihm einen Revolver in die Hand.

»Du wirst vielleicht Verwendung dafür haben.«

»Wie ist der Turm bewacht?«

»Ein Doppelposten, sonst nichts.«

»Die Leute sind verrückt. Habt ihr Werkzeuge bei euch?«

»Alles in Ordnung. Der Chauffeur vorne ist Sütter, der macht das im Schlafen. Ein Sauerstoffgebläse haben wir auch mit und Kreosit. Damit zerschneiden wir die dickste Stahlwand, wenn's nottut.«

»Und die Posten nehme ich. Das ist meine Spezialität noch vom Kriege her. Zwei Schüsse, und –«

»– und wir haben die ganze Nachbarschaft auf dem Hals! Bist du wahnsinnig, Junge? Keinen Laut darf es geben.«

Dulavet dachte nach. »Hast du Stricke?«

»Die ganzen Taschen voll. Schöne, kräftige Schlingen.«

Er reichte ihm eine Anzahl der Schnüre. Der Elsässer zog sie prüfend durch die Hand.

»Solide Arbeit. Also du, ich, der Wärter –«

»Und Sütter. Vier gegen zwei. Lou paßt draußen auf.«

Das Auto bremste plötzlich und hielt tief im Schatten.

»Wir sind da,« meinte Lylia. »Von hier ist es noch fünf Minuten zu Fuß.«

Sütter wartete schon an der Türe. Er hatte den Wärter schon eingeweiht. Der Mann fühlte sich ausgeliefert und war zu allem bereit.

»Sie haben Ihre Sache gut gemacht,« lobte ihn Lylia. Sütter stellte den Motor ab und folgte den Vorausgehenden nach. Die Wolken hatten sich etwas verzogen. Der Mond warf ein spärliches, geisterhaftes Licht. Über den kahlen Bäumen der Lichtung hoben sich die breiten, runden Umrisse eines Turmes.

»Der Juliusturm,« flüsterte Lylia, die den Platz ausgekundschaftet hatte.

Die Männer stellten sich hinter die Bäume. Es war niemand zu sehen. Aber im Dunkel klangen deutlich die Schritte des Postens.

»Es müssen zwei sein,« meinte Breitner.

»Einer wird stehen.«

»Er wird gleich um die Ecke kommen,« sagte Dulavet heiser. Ohne eine Antwort abzuwarten, huschte er wie ein Tier über das freie Feld und verschwand in dem Dunkel.

»Er wird uns alles verderben!« schimpfte Breitner.

Sütter stieß einen Fluch aus.

»Jetzt müssen wir nach – so oder so – sonst ist alles zum Teufel!«

Mit großen Sprüngen schnellten sie über den Platz. Es war schon zu spät. Sie konnten sich noch gerade platt auf den Boden werfen, dann tauchte der Posten vor ihnen auf. Er mußte etwas gehört haben. Er blieb mißtrauisch stehen, das Gewehr im Anschlag.

»Wer ...?« wollte er rufen. Es war nur ein Gurgeln. Wie aus dem Boden gewachsen, schoß ein dunkler Schatten hinter ihm hoch. Etwas Helles blitzte einen Augenblick auf. Der Mann fuhr mit dem Gewehr in die Luft. Seine Arme schlugen wie gepeitscht um sich, – dann sackte er gurgelnd und stöhnend nach hinten.

Die drei Männer regten sich nicht.

»Venez! Kommt!« flüsterte es nach einer Weile.

Breitner kroch vorsichtig zu dem Franzosen hinüber.

»Der Mann ist besorgt.«

»Wo ist der andere Posten?«

»Drüben am Waldrand. Auf der anderen Seite.«

»Also vorwärts, ehe es hell wird!« drängte Sütter. »Den nehmen wir beide.«

»Das machen wir einfacher diesmal,« entschied Duvelat höhnisch.

Mit hastigen Griffen zog er dem bewußtlosen, stöhnenden Posten den Rock aus und fuhr in die Ärmel. Dann nahm er Helm und Gewehr an sich. In der dunklen Nacht war die Täuschung vollkommen.

»Ich gehe auf den Mann zu,« wies er die anderen an. »Ihr packt ihn von hinten. Allons!«

Er wartete keinen Widerspruch ab. Der zweite Posten machte es ihnen leicht. Er kam auf Dulavet zu, ohne Argwohn zu haben.

»Karl?« fragte der Mann, »hast du meine Zigarren?«

Dulavet brummte etwas vor sich hin und bog von dem Turm ab. Er ging so, daß der Mann zwischen ihn und die anderen kam. Er war nur noch wenige Schritte entfernt. Da trat der Mond plötzlich eine Handbreit hinter den Wolken hervor. Das fahle Licht fiel auf Breitners Gestalt. Mit einem Ruck drehte der Posten sich um.

»Wer ist da?« rief er in drohendem Tone.

Im gleichen Augenblick krachte Dulavets Gewehrkolben auf seinen Kopf. Der Helm kugelte über den Boden. Mit einem erstickten Wehlaut sank der Mann in den Sand. Sütter kniete auf ihm und schnürte ihn wie ein Paket.

»Los! Es wird sonst zu spät!«

Der Franzose war schon am Turm. Von allen Seiten sahen sie an der Mauer hinauf. Sütter prüfte in Hast.

»Die Tür ist zu dick. Oben das Fenster ist leichter. Das Gitter ist schwach. Das schneiden wir durch. Wer kann am besten klettern? Ich reiche ihm dann alle Sachen hinauf. Ich bin euch zu schwer ...«

»Sacré diable!« fluchte der Franzose ungeduldig. »Hebt mich mal an. Dann komme ich schon da hinauf.«

»Es wird kaum vier Meter hoch sein.«

Der Gefängniswärter hielt ihm die Hände hin wie einen Steigbügel. Dulavet trat schnell hinein und stieg auf seine Schultern. Die Finger tasteten über die Fugen der Wand.

»Es reicht noch nicht,« schimpfte er leise. »Aber hier sind Löcher, hier kann ich's allein.«

Wie eine Katze zog er sich an den Steinen hinauf und griff nach dem Gitter ... Im gleichen Augenblick wurde er starr wie ein Brett. Seine Fäuste krallten sich wie im Krampf um den Stahl. Als schleudere ihn ein furchtbarer Schlag in die Luft, flogen seine Beine hart gegen den Stein. Aber er löste sich nicht. Ohne einen Laut hing er vom Fenster herab. Jeden Augenblick drohte er zu fallen. Unwillkürlich griff der Wärter nach ihm. Seine Hände faßten noch gerade das Bein. Einen Bruchteil einer Sekunde, dann – brüllte er auf, – schrie – schrie ohne Unterlaß wie ein Verbrennender – wahnsinnig – nervenschneidend – den Todesschrei, das Todesgebrüll eines Menschen, den furchtbare, teuflische Schmerzen zerreißen – »Hilfe! – Hilfe! –« gellte es über den Platz. »Starkstrom – elektrisch –!« heulte er auf – »Hilfe ... ich brenne –!«

Seine Fäuste hielten die Beine des Franzosen umkrampft. Breitner war bleich geworden. Mit großen Schritten rannte er auf den Schreienden zu. Sütter riß ihn mit eisernen Fäusten zurück.

»Nicht anrühren!« brüllte er ihn an. »Der Turm ist durch Starkstrom gesichert. Dulavet ist tot – wer ihn berührt, ist verloren –!«

Das Heulen des Mannes wurde schwächer und schwächer, er wimmerte kläglich. In der Nachbarschaft öffneten sich Fenster. Stimmen wurden laut.

»Fort – fort!« drängte Sütter. »Es ist alles verloren.«

Wie von Furien gehetzt, jagten sie nach dem Auto. Lylia erwartete sie schon zitternd. Sie hatte die Schreie gehört.

»Frag' nicht! Frag' nicht!« stöhnte Breitner und sprang in den Wagen. Er hielt sich beide Ohren zu, aber die Schreie des Sterbenden wurde er nicht los.

Das Auto jagte mit höchster Geschwindigkeit auf die Straße zurück in Richtung Berlin.

»Was ist geschehen?« zitterte Lylia. »Sprich doch – so sprich doch! Wo ist Gustave?«

In fliegenden Sätzen gab er ihr Bescheid. Sie hielt die Hände vor die Augen gepreßt. Entsetzen schüttelte sie. Ohne zu sprechen fuhren sie in den Morgen hinein. Die Minuten dehnten sich ihnen zu Ewigkeiten. Endlich hielt der Wagen mit einem Ruck. Vor einem verfallenen Haus einer Vorstadt Berlins.

»Wir sind da,« meinte Breitner gequält. Lylia stieg wankend hinter ihm aus.

»Los!« sagte Sütter. Ohne weiteren Gruß jagte er über das Pflaster davon.

Wie ein Fiebernder ging Breitner die knarrende Treppe hinauf. Die Knie zitterten ihm vor Übermüdung und Schwäche. Mechanisch schloß er die Tür und zog den Vorhang zurück. Das erste Tageslicht drang voll herein und ließ das ungastliche Zimmer noch kahler erscheinen.

Lylia hatte sich auf das Sofa geworfen und weinte stumm vor sich hin. Plötzlich sprang sie wild auf und stürzte auf den Schrank zu. Wie gehetzt riß sie die Wäsche und Kleider aus den Fächern heraus und stopfte sie in einen Handkorb hinein. Breitner sah ihr abwesend zu.

»Was willst du?« fragte er matt.

Sie beeilte ihre Griffe noch mehr. Wie in einem Schauder schüttelte sich ihr biegsamer Leib.

»Fort!« Fort!« stöhnte sie auf. »Ich graue mich vor euch – vor dir – vor euch allen! Nur fort nach Paris – fort aus dieser Stadt –! Hier ist alles verwünscht – alles verhext – ah!«

Ihre Erregung löste sich in einem hysterischen Weinen. Er strich ihr mitleidig über das schimmernde Haar. Sie stieß ihn mit Zeichen des Ekels zurück.

»Fort! Fort!« zischte sie ihn an. Ihr schönes Gesicht war entstellt. »Du ekelst mich an – an deinen Fingern klebt Blut – deine Hand ist verflucht! – Ich hasse dich – faß mich nicht an!«

Ihm schoß das Blut in den Kopf.

»Bist du besser als ich? Nur weil du mich liebtest ...«

Sie lachte grell auf.

»Ich dich lieben?!« Mit einem Satz war sie auf beiden Füßen. »Ich dich lieben! Geopfert hab' ich mich dir – vorgeworfen hat man mich dir – geekelt habe ich mich vor dir – du Tier – vor deiner Häßlichkeit, vor deinen Augen – Anspeien möchte ich mich –«

Mit drohendem, wutverzerrtem Gesicht kam er auf sie zu, die Hände gekrallt. Sein Atem ging laut.

»Zurück!« schrie sie wild. Ihr Revolver blitzte ihn an. Er wankte zurück.

»Katze!« keuchte er heiß.

Sie fauchte ihn an.

»Mörder – Tier – abscheuliches Tier –! Mit dir willst du mich vergleichen – mich, Lylia Ré, die schönste Frau von Paris! – Die sich opferte für ihr Land –, für ihr herrliches Land! Ich soll wie du sein, ein Scheusal, das sein Volk stets verriet, sein eigenes Volk, – der gegen sein eigenes Vaterland kämpft –«

»Ich habe kein Vaterland!« begehrte er auf.

Sie wich noch weiter vor ihm zurück.

»Kein Vaterland!« wiederholte sie grell. »Jeder Mensch hat ein Vaterland. Das ärmste, erbärmlichste Tier hat sein Vaterland –! Es verteidigt sein Nest, seine Höhle, seine Brut –. Ein schmutziger Fleck Erde, – ein Gestrüpp, ein Kellerloch ist ihm die Heimat – Haus – Vaterland – Dafür kämpft es, blutet es – stirbt es –. Ihn stellt es über jeden anderen Platz, ihn verteidigt es gegen jeden Feind auf der Welt –. Und du, Mensch – ein Führer von Tausenden – du hast kein Vaterland?! – Dann bist du das ärmste, verachteste Tier –. Ich bin nur eine Dirne, – ein Weib – eine Verworfene – eine Verbrecherin – aber ich habe ein Vaterland, das ich vergöttere – für das ich lebe – und sterbe. Ein Vaterland, auf das ich stolz bin ... ah! Ich könnte dich niederschießen, wie einen Hund. Als Rache für deine Liebe, die mich beschimpft hat, um die ich dich hasse – Du bist es nicht wert – du sollst weiter leben, wie du es willst – ohne Vaterland, ohne Liebe, gehaßt wie ein häßliches Tier – weil du nur dich selbst liebtest und nicht einmal Liebe genug hattest, dein eigenes Volk, dein eigenes Land zu lieben – Armseliges Tier – ich bemitleide dich –!«

Die Türe schlug hinter ihr zu.

Mechanisch schloß er wieder ab. Er starrte ihr regungslos nach wie einer Erscheinung. Er rieb sich die Stirne, als wolle er einen schrecklichen Traum von ihr wischen.

»Ich bemitleide dich!« stammelte er vor sich hin. »Jedes Tier hat ein Vaterland – jedes armselige Tier –«

»Aber ich habe es nie kennengelernt!« stöhnte er auf. »Ich war arm lebenslang – keiner hat mich geliebt –!«

»Weil du selbst nie lieben wolltest – weil du nur dich liebtest!« grub sein Gehirn.

Verwundert horchte er auf. Von den Kirchen läuteten plötzlich die Glocken. Breite, jubelnde Schallwellen fluteten über die Dächer.

»Kein Vaterland! Kein Vaterland ...!« wiederholte er ratlos. Seine Augen brannten dem Taglicht entgegen. Wie unter einem Zwang suchte seine Hand in den Taschen. Ein ganzes Bündel von Stricken fiel auf die Erde. Mit fragenden Augen sah er die Hanfschlinge an und drehte sie um die zitternden Finger. Das Glockengeläute schwoll an wie ein Choral.

»Der zwanzigste September!« schoß es ihm durch den Kopf. »Der Tag der Völker – des Friedens für alle –«

»Nur nicht für dich!« schrie es wild in ihm auf. »Du hast kein Volk – du hat kein Vaterland – Du hast es verleugnet – selbst von dir gestoßen –!«

»Gnade!« stöhnte er auf.

Er öffnete das Fenster. Die Luft sang ihm entgegen im Klang aller Glocken. Unten am Hause drängten sich Menschen. Das Blut schoß ihm rasend zum Herzen. Feldgraue Uniformen – Reichswehr ... Man suchte ihn – er war verraten ...!

Schritte polterten auf der Treppe. Die Flurklingel schrillte.

Mit einem irren Griff legte er sich die Schlinge des Strickes um den Hals und zog das andere Ende um den Balken des Fensters.

Wieder schrillte die Klingel. Diesmal stürmisch und fordernd. Fäuste hämmerten gegen die Türe.

Breitner sprang auf den Stuhl. Die Schlinge zog an – er hob schnell das Bein. – Da lief plötzlich ein Zittern durch seinen Leib. Ruckartig streifte er die Schlinge vom Hals. In seinen Augen stand ein seltsames, staunendes Leuchten. Mit einem Satz war er an der Tür zum Flur. Er stieß sie weit auf. Sechs, acht Reichswehrsoldaten streckten die Hand nach ihm aus.

Er bot ihnen ruhig die Arme.

»Ich will ein Vaterland haben –!« sagte er zu den verwunderten Leuten.

* * *

In der gleichen Stunde, da man Breitner hinabführte aus seiner Wohnung, bestieg Walter Werndt in Begleitung v. Salderns das blumengeschmückte, weißleuchtende Auto. Lauter Jubel der wartenden Menge begleitete ihn durch die festlichen Straßen zum Friedenskongreßbau. Mit strahlendem Blick seiner stahlblauen Augen sah er über das Volk.

»Der Kampf um das Gold ist zu Ende,« sagte er froh.

Der Außenminister verstand seinen Blick und drückte ihm schweigend und herzlich die Hand.

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