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Der Kampf ums Gold

Reinhold Eichacker: Der Kampf ums Gold - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorReinhold Eichacker
titleDer Kampf ums Gold
publisherUniversal-Verlag
year1924
firstpub1922
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150910
projectid7cb94592
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Drei weithallende Schläge machte die große Uhr des Beueler Bahnhofs. Der Klang zitterte über die schlafende Stadt und trieb über die Dächer zum Rheinufer hinunter. Ein Windstoß fuhr wie ein Sperber in die Schallwellen, riß sie zum Wasser und fetzte sie wieder in die Höhe, daß einige abgebrochene Töne ängstlich hinüberflatterten zum Bonner Ufer.

In dem alten Römerturm südlich von Beuel schlug eine Türe. Aber in der Wäscherei zu seinem Fuße regte sich noch nichts. Durch eine schmale Ritze der baufälligen Holzläden fiel ein winziger Streifen von Licht auf die Wipfel der Bäume und glitzerte auf einem kupfernen Kabel, das ins Innere eines Fensters hineinlief.

In dem kleinen, weißgetünchten, vergitterten Raum saßen mehrere Männer. Eine ganze Wand war mit einem mächtigen Schaltbrett bedeckt. Ein junger Mann steckte mechanisch die Stöpsel und gab kurze Weisungen in seinen Sprecher. Die anderen schrieben und warteten schweigend. Der Unteroffizier drehte sich um.

»Ist Graf Zieten geweckt?«

Der Jüngere nickte. Gleichzeitig hörte man Schritte auf der knarrenden Treppe.

»Tolle Hühnerleiter!« schimpfte es draußen. Die Zimmertüre öffnete sich kreischend. Der Adjutant lächelte diskret mit einem Blick auf die Kürassierfigur des Kriegsministers.

»Morgen, Kameraden! Bitte, bleiben Sie sitzen,« winkte der Graf. Die Ordonnanz reichte ihm die letzten Depeschen. Er überflog sie und legte sie wortlos beiseite. Einige Minuten herrschte lautlose Stille im Zimmer. Der Graf verfolgte nachdenklich das mechanische Hantieren des Fernsprechbeamten. Er sah ungeduldig und sichtbar gespannt auf die Uhr. Der Adjutant hatte sich neben das Schaltbrett gestellt und verfolgte, den Hörer am Ohr, die Gespräche. Plötzlich zog er die Augenbrauen hoch und nickte zu Zieten hinüber. Eine Klappe fiel tickend nach unten, ein Lichtsignal blitzte einen Augenblick auf.

Der Kriegsminister griff sofort nach dem Hörer, der vor ihm auf dem Tisch lag.

»Die Meldungen kommen,« sagte der Hauptmann. Er diktierte die Eingänge laut der Ordonnanz, die stenographierte. Es war immer das gleiche. Wie eine kurze Losung.

»Alles bereit, nichts Neues – Beobachtung Roland« – »Alles bereit, nichts Neues – Station Löwenburg« – »Alles in Ordnung, nichts Neues, Beobachtung Siegfried.«

In kurzen Abständen folgten sich die einzelnen Meldungen vom Feldberg, von der Zugspitze, der Schneekoppe. Dazwischen Beobachtungsposten unter Decknamen und Ziffern.

Plötzlich tickte es dreimal ganz schnell wie ein Weckruf. Jetzt nochmals – und wieder. Graf Zieten stand unwillkürlich auf. Sein Gesicht zeigte größte Spannung. Die Ordonnanz saß wie zum Sprung, vornüber gebeugt, den Stift auf dem Schreibblock. Der Fernsprecher steckte drei, vier Stöpsel auf einmal. Alle Hörer waren mit Bedienung besetzt. »Hier Bauleitung,« gab der Mann laut zurück. Dann kam es dicht hintereinander, von mehreren Stellen fast gleichzeitig.

»Moselturm: soeben zwölf französische Flieger gestartet. Richtung Osten.« – Rheinvilla: französische Flieger, etwa zehn, Richtung Mainz abgeflogen.« – »Dom: Zwei Staffeln französischer Flieger im Anflug von Westen.« – »Universität Bonn: Marschkolonne von Westen im Anmarsch, etwa eine Brigade. Spitze Beethovenplatz, Richtung Rhein.«

»Alarm an alle Stationen!« winkte Zieten. Der zweite Ordonnanzoffizier drückte den Taster des Morseapparates unablässig nach unten. Eine lange Reihe von Lichtfunken blitzte vor ihm an der Wand nacheinander auf und erlosch wieder. Minutenlang war der kleine Raum wie zum Bersten gefüllt von den durcheinander schwirrenden Geräuschen, Stimmen und Signalen. Dann wurde wieder Ruhe.

»Alles in Ordnung,« meldete der Adjutant.

»Alles in Ordnung,« folgte der Ordonnanzoffizier.

Zieten stand unbeweglich, in eiserner Ruhe.

»Kommen Sie, Treskow!« sagte er ernst. »Wir wollen nach oben. Hier unten sind wir jetzt nicht mehr nötig. Oberleutnant Dorrer übernimmt hier die Aufsicht.«

Der Ordonnanzoffizier klappte die Hacken.

»Endlich!« machte Zieten, als er draußen die Treppe zum obersten Turmraum hinaufstieg. »Ich bin gespannt, wie Werndts Abwehr jetzt einspringt.«

Im oberen Dachraum war kaum Platz für fünf Männer. Ein einziger Beobachter saß auf der Rheinseite des Zimmers und blickte angespannt durch ein Fernglas. Die beiden Scherenfernrohre an seiner Seite waren noch unbesetzt. Graf Zieten und der Adjutant nahmen sie, ohne zu sprechen. Die Gläser waren schon auf ihre Sehweite eingestellt. Das Rohr des Grafen war in die Luft gerichtet. Der Adjutant blickte aufmerksam nach der Bonner Seite hinüber. Er ließ die Rheinbrücke nicht aus den Augen.

Es war nichts zu sehen. Auf dem anderen Rheinufer patroullierte ein französischer Doppelposten wie immer. Er war durch das scharfe Glas trotz der Dämmerung deutlich zu erkennen. Nichts deutete drüben auf etwas Besonderes hin.

»Komisch,« meinte Hauptmann Treskow.

Der Graf ließ keinen Blick vom Okular.

»Nur Geduld. Wird schon kommen.«

»Die Flieger müßten doch schon längst hier am Rhein sein.«

»Wenn sie nicht zunächst westlich geflogen sind, um den Truppenanmarsch zu verfolgen. Wir kennen ihre Aufgaben nicht. – Hat ihm schon!« setzte er lauter hinzu.

Der Adjutant horchte auf.

»Etwas zu sehen?«

Auch die Beobachtungsordonnanz rutschte auf dem Hocker nach vorne.

Mehrere Flieger vom Vorgebirge her im Anflug. Ich zähle sechs – sieben – zehn – elf –«

»Zwölf sind es,« brummte Zieten, ohne Erregung.

»Zwölf,« bestätigte der Beobachter.

»Vor der Rheinbrücke sammeln sich Zivilisten,« meldete Treskow.

»Die aufgescheuchten Raben,« nickte Zieten, ohne sich in seiner Beobachtung stören zu lassen. »Dann wird das Militär auch bald nachkommen. Die Burschen haben erst noch gemütlich gefrühstückt. Bei einem wehrlosen Deutschland hat's ja keine Eile.« Es war ein bitterer Groll in seinen Worten.

Die Ordonnanz nahm den Hörer ans Ohr.

»Jawohl, Herr Oberleutnant.«

Er reichte den Hörer dem Adjutanten hinüber.

»Sämtliche Rheinbeobachter melden den Anflug der Flieger. Auch in Köln und Mainz sind Truppen im Anmarsch.«

»Schön, daß alles gut aufpaßt. Die Zentralen werden sich freuen. Möchte jetzt bei so einem Mast sein. Aber wahrscheinlich ist bei uns hier doch noch mehr zu sehen. Der gute Werndt würde uns sonst nicht dieses Turmloch als Proszeniumloge anempfohlen haben.«

Treskow lächelte heimlich. Er hatte sich manchesmal über den polternden Grafen geärgert. Seine Ruhe im Augenblick drohender Gefahr machte ihm Freude.

Die Punkte in der Luft kamen zusehends näher und wuchsen zu Vögeln, zu Kreisen und Strichen, zu riesigen Flügeln, die im ersten Sonnenlicht blitzten. Sie flogen gemächlich in Winkeln und Schleifen.

»Die Brüder scheinen Mazurka zu tanzen! Ihre heldenhafte Aufgabe hat sie anscheinend begeistert.«

»Sie warten auf unten marschierende Truppen.«

»Wahrscheinlich.«

Der Kriegsminister stieß das Glas von den Augen.

»Kreuz und Schock, dafür braucht man kein Rohr mehr! Die Kerle kommen ja so angetorkelt, als legten sie es darauf an, daß sie jeder gut sehen kann. Angst machen wollen uns diese Piraten. Und uns noch verhöhnen. Fenster auf, Leute! Dann sehen wir's besser! Wenn jetzt nur die Masten da hinten nicht streiken. Unheimlich, daß alles so still bleibt. Wie weit schätzen Sie die Entfernung vom Rhein noch?«

»Etwa zehn Kilometer.«

»Glaube ich auch.«

»Es sind Bombenflugzeuge,« meldete der Beobachter. »Aronauten – Typ 19« –

»Argonauten! Mensch!« verbesserte Zieten. »Daß ihr euch den Namen des ollen Dampfers nicht merken könnt, mit dem Moses durchs Rote Meer fuhr!«

Treskow biß sich auf die Lippen. Der Graf stieß die hölzernen Läden nach außen. Das volle Tageslicht flutete nun in das Zimmer. Die feindlichen Flieger waren jetzt deutlich zu sehen. Sie konnten höchstens noch fünf Kilometer vom Strom entfernt sein. Noch immer flogen sie in rückläufigen Kurven und Schleifen. Plötzlich veränderte sich das Bild. Wie mit einem Ruck standen sie auf einmal in einer einzigen Linie. Wie eine Schlachtreihe.

»Es geht los, Leute, Achtung!« brummte der Graf. Im gleichen Augenblick horchte er verwundert nach oben. Der zurückgeschlagene Deckel der Dachluke klappte mit einem dröhnenden Krachen nach unten. Durch die Luft kam ein sonderbar helles Summen, ein Heulen und Brausen, und wuchs wie ein Sturm an.

»Sehen Sie die Luftwirbel!« rief Zieten am Fenster. Der Adjutant warf einen schnellen Blick nach oben.

»Kommen Sie aufs Dach. Oben sehen wir alles. Wir brauchen kein Fernglas.«

Mit einem Sprung war der Graf auf der ächzenden Leiter. Hastig stieß er den Dachdeckel zur Seite und steckte den Kopf durch die klaffende Öffnung.

»Teufel!« lachte er laut.

Der Wind pfiff ihm um seinen Schädel. Seine Mütze wirbelte weit übers Land, ehe er sich noch richtig besonnen hatte. Verdutzt blickte er ihr einen Augenblick nach.

»Grüß mir den Rhein!« winkte er hinunter. Dann kletterte er prustend auf die äußere Plattform. Treskow folgte ihm eilig. Sie mußten sich platt auf den Boden legen, so fegte der Wind über ihre Köpfe.

»Und dabei flattert da hinten keine Fahne!« brummte Graf Zieten, mit einem Blick auf den Nordteil der Häuser von Beuel. Unten auf den Straßen sammelten sich erregt gestikulierende Menschen.

»Lokale Luftwirbel!« stellte Treskow fest. Er zeigte nach Süden. »Gerade Richtung von der Löwenburg-Station Siebengebirge. Man sieht die Wirbel ganz deutlich.«

»Fabelhaft!« nickte der Graf, mit dem Blick nach dem Strom hin.

Die feindlichen Flieger wurden merkbar unruhig. Sie mußten jetzt dicht über Bonn sein. Der linke Flügelmann wich ruckweise rechts aus. Er flatterte unsicher wie ein ängstlicher Vogel. Er versuchte zu steigen. Es gelang ihm nur langsam. Durch die Schlachtreihe lief ein heftiges Zittern. Zwei Flieger des linken Flügels wurden wie von einer unsichtbaren Hand tief nach unten gewirbelt, obwohl ihre Höhensteuer auf Steigung standen.

»Sehen Sie! Sehen Sie!« jubelte der Graf. Seine Äugelchen strahlten. »Sie kommen keinen Meter mehr vorwärts.«

»Der Luftwirbel packt sie.«

Die Unordnung in den Lüften wurde immer stärker und größer. Der linke Flügelmann kämpfte mit aller Kunst gegen den Sturm an. Es nützte ihm nichts mehr. Der Luftwirbel strich die Reihe der Flieger ab wie ein Scheinwerfer und packte sie immer wieder von neuem. Plötzlich richtete sich sein Apparat wie ein Stock hoch, überschlug sich zwei-, dreimal, und sauste wie ein Pfeil in die Tiefe, sich stets wieder fangend.

»Sie versuchen zu wenden!« beobachtete Treskow. Seine Stimme klang erregt und freudig.

Das abstürzende Flugzeug schoß quer auf den Turm zu, in sausendem Sturzflug.

»Er will uns auf den Schädel purzeln, der gute Junge,« meinte Zieten.

Es war nur eine Täuschung. Das Flugzeug pfiff dicht über die Dächer Bonns und schien einen Augenblick gegen den Turm der Münsterkirche zu rennen. Dann stellte es sich jäh auf den Kopf und fiel wie ein Stein ab. Dicht neben der Rheinbrücke, etwa dreißig Meter vom Ufer. Das Wasser zischte auf, als spränge der Strom ihm entgegen. Im gleichen Augenblick dröhnte es vom anderen Ufer herüber, daß das Trommelfell schmerzte. Eine riesige Stichflamme jagte aus den Wellen haushoch in die Höhe.

»Die Bomben krepieren.«

Zieten nickte. Er suchte vergebens die Reste des Flugzeugs. Es war nichts mehr zu sehen.

Die anderen Flugzeuge tanzten oben in der Luft wie eine Nußschale auf einer Welle. Es war ein Anblick von furchtbarer Komik, die auf die Nerven ging.

»Die Löwenburg spielt mit den Männekens Fangball!«

Der Vergleich war begründet. Die feindlichen Flieger versuchten vergebens zu entkommen. Einige hatten gewendet, aber der Sturm ließ sie nicht los. Er packte die Flugzeuge wie tote Bälle und wirbelte sie wie im Spiel durcheinander. Von einem Apparat löste sich ein schwarzer Fetzen – er fiel in die Tiefe –

»Dritter Flieger von links Flügelbruch –« meldete Treskow.

Dem rechten Flügelmann schien es gelungen zu sein, in ruhigere Strömung zu kommen. Er drehte nach rückwärts. Nur kurze Sekunden. Da griff es nach ihm wie eine unsichtbare Hand. In unaufhörlicher Drehung, wie ein blitzender Kreisel, sackte er abwärts. Aus der Mitte der Reihen schossen plötzlich vier, fünf dunkle Punkte nach unten. Im gleichen Augenblick antworteten von unten dumpfe Detonationen und langanhaltendes Echo.

»Die Kerle schmeißen Bomben ab!«

Wieder folgten Explosionen in kurzen Abständen. Zieten knirschte mit den Zähnen.

»Das kann auch ein Werndt nicht verhindern. Im Rheinland da drüben.«

Unwillkürlich sah er wie hilfesuchend nach der Blinkstation des Petersberges und nach der Löwenburg hinüber, die friedlich und still lag im Kranz ihrer Wälder. Da blitzte es drüben schnell zwei-, dreimal auf. Ein blendender Lichtstrahl von beißender Helligkeit.

»Himmel!« entfuhr es Treskow.

Die Flieger auf dem anderen Ufer drehten sich plötzlich wie in einem Karussell, wie ein riesiges Rad. Und dieses Rad brannte, brannte lichterloh –! Funken sprangen meterweit durch die Luft, hohe Stichflammen, lange Rauchfahnen, wie riesige Schleier – rote, gelbe, blaue Blitze. Dann schoß das ganze Bild wie ein erlöschendes Feuerwerk mit unheimlicher Schnelligkeit nach unten.

Zieten wischte sich den Schweiß von der Stirne. Der Adjutant stand wortlos.

»Wenn man bedenkt, daß Menschen darin sitzen!«

»Aber Menschen, die Wehrlose morden wollten und jedenfalls auch drüben gemordet haben.«

Das Brausen in der Luft hörte mit einem Schlage auf. Der Kopf der Ordonnanz kam durch die Dachluke.

»Meldung von Station fünfzehn. Sechs Flieger auf dem Exerzierplatz Venusberg und in Richtung Friedhof Poppelsdorf abgestürzt. Zwei Flieger auf dem Gleise der Rheinuferbahn zerschmettert. Alle Flugzeuge brennen. Insassen tot.«

»Danke!« nickte Zieten.

Die Ordonnanz blieb noch stehen.

»Station Rheinvilla meldet, daß Spitze Beethovenplatz sich in Bewegung setzt, in Richtung Rheinbrücke. Zwei Batterien leichte Artillerie wurden vorgezogen.«

»Da kommen sie schon!« rief Treskow.

Auf dem diesseitigen Ausgang der Bonner Brückenstraße zeigte sich lebhafte Bewegung. Die Zivilisten waren mit einem Schlage verschwunden. Die ganze Straßenseite war mit blaugrauen Uniformen gefüllt. Die vordersten Reihen hatten schon die Rheinbrücken betreten.

»Nach der Länge des Vortrupps zu urteilen, scheint ein ganzes Regiment zu folgen.«

Treskow hatte das Glas an die Augen gesetzt.

»Es sind farbige Truppen.«

»Natürlich. Wo es unter Umständen brenzlig werden könnte, läßt man ihnen freundlichst den Vortritt.«

»Was sollen wir machen? In zehn Minuten sind die Burschen hier drüben und heben das Nest aus.«

»Werndts Weisung lautet: bleiben,« meinte Graf Zieten. Aber er warf einen fragenden Blick nach dem Petersberg hinüber. Dort blieb alles ruhig. »Hoffentlich weiß man auf der Löwenburg von dem Vormarsch.«

»Die Artilleriebeobachter liegen ganz vorne. Leutnant Sülden beobachtet unmittelbar neben der Brücke. Sein Hilfsbeobachter sitzt drüben in Bonn auf dem Kirchturm.«

»Na, dann wird es schon klappen.«

Die Marschkolonne drüben war zum Stehen gekommen. Die Schwarzen wichen hastig zur Seite. Gleichzeitig raste ein Sechsgespann um die Ecke der Häuser, daß das Lärmen der Hufe und das Rasseln der Räder bis zur Beueler Seite herüberdröhnte.

»Artillerie fährt auf!« schimpfte Zieten. »Gleich werden die wehrlosen Beueler einen Morgensegen bekommen. Feiges Pack! Na, nur Ruhe.«

Acht leichte Geschütze jagten von der Brückenstraße zum Rheinufer hinunter und protzten offen zwischen den Anlagen ab. Alles ging mit unglaublicher Schnelligkeit. Wenige Sekunden nach dem Halt standen Lafetten und Munitionswagen an ihren Plätzen.

»Gut gemacht!« brummte der Kriegsminister anerkennend. »Die Kerle verstehen die Sache.«

Während die Protzen nur wenige Schritte zurückfuhren, setzte sich die Marschkolonne wieder in Bewegung. Sie kam im Eilschritt über die Brücke. Treskow zwinkerte ungeduldig nach dem Siebengebirge. Gleichzeitig blitzte es auf der Bonner Seite. Die erste Granate pfiff über die Häuser von Beuel und krepierte krachend irgendwo im Ostteil der Stadt.

»Sie werden da oben doch hoffentlich rechtzeitig–« Er sprach den Satz nicht mehr aus.

Ohne irgendeine erkennbare Ursache schoß an einem Geschütz der französischen Batterie ein Feuerstrahl hoch. Unmittelbar darauf folgte das zweite; das dritte, das vierte Geschütz. Ein Krachen wie von zahlreichen Gewittern zerriß die Luft. Blitze grellten auf, ein Feuerwerk von herumfliegenden glühenden Körpern, Geschossen, Lafettenteilen, Rädern wirbelte wild in die Höhe. Zappelnde Menschen wurden meterhoch in die Luft geworfen. Fetzen zerrissener Pferde klatschten gegen die Dächer der weit zurückliegenden Häuser. Ein brennender Munitionswagen wurde wie ein Vogel nach vorne gehoben. Seine Umrisse spiegelten sich einen Augenblick in den Fluten des Stromes, dann sackte er aufzischend, wackelnd hinab in die brodelnden Wellen. Verwundete Menschen liefen, krochen, torkelten, fürchterlich schreiend, zum Ufer und sprangen wie Irrsinnige in die reißenden Wogen des Rheines. Eine ganze Geschützbespannung jagte ratternd über die Anlagen. Die zertrümmerte Protze schleuderte in großen Sätzen hin und her, ein zerrissener Pferdekadaver schleifte mit aufdröhnendem Schädel über das Pflaster und schlug mit den Beinen wild zwischen die Räder. Das tollgewordene Gespann raste mit unverminderter Geschwindigkeit nach der Brücke hinauf, quer über die Straße, mitten in den schreienden, flüchtenden Haufen der Truppen.

Die Schwarzen setzten sich aufheulend in Laufschritt. Immer schneller löste sich die Kolonne in einzelne Gruppen, zog sich zu dünnen Reihen auseinander und fetzte einzelne Menschen aus sich heraus. Auf der Brückenstraße stoben die Truppen nach rückwärts. Zwischen den vordersten Leuten und der Masse klaffte eine stets wachsende Lücke. Immer panikartiger rannte der Vortrupp. Die Vordersten mußten schon bald die Mitte des Stromes erreicht haben. Immer hastiger, gehetzter, wahnsinniger wurde das Tempo.

Da schrie Treskow, der das Glas nicht von den Augen ließ, unwillkürlich auf.

Krack – tscheng – kchchch – rring – rrrringgg – rrrringggg – ging es mit einem Schlage auf der Brücke da drüben.

Wie ein Schnellfeuer schossen grelle Funken, Streifen, Blitze von der einen Seite der Brücke zur anderen. Wie zwischen den Kohlenspitzen einer Bogenlampe, nur weit gewaltiger, blendender, unheimlicher, grauenerregender. Ohne abzureißen, unaufhörlich, ohrenbetäubend. Nur fünf, sechs Sekunden, und doch wie eine Ewigkeit für die zitternden Nerven der Zuschauer. Dann folgte jäh eine um so lastendere Stille. Die Eisengerüste der Brücke schimmerten in seltsamem, weißrotem Glühen. Der Brückenbelag brannte ... Zwischen den Pfeilern und dem Gitter war kein Mensch mehr zu sehen – – Die Brückenbahn lag wie glattgefegt. Zwischen den Eisenstäben hingen wehende Fetzen, verkohlend, verglimmend ...

Graf Zieten war ernst geworden. Dem Hauptmann Treskow ständen Tränen in den Augen. Er bemerkte es nicht.

»Fürchterlich! Fürchterlich!« stöhnte er, ganz außer Fassung.

Der Graf gab keine Antwort. Die Kehle war ihm wie zugeschnürt. Der Vorgang hatte sich mit so unheimlicher Schnelligkeit abgespielt, daß der Verstand das Gesehene noch nicht verarbeiten konnte. Es war wie ein Albtraum. Das ganze Ereignis vom Auffliegen des ersten Geschützes bis zur Vernichtung der Schwarzen auf der Brücke hatte noch keine Minute gedauert. Die jetzige Stille wirkte geradezu lähmend.

Der Kriegsminister faßte sich zuerst.

»Elektrische Fernzündung – Werndts W-Strahlen – Munition explodiert – – grauenhaft – –«

Treskow blickte noch immer erschüttert und starr nach der Brücke.

»Sie haben es nicht anders gewollt. Wir hatten gewarnt und boten den Frieden. Ohne dies wäre Beuel jetzt ein Trümmerhaufen. Und die Schwarzen wüteten unter wehrlosen Deutschen.«

Sssst – wwiiii ging es in dem Telefonmast des Turmes.

Treskow horchte auf.

»Das klingt fast wie ein Funkspruch. Schade, daß unser Empfänger so schwach ist.«

Zieten stieg schon in die Luke zum oberen Dachraum.

»Wahrscheinlich ein Gruß an Grandmaire. Wir werden es unten erfahren. Kommen Sie! Die Franzosen drüben werden sich weitere Abfuhren heute wohl sparen.«

* * *

Dulavet schaute zum zehnten Male auf seine Uhr. Seine Nervosität steigerte sich von Minute zu Minute.

»Da stimmt doch etwas nicht, daß der Breitner nicht kommt! Drei Viertelstunden schon über die Zeit! Hast du es ihm auch richtig bestellt?«

Lylia zog ungeduldig die schön geschwungenen Brauen hoch.

»Mais sûrement, mon cher – – wenn ich es dir doch sage. Er kann sich doch auch einmal verspäten. Das ist doch kein Unglück.«

»Aber heute nicht, wo soviel auf dem Spiel steht.«

»Dieu. Sagen Sie ihm, Artschenko, daß er ruhig sein soll.«

Der Russe legte sich noch tiefer in die dunkle Kellerecke zurück und grub die Hand in die welligen Haare.

»Sie haben recht,« gab er müde zurück. »Warten wir. Er wird schon kommen.«

Dulavet stellte sich unter das winzige Kellerfenster. Eine fast meterdicke Mauer trennte das dumpfe Gewölbe von oben. Das Geräusch der Straße klang matt und gedämpft, wie aus weiter Ferne.

Minutenlang sprach keiner. Alle waren mit ihren Gedanken beschäftigt. Lylia warf einen schnellen Blick zu dem Franzosen hinüber. Dann glitt ihre Hand wie in plötzlicher Aufwallung zu Artschenkos Platz. Weich und zärtlich strich sie ihm über die frauenhaft schlanken Finger.

»Immer so schweigsam und verschlossen?« fragte sie mit leisem Vorwurf. Ihre Augen suchten die seinen.

Der Russe zog ihre Hand langsam an seine Lippen und hielt sie dort einen Augenblick fest, ehe er sie freigab.

»Meine Gedanken sind in meiner Heimat, Gaspodina – –«

»Und bei den schönen Frauen, die Artschenko vergöttern.«

»Die schönste Frau sitzt an meiner Seite.«

Ihre Augen leuchteten kurz und froh auf. Sie wollte erwidern, aber sie unterbrach sich. Dulavet drehte sich mit einem Ruck in das Zimmer. In der Türe knirschte ein Schlüssel. Unmittelbar darauf stand Breitner im Keller. Er war sichtbar erregt.

»So spät!« tadelte der Franzose.

Breitner überhörte den Vorwurf. Er nahm ein Papier aus der Tasche.

»Eure Genossen drüben machen uns einen Strich durch die Rechnung. Sie schlagen zu früh los. Und der Werndt, dieser Satan, scheint eine neue Teufelei ausgebrütet zu haben –.«

Lylia drängte sich unter das Licht. Artschenko kam aus seiner Ecke. Sein Gesicht war verändert. Er hatte die langen charakteristischen Haarsträhnen an den Wangen gestutzt. Statt der großen Hornbrille trug er einen bläulichen Kneifer. Als Breitner ihn sah, reichte er ihm hastig die Hand.

»Sie sind da? Das ist gut. Ihr Rat ist mir wertvoll.«

»Und steht zur Verfügung.«

Der Kommunist schlug mit der Hand auf das Extrablatt, daß es einen Riß gab.

»Blamage! Für uns und euch drüben.«

»Lies vor!« drängte Dulavet.

»Es wird dich kaum freuen.«

»Berlin, fünf Uhr zehn nachmittags. An alle! Französische Truppen haben heute in der ersten Frühe an sämtlichen Brückenköpfen versucht, den Rhein zu überschreiten. Bombenflieger flogen der Marschkolonne voraus. Kastell, Königswinter, Beuel, Deutz, Kaiserswerth wurden ohne vorherige Ankündigung und ohne jede Veranlassung durch Artillerie beschossen. In Deutz fielen den Granaten drei Häuser zum Opfer. Eine sechzigjährige Frau erlitt aus Schreck einen Schlaganfall. Die deutsche Grenzwache beantwortete diesen feindlichen Angriff durch sofortige Abwehr. Die feindlichen Flugstaffeln und Batterien wurden vernichtet. Kleine Abteilungen farbiger Franzosen, die es versuchten, die Rheinübergänge zu stürmen, büßten diesen Versuch mit dem Leben. Um zehn Uhr vormittags waren alle Angriffe abgeschlagen.

Die deutsche Regierung protestiert vor aller Welt gegen diesen mörderischen Überfall Frankreichs, der erfolgt ist, nachdem Deutschland alle Forderungen Frankreichs aus dem Versailler Diktate restlos erfüllt hat. Die deutsche Regierung warnt Frankreich und jeden anderen Staat vor weiteren Angriffen. Sie lehnt es ab, Frankreichs kulturfeindliche Handlungsweise nachzuahmen, aber sie wird jeden neuen Versuch roher Gewalt unverzüglich zu ahnden wissen.

Als Zeichen ihres festen Willens und ihrer Macht wird die deutsche Regierung morgen von sechs Uhr vormittags bis zwölf Uhr mittags den drahtlosen Funkverkehr über ganz Frankreich unterbinden.«

Der Franzose war bleich geworden. Er riß das Papier mit einem gemeinen Fluche an sich. Lylia drängte sich erregt an ihn. Beider Augen jagten nochmals über die Zeilen der Zeitung.

»Das kommt von dem Warten!« knirschte Dulavet grimmig. »Hätten wir eher losgeschlagen!«

»Waren Sie fertig?« frug Artschenko dagegen. Er stand mit zusammengekniffenen Augen hinter dem Tische, den Rücken hatte er an die Wand gelehnt.

»Fertig oder nicht fertig. Ganz fertig ist man nie. Wir hätten losschlagen sollen. Aber Breitner zögerte immer.«

Artschenko zündete sich gelassen eine Zigarette an. Seine Ruhe hatte etwas Zwingendes an sich. Der Nimbus, der von seinem Namen ausging, das Geheimnisvolle seiner ganzen Vergangenheit und Persönlichkeit wirkte auch auf den erregten Franzosen.

»Ich habe dem Genossen Breitner selbst dazu geraten,« meinte Artschenko. »Ihr macht in Deutschland immer denselben Fehler. Auch drüben in Frankreich. Deshalb brachtet ihr es auch zu nichts.«

Dulavet wollte auffahren, aber Breitner winkte ihm ab.

»Er hat recht,« machte er finster.

Artschenko sprach vor sich hin, als unterhalte er sich mit sich selbst.

»Die Deutschen haben es nie verstanden, einen Putsch zu machen. Von einer Revolution gar nicht zu reden. Euere deutsche Revolution 1918 war eine Farce für Kinder. Es blieb alles beim Alten. Habt ihr die Macht, wie wir drüben in Rußland?«

»Wir werden sie bekommen.«

»Wer – wir? Ihr drüben in Frankreich?«

»Die Deutschen.«

Artschenkos Lippen zuckten ein wenig.

»Warum denkt ihr Franzosen immer nur an die deutschen Genossen und nicht an euch selber? Das fragen wir Russen uns schon lange. Breitner ist doch Mann genug, es hier selbst zu schaffen. Wann seid ihr hier fertig?«

»In drei Tagen, oder in acht. Ich habe die letzten Meldungen noch nicht aus Kassel, Essen. Thüringen ist auch noch im Rückstand.«

»Also lieber in acht als in drei Tagen,« riet der Russe.

»Warum das?« fuhr der Elsässer hoch. »So früh wie nur möglich!«

»Damit alles wieder verpufft, ohne Wirkung!«

Breitner sah unschlüssig von einem zum anderen.

»Aber es eilt doch!«

Der Russe strich sich müde durchs Haar.

»Also macht eure Sache. Nach dem alten Rezept. Erst schön ankündigen, alle Bourgeoisblätter reden davon, man erzählt sich von Putschabsichten der Linken mit reizvollem Gruseln des Morgens beim Frühstück und abends im Tanzsaal. Man glaubt's nicht so recht und hält's doch für möglich. Man lacht sich selbst aus. Und dann schlagt ihr los. Einer hier, einer da. Jeder brüllt »feste drauf! Generalstreik! An die Laterne! Kein Pardon! – –« und in vierzehn Tagen ist alles vorbei. Die Hauptschreier sitzen im Gefängnis oder im Keller. Und ihr anderen bettelt um eine Amnestie. Pschakreff!« donnerte er los – »ist das denn eine Taktik. Radek hat es euch schon mal beibringen wollen, wie man es macht. Aber ihr hörtet ja nicht. Macht, was ihr wollt?«

Er drehte sich verärgert nach dem winzigen Fenster. Breitner kaute an seinem Schnurrbart.

»Die Russen haben die größere Erfahrung.«

Lylia sprach leise auf Dulavet ein. Artschenko wandte sich ruhiger um.

»Ihr seid wie die Kinder. Was braucht man denn dazu die Erfahrung. Es liegt doch so klar. Zwei Voraussetzungen stehen vor allen: Schlagbereitschaft und Überraschung. Nicht erst lange ankündigen. Keine Exerzierübungen mit roten Truppen. Abwarten, bis alles fertig ist. Deutschland läuft euch doch nicht davon. Dann ein Schlag über Nacht – ohne Ankündigung, gleichzeitig – – und die Welt purzelt um. Ihr habt es in Rußland gesehen. Weshalb eilt es euch so?«

»Deshalb!« gab Breitner zurück.

Er warf ein zweites Extrablatt auf den Tisch.

»Werndt kündigt für übermorgen seine große Rechtfertigungsrede an. Er antwortet im Reichstage auf die Interpellation der Demokraten.«

Dulavet war mit einem Sprung an dem Tisch.

»Das ist der Tag!« schrie er wild, wie in einer Erlösung.

»Tu' es nicht, Gustave!« bat Lylia. »Es ist zu gefährlich.«

Dulavet warf ihr einen wütenden Blick zu.

»Das ist der Tag!« wiederholte er grimmig. Den laß' ich mir nicht vorüber. Die zehn Millionen kann ich mir schon verdienen.«

Breitners Blick war fast drohend.

»In Deutschland führe ich die Kommunisten. Wenn du also einen Schlag vorhast – –«

»Machen wir ihn zusammen!« gröhlte der Elsässer. »Nur keine Sorge. Da wirst du schon mittun.«

Artschenko hörte nachdenklich zu.

»Steht Ihr Plan in Verbindung mit der Rede im Reichstag?«

»Ja. Es wird die letzte Rede des Burschen sein!«

Breitner setzte sich auf einen Sack. Er sah übernächtigt und überarbeitet aus.

»Es wäre gut. Er ist ein Satan, dieser Werndt. Wenn ihm auch nur ein schwacher Erfolg bei der Masse gelingt, ist die Stimmung verpfuscht und der Hauptschlag mißlingt.«

Dulavet trommelte mit den Fingern gegen die Tasche. Um seinen Mund lag ein tierisches Grinsen.

Artschenko beobachtete ihn aus dem Dämmer des stickigen Kellers.

»Sie haben einen Anschlag auf Werndt vor?« fragte er langsam.

»Auf ihn und die anderen!« zischte er höhnisch. »Ich trage die Idee schon seit Wochen mit mir. Diesmal ist alles so günstig. Enfin – enfin – – –!«

Breitner hielt ihn am Arm.

»Mach keine Torheit! Du schadest uns allen!«

»So!« fuhr Dulavet auf.

Lylia drängte sich zwischen die Männer.

»Ich habe ihn auch so gewarnt. Solche Anschläge mißlingen fast immer.«

»Mein Plan mißlingt nicht. Er kann nicht mißlingen!«

»Was sagen Sie dazu, Artschenko?«

Der Russe schien zu einem Entschluß gekommen zu sein, aber er blieb in seiner Ecke.

»Der Gedanke an sich ist nicht schlecht. Ich müßte aber erst Näheres wissen, um raten zu können. Soll die Sache auf der Straße oder im Reichstage geschehen?«

Dulavet fühlte das Interesse in seinen Worten.

»Paßt auf! Es klappt wie ein Uhrwerk. Der Kerl macht es mir diesmal so leicht wie nur möglich.« Er war ganz Feuer und Flamme. »Zuerst dachte ich immer daran, ihn auf der Straße über den Haufen zu schießen. Das wäre aber zu unsicher gewesen. Diesmal geht's besser. Werndt spricht übermorgen im Reichstage. Das wird ein großes Fest werden. Die Minister, die Schufte, alle Mann hoch versammelt.« Er hielt unwillkürlich an vor innerer Erregung. »Ich – ich – sprenge die ganze Bande in die Luft!« schrie er plötzlich heraus.

Breitner zuckte heftig zusammen. Lylia machte ein wehes, geängstigtes Gesicht. Sie war mehr für andere Mittel.

»Nun?« fragte Dulavet höhnisch, als niemand ihm antwortete.

»Das ist Mord,« meinte Breitner.

Der Elsässer grinste ihn spöttisch an.

»Was du nicht sagst. Soll ich den Mann lieber gegen Unfall versichern? Besser, die Führer gehen als Erste zum Teufel, als daß wir sie erst beim Losschlagen festsetzen müssen, um sie dann umzubringen. Oder wollt ihr ihnen eine Staatsrente aussetzen?«

Lylia trippelte nervös mit den Füßen.

»So reden Sie doch auch mal, Artschenko!« drängte sie ungeduldig.

Der Russe wartete einen Augenblick, bevor er sprach.

»Ich weiß nicht, ob mein Rat gewünscht wird. Als Russe – –«

Breitner kam dem Franzosen zuvor.

»Natürlich, Sie haben die größte Erfahrung.«

»Wenn Sie abraten wollen, wäre es ganz vergebens,« meinte Dulavet trotzig. »Aber wenn Sie helfen wollen – –«

Artschenkos Gesicht verschwamm mit dem Dämmern. Man hörte nur seine Stimme.

»Natürlich will ich helfen. Der Gedanke ist gut. Ist sogar ausgezeichnet.«

»Seht Ihr!« triumphierte der Franzose. Er sah gespannt auf den Russen.

»Es wäre das richtige Signal für die deutschen Genossen. Wenn der Anschlag gelingt, hat das Bourgeois-Deutschland keine Führer – ist machtlos. Aber wollen Sie den ganzen Reichstag in die Luft sprengen? Das Dynamit oder was Sie sonst nehmen, könnte vielleicht nicht die wünschenswerten Unterschiede machen zwischen den Parteien und zufällig auch ein paar Kommunisten zerreißen.«

Dulavet dachte ärgerlich nach.

»Die Genossen müßten vorher aus dem Saal.«

»Das würde wahrscheinlich auffallen. Außerdem müßten wir dann allen Genossen die Sache vorher verraten.«

»Vielleicht auch nicht,« warf Breitner dazwischen. »Unsere Genossen könnten als Zeichen des Protestes den Saal verlassen. Weiter brauchen sie dann nichts zu wissen.«

Artschenko wiegte den Kopf.

»Ganz geschickt. Genügt aber nicht. Wir müssen sicherer gehen.«

»Wodurch?«

»Versteht sich einer von euch auf Höllenmaschinen?«

Dulavet überlegte einige Sekunden.

»Schirmer, der das wie ein Fachmann versteht, sitzt gerade in Haft.«

»Also nicht. Ich dachte es mir. Ohne Höllenmaschine geht so was nicht. Entweder wird die Ladung zu klein oder zu groß. Sie explodiert zu früh oder zu spät. Das ist Stümperei. Ist sonst auch viel zu schwer an die Stelle zu bringen, ohne aufzufallen.«

»Es wird sich schon jemand finden!« gab Dulavet bissig zurück. Die Aussicht, seinen Plan fallen lassen zu müssen, machte ihn wütend.

»In achtundvierzig Stunden?« wies ihn der Russe zurück. »Soviel braucht man, das Ding anzufertigen.«

»Ich suche mir jemanden, und wenn's der Teufel selbst sein sollte!« fluchte der Franzose.

In Artschenkos Gesicht spielten leicht die Backenknochen.

»Ist gar nicht nötig,« sagte er langsam. Seine Stimme war plötzlich belegt. »Ich habe den Mann schon, der das versteht.«

Die anderen blickten ihn überrascht an.

»Wen?« fragte Dulavet schnell und erregt.

»Artschenko.«

Der Franzose griff unwillkürlich nach seinem Arm.

»Sie selbst?«

Lylia sah ihn mit großen Augen begeistert an.

»Ich wußte es!« sagte sie leise. »Sie sind ein Held«.

Der Franzose war noch zu sehr überrascht.

»Ist das Ihr Ernst?« frug er heiser. Die Aussicht, diesen gefürchteten und erfahrenen Nihilisten als Helfer zu haben, machte ihn fast trunken vor Freude. Der Russe richtete sich mit einem Ruck auf.

»Wir beide werden die Sache machen. Werndt spricht um halb elf Uhr. Um elf Uhr, auf die Sekunde, wird die Höllenmaschine ihre Pflicht tun und die ganze Gesellschaft ins Jenseits befördern. Dann wird Werndt mitten in seinen Lügen schwelgen. Die Kommunisten verlassen vorher den Saal als Protest gegen den Redner. Das ist Aufgabe Breitners und ganz unauffällig. Ich fertige die Höllenmaschine und stelle die Zeit ein. Dulavet und ich schaffen die Maschine unter das Rednerpodium, auf dem Werndt um elf Uhr stehen wird, mitten unter den Ministern.«

»Übermorgen um elf Uhr!« triumphierte der Franzose. »Ich könnte Sie umarmen, Artschenko!«

»Lieber nach der Tat, wenn Sie dann noch wollen,« lächelte der Russe.

»Und meinen Segen schon vorher!« flüsterte Lylia an seinem Ohre.

»Kommen Sie!« sagte Artschenko, mit einem Blick auf die Männer. »Wir müssen uns eilen.«

* * *

Grandmaires Augen flammten nach der anderen Seite des Zimmers.

»Es ist ein Skandal! Diese Blamage für Frankreich! Wie konnte dieser Mensch seine Truppen so unvorsichtig und ungedeckt vorstoßen lassen?«

Dupont zupfte nervös an dem Spitzbart.

»General Mallot hielt Deutschland für wehrlos und –«

»Mallot ist ein Dummkopf! Habe ich nicht immer und immer wieder gepredigt, daß der Boche nicht entwaffnet sei? Und nun dieses débacle! Das erleben zu müssen, und dabei halb gelähmt hier im Lehnstuhl zu sitzen – sacre dieu! ...«

Die krankhaft bleiche Farbe seines Habichtgesichtes wurde noch fahler.

»Sind meine Anordnungen ausgeführt?«

»Sofort. General Mallot ist seines Postens enthoben. General Gervais ist am Rhein eingetroffen.«

»Sein Auftrag?«

»Zweitägige Beschießung der Rheinstädte mit weittragenden Geschützen ...«

»Und dann Vorstoß aufs rechte Ufer mit allen verfügbaren Kräften. Ist mein Funkspruch abgegangen?«

Dupont klapperte betreten mit den schläfrigen Augdeckeln.

»Leider erst vor einer Stunde. Atmosphärische Störungen machten heute Vormittag jeden Funkverkehr unmöglich. Die deutsche Regierung wollte ja bis zwölf Uhr mittags – –«

Grandmaire drehte den Kopf gequält nach der Seite. Seine Augen waren geschlossen, seine Lippen zusammengepreßt.

»Also abgeschickt,« sagte er leise, fast ruhig. Er wollte dem anderen nicht zeigen, wie er litt unter seiner Ohnmacht. Alles in ihm war Empörung, Haß, Rachsucht. »Lesen Sie mir das Telegramm nochmals vor,« bat er nach einer Weile.

Dupont zog das Konzept aus der Tasche.

»An alle!

Die deutsche Regierung hat am frühen Morgen des gestrigen Tages in tückischer Weise den Frieden gebrochen. Französische Flieger und Abteilungen französischer Artillerie und Infanterie, die ahnungslos und friedlich auf rheinischem, also zur Zeit französischem Gebiet manövrierten, wurden vom östlichen Rheinufer aus ohne vorherige Ankündigung und ohne jede Veranlassung mit weittragenden und anscheinend neuartigen Geschützen angegriffen. Wehrlos und vertrauend auf den bestehenden Friedenszustand, fanden die französischen Truppen keine Möglichkeit mehr, diesem Überfall rechtzeitig und wirksam zu begegnen. Sie wurden bis auf geringe Reste das Opfer feindlicher Heimtücke und Mordlust.

Frankreich, zum zweiten Male von einem barbarischen Nachbarn in tiefstem Frieden überfallen, hat dies Verbrechen mit sofortiger Mobilisation seiner Wehrmacht beantwortet. Es betrachtet sich als Vollstreckerin des Gerechtigkeits- und Friedenswillens der ganzen Welt und erwartet bei seiner Strafexpedition gegen einen entmenschten und außerhalb des Völkerrechts stehenden Gegner die Sympathie und die Unterstützung aller zivilisierten Nationen.«

Grandmaire dachte einen Augenblick nach.

»Es ist gut so!« nickte er endlich. »Was sagte die englische Botschaft zu Ihrer Meldung?«

»Lord Bridge war sehr zurückhaltend, wie immer. Er deutete an, daß er eigene Informationen erhalten habe, die den Vorgang wesentlich anders darstellen.«

Der Präsident kniff die Augen zusammen.

»Dieser Mann ist ein Unglück für Frankreich. Mais attention – on verra.«

»Sind die Telefonleitungen wiederhergestellt?«

»Man ist dabei. Aber es ist schwer, Arbeiter dafür zu finden. Die Leute haben offenbar Angst vor neuen Anschlägen Deutschlands. Man weiß nicht, ob der Strom noch besteht. Da die Vermutung naheliegt, daß die Boches irgendwo einen elektrischen Anschluß an unsere Leitungen gemacht haben – –«

»Seit wann besteht Frankreich aus Memmen?«

Dupont hob ratlos die Schultern.

»Die Nervosität im Volke ist ständig im Steigen. Die wirtschaftliche Krise, die Arbeitslosigkeit, die Mobilmachung mehrerer Jahrgänge, und jetzt die Gerüchte im Rheinland – –«

»Wann geht das Bombardement los?« fuhr Grandmaire ihm in die Rede. Seine Augen waren gerötet. Sein Habichtgesicht hatte einen abschreckenden Ausdruck.

»Heute, um vier Uhr nachmittags. Zunächst mit weittragenden Geschützen. Jede zehn Minuten ein Schuß. Um acht Uhr abends setzt dann die ganze Artillerie ein.«

Die Blicke des Präsidenten suchten die Standuhr.

»Also hat die Beschießung vor einer Stunde begonnen.«

Er unterbrach sich und drehte den Kopf nach der Türe. Es hatte geklopft. Dupont öffnete selbst. Ein Kurier übergab ihm ein Schriftstück. Er quittierte hastig und riß den Umschlag auf. Seine Augen weiteten sich beim Lesen der Meldung.

»Vite – vite! –« drängte Grandmaire aus seinem Sessel.

»Ein Funkspruch der deutschen Regierung: Französische Artillerie beschießt seit heute vier Uhr fünf nachmittags zahlreiche rheinische Städte. Die deutsche Regierung sieht sich hierdurch zu sofortiger Abwehr gezwungen. Sie fordert von der französischen Regierung:

Erstens sofortige Einstellung der Beschießung,

Zweitens sofortigen Abbruch aller Feindseligkeiten,

Drittens sofortigen Befehl zur Demobilmachung,

Viertens sofortige Anerkennung der deutschen Forderungen und Bereiterklärung zur Teilnahme an einer Friedenskonferenz in Berlin.

Sollte diesen Forderungen nicht bis fünf Uhr dreißig nachmittags des heutigen Tages entsprochen sein, wird Paris unverzüglich einem Strafbombardement von dreißig Minuten unterworfen werden. Sollten nach dieser Beschießung von Paris noch weitere Feindseligkeiten gegen Deutschland erfolgen, wird Paris vom Erdboden vertilgt werden.

Dr. Brettscheid, v. Saldern, Dr. Werndt.«

»Werndt!« schrie Grandmaire auf. Sein Antlitz war totenbleich geworden. Er machte vergebliche Anstrengungen, sich zu erheben. Er lachte grell und schneidend auf. »Paris vernichten! Paris vertilgen!« zischte er wie eine Katze. »Geben Sie sofort den Befehl, das allgemeine Bombardement schon jetzt zu eröffnen! Kein Stein soll auf dem andern bleiben. Die Bombenflieger heute nacht vorwärts auf München, Dresden, Berlin –!«

Die Augen traten ihm aus den Höhlen in der Anstrengung des Sprechens.

»Schnell – schnell –! Die Boches sollen die Antwort bis fünf Uhr dreißig erhalten.«

Dupont reichte ihm den stenographierten Befehl! Er überflog ihn mit stammelnden Lippen.

»Sofort an General Gervais, durch Funkspruch –«

»Dann erfährt doch die Welt ...«

»Soll sie! Soll sie!« schrie der andere heftig. Frankreich ist beschimpft, ist verhöhnt – –!« Er verlor jede Beherrschung vor schäumendem Ingrimm.

Dupont entfernte sich eilig. Sein gehetzter Schritt verklang auf dem Gange.

Grandmaire legte sich aufstöhnend in den Sessel zurück. Jetzt, wo er allein war, übermannte ihn seine Erregung. Eine plötzliche Schwäche zog ihm das Blut aus dem Kopfe. Sein Herz klopfte stürmisch. Langsam löste sich eine Träne aus seinen geschlossenen Wimpern.

Das ihm! Grandmaire! Dem Diktator in Deutschland! – Seine Gedanken liefen immer denselben Kreis. Wie war das nur möglich? Wie war das gekommen? Schlag auf Schlag schmetterte auf Frankreich hernieder, seit jenem unseligen Jahrestage von Versailles. Mit dem Golde hatte es angefangen. Mit der Bezahlung der Kriegsschuld. Ihr waren die Sorgen wie Aasgeier gefolgt. England hatte Vorstellungen erhoben, die Einlösung des Vertrages von Versailles verlangt, die Freigabe Deutschlands, die Zurückziehung der Besatzung, die Anerkennung des Gegners ... Er hatte sich gewehrt mit allen Kräften. Seine Juristen zeigten ihm stets neue Wege und Ausflucht. Die Verhandlungen zwischen London und Paris nahmen kein Ende. Die Erbitterung stieg mit jeder Note. Aber Grandmaire gab nicht nach. Selbst als Belgien und Italien sich deutlich zurückzogen und nach London hin schielten. Er konnte nicht nachgeben, ohne sich selbst auszustreichen aus dem Namen der Nachwelt. – Amerika hüllte sich in Schweigen; wenigstens die Regierung. Um so deutlicher schrieb die Presse. Aber Grandmaire war gewöhnt, allein zu stehen und der Welt seinen Willen aufzuzwingen, auch wenn sie ihn angriff. Die Wirkung des Goldstroms war ihm in dieser Lage nicht unlieb gekommen. Die wirtschaftlichen Wirren brachten die Volksseele in Wallung. Sache des Auswärtigen Amts war es, die Presse nun weiter zu leiten und die Erregung dorthin zu lenken, wohin er es wollte. Deutschland ist schuld! – war die Parole. Die Industriekonzerne verstanden sein Augenzwinkern sofort. Die Konjunktur lockte. Ihre Forderung an die Regierung, Frankreichs Ehre zu wahren, war nur eine Farce. Eine Hand wusch die andere. Grandmaire gab ihren Weisungen nach. Er nahm sie als Vorwand, als Stimme des Volkes, und tat, was er wollte. Sein Goldangriff gegen Deutschland war ein Fehlschlag gewesen. Darüber täuschte er sich nicht mehr. Dieser Werndt bestand wirklich, und seine Erfindung war Wahrheit. Die Panik der Börsen hatte es ihm bewiesen, und das Chaos im Lande. Aber Grandmaire blieb der stärkere Spieler. Das wollte er den Gegnern zeigen. Noch war er im Besitz seiner Kraft –.

Grandmaires Gedanken rissen jäh ab. Er stöhnte leise. Im Besitz seiner Kraft?! War er das wirklich? Sein kranker, geschlagener Körper, aus dem die Lähmung nicht weichen wollte, gab ihm bittere Antwort. Dieser Boche, dieser Satan – wer gab ihm diese unheimliche, furchtbare Macht? Dieser Mensch mußte über elektrische Kräfte verfügen von unglaublicher Stärke. Anders waren die Ereignisse der letzten Wochen nicht mehr zu erklären. Oder gab es in Deutschland mehrere solcher Erfinder? Kämpfte er gegen ein geistiges Heer? Sein scharfer Instinkt wehrte sich gegen diesen Glauben. Dieser Goldmann in Berlin war der Feind, den er fühlte, den er überall sah. Ihm verdankte er auch seine Lähmung. Doch die war ein Zufall. Die war keine Leistung. Auch die Sprengung der Telefonkabel war leicht zu erklären. Deutschland hatte die Energien seiner elektrischen Bahnen gesammelt und in die französischen Kabel geleitet. Irgendwo. Die Stelle war gleichgültig. Dazu genügte eine Million Volt. Das hätte Frankreich wahrscheinlich auch machen können.

Er blickte abwesend nach dem offenen Fenster. Ein plötzlicher Lufthauch hob die langen Gardinen und wehte sie wie eine Fahne hinein in das Zimmer. Er empfand die Kühlung als Wohltat nach der drückenden Schwüle des Tages. Aber er achtete nicht darauf. Seine Gedanken bohrten unentwegt weiter.

Nur die Niederlage am Rhein gab ihm neue Rätsel. Das war mit den bekannten Mitteln nicht mehr zu erklären. Und sichere Nachrichten fehlten. Die in den Kampf verwickelten Flieger und Truppen waren vernichtet. Die Berichte der wenigen Entkommenen und der entfernteren Augenzeugen verwirrten in ihrer phantastischen Darstellung das Bild nur noch mehr. Jedenfalls verfügte Deutschland über neue Kampfmittel von furchtbarer Wirkung. Aber es hatte kein Heer. Dieser Anfangserfolg hatte keine Bedeutung. Man konnte sich diesen Waffen entziehen, wenn man sie erst kannte. Gegen weittragende Geschütze und hochfliegende Flieger war kein Kraut gewachsen. Der nächste Tag schon würde Deutschland den Übermut nehmen. Und dann – dann – vae victis! Diesmal gab es keine Gnade ... keine halbe Arbeit – diesmal – –

Er fuhr leicht zusammen. Der eine Fensterflügel schlug mit einem lauten Klirren zurück und verfing sich in dem heftig wehenden Vorhang. Erst jetzt bemerkte Grandmaire die veränderte Stimmung. In dem Umriß des Fensters stand eine riesige Wolke, schwarz und drohend. Der ganze Himmel hatte sich finster bezogen. Dicke Ballen türmten sich übereinander. Darunter her jagten flatternde Fetzen wie angstvolle Vögel. Fernes, dumpfes Grollen rollte über die Dächer. In dem großen, goldenen Wandspiegel flammte der erste Blitz. Unmittelbar darauf folgten vier Blitze von verschiedenen Seiten. Der Donner kam kurz, scharf und hart, wie ein Böller, wie eine Entladung. –

Grandmaire horchte verwundert auf. Er wollte klingeln, um einen Bedienten zu fragen. Aber er kam nicht dazu. Dupont stand in der Türe. Sein Haar war verwirrt.

»Gewitter,« meinte der Präsident. »Ist gut bei der Hitze. Aber es müßte erst regnen.«

Dupont sah ihn entgeistert an.

»Gewitter? Ja. Aber Gewitter aus Deutschland. Es türmt sich von Osten. Das Unwetter ballt sich nur über Paris und der nächsten Umgebung.«

Grandmaire zog ärgerlich die Stirne in Falten.

»Sie werden nervös, Dupont. Jetzt sehen Sie schon in jedem Donner einen feindlichen Angriff.«

Ein ganzes Bündel weißblendender Blitze zerriß seine Worte. Der Donner rollte fast gleichzeitig mit. Er erbrach sich wie ein berstender Strom. Wie ein einziger Knall von furchtbarer Stärke. Wie der Schlag einer Explosion, daß die Fensterscheiben klirrten und zitterten. Ein unbekanntes Gefühl des Grauens schlich sich wider Willen in Grandmaires Empfindung. Er versuchte vergeblich, sich dagegen zu wehren.

»Dieser Werndt ist doch kein Herrgott, daß er Gewitter machen kann!« meinte er grimmig.

Dupont zitterte merkbar.

»Er kann es! Er kann es! – Die Deutschen haben sich mit der Hölle verbunden!«

Der ganze Aberglaube des Franzosen erwachte in dieser Stunde. Der Anblick des Himmels wuchs ständig an Schrecken. Riesige Wolkenberge von phantastischen Formen jagten mit unheimlicher Schnelligkeit über die Dächer, immer in einem ungeheuren Kreise wie in einem wirbelnden Trichter, stießen rasend gegeneinander, türmten sich wie aufeinanderprallende Wagen eines gigantischen D-Zuges zu schwarzen Gebirgen oder zerrissen flatternd zu mächtigen Fahnen, von heulenden, glühenden Wirbeln verschlungen. Von allen Seiten drängten sich neue Gewitter, als sammelten sich Heere Verstorbener um ein flammendes Zentrum. Das lohende Blitzlicht gab ihnen den Weg an.

Plötzlich setzte der Donner einen Augenblick aus. Die Stille wirkte fast noch unheimlicher als das vorherige Toben. Und dann brach es los, elementar, grauenerregend, alle Begriffe übersteigend in der Ballung furchtbarsten Getöses. Bündel von sechs, sieben Blitzen fuhren fast senkrecht nach unten, rissen grelle Streifen in die pechschwarzen Wände des stürzenden Himmels, flammten wildaufzuckend tief ineinander, kreuzten sich wie ungeheure feurige Schwerter, entzündeten sich aneinander wie springende Feuer, bildeten Kugeln und brennende Ströme – wie ein einziges Glutmeer von blendender Grellheit, aus dem lange, glühende Pfeile sich lösten, wogte es grauenhaft über den Straßen der Stadt an der Seine. Wie in einer alles zerschmetternden Kanonade zitterten die Häuser in ihren untersten Mauern. Schlag auf Schlag brüllte der Donner. Das Trommelfell schmerzte und biß wie eine offene Wunde im Anprall des pausenlos wütenden Tobens.

Grandmaire saß mit offenem Munde, die Hände vor die Ohren gepreßt. Dupont hatte den Kopf in die Kissen des Diwans vergraben. Keiner fand mehr ein Wort in diesem Aufstand der Hölle.

Ein wütender Windstoß drückte die geschlossenen Fenster nach innen, sprengte sie aus ihren Lagern und warf die zerbrochenen Scheiben aufklirrend ins Zimmer. Grandmaire starrte wie gebannt in das Schauspiel da draußen. Die Wolken lagen fast greifbar über den Häusern, in unheimlicher Nähe, erdrückend, zermalmend. Zwischen dem Brüllen des Donners fetzte ab und zu der abgerissene Ton einer Glocke. Sturmläuten – Brandalarm. – Wer sollte es beachten in diesem Chaos. Wer sollte es wagen, das Haus zu verlassen? Der Untergang einer Welt mußte sein wie diese Stunde.

Grandmaire hielt sich am Stuhl fest. Ein ganzer Feuerball schloß ihm die Augen. Wwwwt – krchchch – rrrrngggg ging es ununterbrochen, als stürzten ganze Reihen von Häusern zusammen. Wie durch einen roten Schleier wogte es um ihn.

Plötzlich weiteten sich seine Augen in ungläubigem Schrecken. Er sah das breite Dach des gegenüberliegenden Hauses. Es zitterte wie ein Boot auf der Welle, es blähte sich auf, als würfe es Blasen, und dann hob sich die ganze riesige Fläche wie ein einziges Segel, langsam, geisterhaft, wie von Flügeln getragen, rollte sich plötzlich wie eine Schlange, stand steil in die Höhe, und – zersplitterte mit ohrenbetäubendem Krachen zu zahllosen Fetzen. Eine breite Dachpfanne flog durch das Fenster bis weit in das Zimmer und polterte gegen die kunstvolle Standuhr, daß sie aufheulend anschlug ...

Die Tür zum Gang flog mit lautem Krach auf. Auf der Schwelle stand eine breite Gestalt. Die ganze Figur war in einen flatternden Ölmantel gehüllt. Der Südwester war mit einem Strick auf dem Kopf festgebunden. Der Mann kam stapfend näher. Das Wasser lief ihm an den hohen Stiefeln hinab auf den kostbaren Teppich. Bis auf einen Schritt ging der Fremde auf Grandmaire zu. Er rückte den Südwester in den Nacken zurück und wischte sich den Schweiß von der Stirne. –

»Lord Bridge!« rief Grandmaire überrascht. Es klang in dem Tosen des Donners schwach wie die Stimme eines Kindes.

Der englische Botschafter beugte sich ganz dicht an sein Ohr.

»Wie gefällt's Ihnen? – Elektrische Gewitter – Kanonade Deutschland – auf Ihren Befehl – Sie wollten nicht hören – Deutschland Spiel gewonnen – unüberwindliche Kräfte –«

Das Tosen des Donners ließ auffallend nach. Sekundenlang zuckte kein einziger Blitz. Luftwirbel fegten durch die Wolken und rissen helle Löcher in ihre Ballen. –

»Was wollen Sie?« brüllte Grandmaire zurück.

Lord Bridge nahm die ganze Kraft seiner Stimme zusammen. Er verlor seine Ruhe auch nicht in diesem Chaos. Interessiert verfolgte er das veränderte Spiel der zerfetzenden Wolken.

»Well – diesmal nur dreißig Minuten – nächstens mehr – wollen Sie sich nun endlich auszählen lassen? – England nimmt das Ultimatum der Deutschen an – die anderen auch – Ich fahre nach London – good bye Sir! ... forever ...«

* * *

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