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Der Kampf ums Gold

Reinhold Eichacker: Der Kampf ums Gold - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorReinhold Eichacker
titleDer Kampf ums Gold
publisherUniversal-Verlag
year1924
firstpub1922
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150910
projectid7cb94592
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... Die schöne Briefschreiberin machte eine Pause und sah nachdenklich und abwesend über die geschmacklosen Möbel des geräumigen Zimmers. Um ihren Mund trat ein koketter Zug. Sie lächelte zärtlich. Dann schrieb sie schnell weiter.

»... Ich hoffe also, daß Sie mit mir zufrieden sein werden, lieber Präsident, und daß ich bald zu meinem geliebten Raoul zurückkehren darf. Der Kampf mit Breitner war nicht ganz leicht. Er litt zu stark an gewissen moralischen Grundsätzen. Das legen die Deutschen auch in der Politik nicht gleich ab. Seine närrische Liebe zu mir (!) war dadurch begrenzt. Seit gestern nicht mehr. Es war eine glänzende Idee von Dulavet, ihn in den Spielklub zu schleppen. Der Teufel hatte ihn gleich am ersten Abend gepackt. Dieser Mann hat offenbar früher nie Gold in der Hand gehabt. Es stieg ihm zu Kopf. Es war wie ein Schwindel. Er verlor jede Nacht. Das nützte ich aus. Gestern Nacht war er völlig au bord du rien. Da nötigte ich ihm Parteigelder auf. Er wehrte sich wie ein Ertrinkender. Aber das Glück eines anderen Spielers machte ihn toll. Da griff er zu und verlor. Jetzt ist er ganz in meiner Hand. Ich weiß um seine Unterschlagung. Er ist jetzt feig wie ein Kind, der Führer der Massen, der gefürchtete Breitner! Zum Verbrecher fehlt ihm jede Begabung. Er zittert vor der Entdeckung wie ein Hund vor der Prügel. Nicht so sehr der Strafe wegen. Ich glaube, dieser tollpatschige Deutsche sorgt sich tatsächlich um sein bißchen Ruf. Man muß sich tatsächlich erst etwas darin hineindenken, um es zu verstehen. Es ist zu komisch, das mitanzusehen. Und dieser Mann gibt in Deutschland den Ton an!

Er wird jetzt alles tun, was ich verlange, um sich mein Schweigen zu sichern. Und er hat Angst, mich zu verlieren. Das sehe ich an seinen Augen. Das erträgt dieser Boche nicht. Aber ich werde mich diesem Tier nicht umsonst geopfert haben. Und ich hoffe, cher président, daß Sie es mir danken werden, wie Sie es versprachen. Morgen bearbeite ich ihn nach Ihrer neuen Weisung. Auch das wird jetzt gelingen. Bis auf weiteres ist meine Adresse noch immer Lulu Dujardin p. adr. Monsieur Dulavet. Hoffentlich nicht mehr zu lange. Grüßen Sie mir Paris.

Ihre getreue Lylia Ré ...«

... Ein Geräusch auf dem Korridor schreckte sie auf. Hastig verbarg sie den Brief in dem Ausschnitt des duftigen Kleides. Gleich darauf klopfte es an ihrer Türe.

»Entrez!« rief sie kurz. »Herein!«

Mit einem leisen Laut der Überraschung fuhr sie auf.

Auf der Türschwelle stand ein sonderbarer Mensch. Er mochte etwa fünfunddreißig bis vierzig Jahre alt sein, aber seine Schläfen waren in breiten Streifen ergraut. Über die eine Stirnhälfte, durch darübergekämmtes Haar schlecht verdeckt, lief eine tiefe Narbe. Die Augen waren durch eine dunkelgrüne Brille geschützt und von dicken, buschigen Brauen überdacht. Oberlippe und Kinn waren glatt rasiert, aber von den Backen hingen, im Anschluß an das lange, wellige Kopfhaar, dünne Strähnen herab, von denen eine hinter das Ohr gelegt war. Die Kleidung des Mannes war gewählt, aber verbraucht. Der typische Anzug eines verarmten Intellektuellen.

Der Mann sah sich suchend im Zimmer um. Sein Blick blieb leicht überrascht auf der schönen Frau liegen –.

»Pardon, Mademoiselle – – wohnt hier Monsieur Dulavet?« fragte er mit wohlklingender Stimme. Sein fremdländischer Akzent verriet deutlich den Russen. »Verzeihen Sie, wenn ich mich geirrt haben sollte –«

Lylia Ré hatte sich gefaßt. Sie lächelte freundlich.

»Sie sind ganz richtig hier, Monsieur. Aber Herr Dulavet ist ausgegangen.« Sie sah auf die Uhr. »Schon fünf? Dann muß er jeden Augenblick zurückkommen.«

Sie horchte auf. Von der Straße kam ein scharfer Pfiff wie ein Signal. Sie ging schnell an das Fenster und winkte hinunter.

»Er ist schon da. Bitte nehmen Sie Platz.«

Der Russe neigte dankend den Kopf, doch blieb er abwartend stehen, den Blick auf der Türe. Auf der Treppe stiegen Schritte hoch. Dann öffnete sich die Türe, ohne daß angeklopft worden war.

Dulavet blieb einen Augenblick starr, bevor er ins Zimmer trat. Mißtrauisch kam er näher. Seine Miene zeigte eine stets wachsende Überraschung. Der Fremde machte eine leichte Verbeugung.

»Monsieur Dulavet?« fragte er ruhig.

Der kleine Franzose stand noch dicht an der Türe. Sein Gesicht war blaß geworden.

»Aber das ist doch – – Sie sind doch – –!« versuchte er stotternd.

»Michael Artschenko,« ergänzte der Fremde mit höflichem Lächeln.

Lylia sah erstaunt auf. Der Name schien ihr bekannt.

»Artschenko? – Der Russe Artschenko?!« wiederholte Dulavet fast zitternd. Eine abergläubische Angst stand in seinen Zügen. Er war unwillkürlich zurückgewichen und starrte den Besucher wie ein Gespenst an. »Artschenko ist doch tot – und begraben –! – Bei den letzten Revolten in Moskau gefallen – – –«

Auch Lylia wurde nervös. Sie wußte plötzlich wieder, wo sie den Namen gehört hatte.

Um den sinnlichen Mund des Russen zuckte es spöttisch.

»So stand es in der Zeitung. Aber man hat sich versehen. Der Begrabene war nicht Artschenko –«

»Aber weshalb haben Sie denn nicht den Irrtum –?«

»Ich hatte wohl meine Gründe. Wir werden darüber noch sprechen.«

Der kleine Elsässer kämpfte noch immer mit seiner Gespensterfurcht. Er war darin ein echter Franzose. Er war maßlos abergläubisch.

»Artschenko!« stammelte er. »Unverkennbar Artschenko!«

Der Russe näherte sich zwanglos dem Ausgang.

»Sie kennen mich? Sie haben mich schon einmal gesehen?«

Es war etwas wie ein Lauern in dieser Frage.

»Nein. Persönlich noch nicht. Aber Ihr Bild stand doch in allen Zeitungen. Der große, russische Führer – – das markante Gesicht, die Haartracht, die Narbe – – das weiß doch hier jeder.«

Der andere lächelte geschmeichelt.

»Das ist ja peinlich. Da werde ich mein Äußeres wohl in der nächsten Zeit ein wenig verändern müssen. Sonst merkt man die Auferstehung von den Toten, und das ist nicht meine Absicht.«

Er hielt dem Franzosen die Hand hin. Noch immer unsicher, schlug dieser ein. Lylia reichte dem Russen mit bezauberndem Lächeln die Rechte.

»Herzlich willkommen unter den Lebenden,« sagte sie mit koketter Betonung. »Auch ich habe schon viel von dem berühmten Russen gehört.«

Er zog die Hand gewandt an die Lippen. Sie sah ihm warm in die Augen. Sie erinnerte sich, daß von diesem geheimnisvollen und von den Frauen maßlos verwöhnten Fremden die Sage ging, daß er der Sohn eines hohen Adeligen sei. Manche nannten sogar den Namen eines ermordeten Großfürsten. Aber Artschenko blieb geheimnisvoll und voll tiefer Rätsel, wie die russische Volksseele selbst. Um keinen Russen spann sich ein solches Netz von Anekdoten und Fabeln. Man traute ihm alles zu. Die Nachricht von seinem Tode und seinem Begräbnis zu Moskau hatte die ganze Welt durchflogen. Und niemand konnte es diesmal bezweifeln. Das Leichenbegängnis hatte unter großem Gepränge stattgefunden. In allen Kinos war es gezeigt worden. Das plötzliche Auftauchen dieses unheimlichen Mannes in ihrem Zimmer hatte für Lylia den Reiz einer ganz seltenen Sensation. Auch ihr Interesse als Liebeskünstlerin war lebhaft geweckt. Sie dürstete nach dem Geheimnis dieses Mannes, das ihm solche Macht gab über Männer und Frauen.

Artschenko erwiderte lächelnd den beobachtenden Blick ihrer Augen. Dann wandte er sich wieder zu dem Franzosen.

»Ich komme mit geheimen Befehlen aus Moskau,« sagte er langsam. Doch er unterbrach sich.

»Ich kann wohl frei sprechen? Ich habe wohl den Vorzug, die schönste Frau Frankreichs, Mademoiselle Lylia Ré – –?«

Wieder war etwas Lauerndes in der Haltung des Russen.

Der Franzose unterbrach gleich die Frage. Aber es war schon zu spät. Lylia hatte geschmeichelt genickt. Sie errötete heftig unter dem vorwurfsvollen Blick Dulavets. Der Russe schien es aber gar nicht bemerkt zu haben.

»Mademoiselle Lou Dujardin,« stellte der Elsässer vor. »Sie ist eine bewährte Genossin. Sie können unbesorgt sprechen.«

»Sie stehen der Frau, die ich nannte, an Schönheit nicht nach, Mademoiselle,« gab der Russe zurück. »Frankreich ist glücklich, zwei solcher Frauen zu haben.«

Sie wollte erwidern, aber der andere hatte sich schon wieder an Dulavet gewandt.

»Man hat mich an Sie gewiesen, Monsieur. Meine Befehle gehen aber an die Zentrale und an Monsieur Breitner. Hier meine Papiere und Ausweise, bitte.«

Der andere ging mit den Blättern ans Fenster. Sein Kinnbärtchen zuckte. Aus einer Schublade nahm er einen anderen Bogen und ein Vergrößerungsglas. Er verglich und prüfte jede Einzelheit der Urkunden.

Artschenko sah ihm geduldig zu. Er lächelte vertraulich zu Lylia hinüber, die ihm eine Zigarette reichte. Unmerklich spannen sich Fäden der Sympathie zwischen beiden hinüber und herüber.

Endlich legte Dulavet das Vergrößerungsglas fort. Mit offenen Händen ging er auf den Russen zu.

»Willkommen, Artschenko!« sagte er herzlich. »Die Papiere sind echt, daran ist nicht zu deuteln. Ich hielt Sie heimlich noch immer für einen Schwindler.«

Der Russe lachte kurz auf.

»– – und zuerst für ein Gespenst –! Es ist doch nicht so einfach, von den Toten aufzuerstehen, wie ich dachte.«

Er nahm seinen Paß und die anderen Papiere wieder an sich und verbarg sie in einer Tasche des inneren Rockes.

Der Franzose lief erregt durch das Zimmer. Sein Gesicht strahlte.

»Artschenko lebend und jetzt in Berlin! Das ist unbezahlbar. Das ist Gewißheit des Sieges. Breitner und Sie – –! Verfügen Sie über mich! Was kann ich tun, um Ihnen Ihre Aufgabe zu erleichtern?«

»Führen Sie mich zu Breitner!« gab der Russe zurück und ging nach der Türe.

* * *

Um sieben Uhr fünfzehn morgens des späten Augusttages lief der Funkspruch der deutschen Regierung wie ein Lauffeuer um die ganze Erde. Um acht Uhr dreißig war er in alle Sprachen der Welt übersetzt, in Millionen von Extrablättern verbreitet, vom Gehirn aller Erdteile aufgesogen und verarbeitet. Jeder sprach von diesem rätselhaften Telegramm. Die Stimme der Menschheit schwoll an wie ein Orkan.

Der französische Ministerpräsident Grandmaire las den Spruch wütend zum fünften Male:

An alle Welt!

Die deutsche Regierung hat am achtundzwanzigsten Juli des Jahres ihre Schuld aus dem Diktat von Versailles in Gold restlos bezahlt. Im Vertrauen auf die Rechtlichkeit der Gegenparteien hat sie hierauf die Befreiung von den ihr auferlegten Lasten und Besatzungen gefordert. Dieser Aufforderung wurde von seiten der alliierten Regierungen bis heute nicht entsprochen. Die deutsche Regierung war trotzdem bemüht, den hierdurch widerrechtlich herbeigeführten Konflikt auf friedlichem Wege zu lösen. Diese Versuche sind gescheitert.

Seit mehreren Wochen hat die deutsche Regierung verbürgte Kenntnis von großen Truppenverschiebungen und einer im größten Maßstabe betriebenen Mobilisation Frankreichs. Die in aller Offenheit im widerrechtlich besetzten Rheinlande, Saarstaat und Pfalzgebiet vorgenommenen Kriegsvorbereitungen und Requisitionen lassen keinen Zweifel mehr über die Absicht der französischen Regierung, Deutschland unvorbereitet und heimtückisch zu überfallen.

Die deutsche Regierung sah sich deshalb gezwungen, gestern, vier Uhr zehn nachmittags, die französische Regierung um unverzügliche Aufklärung über den Zweck dieser Maßnahmen sowie um Rückgängigmachung der Mobilmachung zu ersuchen. Die französische Regierung hat es um sieben Uhr vierzig abends abgelehnt, Deutschland »irgendwelche Rechenschaft über ihr Handeln abzulegen«.

Die deutsche Regierung erblickt in dieser Antwort den Beweis der unverändert feindlichen Gesinnung Frankreichs. Sie ist dadurch genötigt, Frankreich und jeden anderen Staat vor einem Angriffe oder einer anderen feindlichen Handlung gegen Deutschland eindringlich zu warnen.

Die deutsche Regierung, die erst kürzlich durch die Rückzahlung einer phantastischen Goldschuld einen deutlichen Beweis ihrer Macht und ihres guten Willens gegeben hat, verfügt zum Schutz ihrer berechtigten Interessen und Ansprüche durch die Genialität ihrer Erfinder über neue, noch ungeahnte Kräfte und Kampfmittel, deren sie sich zur Abwehr jedes verbrecherischen Kriegswillens schonungslos bedienen wird.

Um dieser ihrer Warnung vor aller Welt Nachdruck zu verleihen, zugleich aber auch, um Frankreich wieder zur Achtung deutschen Rechtes zurückzuführen, wird die deutsche Regierung heute um zwölf Uhr mittags an Frankreich eine Antwort erteilen, die in aller Welt vernommen werden wird.

In Verbindung mit dieser Warnung fordert die deutsche Regierung alle Unterzeichner des Versailler Diktates noch einmal auf, ihren Verpflichtungen unverzüglich nachzukommen und innerhalb vierzehn Tagen von heute ab alle besetzten Gebiete Deutschlands zu räumen, die geraubten Kolonien wieder in deutsche Verwaltung zurückzuführen, die früheren Grenzen Deutschlands von 1914 wiederherzustellen und alles geraubte oder vernichtete deutsche Eigentum in natura zurückzugeben oder in Kompensation zu ersetzen. Die näheren Maßnahmen sind unverzüglich durch gewählte Kommissionen der interessierten Regierungen auf einem Wiedergutmachungskongreß in Berlin zu vereinbaren.

Dr. Brettscheid, v. Saldern.

Grandmaire warf das Papier auf den Schreibtisch, daß es wieder hochsprang und auf den Teppich flatterte.

Das wagte man ihm zu bieten! Das wehrlose Deutschland, das in seinem eigenen Goldstrom erstickte. Das ganz ohne Heer war. Das ratlose Deutschland, dem jeden Tag eine Revolution drohte mit Grauen und Schrecken, so daß Frankreichs Heere nur einzumarschieren brauchten, ohne Widerstand zu befürchten. Seine Truppen lagen ja schon vor den Rheinbrücken fertig zum Sprung und warteten nur auf diesen Augenblick, der jede Gefahr, jeden Kampf von vornherein unnötig machte. Warum erst kämpfen mit diesem Volke, das sich stets selbst wehrlos machte, wenn Frankreich es brauchte. Das seine Löwenkraft nie erkannte und sich untätig zusammenhauen ließ wie ein Stück Vieh. Das in Starrkrampf verfiel wie ein Vogel beim Anblick der Viper. Es würde wieder ein Siegesmarsch nach Berlin werden wie damals im Herbst 1918, als das siegreiche deutsche Heer sich freiwillig zurückzog auf den Wink jenes Wilson und auf den Befehl seiner Führer und der gallische Hahn aufgebläht hinterherstieg und seinen Sieg hinauskrähte über die Wellen des Rheines, des deutschesten Stromes.

Grandmaire sah sich im Geiste beim Einzug in Berlin. Er sah die vorbeimarschierenden französischen Truppen unter dem Brandenburger Tor, die angstzitternden, flüchtenden Massen – – – Er hörte die Marschklänge der französischen Garde. Er lächelte in Gedanken an die Scherze der farbigen Hilfstruppen Frankreichs mit deutschen Frauen und Kindern. Dieser Tag sollte ihm Ersatz geben für alle durchkämpften Tage und Nächte seiner politischen Laufbahn. Dieser Einzug sollte die Krönung werden seines irdischen Wirkens. Noch einmal wollte er, Grandmaire, dem verhaßten Boche ein zweites Versailles diktieren. Nur furchtbarer noch, grausamer, tödlicher – – Und man würde das Wort Versailles als einen Ehrentitel anhängen an seinen eigenen Namen, wie er es verdiente um Frankreich: Grandmaire de Versailles – Grandmaire de Versailles ...!

Ungewollt glitten seine Blicke über das Papier auf dem Teppich. »An alle Welt!« – – Sofort kehrten seine Gedanken zu den Wirklichkeiten des Tages zurück. Der schroffe Gegensatz zwischen seinen Plänen und dem Tone dieses Funkspruchs ließ sein Blut aufschäumen vor Wut und vor Rachsucht.

Das ihm! Ihm, Grandmaire – Grandmaire de Versailles!

Er zog die goldene Uhr aus der Tasche. Das kostbare Geschenk des ersten Diktators von Versailles, des Tigers Clemenceau.

Elf Uhr fünfundfünfzig. – Er lächelte zynisch. Bis zwölf Uhr wollte die deutsche Regierung Frankreich ihre Warnung und Antwort überreichen. Dupont saß drüben im Auswärtigen Amt und hatte noch nicht telefoniert. Es konnte also noch keine Note gekommen sein. Die deutsche Botschaft in Paris war seit dem Fest im Juli geschlossen und schon seit vierzehn Tagen von allen Beamten verlassen. Es war also so, wie er erwartet hatte. Ein dummdreister Bluffversuch Deutschlands, den er ihm schon heimzahlen würde, mit Zinsen. Aber er wollte sich wenigstens vergewissern.

Er ging an den Schreibtisch und hob den Hörer des Telefons aus der Wiege. Die Verbindung kam unverzüglich.

»Hier Grandmaire – – Dupont dort? – Wie steht es mit Deutschland? Nichts eingetroffen? Gar nichts?! – Also, wie ich mir dachte. Eben schlägt es den ersten Schlag von der Kirchenuhr drüben – die Frist ist also verstrichen. Kommen Sie bitte gleich zu mir herüber – ja, bitte. Wir wollen den Boches gleich die Rückantwort geben. Der Teufel soll –«

Im gleichen Augenblick war es ihm, als bekäme er eine schallende Ohrfeige von der Hand eines Riesen. Aus dem schon halbgelösten Hörer zuckte ein Schlag, der ihn wie einen Schleuderball meterweit in das Zimmer warf. Stühle, Tische und alles, was darauf stand, polterte krachend und klirrend zu Boden. Ein leichter Brandgeruch war über dem Schreibtisch. Grandmaire lag unbeweglich zwischen dem Diwan und dem Bücherschrank. Aber er atmete hörbar. Seine Augen waren schreckensstarr aufgerissen. Sein Hinterkopf blutete leicht. Dünne, rote Tropfen rieselten in sein blauschwarzes Haar. Die rechte Hand war verbrannt und hielt noch immer den Hörer und ein Stück der zerrissenen Drahtschnur.

Von der Kirchenuhr dröhnte der letzte Schlag der Mittagsstunde über den Platz und verfing sich in den leise wehenden Vorhängen des offenen Fensters.

An der Türe pochte es heftig. Erschreckte Gesichter drängten sich durch ihre Öffnung und starrten ins Zimmer. Grandmaire versuchte vergebens, sich aufzurichten. Seine Glieder gehorchten nicht mehr. Ein rasender Schmerz biß in den verbrannten Fingern.

Bekannte, fragende Menschen beugten sich über ihn und faßten ihn unter der Schulter. Er starrte sie an mit rollenden Augen.

»Wasser!« keuchte er mit einer letzten Anstrengung seines Willens. Dann verließ ihn die Besinnung ...

Eine Stunde später wußte es alle Welt.

»Genau um zwölf Uhr mittags hat eine ungeheure, offenbar elektrische Gewalt das Telefonnetz ganz Frankreichs gesprengt. Alle Sicherungen wurden durchschlagen, Funken von mehreren Metern Länge schossen von Leitung zu Leitung. In vielen Postämtern und Telefonzentralen brachen Brände aus. Der Materialschaden geht in die Milliarden. Der französische Ministerpräsident Grandmaire wurde beim Telefonieren durch einen elektrischen Schlag getroffen und leicht gelähmt und an den Händen verletzt. Nach dem letzten Bericht der Ärzte scheint die Lähmung allmählich zu weichen.«

* * *

Ein einfaches Mietauto hielt vor der Ecke der großen Straße zum Berliner Börsenpalast. Walter Werndt stieg gemächlich aus dem Wagen und bezahlte den Fahrer. Er trug wieder die Hornbrille und die gepflegten Bartkoteletten des ausländischen Bankiers. Sein Vorhaben zwang ihn zu dieser Vorsicht. Nur so hatte er auch der Aufmerksamkeit kommunistischer Späher entgehen können, und der Fürsorge seiner eigenen Detektive, die ihn bei jedem neuen Drohbrief nervöser und ängstlicher bewachten. Diese äußerliche Veränderung mit den Hilfsmitteln der Schauspielkunst war bei hochgestellten oder befeindeten Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens nichts Außergewöhnliches mehr. In den letzten Jahren hatten immer wiederkehrende Perioden politischer Morde geradezu diese Vorsichtsmaßregel zu einer Notwendigkeit gemacht. Die von der Entente entwaffnete Polizeitruppe war nicht in der Lage, solche Morde zu verhindern. Die Politiker in Deutschland waren ganz auf ihre Privatdetektive angewiesen und auf die gelegentliche Zuhilfenahme einer äußerlichen Veränderung, die man in früheren Jahren vielleicht als lächerliche Maskerade empfunden hätte, die aber heute zu einem sehr wirksamen Selbstschutz geworden war. Werndt hatte bisher nur selten von ihr Gebrauch gemacht.

Bis zur Börse hatte er nur noch wenige Minuten. Schon von weitem sah er eine erregt gestikulierende Menge vor den Toren des Hauses. Autos jagten heran in rasendem Tempo, Motorräder mit roten Kurieren pfiffen und gellten ihre Signale zwischen die drängenden Menschen und ratterten wie irrsinnig über die Straßen. Werndt hatte Mühe, sich einen Weg zu bahnen. Die Eisentüre war oben geschlossen. Der Portier öffnete zögernd. Werndt zeigte ihm gelassen seinen Ausweis. Der Beamte griff an die Mütze. Drei, vier Börsenbesucher stürzten die Treppe hinunter und fragten zu gleicher Zeit auf den Mann ein, ohne auf Antwort zu warten. Auf dem Gange standen Boten und Läufer. Journalisten, Beamte, Bankagenten, Telefonfräuleins rannten von Zimmer zu Zimmer. Das Klappern der Türen, das Schrillen der Klingeln riß nicht mehr ab. Aus dem großen Saale kam ein dumpfes Brausen von Stimmen. Wenn die großen Flügeltüren sich einen Augenblick öffneten, schrillten einzelne Stimmen bis zu dem Eingang herunter.

Ein hagerer, bleicher Mensch rannte Werndt fast über den Haufen und sprang in drei großen Sätzen die Treppe hinunter, ohne sich umzublicken. Doktor Werndt zog die Saaltüre wieder von innen ins Schloß. Er blieb einen Augenblick stehen. Mann an Mann standen die Leute gedrängt, den Hut auf dem Kopfe. Überall heulende, fuchtelnde, springende Menschen. Auf Tischen und Stühlen. Die Schreie der Ausrufer klangen gehetzt, heiser, gekrächzt. Auf jeden Ruf antwortete ein Echo der wartenden Menge. Die beiden Markeure auf dem Podium warfen die Kurse mit der einen Hand auf die Tafeln, und wischten sie mit der anderen Hand aus. Keine Zahl stand eine Sekunde. Die Ziffern jagten sich wie die Bildstreifen eines Films. Die Ansager wechselten erschöpft und schweißtriefend jede Viertelstunde. Es war, als ob sie da oben einen Tanz des Wahnsinns vollführten, nach dem tosenden Rhythmus der Arme dort unten, die nach ihnen griffen wie nach einem Opfer.

Von einem Tisch fiel ein Mann hintenüber. Platt, wie erschlagen. Man schaffte ihn wie einen Sack aus dem Saale. Werndt benützte den Augenblick und schwang sich nach oben. Er stand als einziger unbewegt in dieser Orgie menschlichen Wahnsinns und menschlicher Habgier. Mit einem kalten Blick seiner stahlblauen Augen verfolgte er die tanzenden Zahlen der glitzernden Tafeln.

Die Kurse machten Sprünge wie Irrsinnige. Alle Goldwerte fielen in rasendem Tempo. Die Sachwerte kletterten steil in die Höhe. Es war, als wolle die Entwicklung der letzten Wochen sich zurückrollen in einer einzigen Stunde. Aber eine unsichtbare Hand schien den Kurssturz zu bremsen, den Aufstieg zu hemmen. Nach einer steilen Kurve kam jedesmal plötzlich, von keinem erwartet, der Stillstand. Wie aus einer höheren Gewalt, unerklärlich, ungewollt, aber unwiderstehlich. Alles war der Spekulation entzogen und schien sich nach unbekannten Gesetzen zu regeln. Immer deutlicher entwickelten sich Kurstabellen, die denen der einstigen Friedenszeit glichen. Aber nur Werndt wurde sich dieser Erscheinung bewußt.

»Die Mark ist um fünfzig Prozent in zwei Stunden gefallen!« stöhnte Werndts Nachbar. Der Zylinder war ihm tief in den Nacken gerutscht, von seiner Stirne kollerten die Schweißtropfen. Er nahm sich nicht die Zeit, sie zu trocknen.

»Ich war eben im Devisensaal. Er ist wie ein Tollhaus. Die goldarmen Länder haben Millionen, Milliarden gewonnen. Stockholm, Kopenhagen, Prag, Wien, Neuyork, Amsterdam, Schweiz – alles steigt unaufhörlich. London, Paris, Berlin – purzelt schrecklich. – Sehen Sie! Sehen Sie!« unterbrach er sich stöhnend. Unwillkürlich klammerte er sich an Werndts Arm. Seine Rechte schwankte über den Hüten da unten und wies auf die Tafel.

Wie in Krämpfen schüttelten sich die Kurse von neuem. Stoßweise spie das Brett Zahlen hintereinander. Der Preis des Goldes schrumpfte zusammen in Bruchteilen von Minuten.

»Das Gold soviel wert wie Silber!« keuchte der Bankmann. Die Entwicklung überholte ihn sofort. »Weniger als Silber! – Noch weniger als Silber –!«

Wie ein Sturm ging es über die Köpfe. Alles drängte nach vorn und ebbte nach hinten. Hände schossen zur Höhe, Papiere flatterten über die Menge. Wie ein einziger Schrei schwoll es hoch.

»Goldpreis – wie Kupfer!!«

Der Agent brach in sich zusammen, wie plötzlich erschlagen.

»Gold, wie Kupfer! Ich bin ein verlorener Mann – Gott soll mich hüten – ich bin ein verlorener Mann – Gold, wie Kupfer!«

Er sah nicht mehr, wie wieder die unsichtbare Hand den Kurssturz jäh abriß. Er achtete nicht mehr darauf.

»Gold, wie Kupfer!« wiederholte er ratlos. Mit einem pendelnden Kopfschütteln, völlig entwurzelt, stieg er wankend vom Tischbrett hinunter und ging starr zur Türe ...

»Gold – wie Kupfer!« kam es von oben. Der Ansager wies mit der Hand auf die Zahlen.

Da verließ auch Werndt den tobenden Saal und suchte den Ausgang. Um seinen Mund lag ein befriedigtes Lächeln, als habe er einen chemischen Vorgang betrachtet, der alles ergab, was er vorher berechnet.

* * *

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