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Der Kampf ums Gold

Reinhold Eichacker: Der Kampf ums Gold - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorReinhold Eichacker
titleDer Kampf ums Gold
publisherUniversal-Verlag
year1924
firstpub1922
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150910
projectid7cb94592
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Der Oberkellner des Bristol-Hotels in Berlin sah die Brieftasche durch.

»Ich bedauere, Herr Graf. Wechseln ist mir unmöglich. Unter hundert Mark habe ich wirklich nichts da. Seit zwei Wochen kommt kaum ein Schein mehr herein. Ich habe von zwanzig und zehn Mark jetzt schon sechs, acht, nein mehr als zehn Tage nichts mehr gesehen. Die Reichsbank zieht offenbar alles Geld wieder ein. Es heißt ja, es käme Metallgeld heraus.«

Das rote Gesicht des Grafen Zieten blieb merkwürdig froh.

»Pech!« sagte er kurz. »Na, dann geht's eben nicht.«

Seine braunhellen Äugelchen glänzten dazu, als säße ein heimlicher Sprühteufel drin. Spöttisch blinzelte er nach den Tischen ringsum. »Ihr werdet euch wundern!« grinste er still. Er zog einen zierlichen Goldstift heraus und machte sich schnell eine Notiz.

»Fünfzehn Hotels und Läden kontrolliert,« schrieb er stumm. »Nirgends zwanzig und zehn Mark in Scheinen mehr da.«

Dann fuhr er befriedigt zum D-Zug Paris. Am andern Morgen war er schon am Ziel.

v. Saldern erwartete ihn in dem Botschafterpalast.

»Alles klar?« frug der Graf.

Der Freiherr lächelte freudig zurück.

»Kommen Sie!« sagte er.

Mit dem Lift fuhren sie in den Keller hinab, v. Saldern führte die endlosen Gänge voraus. Vor einem eisernen Tor hielt er an. Bevor er das Schloß suchte, fuhr seine Hand an der Mauer entlang. Irgendein verborgener Mechanismus klang in der Wand. Eine Stahlfeder schnappte ganz deutlich zurück. Ein leises, scharrendes Geräusch wie das Zurückgleiten eines Riegels. Dann öffnete Saldern das eiserne Schloß.

Graf Zieten ging vor und blieb gleich wieder stehen.

»Nanu!« brummte er verdutzt. Er sah durch die Türöffnung nur eine Wand. Eine kleine Kabine, so groß wie ein Lift. Gemauert ringsum.

»Wo geht's denn nun 'rein?«

»Bitte sehr!« gab von Saldern leicht lächelnd zurück. »Bitte nur hier hinein!«

Mißtrauisch tastete Zieten die Liftwände ab. Der Botschafter stellte sich dicht neben ihn und zog dann von innen die Stahltüre zu. Ein leises Zittern lief durch den Boden des Raumes. Dann drehte sich dieser im Halbkreis herum und gab die geöffnete Türseite frei.

Zieten rückte sein Einglas zurecht.

»Der reinste Kientopp bei euch!«

»Aber nützlich, Herr Graf. Die kleine Drehkabine ist richtig gemauert aus Stein. Und hat nur die einzige offene Wand vor der eisernen Tür. Käme ein Unberufener her und öffnete er auch gewaltsam das Schloß, so würde er nur eine Ziegelwand sehen. Die Kabine steht dann nach rückwärts, wie jetzt. Ich drückte vorhin draußen auf einen Knopf. Darauf drehte sie sich mit der Öffnung uns zu. Zieht man die Türe von innen ins Schloß, so dreht sich der Lift wieder einwärts, wie jetzt.«

Er knipste am Schalter. Das Licht flammte auf. Durch einen zweiten Gang stiegen sie in den untersten Keller des Hauses hinab. Es war ein weitläufiger Raum. Auf dem Boden lagen zahlreiche Packen herum. Sie waren schon von der Umhüllung befreit.

»Unsere Grabsteine,« sagte v. Saldern betont.

Zieten ging langsam die Reihen entlang. Als er sich umdrehte, waren die Augen verräterisch naß. Er schämte sich seiner Bewegung auch nicht. Herzlich drückte er dem wartenden Freiherrn die Hand.

»Saldern!« sagte er rauh. »Wir haben Ihrer Geschicklichkeit viel zu verdanken. Erst den Vertrag mit Grandmaire, der die Rechtsbresche schlug für die kürzere Frist. Dann den ganzen Transport und das Zeitungsgewäsch. Der Gedanke mit den Grabsteinen war wirklich famos. Deutsche Gräber in Frankreich – das glaubte man gern.«

Das Gesicht des jungen Botschafters blieb hart und ernst.

»Deutsche Grabsteine für deutsche Gräber,« gab er zurück. »Ja, aus den deutschen Gräbern in Frankreich soll die Befreiung uns kommen. In jedem dieser hohlen Steinkreuze liegt unser goldener Schwur, daß das deutsche Genie nicht die Toten vergaß.«

Zieten nickte bewegt.

»Ich habe die letzten Wochen oft Angstschweiß geschwitzt. Der Gedanke, daß alles doch vor Vollendung ans Licht kommen könnte, ließ mich nicht los. Wie leicht hätten die Spione von Paris den Braten zu früh riechen können oder sonst etwas konnte schief laufen, potz ja! Aber Werndt hat auch das genial überlegt. Bis ins Kleinste voraus! Ein ganz prachtvoller Kerl. Und trotzdem wundert es mich noch bis heute, daß auch der Transport mit den Barren gelang. Hat denn keiner Verdacht auf die Steine gehabt? Kam denn nie die Verpackung beschädigt hier an?«

Saldern zwinkerte spöttisch den Grabsteinen zu.

»Doch. Oft genug. Man hatte auch hier wieder seinen Verdacht.«

»Also doch!«

»Nun, das machte uns nichts. Man hat wiederholt die Pakete geöffnet und durchspioniert. Und nicht nur in Frankreich. Auch drüben bei uns.«

Zieten ballte die Faust.

»Ehrvergessenes Pack! War die Öffnung so plump, daß Sie jeden Fall ohne weiteres feststellen konnten?«

»Plump? Im Gegenteil – nein. Kaum erkennbar gemacht. Raffiniert zweifellos. Plomben – alles intakt.«

»Wie stellten Sie denn die Durchsuchungen fest?«

Saldern lachte kurz auf.

»Riesig einfacher Trick. In jedes Paket war geschützt eine Fliege gepackt. Flog beim Öffnen des Ballens die Fliege heraus, war alles allright. Wenn nicht, hatte man sie schon vorher befreit. Allerdings ungewollt.«

Der Graf rieb sich kollernde Lachtränen ab.

»Übrigens haben wir es den Brüdern dann leichter gemacht. Wir gaben in jedem Transport einen Stein gleich beschädigt zur Bahn. Man konnte die Sache dann mühelos sehen. Der Stein fiel in Stücken zerbrochen hinaus.«

Der andere stoppte das Lachen sofort.

»Zerbrochen? Der Stein? ... Aber dann mußte man doch auch da drinnen das Gold ...!«

Der Botschafter sah ruhig auf seine Uhr.

»Warum nicht? Dieser eine Stein war zufällig wirklich nur Stein.«

Der Graf schlug ihm lachend die Hand auf den Arm.

»Lieber Saldern, an Ihnen ist ein Hochstapler verloren gegangen! Kommen Sie, gehen wir wieder hinauf.«

* * *

Das große Sommerfest der deutschen Gesandtschaft in Paris warf schon auf Wochen hin Schatten voraus. Es war das erstemal, daß die Vertretung des Deutschen Reiches aus einer gesellschaftlichen Reserve heraustrat, die sie sich bisher seit Versailles peinlich auferlegt hatte. Das Verhalten des jungen Gesandten v. Saldern stand daher im Feuer der schärfsten Kritik.

In Deutschland schimpfte die Arbeiterpresse, daß man in Paris deutsche Gelder verprasse, um in Frankreich dem Kapitalistenpack Feste zu geben. Die rechtsstehenden Zeitungen wüteten über die nationale Würdelosigkeit eines deutschen Gesandten, der um die Gunst seiner Todfeinde buhle. Nur wenige Blätter, die der neuen Regierung besonders nahe standen, hielten mit ihrer Kritik noch zurück.

In Frankreich war die Meinung geteilt. Manche Diplomaten und Lebekreise der Vorkriegszeit erinnerten sich noch zu wohl der glänzenden Feste der deutschen Gesandtschaft aus früheren Jahren, um keine Sehnsucht nach ihrer Erweckung zu fühlen. Die jüngere Generation fand die Initiative v. Salderns als dreiste, politische Anmaßung eines gesellschaftlich Ausgeschlossenen. Bemerkungen und Sticheleien dieser Art erschienen auch bald in verschiedenen Blättern. Sie wurden aber merkwürdig schnell unterdrückt. Der Grund hierfür war kein Wohlwollen gegen die Botschaft. Er war ein ganz anderer: Die hohe Politik hatte schnell eine Blöße erkannt und war gleich bereit, sie auch weidlich zu nützen. – – –

Als Monsieur Grandmaire die Einladung erhielt, las er sie unschlüssig drei-, viermal durch. Dann fuhr er im Auto zum Außenminister.

Dupont empfing seinen Chef vor der Türe des Hauses. Er war eben im Begriffe gewesen, Grandmaire aufzusuchen. Auch er hielt die Einladungskarte v. Salderns nervös in der Hand.

»Nun?« fragte Grandmaire, das Zimmer betretend.

»Pah,« meinte Dupont. »Immer die gleiche Geschmacklosigkeit dieser Barbaren. Sie wissen noch nicht, daß man im Juni nicht einlädt, wo doch tout Paris in den Seebädern ist.«

Der Ministerpräsident war überrascht. Das hatte er tatsächlich ganz übersehen. Seine Gedanken waren ganz andere Wege gegangen. War so etwas möglich? Achtundzwanzigster Juni stand groß auf der Karte.

»Sie glauben also – –?«

»Daß die deutsche Gesandtschaft allein feiern wird und sich nur einen Korb holt.«

Grandmaire strich energisch die Antwort beiseite.

»Das wäre ein Fehler.«

»Aber!« trumpfte Dupont heftig auf. »Der Fall ist doch ein politischer Affront! Es ist unerhört, daß die deutsche Gesandtschaft es wagt, wie ein Gleichberechtigter hier in Paris eine Einladung zu versenden, ohne vorher einen Wink, die Andeutung stillschweigender Genehmigung oder die Aufforderung von uns zu erwarten. Nicht einmal den Versuch hierzu –«

Der Ministerpräsident unterbrach ihn.

»Alles richtig, mein Lieber, und doch nicht das Wahre! v. Saldern will uns gerade provozieren, unvorsichtig machen. Er scheint uns politisch für Kinder zu halten. Seine Unvorsichtigkeit im Angriff gibt uns endlich einmal wieder die Blöße, wie wir sie uns wünschen. Bedenken Sie doch nur! Deutschland behauptet verarmt zu sein. Gibt ein Armer denn Feste? Deutschland behauptet vergewaltigt zu sein. Gibt man Todfeinden Feste? Deutschland behauptet nicht zahlen zu können und gibt trotzdem Feste!«

»Parbleu!« rief der Außenminister verblüfft. Er hatte den Gedankengang seines Chefs plötzlich begriffen.

»Sie meinen also, daß man das Fest nicht vereiteln, brüskieren, übersehen solle ...?«

Grandmaire stand wie ein Habicht, den Hals vorgestreckt.

»Au contraire! Es muß Ehrenpflicht jedes Franzosen sein, dies Fest eines Boche zum Weltskandal zu machen. Niemand darf absagen. Es ist ein Jammer, daß der Präsident Frankreichs in Afrika ist und erst Mitte Juli zurückkehren kann – –«

»Er wird in einem Präsidenten Grandmaire würdig vertreten sein. Der künftige Präsident unserer glorreichen Republik – –«

Grandmaire schlürfte die Schmeichelei machtgierig ein.

»Lassen wir das. Dies Fest muß zu dem prunkvollsten Ereignis der Jahreszeit werden. Je größer der Luxus, je verschwenderischer der Aufwand, desto unheilbarer die Blöße. Geeignete Agenten Ihres Ministeriums müssen v. Saldern auf den Gedanken bringen, mit Luxus zu protzen. Man muß ihm andeuten, daß wir Prunk hier gewöhnt sind und ihn auch erwarten. Was dann in Wirklichkeit fehlen wird, muß unsere Presse hinzutun. Lassen Sie die Redaktionen sofort informieren, daß sie keine taktischen Fehler begehen. Parole: Willkommen!«

»Und die Presse in Deutschland?«

Grandmaire lachte belustigt.

»Die guten Blätter der Boches werden uns ungewollt wieder Schleppdienste leisten. Aus Haß oder Torheit, wie sie es meist taten. Wir werden ihre Leitartikel zum Fest sorgsam sammeln und später verwerten, wenn's gilt, aus dem Luxus die Folgen zu ziehen. Wer ein prunkvolles Fest in Paris geben kann, fühlt sich nicht vergewaltigt, noch ist er ein Bettler, wie er es behauptet. Deutschland wird einige Milliarden mehr zahlen müssen, wenn dies Fest vorbei ist.« – – –

Grandmaires Voraussicht erkannte die Lage. Die französische Presse pfiff in vorbildlicher Disziplin, wie die Pariser Regierung den Tanz haben wollte. Die deutschen Blätter lieferten in gewohnter Verblendung täglich für Frankreich das Material für den künftigen Angriff. Sie glaubten die Person des Gesandten zu treffen und höhlten den Boden, auf dem sie selbst standen.

Keine gesellschaftliche Veranstaltung fand in der Öffentlichkeit ein glänzenderes Vorspiel als das Fest der Gesandtschaft. Man schalt, man verwünschte. Man suchte Erklärung. Tatsache war, daß alles nur von dieser Einladung sprach. Alle Welt sprach davon, in Paris und in Deutschland, in England und Rom, in Amerika drüben wie bei den Neutralen. Wie eine Bombe wirkte deshalb die Nachricht, daß der deutsche Gesandte in London die englische Welt auf den gleichen Tag einlud. Auch dort Ende Juni, ganz gegen den Brauch.

Wie ein Fieber griff die Neugier um sich. Die Einladungen wurden zu Sensationen. Jeder riß sich darum, und wer eine Karte empfing, hätte den Gedanken einer Absage, eines Verzichts nur als Wahnsinn empfunden. Die Damen der Eingeladenen waren trostlos, daß sich dieses Fest nur auf Herren erstreckte. Sie verwünschten den deutschen Barbaren, der ungestraft die Weiblichkeit Frankreichs ausschließen konnte. Trotzdem hatte keine Pariserin diesmal gewagt, ihren Gatten aus Rache vom Fest fernzuhalten. Wer keine Gelegenheit hatte, dieser Sensation beizuwohnen, fand höfliches Mitleid, und das war das Schlimmste. Selbst die Notwendigkeit, Badereisen zu verschieben oder zu unterbrechen, wurde gegenüber der Aussicht auf dies Ereignis klaglos hingenommen. Die rege, von Dupont geschürte Reklame der besten Reporter tat tägliche Wirkung.

* * *

Der achtundzwanzigste Juni war endlich gekommen. Lange vor Beginn des Festes war der Platz vor der deutschen Gesandtschaft von Gruppen neugieriger Gaffer belagert. Die Gendarmerie war erheblich verstärkt. Berittene Schutzleute paradierten auf tänzelnden Pferden und gaben ihre Anordnungen in der Haltung eines Napoleon des Ersten vor der Schlacht von Austerlitz. Jeder Zollbreit ein Halbgott. Photographen, Filmoperateure bauten ihre Apparate gegenüber dem Hauptportal auf und stritten sich um die günstigsten Plätze.

Eine Stunde vor Anfang wurde das Gedränge lebensgefährlich. Schutzordner schrien, Frauen kreischten, Autos hupten und die Platzwache zog einen dichten Kordon vor das drängende Volk.

Als Erste kamen Vertreter der Presse. Je nach Temperament und Neigung schritten sie in würdevollem Ernst oder in übertriebener Geschäftigkeit. Alle gemeinsam durchdrungen von der Bedeutung der Stunde. Und noch mehr von der Wichtigkeit der eigenen Person. Dann riß der Auto- und Wagenverkehr nicht mehr ab. Bei jedem Aussteigenden lief eine Bewegung durch die wartende Menge. Man rief sich die Namen der kommenden Gäste. Die einen mit Ehrfurcht, die anderen voll Spottlust. Echt gallische Witze machten blitzschnell die Runde. Es waren die gleichen Köpfe, die man aus den illustrierten Zeitschriften kannte.

Kaum ein namhafter Politiker fehlte. Die Führer der französischen Industrie, Bankkönige, Vertreter der ausländischen Gesandtschaften – in ununterbrochener Reihe folgten sich die erleuchteten Wagen.

Graf Zieten kam als einer der Letzten. Mit gespielter Ruhe schritt er die marmornen Treppen hinauf. Er war aber zu wenig Schauspieler, um die innere Erregung in seinen offenen Zügen verbergen zu können.

»Alles da?« fragte er einen jungen Diener, der ihm den Frackmantel abnahm.

Der Gerufene nickte.

»Das Festspiel hat eben begonnen.«

Der innere Saal lag halb verdunkelt. Zieten blieb an der Türe stehen, um sich zu orientieren. Als seine Augen sich an die Dämmerung gewöhnt hatten, schlich er sich zu einer hinteren Säule. Unzählige Köpfe sitzender Menschen hoben sich vor seinem Platz aus dem Dunkel. Aller Augen waren auf die Bühne gerichtet. Eben senkte sich wieder der Vorhang. Das Vorspiel war aus. Freundlicher Beifall belohnte die Künstler. Ein Ansager trat vor.

»Ein Tanzspiel – betitelt: Politik,« sagte er kurz.

Der Vorhang ging hoch.

In der Mitte der Bühne stand ein bildschönes Weib, hoch und schlank, in königlicher Haltung des stolzen Hauptes, die goldenen Locken mit Blumen geschmückt. Heller Sonnenschein flutete um sie wie Gold. Aus den Augen des Weibes sprach Frieden und Glück. Eine süße Musik floß belebend dahin. Wie Waldesrauschen und Wasserplätschern. Singende Vogelstimmen waren darin. Die Tänzerin wiegte sich nach ihrem Klang.

Plötzlich brach diese Melodie ab, jäh, unvermittelt. Eine ängstliche Unruhe kam über die Frau. Eine neue quälende Musik setzte ein. Hornrufe, angstvolles Herzpochen, erstickte Aufschreie.

Aus den Seitenkulissen schlichen bunte Gestalten in enganliegenden Trikots. Man erkannte die Nationalfarben aller größeren Staaten der Erde. Graue, rote, grüne Gestalten. Sie zogen sich in einem Kreis um die Mitte, immer mehr, immer enger. Das Weib hob die bebenden Hände zum Himmel. Ein Blitz flammte auf. Ein schmetternder Blechschlag riß an den Nerven. Mit einem einzigen Satz hatten die bunten Gestalten sich mit dem Gesicht nach der Mitte geschnellt. Erst jetzt sah man deutlich die scheußlichen Masken. In ihren Händen hielten sie Messer und brennende Fackeln. Gleichzeitig tauchte die übrige Bühne in finsteres Schwarz. Donner grollten dumpf, Licht zuckte grell. Dann kam es wie Unwetter über den Kreis. Eine wilde Musik von unheimlich rasendem Tempo setzte schroff ein. Dann wirbelte plötzlich die Bühne im Kreis. Wie Amokläufer sprangen die bunten Gestalten empor, stießen mit Messern und Fackeln um sich, verfolgten sich kreischend in Mordgier und Wut, hielten sich ringend und kämpfend umfaßt. Und in dieser Hölle des Wahnsinns das Weib ... das flehende, kämpfende, fliehende Weib!

Glühfunken flimmerten auf. Winzige Flämmchen von überall her. Die Blumen im Haar der leidenden Frau glühten seltsam und hell, wie entstehender Brand. Zuckende rote, grüne, blaue, gelbe Lichter spielten auf ihrem wirbelnden, weißen Gewand. Unaufhörlich stießen die Fackeln und riesigen Messer nach ihr. Nach dem Rhythmus der nervenaufpeitschenden, rasenden, wahnsinngeschwängerten Jazz-Band-Musik.

Wie unter einem Windzuge hoben sich flattrende Schleier vom Kleid. Ein Zittern lief durch die stolze Gestalt. Dann – jetzt – drehte sie sich ganz allmählich im Kreis, langsam steigend zur Hast, immer schneller herum, immer wirbelnder, rasender, qualvoller rund. Helle Lohe schlug aus dem Schleiergewand, hüllte die ganze Gestalt in sich ein, flatterte über das brennende Haar. Wo eben noch das junge Weib gestanden, drehte sich jetzt eine Flamme im Sturm. In einem Tempo, das den Atem verschlug, in einem lodernden Meer von Grün, Gelb und Rot. Und um sie der wirbelnde, flackernde Kreis wie ein einziges, rasendes, feuriges Meer ...

Die Täuschung des höllischen Brandes war so verblüffend echt und genau, daß die vordersten Reihen der Zuschauer unwillkürlich aufgesprungen waren. Gedämpfte Rufe der Unruhe ertönten ...

Da riß die Höllenmusik wieder ab. Das ganze Flammenbild sank in die Nacht ... Ein grausiges Lachen verlief in der Luft ...

Dann flammte im Saale das Licht wieder auf. Die Bühne war leer. Aus den Kulissen aber tanzten jetzt zierliche Elfen heraus und stiegen die Treppe hinunter zum Saal. Sie hatten kleine Körbe vor sich aufgehängt und gingen die Reihen der Festgäste ab.

Ein erlöstes Aufatmen lief durch den Saal. Ein brausender Beifall dankte spontan. Interessiert reckte man hinten die Köpfe, um zu sehen, was vorne vorging. Da tauchten die Elfen auch von rückwärts auf. Man sah, wie sie kleine Gegenstände verteilten, und wie die Empfänger unsicher stutzten.

Der französische Ministerpräsident, Monsieur Grandmaire, hielt das kleine Geschenk in der zitternden Hand.

»Dupont!« zischte er leise. Er war bis zum Kinnbärtchen kreidig erbleicht.

Der Außenchef zog seine Lippen herab und rollte die Augen in innerer Wut.

»Ruhe!« mahnte er schnell.

Grandmaire war noch im Kampf mit sich selbst.

»Es ist wie ein Hohn! Als Erinnerung an dieses Fest – eine kostbare Münze aus lauterstem Gold! Und das in einem Augenblick, wo man vorgibt, in Deutschland kein Gold mehr zu haben!«

»Ruhe! Nur Ruhe!« wiederholte Dupont. »Man sieht auf uns her!«

»Haben Sie auch die Rückseite schon gesehen? ›28. Juni 1919 – 28. Juni 192...› steht eingeprägt.«

»Der Tag des Festes,« gab Dupont zurück.

»Eh bien, doch das Erste, der erste Termin! Das Jahr 1919 steht doch noch darauf! Was war denn da los?«

Dupont dachte vergeblich und ärgerlich nach.

»Eh – ganz egal, was der Boche damit meint. Hauptsache ist – Exzellenz müssen irgendwas tun ... alles wartet darauf – jede Pause – fatal ... Gehen Sie vor, Exzellenz – ich flehe Sie an – Reden Sie ... schnell!«

Grandmaire strich überlegend die Hand.

»Reden? Wie? Aber was, mon ami? Der deutsche Gesandte muß doch zuerst sprechen – uns begrüßen – es geht doch noch nicht ...«

Dupont wies auf die Goldmünze in seiner Hand.

»Man hat uns gereizt. Jetzt kommt's darauf an, daß der Klügere siegt. Zur Attacke, mon chef! Selbstbeherrschung –! Freudige Überraschung markiert – ganz charmant, die Idee ... Der Boche gibt uns so selbst diesen Trumpf in die Hand. Dieser Luxus ... Sprechen Sie ganz nach dem gestrigen Plan. Diese Münze wird dann für uns gleich der beste Beweis ...!«

Grandmaire hatte sich gefaßt. Politische Rede war seine Stärke. Das war stets sein Glück.

»Sie haben recht, Dupont!« sagte er schnell.

Dann ging er elastisch zur Bühne hinauf. Aller Augen wandten sich ihm wieder zu. Eine ungeheure Erwartung lag geballt in dem Saal. Jeder wartete auf die Erklärung. Hunderte glänzende Augen sahen voll Spannung zur Bühne hinauf. Nur der deutsche Gesandte, Freiherr v. Saldern, schien ganz unbewegt. Ohne ein Zucken im glatten Gesicht beendete er das Gespräch mit dem amerikanischen Botschafter und drehte sich dann interessiert nach Grandmaire.

Der Minister stand vorne an der Rampe in der theatralischen Haltung, die man aus Zeitschriften kannte. Den Fuß vorgeschoben, die Hand auf der Brust.

»Meine Herren!« sagte er laut, mit lächelndem Blick. »Wir alle stehen heute wohl unter dem gleichen Bann. Ich meine den festlichen Bann dieses Tages, den Bann, der von der Einladung Deutschlands ausging. Denn Deutschland gab uns in Paris dieses Fest. Den Bann, der uns alle im Festspiele hielt. Den Bann endlich freudiger Überraschung, der uns beim Empfang dieser Münze ergriff. War der erste Bann vor dem Feste zweifellos sensationell, da Deutschlands Einladung uns allen ganz unerwartet kam ...«

»Erste Abfuhr!« flüsterte der englische Gesandte, Lord Bridge.

... »und an einem Tage, an dem sonst tout Paris stets im Seebade weilt ...«

»Thunderstorm!« grinste der englische Lord. »Er gibt es ihm stark!«

... »war der zweite Bann auch vorwiegend ein von hoher Tanzkunst erzeugter Genuß, so war dieser dritte Bann, der von dieser goldenen Münze ausging, ein Bann reinster, freudigster Genugtuung! Ist dies Geschenk doch an sich eine Tat! Ich glaube wohl die vornehme Absicht der deutschen Regierung und ihres Herrn Gesandten« – er machte eine leichte Verbeugung zu Saldern hinüber –, »unseres liebenswürdigen Gastgebers, ganz klar zu verstehen, wenn ich in der Verteilung dieser Erinnerungsmünze den edlen Willen sehe, einer alten Lüge endgültig den Garaus zu machen. Sie alle, meine verehrten Festgäste, wissen, wie sehr Frankreich unter den entstellenden Lügen und Darstellungen seiner Feinde gelitten hat. Man hat Frankreich, das stets für Freiheit und Recht gestritten, und hierfür seit Jahrhunderten selbstlose, heldenhafte Opfer gebracht hat, eigennütziger Absichten verdächtigt. Man hat ihm Imperialismus, Militarismus, Habgier nachgesagt. Man hat sich nicht gescheut, von einer Vergewaltigung und Aussaugung Deutschlands durch Frankreich zu sprechen, und Deutschland als ein von Frankreich gefesseltes, ausgeplündertes und von Verzweiflung erfülltes Volk hingestellt. Meine Herren! Deutschland selbst machte dieser Lüge in vornehmster Form durch das heutige Fest ein klägliches Ende. Die ganze Haltlosigkeit der gegen uns geführten neidischen Angriffe zeigt sich im Lichte des festlichen Saales. Wurde je in Paris ein Fest froher empfangen? War die französische Presse je einiger, als diesem Schritt gegenüber? Sie sahen selbst vor dem Hause die wartende Menge. Sie alle sahen die Pracht des Empfanges, den Prunk der Begrüßung. Und nun empfingen Sie noch diese goldene Münze als Festsouvenir! Meine Herren! Man hat uns als Feinde verschrien – Lädt man Feinde zum Fest? Antwortet man einem Feinde, wie wir es getan? Wie Paris, toute la France? Man hat Deutschland als vergewaltigt erklärt. Gibt ein Vergewaltigter seinem Räuber ein Fest? Man hat Deutschland ausgeplündert genannt. Zeigte ein Geplünderter je solchen Prunk, wie es Deutschland hier tat? Man hat Deutschland goldarm genannt, und Frankreichs Regierung goldgierig – helas ...! Hier diese Münze rechtfertigt uns wohl vor der Welt! Gab ein goldarmes Land je Geschenke in Gold? Ist die Wahl des Geschenks nicht der beste Beweis, wie milde, versöhnlich die Forderung war, die man zu Versailles als Bürgschaft erhob? – Mit Lüge und Neid verfolgte man jahrelang Frankreichs reines Gewissen. Heute stehen wir rein und gerechtfertigt da. Und diese Tat danken wir Deutschland allein. Hier, vor den erlauchtesten Köpfen Frankreichs, vor den hohen Vertretern befreundeter Macht, vor dem Antlitz der Welt schlug die deutsche Regierung die Lüge entzwei, und schenkte an Frankreich dies Kleinod in Gold. Durch diese Tat wird das Fest zum historischen Tag, und in diesem Sinne, in dieser Auffassung der deutschen Einladung danke ich Deutschland und seiner Regierung im Namen des edlen französischen Volkes!«

Eine ungeheure Welle der Erregung und der Begeisterung lief durch den riesigen Saal. Nur ein Teil der Gäste hatte die Heimtücke und die politische Absicht dieser von Freundlichkeit triefenden Rede begriffen. Zahlreiche andere standen ganz unter dem Eindruck der schillernden Worte und nahmen sie harmlos als Wahrheiten hin. Minutenlang dauerte der tosende Beifall. Man ging Grandmaire bis zur Bühne entgegen und hob ihn hinunter. Immer neue Hände streckten sich ihm in Begeisterung zu. Er drückte sie mit der Miene des Siegers.

Lord Bridge drehte sich verächtlich lächelnd vom Schauspiele ab. Unwillkürlich suchte er nach der schlanken Gestalt des Freiherrn v. Saldern. Da sah er, wie der deutsche Gesandte eben die Treppe zur Bühne hinaufging.

»Der Boxkampf geht los!« dachte er stumm. Sein ganzes Interesse als Sportsmann war plötzlich erwacht. Zum ersten Male in seiner langen politischen Laufbahn war er auf eine politische Antwort gespannt.

Von der Bühne ertönte laut hallend ein Gong. Man blickte sich um. Der französische Ministerpräsident wurde sichtbar nervös. Er drängte sich zu seinem Sessel zurück und wies alle weiteren Glückwünsche ab. Es dauerte Minuten, bis die Ruhe im Saale erreicht war.

Saldern stand ungezwungen und frei. Sein schönes, männliches Gesicht war ernst, doch nicht hart. Es lag wieder der undurchdringliche Ausdruck darin, den Grandmaire so haßte, weil er Rätsel aufgab.

»Was wird er antworten?« zischte er leise.

Dupont blickte hinauf. Saldern hatte zu sprechen begonnen. Seine Stimme klang klar und sonor in den Raum.

»Meine Herren!« sagte er laut. »Ich begrüße in Ihnen die erwählten Vertreter Frankreichs und der ganzen zivilisierten Welt. Ich begrüße Sie im Namen des Deutschen Reiches. Ich danke Ihnen, daß Sie der Einladung der deutschen Regierung gefolgt sind. Ich danke vor allem dem Leiter der französischen Regierung – Ihnen, Herr Präsident – für die ergreifenden Worte politischer Weisheit, die diesen Tag zu einem historischen gemacht haben.«

Ein zustimmendes Gemurmel des Beifalls lief durch die Reihen. Saldern wandte sich an Grandmaire selbst hinüber.

»Nicht ohne Rührung haben wir Deutsche gesehen, welch beispielloses Interesse man in Paris diesem Fest entgegengebracht hat. Wenn ich an diesem freundlichen Verdienst Herrn Dupont, Frankreichs klugen Außenminister, ein redliches Teil gab, so glaube ich wohl, daß mein Dank für die Stellung der Presse den richtigen Mann trifft.«

Lord Bridge kniff vor Freude die Finger zusammen.

»Smart!« brummte er. »Glänzenden Hieb hat der Deutsche!«

»Sie, Herr Präsident, haben sehr richtig hervorgehoben, daß diese Einladung überraschend kam, und daß der Termin kein gewöhnlicher war. Tatsächlich kam die Möglichkeit für dieses Fest überraschend auch für die deutsche Regierung, wie Sie im weiteren Verläufe des Abends erkennen werden. Und nur einmal schob die französische Welt an dem gleichen Termin eine Seereise auf. Es war am 28. Juni 1919, an dem Tage des Friedenskontraktes von Versailles ...«

Eine Unruhe ging durch den Saal. Dupont sah Grandmaire schreckenstarr an.

»Der Tag von Versailles – der heutige Tag!«

»Magenstoß!« kalkulierte Lord Bridge. Der junge Deutsche da oben gefiel ihm enorm.

Saldern wartete, bis die Bewegung sich etwas gelegt hatte. Wieder wandte er sich ausschließlich Grandmaire zu.

»Sie, Herr Präsident, haben soeben mit mutigem Wort auf die jahrelange Lüge von Versailles und auf die Verdächtigungen hingewiesen, die Frankreich erdulden mußte, und deren Vorhandensein bisher wie ein drohendes Gespenst zwischen Frankreich und Deutschland stand. Und Sie haben die Überzeugung ausgesprochen, daß die deutsche Regierung durch ihr Fest dieser Lüge und dieser Möglichkeit unfreundlicher Angriffe auf Frankreichs Handeln ein Ende machen wolle. Es ist mir eine Genugtuung, daß diese Überzeugung Eurer Exzellenz so brennend war, daß Sie, Herr Präsident, sich gedrungen fühlten, mit Ihren liebenswürdigen Worten sogar noch meiner Begrüßung zuvorzukommen –«

»Linkes Auge!« konstatierte Lord Bridge als Schiedsrichter im Boxkampf.

... »und es ist mir eine ehrenvolle Pflicht, hier im Namen der deutschen Regierung feierlich zu bestätigen, daß dieses Fest keinen anderen Zweck hat, als den Frieden zwischen den beiden großen Ländern Frankreich und Deutschland für alle Zeiten und sichtbar vor aller Welt wieder herzustellen. Deshalb stellte sich das Fest ganz in das Zeichen des Friedensvertrags von Versailles, wie sowohl der Termin der Einladung als auch die Gedenkmünze zeigt –«

»Rechtes Auge!« grinste Lord Bridge.

Saldern hob seine Stimme zu ehernem Klang.

»Es ist nicht an Deutschland, hier festzustellen, inwieweit die Angriffe gegen Frankreichs Gesinnung der letzten Jahre berechtigt oder unberechtigt waren. Deutschland ist selbst Partei. Über dies alles hat die Weltgeschichte schon lange entschieden. Wenn man aber auch heute noch behaupten wollte, Deutschland fühle sich verarmt oder durch Frankreich bedrückt, so müßte ich im Namen der deutschen Regierung, ganz im Sinne Ihrer Auffassung, Herr Präsident, erklären, daß diese Ansicht nicht zutrifft. Das heutige Deutschland ist sein eigener Herr und ein goldreiches Land.«

Die Zuhörer sahen sich unwillkürlich an. Grenzenloses Erstaunen malte sich in den meisten Gesichtern. Grandmaire wurde bleich. Dupont hielt seinen Arm.

»Finte – oder?« meinte zweifelnd Lord Bridge. Er witterte richtig eine neue Kampfmethode, die ihm noch fremd war.

Saldern sprach ruhig fort.

»Sie haben vorhin unser Festspiel gesehen. Das seltsame Tanzstückchen hieß – Politik. Ich weiß nicht, ob allen verehrten Anwesenden der Sinn, die Symbolik, zu raten gelang. Gestatten Sie daher die kurze Erklärung. Das junge Weib in der Mitte war Europa in Schönheit und Frieden. Die bunten Gestalten waren die Völker der Erde. Wie Amokläufer, von Wahnsinn erfaßt, wüteten sie gegen sich und das Weib, bis alles in Blut und Flammen ertrank. Es war das Schicksal Europas, verschuldet durch die Politik seiner Völker: Vernichtung und Selbstmord. – Dann flammte das Licht wieder auf, und Sie, Herr Präsident, sprachen das mutige Wort von Deutschlands Absicht zum Fest. – Ich habe die Ehre, Herr Präsident, Ihnen und der ganzen Welt im Namen der deutschen Regierung eine überall sichtbare Antwort zu geben. Bitte folgen Sie mir!«

Mit schnellen Schritten ging er zum Nebensaal hin. Die Flügeltüren flogen mit einem Schlage auf. In einer ungeheuren Spannung drängte man sich hastig nach. Grandmaire zitterten die Lippen, während er ging. Eine unerklärliche Ahnung hielt ihn gebannt.

»Bitte, treten Sie ein!« kam es nochmals von vorn. Es dauerte fast zehn Minuten, ehe sich alle Gäste im Nebensaale geordnet hatten. Der halbe Raum war durch eine rote Schnur abgesperrt. Hinter der Schranke lag eine lange Reihe von großen Paketen, mit Tüchern bedeckt. Der Freiherr v. Saldern stand etwas erhöht. Neben ihm ragte die Kolossalgestalt des Grafen Zieten, und etwas zurück stand die schlanke Figur Walter Werndts.

»Herr Präsident!« sagte Saldern vernehmlich. Zum ersten Male war in der Stimme ein Beben, doch klang es wie Freude. »Nach dem letzten Pariser Diktat hat die deutsche Regierung als Rest ihrer Kriegsschuld noch fünfundachtzig Goldmilliarden zu zahlen, davon sechzig an Frankreich, fünfundzwanzig an England. In dieser Stunde überreicht der deutsche Gesandte an England die Summe, die Deutschland ihm schuldet. Ich selbst übergebe an Sie als den Leiter der französischen Regierung in Anwesenheit der erwählten Vertreter der ganzen Welt diesen Betrag von sechzig Milliarden in lauterem Golde!«

Ein allgemeiner Ruf der Verblüffung, maßlosen Erstaunens erscholl aus der Runde.

Auf einen Wink des deutschen Gesandten waren die Tücher zur Seite geflogen. Eine endlose Reihe goldleuchtender Barren lag lichtübergossen.

»Halt!« schrie Dupont wie von Sinnen.

Saldern stand wie in Erz, allen Festgästen sichtbar.

»Die Schuld deutscher Knechtschaft ist hiermit beglichen, mein Volk frei von Fesseln, der Krieg überwunden. Es lebe der Frieden!«

»Ich protestiere!« rief Grandmaire als Antwort. Die Nerven versagten ihm vor diesem Anblick. Dann wandte er sich wie gehetzt nach dem Ausgang.

»Knock out!« konstatierte Lord Bridge, wie ein Richter im Boxkampf. Dann ging er zu Saldern und gab ihm die Rechte.

* * *

... Ein strahlend sonniger Junitag erwachte über der Riesenspinne Berlin. Die fliehende Nacht warf mit einem letzten Griff die Überbleibsel des Dunkels hinab in die Straßen. Die letzten Bogenlampen saugten träge ihr Licht ein. Torgitter schlossen sich hinter torkelnden Gästen, zugleich mit dem Öffnen der dämmernden Kirchen –. Übernächtigte Gestalten schlüpften aus bremsenden Autos und schlichen sich in die schlafenden Häuser. Nonnen huschten versunkenen Blickes zur nahen Kapelle. Die ersten Straßenkehrer schlürften noch schläfrig die Linden hinunter. Hier und da ging eine Jalousie hoch. Berlin gähnte auf und reckte die Arme.

Am blaßblauen Himmel zog lautlos ein Flugboot nach Westen. Eine leise Musik lag breit ausgegossen. Das Atmen von zahllosen, schlummernden Menschen. Der pochende Herzschlag erwachenden Lebens. Das ewige Summen des riesigen Triebwerks. Und hoch in den Lüften ein heimliches Etwas, unsichtbar und seltsam, ein Flimmern und Raunen, wie wandernde Träume ... Ungreifbar, und doch immer stärker erbrausend ... Ein Neues, Unfaßbares, märchenhaft Kühnes, von allen Ersehntes, gespenstisch Geahntes ...

Es lief durch die zahllosen summenden Drähte. Es flog durch die Lüfte, es jagte auf stählernen, donnernden Schienen. Immer näher und näher, stets schneller und schneller, unheimlich aufschäumend, dämonisch vervielfacht. Es trieb die entweichende Nacht wie ein Raubtier, zerpeitschte das zitternde Dunkel zu Fetzen und jagte zugleich mit dem Licht in die Städte. Wie eine riesige Pranke schlug es, die Menschheit erweckend, nach unten – – –

Im gleichen Augenblick schrillten tausende Klingeln. Menschen hasteten, riefen und kreischten, weinten und jauchzten. Fenster klirrten, Türen schlugen, Telefone schrillten. Über die Straßen schnellten sich einzelne Boten, sprangen in Autos, verschwanden wie Schatten um einsame Ecken. In den großen Zeitungspalästen, in den kleinen Druckereien schrie das Metall auf. Hebel wurden zur Seite gerissen, Papierballen flatterten in die Maschinen, Rotationspressen sausten, Walzen wirbelten in ihren Lagern ...

Unter dem Brandenburger Tor lag das erste Gerücht. Breit, wie ein Ölfleck. Einem vorbeisausenden Radler war es entfallen. Zwei Straßenkehrer hoben es auf. Jeder hatte es anders gehört. Beim Anfassen zerfiel es in tausende Stäubchen. Ein Luftzug trug sie gleich die Linden hinunter um die Kanzlerecke ..., kollerte sie die Friedrichstraße entlang, fegte sie durch die Leipziger Straße, auf den Potsdamer Platz ... Aus dem Bahnhof ergoß sich ein Strom lauter Menschen. Jeder trug eine Botschaft auf zitternden Lippen, stärker als all diese Stäubchen von vorher. Gruppen bildeten sich auf den horchenden Straßen. Autos bremsten, Fragen schwebten, Antworten fangend. Die ersten Elektrischen sausten vorüber und trugen das Seltsame in alle Winkel ... Verschlafene beugten sich weit aus den Fenstern. Man stand in den Türen, noch halb angezogen, in Nachthemd und Hose, den Zopf in den Händen, mit offenen Mündern – – –

Als die ersten Extrablätter aufschossen, war man schon im Bilde und fand nur Ergänzung. Dann spien die Pressen bedrucktes Papier aus und wirbelten es über Straßen und Häuser. Millionen Gehirne durchflammten, erhitzten die nämlichen Sätze, sich ewig erneuernd in anderen Formen und doch stets die gleichen:

Paris. Achtundzwanzigsten Juni ... Der deutsche Gesandte in Paris, Freiherr v. Saldern, übergab heute um zehn Uhr fünfundvierzig Minuten nachts im Auftrage der deutschen Regierung während des großen Festes in Paris an den französischen Ministerpräsidenten Grandmaire sechzig Milliarden in lauterem Golde. Gleichzeitig wurden in London fünfundzwanzig Milliarden in Goldbarren durch den dortigen deutschen Gesandten Lord Wigth überreicht. Deutschland hat damit seine gesamten Kriegsschulden bezahlt. In Paris herrscht Verwirrung. Nähere Nachrichten folgen.« –

Dann jagten die Meldungen sich um die Wette. Fielen wie Tauben vom Himmel herunter. Extrablätter riß man noch naß von den Wänden und klebte die neuen in Eile darüber. An jeder Ecke stand etwas anderes. Die hastende Menge lief hierhin und dorthin, gehetzt und geschoben, drehte sich wie ein Karussell um den wechselnden Anschlag. Wer es las, gab es weiter. Es sprang durch die Köpfe. Der Morgen stieg aufwärts und wurde zum Mittag. Kein Mensch wich vom Platze, die Arbeit blieb liegen, man stand nur und harrte der kommenden Dinge. Man wußte: ein Wunder war gestern geschehen. Deutschlands Schuld war beglichen, die Knechtschaft zu Ende ...! Noch weiter vermochte das Hirn nicht zu denken. Es brannte sich immer nur in diesem Kreise, bis weitere Zettel wie Faustschläge kamen.

Um zwölf Uhr mittags schrie das Volk jubelnd auf. Wie aus einem Munde. Man wußte das Zweite – –:

»Das deutsche Volk verdankt seine Befreiung dem Ingenieur Walter Werndt, dem Entdecker der Elektronstrahlen, dem Nobelpreisträger des letzten Jahres. Es gelang ihm, auf chemischem Wege Gold zu erzeugen.«

Da war es! – – – Das Märchen, auf das man gewartet. Es spann seine Fäden und wob dichte Netze. Plötzlich wußten Tausende einzelne Daten, nächste Erklärungen, offene Rätsel. Traum wurde Wahrheit und Ahnung Gewißheit. Das Märchen hielt alle. Bis der dritte Schlag fiel. Er kam drei Uhr fünfzehn.

»Die bisher unbesetzten Regierungsstellen endgültig besetzt. Freiherr v. Saldern Außenminister. Doktor Werndt Finanzminister.«

Das Erste begriff man. Das Letzte blieb Rätsel. Werndt, der Ingenieur, Finanzminister? Warum nicht ein Fachmann? Glaubte man ihn nicht mehr nötig zu haben, da alles bezahlt war? Wollte man Werndt seine Dankbarkeit zeigen? Gab es dafür keine besseren Mittel? Man riet nur vergeblich. Dann kam es um sechs Uhr wie eine Erlösung.

»Doktor Walter Werndt und Freiherr v. Saldern sind im Flugzeug von Paris zurückgekehrt und fünf Uhr fünfzehn im Reichskanzlergebäude eingetroffen.«

Das fuhr in die Massen! Sie bäumten sich wie eine riesige Schlange. Um die Plakattafeln entstand plötzlich Leere. Kreise ordneten sich zu Quadraten, zogen sich rechteckig lang auseinander, wurden zu endlosen, drängenden Reihen, schoben sich straßenweise hintereinander, Kopf hinter Kopf, alle gerade gerichtet ... Plötzlich waren Schilder im Zuge. Fahnen flatterten über den Hüten, Paukenschlag zitterte auf ... Irgendwoher klangen erste Trompeten ...

... Und dann schwoll es hoch, brandend und brausend, auf wandernden Wellen, wie heilige Sturmflut ... Aus weinenden Kehlen und bebenden Lippen ... Ein einziges Danken, ein jauchzendes Beten ...

Deutschland, Deutschland über alles ...
über alles in der Welt ...!

* * *

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