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Der Kampf ums Gold

Reinhold Eichacker: Der Kampf ums Gold - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorReinhold Eichacker
titleDer Kampf ums Gold
publisherUniversal-Verlag
year1924
firstpub1922
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150910
projectid7cb94592
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Das schlanke Flugzeug des Ingenieurs Werndt setzte spielend leicht auf. Ohne sichtbaren Ruck. Der Motor surrte aus. Die Gestalt auf dem Führersitz drehte sich um.

»Wir sind angelangt, meine Herren. Bitte steigen Sie aus!«

Zwei Monteure in braunen, russischen Blusen eilten herbei und halfen den Herren aus Haube und Pelz.

Graf Zieten reckte die langen Arme und blickte sich um.

»Schauderbare Gegend hier! Nichts als Wiese und Wald. Dagegen ist eine Klitsche in Ostpreußen Jahrmarktsbetrieb.«

Werndt lächelte froh.

»Einsam, ja, aber gut für den Zweck. Man besucht mich hier nicht. Darauf kam es wohl an. Übrigens ist's nicht so schlimm, wie Sie erkennen werden, wenn Sie alles gesehen haben. Darf ich die Herren bitten, geschlossen zu folgen.«

Graf Zieten winkte sich Brettscheid heran. Obwohl sie sich dauernd in den Haaren lagen, waren sie beide die besten Freunde. Die technischen Sachverständigen folgten mit Neff. Er redete über die Fahrt wie ein Buch.

Nach einigen Minuten blieb Doktor Werndt stehen. Der Wald machte hier einen plötzlichen Knick. Vor ihnen stand ein gewaltiger Mast von seltsamem Bau. Schmale, langgestreckte Dreiecke bauten sich übereinander, immer höher hinauf. Ein Dreieck immer kleiner als das untere. Von der obersten Spitze zog sich rings ein Netz von Drähten hinab. Das Ganze sah aus wie ein Spinnengeflecht. Selbst die Urwaldriesen ringsum blieben winzig zurück. Werndt zeigte hinauf.

»Sie sehen hier fünf meiner Masten hintereinander. In Abständen von je hundert Metern.«

Die Herren verdrehten die Köpfe umsonst.

»Nee. Ich sehe nur dieses eine Gestell!« brummte Zieten zuerst.

Wieder huschte das sonnige Lächeln über Werndts schmalen Mund.

»Der erste Mast hier. Er ist jetzt auf Hochstand geschraubt. Die anderen vier stehen drüben am Wald.«

»Diese Bäume da vorn?«

»Es scheint Ihnen so. Sie sind nur maskiert. Die Konstruktion meiner Masten gestattet ein Zusammenziehen des Mittelgestells auf zwölf Meter Stand. Die äußerste Höhe ist zweihundertzehn. Das Material ist eine Legierung aus Aluminium, die ich erfand. Der Transport jedes Turmes kann durch Pferde geschehen. Im allgemeinen zieht man jedoch die Kraftwagen vor. Wie Sie selbst schon erkannt haben, ist ihr Maskieren sehr leicht. Die Drähte wirken zugleich als Zweige und Äste. Jedes Wäldchen genügt. – Bitte sehen Sie hier!«

Er ging ruhig zu einem grünlichen Haus und stieß die Türe zurück. Eine dunkle, dicke Masse, wie ein schlafendes Ungeheuer, glotzte sie an.

»Mein Dynamomotor. Dort das Kraftreservoir.«

Er drückte einen Hebel herab. Sofort summte oben das riesige Netz, als falle ein Bienenschwarm über den Wald. Werndt zeigte hinauf. »Das Nähere werde ich den Herren Sachverständigen später im Laboratorium zeigen. Ich habe dort noch ein kleines Modell, die Konstruktionszeichnungen auch vom Motor. Hier mag es zunächst genügen für Sie, daß ich mittels dieser Maste und dieser Maschinen die ungeheure Drucklast der Sonnenstrahlung in hohen Sphären über uns umsetze in elektrische Energie. Ein Trommelfeuer von Energiequanten ist es, mit welchen uns die Sonne täglich, stündlich überschüttet. Die Kunst war es nur, diese Kräfte zu nützen, sie, deren Stärke geradezu unermeßlich ist. Und wie einfach doch: im Grunde habe ich auch nichts anderes getan, als alle Technik vor mir. Denken Sie einmal Wasser statt Luft in hohen Regionen und erinnern Sie sich an ein großes Projekt, wie Walchenseewerk und andere mehr. Das genügt zum Vergleich. Das Gefälle gibt uns dort die Kraft. Mehr tue auch ich nicht. Nur nütze ich das Gefälle der Sonnenkraft, das urgewaltige Potential ihrer strahlenden Energie! Hier ist das Problem praktisch gelöst. Bitte prüfen Sie jetzt die erreichbare Kraft. An diesem Zeiger lesen Sie Volt, an jenem Ampère. Und achten Sie jetzt auf den Zeiger in Rot, er gehört dem Anlasser an und zeigt mir, ob die Spannung erreicht ist, die Hauptkraft auf das Werk zu werfen ...«

Das Summen sprang wieder ins glitzernde Netz.

»... Denn das, meine Herren, was Sie hier sehen, ist natürlich nur der kleinste Teil. Ein Maschinchen en miniature. Wie sollten diese armdicken kupfernen Kabel auch Millionen Ampère ertragen. Meine Hauptdynamos, gegen die das ein Zwerg ist, liegen weit unter der der Erde in tiefen Gewölben. Ich beginne – – bitte sehen Sie jetzt!«

Der Sozialdemokrat schob den Kopf weit nach vorn. Der Zeiger kletterte stetig hinauf.

»Siebzigtausend – hunderttausend – hundertfünfzigtausend – zweihunderttausend – dreihunderttausend – fünfhunderttausend – achthunderttausend –« zählte er laut. »Es ist ja kaum denkbar!«

Werndt wandte sich um.

»Bitte sehen die Herren jetzt drüben den Mast.«

Alles drängte zur Türe. Der scheinbare Baum dicht am Rande des Waldes schob sich langsam empor wie ein zierliches Rohr. Immer wieder kletterte ein neues Dreieck aus dem alten hervor. Eine längliche Spitze setzte sich über die andere. Endlich stand der Mast still.

»Bitte nun wieder hier!« mahnte Werndt am Motor.

Doktor Brettscheid warf einen Blick auf den Zeiger des Meßapparats.

»Eine Million viertausend Volt!« rief er aus.

Der Zeiger drehte unermüdlich hinauf.

»Zwei Millionen!« stotterte Neff. Die Sachverständigen sahen sich fassungslos an. Werndt lächelte.

»Jetzt haben wir glücklich die Spannung, die für den Anfang genügt. Jetzt passen Sie auf!«

Er trat an das Schaltbrett, das die ganze Rückwand des Raumes erfüllte. Blanke Räder blitzten aus dem Dunkel. Schalter mochten wohl zu schwach sein, so ungeheure Ströme zu lenken. Viermal drehte der Ingenieur leicht an einer blinkenden Scheibe. Dann warf er einen Hebel mit Macht an.

In diesem Augenblick erhob sich ein Brüllen, als donnerten stürzende Berge im Innern der Erde, und es war, als müßte das Gebäude mit allem, was in ihm war, in Atome zerplatzen. Den Anwesenden krochen kalte Schauer über den Körper.

Werndt stellte lächelnd wieder ab.

»Ich nehme an, daß den Herren die Probe genügt. Es steht ganz in meinem Belieben, diese Zahl zu erhöhen. Je mehr Masten man wählt, um so stärker der Strom. Wie man diese Kraft dann auf Entfernungen auswirken kann, ist Ihnen ja schon aus Versuchen von Siemens bekannt. Nur arbeite ich mit weit größerem Strom. Die von mir erzielbaren Wirkungen sind selbstverständlich ganz anderer Art. Die bekannte Vernichtung der Hammelherde erscheint im Vergleich hierzu als Spielerei.«

Graf Zieten reckte die hohe Gestalt. Seine Brust atmete schwer. Er kämpfte mit sich. Er mußte mehrmals ansetzen, ehe ihm das Sprechen gelang.

»Und mit einer derartigen Macht in der Hand sollen wir jetzt keinen Krieg –?!!«

Werndt blickte sehr ernst.

»Darüber sprechen wir noch, wenn die Kommission auch das Weitere sah.«

Schweigend, unter dem Druck der wildanstürmenden Gedanken folgten die Herren ihm nach.

In einer Baumlichtung stand ein längliches Haus. Blühende Schlingpflanzen rankten sich über der Türe. Aus allen Fenstern grüßten Blumen heraus.

»Deutsche Rosen!« sagte Werndt. Sein Blick wurde weich. »Sie waren monatelang das einzige Deutsche um mich.«

Man trat in das innere Haus. Es sprang leise auf, wie ein leuchtender Traum. Überrascht sahen alle sich an, und auf Werndt.

»Mein Arbeitszimmer,« gab er zurück.

»Heiliger Himmel!« stöhnte Neff auf.

Vor ihnen glänzte ein Märchen aus – Gold! Breite Goldplatten bedeckten wie Panzer die Wand, quadratisch geteilt. Aus Gold war der Schreibtisch, der Sessel davor. Golden blitzten die Stühle, das Sofagestell. Eine schwere Goldplatte deckte den Tisch.

»Es ist wie ein Traum!« kämpfte Zieten sich wach.

Neff klopfte hart auf die Wand.

»Selbst wenn das alles nur Messing sein sollte – Der riesige Wert ...!«

»Es ist das besiegte Gold. Echtes, lauteres Gold. Von mir künstlich erzeugt. Ein sündloses Gold. Das Gold des Kunstgewerbes der Zukunft, das schönste Metall, doch nicht mehr ein Fluch.«

Der berühmte Physiker Mallhaus, den die Regierung als Sachverständigen gebeten hatte, zog sein Taschenmesser heraus und kratzte ein Loch in die blendende Wand. Werndt sah lächelnd zu.

»Ich werde Ihnen drüben im Laboratorium bequemere Proben vorlegen können,« sagte er endlich. »Es stimmt schon, mein Gold.«

Geheimrat Mallhaus kam auf ihn zu. Mit einer zitternden Bewegung griff er die Hände des Ingenieurs. Seine Bartspitzen zuckten, sein Auge war feucht.

»Ich danke dir, Gott, daß ich das noch erlebt. Gott segne dich, Deutscher, und durch dich die Welt!«

Mit einem erstickten Schluchzen zog der Greis Walter Werndt an seine Brust und küßte ihn ehrfürchtig auf seine Stirn.

Werndt gab seinen Händedruck herzlich zurück.

»Es war eine glückliche Erfindung, wie andere,« sagte er schlicht. »Wir sind alle ja nur ein Werkzeug des Geistes, der uns erst beseelt.«

»Berichten Sie!« sagte Mallhaus erregt.

Die Herren setzten sich in das leuchtende Gold. Weiche Kissen waren auf alle Sessel gelegt. Ein eigenartiger Zauber herrschte im Raum. Alle fühlten die Wucht dieses Tages. Selbst Neff blickte feierlich drein und vergaß jeden Spott.

Werndt dachte kurz nach.

»Erlauben Sie mir, auch hier ganz knapp zu sein. Im Laboratorium drüben liegt alles bereit, was aufklären kann. Sie alle kennen das Wörtchen Atom. Es war seit Dalton das Bestreben aller Chemie, die Erscheinungsformen der Materie durch chemische Hilfsmittel auf gewisse Grundformen zurückzuführen. Man fand die Moleküle als kleinste Teile homogener Materie. Man fand im Molekül wieder die Atome als kleinste chemische Einheit. Und man entdeckte sehr bald, daß alles, was uns umgibt, auf der Erde und auf fremden Gestirnen, in festem, flüssigem oder gasförmigem Zustande aus etwa achtzig Elementen besteht, und daß deren Kombination die unendliche Mannigfaltigkeit sämtlicher Stoffe erklärt. Die Wissenschaft hat uns gelehrt, daß im Moleküle sich die Anteile der chemischen Elemente stets in einem bestimmten Verhältnis befinden. Sie hat die Gewichtsverhältnisse dieser Verbindungen klargelegt und den Begriff der Atomgewichte, ihrer Wertigkeit und Affinität geschaffen. Und weiter kam die fortschreitende Erkenntnis, daß auch sie nur Kombinationen sein müßten von feineren Formen. Das Radium gab uns und löste uns das Rätsel. Man schuf die Quantentheorie, man erkannte, daß auch das Atom noch ein kompliziert gebauter Mikrokosmos ist, bestehend aus zahllosen Korpuskeln und Elektronen. Je weiter man forschte, desto sicherer erkannte man, daß nur die Zusammensetzung eines Atoms, die Zahl seiner Elektronen die Art der Materie bestimme, und daß es notwendig zu einer willkürlichen Änderung aller Stoffe führen müsse, wenn es gelänge, Atome zu spalten, Teilchen abzutrennen oder hinzuzufügen und so die ihm eigene Kombination zu verändern.«

Geheimrat Mallhaus nickte ihm zu.

»In der Theorie war man so weit. Die Praxis schuf erst Ihr Genie!«

Werndt wehrte schlicht ab.

»Wenn es bisher nicht gelang, von der Theorie in die Praxis zu schreiten, so lag es vor allem daran, daß unsere bekannten Kräfte nicht ausreichen konnten, die Druck- und Wärmegrade zu zeugen, die für eine Atomspaltung Vorbedingung sein mußten. Meine elektrischen Masten ergaben die Kraft.«

Die Sachverständigen waren aufgesprungen. Die Erregung über das Ungeheure, das sie erfuhren, riß sie vom Stuhl hoch.

»Damit war der Weg frei. Sie wissen, daß das Atomgewicht des Bleies größer ist, als das des Goldes. War die Theorie richtig und gelang es, ein Heliumatom, ein Betateilchen und zwei Alphateilchen abzuspalten, so konnte als Wirkung nur eines entstehen: aus Blei mußte Gold werden!«

Ein Atemzug hob seine Brust. Seine Stahlaugen flammten hell auf.

»Die Spaltung gelang. Aus Blei – wurde Gold!«

Mallhaus sah ihn ergriffen an.

»Wie einfach das klingt!« sagte er gerührt. »Ein einziger Schritt vom Erkennen zur Tat. Doch wie lange brauchten Sie für diesen Schritt?«

»Fünf Jahre,« gab Werndt zurück.

Doktor Brettscheid reichte ihm wortlos die Hand. Auch in Neffs spottlustigen Augen stand seltsamer Glanz.

Graf Zieten blieb merkwürdig schweigsam zurück. Er wartete, bis alle anderen Werndt beglückwünscht hatten. Dann kam er langsam heran.

»Und da meinte unsereiner, er sei auch noch ein Kerl! Was ist man dagegen doch nur für ein Tropf!«

Werndt schüttelte ihm herzlich die Hand.

»Jeder an seinem Platz, lieber Graf. Deutschland braucht solche Männer wie Sie.«

Zieten blickte ihn unsicher an.

»Glauben Sie?«

Er kämpfte sichtbar mit einem Entschluß.

»Herr Doktor Werndt –« brach er endlich los – »warum wollen Sie Ihre Macht nicht benützen, um Rache zu nehmen? Warum nicht? An Ihnen frißt genau so die Schmach wie an mir, wie an jedem, der deutschbewußt blieb. Sie haben das Elend gesehen, den Schimpf gefühlt, den man uns getan. Herrgott ja, soll das alles denn ungestraft sein? Soll es keine Vergeltung geben vor Gott?!«

»Doch!« sagte Werndt ernst und hart. Es klang wie ein Urteil. Sein Blick war wie Stahl.

»Vergeltung! Nicht Krieg. Wir müssen erst neu denken lernen. Wir denken noch alle im alten Geleis, weil wir auf das Neue noch nicht umgestellt sind. Was bezwecken Sie mit einem Krieg?«

Der Graf ballte die Faust.

»Rache!«

»Rache ist ein Gefühl. Seine Wurzel ist Haß. Haß ist Zerstörung. Setzen Sie Haß gegen Haß, so unterwerfen Sie sich nur der Denkart des Feindes. Richter wollen wir sein, doch nicht Mörder.«

»Wie wollen Sie Richter sein ohne den Krieg?!«

»Noch einmal frage ich Sie jetzt: Was bezwecken Sie mit einem Krieg? Geschehenes ist nicht mehr rückgängig zu machen. Tote ruft auch kein Haß mehr zurück.«

»Aber wir können die Schmach auslöschen, wir können Deutschland wieder zu Ehren bringen, ihm seine Macht, seine alten Grenzen geben. Wir können ihm seine Freiheit sichern. Wir können es wieder zum geistigen Führer machen in der Welt ...!«

Der Ingenieur nickte ihm frohbewegt zu.

»Ja, lieber Graf, das können wir, und das müssen wir! Das bezwecken Sie mit einem Krieg! Und bis jetzt konnten wir es auch nur durch einen Krieg. Wenn ich Sie aber heute frage, nachdem Sie dies alles zum erstenmal sahen: was würden Sie von einem Deutschen halten, der im Besitz einer neuen, fast unausdenkbaren Macht, das gleiche vermöchte auch ohne den Krieg. Der alles, schon mehr als den Endpreis besitzt, und dennoch sein Volk in das Kriegsgrauen treibt, seine Brüder und Kinder in Leiden und Tod, nur weil ihn die Rache mehr lockt als das Ziel? Urteilen Sie selbst!«

In den Zügen des Grafen wetterleuchtete es.

»Ich würde ihm an die Gurgel gehen!«

»Sehen Sie!« lachte Werndt froh. »Und wir haben die Macht. Ist da denn nicht jede Träne Verlust, jeder Tod eines Deutschen im Kampf reiner Mord?!«

Wie ein Prophet stand er, seltsam verklärt. Die Abendsonne spiegelte sich auf dem leuchtenden Gold.

»Wahrlich,« kam es zurück, »ich sage Ihnen, ohne einen Tropfen Blut werden wir Sieger sein über den Haß!«

* * *

Freiherr von Saldern, der Botschafter des Deutschen Reiches in Paris, verbeugte sich förmlich und stand wieder stumm. Das scharfgeschnittene, kluge Gesicht des jungen Diplomaten war undurchdringlich. Keine Miene zeigte, was in diesem Gehirn an Gedankenspiel vorging.

Der französische Ministerpräsident Monsieur Grandmaire blickte unschlüssig nach seinem Außenchef hin. Auf seiner Stirne wechselten ununterbrochen die Falten. Sein Kinnbärtchen zuckte.

»Ich muß gestehen,« sagte er endlich, »daß die Erklärungen Eurer Exzellenz mich lebhaft befremden. Die neue deutsche Regierung, die sich vor einigen Tagen in so überraschendem Tempo gebildet, wäre also nach Ihren Ausführungen, Herr Botschafter, entschlossen, die von Friedensliebe und Gerechtigkeitswillen getragene Forderung Frankreichs nicht zu erfüllen?«

v. Saldern verneigte sich knapp und verbindlich.

»Keine deutsche Regierung sieht sich in der Lage, der Forderung Frankreichs zur Zeit zu entsprechen. Jeder Versuch, auf das deutsche verzweifelnde Volk neue Lasten zu häufen –«

»Wer will das?« fragte der Außenminister.

Der Deutsche sah ihn kalten Blicks an. Dem kleinen Franzosen schoß Rot in die Schläfe.

»Die Erfüllung der Forderung Frankreichs würde den Zusammenbruch unserer Industrie bedeuten. Eine Unterbindung unserer Produktionskraft, eine Versklavung des deutschen Genies.«

»Exzellenz!« fuhr der Präsident unwillig auf. »Dieser Ausdruck! Dieses Urteil über unsere Handlungsweise ...!«

»Ich habe kein Urteil gefällt, sondern nur eine Tatsache feststellen wollen,« sagte v. Saldern kurz, ohne Hast. Seine eiserne Ruhe erregte Grandmaire nur noch mehr. Der Ton des Franzosen war drohend. Sein gefürchtetes Habichtsgesicht war gerötet.

»Ihre Antwort in Verbindung mit der mir vorhin zur Kenntnis gebrachten Note kommt also einer schroffen Ablehnung gleich. Ich nehme an, daß Ihre Regierung sich der Folgen ihres Entschlusses bewußt ist –«

»Gewiß. Der Versuch einer Annahme wäre ihr Sturz. Eure Exzellenz haben die Panik der vorletzten Wochen gesehen, die Erregung des Volkes, den Kurssturz der Mark. Die Verzweiflung des hungernden, ratlosen Volkes würde in diesem Falle der deutschen Regierung die Zügel aus der Hand reißen müssen.«

»Um so berechtigter ist unsere Vorsicht, der Zwang zur Entwaffnung.«

»Die neue deutsche Regierung ist fest entschlossen und ehrlich gewillt, die Bedingungen des Versailler Vertrages auch jetzt zu erfüllen. Sie kann dies aber nur, wenn ihre Autorität nicht untergraben wird.«

»Niemand will das!« warf der Präsident ein.

In v. Salderns Gesicht verzog sich kein Zug.

»Ich bin davon überzeugt. Die anerkannte Weisheit französischer Politik würde auch nach der Überzeugung der deutschen Regierung unmöglich den Fehler begehen, einer deutschen Regierung von Opferbereitschaft und bestem Erfüllungswillen die notwendige Unterstützung zu versagen, deren sie zur Durchführung ihrer mit Frankreichs Interessen übereinstimmenden Politik stets bedarf. Frankreich ist in Europa die führende Macht, wie die politische Weisheit und Überlegenheit Eurer Exzellenz in Europa neidlos als vorbildlich anerkannt ist –«

Der Franzose wehrte leicht ab. Unwillkürlich reckte sich seine kleine Gestalt. Das peinliche Gefühl, von diesem Deutschen verspottet zu werden, das ihn einen Augenblick deutlich beschlich, wurde durch seine maßlose Eitelkeit schnell unterdrückt.

»Lassen wir das!« sagte er kurz, doch sein Ton klang nicht hart.

v. Saldern blieb unbewegt.

»In dieser Überzeugung von dem politischen Weitblick Eurer Exzellenz und im Bewußtsein ihres eigenen, unbedingten Friedenswillens gestattet sich die deutsche Regierung, durch mich, Ihnen, Herr Präsident, in dieser zweiten Note vertraulich einen Gegenvorschlag zu unterbreiten.«

Die beiden Franzosen sahen überrascht auf.

»Die deutsche Regierung hat mich beauftragt, zur Erklärung ihres Vorgehens einige mündliche Erläuterungen zu geben. Die deutsche Regierung geht dabei von der Überzeugung aus, daß es ihr nur dann möglich sein wird, die Forderung Frankreichs annehmbar zu machen, und so ihren Willen dem Volk aufzuzwingen, wenn sie sich selbst vorher eine Autorität sichern konnte, die dieser Belastung mit Sicherheit standhält. Eure Exzellenz haben den Sturz der Regierung in Deutschland erlebt. Die neue deutsche Regierung, die erst vierzehn Tage besteht, konnte sich in dieser Zeit naturgemäß eine Autorität nicht gewinnen. Das Volk wartet ab, was die Änderung bringt. Es liegt jetzt ganz in der Hand Frankreichs und seiner weitblickenden Politik, dieser deutschen Regierung den Rückhalt zu geben, den sie haben muß, um in ihren Regierungsmaßnahmen als treuer Bundesgenosse des mächtigen Frankreich auftreten zu können. Diese friedliche, reibungslose Zusammenarbeit ihrer Völker mit allen Mitteln herbeizuführen, ist der unverbrüchliche Wille, der die neue deutsche Regierung gebar. Damit sie dem Lande zur Führerin werden kann, bedarf die deutsche Regierung aber eines besonderen, äußeren Erfolgs, der ihr Achtung und Liebe des Volkes verschafft. Kein Volk ist mehr auf sentiment aufgebaut als das deutsche, Herr Präsident! Der Mangel an einem, wenn auch nur scheinbaren, großen Erfolg besiegelte die kurze Lebensdauer der früheren Regierungen in meinem Lande. Ich habe daher den Auftrag, Eurer Exzellenz folgenden Vorschlag zu machen: Frankreich verschiebt seine Forderungen auf einige Zeit, bis die neue Regierung die Autorität und das Ansehen besitzt, ihren Willen dem Lande aufzwingen zu können. Damit sie dies äußere Ansehen gewinnt, sichert ihr Frankreich einen äußeren, rein gefühlsmäßigen Erfolg.«

»Und worin soll er bestehen?«

»Das deutsche Volk leidet unter dem Versailler Vertrag nach der Überzeugung der neuen Regierung nur deshalb so stark, weil es kein Ende der Lasten absieht. Frankreichs Forderung beträgt nach dem letzten Pariser Diktat noch sechzig Goldmilliarden, die Englands weitere fünfundzwanzig Goldmilliarden, zusammen also fünfundachtzig Goldmilliarden. Dieser Betrag wurde durch das gleiche Statut auf zwanzig Jahre verteilt. Die jetzt lebende Generation wird dadurch bis an ihr Lebensende bedrückt. Das verträgt das deutsche Herz einfach nicht.«

Der französische Ministerpräsident fiel ihm ins Wort.

»Sie übersehen dabei, daß die Verteilung auf zwanzig Jahre auf eigenen Wunsch der deutschen Delegierten geschah, da diese ausdrücklich erklärten, keine höheren Raten aufbringen zu können.«

In v. Salderns Gesicht entstand ein vertrauliches Lächeln. Das rechte Auge war halb zugekniffen.

»Ich möchte mich nicht über die Menschenkenntnis eines Vorgängers oder Herrn Delegierten aussprechen. Die neue Regierung sieht jedenfalls – und wohl auch mit Recht – in dieser Verteilungsform einen psychologischen Fehler von größter Gefahr. Der deutsche Mann erfährt dadurch, daß er vor zwanzig Jahren nicht frei werden kann, daß ihm alle Arbeit nichts nützt, daß er selbst bei Leistung des Unmöglichen den Milliardenbetrag nicht vor zwanzig Jahren abzahlen kann oder darf.«

Der Franzose fuhr hoch. Unüberlegt entblößte er halb sein geheimstes Gefühl.

»Ja, glaubt denn ein Deutscher, daß irgendwer in der Welt diese Summen schneller aufbringen kann!«

Der Außenminister warf ihm einen warnenden Blick zu. Er sah seinen Fehler und bremste sofort.

v. Saldern bemerkte den Zwischenfall anscheinend nicht. Das vertrauliche Lächeln um seinen Mund verstärkte sich noch.

»Das ist es ja eben, Herr Präsident! Ein solcher Gedanke ist gänzlich absurd. Aber der Deutsche ist nun einmal Idealist, Phantast. Der Gedanke, es könnte so sein, ist ihm mehr als die Tatsache selbst. Der Glaube, die Möglichkeit zu haben, diese riesige Schuld unter Umständen schon in fünfzehn, zehn oder fünf Jahren abtragen zu können, würde jegliches Druckgefühl gleich von ihm nehmen. Es würde seinen Arbeitswillen beflügeln und seine Leistungen ungeheuer zu steigern vermögen.«

Die müden Augen des Außenministers leuchteten habgierig auf.

»Sie glauben also, daß der deutsche Arbeiter bei einer etwaigen Befreiung von dieser zwanzigjährigen Bindung noch mehr leisten könne?«

Der deutsche Botschafter nickte betont.

»Zweifellos. Die deutsche Regierung ist hiervon so fest überzeugt, daß sie Frankreich eine Erhöhung der Schuldsumme um zehn Milliarden anbietet, falls Frankreich diese seelische Hemmung von ihr nimmt, und das Pariser Statut formal so fixiert, daß zur Abzahlung jede Frist freigestellt bleibt. Sagen wir, – um es übertrieben darzustellen –, daß der deutschen Regierung theoretisch die Möglichkeit bliebe, im Gegensatz zu der bisherigen Norm – den ganzen Betrag an einem einzigen Tage an Frankreich zu zahlen.«

Der Außenminister sah hohnlächelnd auf.

»Fünfundachtzig Milliarden an einem einzigen Tage! Magnifique, Exzellenz!«

Der Ministerpräsident grinste ihm abwesend zu. Seine schillernden Augen rechneten stumm.

»Also der Vorschlag ist so: Frankreich läßt jede Frist für die Rückzahlung frei, setzt selbstverständlich die jährliche Mindestrate fest, garantiert aber seine Befriedigung auch bei etwaiger früherer Rückzahlung –?«

»Ganz recht,« nickte Saldern bejahend zurück. »Gleichzeitig garantiert Frankreich der deutschen Regierung mit dem Tage der letzten Zahlung Befreiung von allen Lasten, Besetzungen, Kontrollen und Einschränkungen, die sonst erst nach zwanzig Jahren eintreten sollten –«

»Hélas!« unterbrach der Franzose ihn schnell. »Das geht viel zu weit!«

Der deutsche Botschafter sprach ruhig fort.

»Nur durch diese restlose Befreiung – in der Idee – kann naturgemäß die beabsichtigte Wirkung entstehen. Eine halbe Befreiung bedeutet nichts. Dafür erhöht die deutsche Regierung freiwillig die Schuld um zehn Milliarden – –«

»Goldmilliarden?« fragte Dupont, gierig witternd. Er traute seinen Ohren noch immer nicht ganz.

»Goldmilliarden!« bejahte der Deutsche.

Der Außenminister kam langsam nach vorn.

»Glauben Sie denn, daß diese Erhöhung der Schuld nicht gerade das Gegenteil drüben bewirkt? Daß man der deutschen Regierung im Lande – selbstverständlich unter Verkennung ihrer durchaus richtigen Einsicht – nicht größte Vorwürfe machen wird, ihre Autorität untergräbt – – –?«

Wieder erschien das vertrauliche Lächeln in Salderns Gesicht.

»Naturgemäß wäre diese freiwillige Erhöhung der Schuld zum Gegenstand eines geheimen Vertrages zu machen, während die Befreiung von jeder Frist ihrer Tendenz gemäß in aller Öffentlichkeit – Exzellenz werden verstehen.«

Der Präsident wiegte zweifelnd das Haupt.

Freiherr v. Saldern sah ihn zwingend an.

»Exzellenz werden nicht die Vorteile für Frankreich verkennen. Der deutschen Regierung wird durch diese äußerlich leichtere Fassung das Ansehen gegeben, das Folgsamkeit sichert. Ich glaube deshalb auch nicht zu irren, wenn ich die Entscheidung des bedeutendsten Politikers unserer Zeit schon in diesem Augenblick als gefallen betrachte –«

Ein eigentümlicher suggestiver Strahl ging von den kalten Augen des Deutschen aus.

»Ich muß gestehen, daß die psychologische Feinfühligkeit der neuen deutschen Regierung für die Seele des Volkes mir stark imponiert,« meinte Grandmaire mit einem blitzschnellen, spöttischen Blick zu dem Außenchef hin –. »Ich werde den Vorschlag sehr ernsthaft erwägen und darf Eure Exzellenz wohl morgen zum Empfang meiner Antwort hier bei mir erwarten.«

Der deutsche Gesandte verneigte sich stumm. Der Präsident begleitete ihn persönlich hinaus. Vorsichtig schloß er die Türe zum Saale. Dupont grinste ihn abwartend an.

»Köstlich!« meinte er. »Incroyable, ces boches! Die deutsche Regierung macht in Psychologie und versucht Politik!«

Grandmaire antwortete nicht. Er hatte die Hände auf den Rücken gelegt und ging hin und her. Sein Habichtsgesicht zeigte Spannung und Ernst. Endlich blieb er kurz stehen.

»Es ist ein Unglück für die Deutschen, daß sie seit Bismarck keinen wahren Politiker mehr fanden. Sie haben stets nur die alten drei Typen von Scheindiplomaten, den politischen Streber, den wirklichkeitsfremden Gelehrten und den Theaterpolitiker. Saldern gehört zu der letzten Sorte. Er spielt, wie im Kino, ganz auf äußere Wirkung, und kommt sich sehr klug vor. Gescheit ist er zweifellos, aber er leidet noch unter dem Theatereinfluß der Vorkriegsepoche. Bühnendonner, Kinomimik und Heldenpose. Der junge Herr ist noch riesig naiv in der Wahl seiner Mittel. Er hat viel zu lernen. Trotzdem ist er jetzt schon ein Gegner von Rang. Er hat etwas an sich, das instinktiv warnt. Etwas, was den Deutschen sonst fehlte –, das heimliche Fach, hohe Schlagfertigkeit. Mehr von dieser Sorte würden den Deutschen eine wahre Politik liefern können. Der Anfang ist da. – Aber die Falle war doch zu naiv.«

Dupont sah überrascht auf.

»Eine Falle? So glauben Sie, daß – – –«

Grandmaire nickte nachdenklich.

»Hm! Also Sie haben die auch nicht bemerkt? Das macht mich stutzig. Für mich ist die Sache sehr einfach und klar. Die Geschichte mit der Psychologie und das weitere auch ist natürlich nur Schein. Nicht ernst zu nehmen. Eine Finte für Kinder. Wirklichkeit ist, daß die deutsche Regierung irgendeine Möglichkeit haben muß, ihre Schuld schneller zu zahlen. Und daß sie hierin große Vorteile sieht. Sonst wäre ihr die Änderung keine zehn Milliarden wert. Wohlverstanden in Gold! Man will uns übertölpeln. Das steht für mich fest. Woher Deutschland plötzlich das Geld nehmen will, weiß ich natürlich auch nicht. Entweder hat es sein wahres Vermögen verheimlicht und geheime Reserven gesammelt, mit denen es anrückt, oder irgendeine auswärtige Macht gibt ihm Riesenkredite, um Frankreich zu schaden. Wir haben ja zahlreiche heimliche Feinde.«

»Sie wollen also den deutschen Vorschlag ablehnen?«

»Nein, wahrscheinlich nicht. Er kommt mir selbst in seiner Kindlichkeit diesmal willkommen. Ich werde die Deutschen in ihrer eigenen Schlinge zu fangen versuchen. Tatsache ist, daß wir mit unserem letzten Ultimatum an Deutschland einen Mißerfolg hatten. Es ist zwecklos, sich da etwas vorzumachen. England und Amerika haben sofort einen politischen Druck auf uns ausgeübt, dem wir nachgeben müssen, soll kein Bruch daraus kommen. Tatsache ist, daß wir Deutschland nicht, wie gehofft, in eine bolschewistische Revolution hineintreiben konnten, sondern daß es sich plötzlich nach rechts umformierte und Leute ans Ruder gebracht hat, die ich für national verdächtig ansehe. Es bleibt uns also nichts anderes übrig als langsamer Rückzug. Verschieben des Angriffs bei möglichster Wahrung des äußeren Eindrucks.«

»Sie wollen den Vorschlag der Deutschen benutzen – –?«

»Ja, wir werden so tun, als merkten wir gar nichts, beweisen der Welt unseren Willen zum Frieden, die freundlichen Absichten gegen die Deutschen, verblüffen die Gegner und stärken die Freunde und gehen zum Schein ganz naiv in die Falle.«

Der Außenchef zog seine Stirnfalten hoch.

»Die Gefahr dieses Schrittes ...?! Jetzt, wo man die Falle als Absicht erkannt hat ...!«

»Gerade deshalb ist sie uns nicht mehr gefährlich. Die Deutschen fangen sich in ihrer eigenen Torheit. Selbst angenommen, sie würden durch irgendein Wunder von außen, durch stille Reserven und große Kredite die Schuld schon in zehn, fünfzehn Jahren abzahlen – frei werden sie dadurch doch nicht. Der geheime Vertrag, den sie sich ausgeklügelt, liefert sie uns wieder rettungslos aus. Wir werden neue Forderungen erheben, neue Schuld Deutschlands finden. Und Deutschland wird sich wie ein Hängender wehren. Wir brauchen die Schlinge nur ein wenig fester zu ziehen und schon wird es wimmernd und knirschend parieren. Bei jeder neuen Forderung genügt ein stummer Hinweis auf diesen Pakt. Die Drohung mit der Veröffentlichung, um die Leute ohnmächtig zu machen. Die deutsche Regierung wird wütend erfüllen aus Angst vor dem eigenen Volk, das es ohne sein Wissen verkauft und belastet. Soweit haben die neuen Herren in der Wilhelmstraße wohl noch nicht gedacht. Die Augen werden ihnen aufgehen.«

»Sie sind also entschlossen, den Vertrag abzuschließen?«

»Ich bin es. Schon weil es mich reizt, diesem Saldern als Gegner die steinerne Maske herunterzureißen. Er soll erfahren, was es heißt, mit Grandmaire einen Kampfgang zu wagen.«

* * *

Der deutsche Güterzug Mannheim-Paris rollte endlos und träg durch den Abend dahin.

Im Dienstabteil brannte nur spärliches Licht. Die Gestalten der beiden Bahnarbeiter vom Dienst hoben sich in ihren Grauröcken undeutlich ab. Der Qualm ihrer Pfeifen kroch an der Decke entlang. Sie hatten die nägelbeschlagenen Stiefel bequem auf die hölzernen Bänke gelegt und starrten hinaus in das dämmernde Land.

»Sakra!« brummte es auf. »Eene endlose Fahrt! Un en flauet Jefühl is et ooch, mitten mang die Paketen da drinn!«

Er wies mit dem Kopf nach dem Frachtraum zurück.

Der andere paffte den Qualm vor sich hin.

»Wieso, ein Gefühl?«

»Wenn det Zeugs explodiert!«

Die Antwort kam leise, verächtlich und spät.

»Seit wann explodieren denn Steine, du Flapps?«

Der Bärtige wiegte vielsagend den Kopf.

»Wenn't Steene sind! Weeste det ooch so jenau?«

»Was soll es sonst sein? Groß genug steht's ja drauf. Lies die Aufschrift doch nach!«

»Uffschrift hin, Uffschrift her! Schreiben kann man ja vill. Ick weeß nur, die Dinger sind schauderbar schwer, und injepackt wie 'ne Fuhre Porzellan. Und versiejelt dazu.«

»Weil der sämtliche Dreck der Gesandtschaft gehört. Deutsche Botschaft, Paris. Diplomatische Fracht. Jule sagt, es wären Grabsteine drin für die deutschen Gefallenen. Noch aus dem Krieg. Was geht das uns an?«

»Wenn't Steene sind, nischt. Wenn't aber Pikrin – Dynamit oder sonst so wat is? Explodiert is man schnell!«

»Mensch, quatsch nich so dumm! Vielleicht sagste auch noch gleich, was der deutsche Gesandte mit Sprengstoffen soll. Nächstens pafft er wohl noch ganz Paris in die Luft? Haste das lange Geschreibe der Zeitungen noch nicht kapiert? Die letzten Wochen stand doch nischt anderes drin als von Grabsteinen und so. Daß die Pariser Botschaft nu endlich mal dafür sorgen will, daß all die deutschen Toten vom Krieg einen Grabstein bekommen. Es wird auch bald Zeit. Du, wenn du keinen Räuberroman hast! Dann stimmt's bei dir nich. In dir spukt ooch der Kientopp von neulich noch nach.«

Der andere klopfte den Pfeifenkopf aus.

»Na, ick weeß nur, mein Herz, wat ick weeß, oller Freund! Seit vier Wochen jondeln wir schon alleweil nach Paris und zurück, mit die Steene als Fracht. Allet jeht nach Paris.«

»Schlaf, und laß mir die Ruh!«

Unwillig drehte der Graue sich ab.

»Na, wir wollen ja sehn!«

Der Ältere gab keine Antwort zurück. Er schob sich den wollenen Mantel zurecht und streckte sich lang auf der Holzpritsche aus. Eintönig stampften die Wagen und rollten einschläfernd die Schienen entlang. Weite, langweilige Landschaften, öde Felder, vernebelt und grau, glitten am schmutzigen Fenster vorbei. Stunde um Stunde schlich schleppend dahin.

Langsam richtete sich der Graubärtige auf. Leise, ruckweise, ohne Geräusch.

»Max!« frug er gedämpft in das Dunkel hinein.

Von der anderen Bank kam ein Schnarchen zurück. Laut und regelmäßig stieß der Schlafende seinen Atem hervor.

Vorsichtig stellte der Graue sich auf. Mit den Händen hob er das Bein von der Bank.

»Max!« frug er noch einmal und schlich bis zur Tür. Kaum hörbar drückte er gegen das innere Schloß. Wie ein Schatten glitt er ins Freie hinaus. Es war mondlose Nacht. Die Landschaft lag schwarz. Keuchend schob sich der Zug eine Steigung hinan.

»Jut is!« nickte der Graue hinab und ließ sich schnell los. Ohne Mühe lief er die Schienen entlang und wartete, bis er zum Frachtwagen kam. Mit einem Satz schnellte er sich an das eiserne Tor und packte den Griff.

Ein kurzer Blitz flammte auf. Das Licht der elektrischen Taschenlampe beleuchtete einen Augenblick lang beide Klammern der Tür.

»Plombiert!« brummte der Bärtige rauh. »Aber machen wir doch!«

Er schien auf dies Hindernis vorbereitet zu sein. Mit einem spitzen Stahl bog er die Plombe von innen heraus und schob sie zurück. Angestrengt nestelte er an dem hanfenen Strick und zog ihn heraus. Ruckweise, mit der einen Faust an dem eisernen Griff, stieß er die kreischende Türe zurück und drängte sich katzengleich durch ihren Spalt. Dann zog er die Türe von innen ins Schloß.

Sekundenlang klang nur das Keuchen des Mannes im Raum. Dann leuchtete wieder der Lichtkegel auf, stieß einen Augenblick gegen die Wand und senkte sich ganz auf den Boden hinab. Eine lange Reihe Pakete lag über- und hintereinandergepackt. Schwere Ballen, etwa zwei Meter lang. Starke Stahldrähte schnürten sie ringsherum ein. Ein großes, weißrotes Schild trug die Aufschrift: Paris, Eigentum der deutschen Gesandtschaft. Grabsteine. Zollfrei.«

Der Bärtige grinste ungläubig hinab.

»Jrabsteene, jawoll! Kotz und Schlag, wer det jloobt. Eher schlag ick lang hin, bis ick weeß, wat dat is!«

Kniend, mit kurzen Schnitten und Drehungen, die eine große Gewandtheit verrieten, bog er auch hier beide Plomben zurück und löste den Draht. Trotzdem dauerte es Minuten, bis die letzte Schnur fiel. Unwillkürlich blickte der Graue sich um. Das schlechte Gewissen schlug ihm bis zum Hals. Mit zitternden Fingern zog die dreifache Sackleinwand fort. Packen von Holzwolle und Werg fielen ihm auf seine Hand. Er strich sie zurück.

Eine graue, kantige Masse kam langsam ans Licht. Ein kunstvoll gemeißeltes – Grabkreuz aus Stein ...

»Een Kreuz!« fluchte der Bärtige laut. »Tatsächlich nur Jrabsteene drin! So een Pech!«

Mit einem Ruck packte er wieder die Holzwolle auf und schnürte die Sackleinwand sorgsam herum. Auf den Zentimeter genau schloß er den äußeren, doppelten Draht. Die frühere Rille war deutlich zu sehen.

»Dafür all der Klamauk!« schalt der Graue voll Zorn. Seine schmutzige Hand fuhr hinab in den Rock und kam mit den offenen Plomben zurück. Sorgfältig zog er die Schnur durch die Öffnung hindurch und drückte das Blei mit dem Daumen fest zu.

Mit der Laterne leuchtete er den Verschluß sorgsam ab.

»Bong! Haste jut jemacht!« grinste er still. »Bist een Fachmann, min Jung!«

Befriedigt und stolz sah er auf die enträtselte, steinerne Fracht.

»N' Abend, ihr Öljötzen!« sagte er laut in das Stampfen der rollenden Wagen hinein. »Schlaft jut, allemal!«

Dann schob er sich wieder ins Freie hinaus und drückte auch draußen die Plombe vors Schloß.

* * *

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