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Der Kampf ums Gold

Reinhold Eichacker: Der Kampf ums Gold - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorReinhold Eichacker
titleDer Kampf ums Gold
publisherUniversal-Verlag
year1924
firstpub1922
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150910
projectid7cb94592
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»... Sofort!« nickte Regierungsrat Glasschneider über die Schulter zurück. Er schlug die Doppeltüren des Zimmers so hastig ins Schloß, daß die lederne Aktenmappe ihm rauschend entglitt und aufspringend vor seine Füße fiel. Ein ganzer Stoß von Papieren schoß über den Teppich des Vorraums und flatterte unter die seitlichen Stühle.

Sogleich sprangen mehrere Herren hinzu und bemühten sich um die flüchtigen Blätter. Regierungsrat Glasschneider griff nach dem wackelnden Kneifer und suchte erfolglos die Mappe zu fischen. Ein älterer Herr, schwarz gekleidet und vollbärtig, reichte sie ihm.

»Danke!« sagte er prustend, die Akten verstauend. Sein Gesicht war rot geworden. Mit einer eckigen Geste sah er über die wartenden Köpfe. Der Vorraum war fast gefüllt bis zur Treppe. Eine unheimliche Ahnung stieg dem Regierungsrat auf.

»Was wünschen die Herren – bitte?« fragte er unsicher forschend. – »Regierungsrat Glasschneider ...«

Der andere murmelte kurz einen Namen, sich flüchtig verneigend.

»Die beiden Kommissionen von der Saar und vom Rheinland,« erklärte er mit einer Handbewegung über die Herren.

»Um Gottes willen!« stöhnte der Rat auf.

Der Graubärtige zuckte unwillig die Schultern.

»Wir wurden für drei Uhr hierher bestellt, um über die Leiden des besetzten Gebiets zu berichten. Hier die Einladung der Kanzlei –«

Der Regierungsrat trippelte nervös auf der Stelle.

»Die Einladung – die Einladung – ja gewiß ... Aber das war doch vor Tagen, vor vollen acht Tagen. Seitdem ist doch alles verändert. Alles steht auf dem Kopf hier! Haben die Herren denn keine Zeitungen gelesen? Ich bitte, – das neue Ultimatum aus Frankreich ... Alles ist hier in größter Erregung. Die sämtlichen Minister und Parteiführer warten drüben im Saale. Es soll heute entschieden ...«

»Aber wir?« versuchte der andere nochmals.

Der Regierungsrat schnitt eine wehe Grimasse.

»Was – wir? Herr? Verstehen Sie denn nicht? Glauben Sie, daß die Regierung in dieser Stunde noch Zeit hat, Ihre Deputation zu empfangen? Morgen, übermorgen – in acht Tagen. Fragen Sie wieder an, wenn Sie wollen, telefonisch, telegrafisch ...! Heute ausgeschlossen, einfach ausgeschlossen, meine Herren! Wo alles drunter und drauf geht – auf dem Spiel steht – – ausgeschlossen – – also bitte!«

Das letzte verklang schon in der sich öffnenden Türe des Reichskanzlerzimmers.

Laute Rufe des Unwillens folgten ihm aus der wartenden Runde. Sofort schoß das bleiche Gesicht wieder vor.

»Aber Ruhe – Ich bitte ergebenst die Herren um Ruhe! Exzellenz läßt Sie bitten, den Vorraum zu räumen.«

Der Kahlkopf verschwand in der schnappenden Türe. Beim Eintritt des Rats wich eine Gestalt vor der Türe ins Zimmer.

»Pardon!« sagte Glasschneider, sich hastig verbeugend. »Ich hatte Exzellenz nicht gesehen.«

Der Reichskanzler ließ sich im Rundlauf nicht stören. Er rieb seinen Arm, den die Türe gestoßen. Seine faltigen Hosen flatterten um die mageren Beine wie Segel bei Flaute. Das hagere Gesicht zuckte in unbeherrschter Erregung.

»Ja – was ist denn? – Also was denn?!« stöhnte er nervös, mit gebrochenen Augen.

»Die Kommission aus dem Rheinland – gerade heute –! Ich habe die Leute natürlich ...«

»Nein – nein – nein!« fauchte der Reichskanzler giftig. »Was scheren mich denn diese Leute da draußen! – Ich meine natürlich, wie steht es da drüben. Sind alle versammelt – kann die Sache bald losgehen ...? Man wird ganz verrückt von dem ewigen Warten!«

Der Regierungsrat wurde noch einen Grad steifer.

»Ich kam, Exzellenz eben Meldung zu machen. Es ist alles versammelt. Exzellenz wird erwartet.«

Doktor Elsässer blieb einen Augenblick stehen. Sein Gesicht wechselte plötzlich die Farbe.

»Na – also, warum sagen Sie das nicht gleich. Also kommen Sie – gehen wir! Wo denn? Na, vorwärts.«

»Hier, Exzellenz ...« mahnte der Rat, da der Kanzler vor Hast beide Türen vertauschte.

Doktor Elsässer drückte das Schloß zögernd nieder und sah durch das Zimmer, als suche er Hilfe.

»Einen Augenblick noch, lieber Glasschneider, bitte!«

Sein Ton war verändert, fast herzlich und bittend. Er legte die Hand auf die Schulter des anderen.

»Glasschneider!« sagte er, seine Aufregung dämpfend. »Wir arbeiten schon lange zusammen. Zwei Jahre beinahe. In dieser Stunde entscheidet sich alles. Sie wissen, mein Lieber, ich schätze Ihr Urteil – als Mensch und Kollege –«

Über die ledernen Züge des Rats lief ein flüchtiges Zucken, doch fing er das Lächeln.

Der Kanzler stieß hörbar die Luft durch die Nase.

»Was würden Sie tun, lieber Rat, auf die Forderung Frankreichs? Was? Ganz impulsiv, nur aus Ihrem Gefühl. Wie?«

Seine Augen bettelten fast um die Antwort.

»Ich würde sie ablehnen, Exzellenz,« sagte Glasschneider trocken. »Sie ist unannehmbar.«

Ins bleiche Gesicht Doktor Elsässers kam wieder Farbe. Gewaltsam gab er sich eine kraftvolle Haltung.

»Ablehnen! Ja, ablehnen!« sagte er stürmisch. »Das war auch mein Wille. Ohne Wanken – nur stark sein! Also gehen wir – vorwärts!«

Seine Hand griff die Klinke, doch ohne zu öffnen. Seine kraftvolle Haltung sank in sich zusammen, als ginge die Luft aus.

»Glasschneider!« klagte er mutlos. »Es geht aber doch nicht! Es geht nicht! Die Folgen! Man kann es nicht wagen. Bedenken Sie doch nur! Es wäre entsetzlich. Was tun in der Lage? Wer kann mir nur raten?!«

Der Rat zog die Lippen verächtlich nach unten.

»Einmal muß es gewagt werden, Exzellenz. So geht es nicht weiter.«

Doktor Elsässer runzelte heftig die Brauen. Seine Stimme nahm Klang an.

»Was geht so nicht weiter? Was? Soll das Kritik sein, so muß ich Sie bitten, Herr Regierungsrat Glasschneider – – Ich allein trage die Verantwortung für meine Entschlüsse, nicht meine Beamten! Es ist auch nicht jedem gegeben, das Rechte zu wählen, selbst in solcher Lage ... Ich bleibe ihr Meister. Also gehen wir hinüber! Man muß nur die Kraft haben –«

»– – schlapp sein zu können!« ergänzte der andere ihn in Gedanken. Dann folgte er wütend dem Kanzler zum Saale.

* * *

»– – Himmelkreuzschock!«

Der deutschnationale Parteiführer hielt es nicht länger aus. Auf seiner Schläfe stand die Schlagader wie eine bläuliche Schnur. Von der Seite des Unabhängigen kam ein höhnisches Lachen.

Der Reichskanzler warf einen ängstlichen Blick in die Runde.

»Meine Herren, ich bin noch nicht fertig!« sagte er tadelnd. »Sie haben die Note im Wortlaut gehört. Über den Inhalt sind wir wohl alle im Bilde. Frankreich fordert die Aktienmajorität und sämtliche Aufsichtsratsstellen der deutschen chemischen Industrie und der großen Konzerne. Mit anderen Worten die Unterbindung aller chemischen Erfindungen und die Kontrolle über Deutschlands gesamte Technik. Es fordert die Auslieferung einiger unserer bedeutendsten Chemiker, weil sie sich durch ihre Verdienste im Kriege 14-18 ...«

»... Nein, der Krieg dauert jetzt noch!« unterbrach ihn Graf Zieten.

Doktor Elsässer zuckte nervös mit den Armen.

»– – Weil sie sich im Kriege um unsere chemischen Kampfmittel Verdienste erworben haben und dadurch ihre Gefährlichkeit für die ganze Welt, vor allem für Frankreich bewiesen hätten.«

Der Führer der deutschen Volkspartei schüttelte unwillig den Graukopf.

»Sie fordern weiter den Abbruch aller strategischen Eisenbahnen, den Abbruch der Fußgängerbrücken über den Rhein. Die Auslieferung aller Sensen, Äxte, Beile, Dreschflegel und anderer zum Franktireurkrieg geeigneten Waffen in einer Zone von hundert Kilometer Breite östlich des Stromes ...«

Die Faust des Innenministers fiel wie ein Klotz auf den Tisch.

»Es ist ein Skandal! Das ist nicht zu ertragen!«

Graf Zieten sprang von dem Stuhl auf.

»Ich beantrage, jede Diskussion über eine derartige Schmachnote als Deutschlands unwürdig abzulehnen und den Wisch zu zerreißen ...«

Der Zentrumsführer rieb ängstlich die Hände.

»Aber, bitte, Herr Graf – – nur die Ruhe, die Ruhe ...!«

»Was, Ruhe! Bei solch einem Schandwisch noch ruhig!« wetterte Zieten. »Wir sind viel zu lange schon ruhig geblieben!«

Der Reichskanzler faßte die Glocke. Der Wortwechsel griff immer stürmischer um sich. Hilflos fuchtelte er mit den flatternden Akten.

»Meine Herren! Meine Herren!« bat er heiser. Es währte Minuten. Die Stimmen verebbten. »Es handelt sich um einen Entschluß von entsetzlicher Tragweite. Wir dürfen nichts überstürzen. Eine schroffe Ablehnung könnte weit schlimmere Folgen – – – Durch kluge Verhandlung läßt sich ja manches noch mildern – – Ich glaube, ein Nachgeben in weitesten Grenzen ...«

Zietens Kopf war blaurot. Wie ein Stier vor dem Stoß stand er breit vor dem Kanzler. Doktor Elsässer zuckte erschrocken zurück, als der riesige Schädel so dicht vor ihm aufschoß.

»Exzellenz!« schrie der Graf. Seine Kinnbacken bebten. »Ein Hundsfott, wer diese Zumutung annimmt!« Mehrere Abgeordnete und der Minister des Innern schüttelten Zieten begeistert die Hand. Die Vertreter der Mehrheitssozialisten redeten laut auf die USP. ein. Der Kanzler bog sich unschlüssig, fast flehentlich auf seinem Platze.

»Hilflose Mumie!« schimpfte der Führer der Deutschdemokraten. Sein Kollege von der Volkspartei nickte ihm zu.

»Es ist unannehmbar.«

Der Kommunist Breitner stand störrisch beiseite. Sein zergerbtes Gesicht mit der niedrigen Stirne war bleich und verbissen. Um seine gekniffenen Lippen lag höhnisches Grinsen. Die auf ihn einstürmenden Reden des Sozialdemokraten prallten an ihm ab, wie ein lästiger Regen. Zieten durchbohrte ihn mit seinen Blicken.

»Ein Hundsfott – –!« brüllte er nochmals.

Der andere grinste. »Ich bitte ums Wort!« rief er knarrend und schneidend.

Man wich unwillkürlich zurück. In den Augen des übelberüchtigten Redners stand tückisches Funkeln.

»Der Abgeordnete Breitner!« keuchte der Kanzler.

Breitner stand, eine Hand in die Tasche versenkt, und wartete ruhig, bis man auf ihn hörte.

»Der Herr Graf macht wieder nach alten Rezepten in Kraftmeiergesten. Er kann es sich leisten. Wir Arbeiter nicht. Wenn wir dem Herrn Grafen gemäß handeln wollten, so hätten wir morgen die Feinde im Lande. Der Herr Graf würde sich auf seine Klitsche zurückziehen und wir Arbeiter hätten es auszubaden. Wir danken dafür. Gegen die Franzosen haben wir nichts – – –«

Wieder schwoll ein Entrüstungssturm auf. Die Pultglocke gellte. Breitner hob seine Stimme.

»– – solange sie sich nicht als Feinde benehmen. Das werden sie nur, wenn die Deutschen sie reizen. Unsere Politik ist bekannt. Wir lehnen jeden Krieg ab – – –«

»Nur nicht gegen die Deutschen!« rief die Volkspartei spöttisch. Breitner strich es beiseite.

»Das ist kein Krieg. Das ist Notwehr.«

Zieten griff nach dem Sessel, als suche er Waffen. Breitner ließ sich nicht stören.

»Wir lehnen jeden Krieg ab,« wiederholte er störrisch. »Infolgedessen haben wir gar nichts dagegen, daß Frankreich sich auch gegen jeden Krieg sichert. Es arbeitet damit nur nach unseren Wünschen, da wir ohne Hilfe die Militaristen in Deutschland nicht zwingen – –«

»Ruhe, bitte!« stöhnte der Kanzler, als sich wieder Lärm hob. Er wischte sich perlenden Schweiß von der Stirne. Der Kommunist ballte die Fäuste. Sein Blick wurde lebhaft.

»Weil wir jeden Krieg hassen, haben wir nichts gegen die Auslieferung sämtlicher Waffen.«

»Und die versteckten Waffen der Kommunisten?« rief Graf Zieten.

»Wir haben ferner nichts gegen die Unterdrückung der Giftgaschemie, gegen die Unterbindung des Luftverkehrs. Wir Arbeiter haben doch nichts davon. Wir können uns Luftsegeleien nicht leisten. Das ist nur für Junker und Kapitalisten. Wir sind auch nie nationalistisch gewesen. Wir kennen kein Vaterland, das Deutschland heißt. Es ist uns ganz gleich, ob in unseren Aufsichtsräten Deutsche oder Franzosen, Engländer oder Kaffern sitzen, solange wir Arbeiter gleich hoch verdienen. Wir Arbeiter sind die Seele des Werkes, nicht die Aufsichtsräte, die sich mit unseren Schweißtropfen mästen. Wir Kommunisten sehen keinen Grund, uns aus stolzen Gefühlen ins Feuer zu setzen. Gibt der Franzose uns fernerhin Arbeit und zahlt die Tarife – uns kann es nur recht sein.«

»Hundekerl!« knirschte Graf Zieten. Seine Blicke fraßen den Gegner.

»Ich rufe Sie zur Ordnung, Graf Zieten!« hauchte der Kanzler. Niemand hörte auf ihn.

In Breitners Gesicht stand ein teuflisches Fletschen.

»Auch gegen die Auslieferung der Erfinder von Giftgas und ähnlichen Nippsachen haben wir gar nichts. Als Kriegsgegner halten wir sie für Verbrecher. Was gehen uns diese Menschen noch an? Warum machten sie Gase und bauten Geschütze? Kein Arbeiter rührt einen Finger zur Abwehr. Nur fort mit den Leuten! Von uns aus soll man auch die anderen holen, die Ludendorffs, Tirpitzs usw., und wie die ehrbaren Herren sonst heißen. Wenn die Franzosen sie auch noch verlangen – von uns aus ...«

Mit einem Ruck warf Graf Zieten die Freunde zur Seite. Seine ungeheure Kürassiergestalt überragte die Umstehenden um Kopfeshöhe. Eine plötzliche Stille herrschte im Saale. Alles sah nach dem Grafen und Breitner hinüber. In unheimlicher Starre ging Zieten nach drüben. Schritt für Schritt, wie eine Maschine schob er sich vorwärts.

Breitner versuchte ein höhnisches Grinsen. Es glückte ihm nicht. Seine Blicke flackerten suchend umher. Nur noch zehn Schritte war Zieten von ihm entfernt, neun, acht, nur noch fünf –

Da lief ein Zittern durch seine Gestalt. Ehe die Stahlfaust des Grafen ihn griff, machte er einen Satz wie ein fliehendes Tier und verschwand durch die offene Türe zum Gang ...

»Hundekerl!« keuchte der Graf nochmals auf. Einen Augenblick schien es, als wolle er nach. Einen Augenblick nur. Dann wich er zurück. Auf der offenen Schwelle des Saales stand ein Mensch, wie ein Spuk ... sehnig und schlank, mit gebräuntem Gesicht. Über der gebogenen Nase flammten zwei stahlblaue Augen. Augen eines Adlerjägers aus den nordischen Bergen. Das leuchtende Blondhaar lag wellig zurück.

»Wer – sind – Sie?« stotterte Zieten erstaunt.

Der Ankömmling warf einen Blick in den Saal. Mit sicherem Schritt ging er wortlos vorbei, auf den Reichskanzler zu.

»Ingenieur Walter Werndt!« sagte er knapp. Die Stimme klang tief.

Doktor Elsässer sah nach den Saaldienern aus. Er mußte sich fassen. Die Erregung der letzten Minuten stak ihm noch im Blute.

»Wer hat ...? Wie kommen Sie hier herein? Wer sind Sie ...?«

»Ingenieur Walter Werndt,« wiederholte der Fremde.

Der Innenminister kam hastig nach vorn.

»Doktor Werndt, der Entdecker der Elektronstrahlen? Der jüngste Nobelpreisträger?«

Der Ingenieur nickte bejahend.

Doktor Elsässer schnitt alle Fragen kurz ab. Wütend pfiff er die Saaldiener an. Sie zeigten nur hilflos auf den Ingenieur. Der Reichskanzler klopfte nervös auf den Tisch.

»Bitte – was wollen Sie hier? Sie haben sich wohl in dem Zimmer geirrt – – Na, Sie sehen doch wohl ...«

Eine nicht mißzuverstehende Geste wies nach der Türe. Der Ingenieur rührte sich nicht.

»Ich sehe, daß ich gerade zur rechten Zeit kam,« sagte er ruhig, mit starker Betonung. Wie ein flüchtiges Lächeln zuckte es um seinen Mund. »Der Herr Graf war so liebenswürdig, mir selbst durch Herrn Breitner die Türe zu öffnen.«

Dem Reichskanzler schwand die Geduld. »Herr, was wollen Sie hier? Wir haben hier nicht ...«

Die Augen des Ingenieurs blickten plötzlich wie Stahl. Seine Fechtergestalt stand gestrafft, wie zum Schlag.

»Was ich hier will?« wiederholte er ernst. »Ich bringe Ihnen die Befreiung Deutschlands, meine Herren. Sonst nichts.«

Das Summen der Stimmen brach ab, wie erwürgt. Man war unwillkürlich vom Stuhle geschnellt. Das Gesicht des Sprechers hatte etwas Faszinierendes an sich. Es zwang wider Willen. Jeder wußte im Saal, daß dort kein Irgendwer stand, sondern der Nobelpreisträger des letzten Jahres, der Entdecker der Elektronstrahlen, der Besieger der Menschheitsgeißel, der Krankheit Krebs ...

»Waas? – Was?« fragte Zieten zurück. Er fand vor Verblüffung kein anderes Wort.

Der Reichskanzler fuhr mit der Hand nach der Stirn.

»Was wollen Sie damit sagen?« stotterte er.

Doktor Werndt blickte frei auf die Herren ringsum.

»Ich bringe der deutschen Regierung meine neuen Erfindungen mit. Sie bedeuten die sichere Rettung für Deutschland.«

»Werndt?!« rief der Innenminister von Leu. Hoffnung und Glaube klang aus diesem Schrei.

Die Führer der Koalition kamen quer durch den Saal. Jeder fragte zuerst, alles sprach auf Werndt ein.

Der Reichskanzler hob wie beschwörend die Hand.

»Aber – wir haben doch hier – –! Die Geschäftsordnung – Herr – – ja, es geht doch nicht an – – ich muß bitten – – nachher ...!«

Niemand hörte auf ihn.

Der Ingenieur wehrte die Fragenden ab.

»Ich bin bereit und hierher gekommen, bestimmte Erklärungen abzugeben. Ich bitte ums Wort.«

»Die Geschäftsordnung!« stöhnte der Kanzler erneut.

»Ich beantrage für diesen Herrn hier das Wort!« rief der Graf.

Der Führer der Volkspartei hob seinen Arm.

»Ich auch!«

Zwanzig Hände fuhren wie Schwurfinger hoch.

»Hören! – Wort – – Doktor Werndt ...!«

Die Pultglocke bimmelte mißtönig auf.

»Die Geschäftsordnung!« kam es vom Tisch.

»Kreuz und Schock!« schrie der Graf. »Geschäftsordnung hin, Geschäftsordnung her! Heute geht's um die Wurst.«

Doktor Elsässer wich vor dem wütenden Blick.

»Herr Doktor Werndt hat das Wort,« gab er unwillig nach.

Es dauerte Minuten, bis der Sturm sich gelegt hatte. Alles schob durcheinander und drängte nach vorn.

Der junge Ingenieur hob das Haupt. Sein Blick flammte auf.

»Meine Herren!« sagte er laut. »Wir alle hier im Saale sind wohl einig darin, daß Deutschlands Schmach und Demütigung durch Frankreichs Haß und Englands Neid seinen Gipfel erreicht hat. Daß auf jedes Nachgeben nur schlimmere Erpressung gefolgt ist ...«

Zieten drehte sich unwillkürlich nach Breitner herum. Als er ihn und sein gewohntes Grinsen nicht fand, sah er Werndt wieder an.

»Sehr richtig!« brummte er tief.

»Mit zusammengebissenen Zähnen haben wir die Schande ertragen. Haben zusehen müssen, wie man unsere Heimat zerschlug und uns deutsches Land nahm. Daß man uns auf Grund einer von aller Welt als Lüge erkannten angeblichen Schuld zu Parias der menschlichen Gesellschaft gemacht, uns mit Schmach überhäuft hat. Wir haben mit blutendem Herzen dazu schweigen müssen, daß man unsere Brüder in Oberschlesien peitschte, ermordete und bestahl, daß man unsere Frauen und Töchter im Rheinland schwarzen Tieren vorwarf, sie mit Seuchen verdarb. Wir haben ohnmächtig dulden müssen, daß die Not um uns stieg, daß der Hunger das Volk zu Gewalttaten trieb, daß der Haß uns zerriß. Wir haben es dulden müssen, daß man mit unserem Geld, unserem Blut, unserem Land schnöden Kuhhandel trieb, daß man uns rechtlos und ehrlos machte in aller Welt, uns mit Kot bewarf, uns, das einst machtvolle, friedliche Volk.«

Doktor Elsässer hob seine magere Hand. Doch er ließ sie herabsinken, ohne ein Wort. Seine Absicht, den Redner zu unterbrechen, zerbrach vor dem flammenden Blick Walter Werndts. Heilige Begeisterung und furchtbarer Zorn stand in den Augen des Ingenieurs.

»Wir alle wissen das und tragen die Wunde unheilbar in uns. Auch ich trug die Schmach ...«

Wie überwältigt von seinen Gefühlen, setzte er einen Augenblick ab. Dann erhob er die Stimme zu ehernem Klang.

»Und diese Schmach war es, die mich dazu trieb, nach einem Mittel zu suchen, das Deutschland befreit. Als das erste Ultimatum des Obersten Rates uns zum Nachgeben zwang, erfand ich den Deutschland-Motor. Nach London entdeckte ich Elektronit. Jede neue Vergewaltigung trieb mich dem Ziel näher. Jede böse Saat brachte Ernte für mich. Tag und Nacht dachte ich an nichts anderes mehr als an meinen Weg, als an unser Ziel, die Befreiung vom Joch. – Das Ziel ist erreicht. Mein Werk ist getan!«

Freudig begegnete er all den fragenden Augen ringsum. Nur wenige Rufe flackerten auf. Alles hing wie gebannt an den Lippen des einzelnen Mannes da vorn.

»Es ist mir gelungen, auf meinem Grundstück in Rußland, das meinen Versuchszwecken dient, aus der Luft elektrischen Kraftstrom zu sammeln, der alles Bisherige weit übertrifft – –«

Eine allgemeine Entspannung ging durch die Menschen, beinahe Enttäuschung.

Der Mehrheitssozialist blickte interessiert. Als gelerntem Elektrotechniker lag ihm der Fall.

»Etwa nach den Versuchen von Siemens und Zacharias?« fragte er schnell.

Werndt nickte zurück.

»Deren Vorarbeit war mir sehr wertvoll dabei. Doch ging ich selbst weiter. Sie wissen alle aus der kurzen Zeitungsnotiz, die vor einigen Jahren die Presse durchlief, daß man bei Siemens im Kriege schon Versuche gemacht hat, mittels hoher Masten die Druckunterschiede der Luft zur Gewinnung hoher elektrischer Kraft auszunützen. Bekannt ist Ihnen auch, daß es damals gelang, mittels solcher Strahlen auf weite Entfernungen Munition zur Entzündung zu bringen, eine Hammelherde zu vernichten, Brand zu erzeugen und anderes mehr. Diese Versuche versandeten dann. Die Entente unterdrückte sie bald und das Geld fehlte auch. Ich setzte sie still viele Jahre durch fort. Immer neue Möglichkeiten zeigten sich mir, ich kam schrittweise vor. Der Deutschland-Motor und die Elektronstrahlen waren Etappen zum Ziel. Heute bin ich in der Lage, mittels meiner Masten und Kraftsammelmaschinen elektrische Wellen auf Hunderte von Kilometern zu werfen.«

»Donnerwetter!« entfuhr es dem Grafen. Durch die kleine Gestalt des Innenministers lief freudiges Zittern.

»Und? – Und?« drängte er weiter.

»Ich vermag mit diesen Strömen und Strahlen auf Entfernungen zu wirken –« Mit einem plötzlichen Mißtrauen brach er kurz ab. »Ich bin bereit, die näheren Auskünfte und Erklärungen einer Vertrauenskommission der Regierung zu geben. Ich lade diese Kommission ein, mit mir im Flugzeug nach Rußland zu kommen, meine Apparate zu besichtigen und ihre Wirkung zu prüfen. Die Wirkung ist von zu großer Bedeutung, als daß ich sie hier offen darlegen dürfte. Die Gefahr, daß die Feinde –« Er sprach nicht zu Ende.

Der Reichskanzler runzelte drohend die Brauen.

»Was wollen Sie damit sagen? Doch nicht etwa, daß unter den Anwesenden hier ein Verräter –«

Doktor Brettscheid, der Führer der Volkspartei, winkte.

»Recht hat Herr Werndt. Hier sind Ohren zuviel.«

»Wer? Wer?« scholl es heftig von links.

»Was weiß ich, wer es ist?«

Graf Zieten drängte sich dicht neben Werndt.

»Taugt die Sache zum Krieg?« frug er schnell und gedämpft.

»Ja – doch auch gegen den Krieg.«

Der Führer der Mehrheitssozialisten Klaus Neff lachte leicht auf. Er zog überlegen die Lippen herab.

»Ich will als Fachmann dem Urteil der anderen Herren natürlich nicht vorgreifen. Aber ich glaube, Herr Werndt überschätzt doch den Wert seiner Kraftquellen stark. Die bisherigen Erfindungen des Herrn Ingenieurs in Ehren, aber man ist doch allmählich gegen dererlei Sachen mißtrauisch geworden. Schon in den ersten Jahren nach dem Kriege haben uns phantasiereiche Köpfe, Romanschriftsteller und dergleichen, die politisch den Gedanken der Herren von rechts nahestehen, mit derartigen Utopien mehrfach beglückt. Jeden Monat kam ein anderes Märchenbuch auf. Gerade die Geschichte mit elektrischen Strahlen, Kraftquellen und so weiter spielt meist eine Rolle. Man erfand elektrische Fernflieger, packte elektrische Allgewalt von märchenhafter Wirkung in kleine Apparate, Photographenkästen, Maschinengewehre, was weiß ich noch alles. Der Versuch mit den Hammeln des guten Herrn Siemens hat in vielen Köpfen verheerend gewütet. Um eine einigermaßen brauchbare Fernkraft bewirken zu können, müßte man Ströme von Hunderttausenden Volt sammeln können. Ja mehr noch als das, man müßte auch eine Stromstärke von Millionen Ampère zur Verfügung haben.«

Werndt nickte zustimmend.

»Meine Kraftquellen liefern Milliarden Kilowatt!«

Einen Augenblick schien es, als drehe sich der Saal. Keinen ließ es am Platz. Eine ungeheure Spannung hielt alle gebannt.

»Mann!« keuchte der Graf. Seine Hand lag wie ein Schraubstock um Doktor Werndts Arm. Der greise Innenminister von Leu hielt die Hände gefaltet, als bete er still. Ein verklärtes Leuchten lag auf seinem feinen Gelehrtengesicht.

Doktor Elsässer schüttelte zweifelnd den Kopf.

»Undenkbar! – Milliarden – Milliarden!«

Der Führer der Volkspartei fing sich zuerst.

»Also angenommen, die zu ernennende Kommission fände alles so vor, wie Sie uns gesagt. Dann glauben Sie also, wenn ich Ihre Absichten richtig verstehe, daß man mittels dieser elektrischen Kräfte den Kampf aufnehmen kann gegen Frankreich und auch –«

Werndt blickte schnell auf.

»Den Kampf gegen Frankreich? Ja, mehr noch als das. Den Kampf um das Gold!«

Doktor Brettscheid sah ihn verständnislos an.

»Den Kampf um das Gold?« wiederholte er barsch, Überraschung und leise Enttäuschung im Ton.

Der Ingenieur fühlte den Vorwurf heraus. Er lächelte leicht.

»Ja den Kampf um das Gold. Ich sprach von mehreren Erfindungen, die ich gemacht. Die elektrische Kraft aus der höheren Luft war auch nur der vorletzte Schritt auf das Ziel. Dieses Ziel ist das Gold, meine Herren, nicht Krieg. Ein siegreicher Krieg wäre Freude auf Zeit. 1870/71 waren wir Sieger, heute sind wir Besiegte. Was nützte ein neuer vergänglicher Sieg. Nicht gegen Wirkungen müssen wir kämpfen. Die giftige Wurzel des Übels muß fort! Seit die Menschheit besteht, herrscht auf Erden das Gold. Ein unseliger Fluch lastet auf seinem Glanz. Siegfried fiel durch das tückische Gold, den Nibelungenhort. Wotan, Walhall-Gold schuf den Sturz. Ganze Völker verfolgten sich feindlich um Gold. Väter töteten ihre Söhne, Söhne ihren Vater. Die Inkas, die Könige Mexikos, starben um Gold. Sehnsucht nach Gold trieb die Menschen vom heimischen Herd, weit übers Meer, fort in Elend und Tod. Um Gold verkaufte die Menschheit Glück, Ehre und Leib. So war es von je bis zum heutigen Tag. Auch Deutschland erlag nur dem Golde. Um Gold quält man Deutschland zu Tod. Um Goldmilliarden stritt man in Versailles, in London und Spa, in Genua und Cannes goldgierig mit uns. Der Goldgier wegen erleiden wir Schmach. Des Goldes wegen ist man unser Feind. Der Fluch des Goldes vernichtet die Welt. Und deshalb kämpfte ich gegen das Gold!«

In prophetischer Verklärung, die stahlblauen Augen voll sonnigen Lichts, stand Walter Werndt da. Seine Ergriffenheit teilte sich mit, wie ein Strom. Er hob seine Hand wie zum heiligen Schwur.

Mit Gold werden wir das Gold besiegen. Der Fluch des Goldes falle auf unsere Feinde zurück. Fünfundachtzig Goldmilliarden verlangt man noch heute von uns, berechnet in Gold. Sind diese erpreßten Milliarden bezahlt, ist Deutschland befreit. Ich biete der deutschen Regierung dies Gold

Ein schneidendes Lachen zerriß grell die Luft. Der Unabhängige Satt, Breitners eifrigster Freund, verzog sein Gesicht wie nach einem Witz.

»Köstlich! Köstlich!« meckerte er. »Zehn volle Minuten hört man ihm zu, und merkte noch nichts!«

Der Zentrumsmann schüttelte traurig den Kopf.

»Der Ärmste ist wahnsinnig. – Laßt ihn hinaus.«

Doktor Elsässer lächelte hämisch und stumm.

»Ich hatte die Herren rechtzeitig ersucht, die Geschäftsordnung –«

Graf Zieten trat dicht vor Doktor Werndt hin. Sein Blick war getrübt, seine Ader stand dick.

»Herr!« sagte er grollend in drohendem Ton. »Halten Sie uns hier zum Narren? Wissen Sie auch, was Sie eben gesagt –?«

Der junge Ingenieur wich seinen Augen nicht aus. Ohne eine Erwiderung ging er zur Türe des Saals und winkte hinaus. Dann kam er zurück.

Zwei Männer folgten ihm dicht auf dem Fuß. Sie schleppten sich an einem großen Paket. Auf einen Wink Werndts legten sie langsam die Last vor ihn hin. Mit schnellen Schnitten seines Taschenmessers löste der Ingenieur die Verschnürung. In ungeheurer Aufregung sah man ihm zu. Da schob Werndt die innerste Hülle zurück. Wie ein einziger Schrei klang es rings um ihn auf.

Wie aus einer anderen Welt kam die Stimme da vorn ...

»Ja, ich weiß, was ich sprach. Hier der erste Beweis: ein Barren aus lauterstem, künstlichem Gold. Ein Zentner Gewicht!«

* * *

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