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Der Kampf um Wien

Hugo Bettauer: Der Kampf um Wien - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorHugo Bettauer
titleDer Kampf um Wien
publisherHannibal Verlag
year1980
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070121
projectid41fe131f
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8. Kapitel

Ein Blick hinter die Kulissen.

Ralph, ohne eine Ahnung zu haben, daß er beobachtet, kontrolliert, viviseziert wurde, war ärgerlich und unzufrieden. Seitdem der Artikel in der »Presse« erschienen war, verbeugten sich die Hotelbediensteten, die Chauffeure auf der Straße vor dem Hotel, die Kellner und sogar der alte Dienstmann an der Ecke bis zum Boden vor ihm und trotz aller Abwehrmaßregeln ließ es sich nicht vermeiden, daß ihn auf der Straße Damen und Herren ansprachen, seine Hilfe für sich selbst oder für Aktionen, die sie leiteten, erbaten, daß er täglich hundert und mehr Briefe bekam, kurzum plötzlich im Mittelpunkt einer ihm fremden Welt stand.

Das war ihm aber mehr als unbequem, belastete sein Gewissen. Ralph war aus tiefster Überzeugung ein Feind jeder sogenannten Wohltätigkeitsaktion. Er wäre sofort bereit gewesen, große Beträge zur Aufrichtung einer Existenz zu geben, weigerte sich aber, seine Hilfe einer Suppen- und Teeanstalt zu gewähren. Elend müsse an der Wurzel, in seinen Ursachen behoben werden, meinte er, nicht aber in seinen Erscheinungen. Arbeitslose brauchen Arbeit, aber kein Almosen. Es habe keinen Sinn, Kindern Schuhe zu schenken, sondern die Eltern dieser Kinder müssen in der Lage sein, selbst Schuhe zu kaufen.

Ralph sah, daß durch die Ungeschicklichkeit seines Dieners sein geheimster, noch nicht einmal in Gedanken ausgetragener Plan, Österreich zu helfen, verraten worden war, fühlte, daß es für ihn keinen Rückzug mehr gab, wollte er nicht das Andenken an die geliebte Mutter schmähen, aber er sah noch nicht den richtigen Weg vor sich. Und deshalb hatte er nicht ungern die Einladung des Herrn Heinrich Lank, der gestern bei ihm gewesen war, angenommen, um so mehr, als der Privatsekretär des Generaldirektors ihm versichert hatte, er würde in der Villa des Herrn Klopfer-Hart viele kluge, einflußreiche Männer kennen lernen.

Heute hatte Ralph O'Flanagan durch Zufall Gelegenheit, einen tieferen Einblick in das Wiener Leben zu bekommen, einen Blick hinter die noch immer schönen und stattlichen Kulissen zu tun.

Die Tage vorher war heftiger Schnee gefallen und an allen Straßenkreuzungen arbeiteten außer den städtischen Angestellten zahllose per Stunde und Tag aufgenommene Schneeschaufler. Für den jungen Amerikaner war der Anblick ergreifend. Er sah zarte junge Mädchen, deren blau gefrorene Hände die schwere Schaufel kaum halten konnten, Männer mit Zwicker oder Brille, denen man nur zu deutlich ansah, daß sie nicht bei körperlicher Arbeit groß geworden, Kinder, kaum der Schule entwachsen, Frauen, die im Schnee arbeitend auf den Hut und die mottenzerfressene Pelzboa nicht verzichten konnten.

Es war zwölf Uhr mittags und Ralph stand an der Ecke der Stadiongasse und des Ringes in unmittelbarer Nähe eines Häufleins Schaufler, die eben kurze Rast machten. Unter ihnen befand sich ein alter Herr mit weißem Knebelbart, der sich erschöpft an den Haltestellenpfahl lehnte. Ralph überwand sein angeborenes Taktgefühl und sagte scheinbar obenhin:

»Ungewohnte Arbeit, mein Herr, was?«

Der Alte lächelte.

»Hätte es mir im Jahre 1912, als ich mich von der Firma, bei der ich vierzig Jahre Buchhalter gewesen war, pensionieren ließ, nicht träumen lassen, daß ich – Aber was soll man machen? Eine alte Frau zu Hause und einen kranken Bruder – verhungern will man doch nicht und so nimmt man das weiße Brot, das vom Himmel fällt.«

Andere Schaufler waren hinzugetreten. Ein junges Mädchen klagte: »Ich hab die Handelsschule absolviert und war froh, verdienen zu können, und jetzt finde ich keine Stellung. Man kann sich ja auch gar nicht ordentlich umschauen, das Porto, das Briefpapier ist so teuer und eine Fahrt mit der Elektrischen kaum zu erschwingen. Und den Eltern, denen es selbst nicht gut geht, will man halt doch nicht ganz zur Last fallen.«

Eine Frau mit nicht unfeinen Gesichtszügen stimmte ein:

»Wenn man sich nur nicht so um die Kinder ängstigen müßte. Sie sind allein zu Haus, vormittags geh' ich bedienen, nachmittags wieder, und sie werden mir noch ganz verkommen. Jetzt hab' ich für den Vormittag keine Arbeit und so verdien' ich mir halt Zehntausend mit dem Schneeschaufeln.«

Der Amerikaner biß sich auf die Lippen, steckte dem alten Herrn ein Bündel österreichischer Banknoten zu, die er lose in der Hosentasche trug, und raste davon, ohne sich nochmals umzusehen.

Elend genug hatte er auch in den amerikanischen Großstädten gesehen, aber hier erschien ihm alles hoffnungsloser, peinigender zu sein als in den New Yorker und Chikagoer Slums. Dort konnten sich die Menschen immer wieder aufraffen, hier war das Elend resigniert, müde, dumpf.

Er ging dem Schottentor zu und wartete, wie gestern und vorgestern, einen F-Wagen nach dem anderen ab. Schämte sich dieses nutzlosen und knabenhaften Beginnens und konnte doch nicht die Hoffnung aufgeben, das blonde Mädchen mit den großen, klugen, grauen Augen, das er am Tage seiner Ankunft wie im Fluge gesehen, wieder zu finden.

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