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Der Kampf um Wien

Hugo Bettauer: Der Kampf um Wien - Kapitel 63
Quellenangabe
typefiction
authorHugo Bettauer
titleDer Kampf um Wien
publisherHannibal Verlag
year1980
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070121
projectid41fe131f
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63. Kapitel

Der Kampf um Wien.

So fand denn in aller Stille am 5. März vor dem Standesamt die Trauung Ralph O'Flanagans mit Hilde Wehningen statt. Als Zeugen und Gäste wohnten der schlichten Zeremonie nur Frau Wehningen, die aus Krieglach herbeigeeilte Frau Stuppach, Herr Holub und die beiden Freunde Ralphs bei.

Das junge Paar hatte Plätze für den Nachtschnellzug genommen, der nach Mailand fuhr, vorher soupierte die kleine Gesellschaft bei Sacher. Der junge Ehemann und seine Frau waren für die Reise gekleidet und Hilde sah in ihrem grauen Tuchkostüm und dem kleinen grauen Reisehut aus Wildleder, der die Fülle der blonden Haare kaum bergen konnte, engelhaft schön aus. So schön, daß Ralph keinen Blick von ihr wenden konnte und immer wieder ihre Hand heimlich preßte, wie um sich zu vergewissern, daß dies alles kein Traum sei.

Nach den üblichen Trinksprüchen wurde Ralph aber nachdenklich und ernst und sagte in tiefer Ergriffenheit:

»Ich bin sehr glücklich und dürfte es eigentlich nicht sein. Denn ich habe die Aufgabe, die ich mir gestellt, nicht erfüllen können, bin mit meinen Plänen jämmerlich gescheitert. Ich verlasse Wien, ohne dieser Stadt, in der ich mein Glück gefunden, geholfen zu haben. Ich wollte um Wien kämpfen und ergreife die Flucht.«

Der alte Herr Holub schlürfte langsam sein Glas Champagner aus, lehnte sich in den Stuhl zurück und erwiderte mit seltsam bewegter, fast visionärer Stimme:

»Du hast dein Glück in Wien gefunden und vielleicht dadurch den letzten Wunsch deiner Mutter, die ihren Satz nicht vollenden hatte können, erfüllt. Deine Mission wird aber wohl erst beginnen. Denn der Kampf um Wien wird kommen, früher oder später. Ich sehe, wie gierige Hände von allen Seiten nach diesem Kronjuwel Mitteleuropas greifen, weil sie wissen, daß nur wer Wien hat, Herr von Mitteleuropa sein kann. Ich sehe wie Sklaven und Magyaren, Monarchisten und Republikaner, beutegierige Reaktion und wilde Anarchie um Wien streiten und bluten werden. Was heute ist, ist nur Übergang, Stille vor dem Sturm, Atempause. In diesem Frühjahr vielleicht oder in einem der kommenden Jahre wird sich das Geschick Österreichs erfüllen, wird es Vasallenstaat oder Teil des großen deutschen Reiches werden müssen. Und dann mag der Augenblick kommen, wo du mit deinem Gold auf den Kampfplatz treten wirst, um die Entscheidung herbeizuführen, Wien zu helfen.

Zu früh hast du eingreifen wollen, zu früh retten, wo nichts zu retten ist.

»Der Kampf um Wien beginnt erst!«

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