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Der Kampf um Wien

Hugo Bettauer: Der Kampf um Wien - Kapitel 58
Quellenangabe
typefiction
authorHugo Bettauer
titleDer Kampf um Wien
publisherHannibal Verlag
year1980
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070121
projectid41fe131f
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58. Kapitel

Der echte und der falsche O'Flanagan.

Der alte Herr Professor Holub war im höchsten Grade bestürzt, als er in den Zeitungen von der Ankunft dieses John O 'Flanagan las.

Was konnte das bedeuten? Ralph hatte ihm doch erzählt, daß er gar keine Geschwister habe und der Stiefbruder eine Erfindung sei!

Holub nahm wieder sein bewährtes System, die komplizierten Dinge auf die Formel zwei mal zwei ist vier zu reduzieren, zu Hilfe und sagte sich:

Zwei Schwindler haben einfach die Ereignisse verfolgt und irgendwie erfahren, daß Ralph zum Wintersport in die Berge gefahren ist. Und nun spielen sie, die natürlich nichts von dem Trick Ralphs wissen, die Rolle des Stiefbruders und sind wahrscheinlich im Begriff, ein paar Leute ordentlich zu begaunern.

Professor Holub wußte, daß Dr. Kriegel in das Geheimnis Ralphs eingeweiht war, und so suchte er ihn auf, um zu beraten.

Kriegel nahm die Sache von der humoristischen Seite.

»Ganz famose Idee von den beiden! Und uns geht es nichts an, ebensowenig aber unseren Freund Ralph, der doch nicht dafür verantwortlich ist, wenn in seiner Abwesenheit ein Hochstapler sich als sein Bruder ausgibt. Beobachten wir ruhig, wie die Sache weiter verläuft. Vielleicht wird ein gelungener Sketch daraus.«

Holub war nicht umsonst durch Jahrzehnte Gymnasiallehrer gewesen. Auch er empfand den Humor der Sache, aber fühlte sich als Staatsbürger und Großonkel Ralphs doch verpflichtet, einer offenkundigen Gaunerei ein Ende zu bereiten. Aber auf welche Weise? Einfach eine Anzeige bei der Polizei erstatten? Das schien bedenklich. Vielleicht hatte ihm Ralph nicht die ganze Wahrheit erzählt, vielleicht handelte dieser angebliche John O'Flanagan in seinem Einverständnis, vielleicht lag hier eine neue und ganz harmlose Komödie vor!

Es gab nur einen Weg: Ralph mußte sofort verständigt werden. Aber wie? Das Wetter war dem Wintersport andauernd günstig, Ralph konnte noch wochenlang fernbleiben, außerdem hatte Holub keine Ahnung, wo sich sein Großneffe aufhielt.

Schließlich glaubte der alte Herr einen Ausweg gefunden zu haben. Er ließ in den größeren Zeitungen von Graz, Innsbruck und Salzburg folgendes Inserat erscheinen:

R–ph!
Bruder John macht sich hier in Wien breit.
Falls Schwindel, kehre sofort zurück.
Großonkel Holub.

Tatsächlich las Ralph diese Anzeige in einem Wirtshaus in Kitzbühel, wo er sich eben aufhielt. Er konnte sich keinen Reim darauf machen, sah aber jedenfalls die Notwendigkeit ein, nach Wien zurückzukehren. Er fand die Stadt in einem verängstigten, aufgeregten, verhetzten Zustand vor. Am Tag vorher waren von monarchistischen Burschen Revolverschüsse gegen Arbeiter abgegeben worden, ein Arbeiter kam dabei ums Leben, ein anderer war schwer verletzt. Und die Situation gestaltete sich drohend, es sah nach einer bevorstehenden Kraftprobe zwischen den radikalen und rückschrittlichen Elementen aus.

Ralph war abends in Wien angekommen und begab sich, nachdem er sich umgezogen, sofort zu seinem Großoheim, der in der Nähe der Weimarerstraße wohnte. Erstaunt, aber auch belustigt, las er die Zeitungsausschnitte, die Professor Holub ihm vorlegte.

»Natürlich sind das Gauner! Ich habe, wie du weißt, keinen Bruder, und der John O'Flanagan ist meine Erfindung, das Geschöpf meiner Phantasie, das nun von einem lustigen Hochstapler materialisiert wurde. Immerhin, ich werde ihm das Handwerk legen müssen.«

Von einer sofortigen polizeilichen Anzeige wollte Ralph nichts wissen.

»Zuerst muß ich mir den Burschen ansehen. Vielleicht handelt es sich nur um einen Scherz oder um eine Wette, vielleicht ist es die Tat eines Verzweifelten, dem man helfen kann. Ich werde versuchen, die beiden Vögel noch heute abends zu sprechen.«

»Sei vorsichtig, mein Junge, einer gegen zwei ist immer eine bedenkliche Sache.«

»Unbesorgt, ich bin nicht allein, mein guter Browning stellt auch seinen Mann! Und außerdem sind Hochstapler selten gewalttätig. Sie verlassen sich mehr auf ihren Witz als auf ihre Muskeln.«

Es war fast Mitternacht, als Ralph das Hotel Bristol betrat. Der Nachtportier teilte ihm mit, daß Mister O'Flanagan mit seinem Privatsekretär vor wenigen Minuten nach Hause gekommen sei. Ralph ließ sich telephonisch anmelden.

»Mister Plumber? Der Bruder des Mister O'Flanagan ist hier und möchte die Herren noch sprechen.«

Die Antwort verzögerte sich um mindestens eine volle Minute, dann kurbelte der Portier ab.

»Die Herren lassen bitten.«

Gespannt und innerlich belustigt ging Ralph die eine Treppe hinauf, aber bevor er klopfte, entsicherte er die Pistole und steckte sie in die äußere Tasche seines Pelzes.

Schweigend standen drei Männer in dem fürstlich eingerichteten Salon einander gegenüber. Bis Ralph, der angesichts des Kolosses, neben dem der »Privatsekretär« wie ein Gnom aussah, das Lachen mühsam verbiß, das Schweigen unterbrach.

»Darf ich Sie bitten, mir die Zwecke dieser Komödie klar zu machen!«

Während der Kleine scheu und ängstlich um sich sah, seufzte der Gewaltige tief auf.

»Schade! Es ist alles so gut gegangen und nun müssen Sie uns die Geschichte verderben. Das heißt, wie wäre es, wenn ich nach wie vor behaupten würde, Ihr älterer Bruder zu sein? Sie kennen den ja nicht, glaube ich! Aber nein, ich weiß schon, was Sie sagen wollen: Papiere, Paß, Gesandtschaft, Polizei und so weiter. Na ja, nichts zu wollen. Also los ins Kittchen?«

Das kam so wehmütig heraus, daß Ralph laut auflachen mußte.

»Erklären Sie mir wenigstens den ganzen Schwindel!«

»Ist nicht viel zu erklären! Mein Freund heißt Ferdinand Spengler und mein werter Name ist Georg, genannt Schurl Wamperer. Also, wir haben uns in New York kennen gelernt, wo er Kellner und ich Agent war. Na, durch eine dumme Geschichte sind wir, ganz unschuldig selbstverständlich, mit den knifflichen, dämlichen amerikanischen Gesetzen in Konflikt geraten und nachher nach Europa zurückgefahren. In Berlin haben wir wieder erbärmliches Pech gehabt. Wissen Sie, wir haben dort so ein nettes kleines Heiratsbureau errichtet. Besonders für betagte Mädchen und ältere Witwen geeignet. Der Spengler war dabei der Vermittler und ich der jeweilige Bräutigam. Also, die Sache ist schief gegangen und wir mußten ins Kittchen. Jeder auf ein Jahr. Na, und dann sind wir, weil wir doch beide Wiener sind, hierhergekommen. Mein Freund hat hier noch aus früherer Zeit Gepäck gehabt, sogar einen Smoking. Gewohnt haben wir zunächst bei einer alten Frau. Diese alte Dame hat nun eine Nichte namens Lintschi, Lintschi hat aber ein Gspusi mit einem Neger namens Sam, der jetzt Chauffeur ist, früher aber, als Sie noch ein reicher Knopf waren, bei Ihnen Diener gewesen ist. Und da erfuhren wir eben auf Umwegen allerlei und als Sie wegfuhren, um im Schnee Frostbeulen zu bekommen, habe ich die Geschichte mit Ihrem Bruder ausgeknobelt. Feine Idee, was?«

Ralph fand das Monstrum unerhört amüsant, bot ihm und dem Kleinen Zigaretten an, was aber zurückgewiesen wurde.

»Sie sind mein Gast«, erklärte Schurl Wamperer mit Würde und schob ein Tischchen mit Likörflaschen und Zigarrenschachteln näher. Und dann erzählte er auf weiteres Befragen ganz offen, wie man von geschäftlichen Erfolgen berichtet, daß er den als Koch verkleideten Bankier kennen gelernt und ihn mit einer glatten Milliarde hineingelegt hatte. Nicht einmal die kleinen Taschendiebstähle des kleinen Spengler verheimlichte er. Und schloß seufzend:

»Pech, nichts als Pech! Wenn Sie statt heute übermorgen gekommen wären, so würden Sie uns nicht mehr angetroffen haben. Wir wären mit dem schönen Geld auf und davon gewesen und man hätte uns schwerlich jemals erwischt. Der Teufel soll dich holen, lieber Bruder! Jetzt wirst du wohl die Polizei holen, was?«

»Es wird mir nichts anderes übrig bleiben«, sagte Ralph, der eine Art Mitleid nicht unterdrücken konnte.

»Besser, wir gehen mit Ihnen, verehrter Stiefbruder. Auf die paar Jahre kommt es mir schließlich nicht an, aber Aufsehen vertrage ich nicht.«

Ralph war einverstanden. Auch er wollte nicht Zeuge eines Skandals im Hotel sein, wollte nicht sehen, wie sich vielleicht ein paar wutentbrannte Kellner und Portiers schimpfend und tobend auf die beiden Sünder werfen würden.

Während er ein wenig nervös im Salon auf- und abging, hatten die beiden Schelme einen Blick miteinander gewechselt. Wamperer erhob sich schwerfällig und sagte:

»Gleich werden wir mit Ihnen gehen. Aber Sie erlauben wohl, daß wir uns ein Päckchen mit Toilettesachen zurecht machen. Sie sehen, das ganze Appartement hat nur einen Ein- und Ausgang. Wir können Ihnen wahrhaftig nicht entwischen. Würden es auch gar nicht versuchen, weil die Polizei uns ja doch innerhalb einer Stunde beim Wickel hätte.«

Ralph wollte, als die beiden sich in das benachbarte Schlafzimmer und von dort in ein Badezimmer zurückzogen, ihnen nachgehen. Sein empfindliches Taktgefühl hinderte ihn daran. Der Mann, der sich für seinen Bruder, ausgegeben, war so ersichtlich aufrichtig gewesen, daß man ihm wohl bis zu einem gewissen Punkt vertrauen konnte. Und so setzte er sich ruhig nieder, setzte eine Zigarette in Brand und ließ die Komödien des Lebens, in denen er mitgespielt, an seinem geistigen Auge vorüberziehen.

Es mochten fünf Minuten vorübergegangen sein. Immer hatte der dicke Wamperer ganz fidel zu ihm hinübergerufen:

»Geliebter Bruder, wir sind da, nur keine Angst nicht!«

Nun aber erdröhnte sein Baß nicht mehr, und beunruhigt erhob sich Ralph, um nach ihnen zu schauen.

Die nächsten Zimmer waren leer, ebenso das Badezimmer. Nur daß das schmale, unscheinbare Fenster offenstand.

Erschreckt beugte sich Ralph hinaus. Ein enger Lichthof gähnte ihm entgegen. Und da, da hing ja am Fensterkreuz ein Seil! Also waren die beiden Erzgauner doch durchgebrannt!

Während Ralph die Treppe hinunterraste und die Bediensteten alarmierte, kam ihm ein sonderbarer Gedanke: Also kann man nicht einmal mehr einem Gauner trauen!

Mit wenigen Worten klärte Ralph den Nachtportier auf, dieser weckte den Direktor, der händeringend nach der Polizei schrie, während die Hausdiener und Stubenmädchen schlaftrunken das Hotel durchsuchten.

Bald war alles klargestellt. Die beiden Gauner hatten sich mittels des Seiles, das sie wohl stets parat gehalten, in den Lichthof hinabgelassen.

Dort hatten sie das Fenster eines im Parterre gelegenen Klosetts durchgedrückt, von dem Klosett waren sie in einen Korridor gelangt, der in ein Schreibzimmer führte, das nach der Straße zu liegt. Und die Dunkelheit der Nacht, das Schneetreiben, die Leere der Straße benützend, hatten sie durch das Fenster die Flucht ergriffen. Wie die Polizei feststellte, nicht ohne alles, was sie an gestohlenem und erschwindeltem Geld besaßen, mitzunehmen.

Die Öffentlichkeit erfuhr von dem grotesken Vorfall nichts. Ralph, der seinen Namen nicht in Zusammenhang mit Gaunern bringen lassen wollte, ersetzte dem Hotel den gesamten Schaden, und der Bankier war zwar über den Verlust einer Milliarde untröstlich, aber schließlich froh, daß er nicht zum Gelächter für ganz Wien wurde.

Wohl setzte die Polizei, die Diskretion bewahrte, alle Hebel in Bewegung, um die Hochstapler anzufangen. Aber ihre Bemühungen blieben erfolglos. Sie waren spurlos verschwunden. Nach etlichen Jahren begegnete Ralph ihnen im Gewühl des New Yorker Broadway. Aber sie waren seinen Augen sofort entschwunden, und er hatte kein Interesse, sie festnehmen zu lassen.

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