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Der Kampf um Wien

Hugo Bettauer: Der Kampf um Wien - Kapitel 56
Quellenangabe
typefiction
authorHugo Bettauer
titleDer Kampf um Wien
publisherHannibal Verlag
year1980
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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56. Kapitel

In der Provinz.

Der Winter hatte mit neuer Kraft eingesetzt und Ralph lernte in den möblierten Zimmern der Frau Lünzer die Annehmlichkeit der Wiener Kachelöfen kennen, deren Mission im Verzehren von viel Brennmaterial und Erzeugung von wenig Wärme besteht. Er, der bisher nichts gekannt hatte als Zentralheizungen, fühlte sich unbehaglich und wäre am liebsten wieder in ein Hotel übersiedelt.

Professor Holub, mit dem er jetzt täglich zusammenkam, gab ihm guten Rat:

»Wenn du nicht frieren willst, mußt du irgend wohin fahren, wo es viel kälter ist als in Wien.«

»Was soll das wieder bedeuten?« lachte Ralph, der an den Paradoxen seines Großoheims immer Gefallen fand.

»Wörtlich das, was ich sage. Im Winter ist es nur in eiskalten Ländern warm, wie in Rußland, Schweden, Norwegen. In Italien aber kann man im Jänner zu Tode frieren. In nordischen Ländern weiß man nämlich, wie man sich gegen Kälte schützen muß, man hat dort herrliche, mächtige Öfen, die Tag und Nacht geheizt sind. In Italien hat man gar keine Öfen, weil man dort den Winter als Bagatelle behandelt. Und Wien, das noch immer nicht recht weiß, ob es zu Europa oder zum Balkan, zu Deutschland oder zu Italien gehört, hat zwar Öfen, aber solche, die nichts taugen. Ich rate dir, setze dich auf die Bahn und fahre nach Tirol. Tummel dich auf den Skiern, das macht warm, und wenn du ins Zimmer kommst, wird der mächtige Ofen glühen. Außerdem wird dir Luftveränderung und Bewegung im Freien nur gut tun. Schaust schon aus wie ein Wiener Lebemann, und das steht dir gar nicht gut.«

Ralph überlegte nicht lange, schaffte eine herrliche Winterausrüstung nebst den besten Skiern, die in Wien zu bekommen waren, an und fuhr zunächst auf den Semmering, der, als seine Mutter noch ein kleines Mädchen gewesen, nur das kleine Hotel Stephanie gehabt hatte und nun zum großen Kurort geworden war.

Der Amerikaner nahm im Hotel Panhans Quartier und war über die Pracht dieses und der anderen Hotels erstaunt. Wieder umgab ihn das reiche, das luxuriöse, das üppige Wien. Aber er konnte auch klar sehen, wie klein eigentlich dieser Kreis von Menschen war, die den großen Luxus entfalteten. Alle Gesichter kamen ihm bekannt vor, alle die schönen Frauen und weniger schönen Männer hatte er vormittags in den Frühstücksstuben der Inneren Stadt, in der Oper, auf den Bällen und in den Bars gesehen. Fünf- vielleicht sechstausend Menschen, die den Ton angaben, die Mode bestimmten, die Luxuslokale füllten und nun, da der Fasching vorüber und es wieder Winter geworden, den Semmering aufsuchten.

Ralph fand bald Anschluß und mehr Gesellschaft, als ihm lieb war. Die vielen Frauen, des einheimischen Männertyps überdrüssig, wären gerne bereit gewesen, mit ihm, der so ganz anders war, ein, wenn auch nur kurzfristiges Abenteuer zu erleben, Mütter sahen in ihm, trotzdem man von seinem verlorenen Reichtum wußte, noch immer eine gute Partie für die Tochter, junge, dem Backfischalter kaum entwachsene Mädchen wollten ihren ersten Flirt lieber mit dem stattlichen schlanken Amerikaner erleben, von dem so viel Kraft und Güte ausging, als mit den Jünglingen ihrer Kreise.

Aber Ralph hatte allzuviel an Liebesabenteuern in der letzten Zeit erlebt, und seine Gedanken kreisten mit Beharrlichkeit immer wieder um Hilde.

Abends schälten sich die Frauen aus der grünen, roten, gelben, weißen Wolle und warfen sich in große Toilette, die Herren vertauschten den Sportanzug mit dem Smoking, und in den Hotelcafés entwickelte sich bei Musik und Tanz das mondäne Leben eines Winterressorts, das nur zwei Bahnstunden von der Großstadt entfernt ist.

Ralph war von der Plattheit und Gedankenarmut der Gesellschaft, in der er sich allnächtlich wohl oder übel bewegte, entsetzt. Übler Gesellschaftstratsch, intensive Besprechung der neuesten Wiener Ehescheidungs-, Verlobungs- und Entlobungsaffairen, allenfalls, weil es sich gehört, ein seichtes Gespräch über ein neues Buch oder über ein neues Stück, wobei weniger über den Inhalt, als über die Tatsache, daß Herr Klitsch entzückend war, geredet wurde, und schließlich, wenn die jungen Mädchen sich zurückzogen, höchst eindeutige Witze, die mit dem Fortschreiten des Stundenzeigers immer ungenierter wurden.

Ralph konnte sich in diesen Ton nicht finden. Allen seinen Erlebnissen zum Trotz war ihm die Frau noch immer die Krone der Schöpfung, lieblich als Mädchen, heilig als Frau und anbetungswürdig als Mutter. Hier aber saßen Frauen, die erwachsene Kinder hatten, und lachten hysterisch, wenn der Mann, der es eben auf sie abgesehen hatte, grinsend und schmatzend Zoten erzählte.

Ralph wollte die österreichischen Provinzstädte kennen lernen und fuhr vom Semmering nach Graz, dem einstigen Pensionopolis der Monarchie, in dem die ausgedienten Generäle und Exzellenzen ihr behagliches Raunzerdasein führten, vormittags im Stadtpark die Spatzen fütterten, nachmittags Tarock spielten und abends auf den billigen Parkettsitzen im Stadttheater mörderische Kritik übten.

Heute war Graz eine armselige Stadt, so teuer fast wie Wien, gefüllt mit erbitterten Menschen, die sich in die neue Zeit nicht fügen konnten.

Viele Laster der Großstadt ohne ihre Tugenden, Lebemänner im Steirerhütl, Frauen mit modernen Toiletten und Barchentunterröcken.

Ralph stieg auf den Schloßberg, empfand mit Behagen die köstliche Lieblichkeit der Stadt und trug die Überzeugung in sich, daß auch dieses Juwel an Kostbarkeit nichts verloren habe. Mochten unerträgliche Zustände den Menschen von heute auch das Leben zur Höllenqual machen – die steinernen Bauwerke blieben stehen, die Mur rauschte noch immer majestätisch einher und die Berge ringsumher würden nicht verschwinden.

Schon nach zwei Tagen wurde Ralph der Aufenthalt in Graz arg verleidet. Ein Journalist hatte seinen Namen im Fremdenbuch des Hotels entdeckt, schlug in den Wiener Zeitungen nach und veröffentlichte die ganze Geschichte von O'Flanagans Mission und seinem plötzlichen Vermögensverlust. Er schrieb dazu:

»Gar so schlecht scheint es Mister Ralph O'Flanagan nicht zu gehen. Er bewohnt im Hotel Erzherzog Johann das beste und teuerste Appartement und trinkt abends zu seinem vortrefflichen Souper eine halbe Flasche Champagner. Vielleicht hat der junge Amerikaner nunmehr auch die Kunst erlernt, mit Luft Geschäfte zu machen! Da er in Wien viel in jenen Kreisen verkehrt hat, die man die Gesellschaft nennt, wird es ihm an Lehrmeistern nicht gefehlt haben.«

Ralph war nach Graz in der uneingestandenen Hoffnung gefahren, irgend etwas von Hilde, die sich ja mit ihrer Mutter wohl noch immer in der Steiermark aufhielt, zu erfahren. Vergebens durchstreifte er die Straßen, vergebens erkundigte er sich im Meldeamt! Hilde schien ihm endgültig entrückt zu sein.

Als in den Grazer Blättern der indiskrete Artikel über ihn erschienen war, begann man ihm im Hotel und auch auf der Straße mehr Aufmerksamkeit zuzuwenden als ihm behagte, und er verließ die steirische Hauptstadt, um von dort aus die einigermaßen komplizierte Reise nach Salzburg anzutreten.

Salzburg wurde ihm zum größten künstlerischen Erlebnis. Die einzigartige Schönheit dieser Stadt überwältigte ihn, ließ ihn stundenlang wie in einem Taumel zwischen dem Mirabellpark und der Altstadt pendeln. Und es wurde ihm fröhlich zu Mut. Er lachte in sich hinein und dachte:

»Ein Land, das Städte wie Wien und dieses Salzburg hat, ist wahrhaftig nicht verloren. Ob es nun selbständig bleiben oder zum großen deutschen Bruderreich gehören wird – so viel Schönheit, Kultur und Geschichte können nicht ausgemerzt werden. Und wenn sogar einmal eine neue Völkerwanderung eintreten und die Menschen von Land zu Land treiben wird – immer werden in Wien die Menschen Wiener werden müssen, weil der Genius loci sie ummodeln und stempeln muß. Und immer wird dieses Salzburg ein Wunder der Natur bleiben!«

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