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Der Kampf um Wien

Hugo Bettauer: Der Kampf um Wien - Kapitel 55
Quellenangabe
typefiction
authorHugo Bettauer
titleDer Kampf um Wien
publisherHannibal Verlag
year1980
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070121
projectid41fe131f
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55. Kapitel

Zweimal ist vier.

Ralph pflegte gegen neun Uhr morgens mit der Straßenbahn von der Weimarer Straße nach der Stadt zu fahren, um im Café Landtmann zu frühstücken und Zeitungen zu lesen. Einigemal schon war ihm in der Elektrischen ein alter Herr aufgefallen, dessen Gesichtszüge außerordentliche Intelligenz und eine Frische verrieten, die zu den schneeweißen Haaren in seltsamem Gegensatz standen. Er fühlte, wie ihn der alte Herr unablässig ansah, und auch er mußte, aus unerklärlichen Instinkten heraus, immer wieder die Blicke erwidern.

Einmal traf es sich nun, daß einer vom Stammtisch im Währingerhof Ralph in der Elektrischen überlaut begrüßte. Der alte Herr, der ihm gegenübersaß, beugte sich, als er den Namen O'Flanagan hörte, vor, schien etwas sagen zu wollen, gab es aber scheinbar wieder auf, während ein Lächeln die feinen Gesichtszüge belebte.

Als Ralph am Schottentor den Wagen verließ, ging der Greis mit jugendlich raschen Schritten hinter ihm her, holte ihn ein und sprach ihn an:

»Entschuldigen Sie meine Zudringlichkeit, aber ich glaube gehört zu haben, daß Sie der Herr vorhin per O'Flanagan ansprach?«

Ralph bejahte verwundert.

»Also hat mich mein Gefühl nicht getäuscht! Nicht wahr, der Vater Ihrer seligen Mutter hieß Holub? Ja? Nun, dann sind Sie mein Großneffe, der Enkel meines vor vielen Jahren in Amerika tödlich verunglückten Bruders.«

Mit diesen Worten streckte ihm der alte Herr beide Hände entgegen und mit zitternder Stimme fuhr er, während Ralph vor Überraschung sprachlos war, fort:

»Ich beobachte Sie seit längerer Zeit schon und war immer von Ihrer Ähnlichkeit mit meinem verstorbenen Bruder überrascht. Jetzt kann ich sagen, daß Sie ihm Zug für Zug gleichen! Aber gehen wir, es ist wieder grimmig kalt geworden, wenn es Ihnen paßt, so begeben wir uns nach einem Kaffeehaus. Das heißt, wenn Sie nichts anders vorhaben.«

Und nun saßen sie im Café Landtmann, und Ralph, dem das alles traumhaft vorkam, ließ sich von seinem Großvater, den er nie gekannt, erzählen.

»Dein Großvater war um acht Jahre älter als ich, und ich noch ein Student, als er mit seiner jungen Frau und Töchterchen, deiner Mutter, nach Amerika übersiedelte. Als die Todesnachricht in Wien eintraf, konnte ich weder für meine Schwägerin noch für meine Nichte etwas tun. War selbst ein armer Teufel, der sich seinen Unterhalt durch Stundengeben verdienen mußte. Jahre vergingen, ich wurde Privatdozent für Geschichte, dabei Supplent an einem Gymnasium, konnte keinen Kreuzer erübrigen, und der Briefwechsel mit deiner Großmutter schlief bald ein. Auf Umwegen und durch einen Zufall erfuhr ich dann einmal, daß deine Mutter drüben zur Bühne gegangen und einen Irländer namens Patrick O'Flanagan geheiratet hatte. Du wirst begreifen, daß mich, da ja mein armer Bruder nicht mehr lebte und auch seine Witwe gestorben war, die weiteren Entwicklungen gar nicht mehr sonderlich interessierten. Mein Interesse wurde erst wieder wach, als im Dezember die Zeitungen von einem gewissen Ralph O'Flanagan berichteten, dem reichsten Mann Amerikas, der, weil seine Mutter eine Wienerin gewesen, hierher kam, um Wien zu helfen. Natürlich zweifelte ich gar nicht daran, daß dieser Ralph O'Flanagan mein Großneffe sei, zerbrach mir aber durchaus nicht den Kopf darüber.«

»Hättest mir aber doch näher treten können, lieber Onkel!«

»Ausgeschlossen! Mich wie die tausend anderen an den jungen Krösus herandrängen? Fiel mir gar nicht ein! Erst später, als ich von dem Verlust deines Vermögens las, dachte ich oft an dich und nun hat uns eben der Zufall zusammengebracht. Dem Zufall aber soll man niemals ausweichen.«

»Und wie geht es dir? Bist du verheiratet? Wie hast du denn diese grauenhaften acht Jahre überstanden?«

Der alte Herr Holub lächelte:

»Verhältnismäßig gut, mein lieber Junge! Wenn du mich näher kennen lernen wirst, so wirst du nämlich darauf kommen, daß ich ein durchaus kluger Mensch bin. Kein Eigenlob, nein, sondern nur Feststellung einer Tatsache! Wobei ich unter klug die Fähigkeit verstehe, in allen Lagen des Lebens sich an die primitivste Logik, an die Regel, daß zweimal zwei immer und unter allen Umständen vier ist, zu halten. Die meisten Leute vergessen das, rechnen sich plötzlich aus, daß zweimal zwei auch acht sein kann, und wundern sich dann, wenn ihre Rechnung nicht stimmt.«

»Als der Krieg ausbrach, war ich eben als Gymnasialdirektor pensioniert worden. Nach meiner primitiven Logik, von der ich mich weder durch Armeebefehle noch durch Hurrageschrei abbringen lasse, wußte ich, daß wir irgendwie den Krieg verlieren würden. Also legte ich mein kleines Vermögen, das ich mir im Laufe von Jahrzehnten erspart, nicht in Kriegsanleihe an, sondern deponierte es bei einer Schweizer Bank gegen dreiprozentige Verzinsung. Na, und dort liegt mein Geld noch immer, so daß ich von meiner Rente ganz behaglich leben kann. Verheiratet bin ich nicht, mein Junge. Meine Logik hielt mich davon ab. Ich beobachtete nämlich, daß ungefähr neunzig Prozent aller Ehen unglücklich, neun Prozent gerade noch erträglich sind und höchstens ein Prozent glücklich ist. Also durfte ich logischerweise nicht auf eine Sache eingehen, bei der die Möglichkeit des Gelingens sich wie eins zu hundert verhält.«

Ralph lachte vergnügt.

»Menschliche Leidenschaften dürfen allerdings bei solcher Wahrscheinlichkeitsrechnung keinen Faktor bilden.«

»Stimmt, mein lieber Großneffe. Aber man kann eben auch den Leidenschaften mittels Logik zu Leibe ziehen. Und nun zu dir: Wie ist das eigentlich mit deiner Verarmung und diesem wie ein unbequemer deus ex machina aufgetauchten Stiefbruder.«

Ralph wurde blutrot und kaute verzweifelt an einer Antwort.

»Brauchst mir nichts zu sagen, Ralph, ich habe das sehr rasch als Schwindel erkannt. Auf welche Weise? Natürlich auf logische! Wenn wirklich dieser Stiefbruder aufgetaucht und Herr deines riesigen Vermögens geworden wäre, so würden die amerikanischen Zeitungen das als die größte Tagessensation behandelt haben und die Nachrichten wären per Kabel nach Europa gelangt. Das sind sie aber nicht, sondern ihre Veröffentlichung in den Wiener Zeitungen begann mit den Worten: ›Wie wir erfahren‹.

Hm, dachte ich, also ist nicht gekabelt worden, sondern die Wiener Zeitungen haben einfach die mit der Post eingetroffenen New Yorker Zeitungen benützt. Seltsam, aber doch möglich. Ich begab mich ins Café Central und studierte die amerikanischen Blätter der letzten acht Tage durch. Kein Wort war über die Flanagan-Affäre zu finden. Ich verfolgte von da an täglich diese Blätter und richtig las ich vierzehn Tage später im »New York Herald« an ganz unauffälliger Stelle, daß in Wien scheinbar von einem Spaßvogel ein Flanagan-Märchen dieses und jenes Inhalts erfunden und veröffentlicht worden sei. In New York sei durchaus nichts derartiges bekanntgeworden, und der Präsident der »American Wood- and Forest Trust Co.« habe auf Befragen eines Reporters die ganze Geschichte als albernen Scherz oder faustdicke Lüge bezeichnet.

Ich weiß nun, daß du nach wie vor so eine Art Nabob bist, versichere dir aber, daß mich dein Geld nicht interessiert. Sehr interessieren würde mich hingegen, was dich zu diesem Bluff veranlaßt hat und welcher Art überhaupt deine Wiener Erlebnisse sind.«

Ralph begann zu erzählen und verschwieg nichts. Berichtete dem ihn mit keinem Wort unterbrechenden alten Herrn von den Fallstricken, die ihm gelegt worden waren, der Habgier, die ihm unverhüllt bei Männern und Frauen entgegentrat, von Lolotte und Hilde, und wie er schließlich dazu gekommen war, sich zu verbergen, als Verarmter aufzuhören, Zielscheibe für alle menschliche Gemeinheit zu werden.

Herr Holub lächelte milde, als Ralph seine Beichte beendet hatte.

»Brauchst die Wiener nicht für schlechter zu halten als andere Menschen sind. Nur, daß sie mehr noch als die anderen ihr Gleichgewicht verloren haben. Mußt bedenken, daß ihnen Furchtbares geschehen ist. Vielleicht, daß andere sich rascher den neuen Verhältnissen anpassen könnten. Den Österreichern sind aber nur ihre Tugenden, ihre Gutmütigkeit und heitere Beschaulichkeit zu Untugenden geworden. Die Hauptschuld an deinen Enttäuschungen hast du aber selbst. Wolltest eben auch nicht glauben, daß zweimal zwei vier ist. Kommst mir vor, wie jemand, der einem Todkranken, der keine Nahrung mehr verträgt, sagen würde: Hier mein Lieber, essen Sie das Beefsteak, damit Sie wieder zu Kräften kommen! Hast dieselben Fehler begangen wie unsere Regierungen in den vier Jahren, die sich einbildeten und noch immer einbilden, daß uns mit Geld und mit Kredit geholfen werden kann.

Wir brauchen aber weder Geld noch Kredit, sondern einen neuen Organismus. Wir dürfen nicht aufgebaut werden, sondern müssen uns selbst aufbauen. Erst wenn alles das, was aus der Kriegszeit stammt, abgefault, verwest sein wird, kann aus dem mit Blut und Leichen gedüngten Boden eine neue Saat aufgehen. Du hast den Kampf um Wien führen wollen und nur den Kampf gegen Wien geführt. Gib diesem kranken Organismus dein ganzes Vermögen und er wird nicht gesund werden, sondern noch mehr krank. Wird das Gold nicht verdauen können und daran zugrunde gehen. Tu dem einzelnen, der deinen Weg kreuzt, Gutes, laß aber im großen den Dingen ihren Lauf. Alles wird kommen, wie es kommen muß. Spiel nicht Vorsehung, sonst wirst du mehr Schaden anrichten als Segen und zum Schluß doch noch gekreuzigt werden.«

Ralph war von den Worten des Greises erschüttert und ergriffen. Hatte der Greis nicht das mit klaren Worten gesagt, was ihm selbst seit Wochen unklar und verschwommen vorgeschwebt hatte? Und im Unterbewußtsein begann es ihm verwegen und töricht zu erscheinen, daß er einen Kampf um Wien, um Österreich aufnehmen hatte wollen, wie wenn es sich um eine Sache handeln würde und nicht um einen komplizierten Organismus, der sich aus sechs Millionen Rädern und Federn zusammensetzt.

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