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Der Kampf um Wien

Hugo Bettauer: Der Kampf um Wien - Kapitel 54
Quellenangabe
typefiction
authorHugo Bettauer
titleDer Kampf um Wien
publisherHannibal Verlag
year1980
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid41fe131f
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54. Kapitel

Im Volksheim.

Ein Besuch im Volksheim in Ottakring erfüllte ihn mit Freude und Zuversicht. Dort fand er keine Schieber, keine mondänen Frauen, nicht die Menschen, die Zeit und Geld haben, um Bars und Redouten zu besuchen. Dort fand er aufopferungsvolle Gelehrte, die ihr Wissen in den Dienst des Volkes stellten, des Volkes, das nach schwerer Arbeit abends in den Hörsälen saß, oft noch im Arbeitsgewand, die roten schwieligen Hände derb und kraftvoll, die Herzen brennend in Sehnsucht nach Wissen und Aufklärung.

Alle diese jungen und oft auch alten Männer, Frauen und Mädchen beseelte ein einziger Wunsch: Hochkommen, lernen, Kenntnisse erwerben, sich aus dem Dunstkreis ihrer jämmerlichen Atmosphäre erheben, Menschen im höheren Sinne des Wortes zu werden.

Es wurde eben eine volkswirtschaftliche Vorlesung gehalten, die über die Geldentwertung und ihre Ursachen in populärer Weise Aufschluß gab. Der Saal war dicht gefüllt, kein Räuspern und Husten störte den Vortragenden, nur das Rascheln der Bleistifte auf den Papierblättern unterbrach die Stille.

Ralph fielen zwei junge Leute auf, ein Mann von höchstens dreiundzwanzig, ein Mädchen von kaum zwanzig. Er kämpfte ersichtlich schwer gegen seine Müdigkeit an, immer aber, wenn seine Augenlider sich schlossen, zupfte ihn das Mädchen am Ärmel, wobei es ihm einen liebevoll besorgten Blick gab.

Nach Schluß der Vorstellung traf es sich, daß Ralph mit den beiden jungen Leuten vor dem Tor zusammenstieß, und er führte, von menschlichem Interesse erfüllt, ein Gespräch herbei.

»Meinem Bräutigam fällt es so schwer, genau aufzupassen«, klagte das Mädchen. »Er arbeitet in einer Gießerei und ist abends todmüde. Ich hab es leichter, ich bin Näherin in einer Hemdenfabrik, das strengt nicht so an.«

»Verfolgen Sie mit dem Besuch dieser Vorlesungen einen bestimmten Zweck?«

Das Mädchen errötete.

»Mein Gott, man will doch nicht so dumm in den Tag hineinleben! Und vielleicht geschieht doch einmal ein Wunder, daß wir selbständig werden, dann muß man doch etwas wissen und gelernt haben.«

Ralph bat die beiden, mit ihm ein Gasthaus zu besuchen, da er das Gespräch fortsetzen wolle.

Das Mädchen sah den Bräutigam fragend an. Der lachte auf und sagte ganz frei und natürlich:

»Das wird nicht zusammengehen. Heute ist Donnerstag und da sind wir halt beide mit der Löhnung fertig. Im Wirtshaus braucht man ja, wenn man sich satt essen will, gleich ein Schüppel Tausender. Zu Hause aber haben wir Brot und Fett.«

Ralph, der erfahren hatte, wie gerne sich die Damen der guten Gesellschaft zum Tee einladen ließen, das heißt zu einem Tee mit allen Delikatessen, die es nur gab, stotterte verlegen eine Entschuldigung und bat, seine Gäste zu sein.

Die Einladung wurde nicht ohne Widerspruch angenommen und Ralph lernte wieder eine andere Seite des Wiener Lebens kennen.

Die beiden jungen Menschen waren in mehr als einer Hinsicht Schicksalsgefährten. Uneheliche Kinder, von ihren Müttern verlassen, von einer Kostfrau großgezogen. Not, Entbehrung, rohe Worte, Schläge – das waren ihre Kindheitserinnerungen. Später Lehrling und Lehrmädchen bei gleichgültigen Menschen und schließlich doch die ersehnte Selbständigkeit, der Verdienst, der, solange nicht auch sie arbeitslos wurden, sie ernähren konnte.

Und nun waren die beiden, die immer zusammengehalten hatten, immer aufeinander angewiesen waren, Bettgeher, das heißt, jedes von ihnen bewohnte mit anderen zusammen eine Kammer. Und träumten davon, einmal doch irgendwie eine eigene Wohnung zu bekommen, dem Fron zu entrinnen, ein Geschäftchen zu gründen, zu lernen und sich zu bilden.

Ralph war tief deprimiert.

Nichts wollten diese zwei Menschen, als einen Winkel, in dem sie miteinander leben könnten und sich eine Zukunft aufbauen. Aber auch das blieb ihnen versagt, sie durften ihr Leben nicht gemeinsam führen, hatten die Kammer nicht, die ihnen ein eigenes Heim sein sollte.

Nun, diesen beiden konnte er ja helfen, aber wie viele solcher gab es? Hunderttausende sicher! Und ihnen konnte nicht der einzelne helfen, nicht der Staat und die Gemeinde.

Ralph freute sich über die ungekünstelte, natürliche Art, in der das Brautpaar dem Essen zusprach, war aber nicht wenig erstaunt, als beide nicht wie er Bier, sondern Sodawasser bestellten.

»Wir haben uns das Wort gegeben, keinen Alkohol zu trinken. Nicht die Unternehmer, nicht der Kapitalismus sind unsere ärgsten Feinde, sondern der Alkohol ist es. Schauen Sie sich nur die Arbeiter an, die hochqualifiziert sind und wirklich viel verdienen. Dabei gehen sie oft zerrissen herum, die Frau darbt, die Kinder haben keine ganzen Schuhe. Weil der Mann abends Tausende auf Bier, Wein und Schnaps ausgibt. Übelnehmen kann man es ja nicht. Wer acht Stunden schwer in Glut und Staub gearbeitet hat, bekommt eine wahre Sehnsucht nach Alkohol, und wenn man erst im Wirtshaus sitzt, wandern alle guten Vorsätze zum Teufel, man trinkt und trinkt, bis man hinausgeworfen wird.

Ich und auch Annerl haben es hundertfach beobachtet: Wo der Mann trinkt, geht alles zugrunde, werden auch die Kinder Säufer, herrscht Not und Elend. Wo aber der Mann nicht trinkt, geht es schließlich doch einmal besser, kommen die Leute in die Höhe. Und weil wir selbst einmal in die Höhe kommen und Kinder haben wollen, die gesunde, ordentliche Menschen werden sollen, so haben wir uns halt zugeschworen, nicht einen Tropfen zu trinken. Denn beim Tropfen fängt man an und beim Liter hört man noch lange nicht auf.«

Ralph führte die jungen Leute noch in ein Kaffeehaus und holte den Bräutigam über seine Pläne aus.

»Was täten Sie, wenn Sie Geld, recht viel Geld auf die Hand bekämen?«

Anna, die überhaupt die Munterere und Schlagfertigere war, übernahm mit leuchtenden Augen die Antwort:

»Oh, wenn wir Geld hätten! In der Veronikagasse, in Hernals, hat eine alte Frau ein hübsches Geschäft mit Küchengeschirr und allerlei Eisenwaren. Vorne ein großes Lokal und nach rückwärts dazu gehörend ein Zimmer, eine Küche und eine Kammer. Die Frau ist schon fast siebzig und möchte, wenn sie einen ordentlichen Preis bekäme, das Geschäft und die Wohnung abgeben und aufs Land zu ihren Kindern übersiedeln, die bei Oberhollabrunn eine Wirtschaft haben. Und nicht einmal gar so viel verlangt sie! Für das ganze Lager und die Wohnung mit der Einrichtung nur zehn Millionen. Ist eigentlich, wenn man es in gutes Geld umrechnet, fast geschenkt. Aber für uns natürlich unerreichbar.«

Warum gibt es keine Volksbank? dachte Ralph. Eine große Bank, die von selbstlosen Menschen geführt wird und solchen jungen Leuten Kredit gibt? Wäre dies vielleicht ein Weg für mich?

Aber im nächsten Augenblick beschlich ihn körperliches Unbehagen, da er all der Schwierigkeiten gedachte, die ihm entgegentreten würden. Und was wäre das Ende? Daß nach und nach aus der Volksbank ein kapitalistisches Finanzinstitut wie alle anderen werden würde!

Ralph ließ sich Namen und Adresse der beiden jungen Leute geben und verabschiedete sich herzlich von ihnen. Er selbst hatte absichtlich seinen Namen so gemurmelt, daß er unverständlich bleiben mußte.

Am nächsten Tag aber erwarb Rechtsanwalt Eitelhof in seinem Auftrag das Geschäft mit der Wohnung in der Veronikagasse und einige Stunden später gab es in Wien zwei restlos glückliche Menschenkinder, die einander schluchzend umarmten und allen Segen des Himmels auf den Unbekannten vom Abend vorher herabbeschworen.

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