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Der Kampf um Wien

Hugo Bettauer: Der Kampf um Wien - Kapitel 53
Quellenangabe
typefiction
authorHugo Bettauer
titleDer Kampf um Wien
publisherHannibal Verlag
year1980
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid41fe131f
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53. Kapitel

Wien im Taumel.

Der Fasching ging seinem Ende zu, aber noch war nichts von Aschermittwochstimmung zu spüren. Im Gegenteil, es schien, als ob das lebenslustige, sorglose Wien noch einmal alle seine Kräfte anspannen wollte, um aufzujauchzen, sich noch einmal zu unterhalten, nochmals nach dem großen Abenteuer zu suchen und noch eine oder mehrere Millionen in einer Nacht auszugeben.

Ralph O'Flanagan hatte mit der Zeit deutlich genug erfahren, daß das Wien des Grabenbummels, der »Thés dansantes«, der Bars, Theater, Redouten und Varietes nicht das eigentliche Wien ist, das Wien, in dem anderthalb von zwei Millionen darben, arbeiten und keuchend gegen Teuerung und Not ankämpfen. Trotzdem war er maßlos erstaunt, als er das Deutsche Volkstheater betrat, das seine große Redoute abhielt.

Seit Tagen war in der sogenannten Gesellschaft von nichts gesprochen worden als von dieser Redoute, sogar die »Gloire« Breitbarts verblaßte darüber, und die Preise für die Logen und den Eintritt wirbelten empor wie dürre Blätter im Wind. Mit hunderttausend Kronen wurde begonnen und nun, um zehn Uhr abends, verlangte und bekam man fünfmal so viel und immer noch standen »Verzweifelte« da, die eine Million boten und doch keine Karte mehr bekamen.

Ein berauschenderes Bild konnte auch Paris in seinen besten Tagen nicht bieten. Fürstliche Toiletten aus kostbarstem Material, funkelnde Diamanten, mattleuchtende Perlen, fabelhafter Kopfschmuck und die schönsten Frauen, die Wien beherbergt.

Niemand von den Frauen, die zur mondänen Welt gehören oder gehören wollen, fehlte. Nach wie vor mieden seit dem Umsturz die Aristokraten solche Feste, blieben zu Hause im Schmollwinkel, von der seligen Vergangenheit träumend, oder fuhren nach Bayern zu ihren Freunden und Verwandten, die ihrem Schmerz volles Verständnis entgegenbringen. Aber die bürgerliche Gesellschaft hatte sich mit der Republik versöhnt, und dieselben Damen, die früher ihre tiefen Knickse vor der jeweiligen Erzherzogin-Patronesse gemacht, saßen nun, nicht immer sehr anmutsvoll, aber von angenehm plutokratischen Gefühlen durchdrungen, in den Logen. Nur einige ungarische Aristokraten ließen es sich nicht nehmen, mit ihren Damen auch die Volkstheater-Redoute zu besuchen.

Ralph sah viele bekannte Gesichter aus jener eben verflossenen Zeit, da er als der reichste Mann der Welt gefeiert worden war, hielt sich ihnen geflissentlich fern, wollte im Gewühl des Parterres verschwinden. Hier nun wirkte lediglich seine Persönlichkeit, seine männliche Schönheit, und bald begannen schöne Frauen ihn zu intrigieren. Um ihn aber bald wieder zu verlassen, nach gesprächigeren, lustigeren Herren zu fahnden. Denn Ralph konnte sich mit bestem Willen nicht in den leichten Ton finden, wußte nicht, was er mit fremden Frauen sprechen sollte.

Schließlich fand er Bekannte, denen er sich anschloß. Einen Wiener Publizisten mit seiner lieblichen, blonden Frau, die, wie er, an der zwangsweisen, lauten Unterhaltung wenig Gefallen fand, einen politischen Journalisten mit seiner Frau, einer gefeierten Hamburger Schönheit, die vor kurzem noch ein Wiener Bühnenliebling gewesen, ein junges Ehepaar, er eine überaus sympathische Erscheinung, sie eine sieghaft schöne, junge Frau. Und als die ganze Gesellschaft um zwei Uhr morgens aus dem überfüllten und überheizten Theatersaal nach dem Moulin Rouge floh, da ging in Champagnerlaune auch der Amerikaner aus sich heraus, bis er nicht mehr entscheiden konnte, wem der Preis für Schönheit zuzusprechen sei. Da zwei der jungen Frauen Ida hießen, war die Sache besonders kompliziert, und er wäre bereit gewesen, der Lisi und den beiden Idas sein Herz zu Füßen zu legen.

Bis die kalte Nachtluft auf der Heimfahrt ihn wieder zur ruhigen Besinnung kommen ließ. Und das Bild Hildes vor ihm auftauchte, dieses armen, arbeitenden Mädchens, das, wäre sie heute in Glanz und Schmuck dagewesen, sicher den Schönsten beigezählt hätte werden müssen.

Nochmals wurde Ralph, der für alle Reize des Lebens überempfindlich wurde, eben weil er unverbraucht war und die große Sehnsucht nach Hilde zum Schweigen bringen wollte, in ein Abenteuer verstrickt, das peinliche Folgen hätte haben können.

Auf dem Schützenkränzchen – Ralph wollte den Fasching bis zur Neige auskosten – lernte er eine junge Frau kennen, keine Schönheit, aber durch ihre eigene Triebhaftigkeit auch auf andere wirkend. Den Mann, der im schlechtsitzenden Frack wie ein halbverhungerter Schakal aussah, fand Ralph abstoßend, die Frau reizte und fesselte ihn. Und da die junge Frau ihm vom ersten Augenblick an unzweideutig entgegenkam, wurde Ralph betäubt, verwechselte auflodernde Leidenschaft mit Liebe, überschüttete die Geliebte, entgegen seinem Vorsatz, nicht als reicher Mann aufzutreten, mit Geschenken, verbrachte viele Stunden mit ihr. Und merkte nicht, daß die Frau im Einverständnis mit ihrem Mann handelte. Dieser Mann, von dem keiner wußte, wovon er seinen Aufwand bestritt, der heute ein Automobil besaß, um es morgen zu versetzen, immer geschickt mit den Ellbogen am Zuchthaus vorbeistreifte, ging von der Idee aus, daß O'Flanagan, auch wenn er nicht mehr der Krösus war, doch nach österreichischen Begriffen reich genug sein müsse. Und nach einigen Tagen, da Ralph gerade zur Überzeugung gelangt war, daß seine Geliebte nichts als ein egozentrischens, kaltsinnliches Weib war, erhielt er den Brief eines Advokaten, der mit konstruierten Ehebrüchen einen schwunghaften erpresserischen Handel betrieb. Der Rechtsanwalt teilte ihm mit, daß Herr Schuster von dem Ehebruch seiner Frau Kenntnis erlangt und ihn mit einer Klage beauftragt habe. »Immerhin ließe sich vielleicht doch eine gütliche Einigung erzielen.«

Ralph zog auf Betreiben seiner Freunde einen Wiener Rechtsanwalt, den kleinen Dr. Eitelhof, zu Rat, der ein Gemisch von Amateur-Literat, Witzbold und Tischhumorist war, nebenbei aber ein tüchtiger Jurist, der die knifflichsten Fälle mit Geschick zu behandeln verstand und im Gerichtssaal kritische Momente oft zugunsten seiner Klienten durch einen hingeworfenen Wortwitz erledigte. Und ihm gelang es auch, eine Zurückziehung der Klage zu erwirken, allerdings nur gegen eine Summe von etlichen Millionen, die dem wackeren Gatten für »wohltätige Zwecke« überreicht wurden.

Für Ralph war aber der Ausgang dieses Abenteuers Mahnung, sich wieder dem Wien zuzuwenden, dem er hatte helfen wollen. Dem Wien der arbeitenden, um ihre Existenz ringenden Menschen.

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