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Der Kampf um Wien

Hugo Bettauer: Der Kampf um Wien - Kapitel 52
Quellenangabe
typefiction
authorHugo Bettauer
titleDer Kampf um Wien
publisherHannibal Verlag
year1980
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070121
projectid41fe131f
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52. Kapitel

Die Kokainschnupfer.

Schon am nächsten Tag traf Ralph wieder den Dr. Teufelsberger, und zwar diesmal unter vier Augen. Ralph hatte in der letzten Zeit reichlich gebummelt, sehr wenig geschlafen, das Klima behagte ihm nicht, er sah abgespannt und übernächtig aus. Klagte dem Arzt über Abspannung und Nervosität!

»Sollten einmal Kokain schnupfen«, sagte Teufelsberger boshaft lächelnd.

»Kokain schnupfen? Wozu soll das gut sein?«

»Gut für nichts als für den Arzt, der es verschreibt, den Händler, der es verkauft, und den Teufel, der einen früher oder später holt! Aber angenehm, sehr angenehm! Wirksamer als Opium, ohne dessen unangenehme Begleiterscheinungen. Ein Trost für alle Dekrepierten, mit Schmerzen Gebresten und Sorgen Beladenen. Übrigens schnupft jetzt halb Wien Kokain. Es gibt Kokainklubs und Kokain Wirtshäuser, möchte ich sagen!«

Ralph war interessiert.

»Besteht die Möglichkeit, sich einmal so einen Kokainklub anzusehen? Ich würde natürlich mitschnupfen. Einmal ist keinmal, und ich glaube mich in der Gewalt zu haben, um es bei dem einmal bewenden zu lassen.«

Der Arzt zögerte, funkelte Ralph mißtrauisch hinter den scharfen Gläsern an und sagte dann:

»Sie machen den Eindruck eines durchaus diskreten, zuverlässigen Menschen. Also, wenn Sie mir das Wort geben, nicht zu plauschen, so will ich Sie heute abends mitnehmen. Ich bin nämlich sozusagen Kokaindoktor. Sie haben mich gestern gefragt, ob ich praktischer Arzt sei und sich wahrscheinlich dann darüber den Kopf zerbrochen, wovon ich lebe. Nun wissen Sie es: ich rezeptiere Kokain! Gutes Geschäft, sage ich Ihnen, die Leute zahlen jeden Preis für diesen Schmerzenstöter und der Händler muß mit mir teilen.«

Ralph war empört.

»Wie können Sie das verantworten? Sie als Arzt kennen doch ganz genau die verheerende Wirkung solcher Dinge?«

»Verehrter amerikanischer Prinzipienreiter, erstens würden die Leute, wenn sie kein Kokain bekämen, sich Morphium oder Opium oder vielleicht gar einen Revolver verschaffen. Zweitens ist es ganz Wurst, woran und ob früher oder später der Mensch zugrunde geht, drittens tue ich es nicht, so tut es ein anderer Arzt und viertens, fünftens und sechstens sind der Alkohol und das Wiener Granitpflaster und die Armut und Wohnungsnot und der Wiener Mistbauer genau so schädlich wie Opium und Kokain und Morphium. Und nebenbei: Halten Sie mir keine puritanische Sonntagspredigt, sondern kommen Sie abends mit mir oder lassen Sie es bleiben.

Ralph ging natürlich mit.

In der Himmelpfortgasse befindet sich ein altes Haus, einstens ein hochherrschaftliches Palais mit einem Ziehbrunnen in dem schön angelegten Hof, jetzt eine Mietskaserne, verwahrlost, angefüllt von Menschen. Im ersten Stock liegt eine Fremdenpension, die neuerdings zur Herberge für Kokainschnupfer geworden ist.

Es war neun Uhr, als Dr. Teufelsberger mit Ralph den Salon betrat, und sie waren die ersten Gäste. Gleich nach ihnen aber kam ein hochaufgeschossener Herr, elegant gekleidet, das Gesicht farblos, wie verwaschen, die Augen glanzlos und eingefallen. Er begrüßte den Kokaindoktor, verbeugte sich knapp vor Ralph, sah nervös um sich, trommelte ungeduldig mit den mageren Fingern auf den Tisch, an dem er sich niedergelassen. Fuhr mit der rechten Hand über die Schläfe und biß die Lippen zusammen.

»Haben Sie wieder Ihre neuralgischen Schmerzen, Herr Rechtsanwalt?« fragte Teufelsberger.

»Besser gesagt, die Schmerzen haben mich! Und dabei eine vierstündige Konferenz in einer Ehescheidungssache! Eine weinende, keifende Frau, einen tobenden Mann, immer dieselben platten Dummheiten, dieselben albernen Beschuldigungen. Kein Wunder, wenn dann der Trigeminus, dieser Nervenbolschewik, reißt und zupft, daß man toll werden könnte!«

Nun kam ein Besucher nach dem anderen. Menschen, in deren Gesichtszüge Sorgen, Schmerzen, Verzweiflung, Gewissensbisse mit spitzem Griffel ihre Zeichen eingraviert hatten. Zwei Damen kamen. Beide geschminkt, überelegant, nicht alt und doch schon verfallen, mit dem Signum durchwachter Nächte, ruheloser Tage belastet.

Die Unterhaltung war gedämpft, fieberhaft, abgerissen, immer gingen die Augen nach der Türe, man sah ihnen die Enttäuschung an, wenn es nur ein neuer Gast war, der eintrat.

Es war zehn Uhr geworden, als die Hausfrau, ganz in schwarze Seide gekleidet, jeder Zoll würdige Matrone, eintrat. Totenstille entstand, hungerige Augen hefteten sich an die silberne Tablette, die die Matrone trug. Auf der Tablette eine kleine Schüssel aus Kristallglas, ringsum Zahnstocher.

Die Dame des Hause grüßte wortlos durch Nicken, ging von Gast zu Gast, tauchte einen Zahnstocher in die kleine Schüssel, schüttete eine Prise des weißen Pulvers auf den hingestreckten Handrücken. Und der Beglückte hob die Hand zur Nase, schnupperte langsam mit geschlossenen oder gierig aufgerissenen Augen die winzige Menge ein.

Brieftaschen flogen heraus, Banknoten raschelten, die Dame schob die Millionen in ihr schwarzes Seidentäschchen, entfernte sich, nachdem sie den Kronleuchter abgeknipst hatte. In der Ecke des Saales leuchtete nun eine einzige elektrische Lampe diskret hinter grünem Schirm.

Einige der Gäste kuschelten sich in die Ecke ihres Fauteuils, andere streckten sich auf die vorhandenen Diwans aus, wieder andere blieben am Tisch sitzen und vergruben den Schädel in den Armen.

Auch Ralph hatte Kokain geschnupft, nur Doktor Teufelsberger nicht. Der war der Frau des Hauses gefolgt.

Ralph schloß die Augen, döste vor sich hin. Schnell und schneller begann das Blut in seinen Adern zu kreisen. Es wurde ihm seltsam leicht zu Mute, er begann im Halbschlaf zu träumen, daß er Höhen erklomm, Bergluft atmete. Laut lachte er auf. Oder war dies nur in seiner Einbildung geschehen?

Plötzlich sah er Hilde vor sich. Lieb und schön war sie, senkte das blonde Köpfchen, sah ihm halb traurig, halb schelmisch in die Augen.

»Hilde!« schrie Ralph, streckte die Arme nach ihr aus. Sie stand aber nicht mehr vor ihm, Ralph sah nur mehr ein grünliches Licht, rieb sich verwundert die Augen, kam langsam zur Besinnung.

Mit ihm die anderen Kokainschnupfer. Aber es waren nicht mehr die Männer und Frauen von früher. Frische lebendige Menschen reckten und streckten sich, lächelten einander ein wenig verlegen an. Der Rechtsanwalt war der erste, der mit elastischen Schritten den Salon verließ, die anderen folgten innerhalb weniger Minuten. Und die beiden verwelkten Demimondänen waren jung und strahlend geworden, sahen Ralph kokett an, die eine summte eine Melodie vor sich hin, die andere legte frisches Rouge auf, bevor sie ging.

Nur ein älterer Herr mit mächtig gewölbter Stirne blieb noch sitzen und flüsterte dem eben eingetretenen Kokaindoktor zu:

»Bitte, noch eine Prise! Die Wirkung ist fast ganz ausgeblieben!«

Schweigend gingen Ralph und der Doktor durch die Kärntnerstraße, die ohne Beleuchtung mit ihren aus und in die Bars gehenden Menschen und den vielen, lockenden Frauen einen mehr unheimlichen als großstädtischen Eindruck machte. Bis Ralph das Schweigen brach.

»Doktor, die Wirkung dieses Giftes ist wirklich herrlich! Ich begreife, daß es zur Leidenschaft werden kann. Ist es wirklich gesundheitszerstörend?«

»Warten wir ein, zwei Jahre ab. Dann haben wir eine Legion Kokainschnupfer in Wien, die nicht mehr mit einer Prise, kaum mit zwei, drei Dosen zufrieden zu stellen sind. Denen ist dann nicht mehr zu helfen, sie werden, um das Leben ertragen zu können, zur Morphiumspritze greifen müssen, bis sie durch Selbstmord oder im Narrenhaus endigen.«

»Und trotzdem verschaffen Sie ihnen das Gift?«

»Herr, ich habe es Ihnen ja schon gesagt: So oder so, es kommt auf das gleiche hinaus! Und die, die Kokain schnupfen wollen, tun es ja nicht aus Übermut, sondern weil sie ein Leck haben, Wracks sind, denen ohnedies nicht mehr zu helfen ist. Außerdem, ich will leben, gut leben sogar! Da ich nicht zur Clique gehöre, bin ich eben Kokaindoktor geworden.«

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