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Der Kampf um Wien

Hugo Bettauer: Der Kampf um Wien - Kapitel 51
Quellenangabe
typefiction
authorHugo Bettauer
titleDer Kampf um Wien
publisherHannibal Verlag
year1980
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070121
projectid41fe131f
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51. Kapitel

Cliquen

Pepi Lunzer stellte vor:

»Doctor medicinae Teufelsberger – Mister O'Flanagan.«

Und flüsterte Ralph zu:

»Ein total verrücktes Huhn, verpfuschte Existenz, aber ein interessanter Mensch.«

Doktor Teufelsberger war klein, zaundürr, sein kahler Schädel gleich einer Billardkugel, die kurzsichtigen, rotumränderten Augen bewegten sich unaufhörlich, blickten scharf, mißtrauisch die Menschen an. Äußerlich war er unsagbar vernachlässigt, trug zu braunen, ausgefransten Hosen einen speckigen, in den Nähten ergrauten Salonrock, ein Hemd mit weichem Kragen und eine Maschinenkrawatte, die stets aus der Hemdbrust herausrutschte.

Die Vorstellung war in einem Wirtshaus unweit der Volksoper vor sich gegangen und der Arzt sprudelte sofort, lebhaft gestikulierend, heraus:

»Sie sind der Amerikaner, weiß schon – tut nichts, Sie sind doch ein glücklicher Mensch, weil Sie eben Amerikaner sind! Ich Narr, vor zwanzig Jahren hatte ich eine Berufung an das New Yorker Hospital als Internist bekommen – habe abgelehnt, weil – na, weil ich eben ein Esel war. Bin hier geblieben, um Karriere zu machen – bitt' Sie, die Wiener Klinik! Idol aller Narren! Sollte nicht heißen Wiener medizinische Klinik, sondern Cliquenklinik. Sie studieren ja, höre ich, Wien – da sollten Sie sich auch um die Wiener Universität kümmern!«

Und nun begann Doktor Josuah Teufelsberger mit fanatischer Bosheit von der Wiener medizinischen Schule zu erzählen.

»Ich habe als junger Sekundararzt die Frechheit gehabt, ein Werk über die Erkrankungen der Lunge zu schreiben, und das Pech wollte, daß dieses Werk Aufsehen machte, ins Englische übersetzt wurde.

Sofort war die Hölle los. Giftige Angriffe, versteckte Bosheiten. Zunächst wurde in den Fachblättern von den Bonzen erklärt, daß meine Theorien uralt seien. Alles ist in Wien uralt. Wenn heute einer, der nicht zur Clique gehört ein Mittel gegen das Sterben erfinden wird, wird morgen ein Oberbonze mit Emphase erklären, daß dieses Mittel schon im Jahre 1830 von dem Wiener Gelehrten Maulmacher erfunden worden sei. Also: Meine Feststellungen waren natürlich uralt. Und außerdem natürlich falsch. Und nicht etwa direkt, sondern hinten herum, sehr vorsichtig mit Gemeinplätzen verbrämt wurde ich Hochstapler und Charlatan genannt. Bis eines Tages der Bonze und Ordinarius Schmuser mein Buch einfach abschrieb. Nicht im Wortlaut, aber ganz sinngemäß. Ich aber wurde geschnitten, bei Seite geschoben, wenn ich den Hut zog, erwiderte man durch Berühren der Krempe.

Immerhin, ich hätte mich nur einer der drei oder vier kompakten Cliquen anschließen müssen und wäre ein gemachter Mann gewesen. Professor X hatte eine bucklige Tochter, die absolut unanbringbar war. Eines Tages, kurz nachdem mein Buch erschienen war, klopfte er mir auf die Schulter und lud mich zu sich ein. Es war grauenhaft. Unaufhörlich wurden die häuslichen und seelischen Tugenden der Tochter gepriesen, ein Loblied über den Segen des Familienlebens gesungen und abends wurde ich zwei Stunden mit dem Mädchen allein gelassen. Hätte ich zugegriffen, den Krüppel geheiratet, so wäre ich heute Professor, Autorität und bekäme für jede mißlungene Behandlung ein paar Millionen als Honorar. Aber ich griff nicht zu und blieb Sekundararzt, bis mir die Geduld riß und ich fortlief.«

Ralph machte Einwände.

»Für mich als Amerikaner gilt die Wiener medizinische Schule als erste der Welt. Lauter Koriphäen, auf die Wien stolz sein kann. Man sollte doch glauben, daß gerade in Wien der Tüchtige sich Bahn brechen kann.«

Teufelsberger wurde fuchswild und seine Augen schossen hin und her.

»Die Baner kann er sich brechen«, äffte er nach, »aber nicht die Bahn. Früher einmal – ja, da stand Wien unerreicht da. Aber heute? Heute besteht der Nachwuchs aus Schwiegersöhnen, Schwägern, Söhnen und Neffen. Da ist die große Leuchte Florian. Sein Nachfolger ist natürlich der junge Florian. Daß er eine vollständige Null ist schadet weiter nichts. Da haben sie den Faul, der niemand hineinläßt als seine Vetter und Neffen. Der Feuertal, zwar Arier und im Herzen Antisemit, aber dabei betreibt er das, was man im jüdischen Jargon Mischpochitis nennt. Schwager, Neffe, Schwiegersohn sitzen im Fettnäpfchen. Und so weiter, und so weiter. Wehe dem, der nicht zur Clique gehört! Er könnte das Heilmittel gegen den Krebs und die Schwindsucht erfinden und man würde ihm Prügel zwischen die Beine werfen, bis er fällt und sich das Genick bricht. Oder aber ins Ausland geht.«

Ralph wollte dem Gespräch eine andere Wendung geben und fragte, ob Teufelsberger praktischer Arzt geworden sei.

Teufelsberger grinste höhnisch.

»Fällt mir gar nicht ein! Niemals eine freie Stunde haben, von der Frau Müller in der Nacht aus dem Bett geholt werden, weil der Sprößling zu viel Zwetschken gegessen hat! Sich mit den Krankenkassenpatienten schinden, denen man nie etwas recht machen kann, die einen hassen und verdächtigen! Und dabei ein Hungerdasein führen, nein, mein lieber Amerikaner, es gibt glücklicherweise anderes. Ja, freilich, wenn man zu den Bonzen gehört, dann trägt auch die Praxis eine Villa und ein Automobil und sonst noch was. Oder man ist ein tüchtiger Kaufmann, betätigt sich als Schlepper für ein Sanatorium, hat seine Leute, die die Patienten auf dem Bahnhof und in den Hotels abfangen.«

Und nun schwirrte es nur so von Namen und unsauberen Gesichtern und Indiskretionen aus den Sprechzimmern anerkannter Ärzte.

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