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Der Kampf um Wien

Hugo Bettauer: Der Kampf um Wien - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorHugo Bettauer
titleDer Kampf um Wien
publisherHannibal Verlag
year1980
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070121
projectid41fe131f
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5. Kapitel

Das Mädchen in der Elektrischen.

Ralph verließ den Graben, ging aufs Geratewohl durch die Bognergasse über Hof und Freyung und zollte den Bankpalästen seine Bewunderung. Diese stieg, als ihm ein Passant auf seine Frage mitteilte, daß das Neugebäude der Kreditanstalt erst vor einem Jahr fertig geworden sei. Also hatte man in Not und Verarmung, trotz Teuerung und rasender Geldentwertung doch Mittel und Wege gefunden, um einen stolzen, kostbaren Bau zu errichten, einen Bau, der jenem Kapitalismus dient, dessen Ende nach dem Umsturz bevorzustehen schien.

Am Schottentor stand der Amerikaner fast hilflos einem Durcheinander von Wagen gegenüber. Er, der eben aus New York kam, wagte kaum, den Platz zu queren. Von links und rechts, von vorne und rückwärts kamen Straßenbahnwagen, Autos und Schwerfuhrwerke, und vergebens sah sich Ralph nach dem amerikanischen Policeman um, der drüben bei tausendfach dichtem Verkehr durch einen Wink mit der Hand Ordnung zu machen versteht.

Immerhin, es scheint auch so zu gehen, dachte O'Flanagan, aber schon ging es nicht mehr. Zwischen zwei Straßenbahnzüge kam ein Pferdewagen, und die drei bildeten einen Knäuel, einen Wirrwarr, der von Tobsuchtsanfällen begleitet wurde, an denen sich vier Schaffner, zwei Motormänner, ein Kutscher und etwa dreißig Passagiere und Passanten beteiligten.

Belustigt sah Ralph dem erheiternden Schauspiel zu. Plötzlich kreuzte sich sein Blick mit dem eines Mädchens, das in einem der Straßenbahnwagen saß. Ralph zuckte zusammen, fühlte, wie ihm das Blut in die Wangen schoß. Lieblicheres hatte er noch nie gesehen. Ein schlankes Ding mit dunkelblonden Haaren, deren Fülle der kleine Lederhut kaum bergen konnte. Große, schiefergraue Augen, von fast schwarzen Wimpern umrandet, sahen ihn, der fasziniert hinstarrte, fragend an, wandten sich rauh wieder ab und ein rosiger Hauch überzog das ovale, feine Gesicht.

In diesem Augenblick löste sich der Knäuel, der Kutscher hieb fluchend auf seine Pferde ein, die Motormänner kurbelten an und fuhren weiter.

Ralph zögerte, kam zu spät zum Entschluß, den Wagen, in dem das Mädchen saß, zu besteigen. Schon hatte ein Postelektromobil ihm den Weg versperrt, und in voller Fahrt sauste die Elektrische die Währingerstraße entlang.

Ralph war es aber, als würde durch die Scheiben hindurch ihn noch ein Blick aus den traumhaft schönen Augen treffen. Rasch wandte er sich an einen Schutzmann mit der Frage, wohin der eben entschwundene Wagen fahre. Und schrieb die Antwort »Nach Währing in die Kreuzgasse« in sein Notizbuch.

In der Zwischenzeit hatte man sich im Hotel Imperial mit der Person des neuangekommenen Amerikaners befaßt und es war ein seltsames Interview zustandegekommen.

Der kleine Doktor Züngel, Spezialreferent der »Presse« für englische und amerikanische Angelegenheiten, hatte wieder einmal seine Runde durch die Ringhotels gemacht, um nach interessanten Persönlichkeiten zu fahnden. Erst im Hotel Imperial kam Doktor Züngel auf seine Rechnung. »Ralph O'Flanagan, mit Diener«, das klang schon nach etwas. Nun ist der irische Name O'Flanagan drüben nicht selten und der Journalist ließ sich zur genaueren Information das Original des Meldescheines geben. Als er das Wort »Präsident der American Wood and Forest Trust Company« las, blitzten seine Äuglein und eine graue Strähne hob sich vom sonst kahlen Schädel, ein Zeichen höchster Erregung. »Himmel!« schrie er, »das ist ja der Millionär O'Flanagan, was sag ich, der Milliardär, der neueste Dollarkrösus!« Und er erinnerte sich, vor Monaten, nachdem der alte O'Flanagan gestorben war, seitenlange Artikel mit Bildern in den amerikanischen Zeitungen gesehen zu haben, ja, er hatte aus ihnen sogar einen kleinen Artikel für die »Presse« unter der Überschrift »Der reichste Mann der Welt« exzerpiert, worauf neunhundert Wohlfahrtsaktionen und zehntausend private Schnorrer von der »Presse« die genaue Adresse des Krösus verlangt hatten.

»Wo ist er? Kann ich ihn sprechen?« schrie Dr. Züngel dem Portier zu.

»Ist weggegangen, aber da draußen steht sein Diener, vielleicht kann der Ihnen sagen, wann Mister O'Flanagan zurückkommt.«

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