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Der Kampf um Wien

Hugo Bettauer: Der Kampf um Wien - Kapitel 49
Quellenangabe
typefiction
authorHugo Bettauer
titleDer Kampf um Wien
publisherHannibal Verlag
year1980
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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49. Kapitel

Ein Ausflug.

Einige Tage später wurde Ralph um Mitternacht, als er nach Hause kam, von Frau Lunzer mitgeteilt, daß ein Herr Underwood schon mehrfach stürmisch per Telephon nach ihm gefragt habe. Er stellte die Verbindung her und Herr Underwood bat ihn, sich sofort zu ihnen zu begeben, da Schreckliches geschehen sei. Glücklicherweise fand Ralph beim Währinger Rathaus noch ein Autotaxi und so war er in wenigen Minuten im Hotel Bristol, wo er Frau Underwood weinend, so daß die Tränen Furchen in die Schminke gebissen hatten, Herrn Unterwood aber im Stadium der Tobsucht vorfand.

»Das verdammte Mädel ist durchgebrannt!« brüllte Mister John ihm entgegen. »Hatte zuerst gedacht mit Dir, aber dann überlegt, daß ja das Blödsinn wäre, da sie ja dich ohneweiters haben könnte!«

Mama Underwood schluchzte: »Oh, diese Schande! Oh, wären wir nie nach dieser gottlosen Stadt gekommen«, und es dauerte einige Zeit, bevor Ralph alles erfuhr.

Charmion hatte nach dem Souper, das die Underwoods nach amerikanischer Sitte schon um sechs Uhr nahmen, erklärt, sie habe Kopfschmerz und wolle daher nicht mit zur neuen Operette »Die gelbe Jacke« von Lehar gehen. Der Zofe sagte sie später, sie brauche sie nicht, sie möge ruhig ein Kino besuchen, und so war sie ganz allein im Hotel zurückgeblieben. Als nun die Underwoods nach Hause kamen, fanden sie Charmion nicht vor. Kästen und Schränke in ihrem Zimmer waren offen, es fehlte einiges Handgepäck, dafür lag aber auf dem Tisch ein Zettel mit den Worten:

»Ich habe mit einem guten Freund einen kleinen Ausflug gemacht und werde in einigen Tagen wieder zurück sein. Erzählt womöglich Ralph nichts davon. Eure Charmion.«

»Himmel«, schrie Herr Underwood, »wenn das drüben wäre, so würde ich mir weiter keine Gedanken machen. Das Mädel kann tun, was es will, und wenn es mit seinem Flirt nach den Adirondacks oder den Catskills eskapiert, so ist das seine eigene Angelegenheit. Aber in diesem wüsten Wien, wo die Weiber hinter den Männern und die Männer hinter den Weibern wie toll her sind, ist das etwas ganz anderes! Und wer weiß, vielleicht ist das Mädel verrückt geworden und heiratet so einen verdammten Österreicher, der Geld braucht und den ich dann aushalten kann.«

Ralph blieb ruhig.

»Seid ganz unbesorgt, Charmion ist nicht das Weib, um einen ausgesprochenen Unsinn zu begehen. Sie hat geschrieben, daß sie zurückkommen wird, also wird sie es auch tun. Und das mit dem Heiraten hat keine Gefahr. Hier geht das nicht so rasch wie drüben, man braucht ein Aufgebot und alle möglichen Dokumente, es würde ein paar Wochen dauern, bevor sie getraut werden könnte. Übrigens bleibt euch auch gar nichts übrig, als warten. Ober wollt ihr die Polizei alarmieren und einen Skandal herbeiführen? Die Polizei würde auch nichts tun können, denn Charmion ist 22 Jahre alt, also Herrin ihres Willens. Nur daß die Zeitungen davon Wind bekämen und übermorgen in ganz New York bekannt wäre, daß Miß Charmion Underwood, Tochter des bekannten Mister John Underwood, auf mysteriöse Weise verschwunden sei. Die »World« wäre imstande einen Spezialberichterstatter herüberzuschicken, damit er nach pikanten Details forsche.«

Die Underwoods sahen ein, daß Ralph recht habe und blieben in düsterer Stimmung zurück, während Ralph beschloß, noch in dieser Nacht zu erfahren, mit wem Charmion ihren »Ausflug« unternommen.

Es war ein Uhr morgens, um diese Zeit würde er sicher den lange, stets vergnügten Schömla vom Burgtheater in der Reiß-Bar treffen und der müßte ja wissen, ob Senker einen Urlaub angetreten hatte.

Richtig saß Schömla im Kreis von etwa zwanzig Damen und Herren an einem Tisch, an dem für kaum sechs Platz war. Ralph wurde lebhaft und mit Neugierde, die von Schadenfreude nicht ganz frei war, von der Runde begrüßt. Es war das erstemal seit seiner »Verarmung«, daß er sich hier blicken ließ, und wenn ihn auch alle ganz gut leiden konnten – das Bewußtsein, daß einer über Nacht von dem reichsten Mann der Welt zu einem kaum noch mäßig wohlhabenden geworden sei, ist prickelnd genug, um im Untergrund einiges Behagen zu erzeugen.

Ralph, der sonst Champagner zu bestellen pflegte, trank, um nicht aus der Rolle zu fallen, bescheiden einen Mokka und fragte so ganz nebenbei den Schömla:

»Möchte bei euch wieder einmal den Senker sehen. Spielt er morgen?«

»Jawohl, hat heute gespielt und spielt morgen wieder.«

»So, dann ist er also nicht mit nach Holland gefahren, wie einige aus dem Ensemble?«

»Keine Spur! Übrigens habe ich heute mit ihm im Kurhauskeller zu Abend gegessen!«

Ralph wußte nun, daß Senker nicht in Betracht kam, und entfernte sich eilig.

In der Femina-Bar herrschte noch voller Betrieb, da sie gerade heute Erlaubnis hatte, bis drei Uhr offen zu halten. Ralph drückte dem Oberkellner eine Banknote in die Hand und erkundigte sich nach dem Tanzpaar Manescu.

»Oh, da hat der Herr Pech! Der Gauner ist heute überhaupt nicht gekommen, so daß die Nummer entfallen mußte. Seine Frau heult und tobt und behauptet, daß er mit einer Dame, die vor einigen Tagen hier war und englisch sprach, durchgebrannt sei. Das arme Frauenzimmer tut mir leid. Sie steht ganz ohne Geld da, weil der Haderlump nichts als Schulden gemacht hat, und statt jetzt nach dem Geschäft zu schauen und sich einen Freund zu suchen, weint sie sich die Augen aus dem Kopf. Sie sitzt drin im Saal in einem Winkel.«

Ralph war bestürzt. Also konnte Charmion mit diesem hergelaufenen Rumänen, wenn er nicht ein Zigeuner war, auf- und davongehen, nur weil ihre Sinne von dem exotischen Zauber des hübschen Kerls entzündet worden waren! Und da wagte man es, über arme Frauen und Mädchen den Stab zu brechen, die sich aus Not, aus Sehnsucht nach einem hübschen Kleid verkauften!

Seine Gedanken flogen zu Hilde. War die Grundverschiedenheit dieses Mädchens von allen anderen, die er kennen gelernt, nicht der beste Beweis gegen die Möglichkeit eines kommunistischen Reiches? Konnten jemals Zustände geschaffen werden, die einer Hilde, einer Frau Günzel, Charmion und Lolotte gleich angepaßt wären? Oder ihm und diesem rumänischen Tänzer, den geistig überragenden Kriegel und Korn und dem Laszlo Bartos?

Ralph ging in den leeren Theatersaal und fand dort wirklich die kleine Pepita Manescu in Jammer und Verzweiflung aufgelöst.

»Ihr Mann wird ganz sicher bald zu Ihnen zurückkommen«, sagte er tröstend, »ich glaube zu wissen, mit wem er davon ist. Diese Frau ist voll Launen und wird seiner nach wenigen Tagen überdrüssig werden. Schon die schwere Verständigungsmöglichkeit wird das Ihrige tun. Denn diese Dame spricht außer englisch nur sehr mangelhaft französisch und Ihr Gatte doch wahrscheinlich außer rumänisch nur französisch.«

Pepita nickte und zischte wütend!

»Wenn ich sie irgendwo finde, so gieß' ich ihr etwas ins Gesicht, daß sie nie mehr in die Lage kommt, Männer zu verführen!«

»Das werden Sie schön bleiben lassen, sondern lieber Ihren Pietro neuerdings an sich fesseln.« Pepita begann wieder heftig zu weinen, und Ralph erfuhr, daß sie mit dem hübschen Jüngling gar nicht verheiratet sei. Es war die Geschichte eines blutjungen Mädchens aus guter Bukarester Familie, das verführt, ausgenützt, geprügelt wurde und in steter Angst lebte, ganz verlassen zu werden. Ihre Eltern wollten von ihr nichts mehr wissen, als Tänzerin war sie ganz an die Eigenart Pietros gebunden und wenn er sie verließ, bliebe ihr nichts übrig als die Straße. Und dabei hing sie mit allen Fasern ihres Herzens an dem Lumpen, erklärte, sterben zu müssen, wenn er nicht zu ihr zurückkäme!

Ralph verließ sie erst, als das Lokal geschlossen wurde, nachdem er ihr diskret den ganzen Inhalt seiner Brieftasche zugesteckt.

Die Nacht war fast frühlingsmild, die Sterne funkelten sanft und matt, Ralph sah zum Himmel empor und gewann die Überzeugung, daß der liebe Herrgott das Leben und die Menschen doch recht kompliziert ausgestattet habe.

Seine Voraussage aber traf zu. Drei Tage später kehrte Charmion seelenruhig, als wäre nichts geschehen, zurück. Jede Frage der Eltern wies sie scharf ab:

»Ich kann tun, was ich will, ihr habt kein Recht, mir zu verbieten, daß ich mir mein Leben nach meinem Geschmack einrichte. Und ihr könnt unbesorgt sein – ich weiß mich schon zu schützen!«

Als Papa Underwood sich mit dieser Erklärung nicht zufrieden geben wollte und unangenehm wurde, blinzelte ihn Charmion an und fragte so leise, daß die Mama es nicht hören konnte:

»Sag' mal, Papa, in welcher Sprache unterhältst du dich eigentlich mit dem hübschen kleinen Mädchen mit den kurzgeschorenen Haaren, das du damals in der Femina kennen gelernt hast?«

Worauf Herr Underwood erblaßte, dann rot wurde und keinen Ton mehr von sich gab.

Ralph allerdings ließ sich nicht so leicht abspeisen. Als er mit Charmion allein war, teilte er ihr leichthin mit, daß er alles genau wisse, worauf sie, die in ihm doch nur mehr den brüderlichen Freund sah, ihm von ihren Erlebnissen erzählte.

»Weißt du, Ralph, du als Mann kannst das nicht so verstehen! Wir Amerikanerinnen, die wir in der wohltemperierten amerikanischen Atmosphäre aufgewachsen sind, in der wir Frauen die Herren und ihr Männer die Sklaven seid, geraten in Europa leicht außer Rand und Band. Und was schadet es auch? Der fischblütige Fadian, den ich einmal drüben heiraten werde, kann froh sein, wenn er mich so bekommt, wie ich bin. Drüben werde ich immer die hochachtbare Mrs. Soundso sein, und ausleben werde ich mich immer in Europa! Weißt du, darin liegt die Rache, die wir Amerikanerinnen dafür nehmen, daß unsere Männer zu viel Hochachtung vor uns haben!

Aber ich will ja beichten. Also, der Senker war mein erster Hineinfall. Und dann kam Pietro mit dem dunklen Teint und den großen traurigen Augen. Hier wollte ich mir nichts anfangen mit ihm, weil ich keine Lust hatte, mir von seiner Pepita die Augen auskratzen zu lassen und dann überhaupt, weil man dazu doch ganz aus seinem Milieu heraus muß.

Also sind wir auf den Semmering gefahren und haben uns Zimmer im Kurhaus genommen. Jeder für sich natürlich, so daß niemand von den Gästen Genaues wissen konnte.«

Charmion schwieg plötzlich und eine leichte Röte stieg in ihr Gesicht.

»Nun«, drängte Ralph.

»Ja, also, es war ja den ersten Tag sehr hübsch. Am zweiten nicht mehr ganz so. Abends erklärte er dann, kein Geld zu haben, so daß ich ihm aushelfen mußte. Und am dritten Tag wollte er wieder Geld, viel Geld und außerdem vermißte ich plötzlich den Ring mit dem Diamanten – du kennst ihn ja. Na ich fand ihn in der Westentasche Pietros und das weitere war gar nicht mehr hübsch. Stell dir nur vor, ich habe meinen schönen neuen Schirm an seinem Kopf in zwei Stücke gebrochen. Der arme Teufel hat sich vom Apotheker verbinden lassen müssen und wird sicher ein paar Tage nicht auftreten können.«

Ralph wollte sich eben über die maßlose Frivolität Charmions entsetzen, als bei ihr plötzlich ein Umschwung eintrat. Sie schlug die Hände vor das Gesicht, schluchzte, sprang dann auf, stellte sich zum Fenster, den Rücken Ralph zugewandt und sagte gequält:

»Das alles ist so häßlich und schmutzig, ich weiß es! Und ich komm mir unsauber wie ein Tier vor. Du bist schuld daran, Ralph! Mit dir wäre ich brav und gut geworden. Aber du magst mich nicht und so ist mir alles gleichgültig! Was wißt ihr Männer von uns Frauen überhaupt!«

Ralph war betroffen und betrübt. Wieder hatte er, ohne es zu wollen, jemand weh getan, wieder in das Schicksal eines Weibes eingegriffen! Die da liebte ihn und er wollte sie nicht, Hilde aber, der er ganz sein Herz gegeben, hatte sich von ihm abgekehrt, weil ihre Liebe nicht groß genug war, um kleinlichen Stolz, erkünstelte Bedenken zu übertauchen!

Den drei Underwoods war der Aufenthalt in Wien verleidet. Jedem aus anderen Gründen. Und da außerdem genug Bilder angekauft worden waren, um die Marmorgalerie in New York von oben bis unten anzufüllen, so stand der Heimreise nichts mehr im Wege.

Charmion war sehr blaß, als sie Ralph zum Abschied küßte, und unter Tränen lächelnd sagte sie:

»Ich werde nun drüben recht bald heiraten und keinerlei Skandalaffären haben, das verspreche ich dir. Und noch etwas will ich dir sagen, Ralph: Vielleicht, daß deine Hilde doch die richtige Frau für dich wäre! Ich glaube, du brauchst so eine, auf die sich der Mann bis zum Tod verlassen kann!«

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