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Der Kampf um Wien

Hugo Bettauer: Der Kampf um Wien - Kapitel 45
Quellenangabe
typefiction
authorHugo Bettauer
titleDer Kampf um Wien
publisherHannibal Verlag
year1980
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070121
projectid41fe131f
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45. Kapitel

»Möblierte Wohnung gesucht.«

Am nächsten Tag begab sich Ralph an der Hand von Adressen, die er von einem Wohnungsbureau erhalten hatte, auf die Suche nach möblierten Zimmern. Und bekam einen Begriff von Wiener Wohnungsnot und Rückständigkeit. Entsetzt sah er, daß die meisten Wiener Wohnungen kein Badezimmer besaßen. Fand keine Entschuldigung dafür, denn die Häuser waren ja alle vor dem Krieg erbaut worden. Wie war es möglich, daß die Gesetzgebung, die Gemeinde hier nie einen Zwang ausgeübt hatte? Und überhaupt: Wie furchtbar waren alle diese Miethäuser gebaut, wie finster, dumpf und unfreundlich fast alle Räume!

Der Amerikaner lernte das Wiener Elend an seiner Quelle kennen. Witwen nach hohen Offizieren oder Beamten waren bereit, mit ihren Kindern in einer dunklen Kammer zu hausen, um durch das Vermieten ihrer Zimmer dem Hunger zu entgehen, überall grinste ihm das Gespenst der Verelendung entgegen, zerrissene Teppiche persischen Ursprungs, köstliche Möbel aus der Biedermeierzeit, aber fehlende Stuhlbeine, seidene Tapeten, die sich von den Wänden losgelöst hatten, ungeheizte Säle, zusammengebrochene Öfen, Klingeln, die nicht funktionierten, zerbrochene Fensterscheiben. Und Unmoral, Verkommenheit, Bruch mit allen überlieferten Begriffen.

In der Florianigasse hatte eine junge Frau, die Witwe nach einem gefallenen Fliegeroffizier, zwei Zimmer zu vermieten. Sie sprach englisch und französisch, war, wie sie betonte, im Sacré Coeur erzogen und bot zugleich mit ihren Zimmern in unzweideutiger Weise sich selbst dem jungen eleganten Amerikaner an.

In der Schönburggasse auf der Wieden besichtigte Ralph möblierte Zimmer. Ihr Besitzer lag gelähmt in einem Rollstuhl, die Frau flüsterte, da sie sah, daß Ralph die Wohnung nicht gefiel:

»Ich bitte, mein Herr, wenn ich nicht gleich jetzt Geld auf die Hand bekomme, sind wir verloren! Wir haben keine Kohle, kein Stückchen Brot im Haus, ich weiß nicht, wie ich den schon seit Monatsersten fälligen Zins bezahlen soll.«

In diesem Augenblick kam die einzige Tochter, ein blasses, aber hübsches Mädchen von etwa sechzehn Jahren, aus der Handelsschule nach Hause. Und mit einem vielsagenden Blick fuhr die Frau fort:

»Mieten Sie die Zimmer – meine Tochter wird Ihnen, wann Sie wollen, Gesellschaft leisten –«

Ralph floh, ließ aber einen Betrag zurück, der dem dreifachen Monatszins entsprach.

In welches Haus Ralph auch kam – überall erfüllte ihn der Geruch nach schlechtem Fett, Armut, Unsauberkeit, überall sah er Not und Kummer in den Winkeln hocken. Und er hatte das Empfinden, aus einer fröhlichen Stadt, in der es von gut gekleideten, satten Menschen wimmelte, in eine andere gekommen zu sein, in der die Bevölkerung mit Aufgebot der letzten Kraft gegen das Sterben ankämpfte. Er betrat ein palaisähnliches Gebäude. Aber die steinernen Stufen waren zum Teil zerbrochen, der Lift ging nicht, in den stockfinsteren Korridoren konnte er die angegebene Türnummer lange nicht finden. Und die Frau, die ihm entgegentrat, eine imposante Erscheinung, die einst eine reiche Frau gewesen war, wies ihn ab, da sie ihre Zimmer nur als Absteigequartier für Nachmittage vermieten wollte. Als sie die Verwunderung des Amerikaners merkte, erklärte sie entschuldigend:

»Was dann in den Zimmern geschieht, kümmert mich nicht. Und ich muß wenigstens nicht Dienstbotenarbeit für fremde Leute leisten.«

Ließ sich Ralph auf längere Gespräche mit den Vermietern ein, so stieß er immer auf einen fanatischen Haß gegen die Republik, die an allem die Schuld habe? Und immer hieß es in allen Tonarten:

»Ja früher, als noch die Monarchie war, da war es anders, da hatten wir nicht notwendig, Zimmer zu vermieten, da ging es allen Menschen gut.«

Tiefes Mitleid erfaßte ihn mit diesen Unglücklichen, die nicht einsehen wollten, daß der Krieg der Monarchen die Ursache ihres Leidens war und nicht die mit furchtbarer Erbschaft beladene Republik.

Am späten Nachmittag fand Ralph endlich, was er suchte. In der Weimarerstraße, wenige Häuser von der Währingerstraße entfernt, waren bei einer älteren Dame, der Witwe nach einem Arzt, zwei saubere, geschmackvoll möblierte Zimmer mit Badezimmer zu vermieten. Frau Doktor Lunzer, die mit ihrem Sohn eine Vierzimmerwohnung hatte, vermietete weniger des Erwerbs halber, als um einer etwaigen Anforderung durch das Mietamt zu entgehen. Ralph fand den Monatszins lächerlich gering und konnte noch am selben Abend mit Hilfe Sams seine Übersiedlung aus dem Hotel vornehmen.

Eine neue Epoche begann für ihn. Er war nun nicht mehr ein »Distinguished Foreigner«, sondern einer der vielen, die in Wien ansässig sind und in der Zweimillionenstadt untertauchen können, ohne daß die Öffentlichkeit sich mit ihnen beschäftigt.

Nur daß er ein seltsames Doppelleben führte. Denn aus seinen möblierten Zimmern in Währing führte ihn sein Weg ebenso oft zu Charmion in die hellerleuchtete Stadt der Reichen, wie hinaus nach Hernais und Ottakring, dorthin, wo die Menschen den schweren Kampf um das tägliche Brot führen.

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