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Der Kampf um Wien

Hugo Bettauer: Der Kampf um Wien - Kapitel 44
Quellenangabe
typefiction
authorHugo Bettauer
titleDer Kampf um Wien
publisherHannibal Verlag
year1980
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070121
projectid41fe131f
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44. Kapitel

Das andere Gesicht.

Die Tage und Ereignisse, die nun kamen, verliehen Ralph Heiterkeit, innere Freiheit und jene Menschenverachtung, die man braucht, wenn man das Leben meistern will. In den Morgenblättern war der Artikel von seiner Verarmung erschienen, und im selben Augenblick hatten die Goldanbeter sich auf die neue Situation eingestellt.

Er wollte sich im Hotelbureau nach den Möglichkeiten erkundigen, eine möblierte Wohnung zu bekommen, aber die Beamten sprangen ihm nicht wie sonst devot entgegen. Er mußte warten, bis sie ihre Obliegenheiten erledigt hatten, und als er ungeduldig wurde, rief ihm ein geschniegelter Herr gereizt zu:

»Der Herr muß sich gedulden, der Herr sieht ja, daß ich beschäftigt bin.«

Und dann endlich, als Ralph seine Frage hatte vorbringen können, bekam er eine Antwort, die niederschmetternd hätte sein sollen:

»Ja, das wird nicht so einfach sein, Herr O'Flanagan! Möblierte Wohnungen sind jetzt sehr teuer in Wien! Am besten, Sie annoncieren nach einem Kabinett!«

Mit dem eigenartigen, humorigen Gefühl, als armer Teufel zu gelten und genug Geld zu haben, um sämtliche Ringstraßenhäuser kaufen zu können, begab sich Ralph, da seine Automobile tatsächlich schon in einer Verkaufshalle standen, zu Fuß nach dem Palast der Bankgesellschaft. Er mußte schließlich doch dem Generaldirektor seinen Besuch machen und sich wegen der vielen Mühe, die dieser, wenn auch nicht in selbstloser Absicht, mit ihm gehabt, entschuldigen.

Diesmal flogen aber nicht die Türen vor ihm auf, sondern er mußte mit zwanzig anderen Besuchern eine Stunde warten. Und dann empfing ihn der Generaldirektor stehend, forderte ihn nicht auf, Platz zu nehmen, sondern sagte mit ersichtlich erzwungener Freundlichkeit:

»Ich habe von Ihrem Mißgeschick gelesen! Tut mir aufrichtig leid. Nur für Sie allerdings, denn ich muß gestehen, daß mir diese ganze Hilfsaktion, wie Sie sie geplant haben, schon sozusagen aus dem Hals herausgewachsen ist! Schließlich – dieses Land ist ja kein krankes Pferd, dem man so einfach mittels einer Roßkur beispringen kann. Sie hatten in Ihrem Programm eines vergessen, lieber Herr O'Flanagan: Daß wir ein altes Kulturvolk sind, auf dessen Eigenart viel Rücksicht genommen werden muß. Nun, Ihnen kann es ja nicht fehlen, wenn Sie erst wieder drüben sind, so wird sich schon was für Sie finden!«

Ralph schnitt, um nicht herauszuplatzen, ein besonders ernstes Gesicht.

»Herr Generaldirektor, Sie dürfen unbesorgt sein, ich kann in New York bei einem befreundeten Hotelier sofort eine Stelle als Kellner bekommen. Und immerhin hat mir mein Wiener Aufenthalt eine wertvolle Kenntnis gebracht: Nämlich die Erkenntnis, daß die Wiener Bankdirektoren ein altes Kulturvolk bilden!«

Auf der Straße schenkte Ralph einem Mütterchen, das mühselig hinter einem Kohlenwagen einherhumpelte, um etwa herunterfallende Stückchen des kostbaren Brennmaterials aufzuklauben und in ihre Tasche zu tun, einen Hunderttausendkronenschein, worauf er davon lief, um sich dem Dank zu entziehen. Plötzlich fiel es ihm ein, er war ja zum Bundeskanzler gebeten worden, der sich eigens für ihn die Mittagsstunde freihielt.

Er eilte rasch nach dem Kanzlerpalais und erlebte es nun zum erstenmal in seinem Leben, daß er irgendwo nicht vorgelassen wurde. Man ließ ihn einige Zeit warten, dann kam der Präsidialist einigermaßen verlegen und stammelte:

»Der Herr Bundeskanzler läßt sich entschuldigen, er ist mit dringenden Geschäften derart überhäuft, daß er heute und in den nächsten Tagen keine Minute frei hat. Vielleicht, daß Herr O'Flanagan Ihre Anliegen künftighin mir mitteilen wollen.«

Auf dem Graben begegnete Ralph der niedlichen Frau Günzel, die eben das kostbare Schmuckstück trug, das sie von ihm bekommen hatte. Diesmal zischte sie ihm nicht einmal eine Bosheit zu. Sie übersah einfach seinen Gruß, wandte den Kopf ab, ohne aber ein höhnisches Lächeln zu verbergen.

Worauf die gute Laune des Amerikaners ins Ungemessene stieg.

Am selben Tag aber erlebte Ralph noch Dinge, die seine Menschenverachtung zum Teil paralysierten.

Sam kam ihm im Hotel grinsend und aufgeregt entgegen.

»Master, großes Glück ist geschehen! Ich sein geworden Chauffeur bei reichen Herrn, der was komisches Namen Zwiebelbauch hat. Ich bekomme zwei Millionen monatlich und viele Trinkgelder. Von alles, was ich bekommen, werde ich Master die Hälfte geben, damit Master keine Sorgen hat.«

Gerührt klopfte Ralph dem schwarzen Burschen auf die Schulter!

»Ich danke dir, Sam, aber so arg ist es gar nicht! Ich habe noch immer genug, um gut leben zu können. Nimm nur die Stellung an, aber ich hoffe, daß du bald wieder bei mir sein wirst!«

Es klopfte und hereingestürmt kam Korn. Streckte Ralph beide Hände entgegen, machte »Hupp«, riß sich seine Stirnlocke fast aus und schrie: »O'Flanagan, es tut mir zwar herzlich leid, daß ich bei Ihnen nicht mehr werde essen und den herrlichen Whisky trinken können! Sie sind jetzt ein Schnorrer wie ich, nur ein Schnorrer in Dollars! Aber wenn Sie wirklich in Verlegenheit sein sollten, so stehe ich Ihnen zur Verfügung. Für Sie bleibe ich, wenn es sein muß, in ganz Wien Geld schuldig!«

Ralph lachte vergnügt.

»Korn, vorläufig geht es mir noch ganz gut, auch wenn ich kein Krösus bin, und wir werden das Begräbnis meines Vermögens feierlich mit Kriegel bei Sacher in Gestalt eines Leichenschmauses feiern.«

Nachmittags aber, Ralph war mit dem Einpacken beschäftigt, da er morgen unbedingt übersiedeln wollte, geschah ganz Unerwartetes: Lolotte erschien bei ihm! Sie war nicht so bizarr gekleidet wie sonst, nicht so grell geschminkt, trug kein Monokel, hatte die kleine Pfeife nicht im Mund, war einfach eine junge, schöne, überschlanke Dame.

Betreten führte sie Ralph in den Salon, bat sie, Platz zu nehmen.

Lolotte blieb stehen, sagte leise:

»Nein, Ralph, ich bin ja nur gekommen, weil ich denke, daß viele von denen, die bisher um Ihre Gunst geworben, Ihnen abtrünnig geworden sind. Und ich Ihnen sagen will, daß ich Sie heute erst recht lieb habe! Ich habe mit Ihnen ein schlechtes Spiel getrieben, weil ich ein willenloses Werkzeug dieses Schurken war. Ich habe Sie vom ersten Augenblick an geliebt und mich Ihnen versagt, um Sie desto stärker an mich zu binden. Nun aber, da ich weiß, daß Sie nicht mehr der amerikanische Krösus sind, würde ich mich Ihnen gerne schenken, wenn Sie noch darauf reflektieren – – –«

Ein weiches, warmes Gefühl kam über Ralph. Wie schwer ist es, dachte er, die Menschen zu erkennen, wie sündhaft, sie zu verurteilen! Diese da ist eine Dirne und doch auch eine Heilige, ein verdorbenes Menschenkind und doch noch der edelsten Güte fähig.

Beugte sich über Lolottes Hand, küßte sie und sagte:

»Ich danke Ihnen, Lolotte, von ganzem Herzen, wenn ich das köstliche Geschenk, das Sie mir bieten, auch nicht annehmen kann. Mein Weg wird jetzt ein anderer sein und ich muß ihn allein gehen. Leben Sie ruhig das Ihnen vorgezeichnete Leben voll Luxus und Betäubung, weichen Sie Ihrer Bestimmung nicht aus. Aber verschwenden Sie Ihre Schönheit nicht, geizen Sie mit ihr, dann werden Sie oben bleiben und sicher einmal noch ein stilles bürgerliches Glück finden, für das Sie heute noch nicht reif sind.«

Charmion fand die Idee Ralphs, sich als armer Teufel zu gebärden, köstlich, gab ihm einen Kuß und rief fröhlich:

»Weißt du, wenn du deine eigene Wohnung hast, so kann ich ja immer zu dir kommen: Denke dir nur: Ich habe noch nie einen Herrn besucht, du wirst ganz sicher der erste sein! Aber jetzt erzähl' mir endlich, was du eigentlich alles in dieser komischen Stadt erlebt hast.«

Ralph erfüllte ihren Wunsch, weihte sie in alles ein, erzählte von seiner Liebe zu Hilde, von den furchtbaren Ereignissen, in die das Mädchen durch ihn verstrickt worden war, von seinem Heiratsantrag, ihrer ablehnenden Antwort und Abreise aus Wien.

Das Gesicht Charmions war, während sie interessiert zuhörte, hart und abweisend geworden. Sie kniff die Lippen zusammen und sagte spöttisch:

»Eine sentimentale Gans ist deine Hilde! Ich verabscheue diese deutschen Mädchen, die von Tugend und Edelmut triefen. Sei froh, daß du sie los geworden bist!«

In entscheidenden Momenten versagt bei Frauen oft das Taktgefühl. Die Worte Charmions rissen Ralph weit von ihr fort, machten ihm klar, wie hoch Hilde über allen anderen Frauen stand. Hätte Charmion aber Teilnahme geheuchelt und in gütiger, frauenhafter Weise über Hilde gesprochen, so wäre sie ihrem Ziel näher gekommen.

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