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Der Kampf um Wien

Hugo Bettauer: Der Kampf um Wien - Kapitel 41
Quellenangabe
typefiction
authorHugo Bettauer
titleDer Kampf um Wien
publisherHannibal Verlag
year1980
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070121
projectid41fe131f
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41. Kapitel

Wieder Wöllersdorf.

In den letzten Jännertagen wurde Ralph ein dickleibiger Akt überreicht, der den von dem Wiener Bankenkonsortium im Verein mit der »AEG« verfaßten Sanierungsplan für Wöllersdorf enthielt. Der Amerikaner verbrachte eine ganze Nacht mit dem Studium, lachte dann nervös auf und schlug mit der geballten Faust auf den Tisch.

Was die Herren gemeinsam gebraut hatten, war nichts anderes, als der Plan, mit Hilfe des amerikanischen Geldes ein kühnes, rein kapitalistisches Unternehmen aufzubauen, an dem späterhin die »AEG« und die Banken Milliarden verdienen konnten, während er selbst so gut wie ausgeschaltet war. Die Arbeiter sollten, dem »edlen Sinne des Mister O'Flanagan gemäß«, einen sehr bescheidenen Anteil an dem eventuellen Reingewinn haben, aber ein Reingewinn würde erst nach Anlage großer Reservefonds, Amortisationen und Errichtung neuer Fabriken gebucht werden. Und am Nimmerstag würde schließlich auch Ralph einen Teil, aber nur einen geringen Teil der dreißig Millionen Dollar, die er hergeben solle, wiedersehen. Das alles war natürlich nicht rund herausgesagt, sondern trug ein sozialpolitisches Mäntelchen, war mit Phrasen verbrämt, versteckte sich scheu hinter Ziffern und Tabellen. Aber Ralph hatte von seinem Vater genug kaufmännischen Instinkt geerbt, um zwischen den Zeilen und Ziffern zu lesen und die ungeheure Farce des ganzen Planes zu erkennen.

Am anderen Tage beschied er den Arbeiter Demmer und zwei seiner intelligentesten Kameraden zu sich, und machte ihnen klar, wie man seinen Plan, der lediglich dem Lande und Hundertausenden von Menschen dienen sollte, verfälscht und in sein Gegenteil verwandelt hatte.

Den Arbeitern stieg die Röte der Empörung ins Gesicht und Demmer ballte die Fäuste:

»Das werden wir uns nicht bieten lassen! Wir gehen auf die Straße, wir organisieren einen Demonstrationszug vor das Parlament, wir werden, wenn es nicht anders geht, mit Gewalt Wöllersdorf in unseren Besitz nehmen und zugunsten unserer Kameraden enteignen. Und dann werden wir mit Ihnen, Herr O'Flanagan, durch dick und dünn gehen und tun, was Sie wollen und wozu Sie raten.«

Vor einigen Wochen noch hätte Ralph ohne Zaudern zugestimmt, den Kampf im fremden Lande mit Habgier und verknöchertem Kapitalismus gewagt. Aber nun war er nicht mehr so frisch und begeistert wie damals, fühlte sich müde und von allen den Widerständen und Enttäuschungen angewidert, und so überlegte er denn einen Augenblick, bevor er erwiderte:

»Wir dürfen nicht überstürzen. Vergessen Sie nicht, daß ich ein Fremder bin, der kein Recht hat, Unruhen und Konflikte herbeizuführen. Ich muß annehmen, daß die Regierung schließlich auch nur das Beste will, werde mich also zum Bundeskanzler begeben und ihm die ganze Sache vorlegen. Es muß gesetzliche Mittel geben, die deutschen Herren zu zwingen, ein Werk, das sie selbst nicht führen können oder wollen, anderen, hilfsbereiten Händen zu überlassen.«

Als die Arbeiter enttäuscht und unmutig gegangen waren, fragte sich Ralph, ob er nicht nach und nach beginne, die Rolle eines Don Quichotte zu spielen.

Der nächste Tag sah ihn im Bundeskanzlerpalais. Der Bundeskanzler, der eben mit einem Bettelranzen voll Versprechungen aus London zurückgekommen war, zeigte sich auffallend gut unterrichtet. Kannte genau den Plan des Amerikaners und noch genauer die Pläne des Konsortiums. Wie überhaupt Ralph oft schon Gelegenheit gehabt hatte, die staatsmännischen Fähigkeiten des Kanzlers zu bewundern.

»Herr Bundeskanzler«, sagte Ralph, »die Sache ist doch eigentlich furchtbar einfach. Die größte Industrieanlage Österreichs liegt still, weil die Herren, die sie für einen Pappenstiel gekauft, angesichts einer momentanen ungünstigen Konjunktur nicht in Betrieb erhalten wollen. Ich bin bereit, den deutschen Herren die seinerzeitige Kaufsumme zurückzuerstatten, die vorhandenen Objekte auszubauen, neue zu errichten, eine intensive Produktion unabhängig von jeder Rentabilität herbeizuführen, Milliarden zu opfern, aber nur unter der Voraussetzung, daß sich niemand individuell bereichern kann, sondern das Ganze dem Staat, respektive der arbeitenden Bevölkerung zugute kommt. Auf diese Weise soll die Exportfähigkeit Österreichs bedeutend gesteigert, der Arbeitslosigkeit abgeholfen werden. Ich will ein wahrhaft fürstliches Geschenk machen, stoße aber auf Widerstände, statt mir zu helfen, wirft man mir Prügel vor die Füße, entmutigt mich, riskiert, daß ich meine Pläne aufgebe. Und nun bitte ich Sie um Ihre Intervention.

Der Kanzler faltete die Hände, sein Gesicht wurde ganz Wohlwollen und Güte.

»Ich verstehe Ihren Unmut vollständig und danke Ihnen heute schon namens dieses schwergeprüften Landes. Aber immerhin – wir müssen mit den gegebenen Verhältnissen rechnen, müssen bedenken, daß die derzeitigen Hauptbesitzer von Wöllersdorf in ihren privatrechtlichen Ansprüchen durch die internationalen Gesetze geschützt sind und wir sie nicht zwingen können, etwas, was sie erworben haben, ohne Kompensationen zu verkaufen. Abgesehen davon, existieren aber auch gewichtige politische Momente gegen einzelne Punkte Ihres hochherzigen Programms:

Was Sie wünschen, bedeutet nicht mehr und nicht weniger als die Sozialisierung gewaltiger Unternehmungen.

Ein neuerlicher derartiger Versuch würde bei den weitesten Kreisen der Bevölkerung Widerspruch erregen, besonders bei den Industriellen, die sich dadurch direkt bedroht fühlen müßten, aber auch bei den uns befreundeten und uns wohlwollenden Großmächten, wie Italien und Frankreich, die darin eine neue sozialistisch-kommunistische Ära erblicken würden. Unter solchen Umständen muß ich, der ich den Willen der Mehrheit der Bevölkerung zu respektieren habe, natürlich sehr vorsichtig sein.«

Ralph hatte seine Ruhe wieder gefunden.

»Seltsam, Herr Bundeskanzler, die Viertelmillion arbeitender Menschen, die vor wenigen Tagen über den Ring gezogen sind.«

Die Lippen des Kanzlers verkniffen sich.

»Die systematisch aufgehetzte Straße: Nun ja, die ist rot und gegen jede Regierung der Ordnung und Gerechtigkeit.«

»Ich muß aber sagen, daß ich als Amerikaner die Geduld dieser aufgehetzten Straße bewundere. Bei uns wäre ein solcher Umzug nicht ohne Exzesse vorbeigegangen. Und was Frankreich und Italien betrifft – glauben Herr Bundeskanzler ernstlich, daß diese zwei Länder, ihre Regierungen oder Finanziers, jemals etwas für Österreich tun werden, ohne dabei selbstsüchtige Zwecke zu verfolgen oder ihre Vormundschaft noch weiter zu erstrecken, als dies ohnedies geschehen ist?«

»Ich glaube, daß die Geister in Europa, die auf Ordnung und Gerechtigkeit schauen, alles tun werden, um hier nicht wieder den Terror der Straße groß werden zu lassen.«

»Der Straße, die schließlich nichts will, als leben, arbeiten und sich satt essen« ergänzte Ralph ironisch. »Ceterum censeo – lieber auf meine dreißig Millionen Dollar verzichten, als Industrien schaffen, die nicht dem privaten Kapitalismus, sondern der Allgemeinheit und vor allem denen, die arbeiten, dienen sollen?«

Der Kanzler lachte hellauf und versuchte, dem peinlichen Gespräch eine humoristische Wendung zugeben:

»Oh, Sie irren, wenn Sie glauben, daß wir Sie und Ihre Millionen loslassen werden: Seien Sie überzeugt, wir werden eine mittlere Linie finden, auf der wir gemeinsam marschieren können.«

Ralph hätte am liebsten alles stehen und liegen gelassen, um in der Steiermark nach Hilde zu suchen. Aber die Zärtlichkeit Charmions betäubte ihn, und er stürzte sich mit ihr in den Strudel des Lebens, um nicht zur Besinnung kommen zu müssen.

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