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Der Kampf um Wien

Hugo Bettauer: Der Kampf um Wien - Kapitel 38
Quellenangabe
typefiction
authorHugo Bettauer
titleDer Kampf um Wien
publisherHannibal Verlag
year1980
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070121
projectid41fe131f
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38. Kapitel

Sam tritt in Aktion.

In diesem Augenblick kam Sam in Begleitung eines Herrn.

»Master, dieser Herr will Ihnen sofort sprechen, also habe ich es hergebracht.«

Der Herr bat Ralph um eine Unterredung unter vier Augen und stellte sich, als sie abseits gegangen waren, als Personaladjutant des Polizeipräsidenten vor.

»Der Herr Präsident schickt mich her, damit ich Ihnen die Mitteilung mache, daß durch einen glücklichen Zufall heute schon das ganze Komplott aufgedeckt wurde. Der Mann, der den verbrecherischen Anschlag gegen Fräulein Wehningen ausgeführt hat, ist ein stellenloser Schauspieler namens Georg Haller. Sein Auftraggeber heißt Laszlo Bartos.«

Dem hochaufhorchenden Amerikaner erzählte dann der Beamte kurz und knapp, was sich am Nachmittag im Zusammenhang mit der Beobachtung vor dem Hause in der Annagasse ereignet hatte.

»Der Herr Präsident überläßt es Ihnen, heute noch Fräulein Wehningen von allem Mitteilung zu machen und bittet Sie, ihn morgen zu besuchen, um die weiteren Schritte zu beraten.«

Bartos ist in Ungarn, Haller geflohen, hat sich wahrscheinlich auch dorthin begeben – Hilde Wehningen steht ohne Makel und Fehl da.«

Über O'Flanagan war indessen eiserne Ruhe und Entschlossenheit gekommen. Er fuhr mit Sam nach dem Café Herrenhof, wo er Egon Kriegel fand, verständigte ihn, und gemeinsam fuhren sie dann weiter nach der Gumpendorferstraße zu Georg Haller. Unterwegs machte Ralph vor einem Papiergeschäft halt und ließ von Sam einige Bogen Kanzleipapier kaufen. Während sie dann weiterfuhren, beugte sich Ralph zu Sam, der neben dem Chauffeur saß, und gab ihm Instruktionen, die ersichtlich das höchste Wohlgefallen des Negers erregten, denn er rief begeistert:

»Oh, wird großer Spaß sein, und ich werde alles Lintschi erzählen, daß sie muß platzen vor Lachen.«

Georg Haller war erst vor kurzem von seinem »Schlaferl« erwacht und bereit, sich zum »Papperl« bei der Schöner zu begeben, als es an seine Zimmertür klopfte und drei Männer hereinkamen. Ein schlanker, junger Mann, ein wohlbeleibter mit gutmütigem Kindergesicht und ein baumlanger Neger in Livree.

Ralph trat vor.

»Sie sind Herr Georg Haller, nicht wahr?«

»Jawohl, was wünschen die Herren?«

»Sie sind also der Schuft, der im Auftrage des anderen Schurken Laszlo Bartos einen abscheulichen Anschlag gegen Fräulein Hilde Wehningen verübt hat –«

Haller wurde totenblaß, seine Knie schlotterten und mühsam gurgelte er heraus:

»Herr, was unterstehen Sie sich?«

Worauf Ralph dem Neger ein Wort zuflüsterte.

Sam sprang den Schauspieler an, holte mit der rechten Faust aus, versetzte ihm einen Boxerhieb zwischen die Augen und Haller brüllte auf, stürzte nieder, während ihm das Blut aus Mund und Ohren floß.

Egon Kriegel wollte entsetzt dazwischen springen, aber Ralph hielt ihn mit eisernem Griff zurück.

»Beruhigen Sie sich, dem Lumpen ist nichts weiter geschehen. Ein paar Minuten und er ist wieder verhandlungsfähig.«

Und so war es auch. Sam wischte dem Niedergeboxten mit dem in Wasser getauchten Handtuch das Blut aus dem Gesicht und schon konnte sich Haller erheben. Blöd stierte er vor sich hin, floh in eine Ecke des Zimmers. Ralph zog aus der Tasche das unterwegs gekaufte Papier, legte es auf den Tisch und sagte kalt:

»Sie werden sich jetzt niedersetzen, und alles das ganz genau aufschreiben, was zwischen Ihnen und Bartos, und dann zwischen Ihnen und Fräulein Wehningen vorgegangen ist. Ganz genau und bis ins kleinste Detail. Ich weiß alles, kenne die ganze Wahrheit. Entspricht Ihre Aussage dieser Wahrheit nicht, verschweigen Sie auch nur die geringste Tatsache, so wird der Neger Ihnen zuerst sämtliche Rippen brechen und Sie dann zur Polizei schleppen. Was Ihrer dort harrt, wissen Sie selbst. Haben Sie aber die volle Wahrheit niedergeschrieben, so können Sie heute noch fliehen, entgehen dem Halbtotgeschlagenwerden und dem Gefängnis. Wir beide werden uns nun entfernen, während der Neger hier bleibt. In einer halben Stunde kommen wir wieder und holen das Protokoll.«

Sprach's, nahm Kriegel beim Arm und zog ihn mit sich fort.

Schweigend, jeder in seine Gedanken versunken, gingen die beiden die Gumpendorferstraße entlang, um nach einer halben Stunde wieder das Zimmer Hallers zu betreten. Dieser war eben fertig geworden. Grün-weiß das Gesicht geschwollen, die Augen blutunterlaufen, überreichte er zitternd Ralph den vollgekritzelten Bogen. Ralph las ihn laut vor. Es enthielt tatsächlich ein volles Schuldbekenntnis, erzählte von der Bekanntschaft mit Bartos, wie dieser ihm den Antrag gemacht, Hilde Wehningen zu ruinieren, den Brief aus Ralphs Schreibtisch gestohlen, seine Handschrift gefälscht und so weiter. Das Dokument schloß mit den Worten:

»Dies ist die reine Wahrheit, so wahr mir Gott noch helfen möge.«

Schweigend setzten Ralph, Kriegel und Sam ihre Unterschrift unter die Hallers, wortlos entfernten sie sich.

In sausender Fahrt ging es nun nach der Annagasse. Bartos, der vergeblich auf die vorhin erschienene Dame gewartet, wollte sich eben entfernen, als seine Bedienerin ihm drei Herren meldete. Er sah und erkannte Ralph, Kriegel, den schwarzen Diener und war sofort im Bilde, wußte, daß er ein verlorener Mann war. Ralph zog das Dokument, das Schuldbekenntnis Hallers, hervor, verlas es und sagte mit schneidender Stimme:

»Sie werden unter dieses Dokument schreiben, daß es vollständig den Tatsachen entspricht und hinzufügen, daß Sie beabsichtigt hatten, mir Geld zu entlocken, um einen Anschlag gegen die Existenz dieses Staates durchführen zu können. Es ist jetzt acht Uhr, in drei Stunden und 35 Minuten geht ein Expreßzug nach Budapest. Sie werden mit diesem Zug fahren und nie wieder nach Österreich zurückkehren. Sam bleibt bei Ihnen, bis Sie weggefahren sind. Weigern Sie sich zu unterschreiben, so werden Sie dieses Zimmer lebend nicht verlassen.«

Die Raubtieraugen des Bartos funkelten, der Speichel floß ihm aus dem breiten Mund, keuchend erwiderte er:

»Das ist Gewalttätigkeit, ist Zwang, ist Erpressung – –««

»Dafür, daß Sie mir gegenüber das Wort Erpressung gebrauchen, wird Sam Sie züchtigen.«

Ein Wink und schon überschlug sich Bartos von einem Fausthieb unter das Kinn getroffen, spuckte Zähne aus, röchelte er wie ein Sterbender.

Aber auch er kam rasch wieder zu sich, schrieb, unterfertigte seine Worte, packte seine Habseligkeiten, verbrannte tausend Papiere, verließ, ohne Lolotte auch nur noch einmal gesehen zu haben, Wien, während Sam ihn nicht aus den Augen ließ.

Am anderen Tag stand Ralph wieder vor dem Polizeipräsidenten, überreichte ihm das Protokoll, erzählte in kurzen Worten, was sich zugetragen. Der Präsident lächelte.

»Das alles verträgt sich nicht ganz mit unseren Rechtsbegriffen, aber es ist herrlich, befreiend, wundervoll! Ich nehme natürlich nur privat zur Kenntnis, wie Sie zu dem Schuldbekenntnis gekommen sind. Hauptsache, daß es da ist: Damit ist nun für die Polizei die Angelegenheit erledigt. »Die beiden sind also noch nicht verhaftet?«

»Nein, das soll morgen geschehen, aber vorher möchte der Herr Präsident noch mit Ihnen sprechen. Es läßt sich natürlich kaum vermeiden, daß nach der erfolgten Verhaftung die Zeitungen aus der Affäre eine Riesensensation machen. Ob und wie weit dabei Fräulein Wehningen geschont werden kann – das läßt sich noch nicht ersehen.«

Ralphs Gestalt straffte sich. Uramerikanische Energien verdrängten in ihm jede Sentimentalität. Sein Gesicht wurde hart, eckig, brutal.

»Bitte dem Herrn Präsidenten meinen besten Dank und meine Hochachtung zu übermitteln. Und wenn Sie gestatten, werde ich sofort den Scheck für die braven Beamten ausschreiben. So – und ich werde mich nun morgen vormittags beim Herrn Präsidenten einfinden und bitte dringend, bis dahin nicht das geringste zu unternehmen.«

Ralph ging zu seiner Gesellschaft zurück, um sich für den Abend zu entschuldigen. Charmion biß sich in die Lippen. Was hatte das nun zu bedeuten, welche fremden Mächte hielten Ralph in ihrem Bann? Hochmütig warf sie den Kopf zurück .

»Lasse dich nicht stören, wir werden das Konzert allein besuchen.«

Innerlich aber kochte sie vor Zorn und nahm sich vor, alles daran zu setzen, um Ralph für sich und Amerika wieder zu gewinnen.

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