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Der Kampf um Wien

Hugo Bettauer: Der Kampf um Wien - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
authorHugo Bettauer
titleDer Kampf um Wien
publisherHannibal Verlag
year1980
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070121
projectid41fe131f
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36. Kapitel

Charmion Underwood.

Underwoods kamen in der ausgesprochenen Absicht nach Wien, hier zu sehr billigen Preisen ihre Gemäldegalerie in New York zu komplettieren. Frederic Underwood und mehr noch seine Gattin Mabel, wußten ganz genau, was sie sich und ihrem Reichtum schuldig waren, und als sie vor einem Jahr in einer Präsenzliste der »New York Times« als zu den »upper fourhundred« gehörend angeführt worden waren, hatte Frederic Underwood feierlich erklärt:

»Mabel, wir müssen einen Flügel zubauen und eine Gemäldegalerie zusammenkaufen.«

Die Tochter Charmion hatte zwar gemeint, daß man Gemäldegalerien nicht zusammenstellen könne wie eine Kücheneinrichtung, sondern dazu sehr viel Verständnis gehöre, aber ihr Papa hatte nur gelächelt.

»Liebes Kind, wenn man genug Dollars hat, so braucht man kein Kunstverständnis! Man mietet sich einfach einen ordentlichen Maler, der besorgt das schon. Hauptsache, daß wir hinter den Schiffs, Ladenburgs, Schwabs und Fricks nicht zurückstehen!«

Der Flügel war an das Palais am Riverside Drive in drei Monaten angebaut und enthielt eine große Halle und zwei kleine Säle, alles ganz aus Marmor. Und dann begann Papa Underwood wie toll drauf los zu kaufen. Landschaften, Porträts, Stilleben, historische Gemälde – Hauptsache war ihm echtes Öl und gute haltbare Leinwand.

Bis eines Tages eine Katastrophe eintrat. Ein lustiger Redakteur des Wochenblattes »Smart Set«, so eine Art Wiener Salonblatt in amerikanischen Dimensionen, sprach bei Herrn Underwood vor und bat um die Erlaubnis, die Galerie zu besichtigen, um über sie schreiben zu können. Herr Underwood strahlte in eitel Wonne, führte den jungen Mann höchstpersönlich herum und drückte ihm am Schluß sogar eine Schachtel Henry Clay, das Stück zu drei Dollar und jedes in eine Glashülse luftdicht verpackt, unter den Arm.

Acht Tage später erschien der Artikel im »Smart Set«, über den ganz New York vor Vergnügen heulte. Er begann mit den Worten, daß eine einzige Zigarre des Herrn Underwood mehr wert sei, als alle seine Bilder zusammengenommen. Es sei dies keine Gemäldegalerie, sondern eine Ausstellung aller gemalten Scheußlichkeiten, die in Amerika aufzutreiben seien. Immerhin, wenn Herr Underwood sich entschließen würde, seine Bilder zu versteigern, würde er einen ansehnlichen Betrag erzielen, vorausgesetzt, daß er zu der Versteigerung nur Hadernhändler einladen und die Bilder zum geltenden Pfundpreis für alte Leinwand losschlagen würde. In dieser Tonart ging es fort.

Herr Underwood bekam einen Tobsuchtsanfall, Frau Mabel Herzkrämpfe, der Sohn Reginald leistete einen Schwur, sich seinen Namen ändern zu lassen und Charmion floh auf einige Wochen nach Florida, um Gras über die Geschichte wachsen zu lassen. Die Bilder aber wurden verbrannt.

Einige Wochen später, Charmion war wieder in New York, sagte sie beim Frühstück leichthin:

»Papa, wenn du deine Marmorgalerie doch noch füllen willst, dann fahr nach Wien. Ich habe im »Art-Studio« gelesen, daß dort herrliche Sachen verhältnismäßig billig zu haben seien, sogar aus der berühmten Liechtenstein-Galerie würden einzelne Meister verkauft werden. Aber nimm gefälligst mich mit, sonst hängt man dir ein paar Auslagenschilder als Rembrandts an.«

So kam die Reise nach Wien zustande, an der Herr und Frau Underwood, Charmion, eine Zofe und ein Diener teilnahmen. Vorher aber hatte Herr Underwood einen Baedecker von Wien gekauft, ihn auf Bilder hin durchstudiert und sich vorgenommen, alles mit einem Stern zu erwerben. Charmion hatte nun die Reise nach Wien durchaus nicht ihrem Vater zu Liebe vorgeschlagen, sondern aus einer ganz anderen Ursache. Sie wollte einfach mit Ralph O'Flanagan zusammenkommen.

Die Underwoods hatten früher in St. Paul gelebt, wo sie große Werkzeugfabriken besaßen. Underwood und der alte O'Flanagan hielten gute Freundschaft, besser noch Ralph O'Flanagan und Reginald Underwood und als Dritte im Bunde die damals noch ganz kleine, aber schon bildschöne Charmion.

Während des Weltkrieges hatte das Underwoodsche Unternehmen einen ungeahnten Aufschwung erlebt, den schon vorhandenen Millionen flossen einige Dutzend neue hinzu, es wurde eine Aktiengesellschaft gegründet, und die Familie Underwood übersiedelte nach New York, ließ sich dort einen Palast bauen und strebte mit allen Mitteln in den exklusiven, fast hermetisch verschlossenen Kreis der »oberen Vierhundert« hinein. Daß Papa Underwood noch nie ein Buch gelesen und seine Gattin Moskau für eine Vorstadt von Petersburg und Goethe für den Komponisten der Oper »Faust« hielt, tat nichts weiter zur Sache.

Charmion, die an Geist und Bildung ihre Eltern turmhoch überragte, hatte Ralph in den letzten Jahren nur selten gesehen, ihm aber ihre Backfischliebe in entsprechender Modulation bewahrt. Und als sie dann durch die Zeitungen erfuhr, daß Ralph nach dem Tode seines Vaters den reichsten Männern der Erde zuzugesellen sei, verstrickten sich Neigung und nüchterne Erwägung zu dem Entschluß, die Frau des um acht Jahre älteren Freundes zu werden. Bevor Ralph nach Wien übersiedelte, hatte er sie besucht und sie wäre am liebsten sofort mit ihm gefahren, fand ihn aber so eingesponnen in seine menschheitsbeglückenden Ideen, daß sie verärgert auch nur den leisesten Versuch, ihn zu fesseln, unterließ. Und nun hatte sie die Gelegenheit beim Schopf ergriffen und zielbewußt die Reise nach Wien angeregt.

Die drei Underwoods konnte man gut als neuzeitlich amerikanische Typen nehmen. Herr Underwood, schlohweiße Haare, das rosige Gesicht glattrasiert, sehr würdevoll, dabei doch jovial, Temperenzler, mit ausgesprochener Neigung für stark alkoholhaltige Medizinen, öffentlich Puritaner strengster Observanz, was ihn nicht hinderte, hier und da ein kleines Chormädel auszuhalten. Mama Underwood noch immer eine hübsche Frau, wenn auch sehr hager, bigott, abergläubisch, Spiritismus und »Christian Science« ergeben und immer in inniger Freundschaft mit irgend einem Reverend, wobei niemand wußte, ob es sich nur um einen Seelenbund, um Flirt oder noch mehr handelte.

Charmion aber war die typische amerikanische Schönheit. Groß, schlank, leicht vornübergebeugt, schmale Hände und Fußfesseln, die Haare kastanienbraun, die Augen bald braun, bald grün, aufs Äußerste gepflegt, der Teint wie mit einem Bronzehauch übergossen, jedem Sport und auch der Musik ergeben, sehr belesen, dabei oberflächlich und erfüllt von Leidenschaften, die sie aber, wie jedes amerikanische Mädchen der guten Gesellschaft, virtuos zu verbergen verstand.

Die Underwoods waren über London, Paris und Berlin gefahren, hatten sich überall etliche Tage aufgehalten und nahmen nach ihrer Ankunft in Wien, die vormittags erfolgte, im Hotel Bristol Quartier. Der beglückte Hoteldirektor hatte ihnen auf ihre telegraphische Ansage das Fürstenappartement zugewiesen.

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