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Der Kampf um Wien

Hugo Bettauer: Der Kampf um Wien - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
authorHugo Bettauer
titleDer Kampf um Wien
publisherHannibal Verlag
year1980
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070121
projectid41fe131f
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35. Kapitel

Der Droschkenkutscher.

Am selben Nachmittag stand in der Annagasse, vor dem Hause, in dem Bartos Wohnung und Bureau hatte, ein Einspänner, dessen Kutscher ersichtlich gelangweilt auf dem Bock saß. Da die Taxometerfahne umgestellt war, wartete er wohl auf seinen Passagier. In seiner Nähe hielt sich ein wie ein Geschäftsdiener gekleideter Mann auf, der scheinbar sein Motorrad in Ordnung bringen wollte. Da ein paar müßige Leute ihm neugierig zusahen, versicherte er fluchend, daß er absolut nicht herausbekommen könne, warum das Luder, das heißt das Motorrad, nicht gehen wolle. Ein aufmerksamer Beobachter hätte außerdem feststellen können, daß in Zwischenräumen von Minuten eine elegant gekleidete Dame vorbeikam, die mit Kutscher und Motorfahrer Blicke wechselte.

Gegen drei Uhr kam Laszlo Bartos des Weges, um sich in sein Bureau zu begeben. Kaum hatte ihn das dunkle Haustor verschlungen, als der Geschäftsdiener, der noch immer an seinem Rad herumbastelte, leise vor sich hinpfiff, was den Droschkenkutscher zu einem kräftigen Husten veranlaßte.

Resigniert wendete sich der Radfahrer an den Kutscher, sagte, er müsse sich irgendwo einen Schraubenzieher ausborgen und bat, inzwischen auf das Rad zu achten. Das Rad wurde an die Droschke gelehnt, und der Geschäftsdiener entfernte sich. Wäre ihm jemand nachgegangen, so hätte er feststellen können, daß es dem Manne gar nicht eilig mit der Beschaffung eines Schraubenziehers sei, sondern er in der Kärntnerstraße stehen blieb und die Annagasse nicht aus dem Auge ließ. Die elegante Dame kam an ihm vorbei und er flüsterte ihr zu:

»Bartos ist schon da, jetzt müssen wir halt warten, ob vielleicht der andere kommt.«

Eine Stunde mochte vergangen sein, die Taxometeruhr wies sicher schon eine Ziffer auf, die, mit 7000 multipliziert, einen erschreckend hohen Betrag ausmachte, als ein schlanker Herr mit einem ehemals sehr eleganten Pelz, der aber schäbig werden wollte, das Haus betrat. In diesem Augenblick begann der Kutscher auf dem Bock furchtbar zu nießen, wobei er ein buntes Taschentuch schwenkte, begann der faule Geschäftsdiener mit dem defekten Rad unanständig laut zu pfeifen, kam die elegante Dame mit unelegant raschen Schritten näher. Fragend sah sie den Kutscher an, dieser nickte, worauf die Dame das Haus betrat und die zwei dunklen Stockwerke hinaufging, die zu Laszlo Bartos führten. An der Tür war ein Schild befestigt mit der Aufschrift:

Laszlo Bartos, Inhaber des behördl. konzess.
Privatdetektivbureaus »Luna«.
Sprechstunden von 5 bis 6 Uhr.

Die elegante Dame setzte die Klingel in Bewegung worauf ein altes, schlumpiges Frauenzimmer öffnete. Die Dame wurde nach einem Zimmer geführt in dem es so finster war, daß man die Schäbigkeit der Möbel kaum bemerkte, und aufgefordert, zu warten, da Herr Bartos bereits Besuch habe.

Die Tür zum Nebenzimmer war gepolstert, so daß die Dame, obwohl sie dicht an sie herantrat, nur ein dumpfes Stimmengemurmel vernahm. Kurz entschlossen, öffnete sie die Tür, sagte »Pardon!«, konstatierte, daß Bartos in erregtem Gespräch mit jenem schlanken Herrn begriffen war, der eben vorher das Haus betreten hatte, sagte nochmals »Pardon!« und dann, auf einen unwilligen Ausruf der beiden Herren:

»Entschuldigen Sie, aber ich kann jetzt nicht warten und möchte wissen, ob ich in einer Stunde den Herrn Privatdetektiv noch antreffen würde.«

»Jawohl, ich habe bis sechs Uhr Sprechstunde, bleibe aber bis gegen acht Uhr zu Hause.«

Die Dame, es war eine Vigilantin der Sicherheitspolizei, entfernte sich befriedigt und erstattete dem Kutscher, der in Wirklichkeit jener Schutzmann war, der vor zwei Tagen Hilde auf Veranlassung des Barons Morolt verhaftet hatte, sowie dem Radfahrer, der sich jetzt wieder mit seinem Motorrad beschäftigte, rasch Bericht, worauf sie ihres Weges ging.

Eine weitere halbe Stunde mochte vergangen sein, als der angebliche Baron Morolt wieder auf der Straße erschien. Baron Morolt, rekte Georg Haller, hatte Bartos aufgesucht, um die vereinbarten sechs Millionen für die Ausführung seines Schurkenstreiches zu beheben. Bartos protestierte gegen diese Forderung.

»Ich habe Ihnen gesagt, daß Sie im Falle des Gelingens sechs Millionen bekommen werden. Ich weiß aber nicht, ob es gelungen ist. Der Amerikaner war heute morgens im Polizeipräsidium und ist von dort nach dem Schottenring zum Polizeipräsidenten gefahren. Was das bedeutet, weiß ich noch nicht. Jedenfalls ist das Mädel wieder zu Hause. Allerdings ist sie allein von der Elisabethpromenade weggegangen, woraus sich vielleicht schließen ließe, daß der Amerikaner nichts mehr von ihr wissen will. Wie er zu ihr steht, werde ich erst erfahren, wenn die andere, die Valon, wieder mit ihm beisammen war. Vorher rücke ich kein Geld heraus.«

Haller hatte getobt und geschrien.

»Was geht mich Ihr Frauenzimmer an? Ich habe meine Aufgabe gelöst, habe alles genau so getan, wie Sie es wollten und nun verlange ich mein Geld!«

Schließlich bekam er als weiteren Vorschuß noch zwei Millionen, mit denen er vergnügt abzog.

An der Ecke der Annagasse und Kärntnerstraße blieb er stehen, winkte einem Autotaxi. Es war eiskalt, der Boden mit glitschigem Straßenkot bedeckt, Haller hatte keine Lust, nasse Füße zu bekommen und schließlich – er konnte sich ja den Luxus leisten!

Während er dem Chauffeur als Adresse das Café Dobner angab, schwang sich der Radfahrer auf das scheinbar wiederhergestellte Motorrad und fuhr gemächlich hinter dem Autotaxi her, ihm nach, im langsamen Trott der Einspänner.

Im Café Dobner hatte Haller seinen Kreis. Komödianten zweiter Güte, hier und da auch einer, der wirklich etwas bedeutete, Agenten, kleine Direktoren, Besitzer von Nachtlokalen, die hier Abschlüsse für ihre Nachtvorstellungen machten. Zwischendurch mehr oder weniger geschminkte Weiblichkeit, üppige angejahrte Heldinnen des Brettels, junge Mädchen, noch am Beginn einer Karriere, die hoch oder tief unten endigen konnte. Und unter den bürgerlichen Gästen viele Frauen im gefährlichen Alter, die brennende, aufmunternde Blicke nach den Künstlertischen schossen, an denen ihnen die Möglichkeit später Abenteuer nach einem tugendsamen, von kleinen Seitensprüngen nur sporadisch unterbrochenem Leben zu winken schien.

Haller zog einen Stuhl an einen der Stammtische, warf einem Mädchen eine Kußhand zu, winkte einer hektischen Bürgersfrau, die ihn schmachtend anblickte, bestellte einen Mokka, einen Kognak, »aber echt«, und zehn Zigaretten.

Zog leger einen funkelnagelneuen Hunderttausender aus der Brieftasche, um die Zigaretten gleich zu bezahlen.

Bissig knurrte ein Komiker, der längst nicht mehr komisch war und nur mehr als erste Nummer, solange die Leute kamen, in Nachtlokalen Verwendung fand:

»Na, wo Sie immer die Wurzen finden, möchte ich wirklich wissen!«

»Glaub ich«, lachte dröhnend Haller, »aber das Wissen allein würde Ihnen gar nichts nützen.«

»Das macht die Liebe nur ganz allein«, summte spöttisch ein junges Ding mit rot gefärbten Lippen, worauf verächtliche Blicke Haller trafen. Aber die Verachtung war mit Neid gemischt.

»Kinder, heut nachts wird gedraht!« rief Haller als er sich zum Fortgehen anschickte. »Jetzt ein Schlaferl im warmen Zimmer, dann ein feines Papperl bei der Schöner und nachher ins Chapeau Rouge.«

»Soll jetzt ein riesiger Betrieb dort sein?« warf einer ein.

»Und ob! Höchste Aristokratie! Pickfeine Gesellschaft, nur Monarchisten! Na, die Republik ist auch nicht schlecht, denn wenn sie nicht wäre, könnte die Verwandte eines Kaisers nicht im Chapeau Rouge Champagner trinken.«

Und es wurden noch feudale Namen aufgezählt, in deren Gesellschaft eine vom höchsten Adel allnächtlich tanzte, trank, sang, ihren Rausch bekam.

Georg Haller ging, und als er draußen einen Einspänner stehen sah, überlegte er einen Augenblick und stieg dann ein. Ist zwar nicht weit, aber nur keine nassen Füße bekommen, dachte er. Und gab ein Haus in der Gumpendorferstraße als Fahrtziel an. Der Kutscher warf dem Radfahrer, der schon wieder an seinem Rad arbeitete, einen verschmitzten Blick zu und fuhr los, worauf sich auch der Detektiv in Geschäftsdienerkleidung auf sein Rad schwang.

Vor dem Haus in der Gumpendorferstraße stand, als der Wagen ankam, eben die Hausmeisterin und streute Asche auf den Schmutz, der zu gefrieren begann. Haller ließ sich gnädig mit »Küß die Hand, gnä' Oerr!« begrüßen, zahlte und verschwand im Haus. Der Kutscher fragte die Hausmeisterin:

»Mit dem Herrn bin i schon oft g'fahren! A Künstler, was? Wie heißt er denn eigentlich?«

Die Hausmeisterin gab bereitwillig Auskunft.

»Haller, Georg Haller tut er heißen. Operettensänger is er, aber i mein alleweil, daß mit seiner Kunst net mehr und weit her is, weil er nie an urdentlichen Angatschmank hat.«

Der Kutscher steckte seine Pfeife in Brand.

»An einschichtiger Herr, was?«

»Ja, er hat ein möbliertes Kamminett bei der Frau Wisloschil im dritten Stock.«

Der Kutscher wußte nun genug und hieb auf sein Roß sein, während der Motorfahrer, der ganz zufällig zur selben Zeit hier angelangt war und in seinem Notizbuch scheinbar eifrig eine Adresse suchte, zurück nach der Stadt sauste.

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