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Der Kampf um Wien

Hugo Bettauer: Der Kampf um Wien - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
authorHugo Bettauer
titleDer Kampf um Wien
publisherHannibal Verlag
year1980
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid41fe131f
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34. Kapitel

Auf der Fährte.

Während sich in der Kreuzgasse erschütternde Szenen zwischen Hilde und ihrer unter den Ereignissen vollständig zusammengebrochenen Mutter abspielten, erzählte Ralph dem Polizeipräsidenten knapp und doch erschöpfend seine Geschichte. Die Visitenkarte mit dem Namen Ralph O'Flanagan hatte auch hier wie ein Zauberschlüssel gewirkt, ohne Schwierigkeiten waren sie zu dem Chef der Wiener Polizei vorgekommen, dessen Machtfülle fast unbegrenzt ist. Kriegel hatte unterwegs Ralph über die Bedeutung dieser Persönlichkeit aufgeklärt, ihm erzählt, daß es einzig und allein dem geradezu phänomenalen Taktgefühl des Polizeichefs, gepaart mit unbeeinflußbarem Willen, gelungen war, nach dem Umsturz Wien die Schrecken von Straßenkämpfen zu ersparen, wie denn überhaupt dem guten Geiste und der glänzenden Organisation der Wiener Polizei es zu danken sei, daß Wien unter allen europäischen Städten die verhältnismäßig harmloseste und geringste Kriminalität aufzuweisen habe.

Nun standen sie vor dem Polizeichef, der interessiert dem Bericht Ralphs lauschte, während er mitunter den melierten Spitzbart strich oder seinen Kneifer zurechtrückte.

Ralph schloß mit den Worten:

»Herr Präsident! Für mich und für jeden, der Fräulein Wehningen kennt, unterliegt es nicht dem geringsten Zweifel, daß hier ein bestialisches Verbrechen verübt wurde. Und ich bitte Sie, als den Chef einer Polizei, die Weltruhm hat, alles daranzusetzen, das Komplott aufzudecken und Fräulein Wehningen ihre Ehre wiederzugeben.«

Der Polizeipräsident war ersichtlich ergriffen.

»Selbstverständlich werde ich nichts unterlassen, um diese Sache aufzuklären! Das bin ich nicht nur Ihnen und Fräulein Wehningen, sondern auch mir selbst schuldig. Es würde uns nur sehr die Arbeit erleichtern, wenn wir wüßten, gegen wen eigentlich der Schurkenstreich gerichtet war. Nur gegen dieses arme junge Mädchen oder vielleicht eigentlich gegen Sie?«

Kriegel räusperte sich und warf ein:

»Herr Präsident, ich glaube, Sie haben die richtige Witterung. Herr O'Flanagan hat vergessen, Ihnen einiges über seine Bekanntschaft mit der Tänzerin Lolotte Valon zu erzählen, die von seltsamen politischen Wünschen erfüllt ist und Herrn O'Flanagan immer wieder für ihre Ideen gewinnen wollte!«

Und trotz des Widerspruches Ralphs erzählte Kriegel in aller Breite, was er von den politischen Tiraden Lolottes wußte.

Über das Gesicht des Präsidenten flog ein Lächeln.

»Ich beginne klarer zu sehen. Kennen die Herren vielleicht den Freund der Tänzerin, den Privatdetektiv Laszlo Bartos?«

»Jawohl, leider«, rief Kriegel. »Gerade wollte ich auf ihn zu sprechen kommen. Dieser Galgenphysiognomie wäre das Schlimmste zuzutrauen.«

»Stimmt, stimmt, meine Herren! Ein schwerer Geselle. Erfreut sich leider besonderer Protektionen – hm, darüber möchte ich nicht sprechen – hohe Politik – Gönner an allen möglichen Stellen – also, dort wollen wir den Hebel ansetzen. Überlegen wir: Aus verschiedenen Gründen mag dieser Bartos den Wunsch gehabt haben, Sie von Fräulein Wehningen zu trennen.«

Verblüfft warf Ralph ein:

»Aber er wußte doch gar nicht, daß ich die Dame kenne!«

Der Präsident lachte dröhnend.

»Sie wissen eben nicht, wer, wie und warum man sich für Ihre Person ganz außerordentlich interessiert! Sind Sie sicher, daß nicht jeder Ihrer Schritte verfolgt wurde, daß nicht, wenn Sie im Kaffeehaus oder sonstwo mit Fräulein Wehningen saßen, neben Ihnen ein Lauscher war?«

Ralph fuhr auf.

»Vor einigen Tagen war es mir, als wenn im Burggarten ein Kerl hinter uns einhergeschlichen wäre. Ein langer, hagerer Mensch! Könnte ganz gut der Ungar gewesen sein!«

»Spekulieren wir weiter. Bartos hat einen Kerl gedungen, der als Baron Morolt aufgetreten ist. Mittels eines gefälschten Briefes lockte er die Dame zu dem verhängnisvollen Stelldichein –«

»Ja, er kannte doch gar nicht meine Handschrift – –«

»Könnte er sich leicht genug verschafft haben. Wir werden in Ihrem Hotel Nachforschungen anstellen.«

Ralph fuhr sich mit der Hand nervös über die Stirne.

»Merkwürdig, jetzt fällt mir ein, daß ich vorgestern einen begonnenen Brief, der in meiner Schreibmappe liegen sollte, nicht mehr finden konnte. Und mein Diener erzählte mir, als er mir beim Entkleiden half, daß ihn jemand auf der Treppe zum Narren gehalten und zugerufen habe, ich warte auf ihn in der Halle. – –« »Also haben wir wieder einen Reim. Während Ihr Diener Sie unten suchte, begab sich Bartos oder ein gedungener Mensch in Ihr Appartement, stahl den Brief, wohl auch etwas Briefpapier, und konnte nun unschwer Ihre Handschrift nachmachen. Und nun wollen wir zur Tat übergehen. Detektivs können sehr geschickt im Beobachten anderer sein, sind aber nicht gewohnt, selbst vigiliert zu werden. Der Schuft, der mit Bartos gearbeitet hat, dürfte weiterhin mit ihm in Verbindung stehen. Also wird Bartos, der Wohnung und Bureau in der Annagasse hat, von jetzt an Tag und Nacht beobachtet werden. Den Baron Morolt kennt von Angesicht am besten Fräulein Wehningen, die wir aber lieber in Ruhe lassen wollen. Der Polizist, der sie auf Veranlassung des Kerls verhaftet hat, muß ihn ja erkennen. Ich dirigiere zwei meiner tüchtigsten Leute hin und außerdem den Schutzmann, der sich zivil kleiden wird.

Es wurden nur noch einige Formalitäten besprochen, dann empfahlen sich Ralph und Kriegel. Ralph blieb aber an der Türe stehen und sagte:

»Herr Präsident, ich bin überzeugt, daß Ihre Leute ohnedies ihr Bestes tun werden. Trotzdem bitte ich Sie, eine Prämie von fünfhundert Millionen Kronen aussetzen zu dürfen, die nach geglückter Tat unter die Leute, die an ihr beteiligt sind, verteilt werden sollen.«

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