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Der Kampf um Wien

Hugo Bettauer: Der Kampf um Wien - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorHugo Bettauer
titleDer Kampf um Wien
publisherHannibal Verlag
year1980
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070121
projectid41fe131f
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29. Kapitel

Vorbereitungen

Georg Haller sah ungefähr so aus, wie die Helden der seligen Marlitt: schlank, sehnig, elegant, feuchte Augen mit langen Wimpern, glatt rasiert, die schwarzen Haare glatt gescheitelt, schmale Füße und eine wohlgepflegte Hand. Kurzum – Frauenliebling, dem die Backfische, aber auch die Frauen im gefährlichen Alter willig ins Garn laufen. Die Brutalität, Gemeinheit und den Zynismus erkennen sie erst, wenn es zu spät ist. In letzter Zeit allerdings, seit der Verlust der Stimme ihn engagementlos gemacht, begann die Eleganz einen schäbigen Glanz zu bekommen, traten die Raubtierinstinkte immer unverhüllter zutage. Und heute, als Laszlo Bartos ihn im Café Dobner aufsuchte, war er eben im Begriff, der Frau eines Arztes einen Brief zu schreiben, in dem er sie dringend ersuchte, ihm mit einem größeren Darlehen zu helfen, widrigenfalls er »in seiner Verzweiflung genötigt« wäre, »andere Schritte« zu ergreifen.

Er hatte den Brief noch nicht beendet, als Bartos, der schon eine ganze Weile hinter ihm gestanden, eine Hand auf seine Schulter legte und dem sich erschreckt Umsehenden mit spöttischem Lächeln sagte:

»Lieber Freund, keine Briefe schreiben! Damit kommen Sie doch noch einmal in Teufels Küche. Mir schwebt Ihr Ende deutlich vor Augen: Entweder jagt Ihnen einmal eine Frau eine Kugel zwischen die Rippen oder Sie wandern ohne Aufsehen nach einer diskret und geheim durchgeführten Verhandlung auf ein paar Jahre nach Stein.«

Haller wollte aufbrausen, aber Bartos machte eine wegwerfende Handbewegung.

»Keine Szene! Ich komme ja gar nicht, um Ihnen Moral beizubringen, wozu es auch reichlich spät wäre, sondern um Ihnen zu helfen. Ich habe ein Geschäftchen für Sie.«

Das nun im Flüsterton geführte Gespräch schloß mit den Worten: »Zwei Millionen bekommen Sie auf die Hand für die Spesen. Gelingt die Sache, so daß sich das Mädel entweder umbringt, was ja nicht unwahrscheinlich ist, oder dieser Amerikaner sie endgültig meidet, so bekommen Sie nochmals fünf Millionen. Ganz hübsches Betriebskapital für Sie: Neuer Anzug, neue Stiefel, feudale Krawatte. Wenn Sie erst frisch ausgestattet sind, werden Ihnen die Weiber nachlaufen, wie die Hunde der Wurst.«

Haller fand aber fünf Millionen zu wenig, es wurde hin- und hergefeilscht, bis man sich schließlich auf sechs einigte.

»Jetzt gibt es noch einige Schwierigkeiten zu überwinden. Sie kennt natürlich seine Handschrift, also muß ich mir ein paar Worte von ihm verschaffen. Für Sie brauche ich eine feine Visitenkarte, davon habe ich die schönste Auswahl in meinem Bureau. Außerdem muß ich verhüten, daß der Amerikaner das Mädel an dem Abend, an dem wir die Sache deichseln, abholt. Wird sich auch machen lassen.«

Am selben Abend schlich sich Laszlo Bartos wieder ins Hotel Imperial, überzeugte sich, daß Ralph nicht zu Hause war und begab sich dann gemächlich in das Stockwerk, in dem der Amerikaner seine Appartements hatte.

Eben verließ Sam die Zimmer, um mit dem Stubenmädchen zu schäkern. Bartos nahm seine ganze Frechheit zusammen, schlug rasch den Kragen seines Pelzmantels hoch, tat, als ob er in das höher gelegene Stockwerk gehen wollte, drehte sich, als er schon die Treppe erreicht hatte, um, und rief auf englisch:

»Mister Sam, ich glaube Ihr Herr sucht Sie unten.«

Sam mußte natürlich glauben, daß dieser Herr, den er kaum gesehen, einer der Hotelgäste sei, mit dem O'Flanagan Bekanntschaft geschlossen, und eilte mit großen Sprüngen hinunter, während das Stubenmädchen in der Wäschekammer verschwand.

Blitzschnell hatte Bartos kehrt gemacht, stand schon im Salon Ralphs, stürzte auf den Schreibtisch zu, öffnete die Ledermappe und lachte still auf. Richtig! Da lagen Briefpapiere und Kuverts und hier ein angefangener und durchgestrichener Brief an einen amerikanischen Rechtsanwalt.

Der Detektiv steckte beides zu sich, verschwand lautlos, verließ in aller Ruhe das Hotel, ohne daß Sam, der natürlich seinen Herrn unten nicht gefunden hatte, ihn auch nur bemerkte.

Zur selben Zeit saß Ralph mit Hilde Wehningen in der Oper auf bescheidenen Parkettplätzen. Ralph wollte zuerst eine Loge nehmen, überlegte aber, dachte, daß Hilde sicher keine Toilette habe, in der sie sich in einer Loge behaglich fühlen würde, auch wußte sie ja noch nicht, wie reich er sei, würde sich also über seine große Geldausgabe wundern.

Es wurde die »Salome« gegeben, die Aufführung war musterhaft, Richard Strauß dirigierte und Ralph, weitaus weniger musikalisch als Hilde, war beglückt, wenn er sie von der Seite ansah und das Leuchten ihrer Augen, die Hingabe an die Musik, die sich in jeder Miene verriet, beobachtete.

Nach der Vorstellung gingen sie in den Opernkeller. Einen Augenblick fühlte sich Hilde inmitten all der Eleganz rundumher bedrückt, unruhig glitt ihr Blick über das billige Fähnchen, das sie trug, aber ihr Selbstgefühl half ihr über jedes kleinliche Empfinden und munter sprach sie den Gerichten zu, die Ralph bestellt hatte. Scheute sich auch gar nicht, lachend zu sagen:

»So gut und so viel habe ich schon lange, lange nicht gespeist wie heute! Mein Gott, daß es Menschen gibt, denen es immer so gut geht!«

Ralph nahm die Hand des Mädchens und preßte sie zärtlich.

»Hilde, es wird Ihnen immer so gut gehen und noch viel, viel besser. Hilde ich will Ihnen etwas sagen –«

Es war ihm ja so warm und innig zu Mute, daß er jetzt Hilde das Geheimnis seiner Existenz enthüllen wollte. Und sie dann fragen, ob sie sein Weib für immer werden wolle. Ein Zufall ließ es dazu nicht kommen. Ein blonder, mittelgroßer Herr trat an den Tisch, grüßte Hilde und warf Ralph einen forschenden, neugierigen Blick zu. Hilde errötete und stellte vor:

»Rechtsanwalt Doktor Günter – Herr Patrick Ralph.«

Ein paar gleichgültige Worte wurden gewechselt, da aber Hilde den Rechtsanwalt nicht aufforderte, Platz zu nehmen, entfernte er sich bald. Mit einem leisen Gefühl der Eifersucht fragte Ralph:

»Der Herr muß Ihnen gut bekannt sein, wenn er, trotzdem Sie sich in Gesellschaft befinden, Sie anspricht?«

Wieder errötete Hilde.

»Ein Jugendfreund! Als junges Mädel hätte ich mich beinahe mit ihm verlobt. Aber ich erkannte, daß meine Neigung zu ihm nicht stark genug war, um seine Frau zu werden.«

»Also haben Sie doch schon geliebt, und ich dachte –«, Ralph beendete den Satz nicht, blickte verstimmt vor sich hin.

»Nein, Herr Ralph! Geliebt, wirklich geliebt habe ich noch nie einen Mann!«

Und sie sah Ralph mit so großen, ehrlichen, treuen Augen ins Gesicht, daß er ihr glaubte, glauben mußte.

Das Mädchen drängte zum Aufbruch, sie gingen, und Ralph brachte sie in einem Autotaxi nach Hause.

»Auf morgen, Hilde!«

Hilde zögerte.

»Morgen –, ich weiß nicht –, ich werde vielleicht früher weggehen, da ich eine Besorgung machen möchte.«

Ralph war ein wenig verdrossen, dachte dann aber, daß er den Tag benützen würde, um sich Wöllersdorf anzusehen, und verblieb dabei, Hilde am zweitnächsten Tag, Sonntag, nachmittags vom Hause abzuholen.

Hilde aber hatte tatsächlich eine Besorgung vor, von der sie Ralph nichts sagen konnte. Sie brauchte neue Schuhe, eine Zahnarztrechnung für die Mutter war auch noch zu bezahlen, die Gasrechnung war fällig – kurzum, sie wollte eine goldene Uhrkette, die Vater zurückgelassen, verkaufen.

Ralph fand, als er gegen Mitternacht seine Hotelzimmer betrat, einen Boten mit einem Brief Lolottes vor. Die Tänzerin schrieb:

»Lieber Freund, warum vernachlässigen Sie mich? Ich kränke mich sehr darüber. Außerdem bin ich erkältet und darf das Zimmer nicht verlassen. Bitte, ich brauche dringend Ihren Rat in einer bestimmten Angelegenheit. Kommen Sie doch morgen so gegen sechs Uhr zum Tee zu mir! Ich erwarte Ihre zustimmende Antwort und werde nicht früher einschlafen können, als bis ich weiß, daß Sie kommen.«

Ralph war unschlüssig. Hatte er sich nicht vorgenommen, sich vollständig von Lolotte zurückzuziehen? Anderseits war die Art und Weise, wie er dies tat, eigentlich wenig rücksichtsvoll, sogar einigermaßen feige. Und dann: Hilde wollte ja morgen mit ihm nicht zusammensein, also war gewissermaßen sie Schuld, wenn er Lolotte besuchen würde. Schließlich hatte ihm die Tänzerin keinen Grund gegeben, sie derart verletzend zu behandeln.

Ralph setzte sich an den Schreibtisch, schrieb ein paar liebenswürdige zustimmende Zeilen und gab dem Boten ein lächerlich hohes Trinkgeld. Als er die Mappe wieder schließen wollte, fiel ihm ein, daß er seinem New Yorker Anwalt geschrieben hatte, mit der Fassung des Briefes aber nicht einverstanden gewesen war. Der angefangene Brief mußte ja in der Mappe liegen. Nein, er war nicht da. Merkwürdig, er glaubte sich genau zu erinnern, daß er ihn in der Mappe hatte liegen lassen. Nervös suchte er herum, ließ es dann sein und begab sich zur Ruhe.

Bevor er einschlief, nahm er sich fest vor, übermorgen Hilde zu sagen, wer er eigentlich war und sie in aller Form um ihre Hand zu bitten.

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