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Der Kampf um Wien

Hugo Bettauer: Der Kampf um Wien - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorHugo Bettauer
titleDer Kampf um Wien
publisherHannibal Verlag
year1980
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070121
projectid41fe131f
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27. Kapitel

Zarte Fäden.

Hilde Wehningen reichte Ralph überrascht die Hand.

»Sie, Herr Ralph? Ich dachte, Sie hätten mich längst vergessen.«

»Nein, Fräulein Hilde, mehr als je habe ich in diesen Tagen, da ich Ihnen ferne blieb, Ihrer gedacht. Sie waren von schwülen, dumpfen Träumen erfüllt, diese Tage, aber nun bin ich erwacht und wenn es Ihnen recht ist, so werde ich wieder, wie damals vor Weihnachten, Sie täglich nach Bureauschluß erwarten.«

Hilde sah ihn groß und verständnisvoll an. Es fiel ihr auf, daß sein sonst so frisches, offenes Gesicht einen müden, verbitterten Zug trug, sie verstand den versteckten Sinn seiner Worte und sagte leise:

»Ich werde mich sehr freuen, wirklich sehr! Warum soll ich es nicht zugeben? Ich bin ja ein armes Mädel, das in dem großen Wien wie auf einer einsamen Insel lebt, und Sie bringen mir immer einen Strom von Welt, Meer, Ferne und Freiheit. Aber ich muß Sie um etwas bitten: Das Zusammensein mit mir darf Ihnen auch nicht einen Augenblick zum Zwang werden! Nur wenn Sie wirklich den Wunsch haben, mit mir zu plauschen, dürfen Sie kommen. Ich begreife es ganz gut, wenn Sie mir tagelang fern bleiben. Es muß für einen Mann wie Sie ungleich reizvoller sein, seine Zeit mit schönen, mondänen Frauen zu verbringen, als mit mir, die ich Ihnen doch gar nichts bieten kann.«

Ralph nahm inmitten des flutenden Menschenstromes ihre Hand, die in einem erbärmlich schäbigen, an den Fingerspitzen geflickten Wollhandschuh steckte, und drückte einen Kuß auf sie.

»Hilde, glauben Sie es mir, Sie sind unter allen den Frauen, die ich in Wien kennengelernt, die einzige, die ich von ganzem Herzen verehre. Allerdings – es gibt für uns Männer Stunden und Tage, wo uns nur unsere brutalsten Sinne beherrschen – und an solchen Tagen bin ich Ihnen eben nicht nahegekommen.«

Es war ein für die erste Jännerhälfte seltsam milder Tag. Frühlingsahnen lag in der feuchten Luft, der Glanz der spärlichen Laternen auf dem Ring verwob sich mit den leichten Nebelschwaden, es war, als ob man einen Schleier vor den Augen hätte, durch den man unklar, verschwommen sah.

Fast unbewußt lenkten die beiden ihre Schritte nach dem äußeren Volksgarten, der menschenverlassen und ganz dunkel dalag und eine so weiche, zärtliche Stimmung überkam sie, daß Ralph ihren Arm nahm und Hilde dies ohne Widerspruch duldete.

»Hilde«, begann Ralph, »ich bin Ihnen noch manche Erklärung schuldig. Ich habe mich in Ihr Vertrauen gedrängt, ohne daß Sie wissen, wer und was ich eigentlich bin. Lassen Sie mir noch einige Zeit, dann werde ich klarer und offener mit Ihnen reden können, als bisher. Vorläufig ist in mir noch vieles unsicher und schwankend, befinde ich mich in Widersprüchen mit mir selbst, weiß ich nicht, ob und wie ich eine Aufgabe, die ich mir gestellt, werde ausführen können. Aber schon klären sich die Dinge und dann, Hilde –«

Hilde unterbrach ihn.

»Wer und was Sie sind, ist mir gleichgültig. Sie sind mir sympathisch, sind sicher ein wertvoller Mensch, das genügt. Lassen Sie sich von Stimmungen nicht beeinflussen, sagen Sie jetzt nichts, was Ihnen vielleicht schon morgen leid tun könnte. Lassen Sie uns jetzt heiter und harmlos sein.«

In diesem Augenblick ging ein großer hagerer Mann den beiden vor, den Rockkragen hochgezogen, die breite Krempe des weichen Hutes in das Gesicht gedrückt. Man sah dieses Gesicht nicht, aber Ralph fühlte einen stechenden, unangenehmen Blick, hielt Hilde am Arm fest, um den Mann vorbeizulassen. Und jetzt erst kam es ihm zum Bewußtsein, daß schon eine ganze Weile jemand, wahrscheinlich dieser Mann, hinter ihnen hergegangen war.

Es war sieben Uhr geworden, der Nebel wurde dichter und kälter, Ralph bat Hilde, mit ihm irgendwo zu speisen. Sie zögerte einen Augenblick, willigte dann ein.

»Es kam jetzt mehrmals vor, daß ich Überzeit machen mußte, also wird Mutter sich wohl nicht ängstigen. Aber spätestens neun Uhr möchte ich zu Hause sein.« Ralph führte sie nach einem uralten, primitiven italienischen Wirtshaus hinter dem Stephansdom, das ihm sympathischer war als die mit falschem Gold und Marmor aus Gips geschmückten Restaurants. Und er empfand neben Hilde wahres Heimatsgefühl, rückte mehr und mehr auch mit seinen Sinnen von der schönen Tänzerin ab, begann zum erstenmal an ein dauerndes Zusammenleben mit Hilde zu denken.

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