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Der Kampf um Wien

Hugo Bettauer: Der Kampf um Wien - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorHugo Bettauer
titleDer Kampf um Wien
publisherHannibal Verlag
year1980
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070121
projectid41fe131f
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26. Kapitel

Im Mittelpunkt.

Je länger Ralph in Wien war, desto stürmischer wurde er von den Menschen und Verhältnissen bestürmt, bedrängt, umringt. Projektenmacher, Erfinder, Verzweifelte, Querulanten traten an ihn heran, suchten seine Hilfe, seine Protektion oder nur sein Geld.

Besonders dringlich wurden die Bankdirektoren, die den Augenblick nicht erwarten konnten, wo Ralph die dreißig Millionen Dollar endgültig bewillige. Egon Kriegel aber und einige andere wohlmeinende Freunde rieten Ralph ab, bewiesen ihm, daß aus dieser Kreditaktion sicher ein glänzendes Geschäft für die Banken, aber wahrscheinlich ein schlechtes oder gar keines für die Bevölkerung erwachsen würde.

Am Sonntag hatte O'Flanagan eine mehrstündige Unterredung mit dem Arbeiter Demmer aus Wöllersdorf, der mit Zeichnungen und Plänen kam. Demmer repräsentierte den Typus des ernsten, klugen deutschen Arbeiters, der an sich unermüdlich fortarbeitet und nur durch Geldsorgen und die tödliche Fabriksarbeit an der vollen Entwicklung gehindert wird. Demmer schilderte den gewaltigen Industriekomplex, der in Wöllersdorf während des Krieges entstanden war, legte dar, wie sich dort in den tadellosen Betonbauten große Industrien schaffen ließen, während mangels der entsprechenden Organisation, infolge ungenügender Kapitalien und Opferwilligkeit, die Glasbläsereien, Maschinenfabriken und Gießereien, die in Betrieb gesetzt worden waren, sich nicht rentieren konnten. Er machte folgenden präzisierten Vorschlag:

Ralph möge in Wöllersdorf eine Arbeitsgenossenschaft gründen, die von ernsten, selbstlosen Männern geleitet würde. Die ersten Jahre würden sicher Milliarden verschlingen, späterhin müßte sich aber, wenn erst die Weltwirtschaft in Ordnung geraten, eine bedeutende Rentabilität erzielen lassen. Ein Reingewinn, sollte zu einem Drittel unter die Arbeiter verteilt werden, während die anderen zwei Drittel zum weiteren Ausbau der Industrien verwendet werden.

»Vorausgesetzt«, schloß der Arbeiter seine Ausführungen, indem er Ralph frei und offen ins Gesicht blickte, »daß es sich Ihnen nicht um eine reine Geschäftssache handelt, sondern um ein Werk, das Ihren Namen mit dem Geschick Österreichs auf ewig verknüpfen würde.«

Ralph schüttelte Demmer die Hand.

»Ihr Vorschlag ist der erste, mir durchaus sympathische, der an mich herantritt. Und Sie sollen sich in mir nicht getäuscht haben. Sie werden bald von mir hören.«

Als er mit Kriegel, der der Unterredung beigewohnt hatte, allein war, sprach er gewisse Bedenken aus.

»Einerseits bin ich doch diesen Bankleuten halb und halb verpflichtet, anderseits weiß ich nicht, wen ich an die Spitze eines solchen Unternehmens stellen sollte.«

Kriegel meinte bedächtig:

»Die Sache ist doch sehr einfach: Da die Bankdirektoren Ihnen immer wieder versichern, daß sie ganz selbstlos, nur im Interesse des Staates handeln wollen, können sie gar nichts dagegen haben, wenn Sie Wöllersdorf ausbauen und finanzieren. Immerhin könnten die Großbanken ja als Vermittlungsstellen bei der Vermögensverwaltung funktionieren. Und was die Person an der Spitze betrifft: Ich kenne nur eine in Österreich, die durch ihre Vergangenheit, vornehme Gesinnung, Unantastbarkeit geeignet wäre, so gewissermaßen als Präsident der Wöllersdorfer Arbeitergenossenschaft zu funktionieren. Es ist dies Wladimir Beck, früherer Ministerpräsident, jetzt Präsident des Obersten Rechnungshofes, Aristokrat im wahren Sinne des Wortes, heute schon ein alter Herr, aber voll unverbrauchter Kraft und hingebungsvoller Liebe zu Österreich. Korruption, Gemeinheit, Bestechung Verleumdung und Intrigen wagen sich an ihn nicht heran, sein Name allein würde die dunklen Geister verscheuchen.«

Ralph prägte sich den Namen in sein Gedächtnis ein und ging zunächst daran, die Großbanken mit seinen neuen Ideen vertraut zu machen.

Die Herren waren bestürzt, konnten ihre Enttäuschung nur mühsam verhehlen. Arbeitsgenossenschaft? Ein totgeborenes Kind! Schade um die Millionen! Die Arbeiter werden sich dort als Herren fühlen und noch weniger arbeiten wollen, als sonst. Nur eine starke, energische, rücksichtslose Hand könne ein solches Werk aufbauen. Überhaupt sei Wöllersdorf ganz überflüssig, denn die Wiener Großbanken hätten genug Industrien, die heute nicht voll arbeiten, aber bei genügender Kapitalisierung Großes leisten würden. Und so weiter.

Ralph blieb diesem Wortschwall gegenüber kühl.

»Das Wort ›genug Industrien‹ kenne ich nicht! Und Sie widersprechen sich selbst, haben vor wenigen Tagen noch mir zugestimmt, als ich erklärte, es sei lächerlich, daß Österreich keine einzige Schreibmaschinenfabrik besitze, jede Füllfeder, jedes Uhrenglas, jede Taschenuhr aus dem Ausland beziehen müsse. Und wie steht es mit der Schuhindustrie in Österreich? Warum muß der Österreicher für seine Schuhe einen Preis zahlen, der hoch über die Weltparität geht? Warum soll eine opferwillige Konkurrenz nicht die Preise drücken? Die Arbeiter werden sehr wohl arbeiten wollen, wenn sie wissen, daß sie dadurch aus der Not des Tages herauskommen, vielleicht sogar ein bescheidenes Vermögen erwerben können. Vor allem aber, und das erscheint mir das Wichtigste zu sein, ein Aufbau von Wöllersdorf ohne Rücksicht auf momentane Konjunktur und Rentabilität würde die Hälfte der Arbeitslosen aufsaugen.«

Klopfer-Hart lenkte kluger Weise ein:

»Meine Herren, wir alle wollen ja dasselbe, wenn auch auf verschiedenen Wegen. Also muß ein Mittelweg gefunden werden. Bitte, Herr O'Flanagan, setzen Sie uns mit Ihrem Arbeiter in Verbindung und wir werden ein Konsortium gründen, das Philanthropie und Realität, Geschäftsgeist und Zukunftsträume verbindet.«

Draußen im Automobil sagte Kriegel zu dem Amerikaner:

»Die Burschen sind zäh. Sie werden nun versuchen, den Demmer durch Geldangebote auf ihre Seite zu bringen! Wenn Sie nicht wollen, daß der Mann korruptioniert wird, so bringen Sie ihn nicht mit den Leuten zusammen. Überhaupt, haben Sie nicht bemerkt, daß gerade die Leute, auf die es ankommt, gar keine wirkliche Hilfe wollen? In klarem Wasser ist schwer fischen, der dümmste Karpfen sieht den Köder zu gut. Wenn ich Sie wäre, würde ich von nun an nur mehr mit dem Zitat aus Götz arbeiten, mein Leben genießen, hier und dort individuell jemandem helfen und sonst dem Schicksal seinen Lauf lassen.«

Ralph schüttelte müde den Kopf.

»So leicht gebe ich mich nicht geschlagen! Wo ein Wille, da ein Weg, und ich gebe es noch nicht auf, die guten Geister um mich zu sammeln!«

Es waren aber, wie gesagt, nicht nur die Großen, die gegen Ralph Sturm liefen, sondern ganz Wien streckte die Hände nach ihm aus.

Große Bühnenkünstler schilderten ihm die eigene Not, die sie zwang, spät nachts, nach nervenermüdender Vorstellung in verrauchten Kaffehäusern und erbärmlichen Tingeltangeln Zoten zu reißen, in Intervallen von oft nur einer halben Stunde an drei, vier Stellen sich zu produzieren, oder aber ihre beste künstlerische Kraft dem Film zu widmen. Einige Herren machten ihm den Vorschlag, die in ewigen Nöten befindliche Volksoper zu pachten, dort zu ganz kleinen Preisen Musteraufführungen zu veranstalten, so daß einerseits dem theaterhungerigen Mittelstand geholfen wäre, anderseits durch die Einnahmen die notleidenden Künstler gegen die Verpflichtung, in Rauchtheatern nicht mehr aufzutreten, eine Erhöhung ihrer Bezüge erfahren würden. Es wurde nachgewiesen, daß eine Million Dollar im Jahr hinreichen würde, um ein solches Unternehmen sicherzustellen.

Ralph, der nicht vergessen hatte, daß seine Mutter dereinst ein armes Theatermädel gewesen, war für den Vorschlag sehr eingenommen, wollte schon seine Zustimmung geben, als er erfuhr, wie sich auch an den vornehmsten Wiener Stätten dramatischer Kunst Intrigen, Intoleranz, Gehässigkeit breit machen. Es wurde ihm von Leuten, die er für durchaus glaubhaft halten durfte, mitgeteilt, daß der neue Herr eines ersten Theaters, ein Mittelding zwischen preußischem Unteroffizier und Künstler, seine Macht benütze, um Kollegen, mit denen er persönlich nicht gut stand oder die nicht seiner Rasse angehörten, hinauszudrängen, unter dem Titel Abbau brotlos zu machen.

Er entzog sich allem Liebeswerben, verließ einen Boden, der ihm zu glatt und mit Fallstricken versehen schien.

Der Bundeskanzler ließ Ralph nicht aus den Augen, lud ihn wiederholt zu intimen Besprechungen ein, entwickelte in mild-versöhnlich-süßlicher Weise seine politischen Ideen, die denen Lolottes verflucht ähnlich waren. Er war in solchen Besprechungen nicht Römer, nicht Prälat, nicht christlichsozialer, sondern ganz kluger Weltmann.

Auch andere Politiker nahmen mit Ralph Fühlung. Einzelne Sozialdemokraten lernte Ralph kennen, kluge, ehrliche Leute, aber für den Geschmack des parteilosen Amerikaners allzusehr mit Dogmatik beladen, zu sehr auf ein festes Programm eingeschworen und doch schwankend zwischen starrem Festhalten am Marxismus und Nachgeben bis zur Verwaschenheit. Immerhin bedeutete für den Amerikaner die Bekanntschaft von Männern wie Otto Bauer, Friedrich Adler, Eldersch, Seitz, Renner, Breitner und Allina einen reichen Gewinn.

Auf einen höflichen Brief lud Ralph schließlich auch den sogenannten bürgerlich-demokratischen Nationalrat Ottokar Czernin, in seinen Kreisen noch immer mit Ehrfurcht als Graf tituliert, zu sich ein. Dieser Mann, der öffentlich erklärt hatte, genau gewußt zu haben, daß der Krieg für die Mittelmächte schon 1917 verloren, aber trotzdem auf dem Posten eines Ministers des Äußeren geblieben war, dieser Mann, der sich nach dem Umsturz als bürgerlicher Demokrat gebärdete, war von den jüdischen Wählern und Wählerinnen zum Nationalrat erwählt worden. Von jenen Judenweibern in erster Linie, denen es gewaltig imponierte, daß der »Herr Graf« ihnen die Visitenkarte ins Haus schickte, die sich schon durch einen Händedruck des »vornehmen Herrn« sexuell erregt fühlten. Nach seiner Wahl zeigte der famose Graf sein wahres Gesicht, schloß sich fast vollkommen an die Christlichsozialen an, hatte die Schamlosigkeit, gemeinsam mit den Reaktionären gegen die vornehmste freiheitliche Kulturforderung, nach Trennung von Kirche und Staat, wie sie längst in allen zivilisierten Ländern bestand, zu stimmen. Ohne daß seine vertrottelten Wähler und Wählerinnen, die sich geehrt fühlen, wenn ein Graf sie anspeit, irgend etwas getan hätten, um ihm das ergatterte Mandat wieder abzunehmen.

Ralph aber erkannte mit seinem unverdorbenen Verstand sehr rasch die Hohlheit und Seichtheit dieses Mannes, der sein Manko an Charakter und Geist durch glanzvolle Manieren in Wählerversammlungen so gut zu verbergen verstand, und verhielt sich allen Anregungen des Grafen gegenüber kühl und ablehnend.

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