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Der Kampf um Wien

Hugo Bettauer: Der Kampf um Wien - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorHugo Bettauer
titleDer Kampf um Wien
publisherHannibal Verlag
year1980
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070121
projectid41fe131f
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25. Kapitel

Wenn die Maske fällt.

Egon Kriegel ging die Geschichte mit der Wahrsagerin nicht aus dem Kopf. Er witterte eine Intrige, ein weitverzweigtes Komplott, und ahnte instinktiv, daß sich der Impresario der Tänzerin als Drahtzieher dabei betätigte. Unter dem Vorwand, ein Zimmer mieten zu wollen, begab er sich in die Pension in der Lolotte Valon wohnte, und erfuhr dort von der Pensionsinhaberin unschwer den Namen des ungarischen Herrn, der bei der Tänzerin die Rolle eines Begleiters, Beschützers und Beraters spielte.

Also ein Ungar und mit Namen Lazlo Bartos. Wo erfährt man über Ungarn, die in Wien leben, alles? Am leichtesten bei den Emigranten der Räteregierung, dachte Kriegel und begab sich nach dem Café Central, wo, wie er wußte, viele von ihnen verkehren.

Tatsächlich bilden diese Emigranten eine ganz stattliche Kolonie in Wien. Ein beträchtlicher Teil der geistig hervorragendsten Ungarn befindet sich unter ihnen, Schriftsteller, Maler, Journalisten von Bedeutung, hochtalentierte Menschen, die sich damals, als der Kommunismus ihnen eine heilige Sache, die große Menschenerlösung zu sein schien, der Räteregierung zur Verfügung stellten. Und nun müssen sie in der Fremde das harte Brot der Verbannung essen, da die finsteren Geister, die in Ungarn herrschen, ihnen die Rückkehr nicht möglich machen, statt geistige Kulturträger, die Ungarn so notwendig brauchen würde, liebevoll an die Heimat zu fesseln. Und die eigenartige und einzigartige Begabung dieser Menschen bringt es zuwege, daß sie langsam aber sicher im fremden Lande aufgehen, ohne es zu wissen germanisiert werden. Ungarische Schriftsteller wurden im Laufe weniger Jahre zu deutschen, aber sie behalten ihre Eigenart, bringen einen exotischen Ton in die deutsche Literatur.

Kriegel begab sich im Café Central an den Stammtisch einer solchen literarischen Emigrantengruppe und fragte geradeheraus, ob jemand einen gewissen Laszlo Bartos kenne. Bela Balton, der vor drei Jahren noch der deutschen Sprache kaum mächtig war und heute zu den ersten Wiener Feuilletonisten gehörte lachte kurz auf.

»Und ob ich ihn kenne! Ein Lump, ein Schuft, wie ihn die Erde schwärzer noch nicht getragen hat! War einmal Offizier, wurde wegen schmutziger Geschichten degradiert, im Krieg wieder Offizier, und zwar Kundschafter. Sehr geschickt verstand er es dann, sich an Bela Kun heranzuschleichen, der ihm die Organisation des Nachrichtendienstes gegen Rumänien, Jugoslawien und die Tscheo-Slowakei übergab. Als dann die Räteregierung zusammenbrach, blieb er in Budapest, stellte sich Horthy zur Verfügung, verriet Hunderte von Kommunisten, die sich versteckt hielten, spürte sie auf und überlieferte sie dem Henker.«

»Und jetzt?« fragte Kriegel interessiert.

»Jetzt ist er in Wien, soll hier eine von der hiesigen, wie der ungarischen Regierung unterstützte Detektivagentur leiten und der Freund der verrückten Tänzerin Lolotte Valon sein, mit der er wenigstens vor einigen Wochen noch oft gesehen wurde.«

Egon Kriegel war von dem Ergebnis seiner Nachforschung sehr befriedigt und dachte nun über Mittel und Wege nach, diesen Bartos persönlich kennen zu lernen. Der Zufall war ihm günstig.

Ralph hatte sich für diesen Abend, wie fast täglich, mit Lolotte im Tabarin verabredet und bat Kriegel und Korn, seine Gäste zu sein.

Beide, Korn ebenso wie Kriegel, sprachen den amerikanischen Drinks und dem Champagner so reichlich zu, daß sie nicht mehr ganz nüchtern waren; und das hatte zur Folge, daß sie mehr noch als sonst aus sich herausgingen. Es begann sich ein wahres Feuerwerk an Geist und Witz zu entwickeln, die beiden Schriftsteller verulkten einander, Kriegel in seiner breiten, bedächtigen Art, Korn sprudelnd, laut, bald pathetisch, bald schnodderig, jetzt das geschraubteste Hochdeutsch sprechend, um plötzlich heftig zu jüdeln.

Ralph unterhielt sich königlich, er vergaß die quälenden Widersprüche, die ihn zerrissen, gab sich ganz seiner guten Laune hin, um so mehr als auch Lolotte lustig, ausgelassen war und ihm heute noch begehrenswerter erschien als sonst.

Um Mitternacht wurde Korn, dieser Erotiker aus tiefster Überzeugung, frivol. In der Nebenloge saß eine überschlanke junge Frau neben einem Erzphilister. Sie kokettierte mit Korn, der Gatte drehte wütend seinen gesträubten Schnurrbart, und da außerdem an einem Tisch unterhalb der Loge ein bildhübscher und knabenhaft aussehender Jüngling saß, der ebenfalls keinen Blick von Korn wandte, so fühlte sich dieser zur äußersten Geistentfaltung angeregt, sprach so laut, daß man nebenan und unten ihn genau verstand und wurde von einer so offenen und kühnen Frivolität, daß Ralph ordentlich erschrak. Er begann die intimsten Dinge mit ihrem intimsten Namen zu bezeichnen, besprach sexuelle Angelegenheiten mit nicht mehr mißzuverstehender Deutlichkeit, das alles aber mit so viel Grazie, daß auch Ralph ihm nicht bös sein konnte.

Als nun Korn, von Kriegel sekundiert, eine unerhörte Cochonnerie von sich gab, geschah Unerwartetes. Ralph warf, peinlich berührt, einen Blick auf Lolotte. Diese aber vergaß einen Augenblick, ihre Rolle zu spielen. Lachte grell und dirnenhaft auf und ihr geschminktes Gesicht verzerrte sich zu einer obszönen, schamlosen Fratze.

Dieser Augenblick war schicksalbestimmend für Ralph. Der Bruchteil einer Sekunde genügte, um ihn klar sehen, erschauern, das wahre Gesicht Lolottes erkennen zu lassen. Er biß sich auf die Lippen, rückte innerlich von Lolotte ab, fand sich selbst, schloß die Augen und eine brennende Sehnsucht nach Hilde überkam ihn. Das süße, liebliche keusche Mädchenbild verwob sich mit dem gütigen Gesicht seiner Mutter, rote Nebel stiegen vor ihm auf, ein Schauer rann ihm über den Rücken und seine Hand umklammerte das Champagnerglas vor sich so heftig, daß es in Stücke brach.

Verdutzt schwieg Korn, Lolotte besann sich, ahnte, daß sie aus ihrer Rolle gefallen, beugte sich zu Ralph und sagte mit ihrer weichen, singenden Stimme:

»Lieber Freund, was ist Ihnen? Sie sind so bleich geworden!« In diesem Augenblick betrat Laszlo Bartos, der sich, seitdem Lolotte den Amerikaner kennen gelernt, in der Öffentlichkeit von ihr fern gehalten, den Tanzsaal. Ein Wiener Varieté hatte der Tänzerin durch ihn einen glänzenden Gastspielantrag gemacht, der heute noch angenommen oder abgelehnt werden mußte. Bartos wollte nun Lolotte durch einen Blick verständigen, rasch zu ihm in den Vorraum zu kommen.

Aber Lolotte hatte sich nicht mehr so in der Gewalt wie sonst. Der Zwischenfall mit dem zerbrochenen Glas, allzureicher Champagnergenuß hatten sie verwirrt und so winkte sie Bartos zu, rief »O, Herr Laszlo Bartos, mein Impresario!« und rief ihn heran, um ihn vorzustellen.

Korn flüsterte halblaut: »Widerliche Zuhältervisage!« Ralph empfand den Blick des Ungarn als stechend und abstoßend, Kriegel aber, dessen leichter Rausch sofort schwand, war ganz Liebenswürdigkeit, forderte Bartos auf, bei ihnen Platz zu nehmen.

Das Gespräch wechselte, Egon Kriegel brachte es mit größter Geschicklichkeit auf politische Dinge, sprach von dem Mordattentat auf den tschechischen Finanzminister Raschin.

Ralph zuckte die Achseln.

Solange die Menschen Dolchstöße und Revolverschüsse für Argumente halten, wird es auf der Welt nicht besser sein. Kriegel aber sagte breit und gemächlich:

»Mir war dieser Raschin sehr sympathisch, weil er die tschechische Krone in die Höhe getrieben hat und ich vom »Prager Tagblatt« Honorare bekomme. Aber anderseits begreife ich, daß jemand, der dadurch Geld verlor, ihn umbringen wollte. Es wundert mich nur, daß ihn nicht längst ein Ungar erschossen hat, denn dieser Raschin war doch ein erklärter Feind des unterdrückten edlen Ungarvolkes.«

Leute, die Kriegel näher kannten, wußten, daß solche Äußerungen nie ernst zu nehmen waren, sondern sich hinter ihnen gewöhnlich der gegenteilige Sinn versteckte. Lolotte aber, die ihn nicht kannte und leicht beschwipst war, nahm die Worte für bare Münze und rief:

»Ganz recht, so soll es allen Ungarfeinden gehen!«

»Richtig, mein Fräulein«, erwiderte gelassen Kriegel, »Herr O'Flanagan hat mir erzählt, daß sie eine politische Schwärmerin sind, die an Ungarn hängt und Weltmachtsträume hegt. Was halten Sie davon, Herr Bartos, glauben Sie an die Möglichkeit eines neuen Bundes, der Österreich, Ungarn, Bayern und Italien umfaßt?«

In Bartos aber fand Kriegel seinen Meister. Der Ungar leerte ruhig sein Glas, lachte spöttisch und sagte:

»Reiner Blödsinn! Kindische Phrasen, die Fräulein Lolotte irgendwo aufgeschnappt hat! Ungarn braucht kein Bündnis, Ungarn muß allein bleiben und sich als Agrarstaat erhalten. Ein Mensch, der solches Bündnis bewerkstelligen wollte, müßte als Narr ins Irrenhaus gesperrt werden!«

Lolotte verstand und gab dem Gespräch eine andere Wendung. Ralph aber warf Kriegel einen Blick zu, der sagen sollte: Sehen Sie, die Idee stammt nicht von diesem Mann, es handelt sich bei Lolotte um Intuition, um instinktive Eingebung.

Egon Kriegel war durchaus nicht überzeugt, sondern hielt Laszlo Bartos erst recht für ein gefährliches Individuum.

Um ein Uhr morgens ging die Gesellschaft auseinander. Ralph brachte Lolotte in seinem Auto nach Hause. Und sie fühlte, daß er nicht so stürmisch begehrend war wie sonst. Im Hausflur küßte sie ihn. Er erwiderte den Kuß, aber riß sie nicht wie sonst wild an sich. Und als sie ihn bat, morgen nachmittags zu ihr zum Tee zu kommen und hinzufügte, sie werden dann ein paar Stunden ganz allein sein, nahm er die Einladung wohl an, aber erst nach einer Sekunde des Zögerns.

Mit einem bösen Gesicht legte sich Lolotte zu Bett, aber bevor sie das Licht abknipste, setzte sie den Telephonapparat, der auf dem Nachttisch stand, in Bewegung und rief Bartos an.

»Du«, sagte sie auf ungarisch, »ich glaube, irgend etwas geht schief. Denke, daß ihm sein Wiener Gänschen wieder im Kopf herumgeht. Übrigens, bist du schon ausgezogen? Nein? Dann komm' zu mir, du hast ja die Schlüssel. Kannst wieder einmal hier übernachten. Gut, ich erwarte dich!«

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