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Der Kampf um Wien

Hugo Bettauer: Der Kampf um Wien - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
authorHugo Bettauer
titleDer Kampf um Wien
publisherHannibal Verlag
year1980
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070121
projectid41fe131f
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24. Kapitel

Ein neuer Plan.

Ralph hatte sich entschlossen, einen Privatsekretär zu engagieren. Er bekam täglich Hunderte von Briefen, zum überwiegenden Teil Bettelbriefe von mehr unverschämten als verschämten Armen, die es vortrefflich verstehen, alle Möglichkeiten aufzuspüren, bei allen Hilfsaktionen Liebesgaben zu ergattern, im psychologisch günstigen Augenblick an die Reichen heranzutreten. Dem Amerikaner bereitete es Pein, alle diese Briefe lesen zu müssen, aber er war zu gewissenhaft, um sie ungelesen in den Papierkorb zu werfen. Denn es konnte ja doch auch sein – und mitunter war es auch der Fall –, daß sich ein wirklich Verzweifelter, jemand, dessen Existenz sich aufrichten ließ, an ihn hilfesuchend wandte. So ließ sich denn Ralph durch Korn den Dichter, Dramatiker, Bohemien und grundgütigsten Menschen der Welt, Egon Kriegel, empfehlen, der die Vormittagsstunden bei ihm mit der Sichtung des Posteinlaufes und Erledigung der Ansuchen verbrachte.

Egon Kriegel war eines der seltsamsten Menschenexemplare. In einem ungeheuren Körper von mächtigem Volumen steckte die feinste, anmutigste Künstlerseele, boshafter Witz vereinigte sich mit unendlicher Herzensgüte, scharfer, den Dingen bis auf den Grund blickender Verstand wurde durch umfassende, fast polyhistorische Bildung unterstützt. Und derselbe Mann, der, um sein Brot zu verdienen, in Tageszeitungen den Clown spielen und seinen originellen Geist in Aperçus vor die Meute werfen mußte, schrieb eine Judastragödie, die wohl erst nach seinem Tode als klassisches Werk bewundert werden würde, arbeitete an philosophischen Büchern, in denen die letzten und tiefsten Dinge erfaßt wurden.

»Ralph liebte den bartlosen Mann, der wie ein Knabe von übernatürlichen Dimensionen aussah, vom ersten Augenblick an, fühlte, daß er sich ihm in allen Dingen anvertrauen durfte. Und so zögerte er auch nicht, ihn in seine Beziehungen zu Lolotte und Hilde einzuweihen, ihm von dem Zwiespalt, der ihn zerriß, zu erzählen und zu berichten, welch seltsame Prophezeiung, die eine Bestätigung dessen war, was Lolotte von ihm forderte, ihm heute gemacht worden.

Egon Kriegel füllte sich zum sechstenmal ein Wasserglas mit dem herrlichen Whisky, den das Hotel für seinen amerikanischen Gast besorgt hatte, und wurde nachdenklich.

»Prophezeiungen halte ich für durchaus möglich. Warum soll es nicht Menschen geben, die auf Schwingungen, Ausstrahlungen ganz anders und viel intensiver reagieren als andere Menschen? Wer an Ahnungen, an telepathisches Vorausfühlen einer Person, an scheinbar unbegründete Sympathien und Antipathien, an Liebe auf den ersten Blick und ähnliche Dinge glaubt, die sich nicht rein mechanisch erklären lassen, der wird es nicht von der Hand weisen können, daß es Menschen geben mag, die einen Blick in das tun, was wir fälschlich Zukunft nennen. Nur denke ich, daß solche begnadete Menschen nicht ins Café Casa Piccola gehen, um wahrzusagen, wie mir überhaupt die ganze Geschichte reichlich plump vorkommt.

Auch gegen diese Lolotte Valon, von der ganz Wien spricht, habe ich meine Bedenken. Und zwar aus einem sehr einfachen Grund: Weil sie, wie Sie mir andeuteten, kein Verhältnis mit Ihnen haben will. Wenn eine Frau, die einen Mann gern hat, sich ihm nicht hingibt, so beweist das spekulative Absichten, insbesondere wenn diese Frau in der Hingabe schon einige Praxis hat.«

Ralph wollte auffahren, Egon drückte ihn auf den Stuhl nieder.

»Verehrtester Mann aus einer anderen Welt! Sie glauben doch hoffentlich nicht, daß Fräulein Lolotte von den wohlschmeckenden Liebesfrüchten noch nicht gekostet hat? Wäre auch jämmerlich und dumm! Abgesehen davon, daß Unberührtheit nicht immer ein Zeichen von Keuschheit ist, wird es doch wohl einer Tänzerin erlaubt sein, zu tun, wie sie will. Lolotte für eine reine Jungfrau zu halten, käme einer Beschimpfung gleich. Aber, um auf das zu kommen, was ich sagen wollte: Warum will Lolotte Valon mit Ihnen kein Verhältnis haben? Weil sie weiß, daß man den begehrenden, hungerigen Mann ganz anders am Gängelband führt, als den, der seinen Appetit schon befriedigt hat. Sklave ist nur der Nichtbesitzende, nie der Saturierte. Und sie braucht Sie eben zu irgend einem Zweck als Sklaven.

Sollte dieser Zweck nicht in dem politischen Schmus liegen, den sie Ihnen vormacht? Glauben Sie, daß derartige Ideen von solcher Tragweite im Gehirn eines Weibes entstehen? Ne, mein Lieber, da steckt etwas oder besser gesagt jemand dahinter! Haben Sie eigentlich schon den Manager des Fräulein Valon gesehen?

Ralph verneinte.

»Ich auch nicht, niemand kennt ihn. Aber der Kerl scheint nicht dumm zu sein! Die Idee mit dem Monokel und den durchsichtigen Kleidern und dem Bären ist sogar sehr klug. Hm! Ich werde mich, wenn Sie gestatten, aber auch wenn Sie es nicht gestatten, ein wenig um diesen Mann bekümmern! Raten tue ich prinzipiell nie jemand, weil noch niemand einen Rat befolgt hat. Sonst würde ich Ihnen dringend raten, sich mehr um dieses Fräulein Hilde, das von Ihnen nichts weiß, als daß Sie ein netter hübscher Kerl sind, zu kümmern und weniger um Lolotte. Oder noch besser: Stellen Sie ein Ultimatum: Liebes Fräulein Lolotte, entweder Sie schenken mir heute nachts gegen einen Scheck auf zehntausend Dollar das Vergnügen Ihrer Gesellschaft oder Pfirt di Gott!«

Ralph lachte gequält.

»So einfach ist das doch nicht, lieber Doktor Kriegel ... Sie kennen eben Lolotte nicht! Sie ist nicht das Weib, das sich kaufen läßt.«

Egon Kriegel schmunzelte skeptisch und begann die eben von Sam hereingebrachten Briefe zu öffnen.

»Edler Gönner! Ich bin vierundzwanzig Jahre alt, hübsch, habe meinen Mann durch den Hungertod verloren und stehe nun mit meinen elf unmündigen Kindern, deren ältestes sieben Jahre zählt –«

»Die Frau ist Massenproduzentin! Papierkorb.«

»Ein Invalider, dem beide Arme fehlen, schreibt Ihnen hiemit –«

»Darf ich Sie, hochverehrter Mister O'Flanagan bitten, mir für den von mir begründeten und verwalteten Verein »Das butterweiche Herz«, der in aller Stille Wohltätigkeit übt, den für Sie sicher nichts bedeutenden Betrag von tausend Doller zur Verfügung –«

»Typus Wohltätigkeitsfurie, die von den Sammlungen für andere behaglich lebt. Das ist eine Sache, in die man einmal gründlich hineinleuchten müßte. Nur würde man den Gestank kaum aushalten, der sich bei solcher Reinigungsarbeit entwickeln könnte.«

Plötzlich verstummte Kriegel auf einige Zeit, so daß Ralph, der eben an einem Brief nach Amerika schrieb, fragte:

»Nun, was haben Sie jetzt gefunden?«

»Den Brief eines wirklichen Menschen. Hören Sie:

Auf die Gefahr hin, daß dieser Brief mit tausend anderen ungelesen in Ihrem Papierkorb, der Wolkenkratzerdimensionen haben muß, fliegt, wende ich mich doch an Sie. Nicht für mich allein, sondern für einige tausend Kameraden, denen übel mitgespielt wird. Ich bin Arbeiter, Eisendreher, in den großen Wöllersdorfer Werken, die früher während des verfluchten Krieges eine rege, menschenmordende Tätigkeit entfalteten, nach dem Umsturz aufbauender, segenbringender Produktion zugeführt werden sollten, durch Schlamperei, Unfähigkeit und unfruchtbare abstruse Ideen eines mißverstandenen Kommunismus mit phantastischem Defizit arbeiteten, dann in die Hände einer profitgierigen reichsdeutschen Gesellschaft übergingen und nun, da sich der erhoffte Riesenprofit nicht einstellen will, stillgelegt werden sollen. Was für uns, die wir arbeiten können und wollen, für unsere Frauen und Kinder Elend, Not, Kummer und Hunger bedeutet.

Wenn ich nun auch nur ein einfacher Arbeiter bin – ich mußte ja, als der Krieg ausbrach, die Realschule verlassen, um als jugendlicher Arbeiter Brot für die Mutter und Geschwister zu verdienen –, sehe ich doch mit meinen klaren Augen, daß bei vernünftiger Leitung und Investierung von neuen Geldern sich aus den Wöllersdorfer Werken Gewaltiges schaffen ließe. Man hört, daß Sie irgendwie diesem Land beispringen wollen. Wenn dem wirklich so ist, wenn es sich nicht auch Ihnen nur darum handelt, Ihre überschüssigen Dollar nutzbringend anzulegen und aus dem österreichischen Kadaver noch ein paar brauchbare Knochen zu holen, so würde ich Ihnen raten, sich Wöllersdorf anzusehen. Wöllersdorf wäre der Punkt, an dem man die Harke ansetzen müßte, um aufzubauen.

Nehmen Sie mir meinen Brief, den Sie ja doch wahrscheinlich nie zu Gesicht bekommen werden, nicht übel. Ihr ergebener

Rudolf Demmer, Wöllersdorf, Baracke 118.«

Ralph hatte voll Interesse zugehört.

»Dr. Kriegel, den Mann möchte ich kennen lernen. Bestellen Sie ihn für Sonntag her!«

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