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Der Kampf um Wien

Hugo Bettauer: Der Kampf um Wien - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorHugo Bettauer
titleDer Kampf um Wien
publisherHannibal Verlag
year1980
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070121
projectid41fe131f
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23. Kapitel

Die Wahrsagerin.

Hilde Wehningen war betrübt und enttäuscht. Ralph hatte ihr am letzten Tag des alten Jahres ein herrliches Blumenstück und eine mächtige Bonbonniere geschickt, seither aber nichts mehr von sich hören lassen. Täglich, wenn sie um sechs Uhr das Bureau der Brüder Krause verließ, sah sie nach rechts und links die Straße entlang, aber vergeblich, Ralph, der sie bis zum Silvestertag täglich erwartet hatte, ließ sich nicht mehr blicken. Und trotzdem Hilde auch immer wieder ihren ganzen Stolz zusammennahm und sich selbst vortäuschen wollte, daß dieser Amerikaner ihr höchst gleichgültig sei – wenn sie dann wieder allein die Straßenbahn besteigen mußte, empfand sie den Schmerz tiefster Enttäuschung. Ihre Laune blieb trüb, obwohl tatsächlich, so wie Ralph es ihr gesagt hatte, die Bankgesellschaft ihren Chefs bedeutende Kredite zur Verfügung stellte und sie als unmittelbare Folge hievon eine Aufbesserung ihres Gehaltes erfuhr.

Gestern hatte der Zufall sie wieder mit Ralph zusammengebracht. Aber in sehr merkwürdiger Weise. Hilde war schon um fünf Uhr aus dem Bureau fortgegangen, um Besorgungen in der Inneren Stadt zu machen, und an der Ecke der Babenbergerstraße und des Ringes fuhr Ralph in einem mächtigen offenen Tourenauto – er hatte ein zweites Automobil gekauft – an ihr vorbei. Neben ihm aber saß ein bildhaft schönes, junges Weib mit brennend roten Haaren, Monokel in dem bleichen Gesicht, zu Füßen ein seltsames Tier, das man nicht so ohneweiters als Bären erkannte.

Im letzten Augenblick sah Ralph auch Hilde, die starr vor Überraschung stehen geblieben war, und er riß den Hut vom Kopf. Hilde aber glaubte mit ihren feinen, empfindsamen Nerven, in seiner Bewegung, in den Zügen seines Gesichtes tiefste Verlegenheit erkannt zu haben.

Sie biß sich auf die Lippen, atmete schwer und tief, sah mit einem müden Lächeln an sich herunter und dachte:

Wie sollte ich armes Mädel mit meinen schäbigen Fähnchen diesen eleganten, wahrscheinlich sehr reichen Amerikaner fesseln können? Die Laune eines Augenblickes und vorüber! Nun hält ihn dieses schöne, exzentrische Weib, neben dem ich ganz und gar verschwinde, und ich habe ihn verloren!

Abends war Hilde sehr blaß und müde und als ihre Mutter wieder einmal zu jammern begann und ihr vorrechnete, daß sie beide zusammen mit dem Einkommen Hildes demnächst würden verhungern müssen, brach das junge Mädchen in krampfhaftes Schluchzen aus. Plötzlich erschien ihr das Leben so leer und öde, so hoffnungslos und freudlos zu sein, wie noch nie vorher.

Der nächste Tag brachte ihr um so größere Überraschung. Als sie abends das Bureau verließ, stand Ralph unten und begrüßte sie mit übersprudelnder Herzlichkeit, die Hilde als übertrieben, unecht, Verlegenheitsreaktion empfand. Immerhin – sie freute sich so sehr, daß sie jedes bittere Empfinden gewaltsam unterdrückte und gerne mit ihm die Mariahilferstraße abwärts bis zum Café Casa Piccola ging, um dort in einer stillen ruhigen Ecke mit ihm zu plaudern.

Nervös, überreizt, innerlich voll Unruhe, erzählte ihr Ralph von allerlei gesellschaftlichen Verpflichtungen, die ihn fern gehalten und sagte dann leichthin:

»Die Dame, mit der Sie mich gestern im Auto sahen, ist die Tänzerin Lolotte Valon, mit der ich seit einiger Zeit bekannt bin.«

Hilde nickte. »Eine wunderschöne Frau! Ist sie in ihrem Wesen ebenso extravagant, wie in ihrer äußeren Aufmachung?«

»Keine Spur«, erwiderte Ralph lebhaft. »Das Einfachste und Natürlichste, was man sich nur denken kann. Aber sie hat da so irgend einen Manager, ich kenne ihn nicht, der ihr einredet, sie müsse durch sensationelles Benehmen und durch bizarre Kleidung Aufsehen erregen, um das Publikum zu fesseln. Übrigens, sprechen wir nicht von ihr, sondern lieber von Ihnen. Erzählen Sie, was sich in den Tagen, die ich Sie nicht gesehen, zugetragen hat.«

Hilde berichtete von dem Erfolg der Brüder Krause und erzählte stolz, daß ihr Gehalt von einer Million auf anderthalb Millionen erhöht worden sei.

»Viel ist es ja nicht, aber es wird schon gehen, wenn Mama auch fortwährend klagt und den Hungertod vor Augen hat.«

Ralph biß sich die Lippen fast blutig und würgte die aufsteigende Beklemmung hinunter.

Anderthalb Millionen im Monat zum Leben, Kleiden, Wohnen, zur Beleuchtung und Beheizung! Gestern erst hatte ihm Lolotte lachend erzählt, daß sie für kölnisch Wasser, Parfüm und ihren köstlichen, aus Indien herbeigeschafften Tabak allein eine halbe Million im Tag verbrauche. Worauf er ihr heute eine Kiste mit fünfzig Flaschen Eau de Cologne im Werte von einigen Millionen geschickt hatte.

Er sah Hilde in die reinen, klaren Kinderaugen und empfand im Unterbewußtsein Widerstand und Widerwillen gegen Lolotte. Raffte sich zusammen, sagte sich, er würde nun Schluß mit ihr machen, seine Zeit und seine ganze Liebe wieder diesem taufrischen, lieben klugen Mädchen widmen.

In diesem Augenblick kam ein altes, verhunzeltes Weib mit weißen Haarsträhnen unter dem grellroten Kopftuch, beim Gehen sich mühsam auf einen Stock stützend, auf sie zu.

Ralph, gewöhnt, daß man in Wien auf Schritt und Tritt angebettelt werde, griff in die Westentasche und warf ihr einen Tausender hin. Sie aber schüttelte den Kopf, ging dicht an den Tisch heran und sagte leise in einem deutschen Kauderwelsch:

»Ich nicht betteln, ich Zukunft sehen, Handlinien lesen. Zweites Gesicht sagt mir, daß es wichtig ist, Ihnen zu wahrsagen! Geben Sie mir die linke Hand, mein Herr!«

Ralph wollte ärgerlich abwinken, aber Hilde bat belustigt, er möge sich und ihr wahrsagen lassen. Er erfüllte natürlich ihren Wunsch und streckte der Alten die linke Hand entgegen.

Einige Minuten starrte sie die Handfläche wortlos an, dann schlug sie ein Kreuz, machte einen tiefen Knicks vor Ralph und begann:

»Der Herr ist über das Wasser gekommen. Viele Tage gereist. Hat Vater nicht und Mutter. Aber Mutter lebt weiter in ihm, beeinflußt seinen Willen, zwingt seine Gedanken. Ich sehe Gold, Gold, Gold. Einen Berg von Gold. Ich sehe, wie Sie das Gold beiseite schieben und durch ein dunkles Tor gehen. Und nun jubeln Ihnen Hunderttausende von Menschen entgegen, heben Sie auf die Schultern, schreien: ›Es lebe der Befreier!‹ Ich sehe Sie ganz hoch oben, zu Ihren Füßen Völker sich beugend. Ich sehe ein schönes Weib an Ihrer Seite mit goldigem Haar. Sie schreiten mit ihr einher, die Menschen werfen Blumen, schreien: ›Er lebe hoch!‹ Glück blüht um sie beide und Freude. Sie werden König, nein kein König. Ich sehe nicht Krone und Zepter. Aber ich sehe Sie doch als Herrscher – Kinder sehe ich, schöne Kinder und Sie beide, frohe Menschen, eine goldene Kette tragen Sie um den Hals.«

Die letzten Worte waren kaum noch zu vernehmen, das alte Weib gab Zeichen tiefster Erschöpfung von sich. Ralph, der totenbleich geworden war, wollte seine Hand fortziehen, aber sie umklammerte sie, richtete sich wieder auf und röchelte:

»Hüten Sie sich vor den Juden! Sie werden von falschen Freunden umdrängt, von Juden, die Ihr Geld haben wollen. Geben Sie ihnen nichts, nichts! Tun Sie, was die mit den goldenen Haaren Ihnen sagt. Folgen Sie ihr blind, dann wird alles gut werden!«

Wieder sank sie in sich zusammen, ließ nun die Hand Ralphs los und wankte wortlos davon.

Ralph fuhr sich mit beiden Händen über die Stirne. Wachte oder träumte er? Wie kam die Alte zu solchen Prophezeiungen? Wie konnte sie wissen – – Gab es nicht doch Dinge zwischen Himmel und Erde, die sich mit realer Vernunft nicht ergründen ließen?

Das fröhliche Lachen Hildes weckte ihn. Hilde sagte lustig:

»Nun ist die Alte davon ohne mir wahrzusagen! Und ohne Geld zu nehmen. Aber komisch war es doch, nicht? Woher konnte sie nur ahnen, daß Sie von jenseits des Meeres kommen? Und das mit der rothaarigen Frau, das kann doch nur Ihre Tänzerin sein? Komisch, nicht?«

Ralph war einsilbig und verstört. Was hatte dieser Spuk zu bedeuten? Und seine Gedanken rückten von Hilde ab, flogen zu Lolotte mit den goldschimmernden Haaren – –

Hilde fühlte, wie er ihr entglitt, und drängte zum Aufbruch.

Gerade als sie verstimmt voneinander Abschied nahmen, saß die Alte im Zimmer des Privatdetektivs Bartos und sagte auf ungarisch:

»Ich habe meine Rolle gut gespielt. Er war ganz verstört. Leicht war es aber nicht, ich wartete drei Tage in der Mariahilferstraße, bevor ich die beiden endlich zusammen traf. Das ist mehr als dreihunderttausend Kronen wert, sage ich Ihnen!«

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