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Der Kampf um Wien

Hugo Bettauer: Der Kampf um Wien - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorHugo Bettauer
titleDer Kampf um Wien
publisherHannibal Verlag
year1980
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070121
projectid41fe131f
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21. Kapitel

Silvesternacht.

Ralph glaubte zu träumen. War das die verelendete Stadt, die das Mitleid der ganzen Welt beanspruchte, war das die Stadt der Arbeitslosen, Abgebauten, der hungernden Pensionisten und verzweifelten Rentner, die Stadt, die ihre Bildungsstätten verkümmern lassen, Spitäler schließen, Wohlfahrtseinrichtungen aufgeben mußte? Ein wüsteres Bacchanal, tollere Geldvergeudung, ausgelassenere Laune konnte sich keine andere Stadt auf der Welt leisten, als dieses Wien in der Übergangsnacht von einem Jahr des Zusammenbruches zu einem Jahr der dumpfen Ungewißheit.

Ralph O'Flanagan schlenderte, bevor er sich nach dem »Tabarin« begab, durch die Innere Stadt, betrat ein Vergnügungslokal nach dem anderen. Alles überfüllt bei fünfstelligen Eintrittspreisen, überall Batterien von Weinflaschen auf den Tischen, Betrunkene schon lange vor Mitternacht.

In einer kleinen Nebengasse der Rotenturmstraße staute sich eine große Menschenmenge. Ein Unfall, eine Prügelei, Aufstand, Revolution? Keineswegs, es gab nur einige hundert Menschen, die verzweifelt waren, weil sie in das Etablissement da unten keinen Einlaß mehr fanden. Ralph brach sich, neugierig und interessiert, mit kräftigen Schultern und Fäusten Bahn, eine Banknote machte den Portier nachgiebig und nun stand er am Eingang zum maßlos überfüllten Saal. Der wohlbeleibte, rosig-blonde Wiesenthal betätigte sich eben als Conférencier, warf mit unnachahmlich trockenem Humor seine Bemerkungen in das Publikum, kündigte den Liebling des Wiener Publikums, Hermann Leopoldi, an. Wie eine Primadonna bejubelt, setzte sich der an das Klavier, und sang, sich selbst begleitend, mit weicher, sympathischer Stimme ein neues Lied mit dem Refrain:

»Wien, Wien, sterbende Märchenstadt – –«

Und die Stimmung schlug um, die Menschen, die eben noch wiehernd gelacht, hatten Tränen in den Augen, tiefe Stille senkte sich über den Saal.

Sterbende Märchenstadt – schön noch im Bettlerkleid – –

Ralph summte die Melodie mit, konnte sich einer gewissen Ergriffenheit nicht erwehren. Verlogene Sentimentalität, Selbstbeweihräucherung, echtes Empfinden verwoben sich miteinander, und seufzend sagte sich der Amerikaner, daß er dieser Stadt wie einem Rätsel gegenüberstand. Bettlerkleid und Duliähstimmung, sterbende Schönheit und leichtsinnige Lebenslust – die Dinge sind nicht so einfach, sind kompliziert, immer wenn ich glaubte, das wahre Bild der Stadt erfaßt zu haben, entstand vor meinen Augen ein anderes, flossen die Linien durcheinander.

Und schon schmetterte Hermann Leopoldi ein lustiges Liedchen, die boshafte Verherrlichung eines Fußballmatadors, in den Saal, und schon waren die Tränen getrocknet, brüllte johlendes Lachen auf.

Um halb zwölf Uhr betrat Ralph die von ihm bestellte Loge im »Tabarin«, bald darauf kam Lolotte Valon. Diesmals ganz in Schwarz. Aber unter der schleierdünnen schwarzen Seide leuchtete das rosige Fleisch, aus dem schwarzen Kelch hob sich der bis zu den Spitzen der Brüste entblößte Busen und das herrliche rotgoldene Haar leuchtete sinnverwirrend über dem blaß geschminkten Gesicht, aus dem sich die grünen Augen und die grellroten Lippen mit unnatürlicher Schärfe hoben.

Mit Herzklopfen und Beklommenheit fühlte Ralph, wie dieses Weib ihn behexte, sich seiner Sinne bemächtigte. Sein reines Empfinden wollte sich gegen die Schminke, das Monokel, das Lolotte nicht vom Auge tat, gegen die schamlos unter der Seide betonte Nacktheit empören, aber sein Wille unterlag dem schwülen Parfüm, der heißen Erotik, die von Lolotte ausgingen. Und als er sah, wie aus allen Logen neidische Blicke zu ihm herüberflogen, war er vom Stolz des sieghaften Männchens erfüllt.

Jauchzende Geigen, jubelnde Menschen, knallende Champagnerpropfen. Plötzlich ein Stimmengebraus von außen, daß die Wände zitterten, Mitternacht, ein neues Jahr. Die tausend elektrischen Lichter erloschen für eine kurze Minute. Und Ralph riß den schlanken Leib, der sich ihm in bebender Nacktheit bot, an sich, die Lippen fanden sich, Lolottes weiße kleine Zähne bohrten sich in seinen Mund, daß er fast aufschrie.

Die Lichter flammten auf, Ralph saß keuchend da, Lolotte, als wäre nichts geschehen, sah ihn nur groß an und setzte ihr kleines goldenes Pfeifchen in Brand.

»Rauchen Sie auch«, sagte sie leise und entnahm ihrem Täschchen eine zweite Pfeife, die sie aus einem kleinen Lederbeutel zu stopfen begann. »Es ist eine herrliche indische Mischung.«

»Opium! Sie sollten das nicht tun.«

»Opium, Kokain, Ambre und ein Tabak, wie ihn ein einziger Fürst in Indien besitzt. Rauchen Sie!«

Ralph erfüllte ihren Wunsch, fühlte, wie sich seine Sinne beruhigten, ein seltsames Behagen durch seine Glieder floß. Er begann die Musik, die Stimmen ringsumher, die Worte Lolottes wie aus weiter Ferne zu hören, sein Wesen spaltete sich, er sah sich, hörte sich, fühlte sich wie einen zweiten.

Lolotte rückte ganz nahe an ihn heran. Sprach:

»Und doch neide ich Sie um Ihren Reichtum. Wie würde ich die Welt beherrschen, wenn ich ein Mann mit solchen Mitteln wäre. Welch große, hohe Mission würde meiner harren!«

Inmitten rauschender Geigenklänge, während die Paare zu tanzen begannen, von Tisch zu Tisch, von Loge zu Loge die Rosenbündel, die Papierschlangen flogen, entwickelte Lolotte Ideen, an die Ralph noch nie gedacht. Sprach von dem brennenden Leid des edlen Ungarlandes, von der Verelendung Österreichs, von dem heißen Wunsch der Bayern, sich von dem harten, nüchternen Norden zu lösen, um sich mit Österreich zu vereinigen.

Sie schloß die Augen, beugte den Kopf nach rückwärts und flüsterte:

»Ich sehe ein großes, neues Reich, Bayern, Österreich, Ungarn, eng angegliedert an das große Italien, ein unbesiegbarer Block, eine Republik voll Kraft und Macht. Und Sie sehe ich als Diktator dieser neuen Macht, als gütiger, gerechter Herrscher, der mit der Macht seines Willens alle die Korruption, die Gier, die Niedertracht wegfegt, unter der heute die Völker zu leiden haben.«

Ralph richtete sich auf, schüttelte sich, sagte gezwungen lachend:

»Lolotte, Sie träumen! Wie käme ich, ein Fremder, zu all diesen Dingen?«

»Nur Sie, nur ein Fremder! Der Wille bei den führenden Geistern dieser Länder geht längst nach solcher Vereinigung! Fragen Sie den Prälaten, der an der Spitze der österreichischen Regierung steht, fragen Sie Horthy, den ungarischen Reichsverweser, fragen Sie Mussolini und in München die Männer an der Spitze. Es fehlt nur eines, um zur Tat zu schreiten: Geld, viel Geld, daß man uns nicht mit Hunger drohen kann, so viel Geld, daß wir, wenn es sein muß, die Armeen aus dem Boden stampfen können.«

»Wir – wir« wiederholte Ralph wie im Traum. »Wer sind Sie, was liegt Ihnen am Schicksal dieser Länder.«

»Fragen Sie nicht, Ralph! Ich stamme aus dem fernsten Osten vom Vater her, aber das Blut meiner Mutter bindet mich an Ungarn wie an Österreich. Fragen Sie nicht, dereinst werde ich Ihnen erzählen, was kein Mensch noch weiß. Ralph, nehmen Sie einen Kampf auf, wie ihn noch nie ein Mensch gekämpft hat. Den Kampf um Wien! Wenn Sie Wien erobert haben, gehört Mitteleuropa Ihnen. Und Ihnen wird die Bürgerkrone über Millionen Menschen gebühren! Nun aber wollen wir jung und froh sein! Kommen Sie, tanzen Sie mit mir!«

Lolotte rief dem Kapellmeister ein Wort zu, er brach das Lied ab, spielte zu einem Foxtrott auf und Ralph hielt das schöne Weib in seinen Armen und tanzte so wild, so hingebungsvoll, wie er nie geglaubt hatte, tanzen zu können.

Es war vier Uhr morgens, als Ralph Lolotte in seinem Auto nach Hause brachte. Sie nahm ihn mit bis zur Tür ihrer Zimmer in der Pension. Hing an seinem Hals, saugte sich an seinen Lippen fest und blieb unerbittlich.

»Einst werde ich dir alles geben! Aber erst, wenn ich sehe, daß du der Mann bist, für den ich dich halte.«

Ralph schlich in die feuchtwarme Nacht hinaus, seine Schläfen hämmerten, er fühlte den heißen Atem Lolottes um sich, sah in nebelhafter Ferne das Bild Hildes, kam sich genarrt vor, schämte sich wie ein Schulknabe, der auf einer Dummheit ertappt wird, nahm sich vor, dieses Weib zu meiden, streckte die Glieder und wußte, daß er den Augenblick ersehnte, da er wieder mit ihr beisammen sein würde.

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