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Der Kampf um Wien

Hugo Bettauer: Der Kampf um Wien - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorHugo Bettauer
titleDer Kampf um Wien
publisherHannibal Verlag
year1980
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070121
projectid41fe131f
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19. Kapitel

Lalotte Valon

Lolotte Valon war die Sensation von Wien. Von jenem snobistisch-mondänen Wien wenigstens, das für die schlechten Sitten und den noch schlechteren Geschmack tonangebend ist. Lolotte Valon war plötzlich – niemand wußte woher – in Wien aufgetaucht, und die Habitués des Grabenbummels standen Kopf ob dieser neuen Erscheinung. Lolotte Valon war – das ließ sich nicht bestreiten – von sieghafter Schönheit. Goldrote Haare standen in apartem Gegensatz zu den meergrünen großen Augen, die wieder von fast unnatürlich langen schwarzen Wimpern umrandet wurden. Ein Mund mit grellroten Lippen verriet hemmungslose Gier und ungezügelten Lebenshunger. Die Gestalt war knabenhaft schlank und strömte mit ihren weichen, schlangenhaften Bewegungen jene Sinnlichkeit aus, die aus Männern Sklaven macht.

Schon ihre Schönheit hätte genügt, Aufsehen zu erregen, aber Lolotte tat noch ein Übriges, um zum Tagesgespräch Wiens zu werden. Sie trug auf der Straße hauchdünne Seidenkleider, die die Schultern und einen Teil der marmorweißen Büste entblößten, dazu keinen Pelzmantel, sondern ein Marderfell lose um den Leib geschlungen. Und stets befand sich in ihrer Begleitung, entweder auf ihrem Arm oder gemütlich hinter ihr her trottend, ein kleiner schwarzer Grizzly-Bär. Wenn man nun noch mitteilt, daß Lolotte Valon nie ohne Monokel zu sehen war und auf der Straße aus einer kleinen goldenen Pfeife rauchte, und zwar, wie der Geruch verriet, irgend etwas rauchte, was mit Opium gemischt war, so wird man begreifen, daß die Herren und Damen Spalier bildeten, wenn die exotische Schönheit einherkam.

Eines Tages erschien Lolotte Valon im Tabarin in Begleitung eines ungarischen Herrn und tanzte. Tanzte mit so schwüler Hingabe, so wild und rasend, daß alle Gäste aufstanden und sogar die Kellner vergaßen, die Gäste zum Weitertrinken zu animieren. Natürlich forderte sie, als der Tanz beendet war, der eine und der andere der Gäste zu einem weiteren Tanz auf, und nun endlich erfuhr die Lebewelt, daß das schöne junge Weib Lolotte Valon heiße und von irgendwo aus dem Osten kam. Von wo sagte sie nicht, so daß man auf Vermutungen angewiesen war. Und bald hieß es, daß sie ein indischer Mischling, die illegitime Tochter eines Maharadschas und einer deutschen Prinzessin sei, während wieder andere wissen wollten, sie wäre aus dem Harem des entthronten Sultans direkt nach Wien gekommen. Sie sprach deutsch und französisch und englisch, aber jede Sprache mit seltsamen fremdem Akzent. In den Bars und Tanzlokalen erschien sie stets mit demselben ungarischen Herrn, von dem nur wenige wußten, daß dies der Inhaber des Privatdetektivinstituts »Luna«, Herr Lazlo Bartos, sei. Die vielen, die es hätten wissen können, die ungarischen Emigranten, sind fast ausnahmslos arme Teufel, die kein Geld haben, um in der Nacht Champagner zu trinken.

Als nun eines Tages ein öffentlicher Tanzabend Lolotte Valons angekündigt wurde, galt dies für jene, die keine anderen Sorgen kennen, als große Sensation, und der große Konzerthaussaal war gefüllt. Lolotte Valon tanzte nackt oder wenigstens fast nackt. Zwei Rosetten aus Diamanten auf den Brüsten, ein Schleier um die Hüfte, das war ihre ganze Kleidung. Und die gewiegtesten Lebemänner erklärten, noch niemals einen harmonischeren Körper, schönere und vollkommenere Linien gesehen zu haben.

Ein riesiger Kreis von Anbetern sammelte sich bald um Lolotte Valon, aber soviel man erfuhr, konnte sich niemand ihrer besonderen Gunst erfreuen. Sie nahm von allen Schmuck, Blumen und Bonbons, wenn sie Schulden hatte – und sie hatte trotz ihrer großen Einkünfte immer welche – mußten sich ihre Kavaliere in die Bezahlung teilen, aber niemand durfte allein bei ihr in dem Appartement der Pension bleiben, wenn die anderen um drei oder vier Uhr morgens gegangen waren. Herr Lazlo Bartos war es dann, der die, die am längsten ausharrten, höflich zum Fortgehen aufforderte, um sich mit ihnen zu entfernen.

Zwei Tage vor Neujahr besuchte Bartos Lolotte am frühen Vormittag. Lolotte lag im überheizten Schlafzimmer nackt auf dem Bett und spielte mit ihrem kleinen Bären, der vorsichtig die spitzen weißen Zähne in das köstlich duftende Fleisch vergrub, ohne ihr weh zu tun.

Der Eintritt Lazlos störte sie nicht, sie zog die auf den Fußboden geworfene Decke durchaus nicht hoch, sondern hielt dem Ungarn lachend den einen Fuß entgegen, an dessen kleiner, tadellos geformter Zehe ein Ring mit Smaragd steckte. Und Lazlo küßte die Zehe, küßte den gierigen Mund seiner Geliebten, setzte sich dann aber ruhig neben sie auf das Bett und begann:

»Lolotte, nun heißt es, zur Tat überzugehen. Ich habe mit denen in der Bankgasse alles geordnet, sie sind mit meinen Plänen einverstanden, natürlich ohne von ihnen offiziell Kenntnis haben zu wollen. Immerhin sind sie vorläufig mit zehn Millionen ungarischer Kronen als Spesenvorschuß herausgerückt. Die Narren denken, daß ich mich damit zufrieden geben werde.

Die Sache steht also so: Dieser Amerikaner Ralph O'Flanagan hat sein Verhältnis mit der Advokatensfrau wieder abgebrochen und ist vollständig in ein hübsches Gänschen, das blutarm ist, aber vornehm tut, verliebt. So verliebt, daß man mit der Möglichkeit einer Verlobung rechnen muß. Damit wäre uns der Kerl verloren, denn dann wäre er hier verankert, würde in trauter Familiensimpelei aufgehen. Anderseits sind die Wiener Großbanken im Begriff sich seiner zu bemächtigen. Halb und halb haben sie ihn schon mit dreißig Millionen Dollar festgelegt, jetzt wird in allen Banken von den Direktoren bis in die Nacht hinein an der Ausarbeitung eines großen Industrialisierungsprojektes gearbeitet, noch zehn, zwölf Tage und O'Flanagan wird sich entscheiden müssen. Beides muß verhütet werden: Die Entscheidung und die Verlobung. O'Flanagan muß für unsere Pläne gewonnen werden, muß seine Millionen hergeben, damit wir gleichzeitig hier und in Bayern gegen die roten Hunde losschlagen können. Sind diese Bestien überwältigt, dann ist das sozialistische Wien die größte Stadt eines faschistischen Reiches, das von Palermo hinauf nach München reicht, im Westen von Bregenz und im Osten von den neuen Grenzen Ungarns umklammert wird. Den neuen Grenzen sage ich, denn dann ist es nur eine Frage von Tagen, wann Ungarn gegen das jugoslawische und slowakische Gesindel losgehen wird.

Du weißt aber, daß mein patriotischer Fanatismus seine Grenzen hat, und ich denke gar nicht daran, alle die schönen amerikanischen Millionen den Herrschaften zur Erreichung ihrer Pläne zuzuschanzen. Ein großer Teil muß in unsere Taschen fließen, Lolottchen, und dieser Teil der Aufgabe wird dir zufallen. Du mußt diesen Amerikaner an dich fesseln, und wenn der Kerl nicht aus Knochen und Wasser besteht, so wird dir das gelingen. Glaubst nicht auch, Schatzerl?«

Lolotte dehnte und streckte ihren nackten Leib, packte den Bären bei der Schnauze und sagte in tadellosem Ungarisch:

»Glaub' schon, daß ich auch mit dem Mannsbild fertig werden kann.«

»Gut, ich gönne dich zwar wahrhaftig diesem Fatzke nicht, aber höhere Interessen stehen auf dem Spiel. Sobald der große Coup gelungen ist, gehen wir dann nach Paris und leben dort herrlich und in Freuden.

Also hör'zu: Du wirst heute noch im Hotel Imperial speisen und irgend etwas tun, um den Amerikaner kennen zu lernen. Abends muß er dich tanzen sehen und das weitere wird sich schon machen. Aber schön aufpassen, züchtig sein, kein Geld von ihm nehmen, bis er ganz reif ist.«

»Hm«, meinte Lolotte nachdenklich, »ganz schön, aber immerhin – er ist, wie du sagst, in ein Mädel verliebt! Wer verliebt ist, ist oft blind für alle anderen –«

»Weiß ich, weiß ich! Vorläufig sollst du ihn auch nur mit allen Sinnen fesseln, dann geschieht etwas, was diesem amerikanischen Fischblut sein Mädel gründlich verleiden wird. Verlaß dich nur auf mich! Also, es ist die höchste Zeit, er speist gewöhnlich mit dem verrückten Huhn, dem Korn, um ein Uhr, zieh dich so schön als möglich an und laß heut den Bären zu Hause. Vielleicht kann er solche Biester nicht leiden.«

Lolotte klingelte dem Stubenmädchen, ließ in die Badewanne zehn Liter Eau de Cologne gießen, sprang in das kalte Wasser, dem dann heißes und immer heißeres zufloß, bis ihr Körper sich rötete und dampfte. Dann zog sie ein schneeweißes Seidenkleid mit blaßblauer Stickerei an, schlang das Marderfell um die entblößten Schultern und ging, die unvermeidliche goldene Pfeife im Mund, allein die wenigen Schritte durch die Kärntnerstraße zum Hotel Imperial.

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