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Der Kampf um Wien

Hugo Bettauer: Der Kampf um Wien - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorHugo Bettauer
titleDer Kampf um Wien
publisherHannibal Verlag
year1980
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070121
projectid41fe131f
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16. Kapitel

Flirt.

Ralph ging nachmittags zu Tommasoni, wo er mit der schönen Frau Günzel zusammentreffen sollte. Als er sah, daß die Weinstube in der Wollzeile mit ihren Nischen und diskreten Vorhängen einen ausgesprochenen Aufenthaltsort für Liebespaare bildete, war er mehr als erstaunt und er fühlte, daß er die Rolle eines Dummkopfes spielen würde, wollte er dieser Frau auch fernerhin nur als Gentleman gegenübertreten. Immerhin – die Frau war schön und reizvoll, es lockte das Abenteuer.

Er mußte nicht lange warten, bald kam Frau Günzel, sah sich forschend um, war mit der Wahl der Nische nicht einverstanden, suchte eine andere, noch versteckter liegende aus und bestellte dann allerlei Delikatessen und eine Flasche Champagner. Ralph war innerlich belustigt. Eine gut erzogene Kokette würde wenigstens einige Zurückhaltung vortäuschen, dachte er, und ging im Gefühl der Unsicherheit solchem, ihm bisher unbekannten Frauentypus gegenüber, zu weit, indem er ohne weitere Vorrede den Arm um den Hals Frau Hedis schlang und sie auf die üppigen Lippen küßte.

Frau Günzel entwand sich ihm lachend:

»Pfui! Habe ich Ihnen das erlaubt? Wir kennen uns ja kaum und solche Gunst muß verdient werden.«

Ralph empfand innerlich einen Ruck. Verdient – dachte er, nun ja, ich habe vergessen, daß ein amerikanischer Millionär auch Frauengunst bezahlen muß. Er entschuldigte sich leichthin, und das Gespräch wurde zum Geplänkel, bis Frau Günzel unvermittelt fragte:

»Was machen Sie am Weihnachtsabend?«

Ralph zuckte die Achseln.

»Ich werde allein in meinem Hotel sein, meinen Diener beschenken und recht frühzeitig zu Bett gehen, um nicht daran denken zu müssen, daß dies die Bußnacht der Junggesellen ist.«

»Lächerlich! Sie kommen einfach zu uns! Bitt' Sie, sonst bin ich mit meinem Mann allein, und das ist ärger als ganz allein.«

Ralph fühlte sich durch diese frivole Bemerkung verletzt und lehnte entschieden ab, worauf Frau Hedi schmollte, um plötzlich zu klagen:

»Überhaupt! Dieser Weihnachtsabend kann mir gestohlen werden! Ich habe meinen Mann gebeten, mir den Schmetterling zu kaufen, der bei Zirner in der Auslage ist, und er tut es nicht, weil er ein paar Millionen kostet. Jetzt wird er mir irgend einen Schund kaufen und mir dreht sich jedesmal das Herz im Leibe um, wenn ich den Schmetterling im Fenster sehe.«

»Frau Hedi, wenn Sie nicht verheiratet wären, würde ich ihn Ihnen gerne schenken.«

Frau Günzel ließ die Maske fallen und sagte hastig:

»Wirklich? Aber was hat das mit meinem Verheiratetsein zu tun?«

»Nun, Sie können doch ein solches Schmuckstück vor Ihrem Gatten nicht auf die Dauer verbergen.«

»Haha! Sind Sie naiv! Glauben Sie vielleicht gar, daß ich meinen Mann um Erlaubnis fragen muß, ob ich mir was schenken lassen darf? Ne, das hab ich mir nicht eingerichtet!«

»Dann soll der Schmetterling Ihnen gehören«, sagte Ralph höflich, aber ein Gefühl des Ekels konnte er nicht unterdrücken. Frau Hedi ließ sich nun ganz gehen, schmiegte sich an ihn, küßte ihn und nannte ihn ihren »lieben Bären«. Und Ralph erstickte seine besseren Empfindungen und erwiderte die Liebkosungen und unterlag dem Zauber dieser schönen Frau.

Erst als er wieder allein auf der Straße war, kam es ihm zum Bewußtsein, daß er diesen Erfolg in erster Linie nur seinem Gelde zu verdanken hatte. Und plötzlich fiel es ihm peinlich auf, daß Frau Hedi immer wieder das Gespräch auf seine Pläne geschäftlicher Natur hatte bringen wollen und ihm eindringlich geraten hatte, sich ganz und gar den Herren von der Bankgesellschaft anzuvertrauen.

Er lächelte dünn und sein Mißtrauen gegen alle Menschen, die ihn umdrängten, wuchs.

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