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Der Kampf um Wien

Hugo Bettauer: Der Kampf um Wien - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorHugo Bettauer
titleDer Kampf um Wien
publisherHannibal Verlag
year1980
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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15. Kapitel

Der Spion unter dem Diwan.

Während dieses telephonische Gespräch stattfand, bummelte Lazlo Bartos, sehr vornehm aussehend und in einen übermodernen hellbraunen Sportpelz gehüllt, in der Halle des Hotels auf und ab und tat, als würde er auf jemand warten. Blieb aber immer in der Nähe der Kammer stehen, von der aus die telephonische Verbindung mit den Gästen hergestellt wurde. Hörte, wie Ralph O'Flanagan verlangt wurde und der Beamte mit »Sofort Herr Generaldirektor« erwiderte. Und dann: »Mister Flanagan ist bei der Toilette im Badezimmer und läßt bitten, seinem Diener zu sagen, um was es sich handelt.«

Das genügte dem Detektiv für weitere Kombinationen und er wartete eine ganze Stunde, bis Sam erschien, folgte ihm unauffällig und hörte, wie der Neger im Hotelbureau ein Diner für drei Personen auf ein Uhr bestellte.

Blitzschnell hatte Bartos seinen Plan gefaßt. Während der Neger noch unten war, schlüpfte er rasch in den Lift, der eben aufwärts fuhr, verließ ihn im zweiten Stockwerk, sagte dem ihm begegnenden Stubenmädchen seelenruhig: »Zu Mister Flanagan« und blieb dann vor der Türe, die in das Appartement führte, stehen. Einen Augenblick zögerte er, dann klopfte er ganz leise, erhielt keine Antwort und öffnete die Türe, durchschritt den Vorraum, öffnete die nächste Türe, die nach dem Salon führte, und fand diesen leer. O'Flanagan hielt sich also noch im Bade- oder Schlafzimmer auf.

Ein Blick, und Bartos hatte das Bild des Salons in sich aufgenommen. Im Erker stand eine breite Chaiselongue, von einem Teppich ganz bedeckt.

Lautlos sprang er heran, hob den Teppich und kroch unter den Diwan. Nicht gerade bequem, dachte er, aber immerhin zum Aushalten. Der Diwan stand mit der anderen Längsseite gegen die Erkerfenster, so daß Bartos dort den Teppich emporschlagen konnte und Luft bekam.

Lange mußte er nicht warten. Zuerst kam Ralph aus dem Schlafzimmer, setzte sich an den Schreibtisch und las aufmerksam sämtliche Wiener Morgenblätter durch, wobei er hie und da eine Stelle anstrich oder eine Bemerkung in sein Notizbuch machte.

Pünktlich um ein Uhr wurde der große Tisch in der Mitte des Zimmers gedeckt und wenige Minuten später erschienen die beiden Generaldirektoren, von Ralph herzlich, aber doch reserviert begrüßt.

Ralph eröffnete das Gespräch:

»Es ist mir sehr lieb, daß die Herren gekommen sind, weil ich ohnedies vorhatte, Sie, Herr Generaldirektor Klopfer-Hart, zu besuchen. Aus Gründen, die mit der Sache nichts zu tun haben, interessiere ich mich für ein elektrotechnisches Unternehmen der Brüder Krause. Die Fabrik befindet sich im zehnten Wiener Bezirk, das Bureau in der Mariahilferstraße. Die Leute sollen sehr tüchtige, seriöse Menschen sein, ihr Unternehmen gut angelegt und entwicklungsfähig. Sie befinden sich infolge der allgemeinen schlechten Lage und vor allem wegen Mangels an Betriebskapital in mißlichen Umständen, haben den Großteil ihrer Arbeiter schon entlassen und werden, wenn man sie nicht unterstützt, ganz schließen und liquidieren müssen. Ich möchte das verhüten, ohne persönlich dabei hervorzutreten, im Gegenteil, mein Name muß unter allen Umständen geheim bleiben.«

Herr Pfeffer warf ein:

»Kenne die Firma. Hat vor einigen Wochen versucht, von uns Geld zu bekommen. Sehr tüchtige Leute.«

»Darf ich fragen, warum ihnen kein Kredit eingeräumt wurde?«

Klopfer-Hart versuchte vergeblich seinem Kollegen einen gelinden Fußtritt zu geben, er traf nur den Amerikaner, und Herr Pfeffer platzte heraus:

»Ausgeschlossen! Ich werde doch nicht hundert Millionen zu zehn Prozent hergeben, wenn ich auf leichtere Weise das Zwanzigfache verdienen kann!« Ralph hatte das Empfinden, auf weichen, sumpfigen Boden getreten zu sein, und schroff erwiderte er:

»Nun, ich glaube, daß Banken eigentlich in erster Linie dazu da sind, mit den Kapitalien, die bei ihnen zusammenfließen, produktive Tätigkeit zu unterstützen.«

»Geschieht, geschieht!« rief Klopfer-Hart, der endlich den Fuß des anderen erwischt hatte. »Geschieht, nur dürfen Sie nicht übersehen, daß wir unsere eigenen großen Industrien alimentieren müssen und Geld knapper ist.«

»Gut, ich will darauf nicht näher eingehen, sondern Sie, Herr Klopfer-Hart, bitten, dem Unternehmen in weitherzigster Weise beizuspringen, das heißt, ihm so viel Kredit zur Verfügung zu stellen, als es brauchte, und zwar mit einer Verzinsung, die der derzeit geltenden entspricht. Ich stelle Ihnen den entsprechenden Betrag zur Verfügung, möchte aber, wie gesagt, daß es so aussieht, als ob die Bank Kreditgeber sei.«

Der Generaldirektor war selbstverständlich bereit. Die Speisen wurden nun aufgetragen, und in den Pausen entwickelten die beiden Bankmänner ein großzügiges Projekt zur Schaffung neuer Industrien, Kreditgewährung zur Anschaffung von Rohmaterialien, Errichtung von neuen Fabriken und so weiter.

»Wir stellen uns das so vor«, sagte Klopfer-Hart, »daß Sie die Kapitalien zur Verfügung stellen, die Wiener Großbanken aber in ihrer Gesamtheit eine Interessengemeinschaft konstituieren, das Kapital verwalten und das ganze Unternehmen leiten.«

»Wie denken Sie über die Höhe des erforderlichen Kapitals?«

Einen Augenblick Totenstille, dann kam von beiden Herren gleichzeitig die Antwort:

»Dreißig Millionen Dollar – das wird genügen, um Gewaltiges zu schaffen.«

Ralph hatte schon umgerechnet.

»Das wären rund zweitausendeinhundert Milliarden in österreichischen Kronen?«

»Jawohl, aber es wird weniger sein, weil, sowie das Projekt bekannt wird, die Krone steigen dürfte. Daher haben wir die Summe in Dollars genannt.«

Ralph schloß die Augen und überlegte. Sollte er ohneweiters seine Bereitwilligkeit erklären? Er konnte es tun, ohne sein Vermögen zu gefährden. Aber eine innere Stimme warnte ihn vor Übereilung. Plötzlich, wie im Traum, schienen sich die Gesichter vor ihm zu verändern, in grinsende Fratzen, in Schakals- und Hyänenhäupter zu verwandeln. Er atmete tief auf:

»Meine Herren, das muß überlegt werden.«

Die Wangen Pfeffers hatten rote Flecken bekommen, er schlug mit der Stimme fast über, als er fragte:

»Und wie lange wird diese Überlegung dauern?«

»Ich hoffe, daß ich unmittelbar nach Neujahr mit meinem Entschluß ins reine gekommen bin.«

Schweigend wurde der Mokka eingenommen, eine Viertelstunde noch über Politik, Amerikas Haltung Deutschland gegenüber, die widerspruchsvollen Äußerungen Morgans gesprochen, dann empfahlen sich die beiden Bankmagnaten und Ralph blieb mit seinen Gedanken allein.

Für den Geschmack des Lazlo Bartos, der unter dem Diwan das ganze Gespräch im Wortlaut mitstenographiert hatte, zu lange. Und er atmete auf, als sich Ralph endlich erhob, von Sam den Pelz umgeben ließ und fortging.

Eine Minute noch, dann schlich Bartos schwitzend und halb betäubt davon und ohne Zwischenfall konnte er das Hotel verlassen.

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