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Der Kampf mit den Geistern

Artur Brausewetter: Der Kampf mit den Geistern - Kapitel 5
Quellenangabe
authorArtur Brausewetter
titleDer Kampf mit den Geistern
publisherDie Buchgemeinde
year1930
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160921
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Viertes Buch

Nun wohnten sie wieder in ihrem alten grünen Häuschen auf dem kleinen Berge am Ausgange Neukirchens.

Und wenn Frau Dora durch ihre Wohnung ging und sah ihre Möbel genau auf der alten Stelle stehen und sah die Tage in gleichem Schneckenschritt durch das graue Einerlei des kleinen Fleckens kriechen, und alles war, wie es ehedem gewesen, dann kam sie sich wie eine verwunschene Prinzessin vor, die eine kurze Zeit im Reiche ihrer erfüllten Träume gelebt und sich mit einem Male wieder zurückversetzt sieht in ihr armes, kleines Hüttchen und in den engen Kreis ihrer täglichen Pflichten und Sorgen.

Sie lebte sich schwer in die alten Verhältnisse ein. Wie eine Märtyrerin erschien sie sich und legte sich keinerlei Zwang auf, es ihrem Manne zu verbergen, soviel Leid es ihm auch bereitete.

Ihr einziger Trost war Hermine, die gleich nach der Übersiedelung in das elterliche Haus zurückgekehrt war. Sie hatte sie jetzt, wo sie kein Gymnasium mehr besuchte, ganz für sich, plauderte, musizierte, las mit ihr, trat mit ihr in den Nachmittagsstunden mit stillächelnder Ergebenheit den Weg in den Stadtpark an, wie sie es Jahre hindurch getan hatte.

Hermine aber war zu der ganzen Reife ihrer Schönheit erblüht. Das Herbe und Verschlossene jedoch, das immer in ihr gelegen, hatte sich nach jenem Ereignis in der Schule stärker entwickelt.

Insbesondere zeigte es sich ihrem Vater gegenüber, so daß es oft den Anschein hatte, als sähe sie in ihm den Urheber ihres Unglücks.

Werner merkte es diesmal weniger. Denn er ging ganz und gar in seinem Berufe auf und empfand in ihm eine Befriedigung, wie er sie die ganze Zeit in der großen Stadt nicht gekannt hatte.

Was ihm von jeher als Ideal seines Berufes vorgeschwebt: das Umfassen nicht nur des Körpers und einer bestimmten Krankheit, sondern des ganzen Menschen und seines Leids, das konnte er jetzt nach vielen schmerzlichen Erfahrungen und Irrungen in die Tat umsetzen. Er ging in seinen Kranken auf, tauchte unter in den tiefsten Grund ihrer Leiden, war sie selber. Deshalb fand er für jeden das rechte Wort und die rettende Tat. Darum war er nicht nur ihr Arzt, sondern zugleich ihr Helfer und Berater in allen ihren Nöten.

Mit warmer Begeisterung hatte man seinen Einzug begrüßt. Der Eingang zu dem kleinen Haus am Berge und dieses selber war bis zu dem Giebel mit Kränzen umwunden und im Innern in einen Blumengarten verwandelt.

Dora hatte dafür nichts als ein mitleidiges Lächeln, das Werner wehe tat.

*

»Nun wird hoffentlich eine bessere Zeit für uns kommen«, sagte Frau Dora eines Morgens beim Frühstück, als Werner längst über Land gefahren war, zu ihrer Tochter. »Hier habe ich einen Brief von Theo Fortenbacher. Er wird in den nächsten Tagen eintreffen und sein Amt antreten. Dann werden auch wir uns an dem geselligen Leben beteiligen, das jetzt gerade beginnt. Man hat mich schon von allen Seiten dazu ermuntert und aufgefordert.«

»Weißt du, Mutter, ich habe, offen gestanden, die Lust an diesem Leben verlernt. Früher, gewiß, da machte es mir Spaß. Aber jetzt ... nach allem, was geschehen ... Und dann war es in der Stadt etwas anderes. Diese großen Landgesellschaften, in denen die Herren von ihren Kartoffeln und allenfalls von der Politik und die Frauen von ihrem Geflügel und ihren Dienstboten sprechen, reizen mich nicht mehr.«

»Aber du bist jung und solltest deine Jugend genießen, solange du noch kannst. Man gibt jetzt in der Nachbarschaft vorzugsweise Bälle, und du hast früher so gerne getanzt.«

»Früher, ja ... Und der Vater?«

»Du weißt, wieviel er zu tun hat.«

»Nein, das ist es nicht. Aber er wird nicht gehen wollen.«

»Weshalb nicht?«

»Weil er sich zu dieser Art von Menschen nie hingezogen gefühlt hat und wohl auch nicht zu ihnen gehört.«

»Dann mag er, wenn er nicht anders will und kann; sein Einsiedlerleben weiterführen.«

»Aber wir können ohne ihn doch nicht gut gehen, wenigstens auf größere Sachen nicht.«

»Beim Arzt ist es etwas anderes. Den entschuldigt sein Beruf. Frau und Tochter gehen da öfter allein aus.«

»Wenn du ihm gut zuredest, würde er schon gehen.«

»Ich weiß, daß er es nicht gern tut. Und zwingen will ich ihn nicht.«

Eine Weile schwieg Hermine.

»Mutter«, sagte sie dann, »ich glaube nicht, daß ich heiraten werde. Täte ich es aber einmal, so geschähe es nur, um einen anderen Namen zu bekommen.«

Und dann nach einer kurzen Pause: »Eins jedoch wüßte ich: heirate ich einmal einen Mann, dann ginge ich nicht ohne ihn aus. Dann täte und trüge ich alles nur mit ihm gemeinsam. Und ginge es ihm schlecht und käme er in Elend oder Not, nur um so fester würde ich zu ihm stehen. Ich ginge mit ihm ins Unglück, ja, wenn es sein sollte, in den Tod.«

Dora strich ihr lächelnd mit der mütterlichen Hand über das volle Haargeflecht.

»Das träumt man in der Jugend, mein Herz. Nachher kommt alles ganz anders.«

»Ach nein, Mutter, das ist es wohl nicht. Aber das alles kann man gewiß nur, wenn man ihn sehr lieb hat. Und in der Ehe stirbt die Liebe wohl leicht. Sieh, deshalb meinte ich, daß ich nicht heiraten würde. Denn es muß furchtbar sein, eine große Liebe so sterben zu sehen.«

Wieder strich Frau Doras schlanke Hand zärtlich über das Haupt der Tochter, wieder sprach sie mit lächelnden Lippen zu ihr.

Aber Hermine hörte sie nicht. In stillem Nachdenken saß sie ihr gegenüber. Es war jetzt überhaupt viel Nachdenkliches in ihr.

*

An einem Abend des Spätherbstes, als ein stetig wachsender Wind mit unwirscher Hand von den Häuptern der Bäume die letzten Blätter strich und die Lange Straße Neukirchens dunkel und verlassen da lag, war Theo Fortenbacher an seiner neuen Wirkungsstätte angelangt und hatte am nächsten Morgen sein Amt angetreten. Und schon nach wenigen Wochen merkte der Kreis, daß er sich einen besseren Landrat nicht hätte wählen können.

Mit großer Umsicht und, bei aller Energie, mit einer Liebenswürdigkeit, die ihm die Herzen schnell gewann, übte er seine Pflichten, war entgegenkommend, wo es irgend möglich war, und von unbeugsamer Entschiedenheit, wo er diese für richtig hielt.

Dazu war er ein ausgezeichneter Gesellschafter und verfügte über alle Gaben, die ein solcher nötig hat. Mit den Besitzern sprach er über ihre Angelegenheiten und lieh ihren Wünschen, die sie am liebsten bei einem Glase Wein vorbrachten, ein williges Ohr, so wie er ihre Erfüllung für zweckmäßig hielt. Sagte er aber nein, so tat er es in so verbindlicher Form, daß er damit mehr erreichte, als mancher andere, der in weniger liebenswürdiger Weise ja sagt. Bei den Damen stand er als unverheirateter Mann, auf den noch immer zu hoffen war, in hohem Ansehen. Und da er ebenso angeregt wie witzig zu unterhalten wußte, so war er für ältere und jüngere ein gleich begehrter Tischnachbar und der Platz zu seiner Rechten eine Ehrenbezeugung. Den Kreis seiner Besuche dehnte er auf das weiteste aus. Überall gab er seine Karten ab, überall wurde er eingeladen.

Am liebsten aber verkehrte er in dem grünen Haus am Berge und verbrachte jeden seiner freilich seltenen freien Abende dort.

Wußte er, daß Werner zu Hause war, so kam er ungern. War es nicht zu vermeiden, so sah oder sprach er möglichst über ihn hinweg, ohne jedoch die gebotenen Regeln der Höflichkeit zu verletzen.

Werner aber wußte ganz genau, daß er immer noch die alte Abneigung gegen ihn im Herzen trug und Gutes nicht mit ihm vorhatte.

Eines Abends, als Dora von einigen Besorgungen zurückkehrte, sagte ihr das Mädchen, daß der Herr Landrat bereits seit einiger Zeit auf sie wartete.

So früh pflegte er sonst nie zu kommen. Es mußte also ein besonderer Anlaß vorliegen, der ihn zu ihr getrieben hatte.

»In Rokoschin heiratet in vier Wochen die jüngste Tochter«, sagte er nach kurzer Begrüßung, als sie in ihrem behaglichen Damenzimmer zusammen saßen. »Frau von Meerheimb fragte mich, als ich sie gestern beim Kammerherrn auf Legitten zu Tisch hatte, ob sie Euch eine Einladung schicken könnte.«

»Ich glaube nicht, daß mein Mann gerne auf eine große Hochzeit gehen wird.«

»Ja, dann gehst du eben ohne deinen Mann. Schon Herminens wegen ist es deine Pflicht, dich an dem gesellschaftlichen Leben zu beteiligen.«

»Leicht wird es mir gerade nicht, zum ersten Male nach langer Zeit eine so große Gesellschaft zu besuchen. Du kannst dir ja denken, weshalb nicht. Man kann nie wissen, ob man sich oder sein Kind nicht irgendeiner Unannehmlichkeit aussetzt.«

»Wie kannst du auf den Gedanken nur kommen? Einmal wird die peinliche Geschichte um so schneller vergessen sein, je harmloser und unbefangener ihr in alter Weise hier auf den Gütern verkehrt. Und zum anderen – bin ich denn nicht da? Es sollte einmal einer wagen, dir oder dem Mädchen auch nur mit einem Hauche eure Freude zu trüben! Und mit mir, das kann ich dir sagen, verdirbt es hier niemand so leicht.«

»Es ist für eine Frau, die einen Mann hat, nicht gerade sehr angenehm, sich auf das Ansehen und die Hilfe eines anderen angewiesen zu sehen.«

»Verzeih, ich wollte dir nicht wehe tun. Aber das sind die Folgerungen, die du nun einmal ziehen mußtest.«

Ein leises Rot stieg in ihre Wangen. Er merkte es. Aber es war ihm nicht möglich, den Gegenstand zu verlassen. Er hatte ihn zu viel beschäftigt und bewegt.

»Ich weiß nicht, ob du dich noch des Abends erinnerst, damals im Malkaymer Garten bei Anneliesens Einsegnungsfeier –«

»Ich besinne mich sehr genau«, unterbrach sie ihn. »Wie sollte ich das je vergessen haben? Aber ich bitte dich, nicht daran zu rühren. Es ist zwecklos.«

»Nein, ich kann es dir nicht ersparen. Das alles hat zu tief in mein Dasein eingeschnitten. Ich bin dadurch unglücklich für mein Leben geworden. Und du – – nun, den Eindruck einer glücklichen Frau machst du gerade auch nicht.«

Sie streckte die Hand mit einer abwehrenden Gebärde gegen ihn aus.

»Wozu das, Theo? Jetzt, wo nichts mehr zu ändern ist.«

»Du hast ganz recht. Jetzt ist nichts mehr zu ändern. Damals hätte alles gut werden können.«

»Werner hat auch seine liebenswerten Seiten«, sagte Dora langsam und stockend, gleichsam als wollte sie sich vor sich selber schützen.

»Gewiß ... für die Tagelöhner und Bauern, die ihn wie einen Abgott verehren. Nur ein Mann für dich war er nicht. Ich habe es dir damals gleich gesagt. Du aber hörtest nicht auf mich.«

»Ich habe mich mit meinem Schicksal abgefunden.«

»Das redest du dir vielleicht ein. Aber du glaubst nicht daran. Eine Frau wie du, von der Vorsehung bestimmt, einem großen Hause vorzustehen, einen ebenbürtigen Mann zu beglücken – – ach, Dora, wenn ich das alles bedenke, wenn ich dir bekenne, heute darf ich es ja, nun, wo wir beide alt geworden und nichts mehr zu hoffen ist: daß du unter allen Frauen, die mir begegnet sind und mich oft genug mit ihrer Gunst ausgezeichnet haben, die einzige gewesen bist, die ich geliebt habe.«

Sie wandte das Antlitz ab, die tiefe Erregung zu verbergen, die in ihr war.

»Und was ist nun das Ende von alledem? Daß ich einsam geworden bin – und du vielleicht nicht weniger.«

»Einen so einsamen und unglücklichen Eindruck machst du gerade nicht.«

Es war ein Versuch, zu scherzen. Und doch lag eine leise Bitterkeit in ihren Worten.

»Du meinst, weil ich auf Gesellschaften gehe, tanze und jungen Frauen den Hof mache. Ja, glaubst du denn, daß es ein so großes Glück ist, der Hans in allen Gassen zu sein und nirgends eine Stätte zu haben, in der man sich geborgen und beglückt fühlt – – doch lassen wir es. Ich habe das vom Herzen herunter, was einmal zwischen uns beiden gesprochen werden mußte. Aber ich habe dich heute noch zu lieb, als daß ich dir dein an sich nicht leichtes Schicksal noch schwerer machen sollte. Nur möchte ich dich bitten, nichts zu unterlassen, was jetzt ein wenig Licht Und Sonne in dein Dasein bringen könnte. Dein Mann wird es dir nicht mißgönnen. In seiner Liebe zu dir, das muß ich gestehen, ist eine Selbstlosigkeit, der ich nicht fähig wäre.«

»Gerade deshalb fällt es mir schwer, ihn die Abende allein zu lassen. Ich weiß, welchen Wert er darauf legt, daß ich für ihn da bin, wenn er von seinen Fahrten nach Hause kommt.«

»Es wird ja so oft nicht sein. Ab und zu muß er das Opfer aber bringen.«

Er machte eine Pause und fuhr dann fort:

»Ich will dir auch sagen, weshalb ich gerade auf deine und Herminens Teilnahme an der Rokoschiner Hochzeit Wert lege. Ein Bruder der Braut, ein gut erzogener und tüchtiger Mensch, der schon früher als Referendar unter mir gearbeitet hat, und den ich jetzt hierher gerufen, hat Hermine kennen gelernt, als sie auf dem Wohltätigkeitsfeste, das wir vor einigen Tagen hier hatten, als Blumenverkäuferin tätig war. Obwohl er ihr nur flüchtig vorgestellt wurde und kaum ein Wort mit ihr wechselte, hat sie solchen Eindruck auf ihn gemacht, daß er mich am nächsten Morgen, selbstverständlich ganz vertraulich, bat, ihm eine Gelegenheit zu verschaffen, ihr näher zu treten.«

»Ich glaube, die Lust, Ehen zu stiften, wäre dir vergangen«, unterbrach sie ihn mit leichtem Spott. »Zudem hat Hermine ihren ganz eigenen Willen und hat mir erst vor kurzem erklärt, daß sie sobald nicht heiraten wird.«

»Das sind spätere Sorgen. Die Möglichkeit möchte ich ihr immerhin geben, einem so untadeligen Menschen in unbefangener Weise zu begegnen. Nur darf sie davon nichts wissen.«

*

Einige Einladungen, teils durch Theo Fortenbacher, teils durch Doras Eltern veranlaßt, kamen in das grüne Haus an dem Berge und wurden angenommen.

Das erstemal begleitete Werner auf Doras Wunsch Frau und Tochter. Da er jedoch sehr wohl merkte, daß man ihm mit mehr oder minder verborgener Zurückhaltung begegnete, so lehnte er die nächsten Male ab.

Nun fuhren die Beiden allein, und Theo Fortenbacher spielte den Ritter. Und da es ihm eine sichtbare Freude bereitete, sich in der Begleitung der immer noch sehr anziehenden Frau Dora, die sich zudem vorzüglich zu kleiden wußte, und der bildhübschen Hermine, die durch ihre Erscheinung und ihre vornehme Art alle entgegenstehenden Vorurteile und Gerüchte spielend über den Haufen warf und auch hier von alt und jung umschwärmt wurde, in der großen Gesellschaft sehen zu lassen, so wußte er immer neue Gelegenheiten herbeizuführen, und die Beiden waren, ohne daß sie es wußten und wollten, bald in einen ganzen Strudel von Vergnügungen verstrickt, obwohl Frau Dora als kluge Frau sich Zurückhaltung auferlegte und durchaus nicht alle Einladungen annahm.

Eines Abends aber hatte sie in letzter Stunde, weil sie sich unpaß fühlte, auf einem großen Gute absagen müssen, auf das sie gern gefahren wäre.

So begleitete Hermine auf das dringende Zureden der Mutter Theo Fortenbacher allein. Dieser umgab sie den Abend mit besonderer Aufmerksamkeit. Es ergötzte ihn sichtbar, als Vater und Beschützer des hübschen Mädchens aufzutreten, ihr jeden Wunsch vom Auge zu lesen und zugleich als Kavalier mit ihr zu tanzen.

Auch der junge Meerheimb aus Rokoschin befand sich auf der Gesellschaft, und Theo Fortenbacher beobachtete zu seiner Genugtuung, daß er sich vorzugsweise mit seinem jungen Schützling unterhielt, und daß Hermine sein zurückhaltendes und doch offenbares Werben um sie nicht ungern zu sehen schien.

Aber da er bei ihrer nicht so leicht zugänglichen Art seiner Sache nicht sicher war, so fragte er sie, als sie in später Nacht miteinander nach Hause fuhren, wie der junge Meerheimb ihr gefallen hätte.

Sie zuckte leicht die Achseln. »Es ist so die übliche Art, Onkel Theo: in jeder Beziehung korrekt, den leisesten Verstoß gegen die Form als ein Todesverbrechen ansehen, ohne Aufhören Schmeicheleien sagen, aber nie aufdringlich oder zu deutlich, die Worte zur Verdeckung der Gedanken benutzen, jedenfalls nie eins zuviel, in jeder Bewegung und Haltung immer das eine zum Ausdruck bringen: Seht, welche Kinderstube! Seht, welche Kinderstube!«

»Aber das alles sind gute gesellschaftliche Gepflogenheiten, die man nicht gering anschlagen sollte.«

»Gewiß, er ist ein durchaus leidlicher Mensch und gehört wohl zu den besseren. Aber schließlich braucht man sich seiner Seele doch nicht zu schämen. Und das Hackenschlagen, das ich immer grotesk und geschmacklos gefunden, könnte er sich auch abgewöhnen.«

»Ich werde ihm – –«

Ein gewaltiger Ruck erfolgte und schnitt ihm das Wort vom Munde. Hermine flog von ihrem Sitz empor und fiel auf ihn hinauf. In allen Fugen zitternd blieb das Auto stehen.

»Eine Panne!« sagte Theo Fortenbacher, der nie seine Ruhe verlor, indem er sich von der süßen Last ihres Körpers befreite. »Und zwar, wie es scheint, keine geringe.«

Schon stand auch der Führer am Schlage. »Der Herr Landrat müssen sich eine Weile gedulden. So einfach wird es diesmal nicht sein. Ein Maschinendefekt ... ich werde ein ganz Teil zu tun haben.«

»Wie weit sind wir noch von Neukirchen?«

»In acht Minuten wären wir zu Hause gewesen.«

»Also eine gute halbe Stunde zu Fuß – was meinst du, Hermine? Ehe wir hier auf freiem Felde liegen ... der Weg ist trocken und der Abend ein wenig kalt, aber schön. Nur in deiner Kleidung wird es sich schlecht gehen.«

»Oh, das macht nichts. Mein Rock ist fußfrei, mein Mantel dick und lang, und in der kleinen Tasche habe ich derbere Schuhe, die ich auf der Hinfahrt trug. Ich bin bei der Partie.«

Flugs hatte sie die Tasche vorgenommen, die Ballschuhe abgestreift und lederne angezogen. Nun stand sie vor ihm, die runden Wangen von der Winterkälte hell gerötet, die Augen lustig leuchtend, die ganze schlanke Erscheinung gestrafft von Jugend und Kraft.

Wundervoll war die Nacht. Leise glitzerte der hartgefrorene Schnee auf der Landstraße, als breitete er zartgewobene Teppiche, mit Perlen und Diamanten besät, unter ihre Füße. Rings umher war feierliche Stille. Der Mond, bereits im Abnehmen begriffen, spann seine silbernen Netze über die mit zartem Rauhreif bedeckten Baumskelette, und über ihnen wölbte sich der Himmel mit ungezählten goldleuchtenden Sternen.

Ein seltsames Empfinden überkam Theo Fortenbacher. Halb war es Freude, mit diesem entzückenden Geschöpf jetzt durch die stumme Nacht zu wandeln, halb war es Wehmut. Denn deutlicher als je sah er heute Dora in ihr verkörpert, und ihm war, als grüßten ihn die Tage seiner jungen Liebe, seines entschwundenen Glücks.

Ja, wenn man sich zwanzig Jahre vom Buckel streifen könnte, vergessen, was einmal gewesen, und das Leben, das trotz aller Ehren und allen Genusses im letzten Grunde doch ein armes und einsames nur war, an der Seite eines solchen Mädchens noch einmal von vorne beginnen könnte! Warum mußte auch alles so töricht und verfehlt geworden sein? Warum – –?

Dann aber streifte er die wehmütigen Gedanken ab, vergaß Jahre und Erfahrungen und Enttäuschungen, freute sich der heiteren Lebhaftigkeit seiner hübschen Begleiterin, der dies Abenteuer mit jeder Minute wachsendes Vergnügen zu bereiten schien, und machte ihr in vorsichtiger, ein wenig väterlicher Weise, zugleich aber mit dem ihm im Verkehr mit jungen Frauen und Mädchen zur anderen Natur gewordenen Geschick den Hof.

Sie sah darin nichts Arges, denn sie war es gewohnt, daß ihr die Herren, gleichviel, ob sie alt oder jung waren, in solcher Art begegneten, und ließ es sich von ihm in voller Unbefangenheit und nicht ungern gefallen.

Wie im Traum flog die Zeit dahin. Vom Mondlicht weich umgossen, hob der Turm der alten Kirche dort drüben bereits das ein wenig schiefe Haupt. Vereinzelt blinzelte ein schläfriges Licht über die Schneelandschaft zu ihnen hinüber ... in wenigen Minuten mußten sie Neukirchen erreicht haben.

Da machte Theo Fortenbacher ein wenig halt und blieb ihr gegenüber stehen: »Weißt du eigentlich, Hermine, daß mir heute so ist, als ginge ich mit deiner Mutter durch diese zauberhafte Nacht, als sie in deinem Alter war ... und daß ich deine Mutter einmal geliebt habe?«

Es war das erstemal, daß er mit ihr darüber sprach. Er hatte es bisher als ein schmerzendes Geheimnis in sich verschlossen, es gerade ihr gegenüber ängstlich behütet ... vielleicht aus einer gewissen Eitelkeit, um ihr nicht gar so alt zu erscheinen. Nun hatte diese Nacht und die leise Traurigkeit, die sie in all ihrer Schönheit mit sich brachte, ihm die Lippen geöffnet.

»Ich habe es gewußt«, erwiderte sie nach einer kurzen Pause.

»Deine Mutter hat es dir erzählt?«

»Niemand hat es mir erzählt. Auch die Mutter nicht ... nein, mit keinem Sterbenswort.«

»Und woher hast du es gewußt?«

»Ich habe es gefühlt, Onkel Theo ... ja, gefühlt, und ich glaube – doch nein, das will ich lieber nicht sagen.«

»Was glaubst du? Ich bitte dich, es mir zu sagen.«

»Daß ihr beide gut zusammengepaßt hättet und vielleicht sehr glücklich geworden wäret.«

Sie setzten den Weg fort. Er ging schneller, eine ganze Weile lang. Dann blieb er zum zweiten Male stehen.

»Einen Rat möchte ich dir in dieser Stunde ans Herz legen, Hermine, und ich bitte dich, daran zu denken, wenn du je in solche Lage kommen solltest: heirate nie einen Mann, der dir nicht, was Familie und Erziehung betrifft, vollkommen gleichwertig ist. Glaube mir, alles läßt sich in einer Ehe bei einigermaßen gutem Willen überwinden: die Verschiedenheit des Alters, der Ansichten, ja, des Charakters – die Ungleichheit der Kinderstube nie.«

»Ich weiß, daß du ein kluger Mann bist, Onkel Theo, und die Welt und die Menschen kennst. Darum werde ich nicht vergessen, was du mir heute gesagt hast. Aber ich dachte immer, alles Gewicht dürfte man auf eine solche gewiß wesentliche Äußerlichkeit nicht legen. Etwas anderes käme doch auch noch in Betracht.«

»Und das wäre?«

»Das Gemüt, das Herz. Es mag noch so verschlossen und verborgen sein, aber da sein muß es doch wohl.«

»Gewiß muß es das. Aber allein macht es den Kitt der Ehe nicht aus, gibt nicht die Gewähr für ihr Glück, sowie die Kinderstube fehlt. Du bist ein verständiges und reifes Mädchen, mit dir kann ich offen sprechen. Sieh doch deinen Vater an. Er hat Gemüt ... beinahe zu viel Gemüt, er hat ein Herz ... vielleicht ein zu warmes Herz – – doch seine Herkunft und Vergangenheit –«

»Für die er nichts kann«, unterbrach sie ihn, und eine hörbare Unruhe war in ihren Worten.

»Danach fragt niemand im Leben. Am wenigsten die Gesellschaft, in der wir verkehren.«

»Nein, nein, die ist grausam und ungerecht. Ich habe es am eigenen Leibe erfahren.«

»Aber wir sind von ihr abhängig und müssen uns nach ihr richten.«

»Auch gegen unsere eigene Überzeugung?«

»Unter Umständen auch gegen sie.«

»Das werde ich nie glauben und werde es nie tun.«

»Du bist jung, mein liebes Kind. Aber du hast offene Augen und siehst es an deiner Mutter. Ich wußte es schon als junger Mann und habe es ihr offen und frei gesagt ... nicht aus irgendwelchen selbstischen oder eifersüchtigen Gründen, wie du vielleicht annehmen könntest. Nein, gerade weil ich sie liebte und sie vor einem nicht wieder gut zu machenden Unglück bewahren wollte.«

»Was hast du ihr offen gesagt, Onkel Theo?«

»Daß dein Vater –«

Da blieb sie stehen und legte die Hand auf seinen Arm.

»Onkel Theo!« rief sie, und alles in ihr war Erregung und heiße Wallung. »Ich bitte dich in dieser Stunde ein für alle Male, sprich nie mit mir über meinen Vater ... niemals mehr. Ich kann es von dir nicht hören.«

Er sah sie an. Ein unsagbares Erstaunen war in ihm.

Was war mit diesem Kinde geschehen? Was ging in seiner jungen Seele vor, daß sie in dieser Weise zu ihm reden konnte?

Er wollte sie beschwichtigen, wollte ein beruhigendes, begütigendes Wort zu ihr sprechen – sie hörte ihn nicht mehr. Am ganzen Leibe zitternd, die Wangen jetzt nicht mehr von der winterlichen Kälte, sondern von jäh aufsteigender Glut gefärbt, stand sie ihm eine Weile gegenüber.

Dann hüllte sie sich fester in ihren Mantel, als fröre sie, wandte sich um und ging eilenden Fußes und ohne ein Wort zu sprechen neben ihm her. Bis sie an dem kleinen Hause auf dem Berge angelangt waren, er ihr die Tür aufschloß und sie sich mit einigen erzwungenen Worten von ihm verabschiedete.

Auf die stille Straße hinunter fiel ein Lichtschimmer. Er kam aus Werner Torwalds Arbeitszimmer.

*

Nun war es an der Zeit, die vielen Einladungen, die man erhalten und angenommen hatte, entsprechend zu erwidern.

Und so geschah es, daß an einem lauen Vorfrühlingsabend in der zweiten Hälfte des Februar zur Verwunderung von alt und jung sämtliche Fenster des grünen Hauses am Berge ihre lichtstrahlenden Augen über die unter ihnen liegenden Giebel und Dächer der Langen Straße dahinschweifen ließen, daß eine stattliche Anzahl von Autos und ländlichen Kutschen die kleine Anhöhe emporklomm und sorgsam vermummte Gestalten in das Innere des festlich geschmückten Hauses entluden.

Frau Dora stand mit ihrer Tochter zum Empfang ihrer Gäste bereit. Auch Werner, der eben von seiner Besuchsfahrt nach Hause gekommen war, hatte Frack und weiße Binde angetan, um einigermaßen neben den beiden, die sich auf das gewählteste gekleidet hatten, bestehen zu können.

Sehr behaglich fühlte er sich in seiner Rolle nicht. Er wußte, daß die meisten der Geladenen, die ihm zum großen Teile Fremde waren, ihn so gut entbehren konnten wie er sie, daß er selbst für Frau und Tochter nur ein notwendiges Zubehör dieser Veranstaltung war. Aber als Wirt konnte er nicht fehlen, und so fügte er sich mit stiller Würde.

Die Gesellschaft war mit der in diesen Kreisen gewohnten Pünktlichkeit bald vollzählig. Das Mädchen meldete, daß angerichtet wäre, und Werner reichte auf einen Wink seiner Frau der ältesten Dame, einer Baronin von Ürtzen, mit der er noch nie eine Silbe gewechselt hatte, den Arm, sie zu Tische zu führen, als der Fernruf läutete. Er brachte seine Dame an ihren Platz, entschuldigte sich und begab sich dann an den Fernrufer, der immer lauter und jetzt fast ununterbrochen erklang.

»Es tut mir leid«, flüsterte er Dora zu, die sich eben mit ihrem Herrn gesetzt hatte, »aber ich muß sogleich fort, entschuldige mich bei den Herrschaften.«

Sie sah ihn mit unwillig erschreckten Augen an.

»Aber ich bitte dich, das ist doch unmöglich. Du würdest das ganze Fest verderben. Warte wenigstens bis nach dem Essen. So eilig wird es ja nicht sein.«

»Doch ... es ist sehr eilig, und ich kann keinen Augenblick warten.«

»So kommst du bald wieder?«

»Auch das kann ich nicht versprechen. Einige Stunden werden vergehen.«

Hermine, die der Mutter gegenüber saß und das kurze Gespräch gehört hatte, verließ ihren Platz und trat zu ihrem Vater.

»Das wirst du der Mutter doch nicht antun«, sagte sie. »Sie hat sich so auf das Fest gefreut und sich so viele Mühe gegeben.«

Es kam nie vor, daß sie sich in seine Angelegenheiten mischte oder gar selber zu ihnen das Wort ergriff. Diesmal aber mochte sie wohl fühlen, daß sie der Mutter zu Hilfe kommen mußte.

»Das weiß ich und kann es doch nicht ändern.«

»Verzeih, Vater, aber ich finde das ein wenig rücksichtslos von dir.«

Seine Braunen zogen sich zusammen. »Das verstehst du nicht«, sagte er, immer in dem Flüsterton, damit es die anderen, die bereits aufmerksam geworden waren, nicht hörten, aber zugleich scharf und hart.

»So entschuldige mein Unverständnis ... mein Urteil änderst du nicht.«

»Die älteste Tochter des Pfarrers Winkler in Altfelde«, sagte er kurz und sachlich, »von der du mir einmal erzähltest, daß du sie lieb hättest, liegt an schwerer Grippe. Schon gestern fürchtete ich Komplikationen bedenklicher Art. Diese sind eingetreten. Es geht um Leben und Tod. Würdest du nun fahren oder bleiben?«

Sie sah ihn mit großen, erschreckten Augen an. Etwas Wunderbares war in ihrem Blick.

»Ich würde fahren«, sagte sie.

»Ich wußte, daß du das antworten würdest. Lebe wohl!«

So entbehrlich er in diesem Kreise auch war, seine plötzliche Entfernung hatte einen fühlbaren Riß in die mit so unendlicher Sorgfalt aufgestellte Tischordnung gemacht. Die anspruchsvolle Baronin Ürtzen war ohne Herrn. Dora als geschickte Hausfrau bat schnell einen anderen Herrn an ihre Seite. Aber nun klaffte dort wieder eine Lücke, und der Versuch, auch diese irgendwie auszufüllen, verursachte eine neue Unruhe.

Man verstand den Aufbruch des Hausherrn nicht recht, man meinte, in diesem Falle, wo er zum ersten Male Gäste bei sich sah und ihm daran gelegen sein mußte, nach allem, was vorgekommen war, ein möglichst günstiges Urteil zu erwecken, hätte er entweder warten oder einen Arzt der Umgebung um seine Vertretung bitten müssen. In Bladow gab es einen und in Rosenberg, beide wohnten ebenso nahe an Altfelde wie er und waren durch den Fernrufer sofort zu erreichen.

Daß er nicht den leisesten Versuch dazu gemacht, überhaupt nichts getan, seiner Frau, die auf den harmonischen Verlauf dieses Abends einen so großen Wert legte, die Verlegenheit zu ersparen, das verargte ihm die ganze Gesellschaft, die an sich nicht gut auf ihn zu sprechen war. Und am meisten Frau Dora selber, die alle Kraft aufbieten mußte, durch ihre Liebenswürdigkeit das zerstörte Gleichgewicht an der Tafel wiederherzustellen.

Aber auch auf Hermine war sie ärgerlich, vielleicht zum erstenmal in ihrem Leben. Der junge Meerheimb führte sie, der mit seiner Bewerbung um sie jetzt so offenkundig hervortrat, daß man in den eingeweihten Kreisen bereits von einer Verlobung munkelte. Auch Frau Dora, so schwer ihr der Gedanke einer Trennung von ihrer Tochter wurde, stand dem Plane nicht ablehnend gegenüber. Denn Theo Fortenbacher hatte sie auf das günstigste für den jungen Rokoschiner eingenommen und er selber durch seine tadellosen Manieren und sein edelmännisches Auftreten ihr Herz gewonnen. Für die Tiefe seiner Liebe aber gab ihr der Umstand die beste Gewähr, daß er, obwohl von altem Adel und weit angesehener Familie, sich, wenn auch vielleicht mit schwerem Herzen, über die dunkle Vergangenheit ihres Mannes hinwegzusetzen suchte.

Und jetzt hörte Hermine, die ihr heute vormittag noch gesagt, daß sie ihn ganz gut leiden könnte und seiner Werbung nicht ungünstig gegenüberzustehen schien, auf seine lebhafte Unterhaltung mit so geringer Aufmerksamkeit, lachte zu seinen Scherzen so kühl und gezwungen und war mit ihren Gedanken und ihrer Seele ganz wo anders, so daß ihr Nachbar sie einige Male mit einem verwunderten Blick streifte und nicht zu wissen schien, was er aus ihrem Verhalten machen sollte.

Hermine merkte ganz genau, daß die Mutter sie beobachtete, sie merkte auch, daß sie ihren Verdruß erregte. Es tat ihr leid, die begreiflicherweise schon an sich Verstimmte noch mehr zu reizen, sie gab sich auch die aufrichtigste Mühe. Aber, so gut sie sich sonst zu beherrschen wußte, diesmal versagte ihre Kunst.

Trude Winkler, die kaum achtzehnjährige rotblonde Tochter des Altfelder Pfarrers, war das einzige junge Mädchen in der ganzen Umgegend, zu dem sie sich von der ersten Stunde ihrer Begegnung an hingezogen, dem sie sich mit jedem Male, da sie sich sahen, näher gefühlt. Nun lag sie, die ihr immer als das Bild der Gesundheit und Kraft erschienen war, von der tückischen Krankheit plötzlich gepackt, danieder. »Auf Leben und Tod«, wie der Vater gesagt hatte. Und er selber stand an ihrem Lager und kämpfte um sie mit dem Tode – – und sie saß hier an blumengeschmückter, reich besetzter Tafel und aß und trank und hörte allerlei müßiges Geschwätz und helles Lachen, und die Mutter war schon ganz böse auf sie, daß sie nicht recht mittun wollte und nicht so zuvorkommend und aufgeräumt war, wie es der Tochter des Hauses zukam.

Ein Gang nach dem anderen war gereicht, die kurze Mißstimmung, die das Verschwinden des Wirtes hervorgerufen hatte, war vergessen, die Fröhlichkeit in voller Unbefangenheit hergestellt.

Auch sie beteiligte sich lebhaft an der Unterhaltung und ging zur Zufriedenheit ihrer Mutter, die das verlorene Gleichgewicht wiedergefunden hatte, mit Lust und Eifer auf das lebhafte Geplänkel ihres Nachbarn ein. Dazwischen aber hörte sie auf jeden Schritt, der vom Flur oder den Nebenräumen her in das Zimmer trat. Aber immer waren es nur die Mädchen, die Teller hinsetzten und Schüsseln brachten, oder der Lohndiener, der die Getränke ausschänkte – der Vater kam nicht.

Die Tafel hatte sich länger hingezogen, als es in Frau Doras Wunsch lag; endlich hatte sie sie aufgehoben. Die Damen hatten sich im Empfangszimmer niedergesetzt, die Herren rauchten in Werners Arbeitszimmer ihre Zigarren, die Frau Dora erst mit Theo Fortenbachers Hilfe zurechtgestellt hatte, da sie die einzige Obliegenheit waren, die ihr Mann übernommen hatte.

Der Kaffee wurde gereicht – Werner kam nicht.

Allgemein hörte Frau Dora Fragen nach ihm, und aus allen sprach mehr oder minder deutlich das Erstaunen, daß er an einem Abend, wie diesem, so unbegreiflich lange Zeit fortbleiben konnte.

Endlich erschien er. Man sah es ihm auf den ersten Blick an, wie sauer es ihn ankam, sich in die große, lärmende Gesellschaft hineinzufühlen und seinen Gästen gegenüber die dem Wirte zukommende Liebenswürdigkeit zu zeigen.

Hermine war ihm sofort entgegengegangen.

»Es sieht schlecht aus.« Weiter hatte er nichts geantwortet.

»Aber du hast doch Hoffnung?«

Da hatte er nur die Achseln gezuckt.

Wieder überkam sie, diesmal mit doppelter Gewalt, das Gefühl, wie seltsam es doch war, jetzt tanzend von einem Arm in den anderen zu fliegen, während nur wenige Meilen entfernt, so jung und noch viel fröhlicher als sie, ein blühendes Menschenkind mit dem Tode rang.

Und während sie bald mit dem jungen Meerheimb, bald mit einem anderen Herrn mit der ihr eigenen lässigen Anmut über den spiegelglatten Boden dahinschwebte, wanderte ihr Auge des öfteren zu ihrem Vater hinüber, wenn er mit seinem müden Gesicht, das, sowie er sich unbeobachtet glaubte, einen geradezu traurigen Ausdruck annahm, unter all den Herren als müßiger Zuschauer erschien oder sich bemühte, in seiner schwerfälligen Art eine langsam sich dahinschleppende Unterhaltung mit einer älteren Dame zu führen, die ihm mit sichtbarer Herablassung zuhörte und ihm ebenso antwortete.

Überhaupt hatte Frau Dora mit ihrer ersten Gesellschaft kein Glück. Es lag ein eigener Unstern über ihr. Der Wind, der den ganzen Tag spürbar gewesen, war gegen Abend zum Sturm geworden. Er blies mit vollen Backen vom dunkelbewölkten Himmel herab, er raste in heißen Tänzen über die Felder und Wege, er fegte in ruckweisen, immer stärker werdenden Stößen über die Lange Straße Neukirchens, deckte hier und da einen Ziegelstein vom Dache ab und schleuderte ihn auf das holprige Pflaster. Am meisten aber hatte er es auf das grüne Haus am Berge abgesehen. Das gab ihm auf seiner freiliegenden Anhöhe die beste Angriffsfläche. Er setzte ihm gehörig zu, umsang und umheulte es mit seinen wilden Liedern und spielte zu Klavier und Geige da drinnen die Begleitung, so daß man ihre Weisen nur schwer vernehmen konnte.

Die Jugend focht es wenig an. Sie lachte über den Querkopf da draußen, der einen so überflüssigen Lärm machte, und tanzte mit um so größerer Lust. Aber den Alten wurde es unbehaglich zumute. Sie dachten an die Heimfahrt in diesem fürchterlichen Wetter und bestellten die Wagen und Autos viel früher, als es sonst bei einer Ballgesellschaft zu geschehen pflegte, und die Jungen mußten sich fügen.

Zuletzt blieben nur noch Theo Fortenbacher und der junge Meerheimb. Man setzte sich in die behaglichen Sessel im Arbeitszimmer, trank ein Glas Rotwein und ließ den Sturm seine immer stärker werdenden, immer unheimlicher brausenden Register ziehen.

»Ich danke Gott, daß ich heute nur bis in mein Kreishaus zu gehen brauche«, sagte Theo Fortenbacher. »Ein Vergnügen muß es nicht sein, jetzt eine weitere Wagenfahrt vor sich zu haben. Und bei den aufgeweichten Wegen und der schwarzen Finsternis wäre es auch kaum ohne Gefahr.«

Er unterhielt sich fast ausschließlich mit Dora, lobte ihr Geschick als Hausfrau und richtete ihren gesunkenen Mut wieder auf, indem er meinte, der Abend wäre trotz der unvermeidlichen Mißgeschicke ein sehr gelungener gewesen.

Der junge Meerheimb aber, der sich seinem Ziele heute wieder einen Schritt näher wähnte, hatte nur für Hermine Auge und Ohr.

Von Werner nahm keiner der beiden Männer irgendeine Notiz. Er merkte es wohl, und ein heißer Ingrimm erfaßte ihn, mehr über sich, als über sie. Hier saß er nun, völlig überflüssig und unbeteiligt unter Menschen, die er nichts anging, und die ihm gleichgültig waren, indes –

Gott sei Lob, die Beiden verabschiedeten sich. Er begleitete sie bis zur Haustür, kehrte aber nicht mehr in das Zimmer zurück, sondern öffnete noch einmal die Tür.

»Wo willst du hin?« fragte Dora, die ihm nachgegangen war.

»Dem Kutscher sagen, daß er nicht schlafen gehen soll. Ich muß noch einmal nach Altfelde.«

»Nach Altfelde?! Bist du toll? Der Kutscher wird sich hüten, in diesem Unwetter den weiten Weg zum zweitenmal zu machen.«

»Dann mag er die Braune vor den Selbstfahrer spannen.«

»Und du wolltest allein fahren – bei diesem Sturm, in der stockfinsteren Nacht? Das kann dein Ernst nicht sein.«

»Ich habe keine Ruhe hier. Es ist mir immer, als ob dort in Altfelde etwas geschieht.«

»Es ist wohl wieder deine innere Stimme?« gab sie mit scharfem Spott zurück.

»Ja, es ist meine innere Stimme«, erwiderte er mit tiefem Ernste.

Da trat Hermine auf ihn zu. »Laß es sein, Vater. Du kannst morgen früh fahren. Heute nacht ist es wirklich nicht möglich. Die Mutter hat ganz recht.«

»Ich muß. Ich habe hier lange genug in müßigem Geschwätz gesessen, während es dort vielleicht ein Leben zu retten gibt.«

Wenige Minuten später fuhr der Einspänner die kleine Anhöhe hinab und tauchte, im tobenden Sturm unhörbar, unter in die nächtliche Finsternis.

*

Jeden Tag war Werner Torwald jetzt in Altfelde. Und eines Abends, als er noch auf dem Rückwege herangefahren war, wußte er. daß die Krisis überwunden und die junge Pfarrerstochter, wenngleich ihr Zustand immer noch ernst und schwer blieb, dem Leben wiedergegeben war.

Ein tiefes Glücksgefühl war in ihm, und er beeilte sich, nach Hause zu kommen, um Herminen die Freudenbotschaft zu überbringen.

Aber Theo Fortenbacher hatte sie und die Mutter zu einem Besuche in Rokoschin abgeholt, wo sie jetzt sehr oft waren, und Dora hatte dem Mädchen die Botschaft hinterlassen, daß sie erst spät nach Hause kommen würden.

Er war das Alleinsein allmählich gewöhnt. Diesmal aber berührte es ihn schmerzlich.

»Warum«, so fragte er sich in der Einsamkeit dieses Abends, »bin ich eigentlich so allein? Warum habe ich eine Frau, die ich lieb habe, wenn sie sich auch immer merkbarer von mir wendet, und ein Kind, an dem meine Seele hängt? Und beide gehen ihre Wege, nehmen an meinem Leben und Wirken nicht den geringsten Anteil, vergnügen sich auf Festen und Gesellschaften und stehen meiner Arbeit und mir selber mit völliger Nichtachtung gegenüber. Ist es recht von ihnen, mich Abend für Abend, wenn ich müde von meinen Fahrten nach Hause komme, hier allein sitzen zu lassen und ihren Vergnügungen nachzugehen? Habe ich das um sie verdient?«

»Mit welchem Rechte verachten sie mich?« begehrte es in ihm auf. »Weil ich mich nicht kleide wie die Herren ihrer Kreise? Weil ich auf Äußerlichkeiten keinen Wert lege und mir die Gabe des Stutzers abgeht, über die Theo Fortenbacher verfügt? Bin ich vielleicht deshalb so allein, weil ich die große Liebe im Herzen trage und nun einmal nicht anders kann, als mich in ihrem Dienst verzehren?«

Er war ruhig und zum Zorne wenig geneigt. Jetzt aber packte ihn doch etwas wie Grimm.

Immer war es Theo Fortenbacher, der ihm Frau und Tochter nahm, ihm das Glück und den Frieden seines Hauses störte. Er fühlte jedesmal, wenn er mit ihm zusammen war, daß dieser Mann einen verborgen glimmenden Haß gegen ihn im Herzen trug, der nur die Gelegenheit erwartete, sich offenkundig zu zeigen.

Wie? Wenn alle seine wohlüberlegten Machenschaften im letzten Grunde auf nichts anderes gerichtet wären, als ihm seine Frau abspenstig zu machen?

Und – Dora? War sie gegen dies stete Werben eines Mannes, der ihm an Gaben so weit überlegen war, vielleicht nicht unempfänglich? Verglich sie? Und konnte ein Vergleich zu seinen Gunsten ausfallen? Stand ihr der andere nicht durch seine Herkunft, seine ganze Art, sich zu geben, viel näher? Hatte er nicht eine glänzende Stellung in die Wagschale zu werfen? Alles Dinge, auf die Dora von Kindheit an Wert legte.

Und er?

Und nun tauchte eine Frage in ihm auf, die er, sowie sie sich einmal in ihm geregt, weit von sich gewiesen, die sich aber heute nicht verdrängen ließ.

Wenn Dora eines Tages überhaupt nicht mehr zu ihm zurückkehrte?

Sie hatte ihm einmal gesagt, daß sie ihn nie verlassen würde.

Aber – war seine Mutter nicht auch von seinem Vater gegangen? Wenn Dora ein gleiches täte?

Doch nein, so wörtlich wiederholte sich das Schicksal nicht.

Aber – wenn es doch geschähe? Und Hermine ginge mit ihr? Und er würde ganz allein sein?

Würde er es ertragen? Würde er stark genug sein, sich aus dem Schmerze der Enttäuschung zu der letzten Kraft des Lebens emporzuarbeiten, die in der Einsamkeit beschlossen liegt? In der männlich auf sich genommenen völligen Einsamkeit?

Hatte er dann niemand mehr, dem er etwas sein konnte? Der an ihm hing?

Und wieder wanderten seine Gedanken, wie jetzt so manches Mal, zu Anneliese.

Wenn er ... doch nein, daran durfte er niemals mehr denken.

Und doch ... daß er sie entbehren mußte, ihre liebevoll verständigen Ansichten, ihr aufrichtendes Wort nicht mehr hören konnte, das war das einzige, was ihm den Fortgang aus der großen Stadt schwer gemacht hatte. Dort hatte er eine Zufluchtsstätte, hier hatte er keine.

Die Nachrichten, die er in der letzten Zeit von ihr erhalten hatte, waren nicht sehr beruhigend gewesen. Gestern erst hatte Hans Hartau an Dora geschrieben, daß ihre Gesundheit immer mehr zu wünschen übrig ließe und er oft um sie in Sorge wäre.

Die Hupe von Fortenbachers Auto erklang.

Es war ihm unmöglich, Dora heute zu sehen. Er schaltete das Licht aus und begab sich auf sein Schlafzimmer, das er allein innehatte, während Dora das ihre unmittelbar neben dem ihrer Tochter hatte.

Als Werner am nächsten Abend etwas früher, als er sonst pflegte, nach Hause kam, war Theo Fortenbacher bei Dora, und auch Hermine saß mit den beiden im Empfangszimmer, und sie mußten etwas sehr Wichtiges besprechen, denn sie hatten sein Kommen gar nicht gehört.

Anfänglich schienen sie ein wenig verlegen. Dann begrüßte ihn Dora mit kühler Freundlichkeit.

»Es ist gut, daß du da bist«, sagte sie. »Wir verhandeln hier über eine Angelegenheit, die, an sich gewiß sehr erfreulich, doch noch einige Schwierigkeiten bereitet, über die du unterrichtet sein mußt.«

Er legte seinen Mantel ab, den er anbehalten hatte, setzte sich zu den anderen, und Dora fuhr fort:

»Unsere Hermine steht vor einem entscheidenden Schritt –«

Er wurde aufmerksam und blickte auf seine Tochter.

»Der junge Meerheimb auf Rokoschin, der, wie du wohl weißt, hier auf dem Landratsamt als Assessor tätig ist und später einmal das väterliche Gut übernehmen wird, wirbt um ihre Hand.«

»Und Hermine?« fragte Werner schnell und heftete die großen ernsten Augen noch fester auf sein Kind.

»Ich würde einwilligen«, erwiderte Hermine langsam und leise. Aber ihr Blick hielt dem des Vaters nicht stand.

»Ich kenne den jungen Meerheimb seit einer Reihe von Jahren«, ergriff nun Theo Fortenbacher das Wort. »Er ist in seinem Beruf von seltener Tüchtigkeit, sein Charakter ist vornehm und lauter. Eine Verbindung mit ihm wäre für Ihre Tochter ein großes Glück.«

»Dann hätte ich nichts weiter zu sagen.«

Eine Pause entstand. Es schien, als ob Dora etwas äußern wollte. Doch Theo Fortenbacher kam ihr zuvor.

»Soweit wäre alles gut. Aber leider bestehen seitens der Eltern des jungen Mannes Bedenken gegen diese Verlobung.«

»Und die wären?« fragte Werner.

»Es wird mir nicht ganz leicht, sie Ihnen auseinanderzusetzen«, und Theo Fortenbacher sah über Werner hinweg auf Dora. »Ich glaubte, Sie würden sie am besten erraten. Sie liegen sehr nahe.«

Eine fahle Blässe stieg in Werners Antlitz.

Das also war Theo Fortenbachers lang aufgeschobene, jetzt endlich zum Ausbruch gekommene Rache! Vernichtender hätte er sie nie üben können. Er also war dem Glück seines Kindes im Wege! Wahrlich, Theo Fortenbacher hatte gut gezielt und sicher getroffen.

Wie ein Gerichteter stand er ihm, stand er seiner Frau und Tochter gegenüber.

»Sie dürfen es den Leuten nicht verargen«, fuhr Theo Fortenbacher fort, über Werner wiederum wie über ein Nichts hinwegblickend. »Die Meerheimbs gehören zu den ältesten und angesehensten Familien unseres Landadels. Rokoschin ist seit Jahrhunderten in ihrem Besitz. Die Vermählung des einzigen Sohnes, der einmal dort Herr sein wird, fällt den ein wenig adelstolzen Leuten an sich nicht ganz leicht. Und nun – doch wozu daran rühren? Es ist übergenug im Schoße der Familie verhandelt worden, und nur die zähe Energie, mit der der junge Meerheimb bei seinem Vorhaben besteht –«

Man sah, wie Werner Torwald sich unter den Worten seines Peinigers wand. Hilfesuchend irrte sein Blick bald zu seiner Frau, bald zu seiner Tochter hinüber. Aber niemand erbarmte sich seiner.

»Die alten Meerheimbs stellen nun eine Bedingung, unter der sie allein der Sache näher treten wollen. Und hierin begegnen sich ihre Wünsche mit denen des Sohnes.«

»Und die wäre?« fragte Werner, um endlich etwas zu sagen.

»Daß Hermine, nachdem die Verlobung im allerengsten Kreise in Rokoschin begangen, das Haus ihrer Eltern verläßt und sich zu nahen Verwandten der Meerheimbs, dem Freiherrn von Bünsow und seiner Gattin, begibt, die kinderlos sind und im Hannoverschen ein Gut besitzen. Bei ihnen soll sie bleiben. Und von dort soll sich dann der Sohn die Braut holen.«

Da endlich erwachte Werner Torwald.

»Und meine Tochter – –«

Ein dumpfes Grollen war in seiner Stimme. Er beendete den Satz nicht und wandte sich mit jäh aufflammenden Augen unmittelbar an Hermine.

»Hast du es gehört? Das Haus deines Vaters soll bei deiner Verlobung und Heirat ausgeschieden werden. Was sagst du dazu?«

»Mach' es dem armen Kinde doch nicht noch schwerer, als es ihm schon so wird«, antwortete Dora statt ihrer. »Hast du vergessen, wie furchtbar sie unter ihrem Namen gelitten? Nur deshalb hat sie sich nach langem Kampf entschlossen, auf diesen Wunsch einzugehen. Willst du zum zweitenmal in ihren Lebensweg treten?«

»Ich habe es mit Hermine zu tun«, unterbrach er sie scharf und hart. »Du also, Hermine, hast in diesen Plan eingewilligt?«

Und als sie schwieg: »Als mein Vater eine Schuld auf sich lud, da ging ich zu ihm und trug Schmach und Elend mit ihm. Du aber schämst dich deines Vaters, der ohne jede Schuld –«

Wieder beendete er den Satz nicht. Eine ungeheuere Erregung arbeitete in ihm und nahm ihm die Worte von den Lippen.

»Ich möchte Sie sehr bitten, Herr Doktor«, suchte jetzt Theo Fortenbacher in seiner weltmännischen Art zu vermitteln, »die Angelegenheit nicht tragisch zu nehmen. Das Ganze ist doch nur eine gut gemeinte und klug erwogene Form. Ihre Tochter bleibt doch immer Ihr Kind. Und alles dies geschieht nur zu ihrem Besten.«

Als hätte er in die Luft gesprochen, so völlig ungehört prallten seine Worte an Werner Torwald ab.

»Gut«, wandte er sich wiederum an Hermine, sich mit der letzten ihm zu Gebote stehenden Kraft zur Ruhe zwingend, »ich sehe klar und deutlich. Ich darf nicht zwischen dir und deinem Glücke stehen. Darf nicht zum zweitenmal deine Entwicklung hemmen. Deine Mutter hat recht. Du kannst gehen, wohin dein Herz dich zieht ... Aber mein Kind bist du von dieser Stunde an nicht mehr, und mein Haus ist nicht mehr das deine.«

Heiß glühte es auf in Herminens Antlitz. Ein sich auflehnender Trotz lag auf ihren Zügen, glimmte ihm aus ihren Augen entgegen. Aber kein Wort kam von ihren Lippen.

Da trat Dora dicht an ihren Mann heran.

»Weißt du auch, was du tust?« fragte sie. »Weißt du, daß dann auch ich gehe? Ich habe dir einmal gelobt, dich niemals zu verlassen. Wenn du mein Kind aus deinem Hause weisest, bin ich meines Versprechens quitt.«

Und wieder hörte sie Werner Torwald nicht.

»Sie aber, Herr Landrat«, sagte er zu Theo Fortenbacher, »der Sie bisher nur Unglück in mein Leben gebracht, der Sie die Bande zwischen mir und den Meinen mit vollem Bewußtsein mehr gelockert haben und es heute wagen durften, eine solche Zumutung an mich zu stellen, Sie bitte ich, mein Haus von dieser Stunde an nicht mehr zu betreten.«

»Du bist toll geworden!« rief Dora außer sich vor Zorn und Empörung.

Theo Fortenbacher erhob sich lässig von seinem Sitze und sagte, das Auge mit kühler Verachtung auf Werner Torwald gerichtet: »Ich will nicht entscheiden, ob Ihre Gattin mit ihrer Mutmaßung recht hat, jedenfalls trage ich kein Bedenken, Ihren Wunsch zu erfüllen. Denn niemals habe ich Ihr Haus Ihretwegen betreten, sondern weil ich Ihrer armen Frau zur Seite sein wollte, die die Irrung einer unüberlegten Stunde mit so viel Schmach und Elend bezahlen mußte.«

Da war es um Werner Torwald geschehen. Der Zwang, den er sich solange auferlegt, hatte seine Banden gesprengt.

»Hinaus!« rief er mit dumpf sich herauspressender Stimme, trat einen Schritt auf Theo Fortenbacher zu, daß die ganze ungebrochene Kraft seines Körpers zur vollen Erscheinung kam, hob den muskulösen Arm – –

Aber mit einem Male schien er zur Besinnung zu kommen. Er senkte den Arm, fuhr mit der Hand über die glühende Stirn und sagte mit schwerer Stimme: »Ich war daran, mich zu vergessen. Verzeihen Sie. Aber gehen Sie – – gehen Sie bitte.«

»Er ist wirklich nicht mehr bei Sinnen«, klagte Frau Dora, die diesem Vorgange wie etwas Ungeheuerlichem gefolgt war, zwischen Zorn und Tränen, und drang in Theo Fortenbacher, der seine weltmännische Ruhe nicht eine Minute verloren hatte, dem Rasendgewordenen zu weichen.

Hermine aber saß auf ihrem Sessel, das Antlitz wie von Furcht und Grauen tief auf die Brust gesenkt, sprachlos, keiner Bewegung fähig. Einmal schon hatte sie den Vater im Zorne gesehen, damals, als das furchtbare Ereignis in der Schule geschehen war. Das aber war Kinderspiel gewesen gegen diesen elementaren Ausbruch, den sie bei dem sonst stets Ruhigen, in sich Gemessenen und jeder leidenschaftlichen Äußerung Abholden nie für möglich gehalten.

Endlich raffte sie sich zusammen, stand auf und verließ mit ihrer Mutter das Zimmer.

*

Ein zweiter Arzt hatte sich in Neukirchen niedergelassen. Ein jüngerer, nüchterner Mann, der von dem Idealismus Werner Torwalds weit entfernt war. Da er aber tüchtig und in seinem Berufe gewissenhaft war, so faßte er schnell im Kreise Fuß und gewann wachsenden Anhang.

Werner Torwald war es recht. Der junge Kollege, mit dem er bald in Beziehungen trat, half ihm nicht nur die kaum noch zu überwindende Arbeitslast tragen, er befreite ihn vor allem von der oft drückenden Verantwortung, die er als einziger Arzt bisher auf seinen Schultern gefühlt.

Und es war noch ein anderer Grund, der ihm diesen Umstand willkommen machte.

Er litt unter den veränderten Verhältnissen, die seit jener furchtbaren Abendstunde in sein Haus und seine Familie getreten waren, so schwer, daß er nicht mehr die alte Arbeitsfrische und Arbeitskraft besaß, die ihm einst in so reichem Maße zu eigen gewesen.

Dora sprach seit jener Stunde kein Wort mehr mit ihm. Sie hatte sich ganz und gar auf Theo Fortenbachers Seite geschlagen, war mit offenkundig zur Schau getragener Absicht jeden Tag mit ihm zusammen und gab damit den Anlaß zu allerlei Gerede. Mehr oder minder deutlich erzählte man im Kreise bereits von einer bevorstehenden Trennung der Gatten.

Werner aber wurde jedesmal, wenn Dora den ganzen Tag fortgewesen war, von der Furcht gequält, daß sie ihre Drohung wahr machen würde, nicht mehr zu ihm zurückzukehren, und kam erst zur Ruhe, wenn er ihren Schritt im Hause vernahm.

Aber er zeigte ihr niemals, was in ihm vorging, machte auch keinen Versuch mehr, eine Verständigung wieder herzustellen.

Um so härter litt sein weiches und zur Liebe geschaffenes Gemüt unter alledem. Nicht nur seine Seele, auch sein Körper begann zu kränkeln, und kein Wille und keine Arznei halfen ihm mehr.

Hermine mied seinen Weg und sprach nie mehr zu ihm, als unbedingt notwendig war.

Manchmal aber, wenn er es auch nicht merkte, war ihr Auge mit einem still fragenden Blick auf ihn gerichtet, und wenn sie sah, wie sein sonst so straffer Körper leicht zusammenfiel, wie seine Haltung gebeugter wurde und seine Züge mit jedem Tage deutlicher die Spuren eines tiefen Kummers trugen, dann huschte über ihr junges hübsches Mädchenantlitz wohl der Hauch eines gewissen Mitleids.

Von ihrer bevorstehenden Verlobung sprach sie niemals wieder zu ihm. Sie fühlte instinktmäßig, daß ihm der junge Meerheimb wenig zusagte. Der Anblick seines elementar hervorgebrochenen Zornes war ihr unvergeßlich geblieben und erfüllte sie heute noch in der Erinnerung mit einem leisen Schauer.

Um so mehr war sie mit der Mutter zusammen, und Frau Dora war stolz auf die Anhänglichkeit ihres Kindes und wohnte sicher in seiner Liebe.

*

Ein sonnendurchgoldeter Vormittag, wie ihn dieser Winter nur selten gesehen, obwohl der März bereits gekommen war.

Frau Dora hatte eine Sitzung des Vaterländischen Frauenvereins, der eine große öffentliche Veranstaltung plante, und dessen Vorsitz sie auf Theo Fortenbachers Bitte übernommen hatte, zu leiten und, an sie anschließend, eine längere Besprechung mit diesem und einigen Vorstandsdamen gehabt.

Sie kam erst kurz vor dem Essen nach Hause. Werner war von seiner Fahrt über Land noch nicht zurückgekehrt, und sie konnte, wie sie es in diesen Mittagsstunden liebte, eine Zigarette rauchend, in ihrem Zimmer behaglich mit Hermine plaudern.

Bald erzählte sie mit allem Ernst von den Dingen, über die man heute in der Sitzung verhandelt hatte, bald ahmte sie mit wundervollem Humor die verschiedenen Damen nach, glossierte ihre Art zu sprechen, belustigte sich über ihr kleinstädtisches Wesen und die Enge ihrer Ansichten und zog mit beißendem Witz über ihre Eitelkeit her und ihre stete Sorge, ja nicht hinter einer anderen in irgendeiner Weise zurückzustehen.

Mit einem Male schnitt sie den Faden des Gespräches ab und sagte ganz unvermittelt:

»Eins wollte ich dich schon immer fragen, Hermine. Gesetzt, es würde sich einmal die Notwendigkeit ergeben, daß ich vom Vater ginge –«

»Daß du – vom Vater gingst? –«

Langsam hatte Hermine es wiederholt, mit großen, weit aufgerissenen Augen auf die Mutter starrend.

»Ich sage ja nicht, daß ich es tun will, mein Herz. Aber nach allem, was in der letzten Zeit vorgefallen, wäre es doch nicht etwas so Wunderbares.«

»Daß du – vom Vater gingst ...«

Als wäre sie nicht fähig, einen anderen Gedanken zu fassen, sagte Hermine es noch einmal, genau in dem abwesenden Tonfall, derselben abgebrochenen Weise.

»Ich glaubte nicht, daß es dich so überraschen würde, ja, ich war der festen Ansicht, du hättest dich mit dem Gedanken bereits vertraut gemacht, dich innerlich längst mit ihm abgefunden.«

Regungslos, die großen Augen immer noch mit demselben starren Ausdruck auf sie geheftet, stand Hermine der Mutter gegenüber.

»Nun, so ist es gut, daß wir einmal davon sprechen«, fuhr Frau Dora fort, und die leichte Sicherheit war nicht mehr in ihren Worten, »damit es dich, wenn es einmal geschehen sollte, nicht so unvorbereitet trifft.«

Totenstille war im Zimmer. Und durch diese Totenstille schleppte sich jedes Wort bleiern und schwer.

»Vor allem aber glaubte ich, du wüßtest ganz genau, daß es, falls es einmal eintreten sollte, in der Hauptsache deinethalben geschehe.«

»Meinethalben, Mutter?!«

»Nun ja. Was hat denn schließlich den Stein ins Rollen gebracht? Was unsere Ehe, die in der letzten Zeit doch wenigstens ein Nebeneinanderleben war, unhaltbar gemacht? Doch nichts anderes als des Vaters unerhörte Art, als er von deiner bevorstehenden Verlobung und dem Wunsche deiner künftigen Schwiegereltern vernahm, dessen Zusage, wie ich am besten weiß, niemanden so schwer geworden wie dir –«

»Weil die Meerheimbs und auch Kurt mir immer wieder klar machten, daß es für unser künftiges Zusammenleben eine Notwendigkeit wäre. Und weil – –«

»Und weil?« fragte Frau Dora, als sie innehielt.

»Weil ich damals noch nicht wußte, daß es den Vater so tief treffen könnte.«

»Daß es ihm nicht leicht fallen würde, hättest du dir denken können.«

»Aber doch nicht so tief ... nicht so tief, Mutter!«

»Jedenfalls sind die Verhältnisse, seitdem er Onkel Fortenbacher, der überall das größte Ansehen genießt und stets nur unser Bestes gewollt hat, aus dem Hause gewiesen, unhaltbar geworden – wenigstens für mich. Du aber stündest dann vor der Entscheidung, was du in solchem Falle tun, mit wem du gehen würdest.«

»Frage mich nicht, Mutter ... frage mich nicht!«

Wie ein Hilfeschrei aus zerrissener Seele drang es an Frau Doras Ohr, verwirrte es ihr Denken, so daß sie vor dem Unbegreiflichen stand.

»Es ist meine Pflicht, dich zu fragen –«

»Ich weiß es nicht ... weiß es nicht, Mutter.«

Da stieg Frau Doras Erstaunen ins Unermeßliche.

»Du weißt es nicht? Und ich habe fest geglaubt, daß du nicht eine Sekunde im Zweifel sein würdest.«

»Du ... vom Vater gehen!« fuhr Hermine fort, als bohrten sich ihre Gedanken immer nur in dem einen fest. »Jetzt von ihm gehen, wo er unter alledem so entsetzlich leidet, weil er dich mit seiner ganzen Seele liebt – ja, meinst du, ich hätte keine Augen, das zu sehen? Nein, Mutter, wenn du das tätest, es nur tun könntest, dann ...«

»Nun, was dann?« fragte Frau Dora, immer noch jedem Wort ihres Kindes wie etwas Unverständlichem gegenüberstehend und doch von ihm sichtbar ergriffen.

»Ich kann es dir nicht sagen. In mir ist alles so unklar und verworren ... dann ginge ich fort ... irgendwo in die weite Welt hinein ... meinethalben auch in den Tod.«

»Hermine!« rief Frau Dora auf das tiefste erschüttert, stürzte auf ihre Tochter zu, schloß sie in heißer Zärtlichkeit in ihre Arme und küßte ihr wieder und wieder die Stirn und die glühenden Lippen.

»Um des Himmels willen, sprich nicht noch einmal ein so fürchterliches Wort! Ich kann es nicht hören.«

»Ja, hast du denn nie gefühlt, wie ich in diesem Hause gelitten habe? Gewiß, ich bin mit dir auf Gesellschaften und Bälle gegangen, habe gern getanzt und bin froh gewesen. Aber innerlich, Mutter ... innerlich ... nein, es war nicht das schreckliche Ereignis damals in der Schule, so hart es mich auch traf. Das habe ich überwunden. Aber kannst du dir nicht denken, daß nichts eine Kindheit so vergiftet, als wenn Vater und Mutter widereinander sind? Und man steht hilf- und ratlos zwischen beiden und weiß nicht, wer ...«

»Das wüßtest du nicht? Dein Vater ...«

»Mutter, ich bitte dich, wie ich vor kurzem schon einmal Onkel Fortenbacher bat ... sprich nicht mit mir vom Vater! Ich kann es nicht hören ... jetzt auch nicht von dir mehr hören.«

Frau Dora war fassungslos. Was war mit ihrem Kinde geschehen? Sie glaubte es zu kennen, glaubte, in stetem, vertrautem Umgang mit ihm seine ganze Seele offen vor sich liegen zu sehen – und nun geschah dies!

Noch einmal trat sie auf ihre Tochter zu, wollte sie in ihre Arme schließen. Aber Hermine wehrte sie ab.

»Laß mich, Mutter, ich bitte dich – – ich kann jetzt nicht, kann wirklich nicht. Ich muß mit mir allein sein.«

»Kann dir deine Mutter denn gar nicht helfen, mein liebes Kind? Ich bin doch sonst immer deine Vertraute und deine Freundin gewesen.«

»Nein, Mutter ... jetzt kannst selbst du mir nicht helfen. Das alles muß ich mit mir allein abmachen. Ich gehe auf mein Zimmer und komme heute nicht mehr hinunter. Gute Nacht, Mutter.«

*

Am nächsten Morgen erhielt Werner einen Brief. Er kam vom Professor Oppermann, dem leitenden Arzt jenes Sanatoriums im Harz, in dem er damals vor seiner Niederlassung in der Stadt eine lange Zeit gearbeitet, und lautete so:

»Hochverehrter Freund und Kollege!

Ich möchte Ihnen heute mitteilen, daß ich mich aus Gesundheitsrücksichten gezwungen sehe, meine Stellung als leitender Arzt dieser Anstalt, die ich jetzt seit über dreißig Jahre innehabe, in den nächsten Tagen aufzugeben. Bei der Wahl eines Nachfolgers sind unsere Blicke in erster Reihe auf Sie gefallen. Ich habe, als Sie ein halbes Jahr hier mit mir zusammen arbeiteten, genügende Gelegenheit zu der Beobachtung gehabt, daß Sie die Gaben, die, abgesehen von seiner klinischen Tüchtigkeit, für den Arzt eines Sanatoriums für Nerven und Gemütsleidende die Hauptsache sind: den persönlichen Umgang mit den Kranken, das liebevolle Eingehen aus ihr Leiden und die seelische Beeinflussung, in reichem Maße besitzen.

Es ist Ihnen von damals bekannt, daß die Stellung, wenn man sie recht erfaßt und ausfüllt, durchaus schwer ist und unausgesetzte Arbeit bei Tag und Nacht erfordert. Aber ich weiß, daß Sie die große Tätigkeit nicht schrecken, sondern eher anziehen wird.

Und so möchte ich mir die Anfrage an Sie erlauben: ob Sie geneigt sind, dies Amt zu übernehmen. Ein befriedigendes und Ihrer Art liegendes Feld der Tätigkeit finden Sie hier sicher. Sollten Sie sich also entschließen, so möchte ich Sie bitten, es mich so bald als möglich wissen zu lassen, auch so schnell, als es die Abwicklung Ihrer dortigen Praxis nur gestattet, zu uns kommen zu wollen. Denn ich begebe mich schon in den nächsten Tagen auf eine Erholungsreise, von der ich nicht mehr hierher zurückkehren werde. Über eine zusagende Antwort würde sich niemand so freuen als Ihr Ihnen herzlich ergebener

Oppermann.«

War dieser Brief ein Wink des Himmels? Wollte er den Weg ihm weisen? Die Befreiung, die heißersehnte, ihm bringen? Langsam faltete er ihn zusammen, steckte ihn in die Brusttasche und begab sich in Doras Zimmer, ihn ihr zu geben, seinen Inhalt mit ihr zu besprechen. Denn ohne sie konnte er keine Entschlüsse fassen, das war ihm klar.

Sie hörte ihn mit eisigem Schweigen an.

»Du kannst gehen«, sagte sie schließlich. »Hermine und ich bleiben hier.«

Weiter war keine Silbe aus ihr herauszubringen.

»Gut«, sagte er zu sich selber. »Dann mag es auch so geschehen«, kehrte in sein Zimmer zurück, fertigte einige Patienten ab, die inzwischen erschienen waren, und schickte sich an, Professor Oppermanns Brief zu beantworten.

Da meldete sich der Fernrufer. Hans Hartau war da: seine Frau wäre seit einigen Tagen schwer erkrankt. Geheimrat Backel behandelte sie. Sie aber verlangte nach ihm. Ob er kommen könnte?

Selbstverständlich. Mit dem nächsten Zuge, der in einer halben Stunde ging.

*

In dem dritten Stock des hohen, schmalgiebligen Pfarrhauses an der Marienkirche lag Anneliese in ihrem Bette.

Ihr feines Antlitz war blaß und durchsichtig und ihre Wangen schmal geworden. Nur ihre großen dunklen Augen leuchteten in der alten Schönheit, Und ihr Glanz war noch tiefer und weicher geworden, als früher in ihren gesunden Tagen.

Geistig jedoch war sie von ungebrochener Frische, nahm mit ungemindertem Interesse an der Arbeit ihres Gatten und allen Angelegenheiten der Gemeinde, besonders der ihr anvertrauten Armen und Kranken, teil, besprach alles, was diese anging, auf das genaueste mit der Gemeindeschwester, die täglich zu ihr kam, gab ihre Anweisungen und schrieb ab und zu auch einen Brief.

Geheimrat Backel hatte eben eine lange Unterredung mit dem hinzugezogenen Professor Gregori vom städtischen Lazarett gehabt. Beide gaben sich die größte Mühe, konnten aber den Sitz ihres Leidens mit Gewißheit nicht feststellen, machten ihr und ihrem niedergedrückten Gatten immer neue Hoffnungen und versuchten ein Mittel nach dem anderen, das wohl eine vorübergehende Wirkung erzielte, dann aber versagte.

Hans Hartau geleitete seinen Schwager, sowie er angelangt war, auf ihr Zimmer und ließ die beiden allein.

All das tiefe Leid, das Werner in der letzten Zeit durchgemacht, brach bei Anneliesens Anblick mit einer Heftigkeit hervor, daß er, keines Wortes fähig, nur ihre schmale, blasse Hand in die seine nahm und in ihr bei seinem Eintritt matt aufleuchtendes Auge sah.

Da wußte er, daß seine und aller Ärzte Kunst hier vergeblich war.

Und sie wußte es auch.

»Wie gut, daß du gekommen bist!« sagte sie und hielt seine Hand immer noch in der ihren. »Ich hatte den ganzen Tag schon solche Unruhe, ob Hans dich erreichen würde, und ob du dort abkömmlich wärst.«

»Abkömmlich, Anneliese? Wenn du mich riefst?!«

»Gewiß, ich habe auch nie daran gezweifelt, nein, nicht eine Sekunde. Aber schön ist es doch, daß du nun da bist ... wirklich da bist.«

»Warum aber erfuhr ich es nicht früher?« fragte er mit leisem Vorwurf. »Warum bat mich dein Mann nicht längst zu dir?«

»Weil ich es nicht wollte. Ich mußte erst in allem mit mir selber fertig sein, bevor ich mit dir sprach. Jetzt ist es geschehen. Ich bin bereit ... ach, laß doch ... laß doch, lieber Werner. Du weißt es ja so gut wie ich. Und du wirst es doch nicht wie der Geheimrat machen und mir alles mögliche vorreden, woran du selbst nicht glaubst. Dazu kennen wir uns beide doch zu gut, und dazu hast du mich auch zu lieb, nicht wahr?«

»Anneliese!«

Es war ein gewaltsam unterdrückter Schrei aus der tiefsten Not des Herzens heraus. Alles, was in seiner Seele war: ein unendliches Mitleid, ein niederdrückendes Gefühl seiner ärztlichen Ohnmacht und eine große Liebe strömten in diesem einen Schrei zu ihr hernieder.

Sie drückte seine Hand, sie strich mit der anderen über seinen Arm dahin.

»Weißt du noch, Werner ... damals, als ich ein Kind war und zum Tode krank in Malkaymen lag ... damals kamst du und wachtest die ganze Nacht bei mir. Und der Tod stand zwischen mir und dir. Und ich sah ihn durch die dunkle Stube schreiten und sah, wie du mit ihm rangst, und wußte, daß du Sieger sein würdest. Damals erschienst du mir wie der Heiland – ich nannte dich auch so, weißt du es noch?« –

»Ob ich es weiß, Anneliese!«

»Und nun, da du heute wieder zu mir kommst, ist in mir alles so ruhig und geklärt. Ich habe nicht die geringste Furcht. Mir ist, als ginge ich auf eine weite, schöne Reise, – nein, du mußt nicht traurig sein. Du hast mir das Leben damals nicht vergeblich gerettet. Ich habe mich tapfer durchgekämpft, ja, das darf ich wohl sagen. Und später, als vieles überwunden war, habe ich mein Dasein nach Kräften auszunutzen gewußt und auch genossen. Denn ich habe das Glück gehabt, einen Mann zu bekommen, der mir ein guter, treuer Freund geworden ist, und eine Tätigkeit gefunden zu haben, in der ich viel Befriedigung gehabt habe. Und den Weg zu ihr hast du mir gewiesen. Ohne daß du es wußtest und vielleicht wolltest.«

»Ach, Anneliese – – warum –?«

Er vermochte nicht weiter zu sprechen, die Worte erstickten ihm in der Kehle.

»Ich verstehe, was du sagen willst: warum nicht auch Dora dies bei dir gefunden und geliebt hat? Warum ihr trotz all deines aufrichtigen Bemühens zuletzt immer mehr auseinander kamt?«

»Ja, genau das wollte ich sagen. Es ist wunderbar, du kennst alle meine Gedanken.«

»Weil ich dich lieb gehabt, Werner ... mein ganzes Leben lang.«

So schlicht und einfach hatte sie es gesagt. Es war wie das große befreiende Bekenntnis eines Menschenkindes, das innerlich mit diesem Dasein abgeschlossen hatte und bereits in dem Licht eines anderen wandelte, für das andere Gesetze und Normen bestehen als für dies kurzsichtige, von dem Schein gefangene und an den Schein gefesselte. Weil die Morgenröte der Ewigkeit sie bereits umschimmerte, in der es keine Heuchelei und keinen Trug mehr gibt. Nicht einmal den frommen Selbstbetrug, in dem die Menschen sich und anderen Dinge vorspiegeln, die gar nicht in ihnen sind, die sie aber einmal brauchen, um sich wenigstens ein erträgliches Scheinleben zu sichern.

Nun war ein langes, schweres Schweigen zwischen sie getreten. Sie beide fühlten, daß das Tiefste und Letzte gesagt war, und wußten doch zugleich, daß es das letztemal war, daß sie, die sich so ganz nahe waren, in dieser Weise miteinander sprachen und wortlos noch nicht auseinandergehen konnten.

»Und warum – –?« fragte Werner noch einmal, und wieder brachte er den Satz nicht zu Ende.

»Warum die Menschen nicht zueinander kommen, die zueinander gehören, sich so viel sein und geben könnten? Ach, wenn du wüßtest, wie oft ich darüber nachgedacht und mir den Kopf zergrübelt habe. Dann habe ich mir zum Trost gesagt, daß es vielleicht gut so gewesen, daß in der Gewohnheit des täglichen Zusammenseins und der kleinlichen Sorgen gewiß manche schöne Ideale zerstört, manche frohe Erwartungen enttäuscht sein würden, daß die Erde wohl gar nicht dazu geschaffen ist, den Abschluß seelischer Verwandtschaft und Liebe zu bilden ... daß ihr Glück und ihr Ziel vielmehr kein anderes ist als gute Kameradschaft im harten Kampf des Lebens. Ich habe es doch an mir selbst erfahren.«

»Aber wenn auch das nicht einmal ist!« rief er, und eine tiefe Erschütterung klang aus seinen Worten.

»Nein, Werner, du darfst nicht verzagen. Dora ist nicht schlecht, ist nur ein anderer Mensch als du und hatte dich einmal lieb.«

»Ganz recht – sie hatte mich einmal lieb.«

»Und wird sich wieder zu dir zurückfinden, wenn es auch lange dauern kann und du viel Geduld haben mußt.«

»Dann aber wird es für mich zu spät sein.«

»Warum zu spät für dich?«

Er vermochte nicht mehr zu antworten. Schritte klangen die Treppe herauf. »Mein Mann kommt«, sagte Anneliese. Und dann, seine Hand an ihre Stirn ziehend, in schwer verhaltener Bewegung: »Gute Nacht, Werner ... gute Nacht!«

*

Gegen Abend langte Werner in Neukirchen an.

Der Briefbogen, auf dem er die Antwort an Professor Oppermann begonnen hatte, lag noch auf seinem Schreibtisch. Er schob ihn beiseite. Er war nicht fähig, einen Gedanken, gar einen Entschluß zu fassen.

Es war alles so aufgewühlt in ihm und so zerstört.

Seine Seele weilte bei Anneliese, und ihm war, als wäre auch er nicht mehr bei den Lebenden mit ihren Alltagssorgen und engen Mühen, als wäre auch er schon in den Vorhof stiller, ewiger Gefilde eingetreten.

Er fragte nicht einmal nach Dora und hörte erst, als das Mädchen ihm das Abendbrot auftischte, daß sie und Hermine mit dem Herrn Landrat auf ein benachbartes Gut gefahren wären.

Es war ihm heute nicht einmal unwillkommen. Denn ein Grauen überschlich ihn, dachte er daran, daß er, in der Art, wie sie jetzt zusammenstanden, Dora die Botschaft von der schweren Erkrankung der Schwester überbringen sollte.

Ja, sie kamen ihm beinahe zu frühe, als sie kurz nach Mitternacht nach Hause zurückkehrten und sich, wie sie es jetzt zu tun pflegten, an seinem Arbeitszimmer vorüber in ihre Zimmer begeben wollten.

Er aber trat auf den Flur und bat sie beide zu sich.

»Ich habe euch eine ernste Mitteilung zu machen«, begann er langsam und zagend.

Doch schon unterbrach ihn Dora.

»Willst du nun auch Herminen von deinen Reiseplänen erzählen? Ich fürchte, sie wird ebensowenig Lust für sie verspüren.«

»Nein«, gab er sehr ernst zurück. »Was ich euch zu sagen habe, geht besonders dich an und ist keine gute Botschaft.«

»So sprich und foltere mich nicht unnötig!«

»Anneliese ist erkrankt ... schwer erkrankt.«

Ohne ein Wort zu sagen, ließ sich Dora auf den nächststehenden Stuhl nieder. Aus ihrem Antlitz war jede Farbe gewichen, und der schlaff herabhängende Arm begann zu zittern.

Werner wußte, daß es sie hart treffen würde. Hatten sich ihre Beziehungen in der letzten Zeit hauptsächlich seinetwegen auch ein wenig gelockert, so hing sie doch seit ihren frühesten Kindheitstagen mit ihrem ganzen Herzen an der jüngeren Schwester, und obwohl sie es nie laut werden ließ, litt sie selber am meisten darunter, daß es zwischen ihnen nicht mehr das Alte war.

»Woher weißt du es?« fragte sie, ohne ihn anzusehen.

»Gerade als du zu deiner Sitzung gegangen warst und Hermine auch nicht zu Hause war, rief mich Hans Hartau an und bat mich, so schnell als möglich in die Stadt zu kommen.«

»Und du? So rede doch!«

»Ich fuhr mit dem nächsten Zuge und fand Hans Hartaus Furcht bestätigt.«

»So rette sie!«

Sie war von ihrem Stuhl aufgesprungen und rief ihm die Worte leidenschaftlich und in dem alten gebietenden Tone entgegen.

»Das kann ich nicht.«

»Das kannst du nicht? Du hast es schon einmal gekonnt, als wir alle sie aufgegeben hatten und auch du. Da hast du es gekonnt. Sie hat es dir nie vergessen und dich geliebt ihr ganzes Leben lang. Und jetzt sagst du, du kannst es nicht?«

Er schüttelte langsam und traurig das Haupt.

»Sie fühlte sich längst nicht wohl«, sagte Dora, ganz in sich gekehrt, als spräche sie mit sich selber. »Als ich das letztemal bei ihr war, fand ich sie bereits verändert. Aber daß es so schlecht mit ihr stehen könnte ... Was fehlt ihr denn?« wandte sie sich wieder an ihren Mann und sah über ihn hinweg in das Leere.

»Weder Backel noch Gregori können es mit irgendeiner Sicherheit ergründen, so große Mühe sie sich auch geben. Ich habe mit beiden vor meiner Abreise gesprochen. Es muß ein heimtückisches, verstecktes inneres Leiden sein, dem nicht beizukommen ist.«

»Und was sagst du?«

»Auch ich weiß es nicht ... Aber in ihren Augen wohnt der Tod.«

»Das hast du damals auch gesagt. Und hast mit dem Tode gerungen und ihn überwunden.«

»Damals ... ja. Jetzt ist es zu spät.«

»Also keine Hoffnung mehr ...«

»Ich habe keine.«

Dora sprach kein Wort mehr. Sie war in ihren Stuhl zurückgefallen. Eine Weile saß sie ganz still, in sich zusammengesunken. Dann löste sich ihre Starrheit. Sie begann zu weinen, und bald erschütterte ein heftiges Schluchzen ihren ganzen Körper.

Da packte Werner ein tiefes Mitleid mit seiner Frau, die er während all der Jahre ihrer Ehe niemals so aufgelöst, so völlig fassungslos gesehen. Die alte, nie gestorbene Liebe erwachte mächtiger als je in seiner Seele. Er trat an sie heran, er nannte mit weicher, begütigender Stimme ihren Namen, er strich ihr mit der Hand über das wellige Haar.

Sie aber erhob mit einer schnellen Bewegung ihren Arm und stieß seine Hand von sich.

»Geh!« rief sie. »Laß mich in Frieden! Du hast das innige Verhältnis, das mich von unserer ersten Kindheit an mit Anneliese verbunden, zerstört. Vater und Mutter habe ich deinetwegen verloren. Den einzigen Freund, der es gut mit mir und dem Kinde meinte, hast du aus dem Hause gewiesen. Ich mag dich nicht mehr sehen!«

»Mutter!«

Von der anderen Seite des Zimmers klang es herüber, ein entsetzter, furchterfüllter Aufschrei. Hermine, die bisher still und regungslos das ganze Gespräch mit angehört hatte, war auf die Mutter zugestürzt und hatte ihr die Hand auf den Mund gelegt, als wollte sie ihr jedes weitere Wort auf den Lippen ersticken.

»Mutter!« rief sie noch einmal. »So sprichst du ... und zwischen uns steht der Tod!«

Werner aber war, von den Worten seiner Frau wie von einem Gifthauch berührt, zurückgewichen.

»Dann allerdings ... dann ist nichts mehr zu hoffen und zu wollen!« flüsterte er vor sich hin.

Sein Entschluß war gefaßt. Er begab sich an den Schreibtisch, nahm den angefangenen, eben beiseite geschobenen Brief, wollte zu schreiben beginnen – da ertönte das Rollen eines Wagens über das holperige Pflaster der Langen Straße durch die stille Nacht. Jetzt hielt er vor dem Hause.

Werner hatte das Fenster geöffnet.

»Der Herr Doktor möchten doch sogleich nach Altfelde kommen«, flehte eine jugendlich männliche Stimme, die dem Sohne des Altfelder Pfarrers gehörte. »Bei der Schwester ist plötzlich ein heftiger Rückfall eingetreten, und wenn der Herr Doktor nicht unverzüglich kommen –«

Werner hatte das Fenster geschlossen, Hut und Mantel genommen und war die Treppe hinuntergeeilt.

Gleich darauf drang das harte Stampfen schnell dahintrabender Pferde zu den beiden Frauen hinauf.

*

Von dieser Nacht an gab es wiederum so schwere Zeit für Werner Torwald, daß alles andere dahinter zurücktrat.

Seine Arbeit und Sorge waren zwischen Anneliese und der jungen Pfarrerstochter geteilt, die er sicher über den Berg gewähnt, und die jetzt in einem all seiner medizinischen Weisheit spottenden Rückfall ernster und gefahrdrohender als je erkrankt war und seine Kraft aufs neue in Anspruch nahm.

Am nächsten Morgen war er ohne jedes Ausruhen gleich nach der Sprechstunde mit dem Vormittagszuge in die Stadt zu Anneliese gefahren.

Die eingehende Untersuchung, die er vorgenommen, hatte seine Befürchtung bestätigt, daß es sich um ein unheilbares Leiden handelte, das schon längere Zeit in dem geschwächten Körper geschlummert hatte und in absehbarer Zeit das Ende herbeiführen mußte.

Dennoch gab er den Kampf nicht auf, tat wenigstens alles, um der tapferen Frau, die er mit jedem Male mehr bewundern und lieben lernte, ihren qualvollen Zustand zu erleichtern, und weilte Tag für Tag mehrere Stunden an ihrem Lager.

Und wenn ihr auch das Sprechen schwer wurde, so dankte ihm mancher stillbeglückte Blick, mancher sanfte Druck der Hand, die dann wieder leise flatternd wie ein müder Falter auf der weißen Bettdecke lag.

Auch Dora war fast täglich bei ihrer Schwester. Aber nur für sehr kurze Zeit. Denn man merkte es der Kranken bald an, daß jeder Besuch sie aufregte und sie nur Werner um sich haben wollte, dessen ruhige und stets hilfreiche Gegenwart ihr wohl tat.

Vielleicht war es nicht gut, daß Dora dies fühlte. Denn es schmerzte sie und verstärkte ihre ohnehin schwer gereizte Stimmung.

Eines Abends hatte Anneliese ihr junges Leben in ihres Gatten Arm ausgehaucht. Ihr letzter Blick aber hatte Werner gegolten.

*

Nun war es still geworden im grünen Hause am Berge. Keine Autos oder Wagen kletterten mehr die kleine Anhöhe hinauf, die Besuche brachten oder zu solchen führten.

Auch mit Theo Fortenbacher war man weniger zusammen. Nur zu Besprechungen und Vereinssitzungen war Frau Dora außer dem Hause.

An diesen aber nahm sie jetzt häufiger und länger teil als je. Und auch daheim saß sie oft stundenlang arbeitend und schreibend in ihrem Zimmer.

Eine stete Unruhe war in ihr und zeigte sich in ihrem Wesen wie in ihrem Tun, als sollte ihr die rastlose Tätigkeit Erleichterung und Betäubung bringen.

Werners letzte Hoffnung aber, an die er sich wie an einen Strohhalm geklammert: Annelieses Tod, der ihn vollends einsam gemacht, würde Dora zu ihm zurückführen, hatte sich als trügerisch erwiesen, sie begegnete ihm mit derselben unnahbaren Kühle wie früher.

»Und doch ist sie nicht schlecht, ist nur ein anderer Mensch als du und hatte dich einmal lieb«, hatte Anneliese gesagt.

»So sind es die bösen Geister, die in das Herz dieser Frau ihren Einzug gefunden, und mit denen du kämpfen mußt! Es wird ein harter Kampf werden. Doch du mußt ihn auf dich nehmen.«

Aber auch dieser Kampf, den er mit der ganzen Inbrunst der in ihm wohnenden Güte begann, erwies sich als vergeblich.

»Bin ich denn wirklich so schlecht und verächtlich«, sagte er zu sich selber, »daß sich alles von mir wendet? Nun gut, so muß ich mich auf mich selber stellen, muß meinen Weg allein gehen!

So wäre ich denn am Ziele und hätte mir die letzte Kraft des Lebens zu eigen gemacht, die die Einsamkeit dem gibt, der sie als ein Mann zu tragen weiß.«

Er setzte sich an den Schreibtisch und beendete den bereits begonnenen Brief an Professor Oppermann, in dem er ihm sein baldiges Kommen anzeigte.

In all seinem Schmerze mußte er lächeln. Nun trat das Umgekehrte von dem ein, was er sein Leben lang gefürchtet hatte: nicht Dora verließ ihn, sondern er ging von ihr. Ging freiwillig, weil es die einzige Möglichkeit war, die ihm noch blieb, wollte er nicht zum Schwächling werden.

Eine feiernde, abgeklärte Ruhe kam über ihn. Hart lag der Weg vor ihm. Aber in still geborgener Ferne leuchtete das Ziel.

Er brauchte nicht viel zum Dasein, hatte von frühester Zeit an gelernt, sich zu begnügen und einzuschränken. In der Anstalt hatte er alles frei. So konnte er ihnen sein ganzes Gehalt schicken, von dem sie gut leben konnten.

»Was sie sagen werden, wenn sie eines Morgens nach unten kommen und ich nicht mehr da bin? Nun, vielleicht sind sie zufrieden, denn sie haben ihren Zweck erreicht. Sie sind mich los und haben sich beide ungestört. Hermine wird sich mit dem jungen Meerheimb verloben, einen anderen, besseren Namen annehmen. Und ich werde ausgelöscht und vergessen sein ... für immer!«

Das war es, worüber er nicht hinwegkonnte. Der junge Meerheimb war ihm vom ersten Augenblick an, da er ihn kennen lernte, nicht angenehm gewesen. Das große Gewicht, das er auf die Form legte, seine tadellosen Manieren, die Dora so gefielen, gaben ihm keine Gewähr für das Glück seines Kindes. Ja, manchmal überkam ihn solche Furcht für dieses, daß er es für seine väterliche Pflicht ansah, einmal noch vor seinem Scheiden mit seiner Tochter zu sprechen.

Er legte sich jedes Wort zurecht und bat sie eines Vormittags, als der letzte Patient die Sprechstunde verlassen hatte, zu sich in sein Zimmer.

»Dein Vorhaben, dich mit dem jungen Meerheimb zu verloben, hat durch Anneliesens Tod einigen Aufschub erfahren«, begann er langsam und bedächtig. »Im übrigen scheint es fest zu stehen, nicht wahr?«

Und als sie nicht antwortete: »Und auch das andere, das, was ich dir nie zugetraut hätte, wird dann Wahrheit werden: du wirst uns verlassen, damit sich dein Erwählter seine Braut nicht von ihrem Vater zu holen braucht. Willst du mir auch darauf nichts sagen?«

Da blitzte der harte Trotz aus ihren Augen, flammte durch ihre Worte: »Was soll ich dir sagen? Du hast es mir ja bereits in Onkel Theos und der Mutter Gegenwart angekündigt, daß ich dann nicht mehr dein Kind bin und dein Haus nicht mehr das meine sein wird.«

Die Heftigkeit ihrer Leidenschaft machte ihn betroffen.

Das also war der Grund des Hasses und der Abneigung, den er in ihrer jungen Seele entzündet hatte!

Aber ihr, wenn sie bei diesem Entschlusse verharrte, ein begütigendes Wort zu geben, das war wider seine Natur und Wahrhaftigkeit.

»Es war das Schwerste, was mich treffen konnte ... das Allerschwerste.«

Er stützte den Kopf in die Hand, ihr sein Antlitz zu verbergen. Er wollte nicht, daß sie seine Bewegung sähe.

»Aber du bist mein Kind, mein einziges Kind. Und der Gedanke, du könntest einmal nicht glücklich werden, könntest bereuen, was du in unbesonnener Jugend getan ... der quält und beunruhigt mich.«

Er hielt inne. Er wollte ihr Gelegenheit geben, ein Wort zu sagen. Aber sie verharrte in ihrem Schweigen.

»Wenn du es über das Herz bekommst, deinen Vater auszuschalten und zu fremden Menschen zu gehen ... kannst du mit deinem Namen auch dein Wesen ablegen? Deine Art und Herkunft verleugnen? Und welche Gewähr hast du, daß man dir beides nicht einmal vorhalten, die Wohltat, die man dir angetan, dir zu Gemüte führen, ja, dir vielleicht den Schritt, den man dir heute angeraten, später einmal zum Vorwurf machen wird?«

»Das wird Kurt Meerheimb nie tun. Er ist ein Edelmann«, erwiderte sie mit kühler Ablehnung.

»Gut. Dann habe ich dir nichts weiter zu sagen. Aber eins laß mich noch hinzufügen.«

Er suchte sich zu sammeln und zu beherrschen.

»Es ist vielleicht das letztemal, daß ich mit dir spreche«, fuhr er dann fort, aber seine Stimme war noch immer unsicher. »Ich habe nichts weiter auf der Welt als dich und ... Ihr habt nicht immer recht an mir getan. Auch du nicht. Ich habe mit einem schweren Schicksal zu kämpfen und leide selber am meisten unter den Schatten der Vergangenheit, an denen ich unschuldig bin. Du als meine Tochter hättest mir mein Schicksal tragen helfen müssen, wie ich es getan habe bei meinem unglücklichen Vater. Das hast du nicht getan, sondern stehst jetzt im Begriffe, mir das Schwerste anzutun, dessen ich mich von meinem Kinde nicht versehen hätte –«

Er vermochte nicht weiter zu sprechen. Die Erregung, die in ihm arbeitete, war stärker als sein Wille.

»Doch nicht auf mich kommt es hier an, und nicht von mir ist die Rede, sondern nur von dir. Du aber, Hermine, du darfst nicht unglücklich werden. Das wäre unerträglich ... zu all dem, was mich bereits getroffen hat.«

Ihre Hand stützte sich auf die Kante seines Schreibtisches. Aber kein Wort kam von ihren Lippen.

»Ich ... ich habe nicht die Gewähr für dein Glück, die du zu haben meinst«, sagte er dann. »Ja, oft ist mir, als stürztest du dich in diese Verbindung nur, um dem Elend deines Elternhauses zu entgehen – und das, du wirst es wohl verstehen, ist mir das Furchtbarste von allem.«

Ihr Auge hob sich für eine Sekunde, senkte sich dann aber wieder auf den Boden, und über ihre Hand, die sich fester an dem Schreibtisch hielt, lief ein leises Zittern.

»Und wenn die Verbindung«, fuhr er fort, »von der du dir so viel versprichst, dir später eine Enttäuschung bringen sollte – was hättest du dann?«

»Dann hätte ich ... die Mutter.«

»Ja, dann hättest du die Mutter. Mich aber hast du dann nicht mehr, wie ich dir bereits verkündigt habe.«

Langsam und schwer hob sich ihre Hand vom Schreibtische, als löste sie sich gewaltsam los.

»Und weiter hast du mir nichts zu sagen?«

»Ich habe dir alles gesagt. Und ich hoffe, du würdest meine Liebe und meine Furcht für dich daraus entnommen haben.«

Es schien, als ob sie etwas erwidern wollte. Aber es war nur ein hilfloses Stammeln, das über die blutleeren Lippen zuckte. Mit einem Male warf sie den Kopf mit einer trotzigen Gebärde in den Nacken.

»Lebe wohl, Vater!«

Sie reichte ihm die Hand, und er war allein.

Frau Dora, die eben von einer Sitzung nach Hause zurückgekehrt war, hatte bereits auf ihre Tochter gewartet. Sie wußte nicht, weshalb sie so lange beim Vater geweilt hatte, wußte auch nicht, was sie aus der Bewegung machen sollte, die deutlich spürbar auf den Zügen ihres Kindes lag.

»Onkel Fortenbacher hat eben angerufen«, sagte sie. »Die Rokoschiner erwarten uns heute zum Abendessen. Er will uns mit dem Schlitten abholen.«

Und dann mit einem schnell prüfenden Blick: »Es wird ein für dein Schicksal entscheidender Abend werden, denn, wie ich aus Onkel Fortenbachers Andeutung entnehme, will Kurt Meerheimb dich heute als seine Braut den Eltern zuführen, und eure Verlobung soll in aller Stille begangen werden. Im Anfang der nächsten Woche erwarten dich dann die Bünsows auf ihrem Gute.«

Hermine schwieg.

»Es wird eine lange Trennung werden, die auch mir nicht leicht fällt. Was ich ohne dich hier anfangen soll, ist mir völlig unklar.«

»Du hast deine Arbeit.«

»Sie befriedigt mich auch nicht mehr. Wenn man erst tiefer in solch Treiben hineinsieht, in all die Kleinlichkeit und Eitelkeit der Menschen, in diesen ewigen Stank und Zank ... nein, eine Freude ist das gerade nicht.«

»So hast du dein Haus.«

Frau Dora zuckte die Achseln.

»Mein Haus!« sagte sie, und Bitterkeit und Wehmut waren in ihren Worten.

Dann aber verließ sie den Gegenstand.

»Also zu drei Uhr nachmittags halte dich bereit. Es ist ein herrlicher Tag. Wir wollen deshalb schon früh fahren.«

»Ich komme nicht mit euch. Ich habe mir die Sache anders überlegt. Ich will vorher noch zur Trude Winkler nach Altfelde. Sie ist seit einigen Tagen auf und hat mir erst gestern sagen lassen, daß sie sich über einen Besuch von mir freuen würde. Ihr könnt mich von dort abholen. Es liegt ja auf dem Wege.«

»Nach Altfelde? Wie willst du da hinkommen?«

»Zu Fuß.«

»Zu Fuß? Da brauchst du doch mindestens zwei Stunden.«

»Sogar noch länger. Das gerade lockt mich. Es ist ein so herrlicher, frostklarer Tag. Ich kann den Richtweg über Thurow gehen.«

»Ganz allein?«

»Warum nicht? Ich habe ein großes Verlangen nach Alleinsein und nach frischer, freier Luft.«

*

Das Wetter hatte in diesem Jahre wunderliche Launen. Nachdem sich bereits in der zweiten Hälfte des Februar ein milder Vorfrühling eingestellt hatte, war es in den ersten Apriltagen ganz unerwartet wieder kalt geworden. Die völlig aufgetaute Erde hatte die alte Winterstarre aufs neue angenommen, eine dichte, feste Schneedecke hatte sich über sie gebreitet. Man hatte die Schlitten aus ihren Remisen, in die man sie, sorgsam mit Planen verhüllt, bereits seit Wochen geborgen, hervorgeholt. Ihres neuerwachten Lebens froh, ließen sie ihr helles Geläut über die verschneiten Felder, die glatten, weiß glitzernden Straßen ertönen.

Ab und zu begegnete Hermine einem, als sie im fußfreien Rock und enganschließender Jacke, das schmiegsame Pelzbarett keck aus der Stirn gerückt, mit rotleuchtenden Wangen und frisch gewordenen Augen durch die unter dem hellblauen Sonnenhimmel zauberhaft sich breitende Winterlandschaft rüstigen Schrittes dahinwanderte.

Wie wohl das tat! Diese balsamische Luft, diese feiernde Stille, in der man nichts vernahm als in der Ferne geheimnisvoll verschwimmendes Geläute und dann und wann das Wiehern eines Pferdes oder das gedämpfte Brüllen des Viehes, wenn sie durch ein Dorf kam oder an einem Gehöfte vorbeischritt. Wie es das zagende Herz von dem lastenden Drucke befreite und alles, was dunkel und verworren war, langsam wieder lichter und klarer schauen ließ!

Wie im Fluge verging der weite Weg. Hier und dort blieb sie stehen, sog mit vollen Zügen die würzige Luft tief in sich ein, ließ den Blick über die welligen Hügel am dunstigen Horizonte dahinschweifen und über die mit grotesken Schneegebilden behangenen Bäume der dichten Wälder. Schön war diese Natur in all ihrer Einfachheit und Einförmigkeit, man mußte nur ein Auge und ein Herz für sie haben.

Da grüßte schon der eckige Turm des großen Kirchdorfes zu ihr hinüber, der heute eine spitze, weiße Nachtmütze aufgesetzt hatte und sich in ihrem Schmucke so wunderlich ausnahm, daß sie beinahe lachen mußte, so ernst ihr auch zumute war.

Nun stampfte sie durch den kleinen Vorgarten, in dem der Schnee dichter als auf den Wegen lag, auf das in stillem Behagen träumende Pfarrhaus zu, öffnete die nur angelegte Tür und stand in dem bläulich getünchten Flur dem schon angegrauten Pfarrer gegenüber, der eben von einer Amtshandlung aus seiner Kirche gekommen und im Begriffe war, mit Hilfe seiner schlanken, bedeutend jünger aussehenden Frau den Talar auszuziehen.

Und bald darauf saß sie, mit herzlicher Freude empfangen, mit der ganzen Familie am Mittagstisch, an dem man schnell ein Gedeck für sie aufgelegt hatte, und empfand das wohlige Behagen eines glücklichen und zufriedenen Familienlebens, erfüllt von einer stillen, aber aus jedem Gesichte leuchtenden Dankbarkeit für die Errettung des geliebten Kindes aus langer schwerer Krankheit.

Nach dem Essen zogen sich die beiden Eltern zur Nachmittagsruhe zurück. Trude hatte noch eine geraume Zeit mit den jüngeren Geschwistern zu tun und bat dann Hermine in ihr schlichtes Mädchenzimmer, wo sie sich auf dem ein wenig wurmstichigen, aber behaglichen Sofa zur kurzen Plauderstunde niederließen.

Es war Hermine aufgefallen, daß ihre Freundin während der Mahlzeit still und in sich gekehrt gewesen. Jetzt aber taute sie merkbar auf. Ihr Gesicht nahm unter dem dichten Kranze der hellblonden, einfach gescheitelten Haare frische Farben an, und aus ihren großen, blauen Augen leuchtete das Glück der Gesundheit und der Jugend.

»Solch eine schwere Krankheit hört sich für den Fernerstehenden wohl recht gefährlich an«, meinte sie. »Doch für einen selber ... es mag wunderbar klingen ... aber ich möchte dies lange Krankenlager nicht aus meinem Leben streichen, ja, ich kann sagen, es war manchmal von einer ganz eigenartigen Schönheit – kannst du dir das vorstellen?«

»Ich glaube ... ja«, gab Hermine zurück.

»Man kommt einmal ganz zu sich selber, sieht sich und die Menschen, ja, das ganze Leben unter einem völlig anderen Gesichtspunkte. Und wenn ich gestorben wäre, woran ich doch oft genug gedacht habe, du kannst mir glauben, es wäre mir nicht schwer geworden ... nein, nicht eine Sekunde schwer geworden.«

»Aber nun bist du gesund geworden, und das ist doch viel besser.«

»Gewiß, ich bin auch sehr zufrieden, denn nun ist das Leben wie etwas ganz Neues und etwas sehr Schönes. Und wenn ich es geworden bin, wem habe ich es zu danken? Nun, Hermine, darüber bin ich mir doch ganz klar: nur deinem Vater.«

Ein weicher Schimmer breitete sich über ihr stilles, noch etwas schmales Mädchengesicht; die großen Augen träumten in die Ferne.

»Hier hat er gesessen, Tag für Tag, hat meine fiebernde Hand in der seinen gehalten, hat zu mir gesprochen mit seiner gütigen, Ruhe bringenden Stimme. Und wenn es einmal sehr ernst aussah, dann hat er, ich habe es wohl bemerkt, so traurig drein gesehen, als wäre ich sein eigenes Kind. Und hat doch den Mut nicht sinken lassen, gleich als kämpfte er mit dem lieben Gott da oben um mein armes Leben. Und immer kam er, bei Sturm und Regen, mitten in der Nacht, und nichts war ihm zuviel. Und nun ...«

Sie hielt einen Augenblick inne, aber Hermine sagte nichts.

Da fuhr sie fort: »Und nun erzählen die Leute ... natürlich ist es nur ein müßiges Gerede. Aber die Leute erzählen es hier und überall.«

»Was erzählen sie?«

»Daß dein Vater von hier fort, daß er eine neue Stellung antreten wollte, weit weg von hier.«

»Mein Vater ... von hier fort?«

Hermine vermochte das Erstaunen nicht länger zu verbergen, das diese Worte in ihr hervorgerufen.

»Siehst du, ich sagte es ja gleich, daß es nicht wahr wäre. Sonst würdest du es ja wissen. Und du hast keine Ahnung, nicht wahr? Nun, dann ist ja alles gut ... es wäre auch furchtbar, wenn er von uns ginge.«

Helle Schlittenglocken klangen durch die Stille, näherten sich dem Pfarrhause.

Hermine stand schnell auf, reichte der Freundin die Hand, hüllte sich in Jacke und einen mitgebrachten Pelzmantel und fuhr mit ihrer Mutter und Theo Fortenbacher die Straße hinauf, die nach Rokoschin führte.

Dichter werden die Schatten des Abends, lagern sich mit müden Schwingen über Felder und Wege. Die Gegenstände büßen ihre Farben ein. Geheimnisvolle Dämmerung ist alles. Im Westen glimmt ein schmaler, düsterroter Saum. Ein Stern zeigt sich bereits am Himmel, aber sein Licht ist blaß und ohne Glanz.

Oben in seinem Arbeitszimmer in dem grünen Hause am Berge sitzt Werner Torwald.

Er ordnet seine Papiere, er schreibt, läßt die Feder sinken, stützt den Kopf in die Hände, blickt nachdenklich vor sich nieder, schreibt dann weiter. Neben ihm auf einem Stuhle steht eine geöffnete Ledertasche, in die er ab und zu etwas hineinlegt, es dann wieder herausnimmt. Manchmal steht er auf, geht mit langsamen, schweren Schritten durch das Zimmer, bleibt am Fenster stehen.

Am Himmel hängt, einer gelben, schmalen Sichel gleich, der Mond. Ab und zu gleiten dünne, bläulich-graue Wolken über ihn dahin. Die Finsternis nimmt zu.

Werner Torwald kehrt an den Schreibtisch zurück, steckt den einen der beiden Briefe in eine Hülle, siegelt sie und schreibt darauf: »An Dora.«, macht es mit dem anderen ebenso, versieht ihn mit der Anschrift: »An Hermine.«.

Das also ist das Letzte! So geht er aus dem Hause, in dem er einmal ein so reiches Glück gefunden, in dem er von einer schönen, lichten Zukunft geträumt ... müßige, törichte Träume.

Gleich nach zehn Uhr fährt der letzte Zug. Mit dem erreicht er die Stadt, und am frühen Morgen fährt ihn die Bahn dann weiter.

Wohin? Er weiß es noch nicht. Es ist ja auch gleich. Jedenfalls in die große, schweigende Einsamkeit.

Er hat sich selbst einen längeren Urlaub zuerteilt. Er muß sich innerlich erst zurechtfinden, muß neue Kraft gewinnen, bevor er sein schweres Amt in der Heilanstalt antritt.

Hier ist alles geordnet. Sein Kollege unten in der Langen Straße, zu dem er ein unbedingtes Vertrauen hat, ist unterrichtet. Er hat ihm vorläufig erst von einer längeren Reise gesagt, die er anzutreten gedenke, und heute morgen eine ernste, eingehende Besprechung mit ihm gehabt. So weiß er seine Kranken gut aufgehoben.

Er hat sich fest vorgenommen, ruhig und stark zu bleiben. Aber je mehr die Stunde vorrückt, um so weniger vermag er dem Schmerze zu gebieten und der aufsteigenden Bitterkeit.

Daß dies notwendig wurde! Hat er nicht bei allen seinen Schwächen stets das Beste gewollt? Seine Frau und das Kind mit der ganzen Seele geliebt? Und muß nun gehen, um sie von sich zu befreien!

Und sich selber zu befreien! Damit er nicht im Hasse klein und eng wird und arm für das Werk, das er zu tun hat.

Dora wird ihren Weg auch ohne ihn finden. Sie hat ihn ja nie gebraucht, ist immer selbständig und stark gewesen ... vielleicht zu selbständig und stark für ein Weib, das man lieb hat und stützen möchte.

Aber um Hermine und ihr Schicksal ist es ihm bange. Sie ist keine Natur, die sich unterordnen wird, sich gar etwas vorwerfen läßt.

Doch sie hat es selbst gewollt. All sein ernstes Warnen, sein verstecktes heißes Flehen ist vergeblich gewesen.

Warum ...?

Nein, er darf nicht weich werden, muß ein Mann bleiben bis zum Letzten. Man hat nicht recht an ihm gehandelt, hat die warme Liebe, die er im Herzen trug, unter die Füße getreten ... gleichviel!

Die Einzige, die ihm Verständnis und Liebe entgegen gebracht, ist nicht mehr unter den Lebenden. Und wie so manches Mal in allen diesen Tagen weilen seine Gedanken bei Anneliese. Wie viel hat er mit ihr verloren – Unwiederbringliches.

Die Zeit schreitet dahin. Näher rückt die Stunde.

Hell glänzt am sammetblauen Nachthimmel der Stern, der eben noch blaß und weiß gewesen. Auch die Mondsichel hat ihr volles Licht erhalten, pflügt eine schmale, zitternde Furche durch die schweigende Dunkelheit.

Mit einem Male ... ja, was ist denn das?

Ist das nicht wie Glockengeläute? Zuerst aus weiter Ferne tönend, dann näher kommend ... heller, lauter ... nun schon in seiner ganzen melodischen Fülle wahrnehmbar. Und dazu ... ein hartes Stampfen schnell dahineilender Pferde über den festgefrorenen Boden, ein Schnaufen, das deutlich hörbar zu seinen Fenstern empordringt.

Ein Erschrecken faßt ihn. Sollten sie zu so ungewohnt früher Stunde schon zurückkommen?

Sie dürfen ihn hier nicht mehr finden. Er hat seine Papiere zusammengerafft, die Tasche geschlossen ... er will durch das Nebenzimmer auf den Flur.

Aber schon läutet unten die Hausglocke. Schon tönt ein Schritt die Treppe hinauf, ein schneller, stürmender Schritt, schon öffnet sich die Tür ... zaghaft, langsam –

»Hermine!«

Der dichte Pelzmantel gleitet von ihren Schultern, fällt zur Erde. Aber die Jacke hat sie noch an und das Barett auf den dunklen, von Feuchtigkeit und Schnee etwas wirren Haaren.

»Vater!«

Ein halb verlegener, mühsam unterdrückter und doch aus tiefster Seele sich ringender Ruf.

Da fällt ihr Blick auf die gefüllte Ledertasche, die noch immer auf dem Stuhle neben dem Schreibtische steht, gleitet von dort über diesen, der die Spuren deutlicher Unordnung trägt, sieht die beiden geschlossenen Briefe, die auf ihm liegen.

Ein jähes Erschrecken steigt in ihr auf.

»Vater!« ruft sie noch einmal. Und dann: »... Du wolltest von uns fort? Noch in dieser Nacht wolltest du fort?«

»Ja, das wollte ich.«

»Siehst du ... meine Furcht, meine unbeschreibliche Furcht!«

Weiter vermag sie nichts hervorzubringen. Die Tränen stürzen aus ihren Augen, fließen über ihre glühenden Wangen, wie er es nie bei ihr gesehen, sein ganzes Leben lang nicht. Denn immer war sie ihm gegenüber still und in sich verschlossen gewesen.

Er weiß nicht, wie ihm geschieht, weiß nicht, ob er wacht oder träumt. Denn unglaublich ist das alles und fremd für ihn.

»Was hast du, Mädchen – und wo kommst du her?« fragt er endlich. »Und ganz allein?«

»Von Rokoschin komme ich. Ich hielt es nicht länger aus. Eine Unruhe war in mir ... ich kann es dir nicht beschreiben. Ich steckte mich hinter den alten Kutscher. Er war von je mein Freund. Den anderen sagte ich, ich wäre von dem weiten Fußweg ermüdet, ich wollte mich oben ein wenig hinlegen. Und dann ... dann schlich ich mich hinunter. Draußen vor dem Tore stand der Schlitten. Ich wünschte den Pferden Flügel. Und nun ... Gott sei Lob und Dank ... nun bin ich hier!«

Sie spricht hastig, ein Wort überstürzt das andere. Ihr jugendliches Blut pulsiert in ihrer Stimme.

Er sieht sie an und wieder an. Aber noch ist alles in ihm starr und gebunden.

»Und was trieb dich so plötzlich her?« fragte er endlich.

»Die Furcht um dich, Vater ... und daß ich dir sagen wollte ...«

»Was wolltest du mir sagen?«

Sie antwortete ihm nicht. Sie kommt näher, nimmt seine große, starke Hand in ihre kleine, die glühend heiß ist, trotz der Kälte da draußen ...

»Und willst auch jetzt noch fort?«

»Ja ... auch jetzt noch.«

»Weil du dies lieblose Leben nicht mehr ertragen konntest?«

»Weil es meine Kraft zerbrach.«

»Nun gut ... gehst du, so nimm mich mit!«

»Wohin?«

»Wohin du willst, gleichviel!«

»Und dein Verlobter?«

»Ach, Vater ... glaubst du denn, du hättest vergeblich zu mir gesprochen? Und wenn ich mich auch eigenwillig verschloß, ich war ja immer mit mir im Kampfe, wußte in dem ewigen Zwiespalt hier im Hause nicht hin und her, kannte mich selber nicht mehr aus. Bis heute nach unserem Gespräche in der freien, klaren Gottesluft und später im Hause des Pfarrers in Altfelde auch über mich die große Klarheit kam und ich wußte, daß ich dich lieb gehabt habe von jeher und zu dir gehöre. Und nun bleibe oder gehe – nichts trennt mich mehr von dir.«

»Hermine!«

Die Starrheit weicht aus seinem Antlitz. Es lebt auf. Zug um Zug löst sich. Alles, was er bisher nur wie im Traume gehört und gefühlt, ist mit einemmal befreiende, lichterfüllte Wirklichkeit geworden.

Ist Anneliese zurückgekehrt aus seligen Gefilden? Ist sie ihm in seiner Tochter neu geschenkt?

Und was er sein Leben lang mit der ganzen Sehnsucht und Inbrunst seiner Seele erstrebt, das zeigt sich jetzt in nie geahnter Erfüllung. Er hat sich gegen das Leben abgeschlossen, hat jeden Zugang zu ihm absperren wollen – nun steht es vor ihm in seiner ganzen, wunderbaren Herrlichkeit und Jugend.

Er streckt ihr die Arme entgegen.

Und sie stürzt auf ihn zu, birgt den Kopf an seine Brust und küßt ihm zuerst die Hände, dann die Stirne und den Mund.

»Vater ... mein lieber, lieber Vater!« stammelt sie wieder und wieder. »Nicht wahr, das hast du in deinem Innern doch gewußt, daß deine Güte, deine tiefe Herzensgüte, gegen die wir uns so oft versündigt haben, und ich am allermeisten, zuletzt einmal siegen würde – nicht wahr, du hast es gewußt ... ganz sicher hast du es gewußt ... gestehe es nur!«

Es hat etwas Ergreifendes, wie sie ihre tiefe Bewegung hinter scherzende Worte zu verbergen sucht.

»Nein, ich habe es nie gewußt ... und auch nicht mehr gehofft«, erwiderte er sehr ernst. »Aber gehungert und gedürstet habe ich danach, das darf ich wohl sagen. Nun ist es mir geworden, und dies ist das größte, das unverdienteste Geschenk meines ganzen Lebens, das du mir heute gebracht hast, mein geliebtes Kind.«

Eine Weile stehen sie Hand in Hand. Und das Schweigen redet mehr als Worte.

»Und ... dein Verlobter?« fragt er dann noch einmal.

»Ich habe Kurt von Meerheimb heute abend vor die Wahl gestellt, mich entweder aus deiner Hand und deinem Hause als seine Braut zu holen ... oder mir mein Wort zurückzugeben. Als er zauderte, fuhr ich zu dir. Ich hätte es auch so getan. Der Schlitten wartete bereits draußen.«

Wieder tritt eine Pause in ihr Gespräch.

»Und ... deine Mutter?« fragte dann Werner langsam und leise.

»Ihre Augen waren gehalten, Vater ... lange gehalten, wie es die meinen auch waren. Nun wird sie dich mit meinen Augen sehen lernen.«

Durch das Fenster, dessen Vorhänge weit geöffnet sind, blickt der dunkle Abend hinein. Tausende von Sternen sind zu dem einen getreten, flimmern, leuchten und blicken auf sie hinab wie die Augen der großen, unablässig suchenden Liebe.

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