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Der Kampf mit den Geistern

Artur Brausewetter: Der Kampf mit den Geistern - Kapitel 4
Quellenangabe
authorArtur Brausewetter
titleDer Kampf mit den Geistern
publisherDie Buchgemeinde
year1930
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160921
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Drittes Buch

Doktor Werner Torwald. Spezialarzt für Nerven- und Gemütskranke.«

Auf großem, weithin sichtbarem Schilde prangte es rechts vom Eingang in ein mit ein wenig protzender Vornehmheit gebautes Miethaus des Villenviertels, nicht weit von dem schmucken Heim, das sich, stilvoller und weniger aufdringlich, Geheimrat Backel in einer gegenüberliegenden Straße errichtet hatte.

Die zwei Jahre, die Werner Torwald für seine vorbereitenden Arbeiten an Universitäten und Kliniken in Aussicht genommen, waren vorübergegangen. Von Berlin war er nach Tübingen und Marburg gegangen. Zuletzt hatte er sich in dem großen Sanatorium im Harz, dem Professor Oppermann als leitender Arzt vorstand, praktisch betätigt.

Dann erst war er in seine neue Wohnung in der Stadt eingekehrt, die Dora nach langem, mühevollem Suchen gemietet und eingerichtet hatte, und in der sie mit Hermine, die auf dem Gymnasium Aufnahme gefunden, seit eineinhalb Jahren in glücklicher, ungetrübter Gemeinschaft zusammen lebte.

Nun saß er zu den festgesetzten Stunden in seinem Sprechzimmer und wartete auf Patienten.

Es war eine für ihn ungewohnte Lage, denn auf dem Lande war seine Tätigkeit von selbst gegeben. Hier aber fühlte er sich wie ein Sandkorn am Strande eines unablässig auf- und niederwogenden Meeres. Ganz verloren kam er sich vor, wenn er so Tag für Tag, Stunde für Stunde in seinem Arbeitszimmer saß, wartete und wartete, und die Klingel nur ging, wenn man seiner Frau einen Besuch machen wollte oder eine Freundin zu seiner Tochter kam.

Er hatte, um die zwei Jahre seiner Studien, während der er nicht einen Pfennig einnahm, dafür aber sehr viel ausgeben mußte, überhaupt zu ermöglichen, eine bedeutende Summe von seinem Schwiegervater borgen müssen. Dazu kam noch der teure Umzug, die große Stadtwohnung und die Neueinrichtung, die sie erforderte, samt den Instrumenten und Geräten, deren er für seinen Beruf bedurfte. Auch hierfür hatte der Schwiegervater die Mittel geben müssen, so daß es bereits ein ganzes Kapital war, das er schuldete und in absehbarer Zeit in bestimmten Raten zurückzahlen mußte.

Ganz allmählich stellten sich einige Patienten ein. Zwei aus den besseren Ständen schickte Backel, die anderen Professor Gregori, der für Torwald und seine Tätigkeit eine große Anteilnahme zeigte, ihn in wichtigen und in sein Fach schlagenden Fällen zu sich in das Lazarett bat und mit ihm beratschlagte.

Eines Tages aber erhielt er unerwarteten Besuch: Professor Scheller, der sich nie wieder um ihn gekümmert, trat in sein Sprechzimmer.

»Ich will gleich zur Sache kommen«, sagte er nach einem kurzen Begrüßungsworte. »Der Fall, der mich heute zu Ihnen führt, ist folgender.«

Er nahm den Platz, den Werner ihm bot, und fuhr fort:

»Ein Freund unseres Hauses, Herr Robert Molkenthin, einer der angesehensten und reichsten Kaufleute der Stadt ist seit einiger Zeit bedenklich erkrankt. Da er nicht zu bewegen war, einen Arzt zu nehmen, so hat man bisher nicht gewußt, um was es sich bei ihm handelte. Gestern abend aber hat er einen völligen Zusammenbruch erlitten, der sich in einer schweren seelischen Niedergeschlagenheit zeigt und das Schlimmste befürchten läßt. Da ich ihn nun nicht auf den Seziertisch legen und zerschneiden kann, was ich für mein Leben gern täte, weil ich immer noch nicht in Erfahrung gebracht habe, wo das geheimnisvolle Ding »Seele«, oder wie man es sonst nennen will, seinen Sitz hat, um es in diesem Falle als höchst überflüssig sofort zu entfernen, so fiel mir unsere damalige Unterredung ein, und ich dachte mir: Sie wären vielleicht der Mann, der hier helfen könnte.«

»Wenn er jeden Arzt zurückweist, so wird er auch mich nicht wollen«, erwiderte Werner.

»Gewiß, das ist der schwierige Punkt. Schon in gesunden Tagen war mit dem Manne nicht so ganz leicht umzugehen. Und jetzt kann keiner mit ihm fertig werden, auch nicht seine Frau. Es bedarf da eines großen Geschickes. Aber ich habe das Gefühl, Sie werden die rechte Art für ihn finden und mit Ihrer stillen Freundlichkeit mehr erreichen, als ich mit meiner etwas derben Energie. Und deshalb bitte ich Sie: gehen Sie zu ihm. Ich habe mit seiner Frau bereits alles vereinbart. Sie erwartet Sie, sobald es Ihre Zeit zuläßt. Sagen Sie ihr, ich schickte Sie. Dann wird sich das andere bald finden.«

Sowie ihn Professor Scheller verlassen hatte, nahm Werner Torwald Hut und Mantel und machte sich auf den Weg.

Es war Januar, und eine schneidende Kälte herrschte draußen. Nicht nur jeder Schritt knirschte über den hartgefrorenen Schnee, manchmal hörte man auch in der Luft ein eigentümliches Klirren, als zöge die Kälte auf eisigen Schwingen durch sie dahin.

Still und weithin ausgestreckt wie ein ungeheurer Leichnam lag das schloßartige Besitztum Robert Molkenthins, dessen Bau er selbst mit vieler Mühe entworfen und mit gewaltigen Mitteln hatte ausführen lassen. Dichte Schneemassen lagen auf den Ästen und Zweigen der alten Bäume, die das Schloß umgaben, und formten sich zu wunderlichen Gebilden, die hier und dort etwas Verzerrtes hatten.

Als er das Haus betrat, begegnete ihm in der großen Vorhalle mit den weißen Marmorsäulen dieselbe unheimliche Stille. Er mußte mehrere Male läuten, bis endlich ein Mädchen erschien, daß ihn erst, nachdem er seinen Namen und den Zweck seines Kommens genannt hatte, zu der gnädigen Frau führte, da diese strengen Auftrag gegeben, keinen anderen Besuch zuzulassen.

Herr Molkenthin, obwohl er bereits in die Sechziger ging, war bisher niemals in seinem Leben krank gewesen. Er hatte eine so robuste Gesundheit, daß er sich daran gewöhnt hatte, fest auf sie zu pochen und niemals die geringste Rücksicht auf seinen Körper zu nehmen.

Nun aber hatte es ihn gepackt, und zwar so heftig, daß man nicht wußte: handelte es sich um einen Schlaganfall oder um eine schwere Erschütterung des Nervensystems?

»Unser Freund, Herr Professor Scheller, an den ich mich in meiner Not wandte, hat mir Ihren Besuch angekündigt, und ich danke Ihnen von Herzen, daß Sie gekommen sind«, empfing ihn die völlig eingeschüchterte, fassungslose Frau, die selber recht schwächlich und anfällig erschien, in ihrer Ehe aber niemals Zeit gefunden hatte, auf ihren Zustand zu achten. »Ich möchte Sie am liebsten gleich zu meinem Manne führen, denn gut sieht es mit ihm nicht aus. Aber ich fürchte, das wird nicht möglich sein.«

»Warum sollte es nicht möglich sein?«

»Ach«, erwiderte sie nach kurzem Überlegen, »er gibt einem bekannten Professor die Schuld an dem Tode seiner ersten Frau, die ganz jung starb. Seitdem will er keinen Arzt mehr sehen. Auch diesmal hat er mir auf das strengste verboten, einen zu rufen, und hinzugefügt: nur wenn ich seinen Tod wollte, sollte ich es tun.«

»Seien Sie ganz ruhig ... mich wird er schon dulden.«

Frau Molkenthin erhob sich und führte ihn die mit dicken Läufern belegte Treppe hinauf in das obere Stockwerk, in dem die Schlafzimmer lagen.

In einem hochlehnigen Armstuhle, hart am Fenster, von dem Lichte des zu Ende gehenden Tages und der bläulichen Schneedämmerung da draußen matt beleuchtet, saß eine zusammengesunkene Gestalt, die sich bei dem Eintritt der beiden ein wenig in die Höhe raffte.

»Wenn bringst du da?« fragte eine leise Stimme, der man bei aller Gebrochenheit doch anhörte, daß sie zu herrschen gewohnt war.

»Den Arzt bringe ich dir, lieber Mann.«

»Er soll gehen, von wo er gekommen ist – und so schnell als möglich!«

Da trat Werner an den Krankenstuhl. »Das wird er nicht tun, Herr Molkenthin, denn er ist gekommen, um Ihnen zu helfen.«

»Mir hilft keiner mehr.«

»Das käme auf eine Probe an. Man muß nur den guten Willen zu beidem haben: zu helfen und sich helfen zu lassen. Ich habe ihn. Und nun bitte ich Sie: lassen Sie es auch an dem Ihrigen nicht fehlen.«

Das müde Auge, das solange auf der wollenen Decke geruht und nur hier und da einige Male unstet im Zimmer hin und her geflackert hatte, hob sich auf den Sprecher und sah ihn mit einem seltsamen Blick an.

»Die Ärzte ...«, grollte es dann zwischen den blutlosen Lippen hervor, »ein Arzt hat einmal –«

Werner wußte, was er sagen wollte.

»Haben Sie sich noch niemals in Ihrem Leben geirrt, Herr Molkenthin?« fragte er.

»Gewiß werde ich mich mal geirrt haben.«

»Nun sehen Sie, so kann auch jeder Arzt einmal irren. Das Können allein macht es wohl nicht. Man muß nur die rechte Liebe mitbringen. Und wenn ich Sie, der Sie gewiß einmal ein starker und gesunder Mann gewesen, so elend und zerbrochen vor mir sehe und mir sage: ich könnte Sie wohl wieder aufrichten –«

»Sie meinen – Sie könnten das?«

Ein leiser Schein der Verwunderung, in dem zugleich etwas wie eine scheue Erwartung war, dämmerte auf dem wächsernen Antlitz empor.

»Lassen Sie mich sehen.«

Aber als Werner nun zur Untersuchung schreiten wollte, hatte er doch einen schweren Stand, und nur seine unerschütterliche Geduld, die ihn auch in dem eigenwilligsten Patienten allein den Leidenden sehen ließ, dem Mitgefühl gebührte, führte auch hier zum Sieg.

Er hatte eine eigene Gabe, sehr gründlich und zugleich sehr schonend zu untersuchen, so daß ihm auch der nervöseste Kranke Stich hielt und in allen Lagen, die er anordnete, nach seinen Wünschen war.

Das Ergebnis stand bald fest: kein organischer Schaden, sondern eine weitgehende Zerrüttung des ganzen Nervensystems, die die allersorgsamste Pflege und Behandlung notwendig machte.

Er verschrieb eine beruhigende Arznei, verordnete Stärkungsmittel und vor allem eine völlige Bettruhe.

Dagegen aber lehnte sich der Kranke mit aller Heftigkeit auf.

»Legt ihr mich erst ins Bett, dann stehe ich nicht mehr auf – niemals mehr«, wimmerte er.

»Sie werden schon wieder aufstehen, Herr Molkenthin«, erwiderte Werner mit unerschütterter Ruhe. »Frisch und gesund, wie Sie einmal gewesen sind, werden Sie aufstehen. Das verspreche ich Ihnen. Fügen Sie sich aber meinen Anordnungen nicht, dann werden Sie ein siecher Mann bleiben Ihr Leben lang, werden niemals wieder Ihrem Geschäfte vorstehen oder irgendeine Arbeit leisten können.«

»Trotzdem werde ich mich nicht zu Bett legen.«

»Gut. Dann bin ich hier überflüssig. Also, Herr Molkenthin, entweder lassen Sie sich jetzt entkleiden, und zwar sofort. Oder ich sage Ihnen Lebewohl und komme nie wieder. Eine andere Wahl haben Sie nicht.«

Ganz groß waren die trüben Augen geworden, und ganz bestürzt der Ausdruck in dem aschfarbenen Gesichte. Solche Sprache war er nicht gewohnt. Sie war etwas Unerhörtes für ihn. Niemand hatte sie je in seinem Leben gegen ihn gewagt.

Er murmelte etwas Derartiges in seinen silbergrauen, sonst fein gepflegten, jetzt aus der Form gekommenen Spitzbart.

Als ihm aber Werner die Hand reichte und sich zum Gehen anschickte, sagte er leise und widerstrebend: »Bleiben Sie, Doktor.«

Da winkte Werner dem Diener und legte selbst mit dem von ähnlichen Fällen angeeigneten Geschick Hand an. Wenige Minuten später lag der große, herrische Mann gefügsam und still wie ein Kind in seinem Bette.

Nun verbot Werner auf das strengste jedes Buch, jeden Besuch; sogar der Frau gestattete er nur seltenen und kurzen Zutritt.

Er selbst aber kam des Tages zwei-, ja dreimal. Er hatte Zeit und konnte sich für diesen Fall mit der ganzen Hingebung seiner Persönlichkeit und Kraft einsetzen.

Seine Hauptmethode bestand in einer persönlichen Beeinflussung, die mit großer Anpassungsfähigkeit auf den wechselnden Zustand seines Patienten einging, zugleich aber etwas von diesem Ablenkendes hatte. Medizin wandte er äußerst vorsichtig und zurückhaltend an. Nur einen Tee, den aus verschiedenen sorgfältig gemischten und zugemessenen Kräutern sein Vater schon bereitet und ihn gelehrt hatte, ließ er trinken und achtete darauf, daß er ganz regelmäßig zu den festgesetzten Stunden gereicht wurde.

Und schon nach wenigen Tagen war eine merkbare Veränderung mit dem Kranken vorgegangen: der einmal so unnahbare und widerstrebende Mann begegnete seinem Arzte mit unbedingtem Vertrauen, konnte die Stunden seines Kommens kaum erwarten, lebte auf und war guter Dinge, sowie Torwald in sein Zimmer trat, sich an sein Bett setzte, in seiner schlichten und gütigen Art zu ihm sprach oder sich mit unermüdlicher Geduld und immer tröstend und aufrichtend von ihm vorklagen ließ.

»Es wird alles werden. In drei oder vier Wochen sind Sie so weit, daß Sie reisen können. Dann schicke ich Sie mit Ihrer Gattin, der eine Ausspannung wahrhaftig auch not tut, in ein Sanatorium ... nein, nein, davon wollen Sie nichts wissen ..., also besser: ich schicke Sie in den Süden, in einen geschützten Höhenort, wo die Sonne so warm brennt, daß Sie auf dem Eise frühstücken und ein Glas von Ihrem alten Rotwein dazu trinken können ... sagen wir St. Moritz. Wie? Auch das wollen Sie nicht? Nun, dann tun Sie es einmal wider Ihren Willen.«

»Aber nur unter einer Bedingung.«

»Kranke haben zwar keine Bedingungen zu stellen. Doch lassen Sie hören.«

»Daß Sie uns auf der Reise begleiten.«

Werner blickte ihn mit hellem Erstaunen an. Auf diesen Gedanken war er nicht gekommen. Gab es wirklich Menschen, die so reich waren, daß sie nicht nur eine kostspielige Reise mit ihrer Frau unternehmen, sondern sich sogar einen Leibarzt zu ihrer ständigen Verfügung mitnehmen konnten? Für seinen in stetem Entbehren und Ringen aufgewachsenen Sinn war so etwas undenkbar.

»Das ist sehr nett von Ihnen gedacht. Aber es geht nicht«, erwiderte er mit einem leisen Lächeln.

»Es geht nicht? Dies Wort kenne ich nicht. Bei keinen meiner kaufmännischen Unternehmungen habe ich es gelten lassen. Und wenn andere es mir entgegenhielten, habe ich mich nie abschrecken lassen, sondern nun erst recht getan, was ich mir vorgenommen. So halte ich es auch diesmal.«

Der Eigenwille der geborenen Herrschernatur sprach aus seinen Worten und erfreute Werner mehr als alle guten Ergebnisse seiner Untersuchungen, denn aus ihm sah er am deutlichsten, daß sein Patient auf gutem Wege war.

Eine Weile noch schwankte er. Dann lockte die weite Welt, die er über Deutschland hinaus niemals kennen gelernt ... sonnige Höhen, die mit eisstarrenden Gipfeln in den tiefblauenden Himmel ragten, tannenduftende Wälder, kristallglitzernde Seen ... alles, was er nie mit seinen Augen geschaut, nur sehnsuchtsvoll in seiner Phantasie sich ausgemalt, wenn es gar zu kalt und leer um ihn war. Entbehren würde man ihn zu Hause nicht, Dora hatte ja die Tochter –

»Gut. Ich begleite Sie.«

*

Frisch und gesund war Herr Robert Molkenthin nach sechswöchigem Aufenthalt in St. Moritz zurückgekehrt.

Wie ein Lauffeuer durcheilte die Kunde von seiner völligen Wiederherstellung die Stadt und trug den Namen des bisher völlig unbekannten Arztes in alle die Kreise, die zu dem großen Kaufmann in Beziehung standen und ihn nach seinem Zusammenbruche bereits aufgegeben hatten. Wer ihn aber jetzt in unverwüstlicher Schaffenslust in seinem Geschäft oder an der Börse traf, ihn alle seine Ehrenämter verwalten und auch nach alter Weise am gesellschaftlichen Verkehr teilnehmen sah, den mutete diese Heilung wie ein Wunder an.

»Wie haben Sie es nur angefangen«, fragte Professor Scheller Werner, als sie sich bei einem wissenschaftlichen Vortrag in der Naturforschenden Gesellschaft trafen, »diesen alten Mann, der doch wahrhaftig einen ganz gehörigen Klaps wegbekommen, in so kurzer Zeit wieder zurechtzuflicken ... und dazu noch ohne Messer und Seziertisch?«

»Das will ich Ihnen sagen: ich habe den Menschen in ihm gesucht und gefunden.«

»Von etwas Derartigem sprachen Sie damals in meinem Anatomiezimmer.«

»Aber Sie glaubten nicht daran und meinten, es gäbe nur einen Menschen: der dort bloß und blinkend in der Ecke Ihres Zimmers stand.«

»An einen anderen glaube ich auch heute nicht.«

»Ich fürchte, wenn ich ebenso gedacht, hätte ich Ihren Freund kaum gesund bekommen.«

Werner Torwald saß jetzt nicht mehr in seinem Arbeitszimmer und harrte der Patienten, die nicht erschienen. In seinem Wartesaale standen auch nicht mehr gähnende Stühle. Er mußte seine Sprechstunden weit über die festgesetzte Zeit ausdehnen und war auch dann noch mit Besuchen und Beratungen mit Kollegen bis zum späten Abend beschäftigt. Mit einem Worte: Werner Torwald war in Mode gekommen.

Nun änderte sich auch das Leben in seinem Hause. Besuche wurden gemacht Und empfangen. Nicht nur Herr Molkenthin lud seinen Arzt und dessen Gattin zu großen und kleinen Gesellschaften, deren es viele bei ihm gab, in seinen stolzen Palast, gar manche der Gäste, die er dort traf, auch einige seiner Patienten, die ein Haus machten, und denen nicht nur er, sondern seine vornehme und kluge Frau gefiel, erstrebten einen persönlichen Verkehr mit ihm, ermunterten ihn zu einem Besuch oder machten ihm einen solchen.

Niemand war durch diese so unerwartet und schnell eingetretene Veränderung beglückter als Dora. Endlich fand sie sich in die alten Verhältnisse zurückversetzt, die sie all die Jahre ihrer Ehe hindurch schmerzlich entbehrt hatte. Sie traf Bekannte wieder, die früher im Hause der Eltern verkehrt hatten, ja auch mit diesen führte sie mancher Abend zusammen.

Eine Frau wie sie sah zugleich weiter: die Zeit rückte immer näher heran, in der Hermine, die bereits den Konfirmandenunterricht besuchte, in die Gesellschaft eingeführt werden sollte. Da war es von Wichtigkeit, gute Verbindungen anzuknüpfen und festzuhalten, denn daß ihre Tochter nur in den ersten Häusern der Stadt heimisch werden durfte, war ihr eine ausgemachte Sache.

Und weil sie zu klug war, um nicht zu wissen, daß selbst eine hübsche und anziehende Frau, was sie in der Gesellschaft vorstellte, nur dem Mann verdankte, so begann sie nach langer Zeit wiederum ihrem Gatten mit einer gewissen Bewunderung zu begegnen. Auch in Werner ging eine sichtbare Veränderung vor.

Daß er, der einfache Landarzt von ärmlicher Herkunft, im Handumdrehen einer der begehrtesten Ärzte der Großstadt geworden, daß die vornehmsten Männer und Frauen in seinem Sprechzimmer ein und aus gingen, stundenlang in seinem Wartesaal geduldig harrten, bis die Reihe an sie kam, daß er einem Backel, einem Gregori und Scheller, zu deren Größe er bisher nur mit Ehrfurcht emporgesehen, völlig ebenbürtig zur Seite stand ... das blieb nicht ohne Wirkung auf ihn.

Frau Dora hatte jetzt leichteres Spiel. Sie ging persönlich zu dem Schneider, bei dem die Herren ihrer Bekanntschaft arbeiten ließen, suchte die geeigneten Stoffe für ihren Mann aus, ließ sie nach dem neuesten Schnitt herstellen, kaufte die feinste Wäsche und geschmackvolle Kravatten, die sie ihm, der eine solche Kunst nie geübt hatte, selber band.

Und dann kam der Tag, an dem Frau Dora ihren größten Erfolg zu verzeichnen hatte: als Werners Praxis ständig stieg, und seine ganzen Kräfte durch seine geistige Arbeit in Anspruch genommen wurden, übertrug er ihr die Führung der Besuchsliste und der Bücher.

Die Patienten, die früher mündlich und schriftlich um Übersendung ihrer Rechnung bitten und betteln mußten, konnten sich jetzt über eine lässige oder nicht ganz prompte Erledigung der geschäftlichen Angelegenheit nicht mehr beklagen. Sie hatten auch keine Veranlassung mehr, ihrer Meinung dahin Ausdruck zu geben, daß Doktor Torwald für seine Leistungen getrost ein etwas höheres Entgelt beanspruchen konnte. Ja, es gab Stimmen, die allen Ernstes erklärten, eine Behandlung durch den gesuchten Nervenarzt könnten sich nur Leute gestatten, bei denen das Geld in solchen Fällen keine Rolle spielte.

Besonders aber machte sich die plötzlich eingetretene Veränderung für die kleinen Leute aus Neukirchen und die umliegenden Ortschaften geltend, die ein so unbegrenztes Vertrauen zu ihrem alten Arzte hatten, daß sie die mühevolle und für ihre Verhältnisse kostspielige Reise nicht scheuten, ihn in allen schweren Fällen weiter um Rat zu fragen.

Für diese Art von Besuchen hatte Frau Doras nüchterner Sinn weder Neigung, noch Verständnis. Und als ihr Mann einmal bei Tisch seiner Bewunderung Ausdruck gab, daß seine alten Neukirchener Freunde ihm seit einiger Zeit ganz untreu geworden wären, da erwiderte sie, daß sie sich nun endlich an ihren neuen Arzt gewöhnt hätten, was auch durchaus nötig wäre, da sich dieser mit einer zahlreichen Familie schwer genug in seiner Stellung behaupte. Und das war ein Grund, dem sich Werner nicht verschließen konnte.

*

Der alte Molkenthin feierte seinen sechzigsten Geburtstag. Ein großes Fest sollte es werden. Wochenlang waren die Vorbereitungen im Gange gewesen.

Werner saß bereits fertig angezogen in seinem Arbeitszimmer.

Es war ein schwerer Tag gewesen. In noch größerer Anzahl als sonst waren die Patienten gekommen. Vor einer halben Stunde erst war das letzte Auto davongefahren, das eine junge Fürstin aus der weiteren Umgebung zu ihm geführt hatte.

Nun wollte er ein wenig ausruhen und las, wie er es in den seltenen Mußestunden gerne tat, in alten Briefen, die ihm sein Vater geschrieben, als er während eines der letzten Studiensemester von ihm getrennt leben mußte.

Es war doch etwas Seltsames. Er hatte auf allen möglichen Hochschulen studiert, war in Kliniken und Anstalten tätig gewesen, übte selber eine große Praxis, kam mit den klügsten und tüchtigsten Vertretern seines Faches zusammen ... gewiß, er hatte an Wissen zugenommen, sich eine Menge theoretischer Kenntnisse angeeignet, sich auch in praktischer und klinischer Weise zweifelsohne bereichert – das Beste, was er hatte, das hatte er doch vom Vater. Kein Backel oder Gregori oder Oppermann konnte sich ihm an die Seite stellen.

Es war immer noch das alte: bei allem, was er tat. mußte er zuerst an den Vater denken.

Und da mit einem Male tauchte eine Frage in ihm auf, die er sich wunderbarerweise während seiner angestrengten Arbeit noch nie vorgelegt hatte: Was wohl sein Vater zu alledem sagen würde? Ob das Leben, das er jetzt führte, die Tätigkeit, die er hier ausübte, seinen Wünschen und Idealen entsprochen hätte? Ob er in ihr die Erfüllung der großen Liebe erblickt hätte, die ihn beseelt, ihn allein zu allem, was er getan, getrieben hatte?

Es war eine Stille um ihn, wie er sie lange nicht gekannt.

Draußen lag eine dichte Schneedecke, die jedes Geräusch von der Straße her unhörbar machte. Ab und zu vernahm man das abgetönte Geräusch der Schlittenglocken, langsam rieselten leichte Schneeflocken durch die abendliche Luft.

Vom Rathausturm klang das alte Glockenspiel.

Er hatte es so oft vernommen, meist überhört in der rastlosen Geschäftigkeit seines gehetzten Lebens. Heute klang es ihm so ganz anders, so schwer und feiernd, als hätte es ihm alles mögliche zu sagen.

Nun setzten die Schläge der Uhr ein. Sie kündeten die siebente Stunde.

Vergangene Zeiten stiegen in ihm auf: das erste, entscheidende Jahr, als er in Neukirchen seine Praxis begonnen, nach Malkaymen kam und an den Betten von Anneliese und der kleinen Tochter vom Schmied Matthießen mit dem Tode rang.

Seine Gedanken waren bei Anneliese.

Aber auch seinen anderen Schützling, Dörthe Matthießen, hatte er erst vor kurzem hier in der Stadt gesprochen.

Sie war eine stattliche Frau geworden, die ein keimendes Leben unter dem Herzen trug. Ihr hübsches, wenig verändertes Antlitz hatte gestrahlt, als sie ihn begrüßte, denn auch sie hegte noch immer dieselbe Dankbarkeit für ihn.

Tiefer wurde die Stille. Gedämpfter klangen die Geräusche von der Straße her zu ihm empor, als kämen sie aus einer fremden, fernen Welt.

Doch halt – gingen da nicht Schritte über den Flur? Ganz leise, tastende? War es ein verspäteter Patient, der ihn in einer dringlichen Angelegenheit noch aufzusuchen kam?

Jetzt pochte es an die Tür. Wieder ganz leise, kaum vernehmbar. Und als er sein Herein rief – – ja, war das nicht Dörthe Matthießen, die da langsam, zögernden Fußes zu ihm trat?

Sie sah nicht mehr so frisch und glücklich aus wie damals, da er ihr auf der Straße begegnet war. Auch ihre Augen leuchteten nicht mehr, sondern waren trübe und traurig. Das Kind erwachte vor seiner Seele, wie es damals elend und schwer krank in seinem kleinen Bettchen in der Malkaymer Kate lag.

Sie streckte den Arm mit einer flehenden Gebärde nach ihm aus. Ein unendlich rührender Zug war in ihrem Antlitz.

Er erhob sich schnell, ging ihr einige Schritte entgegen, sagte ihr freundliche, gütige Worte – – da stand Dora in einem fliederfarbenen Seidenkleide vor ihm, tief ausgeschnitten, eine doppelte Perlenschnur um den schönen Hals, strahlend in ihrer reifen Weiblichkeit.

»War noch Besuch bei dir?« fragte sie. »Ich hörte dich doch sprechen. Aber ich sah niemand, als ich eben herunterkam. Auch die Hausglocke schellte nicht. Und was hast du nur? Du starrst mich ja ganz entgeistert an? Gefalle ich dir nicht?«

»Sehr, sehr gefällst du mir. Aber sage mal: Hast du wirklich niemand gesehen?«

»Keinen Menschen.«

»War denn nicht eben ... Dörthe Matthießen ... du weißt doch, eure kleine Schmiedstochter, die damals mit Anneliese zum Tode krank lag ... war die nicht eben hier?«

»Dörthe Matthießen? Wie in aller Welt kommst du mit einem Male auf die?«

Aber das Lächeln, mit dem sie es fragte, war erzwungen, und in ihr frisches, leicht gepudertes Antlitz stiegen bleiche Schatten. Wie in aller Welt kam er auf Dörthe Matthießen ... gerade heute?

»Frau Molkenthin rief eben an«, fuhr sie nach einer kleinen Pause fort, »ihr Mann würde uns einen geschlossenen Wagen schicken. Sie denken immer an alles. Aber wir dürfen ihn nicht warten lassen. Bei diesem Wetter wird der Kutscher zudem nur sehr langsam fahren können. Ich bin heruntergekommen, dir die Kravatte zu binden. Du hast sie doch hier? Nun gut, dann komm hier an das Licht. Mit den Längsbinden ist es immer eine einfache Sache. Aber die weißen Querstreifen machen Mühe, besonders für einen anderen. Und du hast sie dir immer noch nicht zu binden gelernt.«

Ihre Hand war heute unsicher. Sie mußte wieder und wieder lösen und von vorn anfangen. Der Wagen wartete bereits seit einigen Minuten.

»Gut ist es nicht geworden«, meinte sie schließlich. »Bei den anderen Herren sieht es immer viel besser aus. Aber es ist die höchste Zeit. Wir müssen fahren.«

»Molkenthins baten so sehr, daß wir diesmal Hermine mitbringen sollten«, sagte Dora, als sie durch den jetzt dichter rieselnden Schnee dahinfuhren, »sie meinten, bei einer Familienfeier käme es doch nicht drauf an, ob das Kind schon eingesegnet wäre und Gesellschaften mitmachte.«

»Warum hast du es nicht getan?«

»Weil ich nicht wußte, ob es dir recht sein würde.«

»Du hättest mich doch fragen können.«

»Wann sollte ich das wohl tun? Man sieht dich doch jetzt den ganzen Tag nicht. Und wenn es einmal geschieht, hast du den Kopf so voll, daß man dir mit solchen Dingen nicht kommen kann. Aber ich hatte Hermine gesagt, sie sollte dich darum bitten.«

»Sie hat es nicht getan.«

»Sie meinte, sie hätte in dieser Woche den deutschen Aufsatz zu machen, da wäre es besser, sie bliebe zu Hause. Darin hatte sie wohl auch recht.«

»Gewiß ... aber etwas eigentümlich bleibt es doch, daß das Mädchen über die ganze Angelegenheit nicht ein Wort mit mir spricht.«

»Das liegt nun einmal so in ihrer Art. Ich war als Kind sehr ähnlich. Sie hat überhaupt viel von mir.«

»Aber ich bin doch wahrhaftig kein strenger Vater und hätte es ihr sicher erlaubt, zumal ich das Kind gern auch einmal um mich habe. Sie ist ja fast ausschließlich mit dir zusammen.«

»Ich habe es wohl gemerkt: es paßt dir nicht, daß wir beide so schön zusammenstimmen.«

»Wenn ich dadurch im eigenen Hause ausgeschlossen bin – nein.«

»Ausgeschlossen? Wie kannst du nur so reden? Es ist doch natürlich, daß ein aufwachsendes Mädchen mehr um die Mutter und mit der Mutter ist, besonders wenn der Vater von morgens früh bis zum späten Abend beschäftigt ist.«

»Ich habe mir redliche Mühe gegeben, jede freie Stunde, die mir meine Arbeit irgend läßt, euch zu widmen, insbesondere dem Kinde.«

»Gewiß, das hast du getan ... aber ...«

»Aber? ... Du wolltest noch etwas hinzufügen.«

»Ich will es lieber nicht tun. Du nimmst es vielleicht übel und bist dann den ganzen Abend verstimmt.«

»Ich bitte dich, es mir zu sagen.«

»Ich weiß nicht ... aber in deiner Art muß etwas liegen, das das Mädchen fern hält.«

»In meiner Art ... ja, worin denn?«

»Das läßt sich nicht in ein paar Worten auseinandersetzen. Herminens Sinn und Anschauung ist nun einmal mehr nach uns und unserer Familie gerichtet.«

»Hm ... das also ist es.«

Er sprach kein Wort mehr. Sie merkte, daß er verletzt war, wie meistens, wenn das Gespräch auf Hermine kam. Sie wollte ablenken.

»Ich hatte heute einen Brief von Anneliese. Sie kommen hierher in die Stadt. Schon in dem nächsten Monat.«

Er horchte auf. »Das ist ein wunderbares Zusammentreffen«, erwiderte er nach einer Weile. »Gerade heute, eben erst, bevor du kamst, hatte ich mich in meinen Gedanken mit Anneliese beschäftigt.«

»Vielleicht ist es gar nicht so wunderbar. Denn du denkst gewiß sehr oft an sie.«

»Nein«, gab er mit voller Unbefangenheit zurück. »Doch daß sie herkommt, freut mich, besonders deinetwegen. Ihr waret euch von Kindheit an so zugetan.«

»In der letzten Zeit war es nicht mehr so wie früher.«

»O ... es wird wieder werden ... ganz gewiß wird es. Auch ich werde viel von ihnen haben, denn Hans Hartau war der einzige Mann eures Kreises, der mir nähertrat. Er ist ein tüchtiger Mensch.«

»Er wird erster Pfarrer an St. Marien und zugleich Stadtsuperintendent.«

»Ich hörte einige Male von der Neubesetzung der Stelle, aber daß er sie bekommen würde, habe ich nicht geahnt.«

Der Wagen hielt. Aber er war noch nicht am Ziele, denn ein anderer und zwei Autos waren vor ihm und mußten erst ihre Insassen abgeben.

Endlich waren auch sie an der Reihe. Die große, hell und behaglich erleuchtete Diele empfing sie mit gastlicher Wärme. Diener und Mädchen huschten geräuschlos über die weichen Teppiche, wiesen den Herren die Ablegeräume und geleiteten die Damen in die ihren.

Sie waren unter den letzten der Gäste. Gleich nachdem sie eingetreten waren, nahm das Fest seinen Anfang, und zwar, wie es im Molkenthinschen Hause Gepflogenheit war, einen eigenartigen.

In den größten der drei Vordersäle, die durch Schiebetüren in einen für ein Privathaus fast unermeßlichen Raum verwandelt werden konnten, war eine Bühne gebaut. Man nahm auf den mit Zetteln belegten Sesseln Platz. Der Zuschauerraum wurde verdunkelt, man war mit einem Male in ein Theater versetzt.

Ein nicht großes, aber aus Künstlern bestehendes Orchester begann das Vorspiel. Der Vorhang ging auf. Die Bühne zeigte den mit feinem Geschmack hergerichteten Festsaal des Prinzen Orlowsky. Man spielte den zweiten Akt der »Fledermaus« und hatte der Aufführung dadurch einen besonderen Reiz verliehen, daß die ersten Kräfte der Oper mitsangen und andere als Gäste des Prinzen erschienen, um ein Konzert zu geben, von dem jede Nummer ein Kunstwerk für sich war.

Zum Schluß erschien die gefeierte erste Tänzerin des Theaters und entzückte durch einige mit unnachahmlicher Anmut ausgeführte Kunsttänze. Dann setzte das fröhliche Spiel wieder ein, und als nach dem übermütigen Schlußgesang »Brüderlein fein« der Vorhang fiel, wollte die Begeisterung der überraschten Zuschauer kein Ende nehmen.

Und doch war dies nur der Auftakt des festlichen Abends.

Denn inzwischen waren die Schiebetüren zu den beiden Nebensälen geöffnet. Man sah kleine einladende Tafeln mit sechs bis acht Gedecken; behagliche Nischen, ebenfalls mit gedeckten Tischen ausgefüllt, zogen sich rings an den Wänden entlang. Stehlampen in den verschiedensten, fein abgetönten Farben verbreiteten wohltuendes Licht. Von den Wänden her zogen sich zarte Blumengebinde mit buntglühenden Leuchtkörpern, alles mit gegenseitiger Übereinstimmung in Form und Farbe, nichts sich irgendwie hervortuend oder gar aufdringlich.

Molkenthins, so einfach und unscheinbar sie sich auch gaben, waren sich eins in dem Bestreben, die Abende in ihrem gastlichen Hause aus der Reihe der durch ihre Eintönigkeit ermüdenden gesellschaftlichen Veranstaltungen hervorzuheben.

Heute war es der Gedanke: man besuchte nach einer guten Theatervorstellung eine vornehme Weinstube, die zum Empfang ihrer Gäste besondere Vorkehrungen getroffen hatte. Keine Führungskarten waren ausgeschrieben und keine Tischordnung gemacht, man wählte sich seine Nachbarin nach Belieben, verabredete sich mit einigen andern zu einem Kreis und setzte sich zwangslos mit ihnen an dieselbe kleine Tafel.

Nun erschien ein Heer von Dienern in schwarzer Kellnertracht mit Kniehosen und seidenen Strümpfen, verteilte sich an die verschiedenen Tische, reichte Karten, auf denen zwei verschiedene Speisefolgen, und ebensolche, auf denen Weine aller Art verzeichnet waren. Man wählte nach Gutdünken, erhielt das Gewünschte sofort wie auf einem Tischlein deck dich, und bald war alles in fröhlicher Stimmung.

Auch die Künstler und Künstlerinnen, die bei der Theateraufführung mitgewirkt hatten, waren geladen; ab und zu erhob sich einer von ihnen, sang ein ernstes oder heiteres Lied oder erfreute durch einen Tanz.

Dann klopfte einer der Teilhaber der Firma, der dem Hause nahestand, an das Glas und brachte in wohlvorbereiteter Rede das Wohl des Geburtstagskindes aus.

Gleich darauf antwortete Herr Molkenthin.

»Ich danke Ihnen, lieber Freund, für Ihre wohlgemeinten Worte«, sagte er in seiner schlichten Art. »Es ist für mich eine große Freude, Sie heute hier in so fröhlicher Stimmung und herzlicher Gesinnung um mich versammeln zu können. Denn, offen gestanden, hatte ich es nicht mehr erwartet. Nein, lassen Sie nur ... ich weiß sehr wohl, daß ich unmittelbar vor der großen Meeresenge stand, durch die alles hindurch muß. Wenn sie noch einmal an mir vorübergerauscht ist, so habe ich es einem Manne zu verdanken, der zu meiner Freude heute unter uns weilt. Sie wissen, ich war bisher kein Verehrer seines Standes. Er hat auch hier die große Versöhnung gebracht. Und wenn ich jetzt, zugleich mit meiner lieben Frau, mein Glas auf das Wohl meiner Gäste trinke, so gedenke ich in bleibender Dankbarkeit seiner. Meine lieben Freunde leben hoch!«

Die Musik fiel mit einem Tusch ein. Alles erhob sich, und Werner Torwald, der neben der Frau des Gastgebers an einer der vorderen Tafeln saß, war bald von einem großen Kreise festlich gekleideter Menschen umflutet, die alle mit ihm anstießen und ihm freundliche Worte sagten. Denn mehrere unter ihnen waren ebenfalls seine Patienten und benutzten gern die Gelegenheit, ihm ihre Verehrung zu zeigen.

Seine Bescheidenheit wehrte sich zwar gegen diese Hervorhebung seiner Person und Verdienste. Aber die herzliche Gesinnung seines Gastgebers, der sonst so gar nicht ein Mann der großen oder gar schmeichelnden Worte war, und diese warme, ungezwungene Huldigung blieben nicht ohne Eindruck auf ihn. Und als er sich so plötzlich in den Mittelpunkt der großen, vornehmen Gesellschaft versetzt sah und von allen gefeiert und umworben, da fühlte er sein Herz in Stolz und Freude schneller schlagen.

»Sie sind ein großer Mann geworden«, sagte nach der Aufhebung der Tafel sein Schwiegervater zu ihm, der es seiner steifen und förmlichen Anlage gemäß immer noch bei dem »Sie« hatte bewenden lassen. »Und wenn ich auch auf solche Auszeichnungen keinen allzu großen Wert zu legen vermag, da nichts so wetterwendisch ist als die Gunst der Menge, so habe ich doch stets eine aufrichtige Achtung vor Menschen empfunden, die sich vermöge ihres Fleißes und ihrer Tüchtigkeit aus kleinen Anfängen zu solcher Höhe emporgearbeitet haben, und dazu beglückwünsche ich Sie von ganzem Herzen.«

Sie begaben sich beide in das Rauchzimmer. Auch hier vernahm Werner noch manches gute und anerkennende Wort. Dann vertieften sich die Herren, die fast ausnahmslos den kaufmännischen Kreisen angehörten, in eine lebhafte Unterhaltung über Geldmarkt, Kurse und Börsengeschäfte.

Er saß schweigend unter ihnen, empfand seine Untätigkeit aber nicht, denn angenehme und schmeichelnde Gedanken lachten durch seine Seele.

Ab und zu sah er durch die geöffnete Tür Dora wie ein junges Mädchen mit hingebender Lust im Tanze, der jetzt begonnen hatte, an sich vorüberschweben, und jedesmal winkte sie ihm stolz und glücklich zu. Das war ihm das Liebste von allem, was ihm der Abend gebracht hatte. Aber da mit einem Male, wie aus dunklen Tiefen geheimnisvoll emporsteigend, war das andere wieder da, das jedes kaum erwachte Glücksgefühl zerstörte.

»Gehe nie in die Gesellschaft derer, die mehr sind als wir. Dorthin gehörst du nicht. Und wenn sie dich rufen und locken, weil sie dich brauchen, wie sie es bei mir getan haben, sei ein Mann und wirf dich nicht fort! Sie nutzen dich aus und sind die ersten, die dich verlassen, wenn die Not über dich hereinbricht.«

Wie kam es, daß dies furchtbare Wort, das er wunderbarerweise beinahe vergessen hatte, gerade jetzt in ihm auflebte, wo seine Seele sich frei und glücklich fühlte und geborgen in so viel Anerkennung und Zuneigung? Daß er es so deutlich hörte, als stände der Vater dicht neben ihn und hämmerte es ihm ins Ohr und ins Gewissen, wie er es noch in seiner letzten Stunde getan hatte?

Aber nein ... sein Vater war verbittert, und war es mit Recht. Er sollte seinen Sohn jetzt sehen, sollte die Rede gehört haben, die ihm der erste und angesehenste der Kaufleute gehalten, und die Menschen, die sich verehrend und bewundernd zu ihm drängten ... nein, es war undenkbar, war unmöglich, daß das Lug und Trug sein konnte.

War sein Wissen und seine Kunst, die er sich in rechtlichem, mühevollem Studium, in unentwegtem Vorwärtsarbeiten erworben, nicht endlich allgemein anerkannt? War er nicht sicher der Liebe der Menschen, denen er die Hilfe in ihren schweren Leiden brachte? Und hatte er nicht eine Frau, die ihn lieb hatte trotz aller vorübergehenden Trübungen, die eine Ehe nun einmal mit sich bringt?

Nie war sein Glaube an die Menschen so fest, seine Überzeugung von ihrer Güte und Größe so rein und arglos gewesen wie in dieser Stunde.

Und doch – – war ihm keine andere Aufgabe gewiesen? Gab es jetzt nicht Menschen, die auf ihrem Krankenlager in Schmerzen sich wanden und glücklich sein würden, wenn er sie zu lindern käme, ihnen eine Minute der Zeit opferte, die er ohne Sinn und Zweck hier vergeudete?

Es wurde immer wärmer im Saale. Die vielen Blumen, die in der Hitze zu welken begannen, sandten einen betäubenden Duft aus, der Tanz und die Unterhaltung wurden lärmender. Dazu schrillten die Geigen, summten und brummten die Bässe. Und mitten in alledem kam die Sehnsucht wieder über ihn nach weiten, weißen Feldern, nach unermeßlich sich spannendem Himmel, nach schneebedeckten Wegen, über die er im Schlitten mit hell klingendem Geläute dahinfuhr, den Kranken, die in stillen Dörfern und einsamen Höfen seiner harrten, Trost und Hilfe zu bringen.

»Was ist das für ein entzückender Abend heute!«

Dora, die sich während einer kurzen Tanzpause freigemacht, stand neben ihm und sah ihm mit den halb lachenden, halb mitleidigen Augen in das ernste Gesicht.

Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Sie hatte recht. Er mußte endlich einmal von Grund aus aufräumen mit diesen überflüssigen, törichten Gedanken, die ihn um jeden Genuß und jede Freude brachten! Er wollte es ihr sagen. Da sah er sie am Arm eines jungen Assessors, der während des ganzen Tanzes kaum von ihrer Seite gewichen war, vorüberschweben, ein traumhaft verlorenes Lächeln auf den leise geöffneten Lippen, die Glückseligkeit des Augenblickes mit durstigen Zügen schlürfend.

*

Am nächsten Morgen war Tauwetter eingetreten. Der Schnee, der die Straßen mit so fein säuberlich gewirkten, weithin gleißenden Teppichen bedeckt, hatte sich über Nacht in eine gräulich schlammige Masse gewandelt. Ein leiser Regen fiel, und ein weicher, aber unbehaglicher Wind fegte über Plätze und Märkte.

Werner Torwald hatte bis 11 Uhr in seiner Sprechstunde zu tun gehabt und befand sich jetzt auf dem Wege zu einigen Patienten, die er in ihren Häusern aufsuchen mußte, weil ihnen ihr Zustand nicht erlaubte, zu ihm zu kommen.

Er hatte die Nacht wenig geschlafen. Gesellschaften bekamen ihm nie. Sie vertrugen sich zu schlecht mit seiner angestrengten geistigen Tätigkeit. Zudem hatten ihn allerlei Gedanken, die er trotz seiner guten Vorsätze noch vom Abend her mit sich schleppte, beschäftigt und gequält.

Zwei Besuche hatte er bereits hinter sich. Nun wollte er des einen wegen, der ihm Sorge bereitete, noch zu Professor Gregori ins Lazarett fahren, den eigenartigen Fall mit ihm zu besprechen.

Als er durch den langen Säulengang schritt, an dessen Ende das Sprechzimmer des Professors lag, kam aus einem der auf ihn mündenden Krankensäle eine ältere, einfach und ländlich gekleidete Frau mit einem abgehärmten, runzligen Gesicht, die fast mit ihm zusammenstieß.

Mit einem Male blieb sie stehen und richtete die von vielem Weinen geröteten Augen mit einem Ausdruck auf ihn, in dem etwas unsicher Fragendes lag.

Unwillkürlich hemmte auch er den Schritt. Die Frau kam ihm bekannt vor, er hatte sie gewiß schon öfter gesehen, hatte wohl auch mit ihr zu tun gehabt ... richtig, es war die Malkaymener Schmiedsfrau, Dörthe Matthießens Mutter. Freilich, sie war alt geworden und zusammengeschrumpft bis zur Unkenntlichkeit seit jenen Tagen, da er ihr krankes Töchterchen behandelt hatte.

»Herr Doktor Torwald –« Jetzt erst merkte er, daß sie sich nur mit Mühe aufrecht hielt. Er trat auf sie zu, faßte sie beim Arme, stützte sie. »Was haben Sie, Frau Matthießen?«

»Herr Doktor Torwald!« sagte sie da noch einmal, und jetzt war es wie ein wunder Aufschrei. »Meine schöne Dörthe, meine schöne, gute Dörthe –«

»Was ist mit ihr? Haben Sie sie hierher gebracht? Ist sie krank?«

»Sie ist tot – – tot, Herr Doktor Torwald. Und niemand hat ihr helfen können.«

»Tot?«

Langsam und mechanisch wiederholte er es, als könnte er sich nicht zurechtfinden. »Ich traf sie erst vor einiger Zeit auf der Straße, und gestern abend –« aber nein, das war ja nur – – »Wie frisch und blühend sie aussah, trotz ihres Zustandes«, setzte er in sich steigernder Verwirrung hinzu.

»Ja, das fanden wir auch alle. Und das Kind kam leicht und gesund zur Welt ... ein starkes Mädel, ihr wie aus den Augen geschnitten. Aber zwei Tage später war plötzlich Fieber da. Niemand wußte, woher es kam. Auch unser Arzt in Neukirchen nicht. Sie lag da mit feuerrotem Gesicht und glasigen Augen, und ihr ganzer Körper brannte ... so wie damals, als sie als Kind so krank war und der Herr Doktor kamen und sie gesund machten. Aber diesmal kam keiner und machte sie gesund ... kein einziger kam.«

Sie fing an herzzerbrechend zu schluchzen. Er führte sie zu einer der auf dem Gange stehenden Bänke und blieb neben ihr, unfähig, ihr ein tröstendes und aufrichtendes Wort zu sagen, wie ihn das große Leid immer schweigsam machte.

»Zuletzt, als das Fieber einmal einhielt und ihr Zustand sich ein wenig zu bessern schien, riet uns unser Doktor, sie so schnell wie möglich hierher ins Krankenhaus zu bringen, vielleicht würde es da noch einmal gut mit ihr. Das taten wir auch. Aber bald, nachdem wir sie mit größter Mühe hierhergeschafft hatten, ging's mit ihr zu Ende.«

»Wann war das?«

»Gestern abend um sieben Uhr, Herr Doktor.«

»Gestern abend um sieben Uhr«, flüsterte er vor sich hin, und in seinem Kopfe begann es zu kreisen.

»In ihrem Fieber, aber auch an den Tagen, da sie ganz klar war, rief die Dörthe immer nach dem Herrn Doktor. Sie meinte, der wäre der einzige, der sie gesund machen könnte.«

»Und warum kamen Sie nicht zu mir? Warum sagten Sie mir das nicht?«

»Ich war ja bei dem Herrn Doktor. Zweimal war ich beim Herrn Doktor,«

»Sie waren bei mir? ... Zweimal waren Sie bei mir?«

Er wußte nicht was er hörte und was er sprach. Es kam ihm alles so unmöglich und so unwirklich vor.

»Wann waren Sie bei mir? Sagen Sie mir das schnell und ganz genau!«

»Ja, ist denn dem Herrn Doktor nichts bestellt worden?«

»Nichts. Kein einziges Wort. Sonst wäre ich doch sofort zu Ihnen gekommen. Das können Sie sich wohl denken. Also reden Sie, bitte.«

»Das erstemal war ich beim Herrn Doktor, als das Fieber eben begonnen hatte, und unser Arzt sagte, es wäre eine ernste Sache. Es sind heute gerade acht Tage her, ich weiß es ganz genau. Da waren der Herr Doktor eben zu einem Kranken gegangen. Aber die Frau Doktor war da und war sehr gut zu mir und fragte nach allem und tröstete mich und meinte, es würde gewiß mit der Dörthe wieder gut werden, denn ein so junger und kräftiger Mensch stürbe nicht so leicht. Der Herr Doktor könnte jetzt nicht nach Malkaymen kommen, denn das dauerte einen ganzen Tag, und der Herr Doktor hätte in der Stadt gerade viele Kranke, die auf ihn warteten, und die er jetzt nicht im Stiche lassen könnte, das müßte ich doch einsehen.«

Sie trocknete mit einem großen, groben Sacktuche die Tränen, die unaufhörlich über ihre abgehärmten Wangen liefen.

»Ich sah es ja auch ein. Es ist eine weite und beschwerliche Fahrt zu uns heraus. Und die Frau Doktor hatte gewiß recht mit den vielen Kranken, die hier auf den Herrn Doktor warteten. Sie meinte auch, unser Herr Doktor in Neukirchen würde es übelnehmen, wenn nun ein anderer aus der Stadt hinzukäme, denn damit gäben wir ihm zu verstehen, daß wir kein Vertrauen zu ihm hätten. Aber wenn es mit der Dörthe nicht besser würde, dann sollte ich noch einmal kommen.«

»Und Sie kamen noch einmal?«

»Ja ... vor zwei Tagen. Es war aber schon Abend. Ich konnte am Tage nicht von der Dörthe fort. Da waren der Herr Doktor mit der gnädigen Frau ausgefahren. Und das Mädchen sagte, sie könnte die Herrschaften jetzt nicht erreichen.«

*

Hermine war eben aus der Schule nach Hause gekommen. Sie saß bereits in Untersekunda und hatte jetzt viel zu tun. denn die Versetzung in die Obersekunda stand vor der Tür, und fast jeden Tag wurden Probearbeiten geschrieben. Außerdem war der Palmsonntag nicht mehr ferne, an dem sie eingesegnet werden sollte. Sie warf die schwere Aktentasche mit den Büchern und Heften auf einen Sessel und stülpte das Pelzbarett darüber.

Ihrem Aussehen merkte man Schulluft und Arbeit nicht an. Über ihren runden, leicht gebräunten Wangen lag noch immer der rosige Pfirsichhauch, der ihnen schon in ihren Kinderjahren einen so frischen Ausdruck verliehen, und unter den dichten Haarflechten, deren Farbe stark gedunkelt hatte, blitzten die kecken Augen, die dann und wann einen fast trutzig in sich verschlossenen Ausdruck annehmen konnten. Mit der gewohnten stürmischen Zärtlichkeit begrüßte sie die Mutter, die, ihrer bereits harrend, auf ihrem Fensterplatze im Wohnzimmer saß, schlang die vollen Arme um ihren Hals und küßte ihr Stirn und Mund.

»Und wie war es gestern abend? Wen hattest du zu Tisch? Ah sieh, den Hermes, deinen alten Verehrer! Tanzte er nachher auch wieder so viel mit dir? Grete Spiegelberg hat mir schon erzählt, du wärst die schönste von allen gewesen. Ihr Vater hätte heute morgen beim Frühstück von nichts anderem als von dir erzählt.«

Frau Dora wehrte zwar lachend ab, machte aber ein beglücktes Gesicht. Sie wußte, was ihre Tochter in jugendlicher Überschwenglichkeit da hervorsprudelte, entsprang einer aufrichtigen Bewunderung, auf die sie stolz war.

»Und die Aufführung der »Fledermaus« soll ja wundervoll gewesen sein. Steinbacher hat gesungen und die Busetti, und die Bialke hat getanzt – wäre ich doch dabei gewesen!«

»Du hättest es ja haben können. Der Vater sagte, er hätte es dir sicher erlaubt.«

Hermine warf den Kopf mit einem schnellen Ruck nach hinten.

»Aber ich sollte ihn erst darum bitten. Das tue ich nicht. Dann bleibe ich eben zu Hause.«

»Ich dachte mir gleich, daß das der Grund war und nicht dein deutscher Aufsatz.«

»Der Vater will überhaupt immer, daß man ihm seine Liebe zeigt. Das kann ich nicht.«

»Aber du kannst doch so zärtlich sein.«

»Ja, zu dir. Das ist eben etwas anderes.«

»Sie haben den Vater gestern sehr gefeiert. Herr Molkenthin brachte ein Hoch auf ihn aus und sagte, daß er nur ihm sein Leben zu verdanken hätte.«

»Das ist doch auch wahr.«

»Gewiß ist es wahr. Aber nicht alle Menschen haben solche Dankbarkeit – doch ging da nicht eben die Haustür? Sollte das schon der Vater sein? Zu so ungewohnter Stunde?«

Da trat Werner ein. Flüchtig begrüßte er Frau und Tochter. Den Mantel hatte er nicht abgelegt. Eine Erregung war in ihm, die im Gegensatz zu seinem sonst stets gemessenen Wesen stand, und deren er vergebens Herr zu werden suchte.

»Dörthe Matthießen ist gestorben«, sagte er ohne jede weitere Einleitung.

Frau Dora stand von ihrem Fensterplatze auf. Ihr Gesicht war von ihrem Manne abgewandt. Sie erwiderte kein Wort.

»Sie hat in ihrer Krankheit nach mir verlangt. Zweimal ist die Mutter bei mir gewesen. Beide Male hat man mir nichts davon bestellt.«

Er sprach mit scheinbarer Ruhe. Aber man hörte es jedem Worte an, wie erzwungen diese Ruhe war.

»Du hast ihr gesagt, daß ich wichtigere Dinge zu tun hätte und nicht zu ihr herauskommen könnte. Ist das wahr? Hast du das wirklich gesagt?«

Jetzt wandte Frau Dora das Haupt.

»Ja, das habe ich gesagt.«

»Warum hast du es getan?«

»In deinem Interesse habe ich es getan. Du warst hier überreichlich beschäftigt und konntest unmöglich noch einen ganzen Tag nach Malkaymen fahren.«

Ihr Antlitz war ein wenig bleich. Aber in ihren Worten war eine starke Bestimmtheit.

»Ja, glaubst du denn, wenn ich zu Hause gewesen wäre, wenn die Mutter in ihrer Not zu mir gekommen wäre und erzählt hätte, daß die Kranke nach mir verlangte, daß ich dann nicht alles hier im Stiche gelassen hätte und sofort gefahren wäre?«

»Es mag sein, daß du das getan hättest. Ob es aber richtig gewesen wäre, ist ein ander Ding.«

»Du hörst, sie ist gestorben.«

»Das wäre sie auch ohne dich.«

»Wer sagt dir das? Einmal habe ich sie retten können, als der Tod schon an ihrem Bette stand. Wer weiß, ob es nicht auch diesmal möglich gewesen wäre – – ja, verstehst du denn nicht, daß ich darüber nicht hinwegkomme ... niemals hinwegkommen werde?«

»Ich hatte der Frau klar und deutlich gesagt, daß sie wieder anfragen sollte, wenn es mit ihrer Tochter nicht besser würde.«

»Sie tat es auch. Da waren wir beide auf eine Gesellschaft gefahren, und das Stubenmädchen wies sie kurzerhand ab.«

»Dafür kann ich nichts.«

»Nein, dafür kannst du nichts. Und es steht mir nicht zu, dir die Schuld zuzuwälzen. Die größere trage ich.«

»Weshalb du?«

»Weil ich meinem Berufe untreu geworden bin. Weil ich meine Sendung vergessen habe.«

»Du deinem Berufe untreu geworden? Der hier so vielen hilft? Der für nichts lebt als für seine Arbeit und sein Amt?«

»Ja, das ist etwas Großes! Ich gehe in die Häuser der Reichen, lasse mich für meine Dienste fürstlich bezahlen, besuche ihre Feste und üppigen Gelage, lasse mich feiern und umschmeicheln! Und wenn ein armes Weib in ihrer Todesangst zu mir kommt, dann bin ich nicht für sie zu Hause.«

» Ich wies sie ab.«

»Das hättest du vielleicht nicht getan, wenn ich dir nicht durch meine ganze Lebensführung die Veranlassung dazu gegeben hätte. Nein, was ich tue und treibe, das ist nicht der Beruf des Arztes.«

»Dann möchte ich wissen, welcher es wäre.«

»Die große Liebe ist sein Beruf, die nicht nach Geld und Ansehen fragt, nicht nach Ruhm und Verdienst ... vor der sie alle gleich sind, die da leiden und krank sind.«

Dora zuckte die Achseln: ihrer nüchtern praktischen Denkungsart erschien eine solche Auffassung Schwärmerei. Aber sie kannte ihren Mann lange genug, um zu wissen, daß dagegen nichts zu machen war.

An den Tisch gelehnt stand Hermine. Es war das erstemal, daß sie Zeugnis einer derartigen Auseinandersetzung zwischen den Eltern war. Sonst hatte man sie hinausgeschickt. Heute war es in der Erregung des Augenblicks vergessen worden.

Regungslos stand sie, die großen, fragenden Augen bald auf den Vater, bald auf die Mutter gerichtet, in dem ernsten, ein wenig tiefer geröteten Antlitz eine Anteilnahme, die mit jedem Worte stieg.

Das Mädchen kam und meldete einen Patienten, der zu dieser Stunde bestellt war.

Der Vater ging, und sie blieb mit der Mutter allein.

»So ist er immer. Alles nimmt er gleich tragisch und persönlich. Dann ist ihm nicht zu raten und zu helfen.«

Dora hatte es halb für sich gesagt, halb aber auch zu ihrer Tochter gewandt. Denn jetzt war es ihr erst zum Bewußtsein gekommen, daß diese der ganzen Unterredung beigewohnt hatte, und es hatte fast den Anschein, als wollte sie ihr Gelegenheit geben, sich in irgendeiner Weise zu äußern.

Aber Hermine schwieg.

»Freilich, daß die arme Dörthe, die ich von ihren ersten Kinderjahren an kenne, so schnell dahinsterben würde, das hätte ich nicht gedacht. Sonst hätte ich den Vater natürlich benachrichtigt. Aber schließlich wäre doch alles gekommen, wie es kommen mußte, ob der Vater da war oder nicht.«

Sie hielt inne und sah auf Hermine.

Die stand auf derselben Stelle und sagte kein Wort.

*

Hans Hartau hatte seine Stelle an der Oberpfarrkirche St. Marien angetreten und war an einem Passionssonntag, an dem die Sonne hell am wolkenlosen Himmel lachte und die Luft fast sommerlich war, in feierlichem Gottesdienst durch den Generalsuperintendenten in sein Amt eingeführt worden.

Dann gab es viel für ihn zu tun. Und für Anneliese nicht weniger. Denn die Einrichtung ihres neuen Heims war keine leichte Sache. Das Pfarrhaus, das ihnen zur alleinigen Wohnung angewiesen, war eines jener schmalgiebeligen Patrizierhäuser der alten Hansastadt, das mit dem kunstvollen Beischlag aus mittelalterlicher Zeit vor der Tür und seinen vier Stockwerken mit je drei Fenstern Front, die jedes nur zwei bis drei Wohnräume in sich schlossen, von außen wohl vornehm und architektonisch interessant anzusehen war, in seinem Innern aber weniger geeignet war, der Hausfrau Freude zu bereiten.

»Eine Pfarrfrau von St. Marien bringt die Hälfte ihres Lebens auf den Treppen zu«, hatte ihre Vorgängerin zu ihr gesagt, deren Mann eben der Generalsuperintendent geworden war, der Hans Hartau in sein Amt eingeführt hatte.

Und nicht nur in diesen Tagen, da sie von des Morgens früh bis in den sinkenden Abend Treppe auf, Treppe ab lief, die ausgedehnten Räume wohnlich und behaglich herzurichten, auch später noch hatte sie oft an dies Wort denken müssen und seine Wahrheit immer aufs neue bestätigt gesehen.

Nun aber war alles unter ihren hurtigen Füßen und geschickten Händen zu ihrer und ihres Gatten Freude fertig geworden.

Dieser hatte in dem unteren, ein wenig niedrigeren Stockwerke, der sogenannten »Hangeetage«, die vielleicht erst in späterer Zeit eingebaut war, seine Arbeitsstube mit dem riesigen, von Akten und Papieren bedeckten Schreibtische und der anschließenden Bücherei. Und sie durch einen kleinen Zwischenflur getrennt, ihr lauschiges Zimmer mit den Biedermeiermöbeln, die sie zum größeren Teile bereits in Malkaymen besessen hatte. Auf den Schränken und an den Wänden war kein Stück, das nicht in irgendeiner inneren Beziehung zu ihr stand.

Aber so gerne sie sich in seine Stille zurückzog, mit wieviel Liebe und Geschmack sie die Empfangs- und Eßräume in dem oberen, viel höher gebauten Stockwerk, der sogenannten »Saaletage«, ausgestattet hatte, so recht wohl und heimatlich vermochte sie in dem alten Hause nicht zu werden. Denn es lag tief und dunkel im Schatten der gewaltigen Marienkirche und war von vielen anderen hohen und niedrigen Häusern eingeschlossen. Und das war für ihr an Weiten und Freiheit von Kindheit an gewohntes Gemüt so unerträglich, daß sie viel Mühe und guten Willen aufwenden mußte, es ihren Mann, der das alles nicht so empfand wie sie und sich in den neuen Aufgaben seines Amtes glücklich und befriedigt fühlte, nicht gar zu sehr merken zu lassen.

So fing sie auch an, sich ein Feld der Tätigkeit zu schaffen, gab sich der Krankenpflege und der Arbeit in verschiedenen Frauenvereinen mit ganzer Seele hin und war eine echte, rechte Pfarrfrau, die unermüdliche Gehilfin ihres Mannes in der Gemeinde, die durch ihr verborgen treues Wirken die Herzen in demselben Maße gewann wie Hans Hartau durch seine öffentliche Wirksamkeit und seine glänzende Beredsamkeit, die, wenn er predigte, die riesigen Bogenhallen der Marienkirche bis auf den letzten Platz füllte. Er wußte das, und es machte sein Herz in Stolz und Freude schlagen, denn frei von Ehrgeiz und Eitelkeit war er nicht. Auch seine Predigt war letzten Grundes mehr geistreich und auf Wirkung berechnet, als aus dem tiefen Bedürfnis seiner Seele quellend.

Bei Anneliese war alles auf Innerlichkeit gestellt. Jeder Gedanke an Erfolg, jede Befriedigung eigener Wünsche lagen weit von ihr entfernt.

Dabei fiel ihr die Vereinigung einer stetig wachsenden Gemeindetätigkeit mit der schwierigen wirtschaftlichen Arbeit nicht leicht, denn sie hatte einen zarten Körper, und ihre Gesundheit war seit einiger Zeit nicht die beste.

»Du mutest dir zu viel zu«, sagte ihr Werner Torwald, den der um seine Frau stets ängstlich besorgte Gatte ohne ihr Wissen und Wollen hatte kommen lassen. »Du hast in diesem fürchterlichen Hause, ja, verzeih, trotz all seiner architektonischen Schönheit, von der ich nichts verstehe, und allen Geschmacks, mit dem dein feiner Sinn es hergerichtet hat, kann ich es nicht anders benennen; ein Haus ohne Licht und Sonne ist für mich etwas Furchtbares, dazu noch eins, daß so viele Treppen hat – ich meine, du hast in ihm genug zu tun, und solltest deine Gemeindearbeit aufgeben oder zum mindesten stark einschränken.«

Da sah sie ihn mit ihrem lieben, stillen Lächeln an.

»Ihr Männer seid wunderlich. Ihr predigt andern gern das Gegenteil von dem, was ihr selber tut. Wenn ich meinem Manne einmal in vorsichtiger Weise, denn man muß in dieser Beziehung sehr vorsichtig mit ihm umgehen, zu Gemüte führe, daß das, was er den Leuten mit glühender Beredsamkeit von der Kanzel verkündet, mit seinem Denken und Tun doch nicht so ganz übereinstimme, was antwortet er mir? ›Darin magst du vielleicht nicht so unrecht haben. Aber es scheint dir nur so. Denn ich predige meine eigenen Ideale, die zu erfüllen ich den aufrichtigen Wunsch habe, wenn es mir auch nicht immer gelingt.‹ Und nun kommst du und willst mir eine Tätigkeit untersagen, ohne die du nicht einen Tag leben könntest.«

»Aber wenn sie mir meine Gesundheit nicht erlaubte –«

»Würdest du trotzdem nicht von ihr lassen. Wie oft hast du es mich gelehrt, und ich habe dir aus ganzem Herzen zugestimmt, damals in Malkaymen, als wir noch über solche Dinge sprachen: daß nur ein Leben Wert hätte, das der Liebe zu den Menschen geweiht wäre.«

»Ja, du hast recht. Das habe ich gesagt ... damals in besseren Zeiten. Nun ... nun ... bin auch ich ein anderer geworden.«

Eine tiefe Traurigkeit sprach aus seinen Worten, und sein Auge blickte über sie hinweg in die Ferne.

»Was hast du, Werner?« fragte sie und legte ihm die Hand leise auf den Arm. »Ich hatte schon das letzte Mal, als du mit Dora bei uns warst, das dunkle Empfinden, daß in dir nicht alles in Ordnung war. Du erschienst mir nicht so ausgeglichen und befriedigt, wie ich nach deiner reichen Tätigkeit und deinen vielen Erfolgen annahm.«

»Ach, liebe Anneliese – die Erfolge – was nützen sie einem, wenn man innerlich nicht seine Zustimmung zu ihnen geben kann ... wenn man sich selber verloren hat? Wie soll ein Abtrünniger Freude an seinen Erfolgen haben?! ... Doch dein Mann hat mich hergerufen, daß ich dein Arzt sein sollte, und nicht umgekehrt.«

»Ich werde nicht in dich dringen. Das weißt du. Aber du nanntest dich eben einen ›Abtrünnigen‹. Nein, Werner, das bist du nicht. Das kannst du gar nicht sein. Und nun sage mir: würde es dir nicht vielleicht eine Erleichterung sein, dich einmal auszusprechen?«

»Es ist so schwer, Anneliese.«

»Auch einem Menschen gegenüber, der dir so gerne helfen möchte und vielleicht in der Lage ist, es zu können, weil er ein Verständnis für dich hat? Mehr kann ja kein Mensch dem anderen geben als Verständnis. Oder zweifelst du an dem meinen?«

»Nein. Niemand könnte mich verstehen wie du.«

Er hatte es mit auffallender Wärme gesagt. Ihre Augen ruhten eine Sekunde ineinander, dann irrte das seine von ihr fort und verlor sich wieder in die Ferne.

»Aber helfen könntest du mir nicht«, fügte er hinzu. »Und darum reden wir nicht davon. Vielleicht ein andermal. Aber erst, wenn du mir versprochen, meinem Rat zu folgen und deine Arbeit auf das Allernotwendigste zu beschränken. Der Körper ist ihr auf die Dauer nicht gewachsen. Das kann ich als Arzt dir sagen.«

»Ach, lieber Werner, was kommt's schließlich auf solch einen armen Körper an, wenn höhere Güter auf dem Spiele stehen? Und, was die Gesundheit betrifft ... nun, wer hätte wohl eine bessere und zuverlässigere gehabt als meine alte Jugendgespielin, die Dörthe? Ich kann wohl sagen, daß mir ihr schneller Tod, den ich erst vor wenigen Tagen erfuhr, nahegegangen ist. Wir waren damals Leidensgefährten, und du rettetest uns beide.«

»Und ließ sie diesmal sterben!«

Hart und scharf hatte er es gesagt, wollte noch etwas hinzufügen, besann sich jedoch, stand auf und schickte sich zum Gehen an.

Aber sie hielt ihn zurück. »Du ließest sie sterben? Was redest du nur wieder, Werner? Ich begreife kein Wort von alledem.«

»Sie rief mich in ihrer größten Not. Und ich kam nicht.«

»Du kamst nicht? Weshalb kamst du nicht?«

»Weil ich beide Male, als ihre Mutter bei mir war, nicht zu Hause war und man mir ihre Bestellung nicht ausrichtete.«

»So ist es ein unglückliches Verhängnis gewesen, an dem dich keine Schuld trifft.«

»Doch ... doch ... mich trifft eine große Schuld. Das wird mir niemand ausreden. Weder du noch Dora.«

»Ich bitte dich, Werner, setze dich zu mir und laß uns alles, was dich so niederdrückt, in Ruhe besprechen.«

Da konnte er nicht widerstehen. Er erzählte ihr alles was sich zugetragen, und klagte ihr sein tiefes Leid.

Nicht ein einziges Mal unterbrach sie ihn, versuchte auch nicht, ihn mit irgendeiner Redensart oder mit einem gutgemeinten Wort zu trösten. Ganz stille saß sie ihm gegenüber und hörte ihm zu.

Ihm tat ihre stille Anteilnahme wohl, und er empfand, daß er nie bei einem Menschen ein Verständnis gefunden wie bei ihr.

»Und, was das Schlimmste ist«, fuhr er fort, »daß ich seit dieser Stunde nicht mehr die alte Freude an meiner Arbeit habe, daß ich mir immer wie ein Mensch vorkomme, der sich und dem Besten, was in ihm ist, untreu geworden ist. Die große Stadt und der Erfolg in der Welt, das ist mir jetzt so recht zur Klarheit gekommen, haben für den inneren Menschen etwas Vergiftendes. Für mich wenigstens. Wenn ich könnte, was ich wollte, so ginge ich lieber heute als morgen aus allen diesen glänzenden Verhältnissen heraus und ließe mich wieder irgendwo in einem stillen Ort auf dem Lande oder in einer kleinen Stadt nieder, wo ich meine Tätigkeit von vorne anfangen und neu aufbauen könnte.«

»Und warum kannst du das nicht?«

»Weil Dora nie mit mir gehen, weil ich sie und das Kind unglücklich machen würde.«

»Vielleicht unterschätzest du Dora.«

»O nein, du weißt, wie ich sie liebe. Aber um Opfer zu bringen ist sie nicht geschaffen ... wenigstens für mich nicht. Deshalb möchte ich auch keins von ihr fordern.«

»Es käme auf einen Versuch an. Aber vorläufig, meine ich, sind wir noch nicht so weit, und du wirst auch hier, wenn du erst ein wenig ruhiger über die Sache zu denken gelernt hast, eine deiner Anlage und deinen Wünschen entsprechende Tätigkeit finden. Und ich, soweit es in meinen schwachen Kräften steht, möchte dir dazu behilflich sein. Ich denke immer, wenn ein Mensch will, von ganzer Seele will, dann findet er auch die Wege. Doch mein Mann kommt nach Hause. Ich will alles wohl bedenken, was du mir heute gesagt hast. Dann wollen wir ein andermal davon sprechen.«

*

Herminens Einsegnungstag war gekommen. Es war eine Feier an dem wundervollen gotischen Hochaltar der alten Oberpfarrkirche St. Marien, die auf alle, die sie mit ihr begingen, einen tiefen Eindruck machte.

Aber in welcher Weise sie auf Hermine wirkte, wie sich ihr reif entwickelter Geist zu den religiösen Erfordernissen dieses Tages stellte, das wußte niemand zu sagen. Denn über ihr innerliches Empfinden äußerte sie sich niemals, selbst der Mutter gegenüber nicht, mit der sie sonst alles teilte.

Hans Hartau verglich sie in seiner Tischrede mit einer Wasserlilie, die, von Wind und Welle geschaukelt, auf der blauen Fläche des Waldsees hin und her schwankt, mit ihrer Wurzel aber fest und unbeweglich im Grunde des Sees verankert ist.

»Das war sehr blumenhaft und schön, was der Onkel Hans da bei Tisch über mich sagte«, meinte Hermine zu der Mutter, als diese sie nach alter Gewohnheit des Abends auf ihr Zimmer begleitete und während des Ausziehens bei ihr weilte, »aber, offen gestanden, begriffen habe ich es nicht ganz. Und als Wasserlilie fühle ich mich nun wirklich ganz und gar nicht. Aber Onkel Hans muß ja immer geistvoll sein. Tante Anneliese ist so ganz anders. Sie hat kein Wort zu mir gesagt und mir nur die Hand gedrückt. Ich finde, das ist immer das Beste, was man einem Menschen an solch einem Tage tun kann. Alles andere macht man doch mit sich selber ab.«

Sie hatte sich heute sehr schnell ausgezogen und nach alter kindlicher Gewohnheit mit der Mutter das Nachtgebet gesprochen. Nun gähnte sie herzhaft, reckte die Arme weit aus, kuschelte sich wohlig in ihre Kissen, und als Frau Dora das Zimmer verließ, vernahm sie schon ihre regelmäßigen Atemzüge, die ihren schönen Schlaf verrieten.

*

Die Einsegnung hatte in Hermines Leben wenig verändert. Sie besuchte das Gymnasium weiter und hatte spielend die Obersekunda erreicht.

Nur insofern war etwas Neues in ihr Dasein getreten, als die Mutter in all den Häusern, in denen sie verkehrten, Besuche mit ihr gemacht und sie in die Gesellschaft eingeführt hatte.

Nun gab es viele Einladungen zu Bällen, Festen und Essen, und oftmals kam Hermine spät in der Nacht, ja, am grauenden Morgen nach Hause, um am nächsten Tage um acht Uhr früh wieder auf der Schulbank zu sitzen.

Aber auch das bereitete ihr keine Schwierigkeiten. Es geschah niemals, daß sie eine Schulstunde versäumte oder sich auch nur verspätete, weil sie die Nacht durchtanzt hatte.

Auf den Gesellschaften war sie von harmloser Fröhlichkeit. Sie tanzte mit ebenso großer Anmut wie Leidenschaft, bewahrte aber auch hier stets jenes vornehme Gleichgewicht, das ihren ganzen Menschen auszeichnete.

Ihr Körper hatte sich wundervoll entfaltet, und da sie mit der Lieblichkeit ihrer Erscheinung eine hervorragende Klugheit vereinte, so gehörte sie bald zu den am meisten begehrten und umschwärmten Damen. Es gab Herren, die eins gewisse Scheu vor ihr hatten. Sie war ihnen zu klug, und sie fürchteten, sich Blößen vor ihr zu geben.

Unter ihren Tänzern traf sie möglichste Auswahl, verkehrte in den besten Kreisen und suchte sich in der Schule wie in der Gesellschaft zu ihrem persönlichen Umgang nur Mädchen der ersten Häuser aus. Auch darin glich sie ganz der Mutter.

Da geschah eines Tages etwas, das die ganze harmonische Entwicklung ihrer Jugend jäh durchriß.

Hermine war später als sonst aus der Schule nach Hause gekommen. Werner hatte seine Vormittagspraxis beendet, und man wartete bereits mit dem Essen auf sie.

Schon bei ihrem Eintritt in das Zimmer merkte ihr Frau Dora an, daß ihr etwas Besonderes zugestoßen sein mußte. Und als sie sich jetzt zu Tische setzte und von den Speisen, denen sie sonst mit gesundem Hunger zusprach, nur nippte, traten die Spuren einer starken Erregung in ihrem Wesen deutlich zutage.

Sie besaß eine für ihre Jugend erstaunliche Beherrschung und liebte es nicht, daß die Mutter oder gar der Vater irgendwelche teilnehmenden Fragen an sie richteten, wenn sie sich einmal körperlich nicht wohl fühlte.

Diesmal aber ließ sich Frau Dora, die auf diese Eigentümlichkeit der Tochter, besonders wenn der Vater dabei war, Rücksicht zu nehmen pflegte, nicht beirren.

»Was hast du, Hermine?« fragte sie freundlich, aber doch sehr bestimmt.

»Ach laß doch, Mutter«, gab diese ablehnend und ein wenig unwillig zurück. »Ich habe nichts ... wirklich nichts.«

»Nein, mein Kind, auf diese Weise lasse ich mich nicht abfinden. Dir ist etwas geschehen, und ich möchte wissen, was es ist.«

»Ach, es ist etwas so Dummes ... so unglaublich Dummes.«

»Trotzdem möchte ich es wissen. Willst du es hier bei Tische nicht sagen, so wollen wir aufstehen; wir sind ja mit unserm Essen fertig, und da kannst es mir auf meinem Zimmer mitteilen.«

»Nein, der Vater muß dabei sein.«

»So sprich!« sagte jetzt Werner.

»Ich habe dir schon einmal erzählt« – Hermine richtete auch bei Tisch ihr Wort ausschließlich an die Mutter – »Du besinnst dich, nicht wahr, daß in der neuen Klasse eine Spaltung in unser bisher so einträchtiges und kameradschaftliches Verhältnis getreten ist. Sie ist durch einige Mädchen hervorgerufen, die von auswärts zu uns gekommen sind, und die, weil sie weder nach ihrer Herkunft, noch nach ihrer ganzen Lebensart und ihrem Benehmen zu uns passen, in unseren fest geschlossenen Kreis keine Aufnahme gefunden haben.«

»Ja, das hast du mir vor einigen Wochen erzählt, ich erinnere mich sehr gut.«

»Das mag sie geärgert haben. Denn sie haben sich nun ihrerseits zusammengetan und lassen keine Gelegenheit vorübergehen, uns allerlei Schabernack zu spielen, wo sie nur können. Besonders die eine, die ganz weit aus dem Westen durch die Versetzung ihres Vaters, eines kleinen Beamten, hierher gekommen, ist unermüdlich in dem Ersinnen immer neuer Bosheiten und hat es am meisten auf mich abgesehen, weil ich ihr mit nicht mißzuverstehender Deutlichkeit gezeigt habe, daß sie, sie mag tun, was sie will, für mich Luft ist. Heute aber ...«

Sie hielt inne und biß sich auf die Lippen. Man sah, daß sie mit den Tränen kämpfte.

»Heute aber?« fragte Frau Dora, »so erzähle doch weiter.«

»Ach, es ist so albern und so gemein zugleich, daß man es gar nicht aussprechen kann. Heute sagte sie in der großen Pause, als die ganze Klasse versammelt war ... nein, ich schäme mich, es euch zu erzählen ... Sie sagte ...«

»Nun, was sagte sie?« unterbrach sie Frau Dora, als sie wiederum stockte.

»Daß ich am allerwenigsten Grund hätte, so stolz von oben herab zu tun, denn mein Großvater, der Vater meines Vaters, wäre ein Betrüger gewesen, und hätte jahrelang im Gefängnis gesessen.«

Totenstill war es an der Tafel. Frau Dora war weiß geworden wie das Tischtuch, und Werner Torwald saß da, wußte nicht, was er hörte, strich einige Male über die hohe Stirn und stützte dann den Kopf in die Hand, daß man sein Gesicht nicht mehr sah.

»Das ist entsetzlich ... ganz entsetzlich«, flüsterte endlich Frau Dora vor sich hin.

»Nicht wahr, es ist gar nicht auszudenken ... eine so teuflische Bosheit!«

»Was tatest du?«

»Ich fragte das Mädchen, ob es verrückt geworden wäre. Sie aber meinte, sie wäre ganz und gar nicht verrückt. Ich sollte nur nach Hause gehen und meinen Vater fragen. Der würde es schon wissen. Das war mir dann doch zu stark, und ich wollte sofort hinuntergehen und die Sache dem Direktor melden. Aber meine Freundinnen hielten mich zurück, denn sie meinten, es wäre besser, wenn es der Vater in die Hand nähme.

Ich sollte ihm die Geschichte mitteilen, er würde dann sofort die erforderlichen Schritte tun. Und nicht wahr, Vater, das wirst du? Und am besten gleich jetzt. Ich fragte den Direktor, wann er heute zu sprechen wäre. Er mochte wohl schon durch andere etwas von dem Vorgange gehört haben, denn er antwortete: du möchtest dich nur in seine Privatwohnung bemühen, er würde sich den ganzen Nachmittag zu Hause halten.«

Eine lange, drückende Pause. Werner antwortete nicht. Er wollte es wohl. Aber es war nur ein hilfloses Stammeln, das über seine blutlosen Lippen zuckte.

Hermine, die keinen Augenblick gezweifelt hatte, der Vater würde empört aufspringen und stehenden Fußes zum Direktor eilen, starrte mit großen, fremden Augen zu ihm hinüber ... eine lange Weile.

Mit einem Male schien eine Ahnung in ihr aufzutauchen ... eine fürchterliche, unfaßbare Ahnung.

»Vater!« rief sie mit erstickter Stimme. »Du wirst nicht zum Direktor gehen? Wirst es nicht unverzüglich tun?«

»Ich kann es nicht, mein liebes Kind ... kann es diesmal nicht.«

Etwas unendlich Rührendes war in diesen wenigen Worten, etwas um Verzeihung Flehendes und etwas zum Tode Trauriges zugleich.

»Du kannst es nicht? Vater, ich verstehe dich nicht ... Warum kannst du es nicht?«

»Weil es auf Wahrheit beruht, was deine Mitschülerin in ihrer grenzenlosen Bosheit zu dir gesprochen hat.«

Nun war es heraus, und es blieb nichts mehr zu sagen übrig. Sie fühlten es alle drei, die da an der Tafel saßen wie geschlagene, in der Blüte ihres stolzen Glückes gebrochene Menschenkinder.

Das Mädchen kam, um den Tisch abzuräumen.

Sie nahmen alle Kraft zusammen. Aber keiner von ihnen vermochte sich zu erheben, wie sie es sonst taten, sowie das Mädchen kam, oder auch nur irgendeine gleichgültige Rede zu führen.

Als wäre ein Toter im Zimmer, eine so drückende Schwüle war um sie, daß auch das Mädchen merkte, daß sich hier etwas ganz Außerordentliches zugetragen haben mußte, sich mit dem Abräumen der Sachen beeilte und sich dann schnell zurückzog.

Nun waren sie wieder allein, und wieder sprach keiner ein Wort.

Die Erste, die sich faßte, war Dora.

»Was soll nun geschehen?« fragte sie mit einer Stimme, in der eine müde Entsagung war.

Da sprang Hermine von ihrem Stuhle auf. Ihre Augen funkelten, und in ihrem Antlitz brannte ein unzähmbares Feuer.

»Wenn das wahr ist, was ich nie für möglich gehalten, was ich jetzt noch nicht zu fassen vermag ... wenn mein Großvater ein Betrüger war, der jahrelang im Gefängnis gelebt, dann setze ich keinen Fuß mehr in die Schule. Denn ich will nicht gebrandmarkt vor meinen Mitschülerinnen dastehen, will diesem boshaften Frauenzimmer, das ich für verrückt erklärt, und das nun doch recht behalten, den Triumph nicht gönnen. In keine Gesellschaft gehe ich mehr, jeden Verkehr breche ich ab. Am liebsten ginge ich fort von hier, weit fort in die fremde Welt, wo mich kein Mensch kennt. Denn ich mag nicht mehr in einem Hause sein, in dem sich etwas so Entsetzliches zugetragen, mag nicht mehr die Tochter eines Mannes sein, dessen Vater ein gemeiner Betrüger gewesen ist.«

Wieder folgte eine tiefe Stille. Frau Dora wagte nichts mehr einzuwenden, weil sie diesen Leidenschaftsausbruch ihrer bisher völlig ahnungslosen und in stolzem Selbstbewußtsein aufgewachsenen Tochter nur zu verständlich fand.

Auch Werner war zuerst still – totenstill. Er knüllte das Mundtuch in den starken Händen hin und her, eine ungeheuere Bewegung arbeitete in seinen Zügen, die Adern auf der weißen Stirn schwollen dunkelblau an.

Mit einem Male erhob er sich.

»Schweig!« donnerte er seiner Tochter entgegen. Und dann noch einmal, die wuchtige Faust auf die Tafel fallen lassend, daß die Wasserkanne und die Gläser, die auf ihr stehen geblieben waren, laut klirrten und der ganze Tisch erbebte: »Schweig!«

Kein Wort sagte er weiter. Aber in diesem einen flammte ein so gewaltiger Zorn, seine Augen blitzten in so wilder Empörung, daß Frau Dora, vielleicht in der Furcht, er könnte sich an dem Kinde vergreifen, dieses mit ausgestrecktem Arm ein Stück zurückriß und sich schirmend vor es stellte.

»Du hast kein Recht, in dieser Weise mit dem Mädchen zu verfahren«, sagte sie mit vernichtender Kälte zu ihrem Manne. »Begreifst du denn nicht, daß nun das geschehen ist, wovor ich meine ganze Ehe hindurch gezittert habe, was ich unbegreiflicherweise in der Sicherheit der letzten Jahre außer acht gelassen, und was sich nun in so furchtbarer Weise vollzogen hat?! Begreifst du nicht, daß nicht nur du, dem es ja gleichgültig sein mag, daß ich und das unschuldige Kind die Schande deines Vaters auf uns nehmen, daß wir sie unser ganzes Leben lang mitschleppen müssen?! Komm, Hermine, mein armes Mädchen, wir wollen nach oben gehen, wo wir ungestört sind und beraten können, was uns in dieser entsetzlichen Lage zu tun übrig bleibt.«

Sie faßte Hermine bei der Hand.

Die aber rührte sich nicht von der Stelle. Sie sah nicht, was die Mutter tat, sie hörte nicht, was sie sprach, sie fühlte nicht den Druck ihrer Hand, die sich fester um die ihre spannte ... mit weit aufgerissenen Augen starrte sie auf den Vater, senkte den Blick, hob ihn dann wieder und schaute aufs neue zu ihm hinauf. Eine deutlich wahrnehmbare Scheu war in diesem Blick und ein großes fragendes Erstaunen.

So hatte sie ihn nie gesehen, in ihrer ganzen Kindheit und Jugend nicht, hatte nie gedacht, daß er so blicken, so sprechen könnte.

Ein Gefühl von Furcht schlich sich in ihr Herz, wie sie es in ihrem ganzen Leben nie empfunden, wie sie es nie für möglich gehalten, daß sie es einmal empfinden könnte. Und so stark war dieses Gefühl, daß es im Augenblick alles andere verdrängte, jede Empfindung der Schande und Erbitterung, die sie bis dahin beherrscht hatte.

Werner Torwald aber hatte sich gesammelt.

»Hermine bleibt hier und geht nicht mir dir nach oben«, sagte er mit scharfer Entschiedenheit zu seiner Frau.

Und nun zu seiner Tochter sich wendend: »Deine Mitschülerin hat recht, sofern die Tatsachen in Frage kommen.« Er suchte jedes Wort mit einer gewissen Mühe und wägte es genau, bevor er es aussprach. »Dein Großvater hatte sich gegen die Gesetze vergangen, die in dieser Welt nun einmal herrschen und für ihr Bestehen gewiß auch notwendig sind. Aber man darf eine Tat wohl nicht richten, bevor man nicht versucht hat, sie zu verstehen und ihre Gründe zu erkennen. Hier lagen sie klar: die Liebe, die er zu den Menschen im Herzen trug, hatte ihn getrieben. Was er verfehlte, das verfehlte er aus dieser Liebe heraus. Und mag er es mit jahrelangem Gefängnis gebüßt haben – für mich bleibt er mein Vater, dessen innersten Kern keiner kannte wie ich. Und ich wollte wohl, daß ich ein Kind hätte, das mich einmal so hoch hielte und mit solcher Verehrung an mir hinge, wie ich an ihm.«

»Das ist alles gut und schön«, sagte Frau Dora nach einer kurzen Pause. »An der Tatsache, daß dein Vater als Betrüger im Gefängnis gesessen, und daß diese Schmach wie ein Fluch auf uns allen lastet, kann es nichts ändern.«

»Ich habe jetzt mit meinem Kinde zu reden, und mit ihm allein. Du kommst in mein Sprechzimmer, Hermine. Ich werde dafür sorgen, daß uns niemand stört. Dort werde ich dir die Rechenschaft legen, die du als meine Tochter zu fordern hast. Dann magst du überlegen, was du tun willst. Kommst du zu dem Entschlusse, den du eben in deiner Leidenschaft äußertest, mein Haus zu verlassen, weil du im Gefühl dieser Schande hier nicht mehr leben kannst – ich werde dir nichts in den Weg legen. Will deine Mutter mit dir gehen, so soll es auch ihr freistehen. Ich zwinge euch nicht, etwas auf euch zu nehmen, was ich allein zu tragen habe. Jetzt komm, und du, Dora, laß uns bitte allein.«

Am nächsten Morgen, als noch keine Patienten erschienen waren, Werner aber bereits an seinem Schreibtische saß und arbeitete, trat seine Frau zu ihm.

»Wir haben in der Nacht alles reiflich überlegt«, begann sie mit einer Bewegung, die sie nicht merken lassen wollte, die ihm aber doch aus jedem Worte entgegenklang, »und sind zu dem Entschlusse gekommen, daß Hermine das Gymnasium verläßt. Es wird ihr schwer, denn sie hat sich glücklich dort gefühlt und hätte gern ihre Abgangsprüfung gemacht. Aber nach alledem, was sich gestern in ihrer Klasse ereignet hat und heute, da es unwiderrufen bleibt, das Gespräch der ganzen Stadt sein wird, ist es ihr unmöglich, ihren Lehrern und Mitschülerinnen noch einmal unter die Augen zu treten. Es wird ihr ja auch niemand verdenken können.«

»Und was soll dann weiter geschehen?«

Doras Bewegung war gestiegen, und die Worte wurden ihr nicht leicht.

»Da wir das Kind nicht dem Klatsche und vielleicht schweren gesellschaftlichen Kränkungen aussetzen wollen, hoffe ich dich damit einverstanden, daß wir sie auf längere Zeit nach Malkaymen schicken, wo sie sich wirtschaftlich ausbilden kann. Ich dachte, sie zu begleiten und dann zu dir zurückzukommen.«

»Du wirst also nicht von mir gehen, Dora?« fragte er, und ein weicher Schimmer flog über seine bis dahin regungslosen Züge.

»Ich habe dir einmal gesagt, daß ich dich nie verlassen werde. Ich weiß, daß ich jetzt zu dir gehöre, mehr als je, und daß wir das Schicksal, das uns auferlegt ist, gemeinsam tragen müssen.«

»Ich danke dir, Dora!« rief er in aufwallender Wärme, und seine Hand griff nach der ihren.

Sie ließ sie ihm. Aber sie tat es mehr mechanisch, und ein fremder Klang war in ihrer immer noch bewegten Sprache, als sie jetzt fortfuhr:

»Du wirst verstehen, wie furchtbar es für mich ist, nun auch meine Eltern, die bisher völlig ahnungslos waren, in diese Sache einweihen zu müssen. Aber da sie alles ja doch sehr bald erfahren werden, so ist es besser, sie hören es von mir, und zwar, bevor es von irgendeiner anderen Seite an sie herantritt. Wir wollen deshalb bereits heute unsere Reise antreten. Das Mädchen ist tüchtig und wird für dich sorgen. Ich habe ihr die nötigen Anweisungen gegeben.«

In seinem ernsten Antlitz arbeitete es. Man fühlte, daß er etwas sagen wollte, es aber noch nicht in die passenden Worte zu kleiden wußte.

»Dein Entschluß mag ein ganz richtiger sein«, erwiderte er endlich, »und ich will nichts gegen ihn einwenden. Aber eins möchte ich wissen: ist dieser Gedanke von dir ausgegangen? Ich meine: hast du ihn dem Kinde nahegelegt, es für ihn zu stimmen gesucht? Oder war es Hermines Wille?«

»Es war ihr eigener Wille. Sie erklärte mir auf das bestimmteste, daß sie unter diesen Umständen keine Stunde länger im Hause bleiben würde.«

Werner stützte den Kopf in die Hand. Sie sollte die Enttäuschung nicht sehen, die ihre Worte in ihm hervorgerufen.

So offenherzig und so warm hatte er gestern zu seiner Tochter gesprochen! Hatte ihr des Vaters unselige Verhältnisse geschildert, und wie er, der Sohn, alles Elend mit ihm getragen hätte ... und sie ging von ihm!

»Ich hatte es von Herminen nicht geglaubt«, sagte er schließlich.

»Du hast von jeher zu viel von ihr verlangt. Sie ist doch noch ein halbes Kind, und du kannst nicht erwarten, daß sie die Schmach ihrer Familie auf sich nimmt, wie deine Frau es muß. Sie hat wirklich genug an dem einen Vormittag in der Schule durchgemacht, und das Schlimmste von allem ist –«

Sie hielt inne, sie wußte nicht, ob sie es ihm sagen durfte.

»Was ist das Schlimmste?«

»Daß sie seit dieser Stunde eine unüberwindliche Abneigung gegen den Namen bekommen hat, den sie trägt. Sie sagte mir, sie würde alles darum geben, könnte sie ihn ablegen oder mit einem anderen vertauschen.«

»Das ist sehr liebevoll von ihr!« erwiderte er, und seine Mienen verfinsterten sich.

»Verdenken kann man es ihr nicht, und wir beide müssen wünschen, daß ihr neue Demütigungen erspart bleiben. Aber ich habe noch ein ganzes Teil zu packen, denn unser Zug geht in zwei Stunden.«

*

Nun war er allein in der großen Wohnung.

Früher war ihm solch Alleinsein Gewohnheit gewesen, und er hatte es geliebt. Jetzt kam es ihm wunderlich und fremd vor, besonders an den Abenden, die er nach der Arbeit des Tages an seinem Schreibtische verbrachte, meist bis in die späte Nacht, da er wußte, daß er doch wenig Schlaf finden würde. Denn zuviel quälende Gedanken waren in ihm, verdichteten sich zu schweren Schatten, die mit ihm gingen, wohin er den Fuß setzte.

Das waren die Schatten der Vergangenheit, in die er verstrickt war, und die er nun auf andere weitergeleitet sah.

Es ist doch etwas Ungeheuerliches, sagte er sich, daß ein Mensch schuldlos für den anderen leiden muß, und das, was einer im Geschlecht einmal gefehlt, erbarmungslos auf Kind und Kindeskinder sich überträgt. Das Furchtbarste aber ist, wenn ein Vater sein Kind unter seiner Herkunft leiden und den Namen, den er ihm gegeben, mit Abscheu tragen sieht. Und liebt sein Kind von ganzer Seele und sieht es unglücklich werden und von ihm sich wenden. Wo bleibt da die göttliche Gerechtigkeit und Liebe?

Von der Schule aus hatte sich das Gerücht von seiner dunklen Vergangenheit mit unheimlicher Schnelligkeit durch die ganze Stadt verbreitet. Die jungen Mädchen, die Zeuginnen des peinlichen Vorfalles gewesen, hatten diesen voll heißer Empörung und ganz auf Herminens Seite stehend an die Schülerinnen der anderen Klassen weiterberichtet. Der Direktor und die Lehrer erhielten Kenntnis von ihm, und gleich nach Schluß des Unterrichtes auch alle Eltern.

Als nun am anderen Tage nichts geschah, die ungeheuerlichen Angriffe zu entkräften, als Hermine in der Klasse fehlte und das Gerücht durchsickerte, sie wäre von der Schule abgemeldet und würde niemals wieder in sie zurückkehren, da zweifelte kein Mensch, daß das Unglaubliche Wirklichkeit, daß der gefeierte Arzt der Sohn eines Betrügers war, der jahrelang im Gefängnis gesessen.

Und nun fanden auch die anderen, die so lange Herminens Stange gehalten, daß sie eigentlich mit einem unverantwortlichen Stolz und Selbstbewußtsein in der Schule wie in der Gesellschaft aufgetreten wäre, ja, einige gingen so weit, zu behaupten, sie hätte das alles genau gewußt und ihre heiße Entrüstung in der Schule wäre nur eine gut gespielte Komödie gewesen. Wieder andere verbreiteten mit großer Geschäftigkeit, und Doras Reise zu den Eltern gab diesem Gerede Wahrscheinlichkeit: die Frau hätte ihren Mann bereits verlassen und die Scheidung stände vor der Tür.

Von alledem erfuhr Werner Torwald nichts.

Wohl war er sich darüber nicht im Zweifel, daß die Geschichte seiner Herkunft in der Stadt bekannt werden würde. Aber in der Arglosigkeit seines Herzens und seines Glaubens an die Menschen war er fest überzeugt, daß dies nur ein großes Mitleid mit ihm und seiner unschuldigen Familie auslösen würde.

Seine Sprechstunde war heute leer. Das war nichts Außergewöhnliches. Es kam ab und zu vor und lag an besonderen Verhältnissen oder auch am Wetter.

Er begab sich auf seine Besuche. Es waren nicht viele, denn sie galten nur Patienten, die ihres Zustandes wegen nicht zu ihm kommen konnten, und denen er eine häusliche Behandlung mußte zuteil werden lassen.

Um so inniger aber war sein Verhältnis zu diesen Kranken und ihren Angehörigen geworden. Man hatte sich daran gewöhnt, ihn nicht nur als Arzt, sondern als einen dem Hause nahestehenden Freund zu betrachten, den man bei jedem Erscheinen mit aufrichtiger Freude begrüßte. Heute aber – war es wirklich so, oder lag es vielleicht nur an ihm, an seiner durch all das Vorhergegangene doch etwas empfindsam und reizbar gewordenen Stimmung? Schon bei dem ersten Besuche hatte er das Gefühl, als begrüßte man ihn nicht mehr mit der alten Unbefangenheit, als stände etwas Fremdes zwischen ihm und diesen Leuten.

Sie erstatteten ihren Krankenbericht, sie hörten seinen Ausführungen und Anordnungen mit Aufmerksamkeit zu. Die Unterhaltung aber, die dieser ärztlichen Beratung zu folgen pflegte, und die bei aller gebotenen Kürze meist anregend und herzlich war, schleppte sich heute so müde, so gezwungen hin, gleich als erwarteten sie, daß er etwas sagen, auf die furchtbare Angelegenheit, die die ganze Stadt erregte, zu sprechen kommen und etwas zu ihrer Entschuldigung und Rechtfertigung anführen würde.

Beim zweiten Besuche hatte er dies Gefühl in stärkerem Maße. Den dritten machte er nicht mehr. Er hatte das Verlangen, mit sich allein zu sein, wollte früh essen und sich vor der Nachmittagssprechstunde noch ein wenig hinlegen.

Auf der Straße war ihm, als träfe ihn da und dort ein Blick, der ihn lauernd musterte, als sähe manch einer, der ihn sonst freundlich und ehrerbietig gegrüßt, wohl auch ein paar Worte im Vorübergehen mit ihm gewechselt hatte, mit einer merkbaren Beflissenheit über ihn hinweg.

»Was ist dir nur heute?« fiel er über sich selber her. »Siehst mal wieder lauter Dinge, die gar nicht da sind, und machst dir deine Gedanken. So sind die Menschen doch gar nicht! Sie haben es immer gut mit dir gemeint. Und wenn dir hier und da einmal einer auszuweichen scheint, so geschieht es nur, weil es ihm peinlich ist, von der unseligen Angelegenheit mit dir zu reden. Er sollte es nur tun. Ich habe nichts zu verschweigen und wollte die Sache meines Vaters vor jedermann führen!«

So rückte er sich selber zurecht und trug den Kopf um so höher. Als er nach Hause kam, meldete ihm das Mädchen, daß Herr Geheimrat Backel angerufen und seinen Besuch um die Mittagszeit angekündigt hätte, weil er den Herrn Doktor dann am sichersten zu treffen hoffte.

Es war noch nie vorgekommen, daß Backel ihn um diese Stunde in seiner Wohnung aufgesucht hatte, da er den ganzen Tag durch seine ärztliche Tätigkeit in Anspruch genommen war.

Er wußte sofort, daß es seine eigene Bewandtnis damit haben mußte, und trat dem älteren Kollegen, als er gleich darauf erschien, mit einer gewissen Zurückhaltung gegenüber.

Dieser aber gab sich völlig unbefangen, war ganz der alte, sprach Werner seine Freude über seine wachsenden Erfolge aus und kam dann mit der ihm eigenen Gewandtheit, die alles Heikle und Unangenehme nur so nebenbei streifte, auf den Vorgang in der Schule.

»Es war sehr richtig von Ihnen, daß Sie das arme Mädchen, daß diese unerhörten Angriffe gewiß auf das tiefste erregt haben, gleich mit der Mutter auf ihr schönes Familiengut schickten. Sie wird sich dort erholen, wird andere Eindrücke in sich aufnehmen. Sie werden inzwischen hier die nötigen Schritte tun, und wenn die lieben Ihren wiederkommen, ist die ganze widrige Geschichte aus der Welt geschafft.«

»So schnell, fürchte ich, wird das ja nun nicht geschehen. Aber mit der Zeit wird man sich beruhigen.«

»Warum sollte es nicht schnell geschehen? Was sagte denn der Direktor? Er ist ein einsichtsvoller Mann. Ich kenne ihn, er gehört auch zu meiner Praxis, und ich weiß, daß er in solchen Dingen nicht mit sich spaßen läßt. Er wird Ihnen und Ihrer Tochter schon die größtmögliche Genugtuung verschaffen, da können Sie bei ihm sicher sein.«

»Ich war gar nicht beim Direktor.«

»Sie waren noch gar nicht da? Gab es wieder so viel bei Ihnen zu tun? Ja, Sie sind ein gesuchter Mann geworden, da können wir uns alle verkriechen. Aber, verzeihen Sie, lieber Kollege, so ganz richtig kann ich das nicht finden. Hinter diesem wichtigen Gang sollte alles andere zurücktreten. Sie öffnen damit einem ganz unnötigen Klatsch, der sich leider schon der Sache bemächtigt hat, Tor und Tür. Ja, ich darf es nicht leugnen, ein Hauptgrund meines Besuches und zugleich ein Beweis meiner Freundschaft war es, Ihnen in dieser doch immerhin sehr unerquicklichen Angelegenheit größte Vorsicht anzuraten.«

»Gewiß, ich werde noch heute nachmittag zum Direktor gehen, ihm die Sache klarzulegen und meine Tochter abzumelden.«

»Ihre Tochter abzumelden? Ich verstehe Sie wohl nicht ganz richtig. Dazu haben Sie doch nicht den geringsten Anlaß. Im Gegenteil, ein solches Verfahren –«

»Herr Geheimrat«, unterbrach ihn Werner, und in seiner Sprache wie in seiner Haltung lag eine feste Entschiedenheit, »es hat wenig Zweck, daß wir noch länger um die Sache herumreden. Ich bin gezwungen, meine Tochter vom Gymnasium zu nehmen. Denn diese Angriffe. so böswillig sie waren und so wehrlos das arme Mädchen ihnen ausgesetzt war, sind nicht ohne einen wirklichen Hintergrund.«

»Einen wirklichen Hintergrund? Also wäre es doch –« mehr vermochte er nicht hervorzubringen.

»Darf ich Sie bitten, ein wenig Platz zu nehmen und mir Ihr Gehör für einige Augenblicke schenken zu wollen. Ich will Ihnen alles klarlegen, wie es geschehen ist und sich dann entwickelt hat.«

Mit ruhiger Sachlichkeit erzählte Werner den Hergang von Anfang bis zu Ende. Nichts verschwieg oder beschönigte er. Als er aber dann auf die Beweggründe kam, die seinen Vater getrieben, auf seine, trotz allen gegen ihn zeugenden Scheins durch und durch edle Gesinnung, auf seine grenzenlose Verlassenheit und sein elendes und entbehrungsreiches Leben, da wurde seine Stimme wärmer. Oft mußte er innehalten, ein so tiefes Mitleiden durchbebte seine Worte.

Nun hatte er geendet und sah mit flehendem Blick seiner treuen Augen auf den anderen.

Der saß ihm gegenüber, regungslos und völlig unberührt von dieser stammelnden Sprache kindlicher Liebe. Etwas Versteinertes war in dem sonst so beweglichen Antlitz.

»Lieber Herr Kollege«, sagte er schließlich, und sein Ton, der früher immer etwas Gefälliges und Einschmeichelndes gehabt hatte, war mit einem Male kühl und geschäftsmäßig geworden, »was Sie da sagen, hört sich gut und schön an. Ich habe das tiefste Mitleid mit Ihnen, mit Ihrer lieben Frau und Tochter. Aber immerhin ... Sie sehen das alles mit den Augen der Sohnesliebe, die Ihrem Herzen Ehre macht. Die Welt jedoch, in der wir leben und wirken, kennt etwas Derartiges nicht. Für sie ist die Tat Ihres Vaters nichts anderes als ein Betrug, den sie mit strengem Maßstabe richtet.«

»Aber sie kann dies ihr Gericht doch nicht auf mich ausdehnen. Was habe ich denn verbrochen?«

Ein mitleidiges Lächeln spielte um Backels sanftgezogene Lippen.

»Auch danach fragt die Welt nicht: ob Sie an alledem eine persönliche Schuld trifft oder nicht. Das ist für sie gleichgültig. Die Tat Ihres Vaters fällt außerhalb der Normen, die für sie die gegebenen sind. Sie sind der Sohn und tragen Ihres Vaters Namen.«

»Aber habe ich es nicht tausendmal schwerer gehabt, nicht tausendmal mehr leiden und entbehren müssen, als die unter glücklichen Familienverhältnissen aufwachsenden Söhne, die ohne Sorge und Mühe aus ihres Vaters Tasche studieren, sein Ansehen und seinen makellosen Ruf mit auf ihren Lebensweg nehmen? Und nun, wo dies alles schuldlos über mich hereinbricht, sollten es die Menschen nicht nur mich, sondern meine Frau und mein armes Kind entgelten lassen? Nein, so gering denke ich von ihnen nicht.«

Wieder lächelte Backel in stillem Mitleid.

»Wo haben Sie nur dies kindliche Herz her? Und wie konnten Sie es sich bis zum heutigen Tage erhalten? Es wird mir wirklich nicht leicht, Ihnen den schönen Kinderglauben zerstören zu müssen. Dennoch muß ich Ihnen sagen: Ihre gesellschaftliche Stellung ist erschüttert. Wollen Sie Ihrer Frau und Tochter Demütigungen ersparen, so lassen Sie sie nicht so bald wieder hierher kommen. Sie selber aber halten sich möglichst zurück. Beschränken Sie sich auf Ihre ärztliche Praxis, die Ihnen ja genug zu tun gibt. Gehen Sie auch den Kollegen aus dem Wege, die Sie beneidet haben und sich Ihres Unglücks freuen. Und wenn man Ihnen auch nichts anhaben kann, gesellschaftlich werden die Herren Sie sperren. Davor kann auch ich Sie nicht retten, so gerne ich meinen Einfluß für sie geltend machte. Leben Sie wohl. Es sind bei mir noch einige Patienten angemeldet, die ich nicht warten lassen kann.«

*

Es kam alles, wie der erfahrene Menschenkenner vorausgesagt: Werner Torwald, der einmal Gesuchte und Gefeierte, war gesellschaftlich ein toter Mann geworden. Wohl hielten sich seine Patienten zu ihm, die seine Kunst nicht entbehren konnten. Aber Einladungen erhielt er nicht mehr, und Karten gab man in seinem Hause nicht ab. Auf der Straße sah man, wenn es irgend möglich war, auch weiterhin an ihm vorbei, erwiderte seinen Gruß mit Höflichkeit, vermied jedoch möglichst ein Zusammentreffen mit ihm.

Nur zwei Menschen standen mit unbeirrter Treue zu ihm: Professor Gregori, der leitende Arzt des Stadtlazaretts, mit dem ihn eine Art seelischer Verwandtschaft verband, und Robert Molkenthin, der große Kaufmann, dessen Dankbarkeit gegen seinen Lebensretter unerschütterlich blieb und der in seinem vorurteilslosen Sinne überall für ihn eintrat.

Aber selbst in den Kreisen, in denen man allem, was er tat, ein so großes Gewicht beilegte, versagte diesmal sein Einfluß, genau so wie der des angesehenen Professors unter seinen Berufsgenossen.

Was aber das Schlimmste von allem war: Werner Torwald hatte keine Freude mehr an seinem Berufe. Das, was er als das Beste in sich getragen, sein Glaube an die Menschheit, war erschüttert.

Manchmal, wenn die dunklen Geister zu sehr die Oberhand gewannen, ging er zu Anneliese.

Er brauchte ihr nichts zu erzählen oder zu erklären. Sie verstand ihn ohne jedes Wort.

Dabei hatte sie es nicht so ganz leicht, ihm zur Seite zu stehen. Denn selbst ihr Mann, den freundschaftliche Bande mit Werner einten, war innerlich nicht frei und fest genug, um von dem allgemeinen Urteil unbeeinflußt zu bleiben. Dazu hielt er ängstlich auf sich und war in allem, was er tat, zuerst darauf bedacht, die Würde seiner Stellung zu wahren. Seine Stärke war die wohlgeschliffene Rede, aber nicht Bekennermut oder gar die befreiende Tat.

»Du weißt, daß ich Werners trauriges Schicksal beklage«, äußerte er sich seiner Frau gegenüber, »und ihm die einzige Ruhestätte gönne, die er bei dir findet. Ich aber für mein Teil muß mich hier etwas zurückhalten, denn es ist für mich schon an sich wenig angenehm, einen Verwandten meines Hauses in eine so unerquickliche Lage verwickelt zu sehen. Als Pfarrer vollends, und noch dazu in einer so leitenden Stelle, mag ich mich dem Gerede der Leute nicht unnütz aussetzen.«

»Ich kann dir darin nicht zustimmen«, erwiderte sie in ihrer sanften, nie gereizten Art, »ich dachte, gerade der Geistliche müßte für den unschuldig Verfolgten eintreten.«

»Gewiß, das tue ich ja auch, wo ich kann. Nur ein zu intimer, familiärer Umgang erscheint mir jetzt, solange die Sache noch in aller Munde ist, nicht ratsam. Bald genug werden sich die Wogen geglättet haben, und alles wird wieder beim Alten sein.«

»Das glaube ich nicht. Wenigstens nicht, so weit es Werner anbetrifft. Und das ist doch schließlich die Hauptsache. Sein argloses Gemüt leidet schwer unter diesem Schlage. Wunderbar, wenn ich ihn ansehe, fällt mir jedesmal ein Wort ein, das Michel Angelo einmal gesprochen haben soll: »Die höchste Vollkommenheit, zu der es ein Mensch bringen kann, ist seine Güte.«

»Man hat in dieser Welt wenig, wenn man nichts hat als Güte.«

»Werner Torwald hat mehr.«

*

Endlich kam der sehnsüchtig erwartete Brief von Dora. Aber auch er war nicht dazu angetan, Werners Mut und Freude zu stärken. Dora schrieb von den schweren Stunden, die sie zu Hause durchzumachen hätte. Der Vater zwar hätte der ganzen Angelegenheit, die er bereits aus der Börse vernommen, bevor sie sie ihm beibringen konnte, männlichen Gleichmut entgegengebracht, ja, sich sowohl zu Hause wie in weiteren Kreisen mit Energie für seinen Schwiegersohn eingesetzt. Die Mutter aber wäre vollständig gebrochen und täte kaum etwas anderes als, wo sie ging und stand, das unselige Schicksal ihrer Tochter zu beklagen. Sie wäre auch mit aller Entschiedenheit dagegen, daß sie mit Hermine in die Stadt zurückkehrte, bevor nicht einigermaßen Gras über die widrige Geschichte gewachsen wäre.

Das würde sie aber nicht abhalten, in kurzer Zeit abzureisen und zu ihm zu kommen, damit sie ihm in allem Schweren, was er jetzt gewiß durchzumachen hätte, eine Stütze wäre.

Hermine dagegen hätte ihr erklärt, daß sie, so hart sie auch die Trennung von der Mutter ankäme, in Malkaymen bleiben würde. Sie litte noch genau in derselben Weise unter den Verhältnissen, besonders unter ihrem Namen, den sie als Schmach empfände.

Eine Nachschrift enthielt der Brief: Daß Theo Fortenbacher endlich sein Ziel erreicht hätte und auf den freigewordenen Landratsposten nach Neukirchen berufen wäre.

Eine Woche später traf Dora, von Werner wie eine Erlöserin begrüßt, in der Stadt ein.

Und da sie den besten Willen mitbrachte und sich mit einer Tapferkeit, die man der verwöhnten und anspruchsvollen Frau kaum zugetraut hätte, in die völlig veränderte Lage zu finden wußte, so wurde ihr gegenseitiges Verhältnis besser, ja, inniger, als es in den letzten Jahren gewesen.

Der Umstand, daß Hermine nun nicht mehr zwischen ihnen stand, begünstigte ihr Zusammensein und wies sie beide, die sich vom gesellschaftlichen Verkehr so gut wie ausgeschlossen sahen, ganz aufeinander, so daß es manchmal schien, als wären die alten Zeiten zurückgekehrt, in denen sie wie zwei gute Kameraden einer im anderen aufgingen.

Und dennoch ... so wohl das Werner auch tat, die Wunden, die ihm das für ihn unfaßbare Verhalten der Menschen geschlagen, die er einmal mit einem so unverbrüchlichen Glauben und so heiliger Liebe umfaßt hatte, waren zu tief in sein Inneres eingedrungen. Es war die schwere Enttäuschung seiner Ideale, die er erlitten hatte und die er nicht zu überwinden vermochte.

»Ich kann es dir nicht verbergen«, äußerte er eines Abends, als sie beide in seinem Arbeitszimmer zusammen saßen, zu seiner Frau, »daß mir die große Stadt, wo alles nur auf Äußerlichkeit gerichtet ist, und man den Menschen nicht nach dem beurteilt, was er ist und will, sondern nur nach seinem zufälligen Erfolg, mit jedem Tage unerträglicher wird. Ich sagte es dir ja damals schon, als ich deinem Wunsche nachgab und hierher übersiedelte, es würde mir nicht zum Segen gereichen. Ja, oft überkommt mich eine förmliche Sehnsucht, meine Zelte hier abzubrechen und mit dir und dem Kinde irgendwo in einen stillen Ort zu flüchten, wohin die gesellschaftliche Ungerechtigkeit noch nicht in demselben Maße gedrungen ist, und ich ein Wirken aufs neue beginnen könnte, das meinen Anlagen und Idealen mehr entspräche.«

»Das sind deine alten Träume und Gedanken«, erwiderte sie in ihrer verstandesmäßigen Art, die dann leicht etwas Kühles und Abweisendes hatte, »aber man darf ihnen nicht nachgeben. Glaubst du denn, daß es für mich nicht viel schwerer ist, unter diesen Verhältnissen hier fortzuleben als für dich, der du doch deinen vollen Wirkungskreis behalten hast? Aber man muss auf dem Posten aushalten, auf den man gestellt ist, und den Kampf auf sich nehmen, der einem verordnet ist. Im übrigen, meine ich, daß die Menschen überall die gleichen sind.«

An einem Morgen, als Werner, durch einen Hausbesuch aufgehalten, ein wenig später in seine Sprechstunde kam, fielen ihm unter den Patienten im Wartesaal zwei auf, die ihm auf den ersten Blick bekannt vorkamen.

Und richtig, so wie sie sein Zimmer betraten, war jeder Zweifel gehoben: Es waren zwei Leute aus dem Neukirchener Kreise, deren Familien er früher behandelt hatte. Der eine, in ländlich schlichter Kleidung, ein Bauer aus einem Dorfe der Umgegend, der zugleich Gemeindevorsteher war. Der andere, der einen städtischen Anzug trug, der Hauptlehrer aus Neukirchen.

»Wir kommen heute nicht als Patienten zu Ihnen, Herr Doktor«, begann der ländlich Gekleidete nicht ohne eine gewisse Schüchternheit. »Wir möchten Ihren Rat in etwas anderem haben –«

Er schneuzte sich laut, wie es die Leute dort zu tun pflegten, wenn sie ihre Unbeholfenheit oder Verlegenheit verbergen wollten, und gab dem anderen ein Zeichen, daß er ihn ablösen sollte.

»Die Sache ist nämlich die«, begann darauf der redegewandtere Lehrer: »Der Herr Doktor, der vor vier Jahren als ihr Nachfolger zu uns kam, hat nie so recht zu uns gestimmt, und wir nicht zu ihm. Ich will gar nicht mal sagen, daß es an ihm lag. Er war ein ganz guter und tüchtiger Mann. Aber seine Einnahmen waren für seine große Familie wohl zu gering. So teilte er uns gestern mit, daß er seine Neukirchener Praxis aufgeben und sich in einer Stadt in der Nähe niederlassen würde, wo die Aussichten besser für ihn wären. Das bringt uns aber in schwere Not. Denn der Geheimrat Beerwald ist, wie der Herr Doktor wohl auch wissen, vor einigen Monaten gestorben. Und wir wären dann in dem großen Kreise ohne jeden Arzt. Und da kommen wir nun, von der Gemeinde geschickt, zu Ihnen: Ob Sie uns nicht einen Arzt nennen könnten, der willens wäre, zu uns zu kommen. Denn für Herrn Geheimrat Beerwald hat sich auch noch kein Nachfolger gefunden, und so geht es doch unmöglich weiter.«

Kein Wort hatte Werner Torwald bisher gesagt. Es arbeitete etwas in ihm. Als spräche eine Stimme in seinem Inneren zu ihm und wiese ihm den Weg, den er tastend und ahnungsvoll alle diese Tage und Wochen gesucht, und der mit einem Male klar und deutlich vor ihm lag.

»Nehmt mich!« rang es sich endlich von seinen Lippen, und unwillkürlich streckte er die rechte Hand den Beiden entgegen.

Sie ergriffen sie nicht, sie standen ihm gegenüber mit großen, staunenden Augen und verdutzten Gesichtern.

»Das wäre ein Glück für unseren Kreis, wenn der Herr Doktor wiederkäme!« erwiderte endlich der Lehrer.

»Nur können wir es noch nicht recht glauben, und die Leute werden es auch nicht glauben.«

»Gut«, unterbrach ihn Werner Torwald, »so will ich ihnen Zeit lassen, sich an den Gedanken zu gewöhnen. Auch ich muß ihn noch hin und her erwägen und ihn mit meiner Frau besprechen. Leben Sie also für heute wohl, liebe Herren. Sie werden bald von mir hören.«

Es war wirklich wie eine Befreiung über ihn gekommen.

»Das waren die guten Geister, die dich noch nicht verlassen haben«, sagte er zu sich selber, »die diese Männer zu dir geschickt und dir solchen Entschluß eingaben.«

Eine Frage nur bedrückte ihn und ließ ihn zu keiner Ruhe kommen:

Was würde Dora sagen? Wie würde sie es aufnehmen? Er hatte vor, es ihr gleich mitzuteilen. Aber als er zu sprechen beginnen wollte, versagte ihm das Wort auf der Zunge, und er brachte irgendeine gleichgültige Sache vor.

Erst nach dem Essen, als sie sich vom Tisch erhoben und in sein Zimmer begeben hatte, faßte er sich ein Herz.

»Ich hatte heute einen merkwürdigen Besuch«, begann er. »Der Hauptlehrer Körner aus Neukirchen und Philippsen, der Gemeindevorsteher aus Langenau, waren bei mir.«

»Was wollten sie?«

»Fragen, ob ich ihnen nicht einen Arzt empfehlen könnte.«

»Sie haben doch ihren Märker.«

»Der geht fort. Und da der verstorbene Beerwald auch noch keinen Nachfolger gefunden hat, so sind sie in kurzer Zeit ohne Arzt und in großer Not.«

»Und nun solltest du ihnen helfen. Aber du wirst auch keinen wissen.«

»Doch ... ich wußte einen.«

»Dann war es ja gut.«

»Ich sagte ihnen, daß ich zu ihnen kommen würde.«

»Laß die Scherze!«

»Es ist mein heiliger Ernst.«

Da wurde sie irre an ihm. Aber freilich ... er hatte ihr eben erst gesagt, daß er sich mit ganzer Inbrunst aus der großen Stadt in die Stille und Einsamkeit zurücksehnte. Möglich war alles bei ihm.

»Ich habe bereits zugesagt. Ich gedenke, meine Praxis hier in aller Ruhe abzuwickeln und dann nach Neukirchen zu gehen.«

»So tue es. Ich bleibe hier.«

Er sah sie erschreckt an. Auf Widerstand war er gefaßt. Einen so heftigen hatte er nicht erwartet.

»Wir haben, so sollte ich meinen, in letzter Zeit genug durchgemacht. Und jetzt, wo die Wogen sich bereits zu glätten beginnen, und ich alles tue, was in meinen Kräften steht, uns eine erträglichere Lage zu schaffen – jetzt kommst du, das mühsam begonnene Werk mit deinen Utopien zu zerstören.«

»Es sind keine Utopien. Es ist mein wohl überlegter Wille. Auch in eurem Sinne wäre es besser. Hermine wird ungern oder gar nicht hierher zurückkehren. Schon ihretwegen ist eine Änderung notwendig.«

»Es wäre ein unerhörter Rückzug. Hast du darum jahrelang unter schweren Opfern von uns allen auf Universitäten und Kliniken studiert? Darum dir deine große ärztliche Stellung erobert, damit du nun wieder zu deinen Kleinbauern und Tagelöhnern zurückkehrst? Das hättest du einfacher und billiger haben können.«

»Die Vermehrung meiner Kenntnisse und Erfahrungen wird mir überall nützlich sein.«

Sie hörte seinen Einwand nicht mehr.

»Das offenbare Zugeständnis deiner Niederlage wäre es, eine feige Flucht. Seht, werden die Leute sagen, jetzt ergreift der Herr Doktor das Hasenpanier. Der Boden ist ihm zu heiß unter den Füßen geworden. Vielleicht ist auch sein Gewissen nicht ganz rein, vielleicht fürchtet er, man könnte einmal Lust verspüren, auch seine Zeugnisse einer genaueren Nachprüfung zu unterziehen – ja, warum machst du ein so empörtes Gesicht? Ich wiederhole ja nur, was die Leute sagen werden.«

»Eben deshalb ist es mir unmöglich, unter Menschen, die mir die ganze Niedrigkeit ihrer Gesinnung so deutlich offenbart haben, in der alten Weise weiterzuwirken.«

»Und in Neukirchen leben lauter Engel, nicht wahr?« gab sie hohnlachend zurück.

»Nein – aber Leute, die mich lieben.«

Er sagte es mit so heiliger Überzeugung.

»Du bist immer der unverbesserliche Optimist gewesen und wirst es bleiben bis an dein Lebensende. Aber täusche dich nicht. Auch dahin ist die Kunde von dem Betruge deines Vaters –, ja, sage was du willst, ich finde kein anderes Wort, habe es nie gefunden – längst in jede Kate gedrungen. Und wenn dich auch die kleinen Leute, die du eben meintest, lieben, der Großgrundbesitz, auf den wir doch gesellschaftlich angewiesen sind, wird sich schwerer mit deiner Vergangenheit abfinden als die Leute in der großen Stadt.«

»Ich werde keine Gesellschaften mehr mitmachen.«

»Ich werde es aber tun und Hermine. Oder glaubst du, wir würden uns in diese Öde Neukirchens bei lebendigem Leben vergraben? Das wirst du von mir und vor allem von dem Kinde nicht verlangen. Es hat noch ein Recht auf das Leben.«

»Das ich ihm wahrhaftig nicht schmälern will. Ich würde mich freuen, wenn ihr in die alten Kreise zurückkehrtet, in denen du dich von deiner Kindheit an glücklich gefühlt hast.«

»Und du?«

»Ich werde, wo ich jetzt allein Arzt dort bin, so viel zu tun haben, daß ich mir Verkehr und Vergnügungen versagen müßte.«

»Also sollten wir ohne dich gehen?«

»Du hast Malkaymen und deine Eltern, die dich begleiten werden.«

»Das wäre auch das einzige, das ich hätte« – mit einem Male stutzte sie. Eine merkbare Veränderung ging in ihrem Antlitz vor. Seltsam, daß sie daran während der ganzen Unterredung noch nicht gedacht hatte!

»Theo Fortenbacher kommt ja als Landrat nach Neukirchen«, sagte sie mehr zu sich selber, als zu ihm.

»Ja, du erzähltest es. Dann hast du den ja auch.«

Mit einem langen, prüfenden Blick weilte ihr Auge auf ihm.

»Würde es dir angenehm sein, wenn ich und Hermine mit Theo Fortenbacher auf Gesellschaften gingen, in die du uns nicht begleiten wolltest – oder vielleicht nicht begleiten könntest?«

»Nein«, gab er offenherzig zurück, »das wäre mir nicht angenehm. Und das würdest du ja auch nicht tun, Dora. Du weißt ja so gut wie ich, daß Theo Fortenbacher mich haßt, obwohl er es in seiner geschickten, weltmännischen Art mir nie zeigt, weißt, daß er der größte Gegner unserer Heirat war und es mir nie vergessen hat, daß ich –«.

»Ach, laß doch die alten Geschichten!« unterbrach sie ihn unwillig. »Er denkt ja gar nicht daran.«

»Zudem bin ich überzeugt«, fuhr er fort, »daß die Menschen auf dem Lande noch so gesund sind, daß ihnen der doppelte Fleiß und die doppelte Liebe, die ich unter den neuen Verhältnissen in meine ärztliche Tätigkeit legen werde, Entgelt für meine Vergangenheit sein werden, an der ich, weiß Gott, doch unschuldig bin.«

Sie zuckte die Achseln. »Ich fürchte, ich kenne die Leute dort und ihre Ansichten doch besser als du. Die wägen nicht nach ideellen Motiven wie du, die halten sich an das, was ihnen vor Augen ist, und was die Welt sagt und richtet.«

Eine Weile schwieg er. »Du magst recht haben«, erwiderte er dann. »Du bist immer klüger und die Menschen durchschauender gewesen als ich. Das weiß ich sehr wohl. Aber sieh, Dora, ich kann nicht anders. Ich muß der Stimme folgen, die mich von hier fortruft. Und ich bitte dich, mache es mir nicht zur Unmöglichkeit. Denn daß ich ohne dich nicht gehen würde, nicht gehen könnte, das weißt du.«

Da sah sie, daß sein Entschluß nicht zu ändern war. Etwas von der alten Liebe kehrte in ihr Herz zurück, die sie, die im Grunde nicht Aufopferungsfähige, die Möglichkeit eines Opfers wenigstens erwägen ließ.

Im Hintergrunde stand zwar noch immer Theo Fortenbacher. Aber daß er an ihrer Entscheidung mitwirken könnte, würde sie nie zugegeben haben.

Sie machte ihm keine Zugeständnisse. Sie sprach überhaupt kein Wort mehr.

Sie kämpfte nach ihrer Art alles mit sich allein durch.

Am nächsten Morgen aber erklärte sie ihm, daß, wenn sein Leben und sein Glück von einem solchen Wechsel der Verhältnisse abhinge, ihr keine andere Wahl bliebe, und sie mit ihm gehen würde.

Da schloß er sie in seine Arme und war von diesem Augenblick an ein innerlich befreiter und neugeborener Mensch.

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